M - Nr. 204 Samstag den 50. Dezember f ft W Mw u« üMM''Wsä> Silvester. Schon geht der Zeiger auf Mitternacht, Es stürmt und wogt in den Lüften Wie eine unheimliche Geisterschlacht — Da ertönen die Glocken : Es ist vollbracht! Von Lichtern und Tannendüften Erfüllt ist einsames Stübchen und Saal, Und es kreist der schäumende Weinpokal: Wohlan, klingt an! Dir bringen wir's dar, Du bist unsre Hoffnung, du neues Jahrl* Das alte Jahr, es machte uns müb’, Es gab uns Schmerzen und Zähren, Doch wie unS der perlende Wein durchglüht, Wie ein seliges, stürmisches, heißes Lied, So wollen wir deiner begehren, Du neues, das neue Blüten uns bringt, Mit neuer Kraft unsre Seelen durchdringt; Vergessen sei alles, was vorher war: Du bist unsre Hoffnung, du neues Jahr! Es rauschen die Glocken weit über das Land In festlich frohen Akkorden, Sie mahnen an das gemeinsame Band, Das ein Gott um die ganze Menschheit wand, Als er ihr Führer geworden. Er wies euch die Liebe als höchstes Symbol, Hier ruht euer Segen, hier blüht euer Wohl, Die Sonne der Liebe schein' hell euch und klar, Dann bringt euch Erfüllung das neue Jahrl Max Kempner-Hochstädt. Prost Neujahr! Plauderei von Johannes Trojart. (Nachdruck verboten.) „Prost Neujahr!" Das ist der allgemeine Ruf tn der Silvesternacht, wenn es geschlagen hat, und zwar wird dabei gewöhnlich der Ton auf die zweite Silbe von Neujahr" gelegt, das geschieht, wie leicht zu ernennen ist, weil der Ruf dann lauter, gedehnter und wirkungsvoller ans kling eil kann. Man versuche es nur einmal und rufe Neujahr" aus rnit dem Ton auf der ersten Silbe, den es sonst von. rechtswegen hat; es wird als Trochäus nrcht halb so großartig klingen wie als Jambus. Wahrhaftig betäubend pflegt das „Prost Neujahr!" um Silvester in den inneren Teilen der Hauptstadt des Dent- schen Leichez zu, erschallen, Uicht ganz nngefährlich ist es dann, zumal für die Kopfbedeckung, wenn sie in einem Zylinder besteht, sich auf die Friedrichstraße in ihrem nntt- leren Teil zu wagen. Wer les doch tut, kann froh sein, daß hm außer dem Hut nicht auch der Kopf, wenn nrcht verloren geht, so doch stark beschädigt wird. Wer wird sich aber auch mit einem Zylinder auf dem Kopf jetzt noch in den johlen- den Silvestertrubel hineinwagen! x . Mich hat dieser Trubel amüsiert, als ich noch ein junger Mensch war, wenn ich in Begleitung guter GeMen, mit jenen ich bis Mitternacht gezecht hatte, dann auf diXStraße kam, wo der „Radau" losging. Ob es noch tn der s^vester- nacht in Berlin so hergeht, wie es vor Jahren Brauch war i Ich möchte es wohl glauben, denn die Freude am armen und Entzweimachen vererbt sich von Geschlecht auf Geschlecht. Auch Wohl heute noch, wenn Silvester glücklich vorüber ist, gratulieren die Berliner Schutzmänner einander dazu. Auch in den stilleren Gegenden des Berliner Westens, wo man am Silvesterabend im engen Familienkreise oder in kleiner Gesellschaft bei einer Bowle imd den beliebten Pfannkuchen mit und ohne Füllung versammelt sitzt, wird mit Spannung darauf gewartet, daß das neue Jahr eintritt. Wenn man dann einander beglückwünscht hat und von draußen das erste „Prost Neujahr!" erschallt, geschieht es sicherlich auch jetzt noch, daß wan sich auf den Balkon begibt, um auf die Straße hinunter und nach den gegenüberliegenden Balkons hin denselben Neujahrsgruß erklingen zu lassen. Auch bei starkem Schneegestöber darf das nicht unterbleiben. Man hülle sich aber dazu ein wenig ein, sonst kann man sich, da der Punsch warm gemacht hat, leicht erkälten. Ein nicht ganz uninteressantes Wort ist das „Prost". Es ftannnt aus dem Studentenlatein, das mit dem Pfaffen- und dem Küchenlatein zusammen zu den wilden Lateinarten gehört. Indessen ist das „Prost", in der unverkürzten Form „Prosit", ein ganz richtiger Konjunktiv von „prodesse“, das , nützen" bedeutet. Es heißt also soviel Jute „Es sei von Nutzen!" oder „Wohl bekomm' es!" „Prost!" sagt man,- toeitn man als Student einem zutriiikt, und „Prost Blume!", wenn es aus vollem Seidel geschieht. Es ist der kürzeste und hübscheste Trinkspruch, und sollte als solcher auch in den Zusammenkünften der Herrscher eingeführt werden, bei denen die Trinksprüche eine so große Rolle spielen. Auch „Prosit die Mahlzeit!" oder „Prostmahlzeit!" wird in Ge- ellschaft gesagt, wenn man vom Tisch aussteht. „Gesegnete Mahlzeit!" ist etwas feiner. Daneben wird „Prostmahl- zeit!" oder „Prostemahlzeit!" auch in irnnisweni Sw„-> braucht und soll dann besagen, daß nichts los oder nichts da ist, wozu man Glück wünschen kann. .....