ePÄ,™Ji 'M-sÄMMW ! SfeÖHS'Ö LMrs- Das nette Mädel. Noman von Fedor von Zobeltttz, tNachdruck verboten,) (Fortsetzung.) Fräulein Henny kicherte in ihre Serviette hinein, und Lönehsen schnitt ihr eine drohende Fratze. Hans Eggers aber flüsterte Traute zu: „So wird ein Saulus ein Paulus. Der Everstedt hat wieder einmal gesiegt. Das ist ein Mordsfilou. . ." „Die Komteß ist eine große Schönheit," sprach in diesem Augenblick Traute zu sich selbst; „sie ist viel schöner als ich und ist adlig und ihr Vater ist preußischer Gesandter. In acht Tagen werden sie Verlobung feiern — und ich — was war ich ihm denn je!" Nun wurde die Tafel aufgehoben, und Traute ließ sich von Eggers in den Salon sichren, wo man sich Gesegnete Mahlzeit wünschte. Bei diefer Gelegenheit blieb Everstedt vor ihr stehen und zog sie in ein flüchtiges Gespräch. „Sind Sie wieder gesund?" fragte er. „Ich war nur ein bissel nervös." „Woher?" „Es kommt Wohl mal so." „Wissen Sie, daß ich vor einiger Zeit bei Kruse war?" „Nein. Aber sind Sie nicht öfters bei ihm?" „Doch nicht. Ich hatte einen bestimmten ZwAk. Mir lag daran, daß sein letztes Bild unvollendet blieb." „Ich hatte schon selbst die Lust verloren, ihm noch länger Modell zu sitzen." „Das sagte er mir. Betonte auch, daß das wohl auf einen Wunsch Dewas zurückzuführen sei." „Und Weshalb nicht?" Everstedt sah sie scharf an. „Ich hätte mit meinem Wunsche das Vorrecht gehabt," sagte er. „Herr Everstedt, nicht jeder Wunsch ist für mich Befehl." „Das klingt wieder einmal sehr herbe. Sie vergessen schwer." „Nicht, was ich vergessen will." Die richtige Antwort. Noeldechen sagt mir, daß Sie 'an unserm Sommerfest teilnehmen wollen. Da werde ich in nächster Zeit öfters das Vergnügen haben, mit Ihnen zusammen zu kommen." „Ich glaube kaum. Ich habe nur mit Kruse zu tun." Er biß sich auf die Lippen. „Fräulein Traute, warum sind Sie so hart zu Mir?" fragte er leise. „Können Sie denn niemals verzeihen? Ahnen Sie, weshalb ich heute hier bin?" „Weil Sie geladen sind." „Nein: weil ich wußte, daß auch Sie hier sein würden. Ich traf vorgestern die Gräfin; die sprach apvovos davon, Kennen Sie dies?" Er griff in den weiten Ausschnitt seiner weißen Weste und zeigte Traute den Zipfel eines zusammengelegten seidenen Tuches. _ „ Traute errötete. „Es ist Ihr Halstuch. „Dasselbe, das Sie mir ohne Begleitwort zuruck- gesandt haben. Ich bin lächerlich abergläubisch in derlei Dingen. Ich trage es seit jenem Tage als Talisman aus meinem Herzen." „Sagen Sie die Wahrheit und gestehen Sie ruhig zu, daß .Sie es vor zwei Stunden zu sich gesteckt haben, um mich durch einen geschickten Theatercoup zu überraschen. Die Stimme des Grasen Hönigswald schnitt ihm die Antwort ab. Der Graf war von dem Diener herausgerufen worden und kehrte nun mit mitleidiger Miene zuruck. „Vergebung, Exzellenz," sagte er zu dem Gesandtem der inmitten der Damen stand, „die arme Frau ist wieder draußen, die am letzten Sturmtage Vater und Mann verloren hat. Die Männer waren preußische Untertanen, und die Fran hofft noch immer, daß die Regierung rhr eure Witwenpension gewähren werde. Sie hat zufällig gehört, daß Exzellenz heute hier sind —" Mber es ist unmöglich, lieber Graf," fiel der Gesandte ein. „Ich bedaure die Aermste ja herzlich — aber es ist unmöglich, unmöglich. Ich habe die Eingabe auf der Stelle geprüft. Der Mann war nur fünf Jahre bei der Manne. Das einzige iväre —" . „Eine Kollekte!" rief Frau van Beek. „Was sagen Sie, Hönigswald: Vater und Mann hat die Unglückliche verloren?" , , t. „Beide ertrunken, liebe Lala. Und dre Frau hat vier kleine Kinder. Aber wenn die Herren mit einer Kollekte einverstanden sind —" , r.. . , „Oh — auch die Frauen! Einen Teller her, Honigswald! Ich