^B88 väfeäwA?]ii| WMIMW « I Das Witwenhaus. Numan von Helene von Mühlau. ßSortfe^ung.) (Nachdruck verboten.) Siebentes Kapitel. Sie gingen sich von jetzt ab aus dem Wege, sie sahen sich an, wie z-wei, die eine Schlacht verloren hatten und die sich nicht mehr in die Augen zu sehen wagten. Die Kosh las nicht mehr, wenn sie am Brunnen sah Und keine Fremden zu bedienen hatte. Unter der Schürze hielt sie ihre Hände gefaltet und betete, betete so inbrünstig und leidenschaftlich, wie nur ein Mensch in höchster Gefahr beten kann. Sie setzte dem lieben Herrgott das Messer auf die Brust und schrie ihn an: „Wenn du das geschehen läßt, wenn du zugrbst, daß sie ihr das Haus nehmen, daß sie mit ihrem Kind nackt und bloß auf der Straße steht, dann glaub ich nicht mehr an dich, dann lach ich unfern Puster aus, wenn er sagt, du seist ein gütiger Gott, dann---" . Ach, sie erschrak oft vor sich selbst, daß sie ut solcher Sprache zum lieben Gott sprach, und fing an. ihn kindlich und demütig zu bitten, und wenn ein Fremder kam und ein Glas Brunnen wollte, dann mußte sie sich Gewalt an tun, um bei der Sache zu sein und ein kleines Schwätzchen übers Wetter oder andere Dinge mit ihm zu halten. In Frau von Hilbach war es still geworden; die Kraft tu weiteren Kämpfen war gebrochen. Au dem Morgen, an dem sie einen Brief in der Hand hielt, in dem der Hypothekenbesitzer die Bitte ausfprach, die dreitau;eud Mark schon drei Tage vor dem ersten Juli an rhn zu senden, batte sie einen Entschluß gefaßt, und dieser Entschluß gab ihr Ruhe. , .. .. . ,, Eine der beiden geistreichen Damen, ine )te int Anfang für bildungsfähig gehalten, hatte sich einmal iiber den Selbstmord geäußert, und von allem, was Frau von Hilbach von diesen Damen gehört, schien ihr diese Aeuße- rung die richtigste. , , Es sei lächerlich, hatte sie gesagt, den Selbstmord als ein Verbrechen anzusehen; ein jeder Mensch müsse freie Verfügung über Tod und Leben haben, und wenn ein Mensch die feste Ueberzeuguna habe, daß sein Weiterleben zwecklos geworden, daß er sich selbst und seiner Umgebung zur Last werde, wenn er fortlebte, dann sei es nicht nur sein Recht, sondern seine Pflicht, ein Ende zu machen. Wie das damals in der Laube so kühl und ruhig ausgesprochen wurde, war es wie ein Stich durch Frau von Hilbachs Herz gegangen, sie erinnerte sich dessen genau. Nun aber empfand sie etwas wie Dankbarkeit gegen die beiden Damen. Für sie war jetzt die Zeit gefotnnten, in der es dem Menschen zur Pflicht wird, sich vom Leben zu befreien. Ganz langsam, aber doch auch ganz ruhig und sicher war diese Ueberzeugung in ihr wach und von Stunde zu stunde stärker geworden. _ „ . „Das arme Kind !" hatte sie ein paar Mal gejammert, wenn sie nachts vor seinem Bettchen kniete und daran dachte, daß es nun unter fremden Menschen groß werden mußte, daß niemand ein herzliches, gutes Wort für es haben sollte, daß vielleicht einmal ein harter, verbissene« Mensch aus ihm werden würde, wie so viele es wurden,, die eine freudlose Kindheit hinter sich hatten. Sie war ja nicht feig, sie würde durch die dunkelstq Nacht für ihr Kind gegangen sein, wenn sie gekonnt hätte! — — — aber-- Sie mußte immer wieder an ihren Kopf greifen. Jetzt gehorchte er ihr noch, heute und morgen und vielleicht ein paar Tage länger noch, aber dann, wenn das Entsetzliche kam, wenn sie ans dem alten Haus herausmußte, wenn man um sie kicherte und lachte und mit Fingern auf sie deutete, dann würde er seine eigenen Wege gegen, dann würde in ihrem armen Gehirn etwas zerreißen oder zerspringen, es würde dunkel werden, für immer dunkel, und das war viel tausendmal schlimmer für das arme Kind, wenn es eine Mutter hatte, die lebte und doch tot war, viel schlimmer Ivar das, als wenn» es an ihrem Grab stehen und sie beweinen konnte. Sie fürchtete sich nicht, sie hatte alles still und ruhig überlegt. Nach Mitternacht, wenn alles im Hause schlief, dann wollte sie die kleine Treppe, die von ihrem Gärtchen in die Saale führte, hinabsteigen. Vor wenigen Wochen erst hatte ein paar Meter weiter oben ein junges Mädchen auf die Weise den Tod gefunden. In ihrem Bett mochte sie nicht sterben, das arme Kind sollte sich nicht entsetzen, wenn es aufwachte, und dann __ —; — o, das war töricht, aber das alte Witwenhaus! sollte zusehen, wie sie in den Tod ging. Es sollte^ erschau- bern, sollte stöhnen, denn es hatte doch eine Seele, eA wußte doch, was es ihr angetan. Ja, sie war ganz, ganz ruhig, ganz ohne Bitterkeit, wie eine, die nach einem gesegneten Leben einem stillen, jchmmizlchen^Tod ^cg^rsuht.