Samstag den 25. November s ui w-' WyMKWW Ife tf EJi ■£ * iVijH Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Na, das ist doch merkwürdig! sagte der Küster, bas Brrch, welches er soeben geöffnet hatte, wieder schließend nnd fröhlich mit der Hand darauf schlagend. Ganz dasselbe pflegte mein alter Meister immer zu sagen, als ich noch ein Bursche war. „Warum," sagte er, „warum wird das Kirchenbuch nicht in einer eisernen Kiste aufbewahrt?" Das habe ich ihn hundertmal sagen hören. Er war hier der Advokat damals, Sir, und hatte dabet das Amt des Kirchspielschreibers inne. Ein prächtiger, aufrechter alter Herr — und der eigenste alte Herr, den es nur geben konnte. So lange er lebte, bewahrte er auf seiner Expedition in Knowlesbury eine Abschrift dieses Buches und ließ von Zeit zu Zett die bei uns eingetragenen Zertifikate genau nachschreiben. Die Wschrift kontrollierte er alle Vierteljahre. „Wie kann ich wissen" (Pflegte er zu sagen), ,,toie kann ich wissen, ob nicht dies Kirchenbuch einmal gestohlen oder vernichtet werden mag? Warum verwahrt man es nicht in einer eisernen Kiste? Es wird sich eines Tages irgend etwas Ungehöriges ereignen — und wenn dann das Kirchenbuch fort ist, werden die Herren den Wert meiner Wschrift erkennen." Dann Pflegte er seine Prise zu nehmen und so stolz wie ein Lord um sich zu blicken. Welches Jahr sagten Sie, Sir? Achtzehnhundert und wieviel? Achtzehnhundert und vier, entgegnete ich, heimlich entschlossen, dem alten Manne keine fernere Gelegenheit zum Schwatzen zu geben, bis ich mit meiner Durchsicht des Kirchenbuches fertig sein würde. Da ich nicht wußte, in welchem Monate Sir Percival geboren war, begann ich meine Nachsuchung mit dem Anfänge des Jahres. Das Kirchenbuch war eins nach der alten Art: die Zeugnisse waren auf leere Blätter gescdrie- ben und durch Linien getrennt, Welche mit Tinte dicht untyr jedes Zertifikat über die ganze Seite hingezogen waren. Ich kam bis zum Schlüsse des Jahres Achtzehnhündert und vier, ohne die Heirat zu finden, und ging dann rückwärts durch Achtzehnhundert und drei, durch den Dezember, November, Oktober. Im September fand ich die Heirat eingetragen! . Ich besah das Eingetragene aufmerksam. Dasselbe stand am unteren Ende einer Seite und ivar wegen Mangels an Raum aus einen kleineren Platz zusammengedrängt, als die Zertifikate der Heiraten darüber einnahmen. Dre unmittelbar vorhergehende Heirat prägte sich meinem Gedächtnisse durch den Umstand ein, daß der Taufname des Bräutigams derselbe war,, den sch trug,. Die unmittelbar folgende (an der Spitze der nächsten Seite) fiel auf andere Weise auf, indem sie einen größeren Raum ein- nahnr, als die übrigen^ da sie die Vermählung zweier Brüder zu gleicher Zeit berichtete. Das Zertifikat der Heirat von Sir Felix Glyde war durch nichts bemerkbar, außer durch den engen Raum, in den das Geschriebene zusammengedrängt war. Ueber seine Gemahlin enthielt es genau dieselbe Art von Auskunft, welche gewöhnlich in solchen Fällen gegeben wird. Sie war angeführt als: „Cäcilia Jane Elster aus Park-Biew Cottages, Knowlesbury; einzige Tochter des weiland Patrick Elster, Esquire, ehedem aus Bath." Das Geheimnis, von dem ich bis zu diesem Augenblicke geglaubt hatte, daß ich es schon fast ergriffen, schien mir jetzt ferner denn je entrückt. Der nächste Schritt, den ich nun tun konnte, galt dem Kirchenspielschreiber von Knowlesbury, welcher der Sohn des früheren war. Ich erkundigte mich daher nach dem Wege dorthin und verließ den geschwätzigen Küster. Als ich die Kirche hinter mir ließ, schaute ich zurück — und da unten aus der Straße waren wieder die beides Männer, zu denen sich noch ein dritter gesellt hatte; dieser dritte war der kleine Mann im schwarzen Anzuge, dem ich am Wende zuvor nach der Eisenbahnstatton gefolgt war. Die drei besprachen sich eine Weile und trennten sich baitn. Der kleine Mann in Schwarz ging allein nach Wel- mingham zu; die andern beiden blieben beisammen, indem sie offenbar warteten, bis sie mir, sobald ich weiter gehen würde, wieder folgen könnten. Ich setzte meinen Weg fort, ohne sie gewahr werden zu lassen, daß ich sie bemerkt hatte. X. Der Weg war meistens gerade und eben. Jedesmal, wenn ich mich umschaute, sah ich die beiden Spione mir ruhig folgen. Während der größten Strecke des Weges hielten sie sich in sicherer Entfernung hinter mir. Aber ein paarmal beeilten sie ihre Schritte, wie wenn sie mich elu- holen wollten — standen dann stille — berieten sich ।