opfere alles, was ich bei mir habe." Sie suchte in ihrer Tasche. Der Diener brachte eine silberne Visitenkärtenschale, über die er eine Serviette gedeckt hatte. Frau van Beek leerte ihre Börse in die Schale, ließ sich dann von ihrem Gatten noch eine Banknote geben und stopfte sie gleichfalls unter die Serviette Die Schale wanderte umher. Es klirrte und klingelte aus dem Silber. c Traute war schreckensblaß geworden. Ihr schmaiev kleines Portemonnaie lag bei Frau Möchel in der Kom- m°b^a6en Sie Geld bei sich?" flüsterte Everstedt „Keinen Pfennig," gab sie tonlos zurück. , "Nehmen Sie. . ." Sie fühlte, tote er ihr em Goldstück "in die Hand steckte. Komteß Andrea hatte sich von ihrem Vater Geld, geben lassen. Sie trug jetzt selbst die Schale rethe- Monsieur," sagte sie zu Everstedt, „mistricorde. Pour uite pandre pauvre." 534 „Die glücklich fein Tann', eine Mmosemere tvie Sie gefnnben zn haben, Komteß." Er schob einen zusammengefalteten Hundertmarkschein unter die Serviette. Dann klirrte das Goldstück Trantes in die Schale. Die Komteß ging weiter. Everstedt neigte sich wieder zu Trante herab. „Wann kann ich Sie einmal sprechen?" fragte er. „Gar nicht." „Wollen Sie mir verbieten, Sie hier zu besuchen, um mich nach Ihrem Befinden zn erkundigen?" „Ich kann Ihnen nichts verbieten, Herr Everstedt. Aber ich würde unter keinen Umständen für Sie zn sprechen sein." Seine Stirn verfinsterte sich. „Das ist kindischer Trotz, Fräulein Trante." „Fassen Sie es auf, wie Sie wollen!" Da machte er kehrt und ließ sie stehen. Er zog sich einen Stuhl neben den der Komteß und war bald mit ihr in eifrigem Gespräch. Graf Hönigswald hatte die Kollekte der armen Fischerswitwe ausgehändigt und dankte nunmehr in ihrem Namen. Sie hätte in ihrer Freude herzbrechend geweint; der Graf selbst tat sehr gerührt und spielte mit seinem Taschentuch. Traute blieb nicht lange allein. Zuerst kam .Hans Eggers und setzte sich zu ihr, dann Löneysen und schließlich auch der Major von Zehren, der sie schon seit beendetem Souper freundlich umschmunzelt hatte, sich bei jedem süßen Wort den Schnurrbart strich und immer verliebtere Augen machte. Der Kreis vergrößerte sich, und unvermutet sah sich Traute in die allgemeine Unterhaltung hineingezogen. Da begann sie lebhaft zu werden. Sie wachte wie aus einem Traume auf. Sie sprach, stritt und lachte mit. Eine nervöse Munterkeit bemächtigte sich ihrer. Aber zuweilen, mitten im Gespräch mit den übrigen, glaubte sie die Worte zu hören: „Das ist kindischer Trotz" . . . War es kindischer Trotz? — Sie fühlte das Brennen ihrer Wangen. Sie hatte von ihrem Tischwein nur genippt, und doch war ihr, als hätte sie zu viel getrunken. Sie hatte das Wedrüfnis, laut anfzuschreien, und sie mußte sich auf die Zunge beißen, um diese plötzliche Anwandlung zu unterdrücken. Ihre Augen hatten an Glanz gewonnen, der Mund war purpurrot und feucht. Sie war jetzt ein besseres Vorbild für Kruses „Irrlicht" als in der erzwungenen Pose. Und dann -war ihr auf einmal, als stocke der Blutfluß zum Herzen. Wieder hörte sie etwas. Aber diesmal war es kein irriges Spiel der Sinne: sie hörte es deutlich. Es sollte sonst nicht für andere gesagt sein; doch sie hätte ein scharfes Ohr. Sie saß. neben Frau van Beek, und neben dieser die Hönigswald. 