*1 Endlich wird auch dem Mejeuoen „Prosit!" oder Prost'" zngerufen, und das führt auf einen alten Aberglauben zurück. Mesen kann darauf hindeuten, daß man etwas Gutes zu erwarten hat, im besonderen, wenn man ganz nüchtern vor dem ersten Frühstück niest.. Geht das. Riesen aber beim Anziehen der Schuhe vor sich, so muß man sich gewöhnlich Wl e.tilW’ bchstiNmeD gefaßt wachen^ doch 814 rechtzeitig zugerufenes „Prosit!" kann dem vielleicht ab- helfen. Bei Hofe ist das Niesen untersagt. Geschieht es dennoch, weil es sich durchaus nicht immer verhüten läßt, so darf doch nicht „Prost!" dazu gerufen, sondern nur in aller Stille gedacht werden, und das versäume niemand, der vom Volksglauben etwas hält! Soviel von „Prosit" und „Prost", den Hauptschlagwörtern in der Silvesternacht. Silvester, und nicht Sylvester, möchte ich bei dieser Gelegenheit noch sagen, wird jetzt fast allgemein geschrieben, und zwar mit Recht, wenn auch der, nach dem dieser Tag genannt ist, ein römischer Papst des vierten Jahrhunderts nach Christi Gehurt, sich Sylvester schrieb. Die Zeit der Vorherrschaft des falschen Wsilons — im achtzehnten Jahrhundert noch wurde „seyn" sogar für „sein" bei uns geschrieben — ist ja zuru Glück vorbei. Silvester aber kommt von dem lateinischen silva, der Wald, her und heißt soviel wie Waldmann oder Waldfreund. Davon haben eine Anzahl unserer lieb ichsten Blumen den Beinamen „silvestris", d. h. im Walde zu Hause. Ach, sähe man sie doch erst wieder blühen! Aus der Kinderzeit und von der alten Heimat her, wo iwch durch Blasen hoch vom Turm herab der Beginn des neuen Jahres verkündet ward, taucht am Silvesterabend manche fröhliche Erinnerung in mir auf. An diesem Abend wurde allerhand ausgeführt, was geheimnisvoller Art war und mit Zauber zu tun hatte. Dazu zählte das Zinngießen und das Schwimmenlassen von Schiffchen. Die Schiffchen bestanden aus Walnußschalen, in denen eigens zu diesem Zweck von Weihnachten her die Msse so vorsichtig gespalten wurden, daß nichts dabei entzweiging. In jeder solcher halben Nußschale toitrbe ein Wachslichtchen angebracht, und damit war^das kleine Schiff fertig und konnte aus das Wasser gesetzt werden, mit dem eine Waschschüssel angefüllt war. Alsdann wurden nach Anzündung der Lichtchen die kleinen Fahrzeuge, deren jedes einer bestimmten Persönlichkeit zugeeignet war, in ihrem Verhalten genau beobachtet. Dabei setzte man von Zeit zu Zeit mittels eines leichten Handgriffs das Wasser etwas in Bewegung. Von großer Bedeutung für die Zukunft war es dann, welche von beit Schiffchen einander begegneten und enge zueinander hielten; in welchen zuerst die Lichtchen erloschen, und welche von ihnen Havarie erlitten oder gar unter- sanken. Das alles wurde, wie gesagt, scharf beobachtet und vermerkt. Im übrigen erregte auch der Untergang einer ganzen kleinen Flotte keine andauernde Betrübnis. Blei oder auch Zinn gegossen wird zweifellos am Silvesterabend noch in vielen Häusern und immer noch mit großem Nachdenken studiert, woran das gegossene Stück in seiner Form erinnert, denn das ist ja entscheidend. Erinnert es an ein Rad, so darf man auf einen Lotteriegewinn hoffen, sieht es aber so ähnlich aus wie ein Schädel, dann tut man wohl daran, sein Testantent aufzusetzen. An vielen Orten, zumal auf dem Lande, ist gewiß auch das Schuhwerfen in der Silvesternacht noch nicht ans der Mode gekommen. Ansgeübt wird es von Personen weiblichen Geschlechts, jungen