>!I Das nette Mädel. Roman von Fedor von ZobelttK« (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Traute lachte leise auf: eher künstlich als herzlich. „Prachtvoll gesagt," entgegnete sie. „Bewundernswert, wie Ihnen die Phrasen zuströmen! . . ." Dann wandte sie sich rasch ab. Sie sah Niels Kruse in den Saal treten. Er kam mit Hans Eggers, dem Tiermaler, blieb einen Augenblick in der Türe stehen und rief lustig: „Ah — 'charmant! Das Präludium!" Er grüßte nckch allen Seiten. Man umdrängte ihn. Er war ungeniert wie immer, duzte die Modelle und "kniff sie in die Wangen, gab einem der Mädchen seinen Hut und warf dem andern den Havelock zu und sah nun zufällig Traute. Er nickte ihr zu und winkte. „Salve, signorina! Geben Sie mir das Patscherl!" . . . Er machte sich rücksichtslos Platz, bis er neben Traute war . . . „Come sta? Dumme Frage. 'Bäckchen wie Pfirsichblüten und ein Mund luie Herzkirschen. Da soll man nicht nach dem Befinden fragen. Am Mittwoch, Mädelchen — vergessen Sie nicht!" Er ging weiter oder vielmehr: er wurde im Triumph weitergeführt. „Es ist schon besser. Sie vergessen d o ch," raunte eine Stimme Trante zu. Es war Fred Dewa, der an ihr vor- uberging. Und plötzlich war auch lvieder Everstcdt neben ihr. Sein Blick streifte an ihr herab und umzog die Konturen ihrer Gestalt. Sein .Lächeln war häßlich. „Der Wolf wird die Kleine doch noch einmal fressen," sagte er. „Sehen Sie nur, was er für starke und große Hähne hat. . ." Jetzt strömte alles nach vorn, wo ein Rednerpult stand, drängte und zwang sich zwischen den Stuhlreihen hindurch, eilte, stürzte und stolperte: lachend, schwatzend und schreiend. Traute wurde mitgeschoben. Sie fühlte sich verwirrt und benommen. Ihr war ganz seltsam zumut: als sei ihr Denken gelöscht; als sei sie nur körperlich hier, und ihre Seele wandle draußen auf der Heide spazieren. Diese Heideluft spürte sie und den Geruch von Bienensaug und wilden Anemonen. Rechts und links schoben sich zwei Arme unter die „Wir wollen eine Phalanx bilden," sagte Lili Men- kens. „Feststehen," sagte Fräulein Henny, „sonst verschlingt uns der Strudel." Das Gedränge war arg. Traute sah, wie Herr von Avedon schützend seinen Arm um die Taille von Suse Appelmann legte. Es war ganz Mt, daß Lili und Henny ihr Halt gaben. Ihr Gesicht verblich; sie fühlte sich plötzlich zum Umfallen müde; rote rollende Punkte tanzten vor ihren Angen. Was war ihr nur? — lieber den Köpfen tauchte die Hünengestalt Kruses auf. Er stand auf der Rostra und schwang eine große Glocke, Das Läuten dröhnte durch den Saal. Man hielt sich die Ohren zu; es war betäubend. Aber Traute weckte es aus ihrer Schwächeanwandlung. Vielleicht hatte nur die Luft sie bedrückt. Es war sehr tvarm, obwohl am Mittelfenster eine Scheibe geöffnet worden war: gerade die mit dem Wappen der Everstedts. Da glitt die Sonne hinein und flimmerte über die feine Staubschicht, die vom Boden aufstieg. Trautes Augen waren wieder hell geworden. Aber sie war zu klein, uni altes übersehen zu können. Bor ihr ragte der Riesenhut der Diseuse aus dem Kabarett zur tollen Wachtel; daneben leuchtete das Brandhaar der Bertncei. Um das Rednerpult schienen sich die Mannen der Goldenen Horde geschart zu haben. Nur Herr von Yvedon klebte mit der dicken Suse in einer Ecke, und die massige Breite Friedericis schützte die beiden wie eine verschwiegene Mauer. Niels Kruse hatte einen Packen Papiere aus der Brusttasche geholt. Die Glocke schwieg. Kruse schlug mit den Papieren auf den Tisch. Es war ganz still geworden. „Mesdames et messieurs," begann er, „ich freue mich..." Aber er kam nicht weiter. Die Eingangstür wurde aufgestoßen, und von