—. und blieben in ihrer vorigen Entfernung zurück. Ich war eben an einer einsamen Stelle des Weges angelangt, Von wo ich eine scharfe Biegung in einiger Ent- fernung vor mir sah, und war gerade zu dem Schlüsse gekommen (indem ich eine Zeitberechnung machte), daß ich mich der Stadt nähern müsse, als ich plötzlich die Schritte der Wanner dicht hinter mir hörte. Ehe ich mich noch umschauen konnte, ging der eine von ihnen (der Mann, welcher mir in London gefolgt war) schnell zu meiner linken Seite an mir vorbei und stieß mich mit seiner Schulter an. Ich hatte mich durch die Art und Weise, in welcher er und sein Gefährte mich von Welmtngham aus verfolgt, heftiger aufreizen lassen, als ich mir dessen selbst bewußt war, und ließ mich hierdurch unglücklicherweise hinreißen, den Menschen ziemlich herzhaft mit der flachen Hand von mir zu stoßen. Er fing! 738 augenblicklich an, um Hilfe zu rufen, worauf sein Gefährte — der stämmige Bursche in der Wildhüterklcidung — an meine rechte Seite sprang — und im nächsten Augenblicke hielten sie >mich gefangen mitten auf der Wege zwischen sich. Die lkeberzeugung, Haß. mau mir eine Falle gelegt, und der Verdruß darüber, daß ich hineingegangen war, hielten mich glücklicherweise davon ab, meine Lage durch einen nutzlosen Kampf mit zwei Männern, von denen der eine wahrscheinlich allein schon mehr als genug für mich gewesen wäre, noch zu verschlimmern. Ich unterdrückte die erste natürliche Bewegung, durch welche ich versucht hatte, mich ihren Griffen zu entziehen, und blickte umher, um zu sehen, ob niemand in der Nähe sei, dessen Hilfe ich anrufen könne. Ein Bauer arbeitete in einem nahen Felde; er mußte gesehen haben, was sich zngetragen, und ich forderte ihn daher auf, uns nach der Stadt zu folgen. Er schüttelte mit dummer Beharrlichkeit den Kopf und ging fort einem Häuschen zu, das etwas von der Landstraße abgelegen war. Zu gleicher Zeit erklärten die beiden Männer, welche mich hielten, ihre Wsicht, mich eines Angriffes auf sie anzuklagen. Ich war jetzt ruhig und klug genug, keine Einwendungen weiter zu machen. Laßt meinen Arm los, sagte ich, und ich will euch in die Stadt folgen. Der Mann in der Wildhüterkleidung äußerte eine grobe Weigerung. Der andere aber war schlau genug, um an die Folgen zu denken und seinem Gefährten nicht zu gestatten, sich durch unnütze Gewalttätigkeit zu tont promt. Heren. Er gab ihm ein Zeichen, und ich ging dann frei zwischen den beiden. Wir langten an der Biegung im Wege an, und da dicht vor uns lag die Vorstadt von Knowlesburp Ein Ortskonstabler kam des Wegs. Die Männer riefen ihn augenblicklich an. Er entg gnete, daß der Magistrat augenblicklich im Gerichtssaale versammelt sei, und empfahl uns, uns sogleich dorthin zu begeben. Wir gingen nach dem Rathause. Der Gerichtsschreiber fertigte eine Vorladung aus, und die Anklage gegen mich wurde dann mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Uebertreibungen und Verdrehungen vvrg.brächt. Der Richter (ein unfreundlicher Wann mit einem sauren Wohlbehagen an der Ausübung seiner Macht) frug, ob irgend jemand auf ober neben dem Wege Zeuge des Angriffes gewesen, und zu meiner großen Ueberraschung gaben die Kläger die Anwesenheit des Bauern im Felde zu. Ich wurde jedoch durch die nächsten Worte, des Richters über >en Zweck dieser Zugabe aufgeklärt. Er verwies mich