oder auch schon älteren, und zwar auf die Art, daß sie den Schuh' — es kann auch ein Morgen- schnh sein — über den Kopf werfen. Fällt er mit der Spitze nach der Türe zeigend auf den Fußboden, so können sie sicher sein, daß im Saufe des kommenden Jahres der Freiersmann erscheint und sie abholt. Zeigt er mit der Spitze in das Innere der Stube hinein, so ist zunächst für sie keine Aussicht auf den mit veilchenblauer Seide gewundenen Jüngfernkranz vorhanden. Ließen sich denn nicht alle Damenschuhe von einem Kunstschnster so bauen, daß sie, über den Kopf geworfen, stets mit der Spitze nach außen fallen? Daun würden doch alle noch unverlobten Jungfränlein im gemeinen Jahr wenigstens 364 und im Schaltjahr 365 Tage fröhlichen Sinnes fein, weil sie so lange hoffen würden, er, der Geliebte, der sie heimführt, könne noch kommen. Doch ich will nicht weiter von solchen Sachen reden, weil Raum und auch Zeit zu Ende geht. Neujahr ist schon dicht vor uns, und der Augenblick ist nahe, in beut auch von dieser Stelle aus allen, die noch auf sind, was auch das vergangene Jahr ihnen gebracht haben mag, von ganzem Herzen zuzu- xufeu ist ein wohlgemeintes „Prost Neujahr!" Die Silvesterblumen. Humoreske von Else K ras sh Es war ein Jammer, daß der gute schwarz« Rock schon glänzte. Da nützte weder Wasser noch Salmiaitzeist, o jee, o jee! Eigentlich konnte er mit der Glanznummer die hochwohlgeborene Gesellschaft des Direktors in Friedrichshafen nicht besuchen. Noch dazu in der Silvesternacht, wo man doch bestrebt sein mußte, seinen alten Menschen abzulegen und in ein junge" und neues Gewand zu hüllen. Wenn bloß die Liselotte nicht wär'! Dieses' toynuigc, sonnige Mädel, das ihn im Wachen und Träumen verfolgte. Wer dic- mal zur Fran bekam, der durste wahrhaftig die hunderttausend Mark Mitgift nicht annehmen. Ter war schon königlich genug belohnt mit dem holden Mädel selber. O Gott, o Gott, wem» er diesen Kerl mal zwischen die Finger kriegte, der das nicht stinsah und Mädel und Geld nahm! Zerrädern, vierteilen — oh, noch mehr quälen würde er den. Hans-Günther Leonhard, der Dichter und Schriftsteller, machte plötzlich eine Handbewegung nach dem eignen Halse, als wäre er selber dieser größte aller Feinde. Dann strich er noch einmal! mit der nassen Bürste über den schwarzen Rock, in dem er einst so glänzend durchs Examen gefallen war, und zog seufzend sein Portcmomtaie. Ein Skandal war es, daß Silvester jedesmal auf Ultimo stell Tie Fahrt nach Friedrick)shagen zweiter Klasse kostete mindestens eine Mark' hin und zurück, und wenn er zu Fuß bis zum Schlesischen Bahnhof lief, vielleicht zehn Pfennige weniger. Und dritter Klasse heute fahren, um der Gefahr ausgesetzt zu sein, eine Stunde mit der Kochfrau oder einem Lohndiener des Direktors im Kapee zusammen zu sitzen — nee, das ging auch über feine Kraft. Also hatte er nach Abzug der Fahrkarten noch zwei und! einen halben Groschen im Besitz. Dafür gabs höchstens einen Veilchenstrauß en Miniatur. Trinkgeld geben hatte er sich als moderner Mensch längst abgewöhnt, das kam also nicht in Betracht. Ueberhaupt, wenn man jedesmal bei so einer vornehmen Gesellschaft das Gefühl hatte, daß der hochnäsige Diener, der ihm das Haustor ausschloß, monatlich mehr zu verzehren hatte, wie der Gast selber. . . Es würde heute wirklich das Beste fein, er blieb der Gesellschaft in Friedrichshagen fern. Es würde ja doch nur Merger, Unruhe und krasse Eifersucht für ihn geben, wenn er zusehen mußte, wie Leutnant Specht oder sonst einer der vielen Verehrer der süßen Liselotte ihm mit Mut und Schneidigkeit die heimlich Geliebte vor der Nase wegschnappte. Mit diesen Gedanken klappte sich Hans-Günther Leonhard den geduldigen Chapeau-Claque auf das Haupt, zog den flatternden Havelock über die mächtigen Schultern und ftieg mit Riesenschritten aus seiner Junggesellenbude die Treppe hinunter. Im nächsten Mumeitladcn forderte er sehr elegant ein Sträußchen für eine viertel Mark und kletterte kurz daraus in