dort aus rief eine Stimme, die an Kommandieren gewöhnt schien, ein gewaltiges „Ha—alt!" Jetzt ging es wie ein Schauer durch die Versammlung. Man hörte Säbelklirren: ein paar Schutzleute gruppierten sich gemütlich um die Tür. „Mein Göttchen," wisperte Lili Menkens, „wir werden eingelocht!" Auch ein unterdrückter Schrei ertönte: er kam von Ellen Meier, die wie Espenlaub zitterte. „Was ist denn los zum Bombendonnerwetter?!" rief Kruse und reckte den Hals. Die Kommandostimme antwortete ihm: „Guten Morgen, Herr Professor! Ist die Erlaubnis für die Versammlung eingeholt worden?" Die Kommandostiinme kam näher. „Bitte, mich durchzulassen. . ." lieber blausamtenem Kragen glänzte ein schnurrbärtiges, sehr gemütliches Weingesicht mit kleinen vergnügten Aeugelchen. Der ganze Mensch sah tote eilt Bacchus in Uniform aus. Aber es war kein Bacchus, sondern etwas viel Gewichtigeres: es war der Polizeihauptmann der Stadt, Herr von Lönehfen, die rechte Hand Seiner Gestrengen des Polizeidirektors Doktor I. Th. F. Abraham Kadura, eines Mannes, der den Pflichteifer so weit trieb, daß er häufig höchstselbst durch die Laster- stätten der Stadt streifte, um nach: dem Unrechten zu spähen. '-*• 466 „Morgen, Herr von Löneysen," rief Mels Kruse grüßend zurück. „W as sell es geben? Ob ich Erlaubnis habe, vor diesem distinguierten Publiko meine Pläne und .Absichten klar zu legen? Natürlich Erlaubnis, da kein Verbot -vorliegt." . Der Polizeihauptmann kannte alle Welt. Alle Welt kannte auch ihn. Er nickte freundlich nach rechts und links: immer gleich freundlich, ob er einem kleinen Modell zuzwinkerte, ob er Fräulein Henny begrüßte, ob- er Everstedt winkte. Nun stand er dicht vor dem Rednerpult und gab Niels zutraulich die Hand. „Verboten ist alles, was nicht erlaubt ist," sagte er und zeigte die Zähne unter dem hängenden Schnauzbart. „Nämlich erstens: die Versammlung ist polizeilich nicht angemeldet worden." . „Lönehsen, wir sind doch keine Sozialdemokraten!" rief Everstedt erbost. „Sei still, Everstedt, ihr seid viel doller. Nämlich zweitens: Sonntags zur Kirchenzeit darf überhaupt keine Versammlung abgehalten werden." Kruse schlug mit der Faust aus das Pult. „Zackerlipopett, Herr Hauptmann, nun wird mir's zu bunt! Was wollen Sie denn immer mit einer Versammlung?! Wir sind hier einfach zusammeugekommen, um uns über has Maifest zu unterhalten! Wir sind friedfertige Leute! Wir politisiereu nicht! Wir achten die Regierung und lassen den Oberbürgermeister leben!" „Nämlich .drittens," sagte der Polizeihauptmann, „ich löse die Versammlung auf!" Nun stand er auf der Rednerbühne, dicht neben Kruse. Er war ein riesiger Mensch, fast größer als Kruse. „Wachtmeister Klamroth!" schrie er. „Herr Hauptmann?!" gröhlte eine tiefe Stimme 'zurück/ । i 1 : ■ t ! I ■ „Sechs Leute sollen den Saal räumen helfen. Drei äus die Treppe, drei vor das Haus. Keine Rottenbildung aus der Straße." „Befehlen, Herr Hauptmann!" gröhlte es abermals. Die Arme Kruses fuchtelten durch die Luft. „Ich protestiere! Hiergeblieben! Nicht fortlaufen! Kreuzhimmel- schockschwereno't! Everstedt, Dewa, Mürsinna, Eggenolphs r- Seuatorensöhne, Stützen der Gesellschaft, laßt ihr euch das gefallen?! Ist das die Freiheit dieser freien Stadt?!" „Lönehsen, das ist unerhört!" ries Everstedt. „Jag mal -deine Schntztruppen zum Teufel! Du siehst doch, daß -Damen hier sind!" Da beugte sich- der Hauptmann über das Pult, legte die Hände um den Münd und flüsterte Everstedt zu: „Aber ihr wolltet Gesindel aus ihnen machen, ihr verflüchtigen Spitzbuben!" Es hatte keiner weiter gehört. Nur Everstedt. Und der begriff ohne weiteres die Situation. Die Mädchen mußten