so- ort auf die Vorführung des Zeugen, wobei er zugleich eine Bereitwilligkeit .aussprach, Bürgschaft für mein Er- cheinen zu nehmen, falls ich ihm eine solche zu bieten mstande sei. Wäre ich in der Stadt bekannt gewesen, so würde er mich aus mein eigenes persönliches schriftliches Unterpfand entlassen haben; da ich aber dort vollkommen fremd war, so war es notwendig, daß. ich eine verantwortliche Bürgschaft stellte. Der ganze Zweck des Streiches war mir jetzt klar. Wan hatte es so eingerichtet, daß ein gerichtlicher' Aufschub notwendig war in einem Orte, wo ich vollkommen fremb unb es mir deshalb unmöglich war, meine Freiheit durch Bürgschaft toieber zu erhärten. Dieser A 'fschub er- {treckte sich aus bloß drei Tage: bis zur nächsten MagistratZ- itzung. Doch inzwischen konnte Ztr Pereiv.u. während ch im Gefängnisse saß, von - combe nahe angingen. Indem ich auch jetzt noch dieselbe Vorsicht gebrauchte, erklärte ich ihm meine Anwesenheit in Knowlesbury auf dieselbe Weise und überließ es dann dem Doktor zu bestimmen, ob das Vertrauen, welches eine Dame, die er wohl kannte, in mich gesetzt, mich zu der Bitte rechtfertigte, mir in einem Orte zu Hilfe zu kommen, an dem ich vollkommen unbekannt sei. Ich erhielt Erlaubnis, mir einen Boten zu mieten, der augenblicklich mit dem Briefe in einem Wagen w g- fuhr, in welchem er den Doktor gleich mit zurückbringen konnte. Oak Lodge war zwischen Knowlesbury und Blackwater gelegen. Der Mann erklärte, er könne in vierzig Minuten hinfahren uno in abermals vierzig Minuten den Doktor mit zurückbringen. Es war kaum halb zwei Uhr, als der Bote fortfuhr, und noch ehe es halb drei geschlagen, kehrte er schon zurück und brachte den Doktor mit Des Doktors Freundlichkeit und das Zartgefühl, mit dem er seinen schnellen Beistand wie eine Sache darstellte, die sich ganz von selbst verstehe, überwältigten mich fast. Die erforoerciche Bürgschaft wurde sofort geboten und angenommen Nock vor vier Uhr desselben Nachmittags konnte ich als freier Manu auf der Straße von Knowlesbury dem guten alten Doktor mit einem warmen Händedrucke danken. Dann wandte ich meine Schritte nach Mr. Wans- boroughs Geschäftslokale in der Hochstraße. Die Zeit war jetzt von der größten Bedeutung. Die Nachricht, daß ich durch Bürgschaft in Freiheit gesetzt worden, mußte Sir Percival unfehlbar noch vor Einbrüche der Nacht erreichen. Falls die nächsten paar Stunden mich nicht so stellten, daß dadurch seine schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt wurden, und er hilflos in meine Macht gegeben war, so konnte ich jeden Zoll des Bodens, den ich gewonnen hatte, verlieren, um ihn nie wieder zu gewinnen. Der gewissenlose Charakter des Mannes, sein Einfluß in der Umg g.iib, die verzweifelte Gefahr der Bloßstellung, mit der meine blindlings angestellten Nachforschungen ihn bedrohlen — alles dies ließ mich die Notwendigkeit fühlen, der Entdeckung nachzusetzen, ohne auch nur eine Minute zu verlieren. Ich hakte, während ich Mr. Dawsons Anllinft erwartet, Zeit zum Nachdenken gefunden und hatte guten Gebrauch davon gemacht. Gewisse Abschnitte in der Unterhaltung des redseligen alten Küsters, welche mich zur Zeit gelangweilt, stellten • sich meinem Geiste jetzt in einem! neueren bedeutungsvolleren Lichte dar, und es kam mir ein dunkler Verdacht, der mir in der Sakristei nichts in den Sinn gekommen war. Auf meinem Wege nach Know- lesbury hatte ich nichts weiter beabsich igt, als Mr. Wans- borough in bezug auf Sir Percivals Mutter zu befragen. Jetzt aber beschloß ich, die Abschrift des Kirchenbuches zu. Altwelmingham zu untersuchen. Mr. Wansborough war auf feinem (Geschäftszimmer, als ich nach ihm frug. Er war ein jovialer, freier, ruhiger Mann — er hatte mehr _ das Aussehen eines vergnügten Landmannes, als' das eines Advokaten — und schien sowohl erstaunt als belustigt über mein Anliegen. Er hatte von seines Vaters Abschrift des Kirchenbuches allerdings gehört, sie selbst aber noch nie gesehen. Man hatte nie danach gefragt, dach werde es ohne Zweifel in der Sicherheitskammer unter den übrigen Papieren liegen, welche seit seines Vaters! Ableben pie angerührt worden. (Fortsetzung folgt.) 