M 888 lasjlT ki s W 9: W WM I ßl E ■ i ~ ■•v,Tvrjytrn-^ W Hfl ■ Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. lFvrtsesung.) (Nachdruck verboten.) „Setzen Sie sich, liebe Fran von Hilbach!" sagte Fran NätusiuS und schob ihrer Flurnachbarin einen Stuhl neben ihre Strickmaschine, „und bitte, seien Sie nicht böse, daß ich Sie herüberrief. Ich darf aber keinen Augenblick versäumen. Uebermorgcn nniß die Kiste fort, mtb es fehlen noch zweieinhalb Trotzend Rücken zu den Leibchen." Sie hatte rotgeschwvllenc Augen, und ihre alte Mutter, die am Ofen saß, weinte leise vor sich hin. - „Was ist denn, Frau Rechnungsrat?" fragte Frau von Hilbach erschrocken und teilnahmsvoll. „Haben Sie eine schlechte Nachricht? Ist jemand von Ihren Kindern krank?" Die Natusius schlug neue Maschen ans. „Einen Augenblick!" bat sie, schlang den Faden um die Stäbchen, zählte bis fünfundzwanzig, schob ben schweren Eisenkolben nach rechts und links, griff mit einem Häkchen in die losen, feinen Stahlnabeln und mit hartem, schnurrendem Geräusch warf sie den Eisenarm bin und her. „Krank, sagen Sic, Frau von Hilbach? Ach, wenn sie nur krank wäre, — einmal abnehmen, bitte, einen Augenblick, Frau von Hilbach, ich habe mich verzählt, — so!" Sie nahm ihr Taschentuch und fuhr sich über dre Augen. , , „Tot wär besser für sie!" rief die alte Frau aus der Ecke, und die Natusius iu einte laut. „Aber was ist denn um Gottes willen, Frau Natusius? Ist etwas mit Frieda passiert?" . m , c Da reichte ihr die Natusius zwei Briefe, und sie sagte mit erstickter Stimme: , „Das hab ich nicht verdient. Fran von Hilbach. Mein Leben lang hab ich meine Pslicht getan und hab mich hochgehalten, und nun das!" Die alte Mutter war aus ihrer Ecke gekommen und hatte die Arme um ihre schluchzende Tochter gelegt. „Es gibt noch einen Gottch sagte sie. „Er wird wissen, warum er uns das schickt. Sei still, mein Kind." Frau von Hilbach war beim Lesen der beiden Briefe rot und bleich geworden. Sie nahm die Hand der Frau Natusius und sagte mit Tränen in den Augen: „Nein, das haben Sie nicht verdient, Frau Natusius — das ist hart, sehr hart!" Die Natusius weinte still vor sich hin. „Da hat man nun alles, alles an die Kinder gewandt, hat sich vom Morgen bis zum Abend abgearbeitet, immer in dem Gedanken: „es kommt den Kindern zugut!" !und nun das!" Sie begann ivieder die Nadeln in Bewegung zu setzen. „Eins, Zwei, drei, einmal abnehmen; eins, zwei, gb- nehmen, eins!" „Das arme Kind!" jammerte die alte Frau, aber Frau Natusius unterbrach sie heftig. _ , , „Nein, das darfst du nicht, Mutter! In Schutz nehmen darfst du sie nicht! Fürs erste ist sie mein Kind nicht mehr. Alles hätte ich verziehen, aber daß sie schimpf Und Schande über die Familie bringt, daß man mit Fingern auf uns zeigt, das kann ich nicht verwinden." Sie weinte, trocknete die Augen und strickte wieder. Frau von Hilbach war erschüttert. „Aber was wollen Sie mit ihr machen? Sw muß doch nach Hause kommen!" , „Hierher kommt sie mir n.icht, nein, nicht rns Haus. Geheim halten kann inan so was nicht, das weiß ich, aber ich kann sie nicht sehen. Wenn sie mir so gegenuberirrtt, ich weiß nicht, was geschähe! — — Eins, zwei, drei, einmal abnehmen," zählte sie wieder und beugte sich tiefer zu der Maschine hinab. . . Sie war eine schmale Frau mit einem feinen, blassen Gesicht, von vielen, vielen Fältchen durchzogen.. Ihr Haav war blond, und um die Schläfen lag wie ein Schleier das erste Grau darüber. Sie trug dunkle, schmucklose Kleider mtb eine große Schürze aus schwarzem