den Vorortzug, als könne er mit diesem winzigen Sträußchen die ganz« Welt erobern. Es war schon lange acht Uhr vorüber, also würde er natürlich wieder einer von den letzten Gästen fein. Aber da es heute bei Direktors ja kein großes gemeinsames Abendessen, sondern nur ein ausgestelltes kaltes Büfett fein sollte mit sehr viel Punsch und noch mehr Bowle, kam es auf eine Stunde früher oder später wahrhaftig nicht an. Hans-Günther Leonhard zog in dem über stillten Knpee so gut es ging, seine langen Beine zurück und vertiefte sich fürs erste in seinen Taschenspiegel. Tas Gesicht, das er darin sah, gefiel ihm eigentlich sehr gut. „Der echte Dichter köpf mit Locken und Feueraugen" stellte er fest. Es war ein Jammer, daß das Habit so ganz und gar nicht dazu, paßte. Ter Patente Smoking', das seidene Hemd und die Krawatte für sechs Mark fehlten. Der Spiegel flog mit einem Ruck wieder in die Westentasche, und die langen Beine schoben sich von Station zu Station der Eisenbahnfahrt weiter vor. In Köpenick verließ auch der letzte Fahrgast außer Hans-Günther Leonhard das Knpee. Ta erhob sich der junge Schriftsteller sehr erleichtert und ließ das Fenster herunter. Tie Hitze in dem über füllten Abteil war ja unerträglich gewesen. Mer was — was duftete denn da plötzlich so köstlich? Konnten das wirklich seine paar armseligen Veilchen sein? Ter Mann blickte sich um, zog die Nase hoch und hob dann wie elektrisiert die Arme. Oben in dem Gepäcknetz, ganz in die Ecke gerutscht, bauschte sich weißes Seidenpapier. Und darunter — dünner dittchen — das waren doch Blumen! Kostbare', schneeweiße, exotische Blüten lachten ihm entgegen, fein und geschmackvoll mit einer lichtblauen Manschette umgeben. Tie waren ja! geradezu von Gott gesandt, oder irgend ein famoser Silvesterkobold, der es sehr gut mit armen 'Dichtern meinte, hatte sie in das Gepäcknetz hineingezaubert. Heute würde Liselotte 9fugen machen über den noblen Freund — alle Achtung! In weitem Bogen flog das Veilchenstr an sichen über das nackst- schwarze Feld da draußen. „Prosit Neujahr!" hatte Hans-Mitther beinah schon jetzt gerufen. —-- Liselotte war heute gar nicht recht vergiÄgk. Sie wußte selber mit ihren Gestihlen nicht aM noch eilt. M lvstr schrecklich. 816 fhe verwöhnte uttS umschwärmte Tochter eines reichen Mannes M feilt. 'Das Herz kam dabei viel zu oft in den Hintergrund Md die vielen, heimlichen Wünsche. . . Warum Leutnant Specht ihr heute wohl so seltsam konfus intib erregt seine drei Rosen überreicht hatte? Von schlechten Friedrichshagener Geschäftsverhältnissen redete er dabei und von ansverkausten Blumenläden. Der gute Junge war direkt komisch Ijeute. Sie hatte eigentlich große Angst vor Offizieren. Denn es war gar nicht schwer, sich in solche famose, kleidsame Uniformen Ku verlieben, man hatte so ein stolzes, vaterlanüstreudiges Gefühl dabei, wenn man denken könnte, sich eines Tages besiegt an die wundervoll blanken Knöpfe pressen zu lafsen —. Dazwischen war aber immer wieder ein anderes und vielleicht besseres Gefühl, erwachten Wtinsche, die ganz wo anders hinaus wollten, als zn dem lustigen und leichten Leutnant Specht. Dunkle Augen unter braun gelocktem Haar sah sie dann, einen ernsten, bittenden Mund, der sich doch niemals keck und- herausfordernd öffnen würde und sagen: „Ich will dich, ich brauche dich, obwohl ich nur ein armer, phantastischer Dichtersmann bin." Liselotte lief plötzlich aus dem sie umringenden Herrenkreis am Büfett fort und in das große Empfangszimmer der Villa, in dem grade die Tür von der Diele her geöffnet wurde. Tort blieb sie stehen, starrte den blassen, großen Mann, der soeben eingetreten, einen Augenblick trotzig an und nahm dann doch lachend die wundervollen und kostbaren Blumen von ihm an, die er heute mitgebracht. „Da hat er sicher sein letztes Geld für fortgegeben," durchfuhr es fie rasch und schmerzhaft. Sie sprach ein paar Worte mit ihm, führte ihn den Eltern Ku und verschwand dann plötzlich wieder. Durch zwei, drei