1911 - Nr. 118 M W W Aber es ist das „ich möchte mich kommen doch am „Fräulein Traute/' sagte Kruse, nur noch einmal vergewissern: Sie Mittwoch?" „Ja, ich komme, Herr Professor, letzte Mal." Das nette Mädel. Noman von Fedor von Zobeltiß, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Dewa ging an ihr vorüber, allein, mit .grüßender Kopfneigung und einem seltsamen Blick. Pvedon geleitete seine Suse; Friederici marschierte als Elefant hinterher. Noeldechen, Mursinna und die Eggenolphs nmzirkelten die übrigen Mädchen bei ihrem tragischen Abgang. Inmitten des Saales standen nur uAch Eberstedt und der Polizeihauptmann in lebhaftem Gespräch; hinter ihnen baute die Schutzmannslinie sich auf. Kruse stutzte. „Was heißt das? Ich bin noch lange nicht fertig. Wollen Sie mir untreu werden — und, lieber Gott, weshalb?" „Es geht nicht anders. Ich sage Ihnen alles am Mittwoch." „Also wirklich zum letzten Mal?" — Der Ton klang sehr bittend. „Ja, Herr Professor, zum letzten Mal," antwortete sie fest, „Adieu." , Sie gab ihm die Hand, und er drückte sie so stark, daß sie leicht zusammenzuckte. Eberstedt hatte das beobachtet. Auf seiner Stirn lag eine dicke Falte. „Komm her, Niels!" ries er. „Also es steht so: Moe- bius muß in guter Absicht irgendeine Redensart gemacht haben. Die hat der Superintendent aufgefangen und eiligst seine Gegenmaßregelu getroffen. Du und ich — wir sind wieder einmal die Teufel, die schneeweiße Lämmer- seelchen pechrabenschwarz färben wollten. Wir sind von neuem gebrandmarkt. Na, geben wir die Geschichte auf!" „Glaubst du, daß ich auch nur einen Finger rühren werde, wenn fünf alte Weiber das Komitee bilden, ein .Pfaffe, ein Büffel und ein Kamel?" „Klamroth!" rief der Polizeihauptmann, „Sie können nun gehen. Die Leute sollen sich auf der Straße gleich verteilen, damit kein umrötiges Aufsehen hervorgerufen wird." „Befehlen, Herr Hauptmann!" Die Schutzleute traten ab. Inzwischen hatte Eberstedt die RockKappe Kruses! erfaßt. „Niels," sagte er leise, „dann laß auch die Malerei." „Was? Welche Malerei?" „Ich meine — zum Donner, versteh mich recht: ich meine das Modellsitzen der kleinen Köhler." Kruses Augen brannten auf dem Gesicht Eberstedts. „Aeh — da hast du ihr also abgeraten? Mein Lieber, das ist meine Sache und schiert dich gar nichts. Und noch eins, mein Lieber: zieh deine Krallen ein! Die geht nicht zur Mazanka!" Everstedt wurde erdfahl. Ein Ruck ging durch seinen Körper. Dann wieder schoß ihm fach das Blut in das Gesicht. Aber er beherrschte sich meisterlich. Der Polizeihauptmann wandte sich an ihn zurück, und da lachte er fröhlich, auf und rief: „Löneysen, man muß die Feste feiern, wie sie fallen! Jetzt trinken wir bei Baumgarten eine Pommery zu Ehren der geretteten Tugend. Kruse, ich lade dich ein. Du Hüter aller Tugend, du'leuchtendes Vorbild tadelsfreier Ehrbarkeit, ich lade dich ein!" „Merci," sagte Niels; „ich fahre in meine Cünsamkeit zurück und stippe meine Gedanken in Gießhübler . . ." Ein Keines Männchen erschien im Saal, einen Besen km Arm; dahinter ein dickes Weib mit Eimer, Schrubber und Scheuerlappen. Es waren der Hausknecht der Ressource und seine Frau, die den Saal fegen wollten. * Auf der Straße hatte das kuriose Geschehnis doch einen kleinen Menschenauflauf hcrvorgerufen. Cs gab da eine Masse Neugieriger, die gern wissen wollten, was eigentlich passiert sei, so daß die Schutzleute es nicht leicht hatten, den Mirgersteig frei zu halten. Aber Traute kamen die vielen Müßiggänger gerade recht. Sie wollte nicht mehr mit den Freundinnen Zusammentreffen; sie hatte das Bedürfnis, allein zu sein. So hielt sie sich denn dicht an der Häuserwand und bog in die nächste Querstraße ab, um auf einem Umwege nach Hause zu gehen. Sie ging langsam und schlendernd, den Schirm unter dein Arm, den Kopf ein wenig geneigt. Das seltsame Empfinden, das sie vorhin beherrscht hatte, kam zurück. Es siel ihr schwer, die Gedanken zu ordnen. Sie dachte an den bittenden Tonfall bei den letzten