^ „ahegestanden, sie war so versöhnlich gestimmt. Kein kleines, häßliches Gefühl trübte ihre Erinnerungen. Nur eines schnterzte sie: es war der Gedanke, daß vielleicht in sechs Monaten, wenn dieses schwere Jahr zu Ende ging, einer sem Veriprecqen einlöste, sie bolen wollte und nicht fand. An ihn mußte! sie schreiben,'ihm schuldete sie eine Erklärung, und wie sie einmal ins Schreiben kam, flog ihr die Feder von selbst über die Seiten, und sie war erstaunt, daß sie ihm so viel, so ganz unbegreiflich viel zu sagen hatte. Dann dachte sie darüber nach, wem sie wohl für die erste Zeit ihr Kind anvertrauen könnte. , Die Kosy, die verlor den Kopf, und die war ja auch nicht dazu geeignet, für den kleinen Jungen zu sorgen. so wie eine Mutter sorgt. Die wusch ihn, zog ihn UN Und gab ihm zu essen, aber das genügte dann nicht mehr. Sie dachte uno dachte, und plötzlich wurde sie froh. Die Frau Bauunternehmer von oben war eine gute, liebe Frau und lieble den kleinen Erwin, nicht so, wie man ein hübsches, zutunliches Kind haben muß, nein, sie liebte ihn mit der Liebe, die eine echte Frau, wenn sie selbst nicht Mutter ist, einem fremden Kind geben kann und geben muß. Sie war ja auch reich, und wenn sie erst ganz, allein in der Welt stand, war sie vielleicht froh, ein Kino ans Herz drücken zu Wunen. Auch dieser Brief an die Frau Bauunternehmer schrieb sich wieder von selbst und wurde viel, viel länger, als Frau von Hilbach es sich gedacht hatte. }Jhr ganzes Leben, all ihre Sorgen schilderte sie ihr, prach von der Qual dieser letzten Wochen, von den ent- etzlichen, schlaflosen Nächten, von der Todesangst vor dem Augenblick, da das Witwenhaus ihr genommen würde, und von der Gewißheit, die sie in sich fühlte, daß, ihr armer 'Kopf all dem nicht standhalten konnte. Sie legte ihr das Kindchen ans Herz, sie schenkte es ihr, weil sie wußte, wie sehr die Frau Bauunternehmer sich, immer ein Kind gewünscht hatte, und sie bat sie auch, den Brief an Doktor Bergholz abzugeben, wenn er eines Tages nach, ihr fragen würde. „So!" sagte sie froh, als sie die beiden Kuverts ver- iiegelt hatte, „nun will ich noch verbrennen, was andere nicht esen sollen!" Sie durchsuchte die Schubladen ihres kleinen .Schreibtischs, und als erstes hielt sie den Brief des Herrn Schmitz in Händen. Sie las ihn noch einmal, stützte den Kopf in die Hand und träumte vor sich hin. „Die Liebe kommt von selbst in der Ehe, wenn alles andere stimmt!" Das hatte sie nun von so viel Seiten gehört, und sie wußte: viel tausend Frauen gehen solche Ehen ein und gebieten ihrem Herzen Schweigen, immer wieder Schweigen, so lange, bis es ganz stumpf ist und von selbst nichts mehr sagt, und dann sagen die anderen: „Die Liebe kommt von selbst!" Frau von Hilbach ließ durch ihren gequälten Kopf noch einmal die Gedanken gehen, die sie so oft gedacht. Konnte sie ? Würde das eine Rettung sein? Aber ihr Kopf sagte „nein", und sie glaubte ihm. Sie war anders als die Frauen, die so etwas über sich ver- inögen. Eine Rettung War das nicht; in dem Augenblick, ha dieser Mann sie sein Eigen nennen würde, wäre dieselbe Dunkelheit über sie gekommen, wie wenn man ihr das Witwenhaus nahm. Sie zerriß den Brief, ordnete, Hand zusammen und zerriß und war so versunken, daß sie gar nicht hörte, daß die kleine Liese sie rief, weil Herrschaften da waren, die eine Wohnung mieten