SS* Kiff UWiM «MM MMM WDU N'-ÄÄÄ M Das Witwenhaus. Roman von Helene von MühlaiL (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Jnr selben Augenblick begannen draußen die Glocken zu läuten. Wie ans weiter Ferne kommend, drangen die Klänge in das stille Zimmer herein. Der Doktor !var ans Fenster getreten, an dem Fran von Hilbach saß. Leise strich er ihr übers Haar. Sie hatte den K'opf bis auf die ffinte her ab gebeugt. „Nichts sehen — Nichts in ehr denken! Ni chts suhlen!" jammerte es in ihr, aber sie sprach es nicht aus. „Hören Sie die Glocken, Weibelchen?" fragte der Doktor und beugte sich zu ihr hinab, „ja, hören Sie die Glocken?" Drüben auf der Wilhelmsburg spielten sie jetzt einen Choral: „Ein feste Burg ist unser Gott!" . Der Doktor riß das Weibelchen auf. „Komm heraus!" Draußen fiel der Schnee noch immer, man sah nicht Himmel, noch Wasser, noch Burgen, man hörte nur: Kirchenglocken, Choralklänge und irgend ein unbestimmtes Brausen und Zittern. Es war der Sturm, der noch nicht zum Ausbruch gekommen war. Der Doktor zog das zitternde Weibelchen in die große Holztaube. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Die Kälte hatte im Augenblick ihren ganzen Körper durchzogen. „So ein arm, hilflos Dingchen!" dachte der Doktor, Rebern Eindruck willenlos hingegeben!" „Weibelchen, hörst du die Glocken?" fragte er leise, -Hörst du, wie das fromm und kinderrein klingt? Warum weinst du denn, Mütterchen?" Er saß mit ihr auf der kleinen, grünen Bank, die im Sommer vor dem Haus stand und die im Winter in die große Laube gerückt wurde. Ihr Kopf lag auf seinen Knien, er hatte sich tief zu ihr niedergebeugt. „Sieh mal, Weibelchen, ein Schiffbrüchiger kann dem andern wenig von Nutzen sein! Ich hätte früher gehen sollen! Komm, wein nicht so! Laß mich erst wieder festen Boden unter den Füßen haben, dann komm ich wieder, Weibelchen!" . .„Ich mag nicht mehr leben! Ich kann nicht mehr allein sein!" jammerte sie, leise und weil er sie nicht festhielt, sank sie auf den kalten Zementboden der Laube, und ihr Gesicht lag in seinem Schoß. — Er zog sie empor, nahm sie auf die Knie, drückte sich ihr Gesicht zwischen Kopf ttitb Schulter und versuchte, sie mit seinen Kleidern zu bedecken. „Du willst mein sein, Weibelchen? Ich soll bei dir bleiben?" , I Sie nickte. „Nein, bei dir bleiben nicht, mein Liebling, aber wiederkommen. fo wahr ich ein Mann bin. Ich muß dich doch ernähren können, dich und das Kind! Ich muß doch wieder! etwas sein!" . „Nein, nein!" rief das Weibelchen, „nur dab leiben! Nur nicht gehen!" t „O du Törin! Mit mir hungern willst du, gelt? Und unser Idyll in der Ofenecke wollen wir fortsetzen, Märchen erzählen und Nüsse essen und durch den Naumburger KreiS- boten Kunde voll der großen Welt bekommen! Nein, Weibelchen, nein! das ist gut und schön für ein paar Monate, um die verlorenen Kräfte neu zu beleben, aber nicht für die Dauer, selbst für dich nicht, du armes, zermartert^ Dingelchen!" »Sie lag reglos an seiner Schulter. „Hörst du, was ich sage?" fragte er leise, und sie nickte. „Ich gehe, Weibelchen, ttnb suche einen Hafen für dich und mich, keinen .großen, prunkvollen, den brauchen wir beide nicht. Hör mal, Ivie die Glocken läuten! Ist das nicht schön? Ein Jahr bleib ich fort, und bin ich «in Mann, steckt noch was Echtes in mir, dann bin ich zur selben Zeit im nächsten Jahr bet dir und kann dir sagen; Sei mein! Komm ich nicht, dann war ich' nicht wert, das Weibelchen zu besitzen, dann---" Sie weinte laut und schlang beide Arme um seinen Hals. „Bleib, bleib! llnt alles in der Welt, bleib!" „Zwölf Uhr, Weibelchen. Hörst hu, wie es schlägt? Komm, gib mir deinen Mund! Im nächsten Jahr hol ich dich, ich schwör es dir, und komme ich nicht, so war ich ein Lump, um den man keine Träne vergießt!" „Bleib, ach bleib!" jammerte sie unaufhörlich, und ihr Körper