Worten Kruses und dann wieder an Fred Dewas melancholischen Augenaufschlag und an die höhnische Warnung Eberstedts. Sie sah den Mohnblumenhut der Bertucci vor sich und den Tressen- behang am Kostüm der Tini Sandratt; sie hörte mancherler Stimmen durcheinander, aber sie klangen wie aus weiter Entfernung und zuweilen wie Glockengeläut, und dann fühlte sie plötzlich einen stechenden Schmerz in der linken Schläfe. Er währte nur einen Moment, war aber so heftig, daß Traute unwillkürlich stehen blieb. Der Schmerz kam nicht wieder, und da glaubte sie fast, es sei nur eine Einbildung gewesen. Sie schritt langsam weiter und sagte sich mir ruhiger Gelassenheit, daß sie sehr nervös sei. Dabei dachte sie rmeder an die blühende Heide und überlegte, tote wohl es 470 — M tun würde, in diesem köstlichen Frühjahr ein paar Wochen in Sonderkroog oder sonstwo an der See verleben zu können. Aber freilich, daran war nicht zu denken. Im Spätherbst, wenn die Saison vorüber und die Preise billiger geworden waren, pflegte die ganze Familie Köhler sich gewöhnlich auf acht Tage in einem Fischerhänschen in Sonderkroog einzumieten. Aber das war keine rechte Erholung. Man mußte sich dann in drei niedrigen Stuben einkapseln, und Trante war nicht mehr als eine Dienstmagd, die der Mutter beim Kochen half, mit den Kindern spazieren ging, Nachhilfestunden an Helene erteilte Und auf Theacheu acht gab, wenn sie im Sande spielte. Traute hatte kaum eine' freie Stunde für sich und war immer froh, wenn diese Ferientage ihrem Ende entgegengingen. Sie fühlte sich sehr unglücklich daheim. Das lag in ihrer Natur und lag auch daran, daß sie in ihrem ästhetischen Feiuempfiudeu den Unterschied zwischen der eleganten Gesellschaft, in die sie hineingezogen worden war, und her pfahlbürgerlichen Häuslichkeit besonders stark spürte. Das unendlich kleinliche Kreisen der ganzen Gefühlswelt :m Elternhause, das sich um nichts anderes als um die ichtbaren Erscheinungen rings um den Herd bewegte, lag oie ein Alp auf ihr. Sie wußte ganz genau, wie gut Vater und Mütter es mit ihr meinten, und merkte doch mehr und mehr, wie sehr die Kluft zwischen ihnen und ihr sich erweiterte. Allerdings merkte sie es nur an Aeußer- lichkeiten,' aber es kam doch auch eine unbewußte Wahrneh- htung von innen dazu: der Widerstand einer feiner organisierten Natur gegen die entsetzliche Banalität eines grauen Alltagslebens, in bem jebe Hoffnung auf freudigere Zuver- £f)t verkümmern mutzte. Früher hatte Traute sich zueilen gegen die triste Schablone in der Erziehung ihrer jüngeren Geschwister gesträubt und sich namentlich des neun» jährigen Rolf warmherzig angenommen, dessen frisches Wesen wie ein befreiender Luftzug in dieser trübseligen Atmosphäre wirkte. Aber ein gemeinsames Arbeiten mit her Mütter war auf die Dauer unmöglich: es war ein ewiges Miserere. Der Vater lebte tagsüber nur dem Geschäft. Er war jetzt sehr jn Sorgen. Die Krisis auf dem amerikanischen Markt hielt an. Der Rückschlag blieb nicht aus und verursachte zunächst ein allgemeines Sinken der Preise. Freilich war Köhler der Hoffnung, daß mit Herbstbeginn wieder eine Steigerung der Werte eintreten werde. Aber die Hoffnung konnte auch fehlschlageii; es war möglich, daß die Krise sich in die Länge zog, daß auch ein völliger Zusammenbruch erfolgen konnte, und dann ließ sich die auf» gestapelte Ware nur unter ungeheuren Verlusten losschlagen. Das aber wäre gleichbedeutend mit einem Fallissement des Geschäfts gewesen. Krisen ähnlicher Art traten ja zeitweilig ein und waren Köhler nicht unbekannt; nur hatte er, der bei allen Einkäufen mit ungemeiner Vorsicht zu Werke ging und sich vor jeder unsicheren Spekulation hütete, unter ihnen minder zu leiden gehabt, kleinere Verluste, die natürlich nicht ausblieben, gewöhnlich auch durch gelungene Neben- geschüfte wieder wett zu machen verstanden. So war es ihm noch vor zwei Jahren gelungen, die schlechte Konjunktur in der eigenen Ware durch ein vorteilhaftes Jndigogeschäft