geplaudert haben. Der Ausdruck „Gesindelsaisvn" hätte das Patriziat erschreckt. Hinter der Verschwörung der Rücksichtslosen lauerte eine Verschwörung der Rücksichts- nahme. Die Reaktion kam, ehe die Revolution im Gange war. Kam auch gleich mit der Gewalt der Waffen. Ein simpler Leutnant genügte nicht; der Polizeihauptmann mußte eiligreifen. Aber Everstedt zürnte nicht mehr; es wär eine Wendung, die ihm recht war. Er hatte die Sache schon satt. Es gab eine neue Abwechslung. Die Schutzleute mischten sich bereits in die Menge. „Bitte, den Saal zu verlassen . . . Bitte, meine Herr? schaften." . . . Da schwirrte noch einmal die Glocke los: Everstedt hatte sie ergriffen. „Meine Damen und Herren," rief er. „Es ist nutzlos, sich dem Stärkeren zu widersetzen. Gehen wir ruhig nach Hause! Eine gütige Macht wacht über uns, damit wir keine Dummheiten machen. Wir haben gegen das Gesetz gefehlt. Das besetz ist die Moral. Die Moral trägt einen blauen Samtkragen und waschlederne Handschuhe und einen klirrenden Salm!. Die Polizei ist die wahre Hüterin, echter Moral. Zeigen wir unsern loyalen Bürgersilin und lassen wir ihren würdigsten Vertreter hochleben. Unser lieber getreuer Polizeihauptmann von Lönehsen — hoch, hoch, hoch!" Der Schrecken war verflogen, die Stimmung wieder da. Das Hoch wurde frenetisch herausgejubelt. Die Schutzleute standen stramm; sie wüßten nicht, was sie anders machen sollten. Herr von Löneysen grinste von der Rostra herab'. Er war ein gemütlicher Tyrann. Sein Lächeln war immer ein Grinsen; es hatte etwas Nüßknackerhastes; es hatte eine unbeschreibliche Mischung von innerem Vergnügtsein und äußerer Bärbeißigkeit. Er winkte mit beiden Händen in den Saal hinab. „Schönsten Dank, meine Damen und Herren," sagte er; „so ist's recht. Respekt vor der Autorität und hingebende Liebe zu den Vertretern des Gesetzes. So ist's recht. Ich bin sehr zufrieden. Und nun bitte ich freundlichst, daß Sie sich empfehlen wollen. Grüßen Sie die lieben! Anverwandten." . . .. In drei Damen gärte es wild. Die hatten in das Hoch nicht mit eingestimmt. Lili Menkens und Eva Delbrück und Fräulein Henny waren äußerst empört. In ihren Adern floß Rebellenblut. Schmachvoll, dieser ganze Zustand! Das war eine Knechtung der freien Meinungsäußerung! Fräulein Henny hielt es nicht länger. Der heiße Grimm hatte ihr hübsches Gesicht in frohe Farben getaucht. Sie ballte die Händchen und trat mit energischer Bewegung vor den Störenfried. „Herr von Löneysen," rief sie, „in wessen Auftrage handeln Sie eigentlich?" „Aeh? ! . . ." Der Polizeihauptmann grinste wieder fei» behaglichstes Grinsen. . . „In wessen Auftrag? Gnädigstes Fräulein, zunächst in eigenem. Aber auch in höherem : in dem des Herrn Polizeidirektors. Und in u o ch höherem: in dem von dero Herrn Vater, regierendem Bürgermeister hiesiger Stadt . . ." Er schnaufte leicht . . . „Es ist nämlich alles an den Tag gekommen — alles, gnädigstes Fräulein, und das geht eben nicht. Die Tugend muß siegen. Das übrige wird Ihnen wohl die Frau Mama sagen." Damit stieg er rechtsseitig vom Pult ab, während Kruse links herabspr'ang. Auch in ihm siegte der Humor über den Aerger des Augenblicks. „Vergebene Liebesmüh !" rief er. „Everstedt, cs bleibt Lei dem Stumpfsinn." Die ganze Elite der Goldenen Horde umgab ihn'. Sonst hatte die Schutzmaniischaft ihre Pflicht getan: „höflich, aber energisch", wie ihre Vorschrift lautete, war der Saal geräumt worden. Die letzten großen Hüte schwankten durch die Tür. Nur bie. von der Horde hielten noch aus und trotzten der Gewalt. Diese Gewalt war in der Mitte des Saales aufmarschiert, die Hand an der Hosennaht (auch hanseatische Polizei