zitterte so sehr, daß er sie auf die Arme nahm und ins Haus trug. Das Kind war wach geworden; es stand im weißen Hemdchen im Zimmer und schrie: „Mütterchen, ach, Müt- tercherr!" Der Doktor packte das Weibelchen mit dem rechten und das Bübchen mit dem linken Arm; er setzte sich mit beiden aufs Sofa, küßte die goldenen Locken des Jungen und den zuckenden Mund der Mutter. „Mein seid ihr, alle beide mein!" Sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und sagten nichts. „Weibelchen," sagte er, „du hast so lang dein arm, klein Lebensschiffchen tapfer gesteuert: versprich mir, daß du es noch ein Jahr länger tun willst! Ich komme ja wieder! Sieh, wenn ein Mensch so festen Willen hat, wenn er so eine Riesenkraft in sich fühlt wie ich heut^ dann muß er doch weiter kommen, dann muß er's doch fertig bringen, ein klein, bescheiden Nest zu bauen! Ein einziges Jahr, dreihundertfünfundsechzig Tags, Weibelchen, im Flug sind sie vergangen, und dann Ml all dein Leid ein Ende haben. Aber ehe ich gehe, mußt du mir sagen, daß du tapfer sein willst — Nicht so meinen! Stark sein! — sagen: ich will! Komm, sag's!" — 130 Eie preßte sich cOi ihn, tote einer, der ertrinkt und sich zu retten sucht. „Komin, sag's mein Herzblut du, sag: ich will!" „Ich will!" schluchzte sie. „Sv, itun noch einmal deine Lippen! Gut Nacht, Meibelchen, gut Nacht, mein süßes, tapferes Bcütterchen!" Er gab ihr das Kind in die Arme. „So, nun schlaft! Morgen, bevor ihr answacht, bin ich über alle Berge." Sie war müd geworden, sie nickte nur, nahm das Kind und ging in ihr Zimmer. Z iv e i t e s B u ch. Erstes Kapitel. „Prost Neujahr!" sagte am anderen Morgen die Kost), als sie mit beut Kaffeebrett ins Schlafzimmer kam. Sie mußte es aber uod) einmal und lauter sagen, denn die junge Fratl schlief noch, uitd das Kind lag an ihrer Brust. „Prost Neujahr, Frau von Hilbach!" schrie die Kost) nun. Sie sah verfroren und überwacht aus, hatte eine gestrickte Jacke über die wollene Bluse gezogen und außerdem Kopf und Brust in ein großes Tuch gewickelt. Nur die blauen, schielenden Aeugilein und die rote Nase sahen daraus hervor. Der "Bub wurde zuerst toach. Blinzelnd sah er in der Kosh Laterne, mit der sie ihnr ins Gesicht leuchtete. tLr reckte sich, gähnte, sagte auch: „Prost Neujahr!" und begann die Mutter zu wecken. Das toat nicht so leicht, sie lag in festeni, tiefem Schlummer; eine verquirlte, schwere Nacht hatte sie durch- gekärupst. Der frühe Morgen erst hatte ihr die Augen zugedrückt. „Prost Neujahr!" hörte sie nun halb tut Traum, und dazwischen fühlte sie des Jungchens täppische Händchen auf ihrem Gesicht und der Kosh ktcherudcs Lachen. „Na n-u. das itettn ich einen gesegneten Schlaf, Frau von Hilbach!" sagte die Alte. „Prost Neujahr, meine Keine Gnädige! Wissen Sie schon das Neueste?" Frau von Hilbach sah geradeaus in der Kosy Laterne; der Kopf lvar ihr so schwer. Ja, sie wtlßte etwas Neues, etwas unsäglich Schweres und Bitteres, aber im Augeu- blick konnte sie sich nicht darauf besinnen. „Der Doktor ist fort!" berichtete die Kosh. „In aller Herrgottsfrühe donnert's an meiner Tür. „He, Alte," schreit einer, „macht auf!" Ich denk, ein Unglück ist passiert, lauf zur Tür, und wer steht da? der Doktor! Fix und fertig angezogen mit Reisetasche, Plaid und Stock. „Kasse!" brüllt er und" setzt sich in eine Ecke und schimpft über die verdammte Kälte, und toie er endlich den Kaffee hat, erklärt er mir alles. Er will wieder nach Straßburg, will wieder arbeiten, wieder ein Mensch werden; aber übers Jahr kommt er wieder. Und hier, meine kleine Gnädige, die Bezahlung für die letzte Woche, und fürs Jungchen soll ich nach Naum- burg machctr und ihm die Eisenbahn kaufen, die er sich gewünscht hat. Ein nobler Mann, der Doktor, zehn Mark Trinkgeld zum Abschied für die Kosy. So, hier ist der Kaffee!" Frau von Hilbachs Kops war