Hf „awtU H.'NOÜ. ÖKLSS^p, W Pfad entlang, den wir am Tage meiner Ankunft in Sittth meridge eingeschlagen hatten. Was sie mir in dem kleinen Lusthaus mit der fein- fühligsten Schonung mitteilte, ist mit'zwei Worten gesagt: Miß Fairlie war verlobt! Auf den Wunsch ihres verstorbenen Vaters seit zwei Jahren verlobt! Und diesev Bräutigam sollte am Montag eintreffen! Mir riet sie, das Haus zu verlassen, sobald es tunlich sei, um mir wie Miß Fairlie weiteren Schmerz zu ersparen. Ihr scharfes Auge hatte unser beider Herzensp geheimnis längst durchschaut! Lassen Sie mich schon heute gehen, sagte ich bitterh Je eher, je besser. Nein; nicht heute, erwiderte sie. Der einzige Grund, den Sie Mr. Fairlie für Ihre Abreise vor Ablauf Ihres! Kontraktes angeben können, muß der sein, daß eine unvorhergesehene Notwendigkeit Sie zwingt, ihn um seine Erlaubnis zu bitten, sofort nach London zurückkehren zu dürfen. Sie müssen bis morgen warten, um ihm dies! zur Zeit zu sagen, wo die Briefe ankommen. Es ist jämmerlich und widerlich, sich zur Täuschung herablassen zu müssen, aber ich kenne Mr. Fairlie, und falls Sie einmal seinen Verdacht erregen, daß Sie keinen ernstlichen Grund haben, so wird er sich weigern, Sie fortzulassen. Sprechen Sie am Freitag morgen mit ihm und beschäftigen Sie sich dann mit Ihrer Arbeit für Mr. Fairlie, um sie (um Ihres eigenen Interesses willen) in ihrem unvollendeten Zustande doch in möglichster Ordnung zurückzulassen, und' verlassen Sie diesen Ort dann am Samstag. Es wird dann für Sie und für uns alle noch Zeit genug sein, Mr. Hartright. In diesem Augenblicke kam Miß Fairlies Kammer« mädchen aus Miß Halcombe zu. Sie wechselten leise einige Worte. Dann trat Miß Halcombe wieder auf mich, zu. Sie sah unruhig aus. Wir sind jetzt über alles, was notivendig war, einig, Mr. Hartright, sagte sie. Wir haben einander verstanden, wie Freunde einander verstehen sollten, und können jetzt zum Hause zurückkehren. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, so bin ich um Laura beunruhigt. Sie hat mir sagen lassen, daß sie mich augenblicklich zu sprechen wünscht, und ihr Kammermädchen sagt, daß sie anscheinend außerordentlich ergriffen sei von einem Briefe, den sie diesen" Morgen erhalten hat, demselben Briefe wahrscheinlich, den ich ins!Haus schickte, als wir hierher gingen. Wir gingen eilends durch das Gebüsch zurück. Jetzt, da Sie so gut sind, zu fügen, daß wir einander! verstanden haben. Miß Halcombe, sagte ich noch; jetzt, da Sie meiner Dankbarkeit, meiner Entsagung und meines Gehorsams gewiß sind, darf ich es wagen. Sie zu fragen, wer — wer der Herr ist, mit dem Miß Fairlie verlobt ist? Sie antwortete hastig und zerstreut: Ein Herr mit großem Vermögen in Hampshire. Hampshire! Anna Cathericks Heimat! Wieder MH Roman von W. Collins, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mrs. Beseh und Miß Fairlie verließen zusammen das Zunmer. Die lieben, kummervollen blauen Augen schauten mich einen Augenblick an mit der in die Zukunft sehenden Trauer eines nahen Abschieds. Ich fühlte die schmerzvolle Antwort in meinem eigenen Herzen — es war ein Schmerz, der mir sagte, daß ich sie bald verlieren, aber selbst um des Verlustes willen, um so fester, um so unveränderlicher lieben würde. Ich wandte mich dem Gärten zu, als sich die Tür hinter ihr schloß. Miß Halcombe stand mit ihrem Hute in der Hand und ihrem Schal über dem Arme neben den: großen Fenster, das in den Garten führte, und betrachtete mich aufmerksam. Haben Sie etwas Zeit übrig, fragte sie, ehe Sie Ihre Arbeit beginnen? Gewiß, Miß Halcombe. Meine Zeit steht Ihnen ganz zu Diensten. Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen allein sprechen, Mr. Hartright. Holen Sie Ihren Hut und kommen Sie mit mir in den Garten hinaus. Wir werden dort zu dieser Stunde des Morgens nicht leicht gestört werden. Als mir auf den Rasenplatz hinaus traten, ging einer der Gärtnerburschen mit einem Briefe in der Hand an !uns vorbei und nach dem Hause zu. Miß Halcombe nahm ihm den Brief ab' und besah die Adresse. Eine fremde Hand .... an Laura, sprach sie zu sich selbst. Wer mag ihr Korrespondent nur sein? Wo hast du dies her? fragte sie, zu'm Gärtnerburschen gewendet. Nun, Miß, sagte der Bursche/ ich- hab's eben von' tziner Fran. Was für eine Frau? ! Eine schon ziemlich alte Frau. ! So, eine schon ziemlich alte Frau. Kennst du sie?. Ich 'müßte es lügen, wenn ich sagen sollte, daß, ich sre gekannt hätte. In welcher Richtung ging sie fort? Dahin, sagte der Untergärtner, nach' Süden deutend, indem er jenen ganzen Teil von England mit einer eint Ligen umfassenden Schwenkung seines.Armes bezeichnete. Sonderbar, sagte Miß Halcombe; ein Bettelbrief vermutlich. Da, fügte sie hinzu, als sie dem Burschen den Bries zurückgab, trage ihn ins Haus und gib ihn an einen der Drener ab. Und jetzt, Mr. Hartright, falls Sie nichts dawider haben, wollen wir diesen Weg nehmen. Sie führte mich über den Rasenplatz und denselben M - rlr. 150 Montag den 25. September 598 — immer wieder die Frau in Weiß! Es mußte ein Verhängnis darin sein. Und sein Name? sagte ich jo ruhig Md gleichgültig^ wie es mir möglich war. Sir Percival Glyde. Sir — Sir Percival Glyde! Anna Cathericks Frage über Leute im Rang von Baronets schoß mir plötzlich — ich weiß nicht warum — durch den Kopf. Ich stand stille und sah sie au. Sir Percival Glyde, wiederholte sie, in der Vermutung, daß ich sie nicht verstanden. Ritter oder Baronet? fragte ich mit einer Aufregung, die ich nicht länger bemeistern konnte. Sie schwieg einen Augenblick und entgegnete dann ziemlich kalt: Baronet natürlich. IX. Es wurde kein Wort weiter zwischen uns gesprochen, während wir nach dem Hause zurückgingen. Miß Halcombe eilte sofort auf ihrer Schwester Zimmer; und ich ging auf mein Atelier, nm diejenigen von Mr. Fairlies Zeichnungen, welche ich noch nicht aufgeklebt hatte, zu ordnen, ehe sie andern Händen übergeben würden. Meine Gedanken brauche ich hier nicht niederzuschreiben. Ich war immer noch wie betäubt, als Miß Halcombe mich eine Stunde später aufsuchte. Sie war aufgebracht uud erregt uud setzte sich auf einen Stuhl, ehe ich Zeit hatte, ihr einen anzubieten. Mr. Hartright, sagte sie, ich hatte gehofft, daß für heute wenigstens alle unangenehmen Unterhaltungsgegenstände abgemacht seien. Aber es sollte nicht so sein. Es rst irgend eine verstellbare Büberei im Werke, um meine Schwester über ihre herannahende Heirat zu ängstigen. Sie sahen mich den Gärtnerburschen mit einein Briefe, der in unbekannter Handschrift an Miß Fairlie adressiert war, ins Haus schicken? Gewiß. Jener Brief ist ein anonymer Brief — ein abscheulicher Versuch, Sir Percival Glyde in der Achtung meiner Schwester herabzusetzen. Derselbe hat sie so ergriffen und beunruhigt, daß es mir nur mit größter Mühe gelungen ist, sie hinlänglich zu besänftigen, daß ich ihr Zimmer verlassen und hierher kommen konnte. Ich weiß, daß dies eine Familienangelegenheit ist, über die ich Sie nicht zurate ziehen sollte, und für die Sie weder Teilnahme, noch Interesse fühlen können — Ich bitte um Entschuldigung, Miß Halcombe. Ich fühle die allergrößte Teilnahme und das tiefste Interesse für alles, was Miß Fairlies Glück oder Ihr eigenes betrifft. Es freut mich, Sie das sagen zu hören. Sie sind die einzige Person im Hause — und außerhalb, die mir raten kann. An Mr. Fairlie ist bei seinem Gesundheitszustände und seinem Abscheu gegen jede Art von Schwierigkeit oder Geheimnis unnötig zu denken. Und sonst wüßte ich überhaupt nieniaud außer Ihnen. Was ich zu wissen wünsche, ist dies: soll ich sogleich die Schritte, die mir zu Gebote stehen, tun, um den Schreiber des Briefes zu entdecken? oder soll ich wärteu und mich morgen an Mr. Fairlies Rechtsanwalt wenden? Es handelt sich um den Gewinn oder Verlust eines Tages, was vielleicht von großer Wichtigkeit ist. Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken, Mr. Hartright. Sie reichte mir den Brief. Derselbe begann ohne alle Einleitung oder Anrede, wie folgt: „Glauben Sie an Träume? Ich hoffe es, um Ihrer selbst willen. Sehen Sie nach, was die Heilige Schrift über Träume und deren Erfüllungen sagt; (Erstes Buch Moses XL, V. 8; XLI, W. 25; Daniel IV, B. 18 bis 25) Und hören Sie die Warnung, die ich Ihnen sende, ehe es zu spät ist. In letzter Nacht träumte mir von Ihnen, Miß Fairlie. Mir träumte, ich stünde innerhalb des Altargitters einer Mrche: ich auf der einen Seite des Altars und der Geistliche in seinem Priestergewande und mit dem Gebetbuche in der Hand auf der andern. . Nach einer Weile kamen durch das Schiff der Kirche ern Mann und ein Weib auf uns zu, um getraut zu werden! Sr e waren das Weib. Sie sahen in Ihrem weißseidenen Neide und Ihrem langen Spitzenschleier so schön und unschuldig aus, daß mein Herz für Sie fühlte, und mir Dräne« tn dre Augen kamen. Es waren Tränen des Mitleids) junge Dame, welch« der Himmel segnet; und anstatt wie die alltäglichen Tränen- die wir alle vergießen, aus meinen Augen zu fallen, wurden sie zu zwei Lichtstrahlen, die sich nach! dem Manne hinzogen, der an Ihrer Seite am Mare stand- bis sie seine Brust berührten. Die beiden Strahlen standeu in Bogen, wie zwei Regenbogen zwischen mir und ihm. Ich schaute an ihnen hin und blickte tief in sein innerstes Herz hinab. o Das Aeußere des Mannes, den Sie heirateten, wär schön genug anzusehen. Ein gewandter, rüstiger, munterer Mann — dem Ansehen nach ungefähr fünfundvierzig! Jahre alt. Er hatte ein bleiches Gesicht, wär etwas kahl über der Stirn, und den übrigen Teil seines Kopfes bedeckte dunkles Haar. , Sein Kinn wär ohne Bart, doch wuchs derselbe auf seinen Wangen und über seiner Oberlippe in einem schönen reichen Braun. Seine Augen waren ebenfalls braun und sehr lebhaft. Seine Nase gerade und schön und zart genug für ein Weib. Seine Hände ebenso. Von Zeit zu Zeit wurde er von einem trockenen Husten gequält, und wenn er seine weiße rechte Hand zu seinen Lippen erhob, zeigte er auf der Rückseite derselben die rote Narbe einer alten Wunde. Hat mir von bem rechten Manne geträumt? Sie wissen es am besten, Miß Fairlie. Lesen Sie jetzt, was ich unter der Außenseite sah — ich flehe Sie an, lesen Sie es und ziehen Sie Vorteil daraus! Ich sah in sein innerstes Herz hinab. Und siehe! es war schwarz wie die Nacht; und drin stand geschrieben mit beit roten, flammenben Buchstaben, welche da sind die Handschrift des gefallenen Engels: „Ohne Mitleid und ohne Reue. Er hat die Pfade anderer mit Jammer und Elend bestreut, und er wird den Pfad des Weibes an seiner Seite mit Jammer und Elend bestreuen." Das las ich; und dann bewegten sich die Lichtstrahlen von da fort und deuteten Über seine Schulten, hin; und da, hinter Ihnen stand ein Engel, der weinte. Und die Lichtstrahlen veränderten zum dritten Male ihr Ziel und deuteten gerade zwischen Sie und jenen Mann. Sie dehnten sich auseinander, immer mehr auseinander und drängten euch Beide voneinander. Und der Geistliche suchte vergebens nach dem Heiratsamte: es wär aus seinem Buche verschwunden, und er schloß es und legte es in Verzweiflung von sich. Und ich erwachte mit tränenvollen! Augen und klopfendem Herzen —, denn