'Frau van Beek hatte den gekräuselten blonden Lockenkopf auf die rechte Schulter geneigt und wisperte mit halb geschlossener, halb offener Lippe ihrer Cousine zu: „Schatzele — sag mal . . . die kleine Komteß und der hübsche junge Mann — "6a spinnt sich wohl etwas an-?" Und die Hönigswald nickte und raunte zurück: „Man sagt so — i warum nicht . . ." und dann zog sie die linke Schulter hoch, eine pantomimische Geste, die etwa besagen konnte: „I warum nicht? Sie hat den Adel und er das Geld." So ähnlich ergänzte sich auch Traute diese Fortsetzung in stummer Sprache. Brannten ihre Wangen noch immer? Sie vermeinte, kalkweiß fein zu müssen. Nichts mehr von kindischem Trotz; es war bitterer Ernst. Ihre Lippen schlossen sich fest; sie schluckte, weil ihr das Weinen nahe war. Dann stand sie rasch auf: sie wollte gehen. Nun erhob' man sich allgemein. Die Gastgeber hielten die anderen noch zurück, drangen auch in Traute, noch ein halbes Stündchen zu bleiben. .Wer sie schützte wieder ihre Migräne vor — zudem warte die brave Möchel auf ihre Heimkehr und gehe sonst immer mit den Hühnern zu Wett. „Ich begleite die Gnädigste," sägte Everstedt, der plötzlich neben ihr stand. Es ging wie ein Schwirren durch ihr Hirn. „Tausend Dank, Herr Everstedt," entgegnete sie höflich, „es ist wirklich nicht nötig." Er lächelte. „Mein Weg ist soMeso der gleiche, gnädiges Fräulein. Mein Auto steht in der Garage der Billa Lehnert. Die liegt drei Schritt von Ihrem Hotel Möchel." Er verabschiedete sich bereits. Im Korridor halfen ihnen die Diener in die Ueberkleider. Traute schmerzte wieder das Herz. Ihr war ganz wirr. Sie sah, daß Everstedt einen hechtgrauen Paletot trug, und wunderte sich darüber. Auch fein Stock mit schwerer Elfenbeinkrücke fiel ihr auf. Unten aber, vor dem Portal der Villa, blieb sie noch einmal stehen. „Gehen Sie nicht mit mir," sagte sie in flehendem, Tone, fast weinerlich. Da stieg ein Blitz aus seinem Ange. Seine Finger umgriffen ihr Handgelenk. „Haben Sie sich nicht albern, Kind," entgegnete er rauh. Nun schwieg sie furchtsam. Sie gingen den Strandweg zurück. Fahler Mondschein hinter durchsichtigen weißen Wolken, die wie ein Gazeschleier am Himmel hingen. Am Horizont eine breite schwarze Wand, darunter eine phosphoreszierende Linie. Däs Meer grün, mit milchiger Unterströmung.; lange Wogen aut Strande und das zerfließende Gekräusel des Gischts. Sie schritten anfangs stumm nebeneinander. Nur der Rhythmus des Wellenschlages tönte einschläfernd in die Stille hinein. Aber in den beiden jungen Menschen wachte das Leben; strömte in wilder Hast "durch die Pulse und schlug wider das Herz. Jeder fühlte die Erregung des andern. (Fortsetzung folgt.) Der Marinemrirag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle. Zu meinen besten Kameraden während der Schulzeit gehörte ein Knabe Namens Percy Phelps; wir standen im gleichen Alter, doch war er mir um zwei Klassen voraus. Wegen seiner großen Begabung fielen ihm alljährlich die Preise zu, welche die Schule zu vergeben hatte, und noch beim Abgang verschaffte ihm sein vorzügliches Examen ein Stipendium, in dessen Besitz er seine Studien auf der Universität Cambridge mit Glanz fortfetzen konnte. Ich erinnere mich, daß er vornehme Verwandte hatte; fein Oheim mütterlicherseits war Lord Holdhurst, der berühmte Abgeordnete der konservativen Partei. Das wußten wir schon als ganz kleine Knaben, doch brachte es Phelps in der Schule keinerlei Vorteil, es war für uns nur ein Grund mehr, ihn tüchtig auf dem Spielplatz herumzuhetzen oder ihm, wenn sich die Gelegenheit bot, den großen Ball ans Schienbein zu werfen. Bei feinem Eintritt in die Welt wurde das natürlich anders. Ich hörte noch gerüchtweise, er habe auf Verwendung einflußreicher Personen eine gute Anstellung im Auswärtigen Amt erhalten, für die ihn feine Begabung befähigte; dann verlor ich ihn jahrelang ganz aus dem Gesicht, bis er sich mir eines Morgens durch den folgenden Bries wieder ins Gedächtnis zurückrief: Brierbrae, Woking Mejn lieber Watson! Ohne Zweifel erinnerst Du Dich noch von der Schulzeit her an Phelps, genannt „Kaulquappe", der in der fünften Klasse war, als Dü die dritte