vonnerrtag den 28. Dezemdek m - Nr. 205 K W Dbjü.sM MTW Mi GM Wi« ■ Wj e ff1 V'. WM» CTfei txglltf/.-! LL Jmb Nacht nicht ruh'n.-- Nicht weit von dort, wo heute Worpswede liegt, hatte Menschenfleiß eilte tüchtige Straße durch die Wiesen gebahnt für ! all' die schwarzen Boote mit schwarzen Segeln, die der Arbeit Frucht schweigend aus dem stillen Land zn den lauten Stadien tragen. Aergerlich war's, wie Tag für Tag und Nacht für Nacht das Meer mit seiner Flut den Kanal hinaufrollte und immer wieder vielversprechendes Land benetzte und überspülte. Kluge Köpfe bauten darum dort, wo jetzt Jan Ttetleus Hütte steht, aus schwerem Gebälk ein kunstvolles Bauwerk, kunstvoll für jene Zeit; wenn die Wasser stiegen, so hoben sie selbst ein Plankengefüge, und sinnreich erdacht und verbunden, schlossen sich zwei starke Tore, die den Wassern ihren Lauf verwehrten, lieber ihnen lag ein festes Dach als Brücke. Wenn nun die Flut drängte und die Tore sich zugetan hatten, so stand zwischen Kanal und freiem Fluß ein schwerer Kasten, fest geschlossen, den das Wasser, durch die Fugen sickernd, langsam steigend füllte. Und ehe auch das zweite Tor genug hindurchgelassen Hatte, 'um den Spiegel des Kanals nur ein wenig zu heben, da kam die Ebbe und zog das Naß zurück. Dann preßte dre Wassermenge in dem schwarzen Kasten das Gebälk auseinander, daß die Tore sich selbsttätig öffneten und die wartenden Schiffer unter der Brücke hindurch freie Fahrt hatten. , Damals stand aber Tietjens Hütte noch Nicht an der Schleuse, denn das Land war weich und feucht, nicht fest wie heute. Und es war rings einsam und still, und auch die Manner, die ihre Boote hindurchtrieben, sprachen wenig mehr als eenen Fluch, wenn das niedergelegte Segel die Brück« streifte ober etn Tor nicht recht aufgegangen war und einen Splitter vom Borbraitd xrw Nicht sehr weit jedoch davon, drin int Land, wo s nach Osterholz geht und Scharmbech lag auf einer kleinen Erhebung in dicken, alten Weiden Jan Schröders Katen. Aus -der oberen Torhälfte drang der Ranch und schwelte am alten ©troN'«'* hinauf, wo das Moos üppig wucherte. Drinnen aus der ----- war's fast still. Nnr das Wiederkäuen der beiden Kühe nn Verschlag klang aus der Ecke, und ab und zu grunzte etn Schwein. Gegenüber" wo der Torf und das Holz geschichtet lagen, hing! Die Schleuse. Novelle Von Hans Schmidt-Kestner,, Wiesbaden. (Nachdruck verboten.) Wenn vor nun wohl hundert Jahren die Nordsee in Flut Hnd Ebbe sich hob und senkte wie ein träumender Busen in schwerem Atem, dann spülten ihre aufflutenden Wasser weit di« Flüsse hinauf und erzählten pom großen Meer und seinen großen Geheimnissen. Ungehemmt durch künstliche Mauern undSchleusen, wanderte die Welle in das fruchtbare Geest- und Marschland hinein, teilte sich noch in die Flüßchen und Kanäle, spreltq leicht, aber wohl merklich bis in die Bäche zu den Dörfern und Flecken hinein, wo die Jugend mit nackten Beinchen im Graben stand und selig schrie: „Die Flut kommt!" wenn sich die alten Steine am Rand frisch netzten und wohl manchmal das Naß, gar übertrat und an eine niedrigere Schwelle spülte. Und nach Stunden, wenn die Wasser versiegten ititb verrannen, dann liefen sie wieder träg und schlammig in schwarzen Etnschnttten durch die Wiesen, und inanche Stelle, wo eben noch etn Wasserspiegel glänzte, zeigte verräterisch ihre schwarze, schwankende Fläche. Und alles wußte von seiner Verwandtschaft mit der großen See da draußen, wo die Tiefen unergründlich sind und die Wellen Tag Heu aus einem Loch an der Decks, und von da klang da- Schnarchen eines Mannes. < . Hinten im Dunkeln, am steinern Herd, über dem der Kessel am zackigen Eisenhaken hing, saß etn runges Weib, dm Kopf in d^ Hände gestützt, und starrte nach dem Tor. Ausder Ferne draußen brüllte eine Kuh. Eine andere antwortete Schwebend kam her Ton heran. Von Osterholz her lautete hell das Kirchenglocklnm Es war Abend, und die Sonne stand rot hinter den Weiden mn Nraschelte es im Heu über der Luke, und ein« Männern stimme rief: „Metta, kumm tau tnt!" , Tas Weib riß die Hände vom Gesicht und stand seufzend auf. Einen Schritt trat sie vorwärts, dann, "/lcheu bkibend machte sie sich hastig am Herd zu schaffen, legte frisches Feuer an und füllte Wasser in den Kessel. „Tu schallst tau nü kamen!" rief es wieder leise Tas Mädchen antwortete nicht. Sie ging mit zögernden Schritten imch der