wollten. „Schnell, schnell, gnädige Frau!" drängte Liese, und wie sie in letzter Zeit immer gehorchen mußte, wenn ein anderer ihr etwas sagte, ging sie mit dem Mädchen und sprach mit fremden Leuten und war dabei so ini Traum, daß sie immer wieder an ihre Stirn greifen mußte. Die Herrschaften entschlossen sich für den Flügel der Häuflein, der am ersten Juli frei wurde; sie fanden kein Ende mit Fragen, toollten den Garten sehen, hielten sich auch da wieder auf und bemerkten nicht, daß die arm® Frau, die ihnen ihre Zimmer vermietete, in zitternder Unruhe bei ihnen, stand. Ms sie endlich gegangen, kam Erwin mit einem blutenden Händchen und' weinte und wollte getröstet sein, und Frau von Hilbach mußte mit ihrem Kind weinen. Es war ihr plötzlich wieder so unerträglich, wenn sie dachte, daß es morgen vielleicht nach seiner Mutter rief und sie nicht fand; sie setzte sich auf die Bank unter der Linde, hielt ihren Jungen auf dem Arm und schluchzte. Es wgr wieder so ein »wundervoller Sommerabend; ein ganz, ganz leiser Wind rauschte durch die Blätter der Linde — der Himmel spiegelte sich so blau in der Saale Und die Fahne von der Wilhelmsburg flatterte leise, so, als wollte sie das Witwenhaus grüßen, und was Frau von Hilbach lange, lange nicht gehört, das hörte sie jetzt wieder: den brausenden, mächtigen Choral „Ein feste Burg ist unser Gott!" dazwischen „ich komme wieder, Weibelchen! Versprich mir, daß du tapfer sein willst!" n. Erwin!" schluchzte sie auf und wußte im selben Augenblick nicht, wie ihr geschah. Als ob sie eine Gefangene fei, fo hatte man sie rechts und links an der Hand gepackt, uuo die Kosh auf der einen, die Frau Bauunternehmer auf der andern Seite führten sie aus dem Gärtchen inI Haus und die Treppe hinauf. Ms sie oben in der Frau! Bauunternehmer Wohnzimmer standen, drehte die Kosy zweimal den Schlüssel im Schloß um, nahm ihr das Kind ab! und weinte laut; auf dem Tisch sah Frau von Hilbach den Brief liegen, den sie vor ein paar Stunden an dis Frau Bauunternehmer geschrieben hatte, aber sie war zu müd und trostlos, um zu begreifen. Auch die Frau Bauunternehmer weinte und strich über Frau von Hilbachs Kopf, und Frau von Hilbach begriff allmählich, daß sie bei guten Menschen war und daß ein Wunder kommen würde, dmß sie nicht zu sterben brauchte^ „Bleiben Sie bei ihr!" sagte die Frau Bauunternehmer zur Kosy, und die nickte stumm und stellte sich mit dem Kind an der Hand vor Frau von Hilbachs Sessels als sei sie berufen, einen schweren Verbrecher an der Flucht zu verhindern. Der kranke Mann im Nebenzimmer sprach mit seiner Frau, und nach einer Weile kam die Frau Bauunternehmer^ nahm Frau von Hilbach an der Hand, zog sie ins Nebenzimmer und weinte immer noch. „Daß Sie so wenig Vertrauen zu mir hätten!" sagt« sie vorwurfsvoll und doch mütterlich. „Immer mußten Sie meine Klagen anhören, und ich Egoistin merkte nicht, daß Sie sich mit so verzweifelten Gedanken trugen!" Der Bauunternehmer ließ sich die Sache mit den dreitausend Mark ausführlich erzählen. Frau von Hilbachs Mund sprach wieder ohne ihren Willen, sprach, was er wollte; der Bauunternehmer hörte zu, und ein paar Mal flog es wie ein ganz kleines Lächeln über sein bleiches Gesicht. „Das ist echte Frauenzimmerwirtschaft! Erst bis zum letzten Augenblick warten und dann wegen dreitausend Mark sterben wollen!" Seine Frau schob ihm die Kissen in die Höhe und richtete ihn auf, damit er besser sprechen konnte. Sie riefen auch die Kosy herbei, die noch einmal berichten mußte; die erzählte alles, was sich in letzter Zeit begeben, wie die Specht, die hier in denselben Zimmern gewohnt hatte, so. niederträchtig an .Frau von Hilbach gehandelt, die Baui-- polizei aus sie gehetzt habe, wie dann der Herr Schmitz aus Leipzig sich benommen habe, und daß Frau von Hib> buch doch nicht einfach um dreitausend Mark einen fremden Menschen heiraten könne, wenn sie ihren Doktor liebt« und---" „Genug!" Der Bauunternehmer unterbrach sie, weil die Alte nun anfing, lauter unwesentliche Dinge zu erzählen; er ließ sich Feder und Papier reichen und gab Frau von Hilbach den Brief. „So, junge Frau, und wenn Sie mal wieder eine Hypothek gekündigt bekommen, dann verlieren Sie nicht den Kopf! Schicken Sie das nüch Naumburg. Wenn Sie ruhig geworden sind, in ein paar Tagen, dann reden wir über das andere!" Er war erschöpft und wartete auf keine Antwort; er sah, daß die Frau neben seinem Bett mit einer Ohnmacht kämpfte; daher sagte er leise: „Bringt sie doch zu Bett!"