789 Totensonntag. Skizze vvn A. v. d. Warnolv. „Sonderbar!" murmelte der Stabsveterinär a. D. Karl Ebert während er sich im Bette in sitzender Stellung erhob und halb neugierig, halb abwehrend zu einem kleinen Bleisoldaten hinübersah, der auf dem mit Papieren bedeckten Schreibtische stände Es war mn dentsckstw Schutztruppler aus Süd-West in seinem graublauen Kakianzuge und aufgeschlagenen Schlapphute, den er gestern im Sande einer der Spielplätze des Stadtparkes gefunden und mit nach Hause genommen hatte Er hatte ihn dort auf den Schreibtisch hiugestellt, dann die Zeitung flüchtig durchgelesen und darauf schlafen gegangen. Da war es ihm im Traum gewesen, als rege sich der Bleisoldat, schüttele sich und nicke ihm freundlich zu. Eine bekannte Stimme sprach: „Na, alter Junge, wie geht's? He, immer noch wohl und munter? Erinnerst du dich noch des Ueberfalles bei Gobabis?" Natürlich erinnerte er sich des für ihn so schrecklichen Tages, wo die Hereros und Kauas-Hottentotten sie in dem Dorngestrüpp Wachteenbitjrbusch heimtückisch, wie wilde Hunde ein Rudel Gnus, überrumpelten, und wo er fast das Leben unter ihren Kirris und Speeren hatte lassen müssen. Noch gellt ihm das schrille Geheul dieser braunen Teufel in den Ohren: „Hurry, hurry? Duitschen! Trululu!" Noch sieht er die nackten, braunen Arme die Waffen schwingen, die weihen, haßerfüllten Augen in den dunklen Gesichtern funkeln, sieht das grelle, rote Aufblitzen der Schüsse, den Wirrwarr von Menschen und Pferden. Dann war er zu Boden gestürzt. — — —. Mehrere Speere haben sein Pferd durchbohrt und tot dahingestreckt. Schon droht ein geschwungener Kirri über seinem Kopf, da zerschmettert eine Kugel die braune Faust und ein Kolbenschlag wirst den Feind betäubt nieder. Aus dem Sattel springt der.Gfreite Arno Bernhard, reißt ihn unter feinem verendeten Gaul hervor, hilft ihm auf sein eigenes Tier und zieht es davon, aus dem Gewühl des Kampfes den flüchtenden. Kameraden nach. Immer ferner herüber hallt das Kriegsgeheul der Wilden, ihr schrilles: „Assw-Kajaeta!" — Er war gerettet! Damals, 1895, war er als junger Veterinär nach Süd-West gegangen und hätte ohne die mutige Hilfe des guten Kameraden dort in der verdursteten, braunen Dornwildnis sein Leben lassen müssen. Bon diesen fernen Tagen hatte ihm der Bleisoldat dort auf dem Schreibtisch die ganze Nacht hindurch gesprochm; und es war ihm gewesen, als sei es Bernhard selbst, der zu ihm rede, mit seiner lieben Stimme. Und doch sollte er gestorben sein, vor etwa einem halben Jahre hatte er es in der Zeitung gelesen. Sie waren, wie es so das Leben mit sich bringt, nach Beendigung ihrer Dienstzeit in Afrika auseinander gekommen. Er hatte als Veterinär bei einem Regiment in der Heimat weitergebient, während Bernhard geheiratet und einen bürgerlichen Beruf ergriffen hatte. Auf einer Dienstreise hatte er die Todesanzeige des braven Kameraden gelesen und so leider seinem Sarg nicht folgen können. Er erinnerte sich aüf einmal, daß Bernhard verheiratet gewesen und eine Witwe und zwei Kinder hinterlasstm haben sollte, und daß die vielleicht nun in Not und Elend darbten und schmachteten. Und heute war Totensonntag! Ja, wozu lag er noch in den Federn? Hinaus! Und hin zu dem Grab seines Freundes, um das so lange Versäumte endlich nachz-uholen, soviel er es noch konnte, und die Scholle, die das treue, deutsche Herz deckte, mit Blumen zu schmücken. Ebert warf einen dankbaren Blick auf den Bleisoldaten, der in feinem abgestoßcnen Lackanstrich so kühn und stramm auf dem Schreibtisch stand, als schlage wirklich ein echtes deutsches Herz auch unter dieser bleiernen Hülle. Fernhin durch das müde