über» füllte Gesellschaftsräume lief sie, über die Diele und die Treppe zu ihrem matt erleuchteten Gartenzimmer hinaus. Denn sie chatte etwas in den weißen, von Hans-Günther Leonhard überreichten Blumen gesehen, das beinah wie ein tief in der Manschette verstecktes Brieslein anssah. Richtig, ihre zitternden Finger hielten es' schon fest, es war ein Briefchen. Winzig klein und fein war es und von himmelblauer Farbe gleich der Manschette. „Dir, o Holde, gilt »nein Hoffen, Dir, o Reine, all' mein Sein, Willst du, steht der Himmel offen. Und ich bin auf ewig dein! Willst du, gib mir nur ein Zeichen, Daß ich deiner Lieb« wert, Und ich will dem König gleichen. Dem die ganze Welt gehört. . ." Liselotte las und stand wie angewurzelt. 'Das Blut kmn Innb ging auf ihrem Antlitz, die junge Brust hob und senkte- sich schwer, und der blonde Kopf neigte sich tief und immer tiefer. „Wie er dichtet, wie groß und herrlich er ist!" dachte sie. „Und wie zart und Poetisch er diesen Brief in seinen Blumen versteckt hat! Was war gegen so viel Poesie und Genialität ein Leutnant, den nur Pferde und Flirt, Manövergeschichten und Liebesmähler interessieren! Du sollst das Zeichen haben, Hans- Günther Leonhard!" Es war kurz vor Mitternacht, und im Speisezimmer bei Direktors wurde auf einer langen Tafel Blei gegossen. Hans-Günther stand abseits der lachenden Menschen und starrte tiefsinnig auf den unförmigen Klumpen Blei in seiner Hand, den er soeben aus dem Wasser gezogen. „Gold!" dachte er. „Aber es kann auch Kupfer sein! Oder eüt Klapperstorch mit geknickten Flügeln. Mensch-, werde bloß nicht abergläubisch auf deine alten Tage." Er blickte melancholisch auf und direkt in ein paar lockende, blaue Mädchenaugen. „Ach, Herr Leonhard... auf ein Wort, bitte. Sie interessieren sich doch so für fremdartige Blumen, bei uns im Wintergarten sind heute welche aufgeblüht. . . wollen Sie die mal Er nickte stumm und leidenschaftlich. Träumte er. Warum zitterte denn das süße Mädel so und sah ihn an, als wäre er plötzlich der Kaiser von China? Sollte da wieder der nette Silvestcrkobold im Spiele sein, um ihm zu einem unerhörten Glück zu verhelfen? Auf den Zehenspitzen schlich der Hüne der Voranschreitendcn nach. Bis er mit einem Male mitten .unter grünen Topfgewächsen Inn» rosenroten Oleanderblütcn stand. Vor ihm aber Liselotte mit großen bangen Augen, und sonst nichts ringsum wie himmelhohe Seligkeit. „Mädel," sagte er jauchzend, indem er blindlings zugriff. Sie lag ihm ein Weilchen still und glücklich am Herzen, dann hob sie den Kops. „Tas Gedicht ist wundervoll, tvas Sie — was du in den Blumen versteckt hattest," sagte sie ehrstirchtig und bewundernd. „T- . . . das Gedicht?" stotterte er. „I . . . ja .. . ja natürlich," setzte er gleich darauf erschrocken hinzu. Und küßte den willigen Mund noch einmal so, daß er gar nicht weiter fragen konnte. Als sich aber am nächsten Morgen, als die weinfröhlicheu Gäste des -Direktors mit dem ersten Zug nach Berlin zurückfahren Wollten, Leutnant Specht beim Stlitionsvprsteher nach einem Blumenstrauß mit blauer Manschette erkundigte, den er. gestern abend leider im Kapee hatte liegen lassen, wäre Hans-Günther dem hübschen, unglücklichen Jungen beinahe nm den Hals ge- lallen. Aber er nahm sich in seiner neuen Bräutigams-Würde doch sehr zusammen und sagte nichts weiter wie ein jitbelndes! „Profit Neuiahr!" zu dem lachenden Stationsbeamten. UR. warum immer gleich so--? Eine Ehehumoreske. Von Freiherr von Schlicht. . Wenn man den Frauen glauben darf — und man muß ihnen la sogar ost glauben, besonders wenn man verheiratet ist — wenn man also den Frauen glauben darf, dann sind die Frauen „nie so", wir aber, wir bösen Männer, sind „immer gleich so —". Die Frauen „nie", wir Männer „immer gleich". — Ich wollte mich an den Schreibtisch setzen, nm zii arbeiten,, Tas heißt, von einem Wollen meinerseits konnte gar nicht die Rede sein, denn ich war eben von einer langen Sommcrreisg zurückgekehrt, und nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene ist der erste Tag nach den Ferien gräßlich, die Arbeit schmeckt nicht und geht nicht von der Hand und bei unsereins! nicht aus dem Kopf. Aber ich mußte arbeiten, es galt ein Versprechen eiitzulösen, ich mußte für eine Zeitschrift einen längst zugesagten Beitrag abliefern, ich mußte arbeiten, ob mir etwas einfallen würde oder nicht. Ich setzte mich an den Schreibtisch, aber gleich darauf stand ich wieder auf, uni nachzuholen, was ich vergessen hatte: die strengste Anweisung au alle im Haus, mich unter keinen Umständen zn stören. Nicht einmal der Geldpostbote sollte vorgelassen werden, ich wollte allein fein. Und als ich die Mädchen instruiert hatte, wandte ich mich an meine Fran: „Nicht wahr, Betten, du tust mir auch den Gefallen, mich heute morgen nicht zu stören?" Zu den vielen vortrefflichen Eigenschafteit meiner Frau gehört es, daß sie mich nach ihrer gewissenhaften Ueberzeuaung niemals stört, wenn ich zu arbeiten habe. Aber wenn sie spazieren geht, klopst sie regelmäßig an meine Tür und ruft mir von draußen zu: „Ich gehe jetzt fort, und wenn es dir recht ist, treffen wir uns bann dort und dort." Wenn der Himmel trügerisch aussieht, klopft sie an meine Tür und unterhält sich von draußen mit mir eine Viertelstunde und länger darüber, ob sie nicht doch lieber einen Schirin mitnehmen solle, oder ob ich glaube, daß es nicht regnen würde. Meine Frau klopft jeden Tag ans einem anderen Grunde an meine Tür, und wenn sie nicht weiß, warum sie klopfen soll, bann klopst sie und ruft mir zu: „Ich wollte dir nur sagen, daß ich Mute nicht bei dir anklopfen werde, ich gehe jetzt fort." Es ist die gewissenhafte Ueberzeugung meiner Fran, haß sie mich niemals 'stört, und so sah sie mich auch jetzt ganz verwundert an: „Wie 'kommst du nur darauf, mich zu bitten, dich in Ruhe arbeiten zu lassen? Habe ich dich in den drei Jahren, die wir nun verheiratet sind, bisher auch nur ein einziges Mal gestört?" Jeder Ehemann muß an denk Hochzeitstage seiner Fran schwören, ihr stets die Wahrheit zu sagen, sie nie zu belügen und immer gegen sie offen und ehrlich zu fein, wie sie es selbst fortan gegen ihren über alles geliebten Mann sein will. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Frauen sehr schnell vergessen, was sie in dieser Hinsicht dem Manne versprochen haben. Tas erleichtert es dem Manne ungemein, auch seinen Schwur nicht zu halten, wenn er den Frieden seiner Ehe nicht zerstören will. So gestand ich denn meiner Frau, sie hätte mich noch nie gestört, noch nicht ein einziges Mal, und wenn ich sie trotzdem gebeten hätte, es auch heute nicht zu tun, so wäre das nur! deshalb geschehen, weil es doch immerhin möglich wäre, daß sie mir ausnahmsweise einmal etwas zu sagen hätte, bevor sie spazieren ginge. Meine Fran sah mich völlig verständnislos an: „Ich begreife nicht, wie du nur auf solchen Gedanken kommen kannst., Ist das bis heute, wie du selbst zugibst, noch nie geschehen- dann wird es heute erst recht nicht geschehen." Ta zog ich beruhigt von bannen, setzte mich an den Schreibtisch und wartete auf ben Augenblick, in bem meine Frau bei mir anklopfen würbe. Aber es geschah ein Wunbcr, meine Frau klopfte wirklich nicht an, statt dessen stand sie aber plötzlich, ohne angeklopft zu haben, mitten in meinem Zimmer, unmittelbar neben mir.. In die Arbeit versunken, hatte ich ihren Eintritt überhört, nun aber sah ich sie ganz erstaunt und mehr als erschrocken an: „Um Gotteswillen, was ist denn nur geschehen? Tn zitterst ja an allen Gliedern, komm, setze dich- zu mir." Aber meine Frau widersprach: „Du hast zu arbeiten, da will ich dich nicht stören, aber das muß ich dir doch sagen - Lina hat von ben wunderschönen großen Meißner Tellern wieder drei kaput geschlagen." . , „Na, wenn schon," verlachte ich meine Frau zu beruhigen, „hin ist hin, zerschlagen ist zerschlagen. Ich kaufe dir drei andere Teller, und damit ist die Sache erledigt. Tas ist doch jedenfalls