zu Überwinderi, das Mister Brigham in Quetzaltenango für ihn cingekitet hatte. Auf Mister Brigham hoffte Köhler auch jetzt wieder. Brigham hatte ihm mitgeteUt, daß man in Zentral-Ämerika eine neue Moraeee entdeckt habe, deren Milchsaft nach gehöriger Behandlung beit feinsten Kautschuk ergebe, den man bisher kannte. Und gerade Kautschuk bedurfte man in der ganzen Welt mehr, als geliefert werden konnte; auch die besten „Faktis", Surrogate, die man in der Industrie benützte, konnten ihn nicht genügend ersitzen. Mit der neuen Pflanze, für bereu Zucht sich Brigham außerorbent- lich zu interessieren schien, war also ein glänzendes Geschäft zu machen, und Köhler hatte sich auch schon mit Brigham in Verbindung gesetzt, um sich dessen Kautschukexport zu sichern. Aber eine entscheidende Antwort war noch nicht eingetroffen; zudem erforderte dieses Geschäft eine Vorbereitung von langer Hand. Köhler hatte sich unter aller Last eines sich durch die Tage schleppenden Arbeitstieres doch einen gewissen trockenen Humor bewahrt, der vielleicht noch aus der herstammte, da er mit lustigen Matrosen durch die Meere fuhr. Damit war es nun aber auch vorbei. Der kleine Mann mit dem faltigen Gesicht war verschlossen und mürrisch geworden; selbst das Geheimnis seines Kautabaks konnte ihm uichr mehr die alten Freuden gewähren. Es war ein lichtloses Dasein im Köhlerschen Hause, ohne Stimmung und Aufschwung und ohne freudigen Ausblick. Die Kinder spürten es kaum. Auch für Frau Auguste war es etwas Gewohnheitsgemäßes; sie tat ihre Pflicht wie immer und schimpfte nur etwas mehr als sonst. Aber Trante litt schwer unter den Verhältnissen. Ihre ursprüngliche Frohnatur drängte nach der Sonne. Die Enge pes Kreises machte sie, die nach größeren Lebensweiten sich! sehnte, unglücklich. Sie hatte eine sorgfältigere Erziehung erhalten als die übrigen Köhlerschen Kinder; sie war auch reicher begabt, temperamentvoller und, unbeschadet ihrer noch nicht völlig ausgerotteten Naivität, geistig freier in! ihren Anschauungen als die Eltern. Sie hatte einen weiten Umweg nach Hanse gewählt. Das! war ihr recht. Der Spaziergang im lichten Sonnenschein dieses Lenztages erfrischte sie. Ihre Gedanken begannen sich wieder zu ordnen; sie wurde sinnend. Nun war es! vorbei mit allen Hoffnungen auf ein fröhliches Maifest. Niels Kruse würde sich nach dem Vorgefalleuen sicher nicht mehr dazu bewegen lassen, noch weiterhin die Arrangements zu leiten; mit den „Müttern" paktierte er nicht. Im Grunde genommen war es ganz gut so. An der geplanten „Ge- sindelsaison" war zweifellos die Idee besser als die praktische Ausführung. Lili und Henny hatten zwar ihren großen Münd behalten, aber sie konnten auch kleinlaut werden, wenn erst einmal die Geschichte im Gang ioar. Brrr, was hatte man schon bei dieser Sonutagsversammlnng für weibliche Erscheinungen gesehen! Nein, das ging wirklich nicht an; es war nicht möglich, sich mit allerhand zweifelhaften kleinen Mädelchen in Reih uno Glied zu stellen. Schon ein instinktives Gefühl innerer Sauberkeit wehrte sich dagegen. Daran hätte man von vornherein denken können. Aber Everstedt hatte wieder einmal einen heillosen Wirrwarr der Begriffe herbeigeführt; das liebte er — und! auf seine Schaumschlägerei waren arte miteinander hereingeplumpst. Gewiß, Everstedt War wieder der Anführer gewesen. Wenn Trante an ihn dachte, fühlte sie das kräftigere Pvchpoch ihres Herzens; fühlte sie innere Widersprüche und Hemmungen, über die sie nicht fortkam. Der freche Ton, den er zuweilen in der Unterhaltung mit ihr anschlug, entrüstete sie; seine Schmeicheleien taten ihr weh. Es lag etwas in seinem ganzen Sichgebeu ihr gegenüber, das einem frivolen Spiel gleichkam, dem grausamen Spiel des Stärkeren mit dem Schwächeren, der Katze mit dem ihr rettungslos verfallenen Mäuslein. Das brachte ihr Innerstes in Aufruhr. Nach der Szene an jenem Sturm- nachmittage ans der Heide hatte sie gewünscht, nie wieder mit ihm zusammentreffen zu