wieder tief in die Kissen gesunken. Schwer lagen ihr die Tränen auf der Brust, das Weh in ihr würgte ihr armes Herz. Ach, schreien können! Toben! Irgend etwas tun, nur Nicht so stumm leiden! Die Kosy hatte das Jungchen auf den Arm genommen und fütterte es mit Milch und Stollen. „Aber meine kleine Gnädige, der Kaffee wird ja kalt!" faßte sie ungeduldig, „und Sie müssen auch heraus. Die Häuflein ist schon fix und fertig angezogen, die wird gleich die Miete bringen; heute haben wir chle Hände voll zu tun! So, Jungchen! jetzt muß die Kosy heraus, jetzt kommt der Herr Postrat!" und sie setzte den Kleinen zu seiner Mutter ins Bett. . Sie hatte Langmann durch den Schnee stapfen sehen Und lief ihm entgegen. „Ra, Männeken, was gibt's?" Langmann kratzte sich umständlich die Füße ab, schimpfte Mer die Kälte, wtschte sich Eisstückchen aus seinem Bart Mü» kramte in seiner Tasche. „Kosy," rief Frau von Hilbach, „bringen Sie Lgng- mmtn meinen Kaffee, ich kann ihn nicht trinken, und hier he$ Weujährstaler!"• Die Kosy rannte eilig hin und her; Langmann schrie ein „Danke" ins Schlafzimmer herein, und schließlich kam die Alte mit einer Handvoll Briese. — Frau von Hilbach sah sie nicht an. „Ich bin so müde," sagte sie leise, „sch habe so schlecht geschlafen!" „Ja, aber meine liebe, kleine Gnädige, das gibt's heute nicht! Denken Sie, eine Hausbesitzerin, die am Quar- talserften nicht zur Steile ist! Die Hänflein will nun mal ihr Geld vor der Kirche los sein, und die Specht wird wohl kündigen, und was mit unserer Gräfin los ist . . . Aber Sie juchten ja!" „Ach lassen Die mich! Nur heute lassen Sie mich, Kosy, ich kann ja heute nicht, ich bin so krank!" Die Kosy war nah ans Bett gekommen. Die Tränen standen ihr in den Augen. „So ein armes Herz!" sprach sie mitleidige „Ach, meine arme, kleine Gnädige, ich weiß ja alles, ich versteh ja alles! Bon drei Männern hab ich scheiden müssen, das tut Weh! Den Kopf möcht man sich abreißen, mit den Händen die Wände zertrümmern, aber schließlich wird man doch ruhig. Arbeiten, immer was tun und die Gedanken ableukeu, das hilft am ersten. Und er kommt ja wieder. „Alte Hexe" hat er zu mir gesagt, „pflegt mir die Fran gut, in einem Jahr bin ich wieder da!" Und dabei hat er mich angesehen, so drohend, na, Sie wissen ja, meine Gnädige, im Anfang hatten Sie ja auch Angst vor diesen Augen." An der Wohnstubentür klopfte es zweimal, leise, aber energisch; das war die Specht. „So, nun aber heraus, Frau von Hilbach, Sie haben wirklich keine Zeit zum Träumen heut; ein bißchen Zerstreuung tut Ihnen jetzt auch wohl!" „Ach, bitte, Frau Oberlehrer," sagte sie zu Frau Specht, der sie die Tür öffnete, „Frau von Hilbach muß noch schnell einen wichtigen Brief fertig schreiben. Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder." Die Specht machte ein mißtrauisches und ärgerliches Gesicht. „So, so, sie schreibt in ihrem Schlafzimmer! Nun, sagen Sie bitte Ihrer Frau von Hilbach, ich hoffte, Sie in einer Viertelstunde sprechen zu können; sie wird doch! wohl auch am Neujahrstag in die Kirche gehen, und da hat man feine Geschäfte doch gern vorher besorgt!" Die Kosy erwiderte nichts darauf, sagte nur noch einmal: „Mso in einer Viertelstunde!" und lief ins Schlafzimmer, um zu sehen, ob ihre Frau ausgestanden sei. „Flott, flott!" drängte sie, als sie sah, daß Frau von Hilbach sich mit müder Bewegung die Haare bürstete. „Die hat was vor, die Specht! Ich kenne chr Gesicht, wenn sie einen anderen ärgern will. An jedem Quartalsersten läuft der die Galle von neuem über wegen der zivöls Mark fünfzig Pfennig, die sie mehr bezahlen muß. Na, daß sie kündigt, wissen wir ja, und das brauchen wir uns nicht weiter zu Herzen zu nehmen. Die Etage werden wir allemal los. Biel mehr Sorgen macht mir der Lengerich ihre Wohnung. Wo das nun doch einmal im Ort durchgesickert ist, daß die