- Und so, wie sie heraufgekommen, wurde Frau von Hilbach unter doppelseitiger Führung in ihr Mkovenzimmer gebracht« lag ein paar Minuten später im Bett und fühlte, daß die aufgescheuchten Vögel in ihrem Kops flügellahm wurden und sich still niederduckten. Irgend ein guter Mensch hielt ihre Hand, sagte ihr liebe Worte, sie wurde stiller uno stiller, so still, daß sie gar nichts mehr dachte und fühlte und hörte, nicht einmal mehr, daß die Kosy freudig zur Frau Bauunternehmer sagte: „Ich glaube, jetzt schläft fiel" Ja, sie schlief, sie schlief eine ganze Nacht, bis in den hellen Morgen hinein; sie sah in die Sonne, die in ihren Alkoven flutete, als die Kosy die Vorhänge auseinandev- zog. Sie atmete die köstliche Luft, die durch die geöffneten Fenster in ihr Zimmer strömte, und sie fragte nicht erschrocken: „Wie seid ihr denn ohne mich fertig geworden? Mein Haus ist doch voll von fremden Menschen, für dhs ich sorgen muß." Sie sagte und fragte gar nichts, sis lächelte und war voll Glück und Licht und Sonne. (Sie wußte ja, daß gute Menschen für sie sorgten, daß sie nicht sterben mußte, daß sie ruhen und schlafen durfte und daß man sich freute, wenn sie froh war. Gortsetzung folgt.) 191 — vor vierzig Jahren. Don Pfarrer Werner in Nidda. 13. Friede und Heimkehr der Truppen'. Endlich nach den letzten schweren Kämpfen an der Lisaine Frieden. Ich habe kürzlich einen Teilnehmer an jenen Kämpfen jm kalten Winter gesprochen und ihn gefragt: >Mie konntet ihr esl nur in den drei furchtbar kalten Tagen Und Nächten ohne Feuer, ohne ausreichende Lebensmittel anshalten?" Er antwortete: „Im Frieden hätten wir so was schwerlich ausgehalten —■ dort aber hat uns der Gedanke aufrecht erhalten: Wir müssen au sh alt en, der Feind darf nicht herein; es gilt unset« Ehre; der Gei st hat über den Körper gesieg t." Nun, sie haben die Ehre gerettet und den wortbrüchigen Bourbaki über die Schweizergrenze gedrängt. Als General von Manteuffel kam, da war es aus mit ihm. A m 10. M a i wurde endgültig der Friede zu Frankfurt geschlossen. Daß gerade Frankfurt dazu ausersehen war, dem Frieden des großen Krieges den Namen zu geben, war wieder ein feiner Zug Bismarcks. Dort hatte man so lange auf verkehrten Wegen das deutsche Reich zu erreichen gesucht — dort sollte es jetzt sein Siegel empfangen; auch war es zugleich ein Balsam aus die Wunde von 1866, wo es aufhörte, freie Reichsstadt zu sein. Im Juni sand das Friedens- sest statt. Wie Fürsten und Völker sich vor dem Höchsten bittend gebeugt, als es hinausging zum Kampf, so beugten }ie sich jetzt dankend vor ihm. Wohl nie ist das: „Nun »anket alle Gott" so von Herzen gekommen wie damals. Jetzt rüstete sich ein Teil der Truppen zur Heimkehr; denn bis die Entschädigung von 5 Milliarden bezahlt war blieb Feindesland besetzt, und mit jeder Abzahlung rückte ein Teil der Truppen ab. Nun hatten die Franzosen Muße, das Exerzieren unserer Soldaten im Frieden zu sehen, und sie machten fleißig Gebrauch davon. Der Rückmarsch brachte uns in Birkenfeld wieder viel .Einquartierung; den Haupttrupp bildeten die Sachsen unter Prinz Georg. Nun aber spielte die Militärmusik, und mancher Tanz wurde arrangiert, Feste gefeiert, deklamiert Und gesungen. Auch die 21. Division kehrte heim. Ich hatte einen freiwilligen Feldprediger Namens Sander aus dem Hannöverischen im Quartier, der manche Episode aus dem Krieg erzählte. Er war bet der 22. Division gewesen Und wurde jetzt, weil nicht