brauchen; aber sie spürte selbst, Wie bei diesem Wunsche ein heimliches Sehnen nach dem Gegenteil unterlief. Sie wollte ihn verachtungsvoll behandeln und Wollte ihn fühlen lassen, wie gleichgültig er ihr sei — und doch schmerzte sie jedes spöttische Wort von ihm. „Er ist falsch wie.Galgenholz," hatte ihr DeWa gesagt. War er das wirklich? War er nicht nur eine irregeleitete Natur, die in ihrer Selbstüberschätzung alle sittlichen Jm- pulso preisgab und in ihrem erhabenen Dünkel, ihrem Glücksdurst, ihrer Leidenschaftlichkeit sich keinen Zügel anlegen zu brauchen bermeinte? Gewiß, er war ein schlechter Mensch, voll niederer Instinkte und von brutalem Egoismus bei Erreichung seiner Zwecke — aber das Tückische der Falschheit, gerade das war ihm fremd. Und als Traute fo dachte, ärgerte sie sich wieder über sich selbst, denn sie fühlte wohl, daß sie nach Entschuldigungen für jhn suchte. Sie ging jetzt an ber Apostelkirche vorüber, deren schöne gotische Front im Hellen Lichte lag und ans deren Innerem ihr Gesang und Orgelklang entgegenbrauste. Es war das Gotteshaus, das zu ber Gemeinde des Pfarrers Mvebius gehörte, unb ba kam ihr der Entschluß, einzutreten und! einen Teil der Predigt anzuhören. Die Kirche war wie immer gedrängt voll: Mvebius hatte eine treue Zuhörerschaft. Traute fand noch ein Plätzchen in einem Seitengestühl und ließ sich nieder. Die'Liturgie war eben beendet; Md ebius stand aus der Kanzel, sehr schön und statt- 471 lich mit seinem weich fließenden blonden Zlpostelbart und den blauen Träumeraugen, und verlas das Evangelium aus Johannes, Kapitel sechszehn: „lieber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen: denn ich gehe zürn Vater." Traute saß mit gesenktem Kopfe und hörte aufmerksam zu. Aber es war doch mehr der Wohlklang des modulations- fähigen Organs, der ihr Wohltat; der Geist war nicht bei der .Sache. Sie vernahm die Stimme, aber achtete kaum auf das, was gesprochen wurde. Sie beschäftigte sich wieder mit sich selbst. Sie fragte sich: tote kommt Fred Dewa zu seiner Warnung? — Es war fast komisch: Everstedt warnte sie vor Kruse, Kruse vor Everstedt, und nun kam auch noch der kleine Dewa mit seinem mahnenden Wort. Waren sie eifersüchtig aufeinander? Es schien beinahe so. Jeder wollte sie für sich behalten. Auch Dewa. Er hatte etwas Rührendes mit seinem stillen und scheiten Werben. Werben? Um was warb er denn bei ihr? Es waren ja doch auch nur Süßigkeiten, die er ihr zu kosten gab — es war nichts als ein anmutiger Flirt; an ernsthafte Absichten dachte er ganz gewiß nicht . Die hatte bisher nur ein einziger gehabt: Max Roeßler. Da schreckte etwas in Trante. Es lvar sehr merkwürdig: seit jener Abschiedsstunde bei der Sandratt waren erst toeilige Wochen vergangen, und sie dachte kaum noch an ihren Max. Natürlich war er selbst daran schuld ; warum hatte er ihr das Schreiben verboten und warum ließ er so gar nichts von sich hören? — An dem Goldherzchen, das er ihr geschenkt hatte, war eines Morgens zufolge einer Ungeschicklichkeit die Kette gerissen. Sie hatte sie gelegentlich zum Goldarbeiter tragen wollen, vergaß es aber immer wieder, fürchtete auch die kleine Ausgabe. So lagen denn Herzchen und Kette, in Seidenpapier gewickelt, im obersten Fach ihrer Kommode, ganz in der Nähe der mit einem roten Bändchen umschnürten Liebesbriefe des Referendars Ueber- lingen, des ersten, der einen Sturm auf die Festung versucht hatte. (Fortsetzung folgt.) hundert )ahre Breslauer Universität. Von Fritz E r n st (Breslau). In der .ersten Augustwvche dieses Jahres wird eine Reihei glänzender Feste die hundertste Wiederkehr der Tage feiern, in denen vor einem1 Säkulum die Universität in Schlesiens Hauptstadt gegründet wurde. Die weltbewegende Erscheinung Napoleons, der Europas Landkarte zum Spielbäll seiner gigantischen Pläne machte, war auch an der Wissenschaft nicht spurlos vorüber- gegangen. Der größte Feldherr seines Jahrhunderts war zugleich ein Organisator von Rang, und die Neugestaltung