sich das Leben genommen haben soll und noch dazu eine Mörderswitwe war, sürchten sich die meisten. Na, ich denke aber, wenn wir die Wohnung noch ein- oder zweimal im Naumburger Kreisblatt ausschreiben, kriegen ton doch noch jemand. Liehen Sie mal Ihr gutes Schwarzes an, Frau von Hilbach. Die Specht war auch schon geputzt. — Laß die Mama in Ruhe, Jungchen, die hat heute anderes zu tun, afö aus dein Geschwätz zu antworten. Ihre Briefe haben Sie auch noch nicht gelesen, Frau von Hilbach. — Ach, da klopfte es schon wieder." Es war die Mutter der Frau Natusius, Die Sie Miete brachte. Sie zahlte der Kosy den Betrag auf, gab ihr auch das Quittungsbuch und wartete, bis Frau von Hilbach unterschrieben hatte. „Meine Tochter kommt am Nachmittag einmal herüber!" sagte sie, wünschte der Kost) ein glückliches Neujahr und ging. (Fortsetzung folgt.) Die verschwundene Braut. Eine Detektivgeschichte von Conan Dohle. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Lord Robert St. Simon" meldete unter kleiner Diener, indem er die Tür weit ausmachlc. Ein Herr trat ein mit seinen, angenehmen Augen, vorspringender Nase und blasser Farbe: er hatte einem vielleicht etwas hochmütigen Ausdruck um den Mund« 131 Wv Sttt fejitin, offenen Blick eines Mannes, Lern das angenehme Loos zu teil geworden ist, stets befehlen, zu dürfen und lederzeiti Gehorsam zrr finden. Sein Wesen war lebhaft, nitb doch machte seine ganze Erscheinung keinen jugendlichen Eindruck mehr, beim er hielt sich ein klein wenig vorgebmgt und sarrk beim Gehen etwas in die Knie. Als er derr hochkrempigen Hut abnahm, zeigte sich auch sein Haar ringsum an den Spitzen ergraut, «md auf dem Scheitel dünn.. Sein Airzug war von einer fast stutzerhaften Eleganz: hoher Kragen, schwarzer Gehrock, weiße Weste, gelbe Handschuhe. Lackstiefel und helle Gamaschen. Er trat mit, gemessenem Schritt ein, drehte dabei den Kopf von eurer Werte zur anderrr tzrnd ließ den goldenen Nasenklemmer nm seine rechte Hand tanzen. „Guten Tag, Lord St. Simon," sagte Holmes, indem er vufstand und sich verbeugte; „bitte, nehmen Sie Platz im Arm- stuhl. Dies ist mein Freund nnb Kollege, Dr. Watson. Setzen Sie sich etwas näher zum Feuer, dann wollen wir die Angelegenheit besprechen." „Eine höchst peinliche Sache für mich, wie Sie sich, leicht Vor siel len können, Herr Holmes. Der Schlag hat mich bis ins Mark getroffen. Man sagt mir, daß Sie schon mehr heikle Fälle dieser Art unter den Händen gehabt haben, jedoch wohl kaum tzus denselben Kreisen." „Nein, aus weit vornehmeren." -„Wie sagten Sie, bitte?" „Mein letzter Klimt dieser Art wär ein König." „O wirklich! Davon hatte ich keine Ahnung. Und welcher König war das?" „Der König von Schweden und Norwegen." „Was? War ihm auch seine Frau abhanden gekommen?" „Sie werden begreifen," erwiderte Holmes in sanftem Tone, „daß ich die Verschwiegenheit, die ich Ihnen in Ihren Angelegenheiten zusichere, in gleicher Weise auch meinen übrigen Klienten gegenüber beobachte." „Natürlich! Ganz recht! Ganz recht! Bitte sehr um Ver- gebung. Was meinen eigenen Fall betrifft, so bin ich bereit, Ihnen jeden Aufschluß zu geben, der Ihnen förderlich sein kann." „Danke. Was in den Tagesblättern darüber steht, weiß ich bereits alles, aber sonst nichts. Ich setze voraus, daß ich bereit Inhalt als richtig annehmen darf — so z. B. auch den Artikel, der sich auf das Verschwinden der Braut bezieht." Lord St. Simon überflog denselben. „Allerdings; was darin steht, ist richtig." „Doch bedarf er noch der Vervollständigung, bevor man sich eine Ansicht in der Sache zu bilden vermag. Ich glaube, ich könnte mir das nötige Material am besten verschaffen, wenn ich Ihnen direkt Fragen stellte." „Bitte, tun Sie das nur." „Wann trafen Sie zum erstenmal mit Fräulein Hatty Daran zusammen?" „In San Francisco, vor einem Jahr." „Sie befanden sich damals