anderen Ecke der Diele, öffnete eine kleine Tür und trat in das Wahnzimmercheu des Hauses etn. Vor den kleinen Fenstern Blumen. Am Boden ein Teppich aus bunten Flicken. An den Wänden ein Tisch und zwei Betten mit rotem, schwerem Zeug. Aus einem Schränkchen zwei weiße Huude- figneen aus Porzellan mit Goldltnien und abgebroch-nen Naien. Dempfe Lust war in dem kleinen Raum nach Esten und Menichm und Krankheit. In dem einen Bett regte stchs. Hinter der hoben Decke lag in den Kissen ein bleiches Gesicht. Die wei^ । blonden Haare strähnig und ungepflegt, aus ^n forschenden ! Backenknochen Fieberröte, .und in den wasserblauen Augen stumpf i t)Cit ,Metting?'bkst du bot?" kam es heiser von den schmalen LiPpeM'is Vesper!" "Tu schallst"man wat eten, Lowies, bat ward di gaud sin." I „Ick kann nich." „Tat de Dokter int ok mch kamen is! „ „Hei Helpt mi doch nix. Ick mot all starwen. „Red' nich so, Lowies. Lowies, red Nich !o. Ick kannt „Jo,"du bist gaud. Aber Jan! Wo is Jan?" Smfzend "drchte^flch^di? Kranke zur Wand. Dann hustete sie MWchat^ für M -«MM ‘-Äfc * w» blies"dfe Lmuve wieder aus uuv setzte sich aus den & Ä W m wedder „„„ . '""°TL'°»°id"°»tw°-,-t- «t»t. SOM« machte -i» S°«-» « tlidach schweigen. Er streifte st« imt. unsicherem Blick. Diele ! " Mackerschein des Hert. feuer^an^ihrem Rock spielt«, Mlt« sie des Mannes Men Ar« sich um ihre Taille legen- 810 „Metting, wat hest du? Bist mi nich mehr gaud?" „Doch, Jan, aber wi sin all so schlecht! De arm', arm,' Lowies!" Sie brach in Tränen aus, „Metting," sagte er eindringlich und zog sie an sich, „lat dat Heulen mau sin, damit is nix geschafft! Gott schall mi helpeii. Warum hat Lowies di kommen laten? Warum schaßt du se pflegen? Nu liegt se bald dat Jahr mt le rot nicht un starwt nich, un ick möt di sehn mit dine drallen Backens un möt mit di tosanrmen arbeiten tut —, de Tilwel Hel mi schallen Halen, — ick bätt di n i ch nehmen sollen un — —" „Aber de Sun n!" „Te Sünn, de Sünn, wat Helpt mi all de Tugend! Bin ick jung und stark, — schlag ick de Sünn tot!" Er preßte ihr die Finger in den vollen Arm, daß sie zusammenzuckte und sich ihm entwand. Eilig nahm sie die Suppe vom Feuer, goß sie in den irdenen Hafen und trug sie zur Stube. Er folgte. An der Tür hielt er sie auf und flüsterte: ihr ins Ohr: „Morgen, — Sonntag, — ick fahr fort, — ick muß fort, du kommst mit!" „Jan, nich doch! Ick bliew bi Lowies." „Unsinn, ick will di hewwen, — ick will mit di frei sin. In Huve bi Peterlen is Tanz. Ick will mal wedder tanzen. Ick will mal wedder froh sin, den Düwel noch mol!" „Ick gah nich mit!" flüsterte sie und trat in die Stube. Es war ein stilles Wendessen. Dann wurde es Nacht. Tie Mittagssonne brannte aus dem Geestland. Jnr fetten Gras lag faul das Bieh. Auf dem moorigen Grabenwassep schildert reglos die großen Spinnen, und darüber tanzten tausend Mücken. Sonntag. . . . Auf den schmalen Wegen zwischen den Gräben hier und da ein buntes Tuch, ■— Frauen, die hintereinander gehend nach den Dörfern wanderten. Ein Kind tappelte Wohl hinterdrein und bückte sich einmal nach bett üppig wuchernden, weißblauen Vergißmeinnicht am schwarzen Boden oder den blaßroten, kleinen Nelken im sattgrünen Gras. Und zwei Möwen strichen nach Norden zu. Auf der Hamme trieb heute nicht Segel hinter Segel, Kahn hinter Kahn mit schwarzer Last und schweigendeni Steuermann; heute Friede und nur leises Plätschern von den Fröschen am Rand, wo das Schilf wuchs. Aber ein Boot trieft doch unter festem Stoß, ans dem Kanal durch die Flutschleuse in den Fluß hinein und stromaufwärts. Auf der Bank saß ein junges Weib mit lenchtendrotem Kopftuch und prallem, blauem Mieder. In den ernsten Augen kam durch alle Schwermut die Lebensfreude hervor, und .wenn ,ihr Blick die starken, nackten Arme traf, die das Boot dahiw- trieben, und über das weiße Hemd zu dem braunen Gesicht glitt, aus dem Lust und Kraft strahlten, dann schoß ihr eine heiße Röte in die Wangen, und sie nestelte an der Schürze im Schoße. Auch diese Menschen sprachen nicht. Das Moorland schweigt. Vom Morpsweder-Berg leuchtcken zwei rote Dächer und weiße, niedrige Giebel unter Moos und Stroh. Eine leichte Brise trug Klänge von Tanzmusik herüber. Tann war's gleich wieder still. — Jan Schröder schwenkte ein paar Mal kräftig den Staken, zog das Holz ein, spuckte aus und setzte sich. Er trat Meta leise gegen den Fuß. Sie atmete tief auf und sah sich um. Weit in der Ferne, — der dunfte Punkt im Grün, — das war das Haus in den Weiden, wo die kranke Schwester lag und schlief. „Lowies schläft heut so gaud!" „Jo, t'is beter mit ehr. Wi wulln nit heut vergneugt sin, Metta." „Nu, Jan, heute woll, weil dn's willst." „Mußt nich sinnieren, Metting! 