Schweigen des Spätherbsttages klangen die Glocken, verhallend in der grauen, stummen Nebellust. Am grau-blauen Himmel, hinter dem Gewirr nackter, kahler Zweige, blaß und rot wie ein verweintes Auge die Sonne. Ebert wanderte langsam durch die Totenstadt, die heute zum Gedächtnis all der Entschlafenen in Blumen Prangt, weißen Und klagenden Späthwbstblumen, die abgestückt und vom Stengel gebrochen sterben. Grüße, die das Leben den Toten sendet. Vom Totengräber, dessen Hänschen noch immer so alt und verwittert aussah, wie er es als Kind gesehen, erfuhr er die Ruhestätte seines Freundes Bernhard, und nun schritt er dahin durch das Gewirr der Gassen und das Gedränge der Leidtragenden. Dort war das gesuchte Grab, dunkelgrüner Efeu bedeckte es, zwei schwarze, ernste Zypressen schienen,' wie zwei Schildwachen, an ihm Posten zu stehn. Auf dem Hügel aber erblickte er zwei schwarze Marmorvlatten. Auf der einen las er den Geburts- und Sterbetag seines Freundes, aus der anderen einen weiblichen Namen: Anna Bernhard geborene Holz. War das die Frau seines Freundes? War diese auch gestorben? Und die Kinder? Nun siel ihm ein, wie 6 lange er seinen guten Kameraden aus dem fernen, wilden Süd- est nicht mehr gesehen hatte! Fast zehn Jahre nicht — und obgleich sie so nah einander waren, doch wie fremd und gleichgültig aneinander vorübergingen. Eine tiefe Reue beschlich sein Herz, und zum erstenmal fühlte er sich einsam und verlassen auf der Welt. In seinem Junggesellentum hatte er bisher nur für sich, nur für seine Bequemlichkeit und Unterhaltung gelebt, nie Liebe gesät und nie Liebe empfangen: nun aber auf einmal sehnte er sich nach Liebe und nach Wesen, für die er sorgen und die ev behüten und schützen könnte. , Er legte den Kranz auf das Grab seines Freundes und betete ststl. „ Leichte Schritte hatten sich dem Grabe genähert, zwei Kinder, aber sauber gekleidet, ein Mädchen von etwa acht und em Knabe von etwa sechs Jahren, waren zögernd gekommen und als sie den sremden Mann erblickten, zaudernd stehen geblieben, Ebert hatte bte. Kinder nicht gehört, sein Geist weilte in der Vergangenheit, in Tagen, die nur noch Leben hatten in seiner Brust und die lange schon verweht waren. Langsam trat der Knabe näher, feine großen, blauen Kinderaugen schweiften fragend zu Ieinem Schwesterchen, dann schritt er ganz nah an den Fremden heran, legte seine kleinen Hände auf dessen Arm und sprach: „Armer Mann, weinst du auch?" Ebert erhob das Haupt und entgegnete fragend: „Wie heißt du, lieber, kleiner Junge?" , „O, ich, ich heiße Karl Bernhard. Weißt du, Karl heiße ich nach einem guten Onkel, der fern dort in Afrika wohnt und von dem Papa immer so viel Schönes erzählte. Das dort ist mein Schwesterchen Anna — aber die kann ich nicht mitnehmen, wenn ich nach Afrika gehe, um den lieben Onkel zu besuchen, die fürchtet sich vor schwarzen Hereros und Hyänen und anderem wilden Getier." Ebert faßte die Hände des Kindes und fragte: „Sag einmal, könntest du den Onkel, wenn du ihn fändest, wohl ein wenig lieb haben?" Da wurden die Augen des Knaben .tief und leuchtend, und fein weißes Kindergesichtchen ward so wunderbar verklärt, während seine Stimme bebte: „O, Papa hat immer so viel Schönes von dem Onkel erzählt, daß jeder ihn lieb haben muß. O ja, ich möchte ihn fast tot küssen!" Da umschlang der alte Mann das Kind, küßte es wieder und wieder und drückte es weinend an seine Brust, aber es Maren nicht Schmerzenstränen, sondern Freudentränen, denn Ihm war, als hätte fein Leben erst jetzt einen Zweck, als habe er nun erst das gefunden, was es wert und licht mache. Ihm war, als habe sein Freund ihm ein heiliges Vermächtnis hinterlassen, das er zu hegen und zu pflegen habe. Und er wollte dies Vermächtnis entnehmen und bewahren, bis auch ihm dereinst die Kameraden die letzte Wohnung Bereiten würden in der großen, stuminm Toten- stadt. „Karl, sieh, ich bin der Onkel, von dem dein