Wachstuch, denn die Maschine brauchte viel Oel, und die gelbliche Baumwolle flockte stark; man mußte alte, dunkle Kleider tragen, wenn man strickte. „Ich habe Ihre Frieda so aufrichtig lieb gehabt!" sagte Frau von Hilbach, die ganz fassungslos war, „ich kann es noch garnicht glauben!" „Wenn man das hätte ahnen können, daß das Mädchen einem solche Schande bringt, man hätte sie doch nicht aus dein Haus gegeben, sie hätte in Naumburg die Schneiderei erlernen können. Aber das war ja nicht gut genug für sie. Mutter, weißt du noch, was für Hoffnungen du immer auf Friedas Zukunft gestellt hast?" „Sie war ein schönes und auch ein gutes Mädchen!"- sagte die alte Frau. Frau von Hilbach stimmte ihr bet: „Ste war ein reizendes Mädchen, Frau Natusiusund Sie dürfen ste nicht verstoßen. Ich kann sie so gut verstehen. Ste hat sich einsam gefühlt unter den fremden Leuten, ste hat Sehnsucht gehabt, und wenn man so verlassen ist ttnd es kommt dann einer, der so gut und freundlich ist, dann ist man so Sie schwieg plötzlich, denn Frau Natusius sah ste groß an. , ~ ,, „Verstehen," sagte sie endlich, „ja, Frau von Hilbach, verstehen kann man so etwas wohl, aber die Schande bleibt doch, und wie so etwas beurteilt wird, besonders hier in so einem kleinen Ort, das wissen Sie doch, und die Zukunft hat sich das Mädchen für immer verscherzt!". „Und wo soll man mit dem armen, klemen Wurm hin, wenn er erst da ist?" jammerte die Großmutter, „und wo soll man all das Geld.hernehmen, was dazu nötig t|t, wo wir doch so schon sparen und immer wieder sparen — 54 — Müssen, um durchzukommeu? Meine arme Tochter kann doch auch nicht mehr tun als airbeiten, und glauben tote, Frau von Hilbach, die hat sich das ftüher auch nicht träumen lassen, daß sie ihre Tage so. an der Strrckmaschrne htn- bringen müßte!" „Und wenn man so bedenkt," führ Frau Natusius fort, -„wie auch darin sich alles zum Schlechten geändert hat! Wie ich vor zehn Jahren mit der Strickmaschine angefangen hab, da konnte man bei Fleiß und Ausdauer seine zwanzig Mark pro Woche verdienen und kriegte die Sendung frachtfrei ins Haus. Heute hab ich im günstigsten Fall acht bis zehn Mark die Woche, muß das Porto selber tragen und bekomme abgezogen, was nicht fehlerfrei ist, und noch zwei Jahre weiter, dann wird es vielleicht noch schlimmer sein, Und dann ist man zu alt, um etwas Neues zu lernen." „Nu, nu," sagte die alte Frau, „man muß nicht immer an das Schlimmste denken. Ich sag immer zu meiner Tochter: Es gibt einen Gott, der weiß ganz genau, wieviel er einem Menschen aufbürden darf, und wenn er uns jetzt so schwer heimsucht, daun hat er seinen Grund dazu, und wir müssen es ruhig hinnehmen. Sie sind ja auch nicht auf Rosen gebettet, Frau von Hilbach, und sind noch viel zu jung für so ein stilles, zurückgezogenes Leben. Neulich, wie Sie int Schlitten davonfuhren, hab ich zu meiner Tochter gesagt: „Nun hat sie wohl einen Bräutigam und der Junge kriegt einen Vater," aber Spechts Minna sagt, das sei alles der Häuflein wegen gewesen, und nun wird er die wohl heiraten. Was doch ein bißchen Geld nicht tut!" „Frau von Hilbach," sagte die Natusius jetzt ernst, „ich habe Ihnen all dies vertrant, weil ich es für meine Pflicht hielt, denn Sie sind Hausbesitzerin; wenn nun die Leute anfangen zu reden und wenn das Kind vielleicht doch einmal ins Haus muß, dann könnte es Ihnen leid werden, daß -Sie solche Mieter im Haus haben, und darum will ich's freiftelfßit —• ►— ■—" „Aber ich bitte Sie, Frau Natusius," fiel Frau von Hilbach ein; uird die