's geht alles, as es geht." Er stand auf und legte sich wieder wuchtig gegen den Staken. Bor den weißgeballten Wolken, die am Himmel heraufstanden, hob sich scharf die sehnige Gestalt ab und wiegte sich ryth- misch, während das Wasser gurgelnd und Blasen schlagend um das treibende Holz strudelte. — * Als die Sonne int Sinken war, trieb dasselbe Boot stromab. Zwei heiße Gesichter kühlte der Abendwind. Tie Nebel standen auf den Wiesen, noch grau und duftig wie ein Hauch, — bald dicht und weiß und undurchdringlich. Ein Kiebitz schrie scharf und laut. Ter Mann sah mit bösem Blick zu dem frechen Vogel auf. Tie Pfeife schmeckte ihm nicht. Mit der Heimfahrt wurde es ihm eng und kalt, wo doch ein lachender Tag das stille Haus mit dem Elend daheim hatte vergessen lassen. Als der Sonnenball in den Nebel sank, daß der wie ein glühendes Meer über dem Lande leuchtete, sagte Meta heftig und plötzlich: „Jan, ick heww Angst!" „Dumme Deern, wat Airgst?" „Ja, wat Lowies woll macht? Wi sin all so lang blewen. Wenn ihr nu wat is!" „Ick führ schon tau!" Er schwenkte den Staken schneller. Tas Boot schoß durchs Wasser. „Tu, — Jan?" „Wat wißt du?" „Och, Jan, wat bin ick doch schlecht! Wat bin ick schlecht! Mien leiwe Gott, dat kannst mi nich verzeih'n!" — Er antwortete nicht, aber es saß ihm bitter in der Kehle, und das ärgerte ihn. Mürrisch ließ er einen Augenblick das Boot treiben und sah wie gleichgültig über das weinende Mädchen hin. „Flennerei, verflixte!" stieß er zwischen den Zähnen hervor. Sie schluchzte heftiger. „Tat ick m.an noch die Schleus' säten dau, — dat's viel wicht'jer!" murmelte er für sich. „Jan, wat hest du seggt?" suhr sie auf. „Ach nix, — ick segg man, — de Schleus'. — Tat de Flut ehr nich taumakt!" „O Gottogott, führ man ja tau!" Tas Holz bog sich, und kleine, schäumende Wellen gurgelten am Bug. .Tas Weib spähte ängstlich voraus, wo der Kanal ins Land stach. Tie Nebel waren nun grau und grau. Und der Mond kam' herauf. Aber er war ganz klein und schwach. „Tat Water steigt schon all," sagte Jan brummend, „aber ick kreeg ehr noch." Aus dem Farblosen kam jetzt die Brücke herangeschossen. „Jan, ick roeet nich, wat mi is, — ick heww so Ängste — — wennehr se taugeiht!" „Ach wat! — Taugeiht! Angstliese!" „Jan, — Jan, bitte, Jan, lat dat Boot liegen! Wi gähn tau Fuß. De Flut is schon in Gange!" „Um Weiberschnack gehn un morgen 's Boot haln! Ick wer mich wat! Spring an Land, dumme Kathrin! Ick komm noch dör!" Einen Augenblick glitt das Boot streichend tritt Ufer entlang. Mit kräftigem Satz war das Mädchen auf dem Festen und eilte der Brücke zu. Tas Boot schoß durch das Tor. Das Gebälk knisterte und zeigte leise Bewegung. Im Tuttkeln krachte die Kahnspitze gegen die Innenseite der Schleuse. Tie Oefsnungen der Tore wurden enger. Fieberhaft durchzitterte jetzt erst den Manu das Ahnen furchtbarster Gefahr. Hastig stieß er mit der Sange das Boot in freie Fahrt. Ta — schloß sich mit leisem Aechzen der Ausgang, und alles war sinster um ihn und nur durch die Planken von der Flußseite, wo jetzt die Flut steigend drängte und preßte, plätscherte ein feines Gefälle in den dunkeln Kasten. Entsetzt stand das Weib auf der Brücke. „Jan, Jan, komm rut!" schrie sie laut auf. Dann warf sie sich zu Boden und neigte sich über den Rand nach dem Wasser zu, wo die Flügel sich unerbittlich aneinanderpreßten; und von SJUnute' zu Minute fester wurden. Drinnen, — unten mühte sich der Mann und warf sich gegen die Bretter. Aber das Boot wich ja unter den Füßen! Unmöglich ein Herauskommen aus dem Gefängnis, in dem langsam, aber stetig das Wasser stieg. Vielleicht hatte er noch Glück, und die Flut war heut nicht hoch, — dann blieb oben Luft und er konnte die Ebbe abwarten und damit die Befreiung. Aber was, wenn die scheußliche kalte Fläche, die ihn von Augenblick zu Augenblick höher hob, die Decke erreichte, die er schaudernd mit der hochgestreckten Hand betasten konnte? Was dann? Elend verrecken würde er, ersäuft wie eine Maus in der Falle! Daß auch kein Mensch, — keiner von den überschlauen Erbauern