lieber Papa so oft gesprochen hat. Und weißt du, wer mich hierher geschickt hat? Dein Bleisoldat, den ich gestern im Sande des Spielplatzes gefunden habe!" Wieder leuchteten die blauen Kmderaugen, und sich an sein Schwesterchen wendend, das gleichfalls näher getreten war, sprach der Knabe: „Siehst du wohl, ich hatte recht! Du'sagtest, der Soldat sei desertiert, feige und ehrlos, ich aber sagte dir, ein Deutscher laufe nicht fort und er fei nur irgend wohin gegangen und würde wiederkommen. Sieh, nun war er nach Afrika marschiert und hat uns unfern guten, lieben Onkel geholt, damit wir nicht mehr so allein fein sollten und Schelte und Schläge bekommen^ O, das war eine brave Tat von dem Soldaten!" ■ „Nein", sagte Ebert fest, „ihr sollt nicht mehr gescholten und geschlagen werden, ich werde euch die Eltern ersetzen, so viel in meinen Kräften steht, und euch zu tüchtigen, klugen Menschen machen. Kommt jetzt mit, ihr werdet von nun an bei mir wohnen. Dein Soldat hat schon fein Quartier bezogen und erwartet dich; die anderen werdep wir uns heute auch noch holen, mit all euren Sachen." Tas Kind klatschte freudig in die Hände: „Und ich soll nicht mehr zu der bösen Frau Müller, die uns immer schlug? Nie mehr? O, du lieber, goldener Onkel, komm, laß mich dich küssen! — Anna, hörst du wohl, wir sollen nicht mehr zu der bösen Frau Müller! Komm, küsse den guten Onkel auch!" Ebert aber sah voll heißen Dankes zu dem graublauen Herbst- Himmel empor. Ihm war, als habe fein Freund ihm das Beste geschenkt, was er auf Erden hatte, und leise hauchte er: „Ich werde es in Treue wahren." Und dann schritt er hinaus aus der stummen, düsteren Totenstadt hinein in das Leben, aber nicht mehr allein. Zwei kleine Wesen gingen ihm zur Seite, und vier Händchen umklammerten ihn sest in vertrauender Kindesliebe. Ihre schwarzen Silhouetten hoben sich schars gegen den rotgoldigen Abendhimmel ab, wie sie dahinschritten, und es war, als gingen sie hinein in das große, tiefe Licht. _______________ grauenleben bei den Eskimos. Anschauliche Bilder von dem Leben der Eskimofrauen entwirft die Gattin des dänischen Gouverneurs von Grönland, Annü Bistrup, im .Century Magazine. Ter Grönländer begrüßt das Erscheinen eines kleinen Mäd-- chens nicht minder freudig, als das eines Knaben. Ist aber auch der fünfte oder sechste Ankömmling weiblichen Geschlechtes,, so ist er weniger erfreut, und er kleidet dann wohl fein sechstes Mädchen, um einer süßen Täuschung willen, wie einen Jungen, bis das Reiferwerden des Kindes ihn schließlich zwingt, dre Verkleidung aufzugebeu. Ihr erstes Jahr verbringt die Herne Eskuno- ein Vermischtes. * Schönheitsbäder. In Boston ist vor kurzem ein luxuriöses Institut eröffnet worden, das der Wiederherttellung weiblicher Schönheit geweiht ist. Zn Preisen, die nach eurapat- schon Begriffen erschreckend wären, können hier die Bostoner Millionärinnen Verji'mgungsversuche u« ter nehmen mit Hilke von Oel-, Aülch-, Erddeer- und Hiinbeerbädern. Eine ganz besondere Straft aber Soll den Badern innewohnen, die aus dem Absud von — Kalbsgekröse hergestellt sind. Ein solches Bad soll „die Schönheit auf lange Zeit konservieren und die Frische der Haut wieder Herstellen." Das gleiche hofften schon vor einigen tausend Jahren die Patrizierinnen der römischen Kaiserzeit Es war bei ihnen Sitte, täglich zwei Bäder zu nehmen, die aus der Milch von 300 Arithmogrlph. 4 6 0 1 2 1 7 ein männlicher Vorname, 7 18 0 eine beliebte Blume, 3 12 ein Medikament. b 0 4 0 7 8 3 9 3 0 ein Gartengewächs, 1 6 3 1 ein Fluh in Amerika, 9 14 4 1 ein Spiel. 3 10 9 ein Prophet im alten Testanrent. 8 4 1 0 7 ein Fisch. Die Anfangsbuchstaben der gesundenen Wörter ergeben Land in Afrika. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummerr Sanfter könnte wohl das Schicksal sein, Aber Dank auch seinen rauhen Griffen! Hell und herrlich glänzt der Edelstein Erst, wenn ihn des Meisters Hand geschliffen. Same, wenn sie nicht an der Brust ihrer Mutter uM rn ernem riesigen Sack, dem Amtaut, und wenn sw diese merkwürdige Wiege verläßt, wird sie sogleich in die Natioimltra cht, angdleibet. Bald entwickelt sie ein äußerst lebendiges und bewegltchev Wesen, mit Staunen sieht man, wie solche winzigen Puppen blitzschnell Hügel aus und herab über Geröll und Stein dahineilen. All die Fünfjährige tritt der Ernst des Lebens in Gestalt der Schule heran, aber dieser Ernst läßt sich ertragen, denn wenn sie. das Institut der Bildung verläßt, dann kann sre kaum ihre eigene Sprache lesen und schreibeit und ent wenig rechnen: nur im Katechismus und in biblischer Geschichte ist sie stark. Alle häuslichen und Handarbeiten lernt fte bet ihrer Mutter. Früh schon muß sie das kleinere Schwesterchen im Amaut tragen, muß sich ihre Kleidung selber nähen und lernt jene prächtigen Stickereien ausführen, die den höchsten Schmuck in der Toilette der Grönländerin ausmachen. Tie Konfirmation mit lo oder 14 Zähren ändert nicht viel in ihrem Leben, nur tragt sie letzt bereits eine gewisse Verantwortlichkeit in der Häuslichkeit, smelt meht mehr am Tage herum, sondern vergnügt sich in der Abenddämmerung durch Spazierengehen oder Rudern, in welcher Tätigkeit sie zumeist eine hohe Vollendung erreicht. Mit 18, oder 20 Jahren, häufig schon früher, selten später, wird sie verheiratet. Eine romantische Liebesgeschichte geht ihrem Ehebund Nicht voraus, sondern sie fügt sich dein Wunsche der Eltern, die mit denen des Bräutigams alles abmachen. , „ Tas aus Stein und Rasen erbaute Haus des Eskimos;, dessen Fenster der Sonne zugekehrt sind und dessen einziger Eingang an der dem Wind am wenigsten ausgesetzten stelle liegt, hat viele Wohnungen. Jede Faniilie haust in einem großen Raum, und zwar gilt als der beste Raum der tnt, Innern des Hauses gelegene. Ihn hat der älteste und würdigste Bewohner tmre, während das dunkle, kalte und unbequeme.Zimmer nabe beim Eingang dem jüngsten Insassen zufällt. Ein großes gemeinsames Bett, das nur aus einer Lage von Heu oder Stroh und einer Decke von Seehunds- oder Renntierfell besteht, nimmt die ganze Familie auf. Die Eltern liegen in der Mitte, zu desVaterS Seite die Jungens, auf der Seite der Mutter, die Madchcm, die jüngsten den Eltern am nächsten, und alle mit dem Kopf nach der Tür. Möbel. sind so ziemlich unbekannt in der Eskmo- wohnung. Jedes Mitglied der Familie hat eine kleine Kiste, in der es seine Sachen'verwahrt; im übrigen ist der eine Raum zugleich Schlafzimmer, Eßsalon, Vorratskammer und alles andere, Tas Aufräumen erfordert daher keine große. Muhe, und aiich mit dem Kochen haben die Eskimodamen wenig zu tun. Alles was man nicht roh verzehrt, wird gekocht; rouipliziertere Gerichte sind unbekannt. Das Aufwaschen macht ebenfalls kerne Arbeit, denn ein Reinigen der Teller und Schüsseln findet weder vor noch nach der Mahlzeit statt Trotzdem haben die Frauen recht viel zu tun, denn da in der Gemeinschaft der Eskimos Arbe.ks- teilung noch nicht eingeführt ist, so muß sich leder alles allein besorgen. Die Eskimofrau kennt nicht die Freuden des »Shopping"; der dänische Laden, der sich etwa in „einer Ansiedlung befindet, enthält nur .Ttinge, die ;*>er Grönländer nicht selbst produzieren kann, und die er sehr selten braucht, so Kaffee, Zucker, Tee, Wollstoffe usw. Ter richtige Eskimo begnügt sich aber mit den Dingen, die er in harter Arbeit sich selbst herstellt. Die- Seehundsjagd, die eine so wichtige Rolle im Eskimoleben spielt, bringt auch der Fran harte Arbeit Ter Mann kommt mit der Beute nur bis an die Küste; ine He>.einschaffung der Tiere und ihre Verwertung, besonders das Verarbeiten des Fells, ist die Aufgabe der Frau. Außerdem muß sie rm Sommer das Haus Wieder Herrichten Helsen, das die Stürme des Winters beschachgt haben; sie hilft beim Fischen, beim Rasenschneiden und der der Lieblingsbeschäftigung der Eskimos, der