eigentlich angestellt, in die Heimat entlassen. Die 22. Division ist die, welche die Aufgabe hatte, den Rücken der Belagerungsarmee von Paris zu decken. Das konnte sie nur durch stete Parforce-Märsche. Natürlich waren die Kleidungsstücke, besonders das Fußzeug der Leute ganz abgerissen. Als sie einst, erzählte mir der Feldprediger, vor dem kommandierenden General defilierten, sprach dieser: „Ihr habt eure Schuldigkeit getan; daß ihr sie getan habt, das dank euch der Teufel, das war eure verfluchte Schuldigkeit. Aber, d a ß i h r m i t d e n: F u ß - zeug dies alles gemacht habt, davor nehme ich meinen Helm ab." Dabei liefen ihm die hellen Tränen aus den Augen. Den traurigsten Heimweg hatten die Fuhrleute, welche beim Einmarsch in Frankreich hatten mitgehen müssen, oder welche später Lebensmittel nachgefahren hatten. Diese Leute hatten selten ordentliche Quartiere bekommen und mußten meist im Stalle schlafen. Dadurch hatten sie mit der Zeit eine Einquartierung auf Kopf und Haut bekommen, die nicht jedermanns Liebhaberei ist — höchstens der Zigeuner. Als nun diese Leute beim Heimmarsch einquartiert werden sollten, wollte sie niemand nehmen. Ein Bürger sagte: „Gebt mir lieber 10 Soldaten als 1 Fuhrmann." Es war schrecklich für diese Leute, die ihr redlich Teil Strapazen Mitgetragen hatten, wenn sie auch dafür manche herrenlose Franzosengäule mit nach Hause brachten. 14. Nachlese. — Ernstes und Heiteres. Als die Franzosen in Saarbrücken einrückten, wurde viel getadelt über die Barbarei, daß sie den Bahnhof in St. Johann, gegenüber Saarbrücken, beschossen. Es war das meiner Meinung Nach eben la guerre, comme ä la guerre. Sie taten es, weil sie wohl dachten, es steckten Feinde darin. Auch über ihr Benehmen in Saarbrücken wurde geklagt, aber bei Licht besehen, waren eben die Leute nur so etwas nicht gewöhnt. Es lvar ähnlich, wie in Gießen sich 1866 alles entsetzte, als die Preußen den Telegraph in Beschlag Nahmen. Zur Zeit der alten Reichsarmee zu Friedrichs II. Zeiten kam ja auch ein Reichssoldat gelaufen Und meldet« seinem Leutnant: „Die Preußen schießen wahrhaftig mit Kugeln." Manches haben sich jedoch die Franzosen erlaubt, was zivilisierte Menschen nicht tun sollten. Ein Beispiel hiervon. Ein junger Mann aus Idar, meiner späteren Pfarrei (3 Stunden von Birkenfeld), der als Einjähriger bei den 30ern gedient hatte und nun in Paris als Vertreter seines Vaters (eines Achatfabrikanten) weilte, Namens Caesar, kehrte sofort nach der Kriegserklärung nach Deutschland zurück und stellte sich, ohne erst nach seiner Heimatstadt zu gehen, in Saarbrücken. Man teilte ihn alsbald den 40ern zu. Im Gefecht von Saarbrücken wurde er am Bein verwundet und konnte nicht weiter. Er rief seinen Kameraden zu, sie sollten ihn mitnehmen, allein die Franzosen kamen mit Uebermacht und er mußte zurückbleiben. Von deut Tag an blieb er verschwunden; sie erhielten dann die Nachricht, er sei gefallen. Als die Armee vor Metz stand, machten sich seine Angehörigen auf und reisten nach Saarbrücken. Dort gingen sie ins Ehrental, wo die gefallenen Krieger; begraben lagen und forschten bei dem Totengräber, ob er nicht einen Soldaten mit feiner Kleidung und (eibenen Strümpfen begraben habe. Gewiß, sagt der, ich habe wegen der Seltenheit einen Strumpf auf das Kreuz gehängt in der Erwartung, daß nach dem Gefallenen gesucht werde. Er habe weder Uhr noch Geld bei sich gehabt und der Schädel sei ihm eingeschlagen gewesen. Sie öffnen das Grab und finden ihren Sohn; an Kleidung und Wäsche erkennen sie ihn zweifellos. Die Franzosen! hatten ihn offenbar beraubt und dann tot geschlagen. Er wurde nach Idar gebracht und mit anderen, die im dortigen Lazarett gestorben waren, begraben. Am 2. Pfingsttag 1872 habe ich in Gemeinschaft mit meinem Kollegen Schmidt das Denkmal ein geweiht. Und nun etwas Heiteres. Da die Nahebahn nur eingleisig war, so war der Verkehr sehr behindert; große Züge konnten oft an kleinen Stationen nächt