solche Gefahr für den Unvorsichtigen int kleinen Boot bedacht! „Metta, schrei um Hilfe!" rief er nach oben. Ach, was sollte das helfen? Weit und breit kein lebend! Wesen. Tie anderen, — die von Osterholz, — die wollten erst nachts heimfahren, — viel später, wenn die Ebbe war, Tas mußte Stunden dauern, bis ein Mensch kam. Tas Mädchen lag auf der Brücke und krallte die Finger in das Holz, packte die Bretter, um sie aufzureißen. Tie modrige Oberfläche blieb ihr in den Händen, aber das starke Kernholz spottete ihrer Anstrengungen. Von Zeit zu Zeit schrie sie laut auf. Tann wieder sprach sie hastig auf den Mann ein, der unter ihr im Boot in stumpfer Verzweiflung saß und wütend die Fäuste gegen seine eckige Stirn hieb. Wie hatte er so dumm sein können? So dumm, so unglaublich toll und dumm! Tann dachte er an sein krankes Weib und seine Schuld an ihr. Klammerte aber immer wieder sein Sehnen und seinen ganzen Lebenswillen an das junge, warme Wesen da dicht über ihm, das sich ihm geschenkt und alles um seinetwillen vergessen hatte. Aber das Wasser stieg. Jetzt sühlte er im Sitzen mit der Hand die fchlüpfrignasse Decke. Er nahm den Staken und begann mit wilder Wucht von unten zu stoßen und zu stemmen, bis ihm das Holz in der Hand brach. Tann trommelte er mit den Fäusten gegen das todbringende Dach, bis sie Nuteten. Die Flut aber war an dem Abend besonders stark und spülte bald ruckweise über die Brücke, aus der das Weib lag. Ta wußten die beiden Menschen, daß das Ende kam. Unter sich hörte sie schon den Rand des Boot's an der Brückendecke scheuern. Gleich mußte das Wasser hineindringen und daim war's aus. „Metta," klang es heiser heraus, „Metting, ick starw gtiet Grüß, Modder, sei schall mi verzeih'«, un pfleg ehr gaud. T'is ut mit mi. Ick will mau noch beten." 811 Dann hörte sie ihn laut das Vaterunser sagen. Bei den letzten Worten aber gab's ein lautes Plätschern, und dann war es ganz still. Da fiel sie in eine tiefe Ohnmacht. Als sie erwachte, wußte sie nicht, wo sie war. Der Mond stand schief am Himmel und ihr war kalt. Sie lag aus der Brücke. Tas Wasser auf der Flußseite war hoch wie selten, und noch immer rann bisweilen eine Welle über das Holz und spülte sie an. Ganz durchnäßt war sie. Links, — nach beml Kanal zu, troff aus den Fugen der Schleuss has angestautq Naß, in dem Jan Schröder war. „Jan, — nun Mott, — min Gott, — wo is Jan?" Ja, im Wasser war er, da drinnen, unten in dem Kasten. Jetzt wurde es ihr klar. Sie lauschte. Nichts zu hören. Doch, — ganz leise scheuerte das Boot an der Brücke, — manchmal knirschte es scharf. Da heulte sie laut auf und erschrak über ihre eigene Stimme. Wild sah sie sich um. Trüben auf der nächsten Wiese standen schwarze Gestalten, — Kühe im Schlaf. Eine brüllte wie träumend. Tas Entsetzen packte sie, — die Leiche so dicht bei ihr! Dicht unter ihr im Boot mochte er liegen, den sie geliebt hatte. Ob er sie' ansah, — ob er sie sehen konnte? durch das Holz hindurch? mit 'toeit offenen, starren Augen? - Sie raffte sich auf und begann den Weg am Kanal entlang- zulausen. Nach Haus, nach Haus, nur schnell nach Haus! Einen Menschen fühlen, einen Menschen sehen! Im Rennen wuchs die furchtbare Angst, wie wenn Gespenster mit Peitschen hinter ihr seien. In Schweiß gebadet fiel sie endlich gegen das Ha.us-- tor, riß sich hoch, öffnete und stürzte ans die Diele. Dann kroch sie zur Wohnstube. Aus dem Gelaß drang der üble Dunst wie immer und mahnte sie an die Kranke. Sie schleppte sich zum Bett und barg knieend den Kopf auf der Hand der Schwester. Tie atmete tief und ruhig wie nicht seit langer Zeit. Von Metas heißem Schluchzen schien sie zu erivachen, dehnte sich Und hob den Kopf. „Metting, min Deern, wat weinst? Mi is beter heut! Hew man kein' Sorg' mehr. Nu wird alles gaud, »ich? Jan is schlafen, wat? — Lat mi trinken!" Meta stand auf. — Alles sollte nun gut werden? — Jan war schlafen gegangen? — Ja, — der schlief wohl. — Wie im Traum war ihr und die Tränen berfiegten. Mbckr nein, — jetzt der Kranken nichts sagen! Das war ja auch nicht wahr, — das mit Jan! Tas konnte ja garnicht wahr sein! Sie reichte der Schwester zu trinken, dann setzte sie den Becher hastig aus den Tisch, und während die andere sich wohlig streckte und ihre Atemzüge wieder gleichmäßig durch das stille, dunkle Zimmer klangen, schritt sie leise und langsam hinaus, auf die Diele und zum