Donnerstag den 50. November uw AzsUäW ZWW Mi njEti HÄMT Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Berichte aus der Sakristei singen an, unter die Menge zu kommen — sie fielen langsam von Munde zu Munde, bis sie den Ort erreichten, an dem ich stand. Ich hörte die Fragen und Antworten mit leisen, eifrigen Stimmen um mich her wiederholen. „Haben sie ihn gefunden?" „Ja." — „Wo?" „An der Tür. Mit dem Gesichte an der Tür." — „An welcher Tür?" „An der Tür, die in die Kirche führt." — „Ist sein Gesicht verbrannt?" „Nein." „Ja." „Nein; versengt, aber nicht verbrannt. Er lag mit dem Gesichte gegen die Tür gelehnt, sag' ich euch ja." — „Wer war er?" ,,Ein Lord, sagen sie." „Nein, kein Lord. Sir Soundso; Sir heißt soviel wie Ritter." „Und wie Baronet." „Nein." -„Ja doch." „Was wollte er da drinnen?" „Nichts Gutes, kannst du glauben!" — „Tat er es vorsätzlich?" „Ob er sich vorsätzlich verbrannt hat!" — „Ich meine nicht sich selbst, sondern ob er die Sakristei vorsätzlich verbrannt hat." !— „Sieht er sehr schrecklich aus?" „Entsetzlich!" — „Aber nicht im Gesichte?" „Nein, nein; irrt Gesichte nicht so schlimm." — „Kennt ihn kein Mensch?" „Es ist da ein Mann, der sagte, er kennt ihn." — „Wer?" „Ein Bedienter, heißt es. Wer er scheint ganz verdattert zu sein und die Polizei glaubt ihm nicht." — „Weiß kein Mensch, wer es ist?" „stille —!" Die laute, klare Stimme eines Mannes von der Obrigkeit brachte das leise summende Gespräch um mich her augenblicklich zum Schweigen. Wo ist der Herr, der j.hn zu retten versuchte? frag die Stimme. Hier, Sir — hier ist er! — Dutzende von eifrigen Gesichtern drängten sich um mich, und Dutzende von Armen trennten die Menge. Der Mann .kam mit einer Laterne in der Hand zu mir heran. Hierher, Sir, Wenns gefällig ist, sagte er ruhrg. Es war mir nicht möglich, zu ihm zu sprechen und unmöglich, mich ihm zu widersetzen, als er meinen Arm faßte. Ich versuchte ihm zu erklären, daß ich den Toten nie zu dessen Lebzeiten gesehen. Mer die Worte erstarben mir auf den Lippen. Ich war schwach, und stille und hilflos. Kennen Sie ihn, Sir? , Ich stand mitten in einem Kreise von Männern. Drei von ihnen, die mir gegenüberstanden, hielten Laternen tief am Boden. Ihre Augen und die Augen aller übrigen waren erwartungsvoll auf mein Gesicht gerichtet. Ich wußte, was zu meinen Füßen lag — ich wußte, waruml sie die Laternen so tief am Boden hielten. Können Sie ihn identifizieren, Sir? Meine Blicke senkten sich langsam. Zuerst sahen sie nichts als ein grobes Tuch. Das Tröpfeln des Regens war auf ihm deutlich zu hören. Ich blickte weiter hinauf cm dem Tuche entlang, und da am Ende, steif, grimmig und schwarz in dem gelben Scheine — da lag sein totes Gesicht. So sah ich ihn zum ersten und zum letzten Wale. XII. '■ Die Totenschau wurde aus gewissen Lokalgründerh welche bei dem Leichenbeschauer und den städtischen Behörden ins Getvicht fielen, beeilt. Sie fand am Nachmittage des folgenden Tages statt. Ich war notwendigerweise rmter den Zeugen, die für die Untersuchung vorgeladen wurden. Am nächsten Morgen war ich mit meinem Berichte für Marianne, von der ich einen Brief erhalten, bis zur Stunde der Untersuchung beschäftigt. Besonders warnte ich sie, Laura eine Zeitung in oie Hand zu geben, und' bat sie, sie so schonend wie möglich auf die Nachricht vorzubereiten. Die Untersuchung ergab zwar mit Sicherheit die Identität des Verunglückten, aber die Entstehung des Feuers blieb in Dunkelheit gehüllt. Meine eigene Anschauung, die ich aus guten Gründen bei mir behielt, war die folgende: Die Nachricht, daß ich wider Erwarten auf Bürgschaft freigelassen, trieb vermutlich Sir Percival auf seine letzten Hilfsmittel zurück. Der Angriff gegen mich auf der Landstraße war das eine, und die Beseitigung jeden tatsächlichen Beweises seines