besuchtest. Möglicherweise hast Du auch erfahren, daß mir mein Onkel eine Stelle im Auswärtigen Amte verschafft hat. Diesen ehrenvollen Vertrauensposten habe ich seither betreibet, aber ein entsetzliches Mißgeschick hat mit einem Schlage meine ganze Zukunft vernichtet. Es würde zu weit führen, wollte ich Dir mein Unglück schriftlich auseinandersetzen; falls Du auf meine Bitte eingehst, wirst Dü ohnehin alle Einzelheiten aus meinem Munde hören müssen. Ich bin eben erst von einem Nervenfieber genesen, das mich neun Wochen lang ans Bett gefesselt hat und fühle mich noch recht schwach. Könntest Du mich wohl besuchen und Deinen Freund Holmes veranlassen, Dich zu begleiten? Ich möchte gerne seine Ansicht über den Fall hören, trotz der Versicherung der Polizei, daß sich nichts mehr tun läßt. Bitte, bringe ihn sobald wie möglich hierher; jede Minute wird mir 536 — Mr Ewigkeit, solange ich noch in dieser entsetzlichen Spannung lebe. Gage ihm, daß es nicht ein Beweis von mangelndem Vertrauen ist, wenn ich ihn erst jetzt ilutt Rat frage; ich war seit jenem Schicksalsschlag wie von Mnnen. Jetzt bin ich zwar wieder zu mir selbst gekommen, doch wage ich kaum an die Geschichte zu denken, weil ich einen Rückfall fürchte. Noch fühle ich mich nicht einmal stark genug, um selber zu schreiben und muß diese Zeilen diktieren. Nicht wahr, Du kommst mit Deinem Freunde zu Deinem alten Schulkameraden Percy Phelps. Es lag etwas so Hilfloses und Rührendes in der Art, wie er mich wiederholt anflehte, Holmes zu ihm zu bringen, daß ich nichts unversucht gelassen hätte, um seinen Wunsch zu erfüllen. Doch kannte ich Holmes gut genug, um Ku wissen, daß er jedem Klienten seine Dienste aufs bereitwilligste zur Verfügung! stellte, wenn es galt, seine Kunst auszuüben. So beschloß ich denn, ihn ohne Zögern aufzusuchen und betrat schon eine Stunde nach dem Frühstück meine frühere Wohnung in der Wakerstraße. Sherlock Holmes saß int Schlafrock an einem Seitentisch und war eifrig mit einer chemischen -Analyse beschäftigt. lieber der bläulichen Wamme des Bunfenbren- uers siedete und brodelte in der Retorte eine Flüssigkeit, deren destillierte Tropfen sich in einem Zweilitermaße sammelten. Als ich eintrat, hob mein Freund kaum den Mick; das Experiment, welches er vorhatte, mochte wohl sehr wichtig sein. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl und wartete, während er seine -Pipette bald in diese, bald in jene Wasche eintauchte. Endlich trat er mit der fertigen Lösung int Reagensglas vor mich hin, in der Rechten einen Streifen Lackmuspapier haltend. „Du kommst gerade in einem kritischen Moment, Wat- on," sagte er. „Behält dies Papier seine bläue Farbe, o ist alles gut; wird es rot, so kostet es ein Menscheneben." Er tauchte es in das Glas und sofort nahm es eine schmutzige, feuerrote Färbung an. „Hm, ich dachte es mir wohl," sagte er. „In -einem Augenblick stehe ich dir zu Diensten, Watson. Nimm dir Tabak aus dem persischen Pantoffel." Er setzte sich an das Pult, schrieb mehrere Depeschen und übergab sie seinem kleinen Diener. Dann warf er sich in den Stuhl, der mir gegenüber stand, schlug seine langen, dünnen Beine umeinander und faltete Die Hände über dem Knie. „Ein sehr alltäglicher kleiner Mord," sagte er. „Vermutlich bringst du mir etwas Kesseres. DU bist der Sturmvogel, der ein Verbrechen ankündigt, Watson. Was gibts denn?" Ich reichte ihm den -Brief, den er mit großer Aufmerksamkeit durchlas. „Sehr viel läßt sich nicht daraus entnehmen, wie mir scheint," sagte er. „So gut wie nichts." „Doch interessiert mich die Handschrift." „Es ist nicht seine eigene." „Eben darum. Eine Frau hat den Brief geschrieben." ^Bewahre, es ist eine Männerhand/" rief ich. „Nein, die