steinernen Herd. Da, auf dem kleinen! Schemel sank sie nieder und stützte den Kops in die Hände. Was nutzt? — Sterben? — Aus eigenem Unglück, eigenem Schmerz kam mit furchtbarem Antlitz die Schuld und mahnte. „Verdient heww ick't!" — Ja, ins Wasser gehen zu dem Mann, mit dem sie die da brinnen betrogen, das wäre gut! — „Ick will schon! Ick komnr all, Jan!" — aber die Schwester, — „Pfleg ehr gaud!" hat er gesagt, — was wird aus der? — Verblassend trat das Bild des Geliebten zurück. „Stiue bruukt mi! Ick darf nid), — ick darf ja mich!" Und während sie mit tränenlosen Äugen vor sich hinstarrte, sah sie im grauen Kleide bei der Schuld die Pslicht. Draußen machte sich ein Wind auf und raschelte im Dachstroh. Tas Herdfeuer flackerte hoch und erhellte einen Augenblick das Dunkel. Da kam die Erinnerung wieder, und sie spähte verzweifelt nach der Luke im Boden, wo das Heu lag und wo er sonst schlief, den sie geliebt hatte, — und das junge! Herz brannte. Und endlich kamen auch die Tränen wieder und rannen unaufhaltsam über ihre Wangen, indem sie nun auf- stand und mit schlaffen Schritten über die Diele ging, — auf das große Tor zu, hinter dem das weite Moor sich unter feinen Nebelschleiern dehnte. Die Hände vor den Augen, ■— .gebeugt und mit gesenktem Kopf, ging sie hinaus, —: ungewiß auf schmalen Wegen zwischen schwarzen Gräben irrend, — in die Nacht. Fern von ihr, die mit sich selbst ums Leben haderte, v,'erlies indes die Flut, und die alte Schleuse ging auf, und aus ihr trieb die Hamme hinunter ein steuerlofer Kahn, ganz voll Wasser, — und drinnen tag ein .stiller Schisser. Ter Mond sank eben hinter die Worpsweder Höhe, und durch die Nebel zuckte das erste Morgengrauen. —: Held Margit. Eine Kindergeschichte aus Rußland. Von Oskar Grosberg (Petersburg). Nun, liebe Kinder, will ich euch die Geschichte von der kleinen Margit erzählen. Ihr wißt doch, was ein Held ist? Kennt ihr die Helden des Altertums, die tapferen und starken Griechen Und Römer, die deutschen Recken? Ja, ihr habt von ihnen gehört! Tann wißt ihr auch, was ein Held ist, so ein ganzer Merl, der keine Furcht hat, der Drachen und Löwen tötet und die Feinde zusammenhaut, daß es nur so wettert. Es gibt aber noch andere Helden. Wenn dem dicken Xauer ein Zahn gezogen werden soll und ikaver heult schon vorher in Erwartung des Schmerzes, dann ist er kein Held; aber wenn Liesings Mama verreist und Liesing weint nicht, wenngleich sie doch gar so gern meinen möchte, so ist Liesing ein Held und ein tapferer Kerlq Es gibt also nicht nur Helden, die mit Schwert und Streitkolben dreinschlagen, daß die Funken stieben, sondern auch Helden des Herzens. Solche Helden gibt es auch unter den Mädchen; das könnt ihr mir schon glauben, meine lieben Jungens, und ihr braucht gar nicht die Mädchen zu knuffen. Ich soll euch die Geschichte von Held Margit erzählen; es ist keine erdachte, sondern eine wirkliche Geschichte, denn sie ist in der Nahe einer großen Stadt in Rußland passiert und die Zeitungen haben darüber geschrieben. Ich habe die kleine Margit nicht gekannt, aber man sagte mir, sie sei ein rechter kleinen Stöpsel gewesen; ein kleiner runder Dreikäsehoch mit roten Backen, blanken Augen und einem Bummelzopf, wie die Trude, nur hielt Margit nicht den Mund so weit auf, daß eine zweispännige Fuhre hineinfahren kann, nicht wahr, Trude? Klein Margit hatte also blanke Augen und rote Backen, denn Klein Margit lebte auf dem Lande und sie steckte nicht bei jedem rauben Windhauche die Nase in den Kragen, wie das gewisse Leute tun, die nicht weit von hier wohnen. Sie tummelte sich tüchtig im Schnee und auf dem Teiche, und ivenn ihr einmal die Füße oder die Ohren froren, dann erhob sie nicht gleich ein großes Geschrei, sondern sie lief so lange, bis ihr warm wurde. Margit war eben ein Held und Helden müssen Hunger und Durst, Hitze und Kälte und jeden, aber auch jeden Schmerz erleiden können, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn sie Mädchen sind. Und noch eins: Klein Margit war nicht nur ein tapferer Held, sondern auch eine fleißige Schülerin. Sie ging gern in die Schule, wenn sie es mich nicht so bequem hatte, wie ihr; ihr lauft durch ein paar Straßen, ober ihr springt in die Elektrische und husch, husch, husch ist man da, ehe die Füße kalt geworden und die Ohren was abbekommen haben. Margit hatte es nicht fo gut, beim sie mußte