alte Mutter meinte: „Ich wußte es ja, ich habe es gleich gesagt, die Frau Von Hilbach steht Uns bei!" „Mütterchen, du sollst einmal schnell herüberkommen.; die Frau Pastor hat einen Brief gekriegt!" rief der kleine Erwin, der ins Zimmer kam und mit beiden Häitdchen die Mutter der Tür zu zerrte. „Ich komme schon!" sagte Frau von Hilbach, drückte Frau Natusius noch einmal die Hand und versicherte warm: „Wenn ich Ihnen beistehen kamt, so tue ich es von Herzet: gern, und denken Sie nie, daß ich mich gegen Sie beeinflussen lasse." Die beiden Frauen dankten ihr, Und sie ging hinaus Und sand die Pastorin in höchster, freudigster Erregung aus dem Hausflur stehen. „Von meinem Rechtsanwalt in Naumburg ein Brief, Frau von Hilbach! So ein rätselhafter Brief! Ich soll schnell zu einer Besprechung kommen. Lesen Sie doch! Klingt das nicht, als sei alles gewoniten? " Frau von Hilbach las den Bries. „Ich weiß nicht recht," meinte sie etwas Unsicher nach Beendigung der Lektüre. „Man kann aus dem Schreiben gar nichts Bestimmtes eittnehmen." Alber die Pastorin ließ sich ihre Zuversicht nicht rauben. „Ach, liebe Fran von hilbach, ich habe meinen Hundertmarkschein noch nicht wiedergefunden. Bitte, helfen Sie mir mit zwei Mark aus, oder wenigstens eine Mark und fünfzig Pfennige, damit ich nach Naumburg komme. In fcitter Woche spätestens haben Sie alles zurück, auch das, was Sie mir neulich borgten!" Frau von Hilbach zog ihr Portemonnaie aus der Tasche und seufzte leise. Sie konnte das Geld schlecht entbehren, und es war das dritte Mal, daß die Pastorin sie Nm kleine Summen bat, die sie nie wieder erhielt. „Aber bitte, verraten Sie es der Kosczhsköwsky nicht!" bat die Melzing, „die Person ist seit einiger Zeit wieder so unglaublich arrogant." „Nein, nein, es bleibt unter uns!" versprach Fran von Hilbach, und die Pastorin flog die Treppe hinaus. „Die Person ist seit einiger Zeit wieder so unglaublich arrogant!" hatte die Pastorin von der Kosy gesagt, Und das war eigentlich recht undankbar von ihr, denn wenn die Kosh matzchmal auch ein bißchen rauh und familiär tat, so hatte doch gerät)e die Pastorin allen Grund, ihr dankbar zu feinz denn was ans ihrer heillosen Wirtschaft da oben geworden wäre, wenn die gutmütige Gemüsefrau nicht manchmal eingegriffen hätte, das ahnte sie selber nicht. Und doppelt anerkennenswert war der Kosy Handlungsweise, da die Pastorin ihr ihre gräfliche Abstammung und den gesellschaftlichen Unterschied, der zwischen ihnm beiden bestand, fast täglich vorhielt. (Fortsetzung folgt.) Aus den Mauern und dem Vurgfrieden VMugens vor 300 Jahren. (Vortrag, gehalten am 11. Januar 1911 im Ortsgewerbeverein von Christian Müller, fürstlichem Kammerdirektor. Nachdruck ist nicht gestattet.) (Fortsetzung.) Dicht bei. Kenn nicht innerhalb dieser Rodung, lag die heutige herrschaftliche Mühle, die in einer Urkunde von 1399 bezeichnet wird als „die Mühle tzu Webis by Büdingen dem Schloß gw legen". Nach ihr heißt die benachbarte Gewann „die Melbachs wie der heutige Mühlgraben jedenfalls früher geheißen hat. Dieie Mühle ging mit den zugehörigen Güterstücken zu Ende des! 14. Jahrhunderts aus Trimbergschem Besitz wahrscheinlich gletch- zeitig mit einem Teil des Gerichtes Gedern durch Verpfändung auf die Herren von Lißberg über, deren Name sich in der Gewann „die Lißberger Aecker" erhalten hat. Die Herren von Lißberg hatten die Mühle zu einem pfälzischen Lehen gemacht. Dieses Lehen kam 1399 an die Herren von Menburg, die es sich, soweit mir bekannt geworden ist, als pfälzisches