Verbrechens, durch die Vernichtung des Blattes im Kirchenbuche, auf dem die Fälschung begangen worden, war das zweite und sicherste von beiden. Falls ich keinen geschriebenen Auszug aus dem Kirchenbuche beibringen konnte, damit er mit der beschworenen Mschrift in Knowlesbury verglichen würde, hatte ich keinen entschiedenen Beweis gegen ihn und konnte ihm daher nicht damit drohen, ihn durch Bloßstellung zugrunde richten zu wollen. Alles, dessen er für seinen Zweck bedurfte, war, daß er ungesehen in die Sakristei gelaugte, daß er das Matt aus dem Kirchenbuche risse und dann die Sakristei ebenso unbemerkt, wie er sie betreten, wieder verließe. Nach dieser Voraussetzung ist leicht zu begreifen, warum er bis Einbruch der Nacht wartete und warum er die Abwesenheit des Küsters benutzte, um sich die Schlüssel zu verschaffen. Er war gezwungen, ein Licht anzumachen, um das betreffende Kirchenbuch zu finden, und die gewöhnlichste Vorsicht erforderte, daß er die Tür von innen verschloß, für den Fall, daß irgend ein neugieriger Fremder oder etwa ich ihn zu stören käme, falls ich zufällig in der Nähe war. Ich kann nicht glauben, daß es irgendwie in feiner Absicht gelegen, die Vernichtung des Kirchenbuches im Lichte eines Unfalles erscheinen zu taffen,, indem er die Sakristei — 750 — Vorsätzlich in Brand steckte. Die bloße Möglichkeit, daß । schnelle Hilfe kommen und die Bücher etwa gar gerettet würden, mußte nach kurzer Ueberlegung genügt haben, um ihn den Gedanken wieder aufgeben zu lassen. , Wenn ich an die Masse leicht entzündbarer Gegenstände in der Sakristei denke — an das Stroh, die Papiere, die Packkisten, das trockene Holz und die wurmstichigen alten Schränke — so deuten alle Wahrscheinlichkeiten meiner Ansicht nach darauf hin, daß das Feuer die Folge eines Unfalles war. Die Leichenschau wurde um einen Tag vertagt; denn es war nichts entdeckt worden, was das Auge des Gesetzes als genügende Erklärung der geheimnisvollen Umstände des Falles hätte anerkennen können. Man kam überein, noch mehr Zeugen zu vernehmen und den Rechtsanwalt des Verstorbenen _ aus London zu verschreiben. Auch wurde ein Arzt beauftragt, über den geistigen Zustand des Dieners zu berichten, da er augenblicklich unfähig schien, irgendwie Zeugnis von Wichtigkeit abzulegen. Meine eigene Ueberzeugung ging dahin, daß man ihn lohne schuldiges Mitwissen von seiner Seite) dazu gebraucht hatte, sich von der Abwesenheit des Küsters zu überzeugen und bann int Nebenwege (doch außer Gesichtsweite von der Sakristei) zu warten, um für den Fall, wo ich dem Angriffe auf der Landstraße entginge und hier mit, Sir Percival zusammenträfe, seinem Herrn Beistand zu leisten. Ich muß jedoch hinzufügen, daß des Mannes eigene Aussage diese meine Ansicht nie bestätigt hat. Der ärztliche Bericht über ihn lautete dahin, daß das Wenige, was er an Geistesfähigkeit besitze, ernstlich erschüttert sei; in der vertagten Untersuchung wurde nichts Befriedigendes aus ihm herausgebracht, und soviel rch weiß, ist er bis auf diesen Tag noch nicht wieder hergestellt. Ich kehrte geistig und körperlich so erschöpft und durch alles, was ich durchgemacht, so geschwächt und niedergedrückt zum Gasthofe in Welmingham zurück, daß ich nicht imstande war, die Unterhaltung über die Leichenschau und die trivialen Fragen zu ertragen, welche die Gäste im Kaffeezimmer an mich richteten. Ich zog mich nach meinem frugalen Mittagsmahle auf mein schlichtes Dachstübchen zurück, um mir etwas Ruhe zu gönnen und ungestört an Laura und Marianne denken zu können. Falls ich mehr Geld gehabt hätte, so wäre ich nach London gefahren, um mich noch diesen Abend durch den Anblick der beiden lieben Angesichter zu erquicken. Aber ich war verpflichtet, bei der vertagten Untersuchung zu erscheinen und doppelt verpflichtet vor