eine ganze Werst bis zur Schule marschieren. Eine Werst sind 1500 große Männerschritte; mit euren Strampelbeinen werdet ihr wohl gute 2500 Schritte machen müssen. Und dann müßt ihr bedenken, daß man auf der Landstraße nicht fo bequem marschiert, wie auf dem Bürgersteig. Im Herbst und im Frühling gibt es da Pfützen, um die man herumgehen! muß, namentlich, wenn man ein Mädchen ist, und nicht ein kleines Ferkel- wie Freund Werner, der sich im Sommer mit dem schönen Anzug in eine Pfütze setzte, wofür es bann nachher etwas gab. Und im Winter liegt auf der Landstraße der tiefe weiche Schnee, der in die Galoschen rieselt, so daß die Kälte die Zehen zwackt. Klein Margit war aber wie der tapfere Schwabe, sie „forcht sich nit"; sie ging ihres Weges Schritt für Schritt, und sie war immer zur rechten Zeit in der Schule. Nun tarnen aber die Tage der großen starken Fröste, lute man sie in Deutschland gar nicht kennt. JISiht ihr, wie es tm fernen Rußland ,an einem sehr kalten Tage ausfchaut? Es friert 20 und 25, wohl auch 30 Grad. Tie Leute schlüpfen in ungeheure Pelze und gewaltige Fellmützen und an die Füße ziehen sie hohe warme Filzstiefel, die weit über das Knie reichen. Tann ist die Luft voller Dunst, so daß der Wald ganz blau erscheint ; die Sonne glüht wie ein roter Feuerball am Himmel unb aus den Schornsteinen steigt der Rauch kerzengerade in die Lust. Ter Schnee knirscht unter den Füßen und unter den Schlittenkufen; die Bäume und das Holzwerk krachen, .weil sie sich in der Bärenkälte zusammeuziehen. Bärenkälte nennt man solch einen Frost deshalb, weil ihn der Bär in seinem dicken Zottelpelze ruhig aushält; während alle anderen Tiere des Waldes bei starkem Frost ruhelos umherirren, liegt Meister Petz in seinem Winterlager unb saugt brummend an seinen Tatzen, — so tote Hansel, bet eben wieder einmal seinen Daumen im Munde hat. Klein Margit mußte, wenn sie zur Schule ging, durch einen großen Wald. Da hatten die kleinen Kiefern und Fichten dicke weiße Schneemützen aufgesetzt und auf den Zweigen der großen Bäume lagen dicke Schneepolster. Wenn man laut in den Wald hineinries, bann stäubte ber Schnee herab unb dann flimmerten unb blitzten die kleinen Schneekristalle unb sie fielen leise klingend zur Erde. Klein Margit sah das nur flüchtig, beim sie mußte eilen, sonst hätte sie die Kälte, die ihr das Atmen schwer machte, gepackt. Eines Tages aber packte [ie doch die Kälte! Es war ganz besonders kalt, so kalt, daß Margits Mama sie, gar nicht zur Schule lassen wollte, aber Margit bestand darauf, denn , es gab an dem Tage ein wichtiges Extemporale, das Margit nicht versäumen mochte. Ganz dick eingewickelt, so daß nur die Nasenspitze hervorfchante, machte Margit sich mff den Weg und ne marschierte durch den großen Wald. . Sie war nun schon cm richtiger Held, beim sie hätte zu Han,e bleiben können, — aber fie ging trotz ber Bärenkälte zur Schule Es fror gauz gewaltig. Der Schnee knirschte, die Bäume krachten und die Luft war ganz dunstig. Klein Margit marschierte ganz wasch, aber sie fühlte doch, wie die Külte an ihrem Körper ganz langsam heraufkroch und wie er fchon ganz kalt wurde und fie konnte nur schwer atmen. Da kam ein guter Fuhrknecht gefahren, der sie mitnahm unb bei der Schule absetzte. _ r Die Schule war aber geschloffen, denn es waren Kälteferien angesagt worden unb Margit muhte umkehren. Tic Diener in der Schule müssen sehr dumme Hute gewesen sein denn sie riesen Margit nicht in bte warme Schulstube, wo sie sich hätte erwärmen können, sondern sie ließen Margit wieder gehen und — 812 Has war eine große Sünde dieser dummen Diener, denn nun geschah etwas sehr Trauriges. Klein Margit war bald wieder im großen Walde, als sre «lötzlich sehr müde wurde; sie fror sehr und in ihren Ohren lang ein leises Summen und Sausen und die Müdigkeit wurde immer stärker, so daß sie sich an eine Bank lehnte, nm etwas zu verschnaufen. Das hätte sie nicht tun müssen, denn wenn mau ■ bei sehr starkem Frost schläfrig wird, dann ist das ent Zeichen, daß man zu erfrieren beginnt. Margit, wußte das nicht; oder sie 'konnte nicht mehr weiter. Ich weiß es ntcht. Sie lehnte sich an die Bank und nun wurde ihr plötzlich ganz leicht und ganz warm. So warm, wie in Mamas Schoß, wenn man sich ganz tief einkuscheln darf, und wenn Mama mit der weichen Hand den Kopf glättet und man dann ganz still dasitzt und Mama so