des französischen Unterrichtswesens war nicht weniger bewundernswert, als die kriegerischen Großtaten des korsischen Eroberers. Morsch und lernfaul wie die ganze Zeit, die der General der Revolution wie eine zweite Gottesgeißel vernichtend mtb reinigend durchfuhr, war auch die Wissenschaft, die ein unwürdiges Scheindasein stiftete. Von zweiunddreißig Universitäten, die damals in deutschen Staaten (Oesterreich ausgenommen) existierten, überstanden nur fünfzehn die Periode politischer Umwälzungen und geistiger Wiedergeburt. Der Niederwerfung Preußens durch Napo-. Icon folgte nach ganz kurzer Zeit der Betäubung jener Aufschwung, dessen nur ein an den Wurzeln seines Lebens gesundes Volk fähig ist, und der in den Befreiungskriegen einen in der Weltgeschichte fast einzig dastehenden Ausdruck sand. Preußens Führer erkannten die Notwendigkeit der Reform des Staates an Haupt und Gliedern, und sie waren weitschauend genug, Frankreichs Vorbild nicht sklavisch nachzuahmen, sondern die Eigenart der alten deutschen Hochschulen mit den auf der Hand liegenden Vorzügen der französischen Reformen zu paaren. Auf dieser Grundlage erfolgte 1811 die Gründung der Breslauer Universität, die amtlich als eine Vereinigung der protestantischen Viadrina zu Frankfurt a. O. mit der katholischen Leopoldina zu Breslau bezeichnet wird. In Wirklichkeit aber war es eine völlige Neu- gründung, die die vier Fakultäten von Frankfurt a. O. mit der Jesuiten-Universität der schlesischen Hauptstadt zu einem neuen Ganzen znsammenschloß. Aus den beiden altersschwachen, int Bann verstaubter Buchstabengelehrsamkeit lebensfremd dahin- dämmernden Hochschulen entstand eine moderne Pflegstätte des Geistes, getreu nach der ein Jahr zuvor in der Reichshauptstadt ins Leben gerufenen Universität. Wo früher pedantisches Schema für die Fortsetzung des Schulzwanges auf der Universität ängstlich besorgt war, traten jetzt freie Wissenschaft und uneingeengte Forschung in ihre Rechte. Dm Geist und die Ideenwelt Schillers und Goethes, Lessings und Herders, Kants und Fichtes und nicht zuletzt des Schlesiers Schleiermacher wiesen der jungen alma mater ihre neuen Bahnen. Reich an Sturm und Drang, reich an Ruhm und Erfolgen, ist die Geschichte der Breslauer Hochschule, wie sie uns eine kurz« Betrachtung im Lauf des vorigen Jahrhunderts zeigt. Noch war der Boden mit dem neuen geistigen Rüstzeug kaum flüchtig durchackert, als Friedrich Wilhelm III. zu den Waffen rief und mit der Pflugschar des Bauern auch die des Gelehrten die Erde anfriß. Das anseuernde Beispiel des jugendlichen Breslauer Physikprosessors Heinrich Steffens ist für immer ehrend in der Geschichte der Freiheitskriege verzeichnet, und es lohnt wohl die Mühd, zu hören, was Steffens selber über die Tage, in denen Breslau den Mittelpunkt der preußischen Volkserhebung bildete, in seinen Er« innerungen zu sagen weiß: „Eine unermeßliche Menge Männer/ vorzüglich Jünglinge, strömten nach Breslau; alle Häuser wärest angefüllt, aus den .Straßen wimmelte es, Scharnhorst war. da/ Gneisenau wurde erwartet; die hereinbrausenden Wogen einer mächtigen Zukunft hatten alle Gemüter ergriffen. Nur ein Gedanke erfüllte die zusammengedrängte Menge. . Und dennoch schwebte über diesem Gedanken selbst ein geheimnisvolles, grauenhaftes Dunkel. Der König hatte General Porcks glänzende Tat mißbilligt. Noch schien es zweifelhaft, ob man den General wollte fallen lassen, der der allgemein mächtigen Bewegung Trotz bietend und Napoleon sich in die Arme werfend Rußland bekämpfen wollte, oder ob man entschlossen sei, mit Rußland vereinigt, Napoleon den Krieg zu erklären. Die ganze preußische Jugend erwartete den Aufruf zur Bewaffnung, aber auch irt diesem war der Feind nicht genannt. Gespannt, freudig erregt, und dennoch zugleich beunruhigt, verließ ich nach Mitternacht die Gesellschaft des Hauptmanns von Boltenstern, eines Schülers von Scharnhorst. Ich brachte die Nacht in wilden Träumen zu und erwachte, um mich für einen