hat militärisches Bewußtsein) und wartete weitere Befehle ab. „Was nun, Herr Professor?" fragte Eva mit zitternder Stimme. „Nichts weiter, liebes Kind," antwortete Kruste lachend. „Aber wir können doch in unseren Wohnungen alles besprechen, wenn das hier verboten sein soll!" rief Henny kläglich. „Wir werden die nächste Versammlung einfach polizeilich änmelden," erklärte Otto Eggenolph; „damit ist die Form erledigt." „Ja natürlich," sagte Herr von Löneysen nickend, „dann wäre ja soweit alles in Ordnung. Bloß wird über das Maifest nicht mehr viel zu reden sein." „Hoho — und warum nicht?!" — Lili Menkens stellte sich in Positur. Der Polizeihauptmann verbeugte sich ritterlich. „Weil sich in aller Schnelle bereits ein anderes Komitee gebildet hat, das die Arrangements in die Hand nehmen will, mein gnädiges Fräulein." „Ein anderes Ko—mi—fee—?" „Was denn für eins?" Kruse schüttelte sich vor Lachen. „Ra, da bin ich aber neugierig!" rief er. „Ich auch," sagte Mürsinna. „Darf man fragen, wer diesem Festkomitee augehört?" „I warum denn nicht," entgegnete Herr von Lönehsen schmunzelnd. „Zunächst die Frau Oberbürgermeister, dann Frau Senator Delbrück, dann Frau Senator Meyer, dann Frau Präsident Menkens und dann Frau Regina Appel- mann." „Die Mütter!" stammelte Lili entsetzt. „Es sind au,ch noch ein paar Herren dabei," fuhr der Polizeihauptmaim fort, „nämlich der Herr Superintendent — 467 — Dickhoff, der Vorsitzende für Armenpflege, Herr Senator Kniebusch, und der Syndikus Thielemann, eben derselbe, der im Namen der guten Sitte die Abhalfterung des schauderhaften Frieses am Neuen Seeanit glücklich durchgefetzjt hat — — derselbe. . . ." lind nun grinste der Polizeihaupt- mann wieder. Die jungen Damen schauten sich tote geistesabwesend au; die Muirdwinkel zogen sich herab, die frischen Wangen färbten sich Heller. Durch den Kreis der Herren aber ging es erst ivie ein gemeinsamer Knurrlaut, hierauf ivnrden pruschende Töne hörbar, dann ein schallendes Gelächter. „Kniebusch!" rief Eberstedt. „Ties Heupferd?!" „Und Dickhoff," fügte Wilm Noeldechen hinzu. „Tar- tüff im Talar — allerhand Achtung, allerhand Achtung!" „Und Thielemann," grunzte Kruse, „der Mann mit der erzenen Stirnbinde!" „Donnerwetter," rief Friederici und steckte die Hände in die Hosentaschen, „das kann hübsch langweilig werden!" „Aber anständig," antwortete Herr von Lönehsen. „Es wird in hohem Maße anständig werden . . ." Dann wandte er sich an die Mädchen . . . „Meine Damen — nichts für ungut, aber Sie sehen, meine Gefolgschaft wartet. Meine Herren, bringen Sie die jungen Damen nach „Wir können allein gehen," rief Lili Menkens fchnip- pisch. „Suse, Eva, Henny — kommt!" Fred Dewa stand schon neben Traute. „Darf ich Sie begleiten?" fragte er halblaut. „Herzlichen Dank, Herr Dewa — es ist wirklich nicht Nötig." „Mein Auto steht unten," sagte Everstedt; „wen kann ich äbfahren? — Sie, Fräulein Köhler?" „Ich danke bestens, Herr Everstedt." Sie ging bereits nach der Tür. Niels Kruse warf ihr einen Blick nach und folgte ihr dann rasch. „Einen Moment, Fräulein Köhler — ich habe noch eine Frage." Sie blieb stehen. (Fortsetzung folgt.) Eurer Chauffeur gesucht... Humoreske von H c n r i D e s l i n iöres. Autorisierte Uebersetzung von M argarete Schlesinger. „Iris Noirs", die Billa des Herrn Chantaume, lag im vornehmsten Teile des Oertcheus Jarville-sur-Mauldre, das jeder vis Villenstadt kennt. Sehr verlockend sah es ans, das kleine Besitztum mit dem Obst- und Gemüsegarten und dem herrlichen Bark, der bis zum Fluß hinabging; dort führte eine Tür direkt ans Ufer. Nur seine sonnige Lage war ein wenig störend; man mußte trotz des Schattens