furchtbar lieb hat. . Margit wurde ganz still und sie lächelte und schlief ent. Der alte grüne Wald sang sie in den Schlaf. Klein Margtt träumte von ihver Mama und vom Papa und von ihren Geschwistern und von ihren hübschen Spielsachen. Das war ein so schönem Traum, wie man ihn nur in der Weihnachtszeit hat. So stand und schlief Klein Margit, und dann kam auf ganz leisen Sohlen der ältere Bruder des Schlafes, der Tod, und er küßte das Kind mit seinen kühlen bleichen Lippen auf die Stirn. Und als der Tod kam und ging, da erbebte der Wald und die Böglcin wurden still und drückten sich ins Gezweig,, bis der kalte Hauch des Todes, der viel viel kälter ist als die größte Bärenkälte, geschwunden war. So fand man Margit. Man fand sie steif und starr an der Bank; sie war erfroren. Ihr Ranzen lag auf der Erde, und sie stand da wie ein tapferer Soldat, wie ein Held auf seinem Posten. Ganz bleich lvar Margit geworden. So fand man sie im stillen weißen Walde. Und die alten Tannen streuten auf das Haupt des kleinen Mädchens Silberschuppen und hoch oben im Gipfel der Eiche sang der Dompfaff ein leises Lied. Klein Margits Seele ist nun dort oben int goldenen Himmel, und wenn die Nacht kommt, dann schaut Klein Margit mit, blanken Sternenaugen auf die dunkle Erde herab, und wenn sie einen kleinen Helden entdeckt, dann leuchten die Sternenaugen auf und sie strahlen hell und klar. Ueber Helden freut man sich immer, denn sie stnd ntcht allzu oft zu finden. Wir wollen daher ehrlich versuchen, tapfere Leute zu werden; auch die Mädchen können das. Wer's nicht glaubt, dem erzähle man die Geschichte von Klein Margit, dann wird er es glauben, Das Taschentuch. Eine kulturhistorische Plauderei. Die Mvdegöttin ist launisch. Willkürlich verfügt sie Form, Farbe und Material unserer Kleidungsstücke und Toilettengegenstände. Auch das Taschentuch, das heutzutage unentbehrlich für jiebeit gebildeten Menschen geworden ist, hat im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Wandlungen erfahren müssen. Nach einigen Lesarten soll das Taschentuch aus China stammen; doch spielte auch schott in den Gemächern der vornehmen Römerin das phönizische Seideitiuch eine große Rolle. Man reinigte sich mit ihm das Antlitz und benutzte es wohl auch, um sich damit. Kühlung zuzufächeln. Am Hofe Kaiser Karls des Großen war ebenfalls der Gebrauch dieses überaus nützlichen Gsgenstattdes in Gestalt von Linnentüchlein bekannt. Man befestigte sie am Gürtel oder ließ sie auch aus der bunten Schlitzhose heraushängen. Auch die Frauen schmückten sich mit diesen „Reinlichkeitsgerät", wie es in einer alten Chronik heißt Allmählich eroberte sich der neue Toilettengegenstand die vornehme Gesellschaft, die bald einen förmlichen Luxus mit den '„Faeilettleins" trieb, die nicht kostbar genug sein konnten. Zur Zeit der furchtbaren Katharina von Medici wat das r,mouchoir galant" am sranzösifchen Hofe in der Mode. Mit Rosenbalsam parfümiert sandte man es irgendeinem unangenehmen Nebenbuhler, der alsbalds ausgelebt hatte, und in der Bartholomäusnacht tränkte man diese Tücher mit starken Essenzen, um damit den wahnsinnigen Karl IX. halb trunken zu machen, ehe die Hugenotten- 'greuel in Szene gesetzt wurden. In Deutschland wurde das Taschentuch erst um das Jahr 1580 bekannt. Nur Könige, Westen und andere Personeii von hohem Range benutzten es damals. Es wurde ein solcher Luxusgegenstand, daß im Jahre 1595 in Dresden sogar eine Verordnung erlassen wurde, die gemeinen 'Bürgern den Gebrauch des Taschentüches untersagte. Diese mußten sich nach wie vor anderweitig behelfen. Als das Dabakschnupfen sich einbürgerte, hatte das Taschentuch seine Glanzzeit. Doch wurde es vielfach aus derberem Material, z. B. Ms bunt gedrucktem Kattun, gefertigt. Unsere Urgroßväter und Unsere Ahnen hatten einst Taschentücher, in deren Form Phantasie !und Laune sich noch ausleben konnten.. Man trug rechteckige Taschentücher, runde, ovale, dreieckige, just wie die Laune des' Besitzers es verlangte. Die Zeiten sind dahin. Vergebens wird man in der zivilisierten Welt nach einem Taschentuche suchen, das eine andere Form hat als die eines Quadrats. iDiese Gleichförmigkeit, dieses Gesetz, das überall wirksam ist, wo Taschentücher im Gebrauch sind, ist auf folgende originelle Weise entstanden: Es war in einem Salon des reizenden Trianonschlvsses bei Versailles; der Kreis der