aneinander vorüber. Darum ging auch der Transport von Lebensrnitteln oft sehr langsam. Ein Hauptnahrungsmittel war der Speck. Mehr als handhohen Speck sah ich unser« Ostpreußen verzehren wie das beste Ruinpfteak. Hatte da einmal ein Waggon Speck etwas lang auf Bahnhof Birkenfeld gestanden und fing bei der Sommerhitze an zu riechen. Ein Birkenfelder Seifensieder, der für solche Gerüche empfänglich war, schnuppert um den Waggon herum und fragt, ob man den doch zur Nahrung untauglichen Speck nicht kaufen könne. Es hieß warum nicht, er solle nur für bar Geld sorgen. Er eilt heim und kommt anderen Tages mit seinem Geld wieder — da ist der Wagen aber weitergegangen. Er, nicht faul, fährt nach und findet einige Stationen weiter den Waggon. Der war leer, den Speck hatte man, weil zu Übel riechend, in einen Graben abgeladen. Er erhandelt um ein Geringes den Speck, schafft ihn heim und fängt an, ihn zu rasieren. Da zeigte es sich, daß allerdings et» Teil ungenießbar ist, ein anderer Teil aber ist, nachdem er rasiert ist, blütenlveiß. Den guten verkauft er, aus dem schlechten siedet er Seife — kurz, er schlägt soviel heraus, daß er sein Häuschen neu Herstellen kamt, und wer an ihm vorbei ging, dachte daran, daß man auch aus Speck Häuser bauen kann. Abessinische Wunderlichkeiten. Man braucht nur die führenden italienischen Zeitungen wie etwa „Tribuna" oder „(Sortiere della fern" zu verfolgen, um recht deutlich zu erkennen, daß das Verhältnis Italiens zu Abessinien nach wie vor das der Katze zum allzu heißen Br« ist. In Den italienischen Blättern findet sich mehr Material über Abessinien als in der Presse des ganzen übrigen Europa. So hat denn auch ein Vortrag, ben der Messinjenreisendc Annaratone, einet der besten Kenner des Landes, aus Einladung der römischen geographischen Gesellschaft im berühmten Collegio Romano gehalten hat, besonderes Interesse erregt. Annaratone, der neun Jahre in Abessinien gelebt hat, gab nicht nur neue Charakteristiken der derzeitigen politischen Situation des Landes und seiner Machthaber, vor allem des Kaisers Menelik selbst, des löjäljrtgen Thron- solgers Lig Et)assu und des Ras Micael, sondern auch interessante Einblicke in das Kulturleben des merkwürdigen Kapertet chs. Tic abessinische Kirche, die bekanntlich das jakobittschc Chnsten- tum zur Grundlage hat, unterscheidet sich, was ihre äußere Form- ihre Verwaltung betrifft, von der großen römischen vor al lern dadurch, daß sie nicht ein, sondern zwei Häupter an der spitze hat. Ties sind die beiden Abuna oder Papas, bereit einen, Matheos, zurzeit in Addis Abeba residiert, ivährend der andere/ 192 VietroS, bei Adria seinen Sitz hat'. Pietros, ein vornehmer alter Herr von ägyptischem Gesichtsschnitt, hat auch kirchliche Gewalt über die Christen der benachbarten italienischen Kolonie Eritrea. Die beiden Abunas allein haben das Recht der Priesterweihe!. Um Priester zu -werden, ist weder langes Studium noch besonderer Geist nötig, es genügt vielmehr vollständig, daß der Adept die Psalmen zu lesen imstande ist und die Grundsragen der Religion beherrscht. Den Priestern stehen die Dcfterst zur Seite, die als eine Art Zwischenstand und Vermittlung zwischen dem Klerus und der Laienwelt aufzufassen sind. Sie erhalten kenterte! Weihen und ihre Beschäftigung besteht hauptsächlich im Mbschreiben von Gebetbüchern, im Anfertigen von Amuletten für Mensch und Tier und int Bewachen der Altäre. Ungeheuer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Landes ist die Zahl der Mönche und Nonnen, einer Kaste, die allmählich sich zu einem politischen Machtfaktor entwickelt hat. Ihr Haupt, der sogenannte Eccighiö, ist Beichtvater des Königs und absoluter Herrscher über das ganze Mönchsvolk und damit über einen großen Teil des Bodens, denit den Mönchen gehören gewaltige Ländereien, Farmen und Faktoreien mit allen möglichen Gerechtsamen, von denen ein Teil politischer Art ist. Das Mönchstum in Abessinien ist jedenfalls kein