hoher Bäume in den Sommermonaten bei geschlossenen Jalousien leben. Dadurch machte das Häuschen lauf den Vorübergehenden den Eindruck, als sei es unbewohnt. Es war August und Herr Chautauine, der nichts so sehr fürchtete, wie die Sonnenglut, hatte eine Einladung der Familie Rosnay -abgelehnt, liebenswürdiger Nachbarn, die in ihrem Automobil Frau Chantaume nebst Kindern zur „Fontaine-anx-Wi- roirs" entführt hatten.. Nach seinem; einsamen Frühstück,, das er Mit ein paar Gläsern guten Weins gewürzt hatte, war er in ein zu ebener Erde gelegenes Zimmer gegangen, das gleichzeitig als Spielsaal, Bibliothek und Rauchzimmer diente. Schon lange ärgerten ihn die Rosnays mit ihrem Auto, das in allen Unterhaltungen Trumpf war. Er hatte beschlossen, es ihnen gleich zu tun, und seit zwei Tagen war er wirklich im' Besitz dieses unentbehrlichen Beförderungsmittels. Reben dem Gemüsegarten in der ehemaligen Futterkämmer stand es, und nun fehlte ihm nur noch der Chauffeur; denn so lange und angestrengt ;er auch in seinem Lehrbuch studiert hatte ■— die Praxis ersetzte es ihn» doch nicht. Er hatte darum eine Anzeige anfgegeben, ans die sich, da kein Brief gekommen war, heute ganz sicher jemand Melden mußte. Er blätterte noch ein wenig in seinem .Handbuch, dann fielen ihm Unter dem Einfluß der großen Hitze und des guten Frühstücks dje Augen zu, und mit der ausgebrannten Zigarre zwischen den Zähnen, .lehnte er, sanft schlummernd, im Sessel. Tas Buch war .allmählich seinen Händen entglitten und lag mit zerknitterten Seiten am Boden. Unruhige Träume durchzuckten sein Hirn; bald fuhr er in feinem Auto spazieren, bald weidete er sich an deut neidischen Stiauuen der Rosnays, oder er freute sich, daß er bei seinen Geschäftsreisen nach Paris nun nicht mehr vom Zuge übhängig war. Dazwischen aber kam ihm unaufhörlich der Text seiner Anzeige in den Sinn: „Guter .Chauffeur gesucht. Bewerbungen. schriftlich oder mündlich bei Herrn Ehantaum«, Jarville- sur-Mauldre, Billa Iris Noirs." Bor dem Park der menschenleeren Billa stand zur selben Zeit ein rothaariger Bursche mit hohen Stulpenstiefeln und einem Ochsenziemer in der Hand. Nach einem raschen Blick ringsum, stützte er sich auf seinen Stock und schien zn erwägen, ob er sich damit über die Mauer schwingen könne. Doch das. sreigelegene! Ufer mochte ihm Furcht einflößen, uiid so zog er eäj vor, an der Parkmäuer entlang dem Flusse zuzugehen. Bald kam er an eine kleine braune Tür, die ganz mit Efeu ünivankt wär. Aus einer Ledertasche, die unter feiner Jache steckte, holte er eine Art Schlüssel hervor, und im Handumdrehen war der Eingang frei. Vorsichtig ging er vorwärts, kauerte sich hinter jeden Busch, um zu horchen; aber da nichts die Stille unterbrach, fühlte er sich in feiner Sicherheit bestärkt und drang in weniger als fünf Minuten bis zu der großen Glastür vor, deren herabgelassene Jalousien Herrn Chantaume vor den Sonnen- strahlen und der Hitze bewahrt, aber auch seinen Schlummer begünstigt hatten. Der gute Herr lag mit dem Rücken nach dem Eingang zn behaglich in feinem Korbsessel hingestreckt und rührte sich nicht.- Sein Besucher, der augenscheinlich weniger friedlich gesinnt war, hätte soeben von außen die Jalousie ein wenig gehoben. Da er den Schläfer unmöglich hatte sehen können, schickte er sich an, mit zurückgehaltenem Atem die Schwelle zu überschreiten; doch die Tür, ans deren Widerspenstigkeit er nicht gerechnet hatte, knarrte, jämmerlich. - Herr Chantaume schlug die Augen auf und erblickte im Spiegel gegenüber die Gestalt eines Mannes, der ihn zu seiner Verwunderung ohne jede Anmeldung zu besuchen schien. Ganz erfüllt von seiner Anzeige: „Guter