Königin Marie Antoinette hatte sich zum Geplauder vereinigt. Im Laufe des Gesprächs machte die Königiil die Bemerkung, es wäre entschieden geschmackvoller uttb schöner, toen.it man ben Taschentüchern eine guabratische Form gäbe. Ludwig XVI. pflichtete dem bei, unb wenige Tage später, am 2. Januar 1785, erschien ein königliches Dekret, das bestimmte, „die Länge aller Taschentücher, die künftig im Königreiche hergestellt werden, soll mit der Breite übereinftimmen". Als dann die Revolution kam und alles zerstörte, was an die Monarchie noch erinnern konnte, vergaß man das Taschentuch; kein Parteigänger der Schreckensregiernng machte ben Vorschlag, ihm eine neue „republikanische" Form zu geben. Sp Überdauerte das viereckige Taschentuch den Umsturz und die Schreckenstage und lebt itoch heute fort als ein Einfall Marie Antoinettes, dem sich die ganze zivilisierte Welt gefügt hat. Während der Revolution in Frankreich gab man vielfach den Taschentüchern drei Farben. Durch die Mitte schlang sich ein rotes Band, auf dem in schwarzer Schrift die Worte standen: „Freiheit/ Gleichheit, Brüderlichkeit". Robespierre und St. Just fächelten sich damit in den Konventssitzungen.Kühlung zu. Venus-Taschentücher, die die Eigenschaft haben sollten, das Antlitz schön zart und rosig zu machen, brachte ein italienischer Quacksalber um das Jahr 1575 in die Mode. Das Rezept für dieses Schnnpftuchwasser hieß also: „Wann, Malvasier, Borris, Gummi, Tragant und Arabikum werden mit Quecksilbersublimat und Bleiweiß, Eierklar, Terpentin, Essig und Ingwer gekocht, auch Myrthen, Kampfer, fünfzig Schnecken, Pomeranzen, Zitronen, Zuckerkandel und eine gerupfte, feiste Henne dazu gemischt'. _ Em Tuch, siebenmal mit diesen Ingredienzen getränkt, sollte Fürstrnnen und anderen vornehmen Frauen von Nutzen fein! Heute ist das Taschentuch Gemeingut aller Kreise. Form,- Farbe und Stofs bieten wenig Abwechslung, seitdem das weiß« Leinentaschentuch souverän herrscht. !Tefto größer ist die Bedeutung des Taschentuchs für die Körperpflege und für Industrie und Handel. Ganze Industrien leben von diesem unscheinbaren Stückchen Stoffs vermischter. KL Ein Gaunertrick. Wer auf die Geldgier seiner Mitmenschen rechnet und sie geschickt in ihnen zu entfachen weiß, kann damit viel Geld verdienen. Die Genialität eines Pariser Gauner« beweist folgendes Geschicktchen, das, wie ein Pariser Blatt versichert, aus Wahrheit beruhen soll! Ein ehrsamer Pariser Bürger, der bisher noch keinen Zollbreit von dem Pfade der Tugend und Ehrlichkeit gewichen war, erhielt folgendes Schreiben: „Geehrter Herr! Ich habe ein neues Verfahren zur Fabrikation von Papiergeld erfunden. Die Fälschungen sind so geschickt, daß sie mit den wirklichen Scheinen völlig übereinstimmen. Da ich aber selbst unmöglich, ohne Verdacht zu erregen, das ganze von mir gemachte Papiergeld in Umlauf setzen kann, so habe ich den Entschluß gefaßt, meine Scheine zu verkaufen und zwar zu solgen»n Preisen. Ter Hundert Franksschein kostet 50 Franks, der 500 Franksschein 250 Franks und der 1000 Franksschein 500 Franks. Ich erlaube mir, einen Probeschein beizulegen und stelle Ihnen anheim, diesen beliebig zu verwenden und sich von seiner völligen Uebereinftim- mung mit den richtigen von der Bangue de France herausgegebenen Scheinen zu überzeugen. Hochachtungsvoll . . ." Der ehrbare Bürger las den Brief, sah den Schein an, verglich ihn mit einem richtigen der Bank von Frankreich und ging neugierig zu einer Bank, wo man zu seinem größten Erstaunen den Schein anstandslos in Zahlung nahm. Einige Zeit später erhielt er einen neuen Bries, dem diesmal aber ein Tausendsrantschein beigefügt war. Auch dieser war so täuschend ähnlich gemacht, daß man ihn ohne Zögern aus der Bank einwechselte. Jetzt konnte er den Lockungen nicht widerstehen. Eine so leichte Gelegenheit, Geld zu verdtenen, mußte er ergreifen, und so verkaufte er seine Wertpapiere und schickte den Erlös von 10 000 Franks an den Schreiber und Sender der Briefe, um dafür, wie er dachte, den doppelten Betrag in den so täuschend ähnlichen, falschen Scheinen entgegen zu nehmen. Aber noch heute wartet er auf den Empfang. Auflösung in nächster Nummer. Bilderrätsel. MKKM Auflösung des Logogriphs in voriger Nummert Gavial (indisches Krokodil), Caviar, Pavian, Pavra Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Dleindruckerei, R. Lang«, Gieße«.