der Behörde zu Küowlesburh, der für mich geleisteten Bürgschaft nachzukommen. Unser bescheidenes Kapital hatte bereits ohnedies gelitten, und die zweifelhafte Zukunft — jetzt zweifelhafter denn je — warnte mich, es unnötigerweise noch zu verringern, wenn es selbst nur die unbedeutende Ausgabe einer doppelten Eisenbahnfahrt dritter Klasse war. Den nächsten Dag — den, welcher unmittelbar dem Tage der Leichenschau folgte — hatte ich zu meiner eigenen Verfügung. Ich begann den Morgen, indem ich mir erst wieder den regelmäßigen Bericht von Mariannen auf der Post abholte. Ich sand ihn wie gewöhnlich vor, und er war durchweg mit frohen Lebensgeistern geschrieben. Dann ging ich spazieren und überleg, e mir unsere Lage. Nicht zum ersten Male dachte ich daran, wie für jetzt wenigstens alle Hoffnung darauf, Lauras Identität zu behaupten, durch Sir Percivals Tod über den Haufen geworfen war. Er war tot — und mit ihm die Aussicht, auf die ich meine größten Hoffnungen gebaut hatte. Einige Stunden später, als ich allein im Gastzimmer saß, Überbrachte mir der Kellner einen Brief. Er war an mich adressiert und, wie man mir sagte, gerade vor Dunkelwerden, ehe das Gas auge'zündet gewesen, von einer Frau abgegeben worden. Sie halte nichts gesagt und war schon wieder fortgegangen, ehe man noch Zeit gehabt, zu fragen, wer sie fei. XIII. Ich öffnete bett .Brief. Derselbe war weder datierst noch unterzeichnet, und die Handschrift war sichtbar verstellt. Doch ehe ich noch den ersten 'Satz zu Ende gelesen;, wußte ich, wer ihn geschrieben: es war Mrs. Catherick. Er lautete: P. P. Sie sind nicht wiedergekommen, toie Sie sagten, daß Me tun würden,' Einerlei. Ich habe die Nachricht erfahren und schreibe, um Jhnen dies zu sagen. Sahen Sie irgend etwas Besonderes in meinem Gesichte, als Sie mich verließen? Ich dachte in meinem eignen Herzen, ob wohl der Augenblick seines Unterganges gekommen und ob Sie etwal das dazu erwählte Werkzeug seien. Sie waren es — und! Sie haben diesen Untergang herbeigeführt. Sie waren schwach genug, toie man sagt, zu versuchen, fein Leben zu retten. Wäre Ihnen dies gelungen, so hätte ich ,Das Beste, was vorhanden ist, meine Herren." „Gut! komme ein wenig mit zu den Schafen, dort wirst Kl auch gute Sachen finden!" sprach Stock. Ms die Männer weg waren, ging Anna in das Wohnhaus. Frau Stock hatte nach ihr gefragt. Sowohl Frau Wallbott, als auch das Mädchen fuhr ein wenig zusammen, als sie sich unverhofft sahen. „Das ist ja die barmherzige Samariterin, die heute so wacker eingriff, als das Botenkathrinchen von Frischborn einen Unfall erlitt," erzählte Frau Regine. Das Mädchen geriet in Verlegenheit; mit Mühe brachte es einige Worte hervor. Frau Stock gab ihm verschiedene Aufträge, worauf es sich Entfernte. (Fortsetzung folgt.) was ein guter Noch wert ist. Die Geschichte des Wiener Kongresses hat zur Genüge gelehrt, welch ein Feinschmecker der berühmte Talleyrand war und wie schlau er seine delikaten Mahlzeiten als Köder benutzte, um im Trüben für das zu Boden geschlagene Frankreich noch namhafte Vorteile herauszufischen. Während es sich um die Geschicke Europas handelte, flogen Kuriere nach allen Weltgegenden, um den besten Käse aussindig zu machen, und Talleyrands fromage de Brie wurde feierlich zum König der Käse ernannt. Der schlaue Franzose wußte, daß es sicherer sei, auf den Magen erlauchter Häupter zu wirken als auf ihr Herz, denn da stößt man nur allzu ost aus großen Widerstand. Nach dem Sturze Napoleons verhaftete man den Marquis de S. wegen eines groben politischen Vergehens, und sein Leben stand nach den Voruntersuchungen in großer Gefahr, Die junge, schöne Gemahlin des Angeklagten eilte solort nach Paris. Talleyrand, der als Staatsmann so feine Fühlhörner besaß, daß er stets die großen Katastrophen voraussah