schlechter Beruf, denn ganz nach Belieben kann der Neueintretende sich an irgend einem schönen Punkt in eine Grotte zurückziehen und die reichen Einkünfte und Renten mitgenießen, die ein dein Orden gehörendes Gut oder eine Faktorei abwirft- Ganz besonders große und teilweise seit Jahrhunderten festgelegte Renten haben die Kirchen selbst, die ununterbrochen besucht sind. Wie weit ihre Macht reicht, erhellt aus dem Umstand, daß sie unverletzbares Asyl für Verbrecher sind: wer sich an den Altar geflüchtet hat, wird von keiner Staatsgewalt erreicht. Annaratone hat selbst einmal mitangesehen, wie ein Verbrecher auf der Flucht vor einer Menge von Verfolgern die Umfassungsmauer einer Kirche erreichte, sich hinausschwatig und von der recht nieveren Mauer herab ganz gemächlich mit seinen Feinden verhandelte, die ihn nicht mehr fassen durften, weil die Stätte heilig war. Die abessinische Justiz weist überhaupt Wunderlichkeiten ältester und ileuester Herkunft auf. Hierzu gehört z. B. die telephonische Gerichtsverhandlung, die hauptsächlich zur Beguemlichkeit des Richters da zu sein scheint. Er sitzt bequem in seinem Richterstuhl und verhört telephonisch den Ankläger, den Angeklagten und die Zeugen, die sich irgendwo in der Provinz befinden; schließlich spricht er auch durch das Telegphon das Urteil. Dabei wird am eigentlichen Verhandlungsort genau so zere- rnionielt verfahren, als wenn der Richter wirklich in eigener Person dssäße; Kläger und Angeklagter müssen mit bloßem Rücken dastehen und die Schreiber verzeichnen ganz genau den Text der telephonischen Verhandlung. Dieser allzu inodernen Form der Justizpflege steht ein anderer Brauch entgegen, der aus den ältesten Zeiten stammt. Dies ist die sogenannte Liebasciü oder die Eruierung des Verbrechers aus übernatürlichem Weg. Ein medial veranlagter Knabe wird durch irgend einen Trank in eine Art Schlafzustand versetzt und in diesem' beauftragt, den Schuldigen herauszufinden. Von Zeugen, Wächtern und Polizisten begleitet, irrt er nun durch die Dörfer, Straßen und Häuser, um schließlich in „göttlicher Eingebung" irgend eine Person als den Verbrecher zu bezeichnen. Dies Gottesurteil gilt als absolut wahr und es bedarf keiner weiteren Uebersührung. Noch ganz dem alten Orient, so wie wir ihn aus der Bibel kenncm, gehört die Welt ah, in der Die abessinische Frau sich bi? wegt. In bet Pflege ihrer Schönheit besteht die Hauptbeschäftigung der vornehmen Abessinierinnen; es ist ihr Ideal, einen möglich Hellen Teint zu haben, und um ihn zu gewinnen, bleiben sie Monate, ja sogar Jahre hindurch fast ununterbrochen in ihren Gemächern sitzen, wo die Strahlen der heißen afrikanischen Sonne durch dichte Teppiche abgehalten iverden. Der ausgesprochine Zweck der Heirat ist nicht, zwei Leute fürs Leben zu vereinen, sondern: Kinder zu erzeugen und die Macht und Größe der Familie zn stärken. Ras Sebhat, ein Mächtiger des Landes, hat vor einiger Zeit einem jungen Fürsten eine seiner Töchter zu geschickt mit den Worten: „Nimm sie und erprobe sie, und wenn Du von ihr'Kinder haben wirft, kannst du sie heiraten." R. vermischte». * WeiblicheStraßennamen! In der Nationalzeitung lesen wir folgende beherzigenswerte Ausführungen: Ob es in Deutschland eine Stadt gibt, die noch keine Straße mit einem weiblichen Namen aufweisen kann? In Berlin hat man längst eine Alexandrine»-, Charlotten-, Christinen-, Dorotheen-, Elisabeth-, Luisen-, Margareten-, Mariannen-, Marien-, Sophien- und eine Viktoria-Straße, auch einen Auguste-Viktoria- und einen Viktoria-Luisen-Platz. Leider sind diese Straßennamen weniger eme Verbeugung vor der schöneren Hälfte der Menschheit, als vor — dem monarchischen Prinzip! Berlins „weibliche" Straßen hatten nur Tauspattunen fürstlichen, ja königlichen Geblüts, und da bedeutet auch die Carmen-Silva-Straße keine Ausnahme, weiß doch reder Backfisch, datz sich hinter dem Pseudonym Carmen Silva die Kömgtn von Rnmänien versteckt. In anderen Stabten