i ch glaube an Träume. Glauben auch Sie, Miß Fairlie, — ich! bitte Sie um Ihrer selbst willen, glauben Sie, wie ich glaube! Stellen Sie Erkundigungen über die Vergangenheit des Mannes mit der roten Narbe auf der Hand, ehe Sie das Wort sprechen, das Sie zu seinem elenden Weibe macht. Ich gebe Ihnen diese Warnung nicht um meinet-, sondern um Ihretwillen. Ich fühle ein Interesse für Ihre Wohlfahrt, welches leben wird, so lange ich atme. Die Tochter Ihrer Mutter hat einen weichen Platz in meinem Herzen, —i denn Ihre Mutter tour meine erste, meine beste, meine einzige Freundin." Hier endete dieser seltsame Brief ohne irgend eine Unterschrift. Die Handschrift bot keine Aussicht auf einen Schlüssel. Sie war in unsicheren, steifen Schönschreibebuchstaben aus blauen Linie geschrieben. (Fortsetzung folgt.) 3m Möwenuest. Eine Strandgeschichte von Anny Wothe. (Nachdruck verboten.) Klagend stieg eine weiße Möwe in die blaue Luft. Mit u>ei6* ausgebreiteten Flügeln, zart, wie lichtgrauer Sammet, zog sie Uber das Meer, in welches soeben die Sonne sank, dann wiegte sie sich einen Augenblick schaukelnd auf den schäumigen Wellen, als wollte sie die lockigen Häupter der Meereskinder küssen, imt gleich darauf wieder hoch empor zu fliegen, weit fort in den Rosen- schimmer des sinkenden Tages hinein. Im „Möwennest" am Strande standen ein Mann und eine Frau und verfolgten den schimmernden Flug des weißen Vogels.- Das Möwennest war eine Burg. Kinderhände hatten sie aus dem feinen weißen Mnensande gefügt. ®aS Möwennnest war wie eme starke kleine Festung. Ringsherum hohe Maudrn, gegen welch« zur Flutzelt die MeereSivogen brandeten. Auf bbtt Söller dM 699 — leise fragte: Im einsamen Möwennest aber kniete ein verzweifeltes Weib und preßte ihr wiedergeschenktes Kind wild ans Herz und ihre Tränen flogen in Strömen auf die blonden Locken des Kleinen!, teil Blanaugen lachend zur Mutter emvvrschlug und „Kommt er nicht wieder, der Onkel Tim?" E"w3S.Äe(fc vertraut, gläubigen kindlichen Nerz ms. Er Hat mich betrogen und meine Frauenehre niit - °hat mir alles Glück, alle Lebensfreude ge- ^vE"5?.^vd wenn ich heute von ihm gehe, so zahle ich ihm nur einen kleinen Teil von dem heim, was er mir getan, aber ich kann Upd darfnicht. Wer em Kind hat, der hat das Recht der freien Selbstbestimmung verwirkt Um den Buben da mutz ich bleiben um den Buben da muß ich fest sein, wenn auch tausendfach meine Seele nach Gluck schreit!" . iMer M ist ja Selbstmord, Herma, Sie vernichten sich eines törichten Vorurteiles wegen." „ ^-Nein, ich lebe für mein.Kind. Wie möchte ich vor seinem Unschuldsvoll fragenden, reinen Blicke die Augen zu Boden schlagen Mussen. Seinetwegen dulde ich, seinetwegen leide ich tausend Schmerzen, seinetwegen lache ich noch brechenden Herzens." „Sie sind eine Heilige, eine Märtyrerin, oder Sie lieben mich Nicht. „Ich bin nur eine Mutter, sonst nichts." L sie sprachen wieder und wieder zusammen und leise, ganz Uiunerklich hatten alle Gespräche einen ganz kleinen Persönlichen Unterton. Und eines Tages, als er sinnend Len Strand entlang wandelte, weit hinaus, wo es ganz einsam ist, da sah er eine große Schar Möwm eme Sandburg umkreisen. Auf dem Söller der Burg aber stand die schöne Frau. Ihr grüner Schleier flatterte int Wmde, mtt den blonden Locken um die Wette. Ihr zur Seite stand cm kleiner Bube, blondlockig wie sie, mit blitzenden Blau- augen und haschte nach den schimmernden Vögeln, dcneit die blonde Frait Futter in die schäumenden Meereswcllen streute. Und sie lachten beide, Mutter und Kind. Und das Lachen, das süße, betörende Lachen, zog den fremden Mann ins Möwennest. Wie gut Uetz es sich da plaudern in der kleinen festgefügten Burg, wahrend das Kind spielte und