Schrift einer Wau vott seltener Charakterstärke. Es ist beim Beginn einer llntersuchung von Wichtigkeit zu wissen, daß der betreffende Klient in naher Beziehung zu einer Person steht, welche hervorragende Gabelt besitzt, im guten oder bösen Sinne. Ich fange schon an, mich für den Fall zu interessieren. Wenn btt nichts anderes vorhast, wollen wir gleich nach Woking fahren, um den Herrn Diplomaten aufzusuchen, der in solcher Klemme steckt, und uns die Dame anzusehen,.der er seine Briefe diktiert." Wir hatten gerade noch Zeit, den Bormittagszug auf der Waterloo-Station zu erreichen; eine etwa einstündige Fahrt brachte uns nach den Fichtenwäldern und dem Haide- l'and von Woking. Krierbrae erwies sich als der Name eines Hauses, das inmitten ,weitläufiger Anlagen in geringer Entfernung vom Bahnhof dalag. Als wir unsere Karten abgegeben hatten, wurden wir in eilt vornehm ausgestattetes Empfangszimmer geführt, wo uns schon nach kürzester Frist ein -etwas wohlbeleibter Mann aufs gastfreundlichste begrüßte. Er mochte -eher vierzig als dreißig Jahre alt sein, aber seine roten Pausbacken und munteren Augen gaben ihm das Aussehen eines dicken, durchtriebenen Jungen. „Wie froh bin ich, daß Sie da sind," sagte er, uns die Hände schüttelnd. „Percy hat den ganzen Morgen über nur immer nach Ihnen gefragt. Mr Aermste klammert sich an jeden Strohhalm. Ich soll Sie auch im Namen seiner Eltern willkommen heißen; schon die bloße Erwähnung der Angelegenheit ist ihnen äußerst, peinlich." „Wir haben noch gar nichts Näheres darüber gehört," versetzte Holmes. „Sie selbst sind offenbar kein Mitglied der Familie." Der Herr sah überrascht auf, dann erwiderte er lachend: „Sie werden wohl das I. H. auf meinem Siegelring bemerkt haben. Ich wollte schon über Ihren Scharfsinn stauiten. Mein Name ist Josef Harrison, und da Percy mit meiner Schwester Anna verlobt ist, zähle ich bald wenigstens zu den angeheirateten Verwandten. Sie werden meine Schwester bei ihm int Zimmer finden; sie pflegt ihn seit zwei Monaten ohne Rast und Ruhe. Gehen Sie lieber gleich zu ihm, ich weiß, mit welcher Ungeduld er aus Sie wartet." Das Gemach, in das man uns wies, lag im nämlichen Stockwerk und diente zugleich als Wohn- und Schlafzimmer; zierlich geordnete Blumen, die aus Gesimsen und hier und da in den Ecken standen, gaben ihm ein freundp liches Aussehen. Auf einem Sofa am offenen Fenster, durch das die laue Sommerluft und die Wohlgerüche des Gartens hereinströmten, lag ein junger Mann mit bleichen, eingefallenen Wangen. Ein Mädchen, das neben ihm faß, stand auf, als wir eintrateu. „Soll ich fortgehen, Percy?" fragte sie. Er hielt ihre Hand fest, so daß sie bleiben mußte und begrüßte mich Herzlich. „Wie geht's dir, Watson?" fragte er. „Du hast dich sehr verändert, das macht der Bart. Mich hättest du wohl auch kaum wiedererkannt. Der Herr ist vermutlich dein berühmter Freund Sherlock Holmes?" Ich stellte ihn mit kurzen Worten vor und wir setzten uns beide. Der dicke, junge Mann hatte sich entfernt, aber seine Schwester nahm neben dem Kranken Platz, der ihre Hand nicht losließ. Sie war eine ungewöhnliche Erscheinung mit den großen, dunkeln, italienischen Augen, der schönen Olivenfarbe des Gesichts und der reichen Fülle tieffchwarzen Haares, nur die Gestalt war etwas zu kurz und gedrungen. Ihre blühenden Farben machten die Blässe und Magerkeit des armen Phelps nur noch auffallender. „Um so wenig wie möglich von Ihrer Zeit in Anspruch zu nehmen, will ich Ihnen die Sache ohne alle Umschweife vortragen," sagte er, sich aüf dem Sofa in die Höhe richtend. „Ich war ein lebensfroher, vom Glück begünstigter Mann und stand int Begriff, mich zu verheiraten, als ein unerwartetes furchtbares Mißgeschick