Lehen letztmals 172Q bestätigen ließen. Die Webismühle, die demnach schon über 500 Jahre Usenburgisch ist, hatte in der alten Grafschaft ein toetbi gehendes Mühlen-Äannrecht und war eine ergiebige Einnahme-^ quelle, die lange Zeit mehr einbrachte, als 4 bis 5 der heutigen! größeren fürstlichen Hofgüter zusammen vor 300 und mehr Jahren ertrugen. Von ihr hat auch das Mehltor seinen Namen erhalten. In einem Verzeichnis der Häuser und Hausbesitzer in der Stadt Büdingen von 1630 >(1631) heißt es unter der Ueberschrift: „Die Mühle hinder der Burgk, die Webis-Mühle genant": nachdem die eigentliche Mühle beschrieben worden ist< 1. Das Molterhaus bei der Mehlpforten, darinnen ein eisern Balkenwagen mit darzngehörigcn Steinen. 2. In denl Kämmerchen (darin) ein unterschiedener Molt er-, kästen zu Korn und Waitzen. 3. Obig der Mehlpforten ein Gang, da inan vom Schloßt dämm hinübergehet in den Turm, darinnen etliche FruchtbödeN/ ferner 4. ein Haus beim Lohest eg, darinnen der Sehegräber jetzo wohnet und hiebevor eilte Mühlen gewesen, darinne ein Stübchen und ein Kammer. 5. Des Scharfrichters Haus hinter der Burgk. 6. Ein Turm uffm Schloßdamm, der Pulver turnt genannt darinnett man auch Obst schütten kann. Aus 1—3 ersehen wir, daß oberhalb der Mehlpforte ein! Molterhaus mit einer Mehlwage stand und einem Kämmerchen mit dem Molterkasten. Dieses Haus war mit dem heutigen; Meliorschen Turm, in dem Fruchtböden waren, durch einen, wie ich annehme, überdeckten Wehrgang verbunden. Damit stimmt; auch die Darstellung der Mehlpforte auf dem Merianschen Kupferstich überein, während der Turm selbst, ganz falsch viereckig mit einem vierseitigen Spitzdach dargestellt ist. Dieser Tage hat mir Herr Bürgermeister Fendt mitgeteilt, daß sein Vater diesen überbauten Wehrgang noch gesehen habe. Meine Vermutung und! das Meriansche Bild werden hierdurch bestätigt. Das Molter- Haus selbst war direkt zugänglich vom Schloßdamnt aus. Ob wir in dem kleinen turmartigen Gebäude, in den: bis zur Erbauung des jetzigen Schlachthauses längere Zeit geschlachtet wurde unoi jetzt das Eichamt untergebracht ist, das Molterhaus wiedererkenuenl dürfen, wage ich nicht zu behaupten, vermute es aber. Vielleicht stand es auch näher bei der Mehlpsorte, oder da, wo jetzt dich! hei der Eiche sich der Hofmeistersche Stall und Schuppen befindet. Jedenfalls wissen wir hierdurch ziemlich genau, wie es vor 300 Jahren dort ausgesehen hat und weiter, daß des Scharfrichters Haus hinter der Burgk, das jedenfalls zusammensällt mit der späteren Meisterei, die uns als Gewannname ebenfalls überliefert ist, hinter der Mühle auf der linken Seite des Mühlgrabens stand. Ein Kellergewölbe ist dort noch heute sichtbar. Das Haus hat noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, gestanden. Die kleine Mühle am Lohsteg, die als solche urkintdlich noch 1539 erwähnt wird, lag vermutlich an der Stelle der heute Schwarz- Lenhardschen Anwesen. Sie hatte außer dem Mahlwerk nur eine Stube und ein Kämmerchen und war zuletzt, wenn iiidjt überhaupt nur, eine Lohmühle. Unweit davon war ein Weiher.- 1510 wird „ein Weihergarten" genannt, 1533 aber der Weihergarten bei der HerrgottÄirche und 1539 „der halbe Weiher hinter der Mühle vor Büdingen". Mit diesem Nachweis entfällt die mir von verschiedenen Seiten mündlich gemachte Mitteilung, nach der das heutige Spengler Scheidsche Eckhaus aus dem Marktplatz und Damm früher eine Mühle gewesen sein soll. Das wate nur so denkbar, daß dort vor Erbauung der Neustadt eine Wühle gw 55 — Wesen sein Tonnfe, die man dann spater an den Lohsteg' verlegt habe. Dafür, ob den Lohsteg hinunter auf seiner westlichen Seite Nochmals ein Damm mit vorliegendem Graben zog, habe im reine Beweise. Möglich wäre es. Nur unsere „Dammländer" kann Man allenfalls als Hinweis darauf ansehen. 