Vortrag über Naturphilosophie vorzubereiten, der um acht Uhr stattsinden sollte. Indes ging, was ich erfahren hatte, mir durch den Kopf, und plötzlich ergriff mich der Gedanke: es steht ja bei dir, dm Krieg zu erklären, deine Stellung erlaubt es dir und was der Hof beschließen wird, wenn es geschehen ist, kann dir gleichgültig sein. . Mein Hörsaal war nicht stark besetzt. Die Studenten hatten keinen rechten Begriff von der Naturphilosophie. Außerdem leerte die gewaltsame Aufregung der Zeit die Hörsäle. Als ich den Vortrag geschlossen hatte, wandte ich mich an die wenigen Versammelten und sprach sie folgendermaßen an: „Meine Herren, ich sollte um 11 Uhr einen zweiten Vortrag halten, ich werde die Zeit aber benutzen, um über einen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, der wichtiger ist. Der Aufruf des Königs, wird Gegenstand meiner Rede sein. Machen Sie meinen Entschluß allenthalvm bekannt. Ich erwarte so viele als der Raum zu fassen vermag.^ Noch warm die zwei zwischmliegmden Stunden kaum zur Halste verflossen, als eilig und mit heftiger Aufregung eine große Deane meiner Wohnung zuströmte. Der Hörsaal war gedrängt voll/ die Türen konnten nicht geschlossen werden. Es dauerte lange,- ehe ich den Weg zu meinem Katheder fand. Was ich sprach, ich weiß es nicht. Was ich sagte, war die stille Rede aller unh machte eben deswegen, tote ein Echo aus der eigenen Seele eines jeden, einen tiefen Eindruck. Daß ich, indem ich die Jugend so aufforderte, zugleich meinen Entschluß erklärte, Mit ihnen den Kampf zu teilen, versteht sich von selbst . . ." Im Triumph geleiteten nach jenem denkwürdigen Vortrage die Studenteii ihren Lehrer durch die Straßen und mehr als zweihundert ließen sich in die Listen der Freischaren emschrciben. Bei der Jahrhundertfeier der Freiheitskriege, zu der Schlesien und Breslau voran schon emsig rüsten, .roitb man des .mutigen Hochschullehrers in Ehren gedmkm. Weniger ruhmvoll, als die einmütige Beteiligung der Breslauer Universität an den Befreiungskriegen war die Unduldsamkeit gegen dm seit 1830 in Breslau als Literarhistoriker verdienstvoll wirkenden Dichter Hoffmann von Fallersleben, dem die glanzende Satire seiner „unpolitischen Lieder" 1842 den Lehrstuhl kostete. Dagegen sah das Jahr achtundvierzig unter dm Professoren manchen Namm, der für die Konstitution tn Wort und Bild em- trat, und die in Breslau besonders starke Bewegung des Vormärz'fand an der Hochschule ein lautes Echo Wahrend die Studenten in den radikalen Klubs und in der, Burgerwehr Befriedigung für ihren Tatendrang suchten und fanden, arbeiteten die Lehrer in Parlamenten und politischen Vereinen an dem Ausbau der neuen Staatsordnung tatkräftig mit. Betrachten wir die schier endlose Reihe der Gelehrten, die im Laufe der vollendeten hundert Jahre an der Breslauer Universität wirkten, so tritt uns eine imponierende Schar bedeutender, ja internationaler Namen entgegen. Aber mir von velschwin- dmd wenigen dieser Großen im Reiche des Geistes können wir mit gutem Recht behaupten, daß lie unter waren. Die meisten hielten in der Oderresidenz nur kurze Rast und zogen dann weiter nach der Reichshauptstadt, oder nach dem Siidm Bon der Bres. lauer Universität gilt dasselbe, wie von den Breslauer Theatern, sie sind bekannt und geschätzt als Durchgangsstation, .als Lprimg- brett. „In Breslau wird gearbeitet, heißt es nut Recht im Reiche „Also ist es vorteilhaft, einmal dorthin zu gehen. Aber dort bleiben — nein." Diese traurige Tatfache hangt mit der wenig vorteilhaften Entwicklung der Stadt Breslau eng zuiammen. Die kommunale Verwaltung der ,cylesischm Hauptstadt hat m der Mitte des vorigen Jahrhunderts so Merwjegerche Umer- la!iunassündm begangen, daß ine Spuren der damaligen • 472 sichtigkeit trotz der emsigsten Arbeit der letzten Jahrzehnte tu Mancher Hinsicht -roch heute suhlbar sind. Auf diesem .Gebiet muß der Grund für den verhältnismäßig raschen Wechsel der Professoren und damit auch der Studierenden