die Möwen kreischten, wenn sie klagend über die stlbersternigen Wogen zogen, wie weiße Schneeflocken sich auf den schwarzen Wellen wiegten. O, du ewiges geheimnisvolles, immer wechselndes Meer. Was rauschen und sagen deine Wellen und Wogen? Und nun heißt es Abschied nehmen vom Möwcnnest. „Papa hat geschrieben, Onkel Tim," berichtete der kleine Fredy. „Morgen kommt er uns holen, die Mama und mich Das ist gut, nun wird doch die Mama nicht mehr so viel weinen, wie früher zu Haus, weil Papa immer nicht gut zu- ihr'war. Hier hat Mama nie geweint. Weißt du, Onkel Tim, öfter hat sie sogar gelacht und immer so wunderschön im Möwennest mit mir gespielt." „Glaubst du, daß sie zu Hause auch wieder mit mir lacht, die Mama, Onkel Tim?" Ein Schauer ging durch Tim Thimuisens Herz. Der große starke Mann bebte imi> sein dunkles Auge ruhte heiß fragend auf oem tief erblaßten Antlitz der jungen Frau, die ihrem Kinde erschreckt die Hand auf die Lippeu legte. , „Quäle den Onkel nicht, Fredy," sagte sie tonlos, „geh und spiele, mnn Kind." ; „Kommt der Onkel mit nach Hause?" fragte der Kleine hartnäckig. „Es ist so hübsch, wenn er bei uns ist. Er kann Mit mir spielen; Papa tut cs nie!" Wieder das tödliche Erschrecken in dem Gesicht der jungen Frau, wieder die ängstliche Abwehr in den Augen. Da konnte Tim Thimmsen nicht mehr sein Herz beherrschen. Er breitete tvortlos der blonden Frau die Arme entgegen. . Das Kind spielte und plauderte mit den Wellen' und die Möwen tauchten tief in die violette Meeresflut, die farbenglühendh Bänder den Strand entlang säumte. Nur ein schmaler Streifen des Sonnenlichts zog sich blutrot am grauen Wendhimmel dahin uitd warf leuchleirdc Rosen auf ine Flut. Tim Thimmsen ließ die Arme sinken. In den klaren blauen Augen der Frau dort in dem weißen Gewände, die so hoch und stolz vor ihm stand, lag Willensstärke Abwehr. Tims Mnkle Äugen zitterten im wahnsinnigen Schmerz. I War ne ihm wirklich verloren? Sie, die er liebte wie den I Traum der langst vergangenen Jugend', sie, eines anderen Weib? I „Sie reisen morgen?" fragte er Eich tonlos. ' Sie nickte stumm. „Und gibt es kein Wiedersehen, Herma, keins?" „Keins!" gab sie fast hart zurück. „Besinnen Sie sich, Herma," bat er leidenschaftlich. „Zerbrechen Sw nicht mit spielenden Händen ein Glück, das sich so groß, so übermächtig hier aufbaute. Sagt es Ihnen denn nicht | jajer Herzschlag, daß wir füreinander bestimmt sind; daß nur I Sm. Herz in dem Herzen dds. anderen leben kann? Wollen Sie i Nein, er kam nicht wieder, nie mehr. Das Meer, das jetzt ganz schwarze Meer gab ihn nicht her. Nur fern am Horizont, da zeichnete eine feine Silberlicht- spur den Weg, den „Onkel Tim" gegangen. Eine dunkle Entschlossenheit blitzte da in dem verzweifelten Antlitz des jungen Weibes auf. Was sie dem Lebenden versagen mußte, dem Toten durfte sie gehören. „Ich hasse die Mütter!" rang es sich von seinen heißen! Ltppcn, „die ihren Kindern opfern und den Mann ihrer Liebe darben lauen. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie feige sind, Herma." Ein einziger, qualvoller Blick aus den tiefblauen Augen traf ihn und machte ihn erschauern. „Und nun wollen wir scheiden, lieber Freund," sagte sie leise, ihin beide Hände reichend, die er wortlos an seine zuckendeii Lippeil zog, „denken Sie freundlich und! gütig meiner und habe» Sie Tank für die lichtvollen Stunden, die Sie einer Unglücklichen o^sstct. Ost, wenn ich einsam daheimsitze, werde ich an das' „Mowennest', an das Meer mit feinem Leuchten und an Sie,' Tim, denken und ich werde sehr, sehr glücklich sein. Sehen Sie nur, jetzt ist auch der letzte rote Schein verblaßt und —" Ein Schrei, gellend und angstvoll, unterbrach ihre Rede. Fredy, der kleine