Renntierragd. Die Eskimofrauen sind von der Natur mit angenehmen Gesichtern und vor allem mit den schönsten Füßen ausgestattet. Freilich, der Liebreiz, der sie als Mädchen umgibt, verschwindet bei Frauen rasch, und wenn sie alt werden, sind sie von einer ganz außer-, ordentlichen Häßlichkeit. Ihrem Charakter nach sind ste rulng und friedlich, gutmütig, oberflächlich und sehr kokett. Ihre buntbemalten Hosen aus Seehundsfell, ihre schongearberteten Stiefel, vor allem aber ihr mit bunten Bändern umschlungener Haarschopf, die Natioualsrisur, sind ihr größter Stolz. Eselinnen hergestellt waren; die Kaiserin Popoaea selbst soll jene- überaus kostspielige Bad steh ausgedacht haben. Später setzte man tnebv Vertrauen auf den Ädfud von Erdbeerdtättern, auf gefocl)tett Wein aus Südgallien und auf das noch dampfende Blut ge- schtachteier Kälber. Uebrigens sind — ebensowenig wie die verschiedenen Schönheitsbäder — die Gesichtsmasken eine Ersindung der Neuzeit. In Rom waren sie bei den Damen durchaus ge- bräuchlich : sie wurden von den Hausskaven jeden Abend aus einem mit Del getränkten Teig bereitet und die Nacht über von alten und jungen „Schönen" der römischen Lebewelt auf dem Gesicht getragen. . . Ä Ick. Eine Künstlerin, die sich mit eigener Hand ihr Haus baut. Eine junge dänische Künstlerin, ^räulem Nelly Nilsson, hat sich, wie ans Kopenhagen berichtet wird, un Verlaufe des vorigen Sommers ohne irgend eine Hilfe von anderer Seite ganz und gar mit eigener Hand eine stattliche hübsche Villa in'Sjaelsö erbaut. Fräulein Nilsson hat felblt bte Steine gifammengetragen, die sie zu den Fundamentierungsarbeiten gebrauchte, sie hat selbst die Bretter und Balken gejagt, gehobelt und zusammengezimmert, die sie zu dem Hanse, einem Holzbau, verwandte; sie hat selbst die Türen, Möbel usw, verfertigt, ja jo* gar bte Glasmosaik des großen Fensters zusammengestellt, die fünf Wikinger im Kampfe darstellt. Das Hans enthält einen grauen Hauptraum, der als Atelier mit Oberlicht hergerickstet ist, eine Vorstube, Küche und Badezimmer. Im Oberstock liegen die Schlafzimmer. Tie Rohstoffe haben der Erbauerin im ganzen 700 Kronen gekostet, dazu treten noch 300 Kronen für einen Brunnen uub eine Pumpe, so daß die gesamten Baukosten des Hauses Fräulein Nilsson auf etwa 1100 Mark unseres Geldes zu stehen kommen. * Voreilig. Vater der Braut: „Ich habe mich Über Sie erkundigt. . . — Bewerber (unterbrechend): „Na, so einfältig werden Sie doch nicht sein, daß Sie darauf was geben f l • Manchmal im Dunkel... Manchmal im Dunkel, wenn die Nacht anbricht, scheint dir das Leben nut wie ferner Traum, und alle Tinge werden weich im Raum und lächeln gütig wie ein Angesicht. Dann pacht vielleicht ein Bäte an das Tor mit einem Brief .und sieht dich seltsam an. Du starrst ihm nach, bis sich in Nacht verlor sein Weg, und öffnest leise dann den Brief, und glaubst im Dämmerlicht wohl eine alte Handschrift zu erkennen, dir wohl vertraut, die Züge steil und dicht, und starrst darauf, bis dir die Augen brennen. Doch jäh entzündest du ein Licht und deine Worte tönen hohl durchs Hans, du lieft . . . und löschst die Flamme wieder au», du fühlst das rasche Blut in deinem Schritte Und faltest stumm die Blätter wieder ein — denn was du alt vertraut dir glaubtest, blieb im Schein der Kerze fremd und eines Bettlers Bitte. Und vor dir, wie aus einem fernen Reich, das einmal dein war und es nicht mehr ist, taucht dann ein Mensch auf, still und bleich, und deine Lippe, die ihn oft geküßt, zuckt schmerzhaft, und in deiner Hand wird ein Gefühl wach wie von weichen Haaren, und deiner Seele febeint er tief bekannt, wie einer, den du einst vor Jahren einmal sehr heb gehabt ... und der nun kalt und fremd durch deiner Tage Reigen geht, den anbertt gleich, in diesem großen Wald der Menschen, der an deiner Straße steht. Armin T, Wegner Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lang«, Gießen-