auf einer Reise in den Vcr- eiuigten Staaten?" „Ja." „Verlobten Sie sich damals schon?" „Nein." „Aber Sie standen auf freundschaftlichem Fuße mit ihr?" „Ich saird Vergnügen an ihrer Gesellschaft, und sie konnte ftud) wohl merken, daß dies der Fall war.," „Ihr Vater ist sehr reich?" „Er gilt für den reichsten Mann an der ganzen Westküste." „Und womit verdiente er sein Geld?" „Mit Bergbau. Vor wenigen Jahren war er noch ohne Vermögen. Nun grub er auf Gold, und machte dabei so glänzende Geschäfte, daß er mit Riesenschritten vorwärts kam." „Nun, und was ist Ihr Eindruck von dem Charakter der jungen Dame — Ihrer Gemahlin?" Der Edelmann ließ seinen Klemmer noch etwas rascher tanzen und blickte starr in das Kaminfeuer. „Sehen Sie Herr Holmes," begann er, „meine Gemahlin war schon zwanzig Jahre alt, ehe ihr Vater ein reicher Mann wurde. Bis dahin war sie in einem Goldgräberdorf frei nmhergelaufen und durch Wälder und Berge geschweift, so daß ihre Erziehung mehr auf Rechnung der Natur als des Schulmeisters zu fetzen ist. Sie ist, was man einen Wildsang nennt Eine starke, ungestüme, freie, durch keinerlei alte Ueberlieferungen beengte Natur. Sie ist rasch fertig mit ihrem Urteil und kennt keine Furcht, wenn es gilt, ihre Entschlüsse äuszusühreu. Auf der anderen Seile würde ich ihr nicht den Namen gegeben haben, den ich die Ehre habe zu tragen (liier ließ er ein kurzes vornehmes Hüsteln hören), hätte ich sie nicht für xm durchaus edel geartetes Wesen gehalten. Ich glaube, daß sie heroischer Amvpscrung fähig ist und daß die geringste Unehrcn- bastigkcit ihr widerstreben würde." „Besitzen Sie ihre Photographie?" „DaS hier habe ich bei mir." Dabei öffnete er ein Etui, totoi ließ uns ein äußerst einnehmendes weibliches Bildnis sehen. Es war fetne Photographie, solidern eine Miniaturmalerei auf Elfenbein, ,n welcher der Künstler das glänzend schwarze Haar, die großen dunklen Augen, den ausgesucht schönen Mund zu vvller Wjrtmig zu bringen gewußt hatte, Holmes betrachtete das Porträt lange und aufmerksam, dann schloß er das Etui wieder und gab es bent Lord zurück. „Die junge Dame kam hierauf nach Loudon, und Sie knüpfte« hier die Bekanntschaft wieder an?" „Jawohl. Ihr Vater brachte sie zur diesjährigen Saison herüber. Ich traf mehrmals mit ihr zusammen, bis ich mich mit ihr verlobte und kürzlich heiratete." „Sie hat, wenn ich recht berichtet bin, eine beträchrlWe Mitgift erhalten?" „Eine ganz hübsche Mitgift, Nicht größer, als es in meiner Familie üblich ist." „Und diese Mitgift verbleibt nun natürlich Ihnen, nachdem die eheliche Verbindung zur Tatsache geworden ist?" „Danach habe ich mich wirklich noch nicht erkundigt." „Das läßt sich denken. Waren Sie mit Ihrer Braut am Tage vor der Hochzeit zusammen?" „Jawohl." „War sie da guter Laune?" „In so froher Stimmung als jemals. Sie machte fort* während Pläne für unsere Zukunft." „Wirklich? Das ist höchst merkwürdig. Und am Hochzeits- morgcn?" „War sie so heiter als nur möglich. Wenigstens bis nach der Trauung." „Und haben Sie nach der letzteren eine Veränderung an ihr bemerkt?" „Nun ja, Um die Wahrheit zu gestehen, erfuhr ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal, daß sie auch etwas heftig werden kann. Das Vorkommnis war übrigens zu unbedeutend, um ein Wort darüber zu verlieren, und hat keinerlei Bedeutung für den von* liegenden Fall." „Bitte, teilen Sie es uns trotz alledem mit." „Ach, es hört sich wirklich kindisch an. Während wir auf die Sakristei zugingen, ließ sie ihr Bukett fallen. Sie schritt gerade an der vordersten Sitzreihe vorüber, und so fiel es in einen der Kirchenstühle hinein. Dies verursachte einen Aufenthalt von einigen Augenblicken, allein der auf dem Platze besindliche Herr händigte ihr den Strauß sogleich wieder ein, mich schien er durch den Fall nicht gelitten zu haben. Trotzdem gab sie mir