Fredy, war verschwunden. „Fredy!" schrie sie wie wahnsinnig auf. „Dort, dort!" rief Tim Thimmsen- auch schon den Rock von sich werfend. „Dort das rote Röckchen auf den Wellen." „Retten Sic mein Kind, Tint!" rief die geängstigte Mutter', „und ich will Ihnen gehören mit Leib und Seele." „Ich wag' den Kampf," rief er ihr schon aus dem Wellen-- gebraus entgegen, dann schwamm er mit ruhigen, sicheren Stößen der Stelle zu, wo Fredys blonde Locken noch einmal auf den weißen Schaumkronen wie Goldgespinst auftauchten. Herma stand auf dem Söller der Sandburg. Die Wellen netzten schon ihre Füße. Nirgends ein Mensch, nirgends Hilfe, wenn cs Tim nicht gelang, das Kind zu retten. Sie wollte selbst hinein in die. Flut. Da kehrte Tim mit dem Kinde im Arm zurück. Im wilden Wellengebraus schwamm er, kräftig gegen die Wogen ankämpfeud, immer näher. Sie lies ihm jauchzens entgegen, in das schäumende Wasser hinein. „Lebt er?" rief sie atemlos in das Wellengebraus. „Ja, er lebt! aber ich, — nehmen Sie, — meine Kstäste —: Versagen!" Sie ritz das ohnmächtige Kind in ihre Anne, dann schloß Tim kraftlos die Augen — eine große Welle führte ihn zurückweit in das Meer. „Tim!" schrie sic auf. „Herma, ich liebe dich!" klang es noch einmal matt herüber, dann schlugen die großen dunklen Wellen des weiten Meeres über Tim Thimmsen zusammen und trugen ihn weithin fort, in das Reich der Unendlichkeit. w** ----- Nie hatte ihr Auge aufgeleuc^tet, nie ihv Mund, der Mund I anüattlin- r^eme wird Ihre Ketten lösen, bie Stüvde nahte, die ihn zu g'jjS Un?di?Wögen nahin'en die Work« »w ÄiMV MS S5SPSÄE S M «* Nest"? Suchte nicht fein Auge das Wehen eines lickta?ünen . nnh met« Kind sein," gelobte er feierlich, Kchlciers, den sie gegen den Wind um die blonden Locken schlang I Herzen^rUhen " tl^en mtb rafien- Sie mir glücksfroh am wenn er noch weit war vom Möwennest, sehr weit? I " Die blonde w, „xx™ x <• .c ~ »'Säii*" ■** *** ****** *»««, toSÄ&Mü * te*1 r“ *■»***•«*- tm Hotel hatten sie sich gegenüber gesessen. Die I Wißen getreten' blonde hohe Frau mit den ernsten Augen und der leisen Leidens- -------- falte um den idjönen roten Mund. „Wer den Kummer doch 'von diesen Lippen küssen könnte," dachte er gleich das erstemal. ..,,.Un& Ue sprachen zusammen, gleichgültige Dinge, ganz gleich- gultige. Und dabei klopfte doch beiden das Herz und ihre Augen sanken meinander. 600 Nun kannte sie den Weg, den sie gehen mußte, Htm frei zu werden von den Unwürdigen Banden. Tims Opfertod, als. W ihr das Kind brachte, hatte auch sie frei gemacht. Tims Andenken und ihrem Kinde wollte sie leben. Ms das Frührot im Osten aufstieg, da brachen dre Burgmauern des Möwennestes zusammen. Die Flut rtß unbarmherzig an der Feste, und die Fahne mit der Aufschrift „Mowen- nest", die führte sie weit mit sich hinweg über die grünen Wogen. Die Fahne zog Tim Thimmsen nach und die weißen Möwen gaben ihr das Geleit, weithin über die schimmernde Bahn, VeemischLss. "Elektrisch gepökelte Schinken. Im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, ivo die Elektrizität eine weit ausgedehntere und vielseitigere Anwendung findet als bei uns in Europa, bedient inan sich des elektrischen Stromes nicht nur, um junge knli!ornische Weine auf dem kürzesten Wege künstlich alt zu machen, um Mastochsen gefahrlos und schmerzlos 51t töten und ihre Häute zu gerben. Mair benutzt ihn auch, wie Mr. I, C. Lincoln aus Cleveland (Ohioi, der Direktor der Eleetrical Meat-Corning Company, in einein in der Versaminlung des amerikanischen Fleisch- packervereins in Chicago gehaltenen mtb im „Engineering" abgedruckten Vortrag berichtet, um die Keulen und andere große Fleischstücke von Rindern unb Schweinen einzupökeln. Die Nachricht gemahnt