und dann geschickt den Mantel nach dein Winde drehte, war unter Ludwig XVIII. ebenso einflußreich geblieben, ivie zuvor. Ihn suchte die Dame jetzt auf. erinnerte ihn an die Zeit, da er als Gast auf ihrem Schlosse in der Champagne geweilt hatte, und flehte ihn unter heißen Tränen an, er möge ihren Gatten retten. Der allmächtige Staatsmann schien nicht unempfindlich zu sein für die Bitten der schönen Frau. Galant bot er ihr den Arm und geleitete sie in ein abgelegenes Zimmer. Dort angekommen, schloß er sorgkültig die Tür, führte dann die Marquise zu einem Fauteuil und nahm dicht an ihrer Seite Platz. — „Sie haben süße Erinnerungen in meiner Seele wachgeruien, schöne, angebetete Frau," begann Talleyrand schwärmerisch nnb ergriff die Hand der unruhig uitd ängstlich werdenden Dame. „Das Leben ihres Gatten schwebt in großer Geiahr; >ch allein kann ihn retten. Wären Sie aber auch imstande, für seine Freiheit ein Opfer zu bringen?" — Die arme Marquise errötete tief und antwortete mit bebender Stimme: „Jedes, mein Fürst, das sich mit meiner Ehre und — Tugend vereinbaren läßt." — „Wohlan denn," fuhr Talleyrand geheimnisvoll fort, und seine brennenden Augen blickten die Geängstigte durchbohrend an, „ich bin noch heute entzückt bei der Erinnerung an jene herrlichen Tage, die ich unter Ihrem Dache verlebte: diese Spaziergänge im rauschenden Park, und dann die göttlichen Diners, die ihre geistvolle Konversation mit einem Hauch der Poesie übergoß — ach! mir ist's jetzt noch, als alnie ich den köstlichen Duft der dampfenden Goldfasanen ..." Der Marquise wurde es bei dieser Schwärmerei heiß und bang ums Herz. Aengstlich sank sie vor dem Diplomaten itieder und ries: „O, wenn Ihnen das Andeirken an jene Gastfreundschaft teuer ist, so seien Sie edel und fordern Sie nicht Unmögliches von mir." „Madame, Sie hatten damals einen Koch. Dieser Mensch war ein Künstler; steht er noch in Ihren Diensten?" „Gewiß, aber —* „Nun denn," fuhr Talleyrand mit großem Pathos fort, „das Leben Ihres Gemahls ist ein großes Opser wert, und das fordere ich jetzt von Ihrer Liebe . . „Liebe?" wiederholte die Marquise verwirrt. „Ja, von der Liebe zu Ihrem Gatten. Madame, geben Sie mir Ihren — Koch!" Sprachlos vor Staunen blickte die Marquise in das ernste Gesicht des Diplomaten. Sie wußte nicht, ob sie aufjubeln oder sich ärgern sollte. Sie halte eine ganz andere Forderung erwartet. Der Austausch zwischen Koch nnb Marquis ging alsbald vor sich und die Wiener Kongreßakte beweisen, welch mächtigen Alliierten Talleyrand gewonnen hatte in — diesem Küchenmeister. Vücherttsch. — Der soeben erschienene illustrierte Weihnachts« Almanach der G. Groteschen Verlagsbuchhandlung in Berlin wird eingeleitet von einem Märchen „In der Neujahrsnacht" von Ernst Borkowsky und enthält die Anzeigen der Neuerschem nungen des Jahres, begleitet von zahlreichen Porträts der Autoren des Verlages sowie anderen Abbildungen. Das Bändcheg wird vom Verlage unentgeltlich und postfrei abgegeben. Silbenrätsel. a, al, be, bürg, ca, ci, ei, de, del, dor, darf, el, fest, he, he, Heid, ifl, li, ne, ni, ni, o, rings, ster, ten, tro, ung, ve. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen neun Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die AnfangS- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen die Namen zweier Maler ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Weiblichen Vornamen. 2. Eine Südfrucht. 3. Ein Ostseebad. 4. Einen Vogel. 6. Assyrische Stadt. 6. Eine Schutzvorrichtung. 7. Deutsche Stadt. 8. Ein Insekt. 9. Griechischen Schriftsteller. Auflösung in nächster Nummeür Auflösung der altägyptischen Hieroglyphen in voriger Nummer; Stark ist des Menschen Arm, wenn ihn die Götter stützen. Redaktion: K» Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lang«, Gieße»