Chauffeur nsw," begriff er aber sofort, daß dies endlich der Gewünschte sei. Ein wenig steifbeinig stand er auf und fuhr sich mit der Hand über die Angen: „Verzeihung, mein Lieber! Ist es glaublich! Ich war über dein „Handbuch des Chauffeurs" eiugeschlafen. Sie kommen auf meine Annonce? Gut so. Werden wir uns beim vertragen ? Zn schlecht hat man es bei mir nicht." Der Eindringling, der den Sachverhalt noch nicht recht erfaßte, stutzte über den märchenhaften Empfang, witterte aber gleich — gewohnt, sich in alles zu sinden — die Verwechslung heraus, nahm sofort eine unterwürfige Haltung an und erwiderte leise: „Das glaub ich schon." Und Herr Chantaume fuhr fort: „Gewiß find Sie von der Landstraße ans hereingekommen und ums ganze Hans gegangen. Ich wette, mein Gärtner, der im Gemüsegarten fein; »muß, hak .Sie nicht gehört. Ein Glück, daß. Fergus, mein; Hund, mit den Damen fort ist; sonst wäre er noch auf Sie kosgespruugen!" Und beide lacksten. „Sind Sie schon lange in Ihrem Fach, mein Lieber? Bei wem wären Sie in Stellung?" Ohne Schwanken gab der Rothaarige seine Chanffeur-Laiis- bahn zum Besten, da ihn das „Handbuch des Chauffeurs" ja genügend aufgeklärt hätte. „Aber mir fällt ein, Sie sind in dieser Hitze vorn Bahnhof bis hierher gelaufen. Da müssen Sie zunächst eine kleine Erfrischung haben." Sie gingen in die Speisekammer, und Herr Chantaume nahm aus dem Eisspind eine Flasche Bier, die von der Kälte ganz beschlagen war. Daun besichtigten sie das herrliche Auto, das seiner ersten Ausfahrt harrte. Der Gärtner, der tatsächlich int Gemüsegarten wär, hörte die Tür gehen, Würste in seinen mit Erde verklebten Holzpantinen herbei nnd lugte gutmütig unter seinem breitkrempigen Strohhut hervor. _ - „Ei potztausend, Renry!" scherzte Herr Chantaume. „So also bewachen Sie mir den Eingang? Wenn uns nun diesen Herr, der keinem Menschen begegnet ist, das ganze Haus ans- gcränmt hätte!" Und erfreut zeigte er auf den Lederbeutel, den der völlig beruhigte, zukünftige Chauffeur nun nicht mehr verbarg: „Ah, recht so. Ich sehe, Sie haben Ihr Werkzeug bei sich." Der Nachmittag verging mit Unterhaltungen über Motors, Wagenformen, Pneumatikreisen. Sogar eine vergleichende Werttabelle über die französischen und die deutschen Marken wurde aufgesetzt. Herr Chantaume bestand darauf, daß der Manu bis morgen früh sein Gast sei. Dann maßte er ihm wohl ober Übel cineipTag Urlaub geben, damit er nach Hause fahren und seine Sachen packen konnte. Aber übermorgen, ganz srüh, wenn es noch nicht so heiß war, sollte die erste Ausfahrt stattfinden. .. Der „Chauffeur" ging mit Freuden daranf ein. . . tedoch mit nächsten Morgen vor Tagesanbruch war er verschwunden und das ganze Silberzeug mit ihm. . , . Sn gern Herr Chäntanme auch küiptig von 1 entern Auto Mach — das erste Erlebnis, das er mit ihm hätte, verschwieg er beharrlich. _________ — 468 — Bilderrätsel. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindnlckereh R. Lange, Gieße» Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Logoqriphs in voriger Nummer: Hosen, Rose n. von einem großen Talent hörte. - Es ist nicht leicht, mit Vernunftsgrnnden gegen schädliche Neuerscheinungen auszutreteu, die bestgemeinten Worte verhallen oft ungehört, der Erfolg ist nie sicher. Nur Ende bleibt aber immer noch eine große Hoffnung: der Regen und die Regenschirme uttb die Gummischuhe. Sie sind unerläßlich für die Freilichttheater, «her unbeliebt und unbequem. Vielleicht beenden sie beit Kampf gegen die viel zu vielen Naturtheater siegreich, int Dienste der Kunst. . . ' recht behälst. Lächelt dir der Sieg, sv koste ihn voll Ms. 2 Vergiß aber nie, daß du die Gattin