viel eher gesucht werden, als in den stets wiederkehrenden Klagen Über die Unzulänglichkeit der Räume. .In dieser Hinsicht wird, freilich nicht immer Mit der gewünschten Schnelligkeit, für die nötige Abhilfe gesorgt, so daß die Wiederkehr eines Studentenstreiks, den.noch int vorigen Jahre die Studierenden der Zahnheilkunde veranstalteten und mit .Erfolg durchführten, in Zükunft kaum mehr zu befürchten ist. In den letzten Jahren waren es vornehmlich zwei Männer, die als Angehörige des Breslauer Lehrkörpers den Namen der schlesischen Universität in alle Kulturländer trugen: Mikulicz Und Dahn. Dem großen Chirurgen war es nicht vergönnt, di« Jubcltage der Anstalt, der er trotz der glänzendsten Rufe nach anderen Hochschulen die Treue wahrte, zu erleben. Ihn, der Unzählige Menschen durch die nie versagende Kunst seiner Hände! denr Leben erhielt, raffte eine tückische Krankheit vorzeitig dahin. Aber im Schmucke seiner siebenundsiebzig Jahre wird der greise! Dichter des „Kampfes um Rom" die Honneurs machen helfen, Und sein ehrwürdiger bärttger .Charakterkopf wird die Tausende von Gästen begrüßen, die aus allen Kulturländern, sogar aus dem Reich des Halbmondes, aus dem schwarzen Erdteil und aus Indien ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten zugesagt haben. Des schönsten Geschenkes will ich am Schlüsse noch kurz gedenken, das der Jubilarin an ihrem Ehrentage harrt. Seit mehreren Jahren übt ein mit bescheidenen Mitteln unterhaltenes Studentenheim seine segensreiche Wirkung. Diesem Heim eigene, würdige Räume zu schaffen, ist der edle Zweck einer Spende, zu der sich hochherzige Gönner zusammengefundeit haben. Hand in Hand mit der Errichtung dieses Studentenheims geht ein großzügiger Plan zur Freilegung des jetzt von Mietshäusern eng Umkreisten Universitätsgebäudes. Möchte doch dieser groß angelegte Plan zur Wirklichkeit werden zum Nutzen der reichen Barockarchitektur des monumentalen Hauptbaues uitd damit zum Borteil der an architektonischen Schönheiten keineswegs Mer- reichen schlesischen Hauptstadt! Der Verfasser der „Robinson Lrusoö". Daniel Defoe, der Schöpfer eines der meist verbreiteten Micher der Weltliteratur, hat vor einem Biertel- iahrtausend das Licht der Welt erblickt; sein Geburtstag ist aber nicht mehr auf den Tag festzustellen. Defoe war mehr als der Dichter des Weltbuches von „Robinson Crusos": er war zugleich auch der erste Begründer der öffentlichen englischen Banken, der Begründer unserer Hagel- und Feuerassekuranzen und unserer Sparkassen, er war auch gleichzeitig der hauptsächlichste Begründer der politischen Bereinigung von England und Schottland. Er wurde im Jahre 1661 als der Sohn eines reichen Fleischers ßn London geboren und widmete sich, nachdem er eine sorgfältige Erztehung genossen, dem Kaufmannsstande. Doch drängte es ihn, am öffentlichen Leben seiner Nation teilzunehmen. In einer Dissidentenfamilie aufgewachsen, war er ein heftiger Feind der Kirche, mehr aber noch der katholischen Stuarts, gegen die er mit der Feder und dem Schwerte kämpfte. Eine Zeitlang mußte er sein Vaterland weiden. Später finden wir ihn als enthusiastischen Verehrer Wilhelms Hon Oranien wieder. lieber diesen Interessen am Staate blieben freilich feine Geschäftsinteressen zurück, er machte Bankerott und mußte nach Bristol flüchten. Dort schrieb er das nationalökonomische Buch „Essay of Projekts", in dem er die ersten Anregungen zu oen genannten praktischen Einrichtungen gab. Der große Franklin sprach von dem Werk stets mrt Begeisterung, und es verschaffte seinem Verfasser die Gunst des englischen Königs Wilhelm, der es Hm ermöglichte, sich mit seinen Gläubigern zu rangieren. Nach dem Tode seines königlichen Gönners aber kam er in Konflikt mit dem Doryministerium der Königin Anna; er erließ Streitschriften über Streitschriften, ward der Störung des öffentlichen Friedens angeklagt, an den Pranger gestellt, wobei das Volk Lobhymnen auf ihn sang und ihm Rosen streute, endlich ins Gefängnis