plötzlich meine ganze Zukunft zerstörte. „Watson hat Ihnen vielleicht mitgeteilt, daß ich eine Stelle im Auswärtigen Amt bekleidete. Durch Lord Hold- hursts, meines Onkels, Einfluß w-ar ich rasch auf einen verantwortlichen Posten gestellt worden. Als mein Onkel Minister des Aeußeren wurde, gab er mir verschiedene, wichtige Aufträge, die ich stets so glücklich zum Abschluß brachte, daß er zuletzt ein unbegrenztes Vertrauen in meine Umsicht und Leistungsfähigkeit setzte. „Vor etwa zehn Wochen — oder nm ganz genau zu sein, am 23. Mai — rief er mich in sein Privatzimmer, lobte mich wegen der guten Dienste, die ich ihm bisher geleistet und- teilte mir mit, daß er mir wieder die Ausführung eines wichtigen Geschäfts anvertrauen wolle. „Dies hier," sagte er und nahm eine graue Papierrolle aus seinem Schreibtisch, „ist das Original eines geheimen Vertrages zwischen Englatid und Italien. Zu meinem größten Bedauern sind schon Gerüchte über seinen Inhalt durch die Presse an die Oeffeutlichkeit gedrungen, und es ist von ungeheurer Wichtigkeit, daß nichts Näheres bekannt wird. Die französische und die russische Gesandt- schaft würden gern große Summen bezahlen, um sich einen Einblick in diese Schrift zu verschaffen. Am ltebsten behielte ich die Papiere ganz bei mir ttn Schreibtisch, wäre es nicht unumgänglich nötig-, eine Kopie davon anfertigen zu lassen. Du hast doch einen Pult mit gutem Verschluß m deinem Bureau?" „Jawohl." . „Dann nimm den Vertrag und schließe ihn sorgfältig ein. Ich werde es einzurichten wissen, daß du nach Schluß der Geschäftsstunden allein zurückbleiben und die Abschrift ungestört machen kannst, ohne zu fürchten, daß man dich dabei beobachtet. Wenn du fertig bist, schließe Original — 536 und Kvpie wieder in das Pult und händige mir beides morgen friih persönlich ein." „Ich nahm die Papiere —" ,Bitte, einen Augenblick," unterbrach rhu Holmes, Ovaren Sie beide allein während dieser Unterredung?" „Ganz allein." „In einem großen Raum?" „Was Zimmer mag etwa Lrerßrg Fuß lang, fern und ebenso breit." „Sie standen in der Mitte?"« „Ja, ungefähr." „Und sprachen nicht laut?" „Mein Onkel spricht gewöhnlich mit sehr leiser StrmMe, Und ich habe fast nichts gesagt." „Danke sehr," versetzte Holmes und schloß dre Augen. -Ditte, fahren Sie fort." Museumsdiebe und Museumsdiebstähie. Die Mona Lisa ist und bleibt gestohlen —"und so viel wir auch leider in den jüngst vergangenen Jahren von Müseums- diebstählen haben hören müssen, so bleibt ihr Raub doch dre Unerhörteste Leistung dieser Art, wovon die Geschichte zu erzählen weiß. Daß Museumsdiebstähle dieser Art allein nur der modernen Zeit zu Last zu legen sind, kann man eigentlich nicht behaupten; wenigstens wurde bereits im Jahre 1601 aus einem in der Kathedrale von Antwerpen befindlichen Martyrium des Heiligen Sebastian, das von der Hand der Koeberger stammte, ein Stück herausgeschnitten, und diesen Frevel muß man ja füglich auf eine Stufe mit den modernen Museumsdiebstählen stellen. Einer der ältesten richtigen Museumsdiebstähle wurde int Jahre 1747 vollführt, als aus der Dresdener Sammlung auf völlig geheimnisvolle Weise drei Bilder verschwanden, von denen nur ein Mieris wieder herbeizuschaffen war. Ueberhaupt ist wohl Unter den deutschen Galerien keine so oft von Diebstählen betroffen worden, wie die in Dresden, die sie ja freilich auch alle jan Alter übertrifft. 