kein Grund, dich gleich so zu erregen." Meine Frau glaubte nicht recht gehört zu haben: „Ich soll erregt fein? Tu weißt doch, im, Gegensatz zu dir, errege ich 816 Mich ii i e. Ich bleibe immer ruhig, während du bei der geringsten Veranlassung „immer gleich" so heftig wirst. Ich errege mich nie, am allerwenigsten über das, was die Dienstboten tun, und wenn du mir drei neue Teller schenken willst, oder noch besser gleich neun, damit ich dann nicht nur ein halbes!, sondern ein ganzes Dutzend habe, brauche ich mich ja auch weiter nicht zu ärgern, aber daß ich mich im ersten Augenblick rasend geärgert habe, darf dich nicht weiter verwundern." Der Mann, der sich bei einer Frau überhaupt noch verwundert, verdient gar nicht, daß es Frauen auf der Welt gibt. Und so verwunderte ich mich denn auch nicht weiter über die unlogische Logik meiner Frau, sondern warf nur verstohlen einen Blick auf die vor mir stehende Schreibtischuhr. Ich hatte zu arbeiten, und die Zeit drängte. Aber so leise und verstohlen auch mein Blick gewesen war, meine Frau hatte ihn doch bemerkt und sagte jetzt: „Du brauchst doch nicht so ostentativ auf die Uhr zu sehen, ich gehe so wie so gleich wieder, denn ich will dich absolut nicht stören, aber wenn ich so erregt bin, dann muß ich mich dir gegenüber aussprechen, ich habe doch sonst niemanden auf der Welt." In stiller Ergebung faltete ich meine Hände vor dem Leib und sagte so liebevoll wie mir möglich: „Tn hast recht, mache deinem kleinen Herzen nur Luft und sprich dich aus." Und meine Frau sprach sich aus, und während sie sprach, rauchte ich eine Zigarre nach der andern. Bei der dritten Zigarre war mein Bedarf an morgentlichem Tabak gestillt, aber meine Frau sprach immer noch. Immer noch. Und die Uhr, die V210 gewesen war, als meine Frau in das Zimmer trat, zeigte jetzt Val2. Und öde und leer wie die Wüste Sahara lag vor mir das Manuskriptpapier, das vollgeschrieben werden sollte: die Redaktion und die Druckerei warteten. Und meine Frau sprach sich immer noch aus. Ta fing ich plötzlich langsam, aber sicher an, nervös zu werden, ich merkte^ wie die Nerven im Kopfe zuckten und schmerzten, wie in dem Schädel ein Kribbeln und Krabbeln begann, als wenn dort Ameisen herumliefen. Tie Fingerspitzen zitterten und die Füße klopften unruhig auf den Teppich. Aber ich wollte nicht nervös werden, mit eiserner Energie zwang ich mich zur Ruhe, zwei Stunden hatte ich mich in der Gewalt gehabt, warum sollte ich mich da nicht noch zwei Stunden beherrschen können? Und während meine Fran noch immer weiter sprach, spielte ich den „Beherrscher". Sich selbst besiegern ist der schwerste Sieg. Napoleon und Friedrich der Große kamen mir plötzlich wie Waisenknaben vor. Tie hatten nur andere besiegt, ich aber Bis ich dann doch einsah, daß ich die Schlacht mit mir verlieren würde. Aber daran war ich nicht schuld, sondern nur die Uhr, die plötzlich zwölf schlug. Was half es, daß ich sie in der ingrimmigen Wut, die über mich kam, mit aller Gewalt gegen die Wand warf — sie hatte doch schon zwölf geschlagen. Und dann sprach. i ch mich aus. Alles, was sich in den letzten 2V? Stunden in mir gesammelt hatte, mußte herunter von der Seele, wenn ich nicht ersticken wollte. 2V» Stunden sind eine lange Zeit, da kann sich viel Explosionsstoff bilden, und die Spannung wird um so größer, je länger inan den Augenblick der Entscheidung hinausschiebt. 2V2 Stunden hatte ich mich beherrscht, das sind 150 Minuten ober 9000 Sekunden. Aber als ich dann endlich mit einem lauten Knall explodierte, da sah meine Frau mich mit ihren großen blauen Kinderaugeu, in denen Tränen schimmerten, auf den Tod erschrocken an und mit einer Stimme, der man es deutlich anhörte, daß sie mich wirklich nicht verstand, rief sie mir zu: „Ich begreife dich nicht, wie kannst du nur „immer gleich so" heftig sein?"