geworfen; erst nach zwei Jahren befreite ihn das Ministerium Harley daraus. Jetzt durfte er als Staatsmann seinem Lande große Dienste leisten. Er war es, der im Jahre 1707 die staatliche Einigung von England und Schottland zustande bringen half. Die letzten Regierungsjahre der Königin Mnna brachten ihm wieder diel Verdruß und Mißgeschick, und als im Jahre 1713 das Haus Hannover zur Regierung und mit ihtn die Whigpartei zu ganz entschiedenem Einflüsse kam, da vergaß man undankbarerweise einen der treuesten Vorkämpfer des Protestantismus und der b ürgerlichen Freiheit. Nachdem Defoe rn seiner letzten politischen Schrift ein öffentliches Bekenntnis über seine Tätigkeit int Staatsleben abgelegt hatte, setzte er sich nieder, um den „Robinson" zu schreiben, den er int Jahre 1719 vollendete. Der Mann, der durch seinen „Robinson" Millionen Kindern selige Stunden bereitet hat, starb aber int Jahre 1731 aus Gram über seinen eigenen Sohn. DcrmüKbfes. * Salz als Geld. Als int 13. Jahrhundert der Welt- reisende Marco Polo nach der Provinz Kaimlu — dem heutigen Oberbirma —• kam, fand er, daß dort die kleinste Münze aus Salz bestand. Nur kaiserliche Beamte durfteit dieses Geld Herstellen. Sie sotten das aus Salzquellen stammende Kochsalz in kleinen Tiegeln ein, formten die Masse, wenn sie eine gewisse Konsistenz erreicht hatte, zu kleinen, kucheuartigen Gebilden, die auf heißen Ziegeln getrachtet und mit dem Stempel des Kaisers versehen wurden. Es handelte sich also um regelrecht geprägte Satzmünzen. Das Salz, dieser für das Wohlbefinden des Menschen so nötige Stoff, nach dem salzarme Länder ständig verlangten- war natürlich einst ein sehr beliebter Tauschartikel. Auch heute ist es ja noch in manchen Gegenden Afrikas ein wohlgebräuchliches Zahlungsmittel. In der Taltalebene, am Ostabhang Abessiniens z. B., bricht man das Salz in Stangen von 5 Zentimeter Stärke Und 30 Zentimeter Länge. Diese Salzstangen, die ungefähr Wa Pfund schwer sind, heißt man Amvle. Ihr Wert schwankt natürlich, je nachdem sie in größerer oder geringerer Entfernung! von den Salzfundsiätten umlaufen. In Mita gelten 48 solcher Amvle einen Mariatheresientaler. Bekanntlich ist ja der Maria- theresientaler — und zwar in der allein angenommenen Prägung von 1780 — in Nordost- und Ostafrika noch immer in Umlauf, so daß man solche Taler noch heute in Oesterreich prägt. Auch in Europa galt das unentbehrliche Salz einst gewissermaßen, als Geld. Daran erinnert uns noch das Wort „Salair", das abgeleitet ist von dem lateinischen Salarium = Salzgabe. Die Spenden der römischen Könige an das Volk bestanden in früherer Zeit oft tatsächlich aus Salz und Oel. Besondere Leistungen; und Gefälligkeiten mit Salzschenkungen zu vergüten, war gebräuchlich, und die Bezeichnung Salarium ging später wahrscheinlich auch auf Geldsummen über. Uebrigens lohnte man auch in Reichenhall lange Zeit die Arbeiter in den Siedewerken nur mitSalz ab. Kunstfreunden aber wird es interessant sein, zu erfahren, daß auch einmal das Gemälde eines großen Meisters einen buchstäblich „gesalzenen" Preis erzielte. Den Ammerbachschen Erben in Basel bot nämlich ein Bayernherzog für ein Holbeinschcsi .Christusbild 2000 Tonnen Salz, die Tonne int Werte zu 6 Gulden. * Zwei (Seelen und ein Gedanke. Zimmerwirtin: „I möchte nur das Geld haben, Herr Pumpmeyer, was Sie so täglich in Bier vertrinken!" — Student: „Ich auch!" * Fatal. Lehrer: „Warum habe ich dich einen Heinen Dummkopf genannt?" — Mäxchen: „Weil ich noch nicht so groß bin, wie Sie, Herr Lehrer." Rösselsprung. '(Auflösung in der nächsten Nummer.? Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer k Blinder Eifer schadet nur. ner in nicht ten ten reit wä dro- ren wenn kla Ei- je in SS die dort Zäh- schau- Nacht ne bei zelt bett gäb' Welt daß der die wacht Ster- sie der an und der ver- wenn da- mels- bett noch ten UNS ser nicht mehr dem nie trau Him- trü- Redaktion: «.Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gieße»