1788 wurde Corregios „Lesende Magdalena", das „Urteil des Paris" von van der Werff Und ein Bildnis von Sehbold gestohlen. Auf eine Belohnung von 1000 Dukaten gelang es, die beiden letzt erwähnten Werke wieder herbeizuschaffen; den Corregio aber fand man erst, als es später glückte, den Dieb selbst zu entdecken — das Bild fand sich noch bei ihm selbst vor. Ein 1810 gestohlenes Bildnis der Holbeinschule ist bis zum heutigen Tage spurlos verschwunden geblieben, während der ausgezeichnete kleine Metsu, den eine gewisse Sophie May aus London 1840 am hellichten Tage aus der Galerie gestohlen hatte, bei dem ersten Versuche, das Werk zu veräußern, in Leipzig angehalten werden konnte. Auf tvelche Weise manche der geschichtlich bekannten Museumsdiebstähle gelingen konnten, bleibt, so viel man auch daran herumerklären mag, rätselhaft; konnte doch vor etwa 5 Jahren aus dem (Louvre selbst eine 40 Kilo schwere Jsisstatue verschwinden! Freilich gibt es eine ganze Menge von genialen Tricks, deren sich die Museumsdiebe bedient haben und bedienen, und das allgemeine Kennzeichen dieser Tricks ist: je frecher, desto besser. Ein klassischer Fall derart ereignete sich in Paris in den Tagen Ludwig Philipps. Betrat da die Räume des Louvre ein Arbeiter, der auf die Frage der Museumswächter, was er wünsche, die Antwort gab, er habe den Ofen zu reinigen. „Aber er brennt er brennt gerade!" „Tann werden wir ihn auslöschen." Bereitwillig begleiteten nun die Hüter der Kunstschätze den braven Arbeiter zu dem Ofen, halfen ihm das Feuer löschen und den Ofen auseinander nehmen und überließen ihn dann seiner weiteren Arbeit. Diese bestand darin, daß der Biedermann in aller Ruhe ein wertvolles Gemälde aus seinem Rahmen nahm, zusammenrollte und in die Ofenröhre verpackte. In dieser Weise ging er, ohne den geringsten Anstoß zu erregen, und tags darauf war der Skandal da. Uebrigens haben sich ja die Diebstähle gerade im Louvre in den letzten Jahren in ganz erschreckender Weise gehäuft; auf einen sensationellen Diebstahl im Jahre 1906 folgte die Entwendung eines Bildes von Murillo, die im Herbste 1907 in Gegenwart der Museumsdiener ausgeführt wurde, rind auch in den nächsten Jahren rissen die Diebstähle in dem großen nationalen Museum Frankreichs nicht ab. Das Rekordjahr der Museumsdiebstähle ist bisher wohl das Jahr 1907 gewesen. Damals wurde zuerst in der Londoner Sammlung von Charles Wertheimer der große Diebstahl von Gemälden, Miniaturen und Dosen ausgeführt. Es folgte der freche Raub in der Kirche von Blanzuo, an den sich ein Diebstahl im Museum von Auxerre anschloß. Nächst einigen Diebstählen in italienischen Privatgalerien ist dann der merkwürdige Fall des Malers Finn zu erwähnen, dem bei einer Vorbesichtigung seiner Werke in einer Londoner Privatgalerie Werke im Werte von Zusammen etwa 25 000 Mark gestohlen wurden. Auch un Museum von Haarlem wurden etwa gleichzeitig Kunstwerke von Wert entwandt, und es schloß dies Unglücksjahr mit dem frechen Raube der Kreuzerhöhung von pan Dyck aus der Kathedrale vor» Courtrai, sowie mit dem Diebstahle schöner Arbeften von Boucher und Fragonard ans dem Museum von Amiens. Freilich haben auch deutsche Galerien von Museumsdieben neuerdings viel zn leiden gehabt — es sei nur an die Diebstähle im Berliner Kaiser-Friedrich- und im Kunstgewerbe-Museum, sowie an die Entwendung des kostbaren van Dyck aus der Galerie des Grafen Harrach in Wien erinnert, die im August 1908 erfolgte. Die Psychologie der Museumsdiebstähle ist, mit Fontane zu reden, ein weites Feld. Bei Diebstählen Dort Münzen, Medaillen Und kunstgewerblichen Kostbarkeiten bildet natürlich die gemeine Habsucht gewöhnlich das Motiv, aber bei der Entwendung von Gemälden spielt auch der Dämon der Sammlerleiden- schäft ünd spielen zuweilen selbst merkwürdige erotische Motive eine große Rolle. Ein amerikanischer Psychologe, Professor David Edgar Rice von der Columbia-Universität, hat sogar die „Mu- seumstehlsucht" als eine eigene Form der Kleptomanie erkennen wollen. Merkwürdig bleibt immerhin der von ihm