eines Menschen mtb nicht! eines Gottes bist. Wundere dich darum nicht über feine Schwächen. — 3 Bitte deinen Gatten nicht zu häufig um Geld. Suche mit dem auszukommeii, was er dir am Anfang jeder Woche gibt. 4 Wenn du bemerkst, daß dein Gatte ein wertes Herz hat, sv denke daran, daß er auch einen Magen hat. Sorge gut pur den Magen, dann wirst du alsbald auch sein Her» gewinnen. —j 5. Von Zeit zu Zeit, aber nicht allzu ost, laß deinen Gattes einmal das letzte Wort behalten; das macht ihm Freude und schadet dir gar nicht. — 6. Lies die Zeitung ganz und nicht bloß die Sensationsnachrichten. Dein Gatte wird sich gern mrt drr über die Tagesereignisse und auch über die Politik unterhalten,, — 7. Auch während einer Schmollperiode kränke deinen Manu nicht! — 8. Von Zeit zu Zeit mache ihm ent Kompliment, indent du ihm sagst, er sei doch der netteste und wohlerzogenste! (alter Ehemänner, und gleichzeitig laß durchblicken, daß auch du nicht immer ohne Fehler seist. — 9. »tst dem Gatte klug und regsam, so sei ihm eine gute Kameradin; rst er schwerfällig, so sei ihm Freundin und Beraterin. — 10. Vor allem aber bezeuge Achtung deiner Schwiegermutter. Bedenke, daß beut Gatte sie geliebt hat, ehe er dich liebte. * Aus der Rolle gefalle ir. Infanterist Ivo Bokanjac hat seinen Kameraden mit eigener Lebensgefahr vom ErtrinrungS- tode gerettet und soll dekoriert werden. Das ganze Bataillon en parade, Ivo vor der Front. Der Oberst: „ . . . und aus diesem Anlasse hat Seine Majestät gernht, diesem braven. Infanteristen Ivo Bokanjac ■—“ Ivo (laut einfallend): „Hier! vermischtes. kf. Carmen Syldas Zehn Gebote für junge F r a ii e it. Carmen Shlva, die Königin und Dichterin, hat in „Zehn Geboten" die wichtigsten Forderungen zusammengestellt, die junge Gattinnen zu erfüllen haben, damit ihre Ehe glücklich werde; wir teilen sie itach einem italienischen Blatte mit: 1. Fange niemals einen Streit an, aber wenn einmal eine ■911(8* einandersetzung uUvermeidlich ist, dann gib nicht nach, bis du 6eÖU®a6 den Vorstellungen notgedrungen ein stark diletantischer Qit(T (tnficiftctt tft bei beir 9entwert ber 53ciQH-ftQit 11 hqtit I m**vw.y i** ohne jeden Zweifel; der echte grüne Rasen und die plastischen Der Oberst: „Halts Maul, du Trottel! Bäume und der sausende Wind (tntb Regen) können uns über —— — diese Tatsachen nicht wegtäuschen. So tragen bte Naturtheater; | Niichertiich dringlich vor dem Zulauf zur Bühne warnte, wird da um seine I Verwertung der verschiedensten Obstsorten. Von £. v. Proepper. Wirkung gebracht werden und ungehört verhallen. Der Wagen I Dritte Auflage, neu bearbeitet von II. Breithaupt. oranksttit a. . des fahrenden Volks geht wieder um im Land — wenn er I Verlag von Troivitzsch L Sohn. — Von beit vetschiedenslen jetzt auch größer und geräumiger geworben ist und länger an I richten, die jetzt zur Reifezeit des Obstes auf den rnsch kommen, einem Orte stehen bleibt — und lockt unzählige Kunstjünger in I sind dieObstgerichte besonders wohlfchmeckend, gesund uni uahihasi, den werbenden Bann längst entschwundener Romantik. Jeder brave und zugleich wohlfeil. -Me überraschend ntanntg ache Verwend mg Bürgersmann, der in diesen Naturtheatern tnitwirkt, wird einen frischen Obstes m derKüche lehrt m w'gemem le VW"' lAuaenblick einen unbezwinglichen Drang zur Buhne verlvuren — I unb iibersich'licher Jotin L. v. Pioeppeis ,,^,as Oojt m der u ich , Viele werden noch zur Zeit'vernünftig werden, aber manche werden I ein Gegenstück, beziv. eine Ergänzung zu Verfasseriits beliebten unb dem Reiz doch erliegen. Ist es nicht um jeden und um jede schade, | weitverbreiteten Buche „Das Emmacheil der pnuhte. die