---- Vermischter. * Wieso wird man satt? Man wird geneigt sein, kiese Frage dahin zu beantworten, daß das Gefühl der Sättigung van der Ansüllung des Magens mit Speisen herrührt. Doch man kann dasselbe Gefühl — wenn auch vorübergehend — Hervorrufen, wenn man dem Magen Tinge, die keine Nührkraft haben, ttnm die berühmte Suppe mit Kieselsteinen, schlucken läßt Es muß also ein rein physikalischer Zusammenhang zwischen Mageninhalt -und Magenschlauch- bestehen, der das Sättiguugsgefühl auslöst. Versuche, die über diese Frage van Prof. Neißer und Dr Brauning-Stettin vorgeuommen und in der Münchener Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht wurden, ergaben schr interessante Ergebnisse. Es zeigte sich ein Unterschied in den Stoff- inengeu, die. zum Eintritt des Sättigungsgestihls nötig waren, I« nach der Konsistenz der Nahrung. Wurde Kartoffelbrei gereicht, so trat Sättigung ein, wenn 250 ccm verzehrt waren, oet Zuführung von Wasser aber wurden 800 ccm erfordert We Mr)arf)c davon ist, wie man aus Röntgenaufnahmen weiß, daß das Waner schneller den tiefsten Punkt des Magens erreicht. Teni Kartoffelbrei stellt sich der Druck des Magens entgegen, der die Nahrung nur langsam — etwa in drei Minuten — nach unten vOrdrinyen läßt. Je stärker diese Magenzusammenziehung/ die sog. „Peristole", ist, Mitt so schneller tritt das Sättigung^-! gesühl ein. Tiefe Peristole wird ausgelöst durch den Schluckakt. Daraus folgt, daß, wenn man bei-der Ernährung den Schluckakt umgeht, die Peristole gar nicht und das Sättigungs- gefühl erst später eintritt. Diese Vermutung Prof. Reißers bestätigte sich. Teim die Personen, die mit der Schlundsonde ihre Nahrung erhielteii, gaben erst viel später an, satt zu fein. Von diesen physiologischen Vorgängen zu krankhaften Erscheinungen ist nur ein Schritt. Erhöht sich durch irgettd einen Umstand der Druck, dem der Magen ausgesetzt ist, so wird sich vorzeitig das. Sättigungsgefühl einstelleu, viel früher, als die für die Erhaltung des Körpers notwendige Nahrungsmenge in ihn gelangt ist. Auch dies vermochten die Untersucher experimentell zu belegen. Sie erhöhten den Truck im Magen durch äußeres Schnüren, und das Sättigungsgefühl stellte sich sehr bald ein. So magern zahlreiche Personen besonders weiblichen Geschlechts stark ab, atu. geblich weil sie nicht genug Appetit zum Essen haben, während dock) das zu frühe Eintreten der Sättigung eine genügende Nahrungsaufnahme verhindert. Wurde das Tragen schnürender Kleidung, besonders des Korsetts, verboten, so trat häufig eine Besserung ein. Erhöhte eine innere Ursache bett Druck im Innern' des Magens, so konnte man eine Besserung erzielen, indem mast die Kranken die Nahrung im Liegen nehmen ließ. * Am Monatsende. Buchhalter (der nur ein paap Würstchen gegessen hat): „Wenn ich einmal satt bin, kann ich nichts mehr essen, und wenn's das beste wäre." — Kollege: „Auch nicht auf Kredit?" * Verplappert. Hausfrau (einen Grenadier in der Küche treffend): „Sind Sie die einzige Schwester von dem Gefreiten?^ — Dienstmädchen: „Hoffentlich!" Stecklinge zn Neujahr. Und immer sind's die gleichen Fragen: Wie weiter nun: nach rechts? nach linkst Und immer doch bleibt nichts zu sagen, als eben: geh, versuch's und zwing's 1* * Die Alten erstegeu's, die Jungen vertiegen's. * Ein jeder ist auf seine Art verrückt, der eine mehr, der andre weniger geschickt, * - । Früher hat man drüber gelacht, und dann hat ntan’S auch gemacht. Sturmwetter, Regen, Sonnenschein. wie du willst, so ivird es fein. * Auch die allerschwersten Sachen lassen sich mit Lachen machen. * Der Kleine streikt, Ter Große schweigt. ■ Cäsar Flaischlen. rtönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weis« miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht. sähe nicht scheiden jahres wer beim ernften des noch einmal ein auch so sollte lich nur r brachte zurück leiden ein kehrte sein es nütz ja es blick und hen so so manche Augen manchen fro freuten (Auflösung in der nächsten Nummer,) Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Ernst ist das Leben. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, ®te$e»