zwar etwas an phantasievolle Zukimstsenten, hat aber ihre volle Richtigkeit. In 14 Fuß langen unb 4 Fuß hohen und breiten, kastenartigen Fässern ivirb das Fleisch mit der üblichen Pökelbrühe übergossen, wobei die verschiedenen Schichten, um eine gleichmäßige Einwirkung der Pökellake zu erzielen, durch schmale Holzbretter von einander getrennt sind. An beiden Enden der Fässer aber sind durchlochte becherartige Gefäße in die Brühe gesenkt, in die Stäbe aus Graphitkohle einlaufen, die mit einem Wechselstromdynamo verbunden sind. Trotz der Versicherungen, daß auf diesem Wege ein besonders delikat schmeckendes Pökelfleisch erzielt wird, handelt es sich selbstverständlich nur um eine neue Art von iveit getriebener Sparmeisterei. Der eigentliche Zweck der Methode ist nämlich nur, dieselbe Pökelbrühe, die andernfalls verdorben und erneuert werden müßte, fast unbeschränkt lange benutzen zu können, weil der durchpassierende elektrische Strom alle bakteriellen Keime vernichtet und die Fäulnis hintan hält und außerdem den Prozeß der Durchsalzung sehr beschleunigt. Der Liebhaber von Pökelfleisch dagegen hat hiervon keinerlei Vorteile. — Der Kompaß, bei d en Arabern. Schon zu Anfang des 13. Jahrhunderts war den Arabern die Magnetisierung von hartem Eisen durch Streichen mit dem natürlichen Magneteisenstein bekannt. Das geht deutlich aus einer Schrift des persischen Awsi hervor; hier findet sich folgende in der Wiener Zeitschrift „Urania" abgedruckte Stelle, die von einem Ereignis um das Jahr 1232 handelt. „Einstmals," heißt es da, „fuhr ich auf dem Meere, als plötzlich ein ungestümer Wind aus bcnt Hinterhalt des Verborgenen sich erhob, schwarze Wolken das Antlitz des Hinimels umflorten, der Schwall der Wogen sich türmte und brandete und so das Meer in Wallung geriet, so daß die Passagiere zu jammern begannen. Der Meister, welcher Kapitän war, lvurde im Weg irre. Sofort brachte er ein hohles Eisen in Gestalt eines Fisches heraus und warf es in einen Teller mit Wasser. Es wendete sich und gelangte in der Oibla-Richtung Has heißt nach Süden, auch die Richtung nach Mekka) zur Ruhe. Der Kapitän nahm auf Grund jener Richtung diesen Kurs. Danach zog ich über jenen Zustand Erkundigungen ein, und sie sagten, daß es die Eigentümlichkeit jenes Magnetsteines ist, daß, wenn man ihn kräftig am Eisen reibt, so daß er am Eisen eine Spur hinterläßt, jenes Eisen nur in der Oibla- Richtung zur Ruhe gelangt. Ms ich diesen Sachverhalt probierte. Verhielt es sich so. Wie das kommt, weiß Gott, und kein Kluger kommt hinter das Geheimnis davon." In einen! um 1400 n. Ehr. verfaßten Werke des Aegypters Al Zarchuri wird ferner ein kleiner hölzerner Fisch mit einer Magnetisierten Stahlnadel in seinem Innern beschrieben, der von dem einen Ende eines magnetisierten Eisenstabes angezogen, von dem anderen wieder iabgestoßen wird. Die Stahlnadeln sind durch Streichen magnetisiert. Auch die Verwendung des Fisches zUm Anzeigen der Richtung nach Süden und die Herstellung eines Kompasses mit einer Art Windrose wird' hier besprochen. Die Benutzung des Kompasses ist dabei als etwas ganz Gewöhnliches geschildert. * Seltsame Urteile. Von seltsamen Entscheidungen, die der Gerichtshof in Naivobi, Britisch-Ostafrika, getroffen hat, berichtet die „African World". In beiden vorliegenden Fällen war Anklage wegen Mordes erhoben worden. In dem ersten hatte ein Eingeborener fahrlässig den Tod seiner Stiefmutter verursacht. Er wurde verurteilt, „seinem Vater eine neue Frau zu kaufen". Und in einem anderen Fall, wo ein trunkener Eingeborener in einem Streit durch einen Schlag einen Menschen tötete, wurde er verurteilt, abgesehen von siebenjähriger schwerer Kerkerhaft „den Angehörigen des Verstorbenen 