so durch einen törichten Zufall auf die Bühne geworfen werden — es sind mehr als man denkt, ohne daß man noch je Die Hoffnung aus — Regen. Die Deutsche Bühne", das Organ des deutschen Bühneu- Veretns, bespricht in ihrer neuesten Nummer bte ,,N atur- Theater die in letzter Zeit so zahlreich entstanden sind. Wir geben diese'Aeußerungen in ihren wesentlichsten Teilen hier wieder, da sie als Kundgebung des Bühnenvereins, in dem bekanntlich die Leiter aller nmnhaftcn deutschen Theater vereinigt sim, Be- achtnng beanspruchen können. q,, dem Förster mit dem Dackel und dem Profelfor Mit der BotanisiertromMel, die als unveräußerlicher Besitz der deutlchen Witzblätter geistiges Eigentum der Nation geworden sind, -wird sich bald wohl ein neuer Thp gesellen: der Theatergrunder nut dem Opernglas, der durch Wald und Feld streift und e"t geeignetes Plätzchen, eine schöne Talmulde oder einen sanften Hohen- »ug, erspäht, allwo er ein Naturtheater schaffen konnte. Es vergeht in der letzten! Zeit kaum ein Tag mehr, an dem die Zeitungen nicht getreulich von einer derartigen Neugründung berichteteit, durch ganz Deutschland hin vernimmt man die Kunde, mit Staunen, denn niemand kennt die zwingenden Notwendigkeiten, die bte -, Naturtheater" plötzlich aller Orten entstehen ließen. KwÖMS’ I ' • ®ine luftige «.tu 3«< «Ilgen««« sind «eile... bei fe«ent«ch^AusMrnngen angeweihter ©lütte, wie etwa die Kleist. I denen es sich «m «nsgesttllene Ideen handelt, Mo« we'n« ans und" Holberastüch unter aul Schlenthers Leitung im Lauch- der Mode gekommen. Dennoch ist m Berlin ui dlÄen Hundstagen städter Theater gewisse Festspiele, bei denen das patriotische Mo- I eine Wette ausgetragen worden, bte enter gewissen Oitgt .nlt.nt «•’--*"* KÄjessssss -ö mch. einmal nölig, sich alhusehr .. Uta, den» die Naturtheaterseuche ist so rapid ^^etreten, daß, fie I Döberitzer Heerstraße begann das Suchen und innerhalb einer ebenso schnell wird wieder welchen 'Een. Schon nm deswillen I ^^ett Stunde halte der Herr mehr als 1204 Haarnadeln, mehrere weil die Idee den Todeskerm in sich tragt. tft unnötig, I c)aai.tC[.(e^en Kämme, eilten Damenschirm, einen Damenhandschnh, gerade das Theater zur Natur zuruckbringen zu wollen, von der I ^ompabottr, ein Strumpfband ittib andere Gegen- es nie ausgegangen ist, — aber auch praktische Erwägungen lasten I bei denen es fraglich tum-, ob sie Herren oder Damen ge- bie Undurchführbarkeit des Gedankens rn dm Erscheinung treten. I '[ött anfgelesen. Haarnadeln sanden sich in solchen Mengen vor, In jenen glücklichen südlichen Landern, denen durch lange bfl(. nut eiu £(einer Teil mitgenommen wurde unb bte Unpatlet- Wochen eine freundliche Sonne lacht, bte nicht unter cmer so | schließlich ans die Mitnahme verzichteten. Die fluchtige Unzuverlässigen Witterung zu leiden haben wie wir, waren die I ( ecga(, daß man innerhalb einer Stunde mehr als 3u00 Freilichttheater möglich unb am Platze. Bei uns rauscht tu die Haarnadeln ohne große Mühe sammeln kamt. Der Ertrag der weihevollste Stimmung der schönste Wollenbruch herein, und bte I gg tuurbe zu einem guten Zweck benutzt. — Was sagen unsere wenigen Zuschauer, bie im glücklichen Besitze von Regen,chitinen nett dazu? Vielleicht machen sie jetzt mit einer Weile die Und Gummischuhen dann noch ausharren, tun das weniger aus 1 ®e!1enprobe ? Ergriffenheit und Kunftbegetfterung, benn aus Neugier (sie ge- I stehen es meist auch ehrlich ein), weil sie wiflen wollen, Wie bte Iphigenie oder der alte Fritz mit einem Regenschirm weiter- spielen werden, so lange, bis die Regentropfen nut der schminke verwischen und die nassen grünen Bänke des Parketts abznfarben w