auf meine Bemerkungen über den Vorfall nur abgerissene Antworten, und während unserer Fahrt nach Hause zeigte sie eine unbegreifliche Erregung über dieses unbedeutende Vorkommnis." „Wirklich!! Wie Sie sagen, befand sich ein Herr in bent Kirchcustuhl. Es waren also Leute aus dem Publikum zugegen?" „O ja. Tics läßt sich unmöglich Berni eiben, wenn die Kirche offen ist." „Jener Herr gehörte nicht zu den Bekannien Ihrer Gemahlin?" „Nein, nein. Ich neune ihn nur ans Höflichkeit einem Herrn: es war ein ganz gewöhnlich aussehendcr Mensch, den ich kaum bemerkt hatte. Aber ich glaube, wir schweifen ziemlich weit von unserem Ziele ab." „Ihre Gemahlin war also bei der Rückkehr von der Trauung in einer weniger heiteren Stimmung als auf dem Hinweg. Was tat sie nach der Ankunft im väterlichen Hause?" „Da sah ist sie im Gespräch mit Alice, ihrem amerikanischen- Kammermädchen, das sie ans Kalifornien mitgcbracht hat." „Wohl eine vertraute Dieiicrui?" „Ja, nur etwas zu sehr. Mir scheint, als gestatte sie sich ihrer .Herrin gegenüber große Freiheiten. Doch sieht man derartige Verhältnisse in Amerika natürlich etwas anders an." „Wie lange dauerte dieses Gespräch?" „Nur ein paar Minuten. Ich dachte gerade an etwas anderes." „Sie haben nicht gehört, um was es sich handelte?" „Meine Fran fprach etwas von „in fremdes Gehege komme«"« Ich habe keine Ahnung, was sie damit meinte." „Und was tat Ihre Gemahlin nach dem Gespräch?" „Sie bdgab sich in das Speisezimmer." „An Ihrem Arm?" „Nein, allein. In solchen Kleinigkeiten war sie sehr selbständig. Wir mochten etwa zehn Minuten bei Tische gesessen, haben, als fie eilig aufstand, einige Worte der Entschuldigung murmelte und den Saal verließ, um nicht wiederzukehren." „Wenn ich recht verstanden habe, so wäre sie nach Aussage des Kammermädchens auf ihr Zimmer gegangen, hätte einen langen Mantel über ihr Brautkleid umgeworfcn, einen Hut aufgesetzt und das Haus verlassen." „Ganz richtig. Daraus wurde sie noch'im Hyde-Park zusammen mit der Flora Millar gesehen, die an jenem Vormittag! bereits in Herrn Dorans Haufe eine Störung verursacht hatte und inzwischen verhastet worden ist." „Ganz richtig. Ich darf Sie wohl um einige genauere Auskunft über diese junge .Dame und Ihre Beziehungen zu derselben bitten." Lord St. Simon zuckte die Achseln und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Wir haben ein paar Jahre lang auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden — ich darf woU sagen: auf sehr freundschaftlichem Fuße. Sie war meist am „Allegro" befchästigt. Ich habe nicht umwbel an ihr gehandelt, fixud sie hatte keinen triftigen Grund zur Klage über mich; stet Sie wisfep ja, wie die Weiher find, Herr No« — 182 — mar em liehW kleines Ding, allein äußerst hitzköpfig, undvon ein« blinden Anhänglichkeit an mich. Sie schätev mir schreckliche Briefe als sie erfuhr, daß ich int Begriff stehe mich zu verheiraten: und, um die Wahrheit zu sagen, der Grund, tvarum M di« Hochzeit so in der Stille feierü ließ, toor, daß rch Orchtete, es möchte einen Skandal in der Kirche geben. Gerris tote wir von dort zurückkehrten, erschien fte vor Herrn Dorans Hause und suchte sich unter höchst unziemlichen, m sogar drohenden Aeußerungen gegen meine Gattin daselbst cmztldrangen; allein ich hatte etwas dergleichen geahnt und deshalb zwet PolMsten in bltrgerlicher Kleidung aufgestellt, die sie Mieder fortbrachten. Sie beruhigte sich schließlich, als sie sah, daß sie mit bem lärmen- dm Austritt doch nichts aus richte." „Hat Ihre Gattin das alles mit angehört?" „Nein, Gott sei Dank, das nicht." „Und mit eben dieser Person hat man sie nachher gehen „Jawohl. Dies ist auch der Punkt, beit Herr Lestrade als so schiverwiegend ansieht. Man nimmt an, Flora habe meine Fran in irgend eine schreckliche Falle gelockt," „Nun, das wäre freilich möglich." „Sie sind also