wird es wohl nicht anders sein! Muß das so bleiben? Soll nur da? Königshaus seine weiblichen Angehörigen in Straßennamen verewigt sehen, oder wäre es Nicht endlich an der Zeit, auch ander« hervorragende Frauen gütigst zu berücksichtigen? Wer Die Berliner Straßenphilologie kennt, wird über so manches kaum feine Verwunderung unterdrücken können. Das rapide Anwachsen des Straßennetzes läßt die „gesuchtesten" Namen notwendig erscheinen- Da gibt es schon eine Soldiner, Choriner, Lübbener, Lindower, Gollnower, Malmöer, Romintener, Rhinaer, Wriezener, Werneuchener, Fehmarn und Eldenaer Straße — nächstens wird jede deutsche Stadt über 2000 Einwohnern einer Berliner Straß« den Namen gebeii! Man ehrt auch' Geheimräte, Terrainspekn- lanten und ausländische Gelehrte, indem man sie dem Berliner! Straßennamenverzeichnis einfügt. An die .Frau wird nur gedacht, wenn sie Prinzessin ist. Persönlichkeit — nicht Prinzessin, werde die Losung! Die Geschichte zeigt manche Frauengesdalt, die verdient hat, weiter im Volke zu leben. Da ist Anna Karsch zlu nennen, die erste in Berlin anerkannte Dichterin, Corona Schröter, die große Schauspielerin, deren Wiege in der Mark gestanden hat. Aus der deutschen Literaturgeschichte stellen sich die Luise Hensel, Henriette Herz, Bettina von Arnim, Charlotte von Lengefeld, Fanny Leward, Annette von Droste-Hülshof, Kät- cheil Schönkopf, Litt ©tfjänemann, Christiane Vulpius, Friederike Brion, Ottilie Wildermut und viele andere zur Verfügung. Die Frauen werden der Einfachheit megen selber dafür sein, daß man sie in den Straßen nicht immer mit beiden Namen nennt., Es tut dem hier ausgesprochenen Grundsatz gar keinen Abbruch- wenn nur der Familienname berücksichtigt wird, demnächst also eine Vulpius-, Karsch-, Lengefeld-, Schönemann- usw. Straße entstehen sollte. Einige Berliner Vororte sind da schon mit gutem Beispiel vorangegangen. Nur scheinen sie dem Grundsatz zu huldigen, mehr die Frau „mit den himmlichen Rosen" alA die mit ihren Ansprüchen auf kulturelle Gleichberechtigung zn ehren. Die meisten Quellenstudien hat man in den Wagnerschen! Tondramen gemacht, und sogar int nüchternen Lichtenberg gibt» deshalb eine Gisela-, Gudrun-, Irenen- und Krimhild-Straße, in Schöneberg eine Brunhild-, Hedwig- und Krimhild-Straße, in der Kolonie Grünewald eine Isolde-, Ortrud-, Senta-, Sieglinde-Straße. Großlichterfelde läßt so ziemlich allen weiblichen Vornamen ihr Recht zukommen. Die Frau als Persönlichkeit ist bisher nitfit geehrt worden. Wie wärs, wenn die zahlreichen Frauenvereine in dieser Frage bei den wohllöblichen Magistraten vorstellig würden und den Stadtvätern durch entsprechende Vorschläge das Suchen erleichterten? Büchertisch. ;— Fort mit der Schundliteratur. Ein Mahnwort in einer bitterernsten Kulturfrage von Dr. Ernst Schultze. Eine kurze, packende, alles wesentliche über die Stfpmdliteratur und die besten Mittel zu ihrer Bekänipfnitg zusammenfassende Agitationsschrift ist aus der Feder des bekannten Vorkämpfers dieser Bewegung, Dr. Ernst Schultze, soeben in billigster Form im Verlage bet Bnchhatcdlung des Waisenhauses in Halle a. S. erschienen« Die kleine, mit Probeabbildungen aus der Schmrdliteratur versehene Schrift, die von dem. Verlag auf vortrefflichem Papier gedruckt ist, erschöpft sich nicht ctiua in Klagen über die Schäden« sondern legt auf die positiven Gegenmittel daS größte Gewicht« rlömgspromenade. Man dar? die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weiss miteinander verlnnde», daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld ans auf ein benachbartes übergeht. kühn die chen uns schwellt see zu schwa es oft le wiid ge sellt in weil chmcrz bei gar chen doch got ihm das la lieb welk les ist lich ner schö Auflöiuitg in nächster Nummer: Auflösung der Charade in voriger Nummert F e n e t w e h r. Redaktion: $L Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversttatS-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gieße«»