angeführte Fall eines Riesendiebstahls in den Sammlungen des Moskauer Kremls, der nicht etwa von einem geschulten und raffinierten! Diebe, sondern von einem ganz dummen jungen Bengel her- rührte, dem alle Schlauheit, alle Uebung und die Fähigkeit, sich des Wertes seines Raubes zu versichern, abging. Vermischtes. ff. Die Kammerzofe der Republik. Einen Postens der ebenso dankbar und einträglich wie leicht auszUführen tft, hat die Kammerzofe des französischen Ministerpräsidenten. Der französische Staatshaushalt erkennt, wie die „OpinioiU feststellt, der Gattin des jeweiligen Ministerpräsidenten eine Kammerzofe zu, die monatlich 80 Mark bekommt und außerdem auf Staatskosten Wohnung, Kost und Kleidung erhält. Seit dem Sturze des Ministeriums Combes im Jahre 1905 hat nun diese Kammerzofe nichts zu tun, aus dem einfachen Grunde, weil seit lenem Znt- puukt sämtliche Ministerpräsidenten entweder Junggesellen oder Witwer oder von ihren Frauen geschieden waren. Nur Rouvrer war verheiratet, aber seine Gattin zog es vor, sich ihrer eigenen/ statt der Regierungszofe zu bedienen. Der jetzige Ministerpräsident Caillaux lebt von seiner Frau geschieden. Er hatte die geschiedene Fran eines seiner Subalternbeamten geheiratet, und diese hat rhn eines schönen Tages verlassen, um zu ihrem ersten Männe zurück- 'zukehren, der es natürlich inzwischen zu einer hohen Stellung gebracht hatte. So hat denn gegenwärtig die französische Staatszofe nichts weiter zu tun, als sich darüber zu unterrichten, lob die voraussichtlichen Nachfolger des Herrn Caillaux Frauen haben oder ob sie auch fürderhin ihr süßes Nichtstun wird durchführen können. Dennoch bezieht sie pünktlich an jedem Monatsanfang ihr Gehalt. ,, * Eine tödliche Beleidigung. Der geistreiche Und witzige Henri Rochefort ist kürzlich als Sachverständiger in Kunstdingen über Bilderfälschungen befragt worden und erzählte dabei dem Besucher eine lnstige Anekdote aus seinem Leben. „Setzen Sie sich, mein Freund," so empfing er den Gast, „ich werde Ihnen ein lehrreiches Erlebnis erzählen. Es ist noch nicht lange her. Eines Tages erschien bei mir ein Amerikaner und bat um meine Meinung über die Gemälde, die er gerade gekauft hatte. „Sie stehen vor der Tür," sagte er, „ich habe sie in meinem1 Wagen gleich mitgeb rächt." !Die Bilder wurden hierher in mein Arbeitszimmer gebracht: Es waren Rembrandts, Corots und .Harpignies. Tas Urteil war nicht schwer. „Die Rembrandts sind Fälschungen," sagte ich, „die Corots dito und die Harpignies dito." Der Amerikaner war entsetzt. Er sagte, er habe für die Bilder alles in allem' 640000 Mark bezahlt. „Schön," sagte ich, „lassen wir die Rembrandts und Corots beiseite. Diese Maler sind tot, aber Har- pigutes lebt noch. Hier haben Sie ein paar Zeilen von mir für ihn. Fragen Sie ihn selbst, ob er diese Gemälde signiert hat. Mein Amerikaner verschwand, ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Dafür bekam ich aber einige Tage danach einen kurzen Brief von Harpignies. Der Brief lautete: „Mein lieber Freund/ wenn sch nicht 92 Jahre alt wäre,, hätte ich Ihnen meinem Sekundanten geschickt, weil Sie mir jenen Amerikaner sandten, um mich zu fragen, ob jene?.wertlosen Schmierereien von mir stammen. Ihr Henri Harpignies." * Durch die Blume. Er: „Ich finde, deine Mutter wird recht vergeßlich!" — Sie: „Wieso?" — Er: „Nun, sie vergißt ganz, wieder imch Hause zu fahren!" Erganzungsrätse!. E. n.. A.. e. n P. i. e. p.. n.. n, H.. ß.. n. ch. b.. m.. r. i. . e. n; R.. h. b.. m.. r. i. . e. n w.. l . e. ß. n: W.. d. n . i. e. A .. e. n P.. n! Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Das ewige Ro m. Redaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Slciudruckerei, R. Lange, Gießen«