auch dieser Ansicht?" „Für wahrscheinlich halt« ich es gerade nicht,' aber, wie denken Sie selbst darüber?" „Ich glaube, Flora könnte keiner Fliege etwas zu leide „ t UN." i , „Die Eifersucht bewirkt aber doch ost ganz merkwürdrge Ber- Linderungen im Ehaväster des Menschen." ,,Sollte Ihnen dasi Glück beschieden sein, die Lösung dieses Rätsels zu finden —" fuhr unser Besuch fort, indem er sich erhob. „Ich habe sie gesunden," unterbrach ihn Holmes, „Wie? Höre ich recht?" ,Kch habe sie gefunden, sage ich," „Nun, wo ist denn meine Frau?" ... „Auch auf diesen weiteren Punkt werde ich: die Antwort Nicht lange schuldig bleibem" z Lord St. Simon schüttelte das StoitM. ,Zch glaube doch fast, dazu gehört mehr Weisheit als Sie oder ich im Kopf« haben," versetzte er. Dann zog er sich mit einer vornehmen, altmodischen Verbeugung zurück. (Fortsetzung folgt.) Das höchste deutsche Master im Winter. (Das Franziskanerkloster auf dem Kreuzberg.) Die meisten Klöster auf deutschem Boden liegen behaglich in der Ebene, wenige nur auf Bergeshöhen. Die höchste Lage hat ein Franziskanerkloster — es erhebt sich auf dem Kreuzberg beim untersränkischsn Städtchen Bischofsheim in der Rhön. Der Kreuzberg ist mit 932 Meter der zweithöchste Gipfel der Rhön. Von oben erschließt sich ein prachtvolles Panorama, das einen stattlichen Teil Mitteldeutschlands umfaßt. Im Sommer genießt das» Auge die lachende Pracht fruchtreicher Fluren, aber im Winter die erschütternde Großartigkeit der grausigen Oede. Freilich, leicht ist der Ausstieg in der kalten Jahreszeit nicht, denn die Rhön, und besonders ihr vom Kreuzberg beherrschter Teil, ist rauh und unwirtlich: die Klosterleute, die 72 Meter unterhalb des Gipfels in ihrem Bau Hausen, können ein Lied von den winterlichen Drangsalen singen. Der Boreas braust und heult und klagt, eisige Nebel wallen und weben, Schneestürme peitschen gegen die Mauern, knarrender Frost zaubert Eiszapfen ans Dach, daS Thsrmlometer sinkt tiefer und tiefer unter Null — bis auf zehn, 15 und 20 Grad — und die armdicken Eiszapfen am Dach verlängern sich zu anderthalb und zwei Meter. Für die Gewalt, mit welcher der Sturmwind einherfegt, ist es bezeichnend, daß ein gewaltiges, 23 Meter hohes Kreuz, das schon seit mittelalterlicher Zeit den Gipfel krönt, im Laufe der letzten hundert Jahre wiederholt geknickt worden ist. Am furchtbarsten war der Orkan am 16. Oktober 1882: er brach das Kreuz, als ob es nicht aus mächtigen Baumstämmen, sondern aus Latten gezimmert set. Der Schnee erreicht eine solche Höhe, daß die sechs oder acht Fratres einen großen Teil des Winters von den Bewohnern unten im Tal völlig abgeschlossen sind, denn selbst der Verkehr auf 'Skien, von denen man im Winter 1901 zum ersten Male Gebrauch machte, läßt sich nicht immer durchführen. Eine Schneelage von 1,20 bis 1,50 Meter gehört nicht zu den Seltenheiten: es hat schon Winter gegeben, da die weiße Mauer bis zum ersten Stockwerk des Klosterbaues anwuchs. Auch kommt es vor, daß im Januar und Februar Geivitter losbrechen und in den Schnee und das Eis strömende Regenfluten senden. So führen die Klosterbrüder vom November bis zum April ein hartes, weltabgeschiedenes Leben. Nach den Andachtsübungen in der von einem Turme gekrönten Kirche beschäftigen sie sich mit häuslichen Arbeiten, an denen es nicht fehlt, denn zur Beherbergung und Bewirttmg der Pilger und Touristen, die von Anfang Mai bis zum Herbst in großer Zahl eintreffen, muß alles wohlvorbereitet sein. Im geräumigen Refektorium mit seinen Brünnen, OelgenMden, Singvögeln And Pflanzen Md in den Gast- und Fremdenzimmern ist es urgemütlich. Wer Muß« hat, besichtigt die sehr interessante Sammlung der in der Rhön vorkommenden Gefteinsarten oder durchblättert die bis iirs 18, Jahrhundert zurückreichendsn versereichen Fremdenbücher. Die Schlafzimmer für die Gäste und