50 Ziegen zu bezahlen nach der Sitt- des Landes". So findet Sitte und Gewohnheit hier ost die Billigung des Gesetzes, oft freilich auch müssen sie wegen ihrer Graue famkeit bekämpft werden. * Wann alles teilet wird! Jüngst stand ein W te> Uer „Strizzi" vor dem Bezirksrichter, Um sich wegen der Verabreichung einer „Watschen" zu rechtfertigen. Da das nicht möglich war, verurteilte ihn der Richter zum grenzenlosen Erstaunen des Angeklagten, der sich auf die ortsübliche Strafe von fünf Gulden (zehn Kronen) gefaßt gemacht hatte, zu dem doppelten Betrage. „Wieso denn so tiüU ?" fragte er wie geistesabwesend. „I hab' immer 'glaubt, a Watschen kost't an' Finfer." DN ertönt eine Stimme aus dem Zuhörerraum: „Js halt a teirer 'worden! Wenn oalles teirer wird!" * Auch ein Beweis. Richter: „Können Sie bestimmt behaupten, daß der Angeklagte mit mehr als dreißig Kilometer Geschwindigkeit durch den Ort gefahren ist?" — Zeuge (Polizist) :■ „Selbstverständlich, Herr Richter, sonst hätte er sich doch nicht; strafbar gemacht!" * Gl ei ch e So r g en. Städterin: „Sie haben keine Kinder? Da wissen Sie freilich nicht, was es heißt, fünf Kinder auf- zuziehen." — Bäuerin: „Glauben Sie denn, daß mir meine acht! Ferkel keine Sorgen machen?" Ein Brautkranzgedicht. Hermann Sudermann übersendet der ^Voss. Ztg.", aitgeregt durch den Abdruck eines Jugeudgedichtes (eines Brautkranzgedichtes ans dem Winter 1877/1878), die folgenden Verse: Die Post kam an . . . „Geehrter Herr! Es lief Die Nachricht neulich, daß in Vorbereitung Ein Stück von Ihnen---" Also reiht sich Bries An Brief. Mein Mädel aber liest die Zeitung. „Die Blumen sind der Jungfrau--rate, was Das ist, Papa!" — Sie lacht. — Mir kommt's bekannt vor. Ich will das Blatt. — Sie wehrt sich. „Bitte, laß I" Und blinzt mich kichernd an und hält die Hand vor. Die Tante Voß schielt grämlich drunter her, Als fände sie das Spiel nicht ganz geheuer; Ich sinne nach und taste kreuz und quer Und hab's I „Ein Scherzreim aus Johannisfeuer, Mein Kind. Das Stück ist alt. Als ich es schrieb, Da war Tein Traum ein Prinz auf weißem Zelter." Sie liest und lacht unb lacht. „Papa, vergib! Du mußt noch mehr zurück. Dies Stück ist älter." Da wird's mir klar: Ein Unglück ist gescheh'n! Als ob Gespenster jählings auferstünden, So hör' ich einen Ruf bie Welt durchweh'», Von meinen sieben mal siebzig Jugendsünden. Ter Werdezeit vergrabnes Inventar, Die Reimereien, dick voll Staub und Schimmel, Das Alles, Alles wird nun offenbar; Und ivas der dichtbemähnte, lange Lümmel, Der stets mit Wasserstiefeln um sich stieß, Nachtschwarz wie nur ein Perser oder Kurde, — Weil er den Bart sich eben wachsen ließ, Der später so mit Recht berüchtigt wurde — Was der in dumpfem Stolze sich gelmcht, Die Pfesferkuch- und kosmischen Gedichte, Das ivird aus seiner Gruft hervorgesucht, Das schleppt man nun mit mir zum Hochgerichte. Doch gerne wich' ich grausamer Gewalt Und gab' den Henkern meine letzten Haare, Wär' ich noch einmal zwanzig Jahre alt! Hätt' ich noch einmal meine zwanzig Jahre. Blankensee (Mark), den 16. September 1911. Hermann Sndermann. Buchstabenrätsel. a, bei, e, ge, ft, li, l, lo, ol, ma, tue, lin, po, tu, ter, ver, wil, z. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen fünf Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, den Namen eines Operetten-Komponisten ergeben. Es bezeichnen aber die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes: 1. Ein Längenmaß. 2. Weiblichen Vornamen. 3. Fremdländische Münze. 4. Englische Stadt. 5. Sternbild. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer r Der Schlaf. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck unb Verlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.