die Zellen der Mönche liegen oben im ersten Stockmerk. Aus der großen Küche können hundert Personen gespeist werden. Ihr Bier brauen die Fratres tm eigenen Brauhause. Kegelbahn, Blumen- und Gemüsegarten! mit lauschigen Mätzchen fehlen nicht. Und im Hintergründe: wölbt sich der Buchenwald, im Winter halb vergraben int Schnee, aber im Sommer ein prächtiger Dom. Wenn der Sturm nicht tost, dringt in die Einsamkeit und das Schweigen zeitweise nur dev Klang des Klosterglöckleins. So steht der Bau in Sturm und Wetter schon seit den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts- Als Filialisten der am schönen Main hausenden Dettelsbachev Franziskaner halten die Klosterleute auf dem Kreuzberg das Aw- denken an den heiligen Kilian wach, der nach der Sage mtt semen Begleitern im Jahre 668 eine auf dem Gipfel des Berges stehende Bildsäule der Diana umgestürzt und den heidnischen Frauken das iÄangelium gepredigt haben soll. Am 8. Juli, dem St. Kilianstage, ziehen Tausende zum Gipfel hinauf, um deut tote« Heiligen ihre Verehrung darzubriitgen — ein geräuschvo lles, feit- liches Leben und Treiben, das zur Oede des Winters tm schroffsten Gegensätze steht. vermischtes. * Die beziehungsweise Schwiegermutter. Wieviel „schmückende" Beiwörter hat sie sich wohl schon geiallen lasten müsten, die arme Schwiegermutter, die man zumeist mit dem „bitterbösen Friederich" auf eine Stufe zu stellen pflegt! Aber kein schöneres als das in der Ueberschrist genannte, das ihr in Sud» deulschland so oft, wenn auch nur im Tode, erteilt wird. Da hecht es immer wieder in den Todesanzeigen: „unsere treue Mutter, beziehungsweise Schwiegermutter, Großmutter und Tante". Aber sie braucht sich nichts einzubilden auf diesen Ruhm, alle anderen Familiengenossen teilen lhn im gleichen Falle mit ihr: „unser lieber Sohn, bezw. Bruder und Schwager" tu ä. Noch sonderbarer wird der Fall, wenn ein einzelner anzeigt: „meine innigst- geliebte Schwester, bezw. Schwägerin, Tante und Nichte" — ei du Grundgütiger l welch seltsame Verwandtschaftsverknüpfung mutz das gewesen sein! Gewiß soll und darf man mit solchen, oft tm tiefsten Herzeleid abgeiaßten Anzeigen nicht zu strenge ins Gericht gehen, aber hier handelt es sich doch nur um einen Schlendrian- fehler, den einer dem anderen gedankenlos nachschreibt. Wenn wir sagen, daß jemand Vater, Schwiegervater, Großvater und Oheim war, so brauchen wir wirtlich nicht dabei zu sagen, datz er das zweite, dritte und vierte zu den Unterzeichneten „beziehungs- tveife" — oder gar „resp." — war; denn kein Vernünftiger wird anuehmen, daß er auch nur zu einem von ihnen Vater und Großvater zugleich war. Also weg mit diesem „bzw." aus den Todesanzeigen! Mit seiner großen Kanzleibrille, die es nicht von der Nase" läßt, schaut es da aus wie etwa eine Eule neben dem Todesengel. * A bg ew inkt. „Lieber Freund, ich muß dich bitten, mir zwanzig Mark zu leihen. Ich habe mein Portemonnaie zu Hause liegen lassen und habe keinen Pfennig tn der Tasche — „Hrep hast du zehn Pfennig. — Setz dich in bte Straßenbahn und hole dir dein Portemonnaie!" * M ißv erstan d en. Arzt: „Der tägliche Alkoholgenuß kann mtberechettbaren Schaden tun Wen!" — Pattent: ,Ma, na, <öerr Doktor! — Bei mir mcichts genait eine Mark achtzig mpsindlich. Ede: „Heut morgen hab' ick 'n Port» .nonäh jefnuben." — Lude: „Hast et abjejeben?" — Ede: „9l«c —j per Verlierer hat ’ne Belohnt! itg ausjesetzt, und det verletzch meinen Stolz." Skat-Ausgabe. Mittelhand erhält folgende Karten: Sie tourniett Treff-Buben und sagt nun Grand an; int Skat liegt noch Pique-Sieben. Das Spiel geht verloren. — Wie standen die Karten der Gegner und wie wurde gespielt? Auflösung in nächster Nummert Q Q Auslösung des Scherzrätsels in voriger Numuter: Nahm seinen, Besen — Chinese (mit dem Zopf). Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,