1631 wohnte, tote wir oben gehört haben, in der früheren Mühle am Lohsteg der Seegräber, deren es nach unserenr Meßbuch zu Anfang des 17. Jahrhunderts mehrere gab. Einer hieß Georg Eulner, der andere Kaspar Mohr, er war der Seegräbermeister. Ihr Amt war die Unterhaltung der zahlreichen herrschaftlichen Teich-Anlagen und die Ausräumung und Unterhaltung der Wasserlaufe. Das Meßbuch berichtet uns davon wiederholt. Oberhalb des damaligen Salzborns, der späteren Saline und des heutigen Salinenhofs lagen vor 300 Jahren 4 Weiher. Der unterste und kleinste Mar der Schafweihcr, dann folgten 3 größere, der untere, mittlere Und obere Weiher, deren Dämme und Durchlässe noch heute erhalten, oder wenigstens sichtbar sind. 1604 werden beim Neuschesweiher, der unweit der Rinderbüger Gemarkung linksseitig des Seemenbachs und viel höher als derselbe liegt und noch heute der Fischzucht dient, Waldwiesen genannt. Im Jahre 1534 heißt er der Reussenweiher am Ochsen-Gemeul. Nach dieser kleinen Wschweifung müssen >vir Wiede« am Seenienbach hinab, zurück zum Schloß. Auf dem Wege dahin kommen tote vorüber an der Schleifmühlc von Alexander Gebhart Und dein Anwesen des Walkmüllers Johann Geyer. Wir passieren die untere Schmitte, (den heutigen Hammer'?), wo die Klingen Mühle genannt wird, und außerdenr noch mindestens 7 kleine Häuser und Triebwerke, die zumeist von Nagel- und Pfannenschmieden bewohnt und betrieben wurden. In ihrer Gesamtheit hießen sie „die Schmitten". Das Büdinger Wald-Weistum von 1380 nennt ihre Insassen „die alten Delre", d. h. Talbewohner. Bis ins späte Mittelalter hinein saßen hier, ebenso wie in der Hinterburg, mir Leibeigene, zweifellos sämtlich auf herrschaftlichem Grund und! Boden. Auch hier haben uns die Gewannnamen Aufstellung nahmen, sobald von der Brüstung des ^.ores heran der Stadttrompeter Jörg Ott Hempel aus der AlAadt, oder einer seiner Vorgänger mit schmetternder Fanfare das Nahen der Herrschaften und ihres Gefolges verkündete und wenn diese dann! der Stadt- und Gerichtsschultheiß an der Spitze ferner Ratsherren und Gemeinen empfing und hinauf geleitete zu dem erhöhten Ehrensitze. An solchen Tagen herrschte ftohliches Sebert innerhalb der Mauern Büdingens und außerhalb und die Wirt« und Gasthalter der Herbergen zum Schwan und zur Krone« denen das alleinige Recht des Weinausschanks gegen einträgliche Abgaben von der Herrschaft verliehen war, hatten guten; Zuspruch. Manches Fuder echten Büdingers „nicht vom besten! und nicht voni schlechtsten" wurde ba, an- und aus gestochen Jeder fand dabei seine Rechnung. Die Festteilnehmer „kamen in die gewünschte Stimrming, die Wirte erzielten volle Geld rasten und der Verwalter des herrschaftlichen Weinkellers leere Fässer« die geschichtliche Ueberlieferung erhalten. Wir sind wieder bei der Webismühle angelangt und überschreiten auf flach gelegten Steinen den Wasserlauf beim Pulverturm, der, wie wir gehört haben, damals auch zum Lagern von Obst benutzt wurde, also überdacht war. Der 30jährige Krieg, der bereits 12 Jahre das deutsche Vaterland verwüstete, hatte demnach damals anscheinend Noch keine ernsteren Gefahren für unsere Vaterstadt gebracht, sonst hätte man den Turm am Mehltor nicht zur Lagerung von Getreide benutzt und im Pulverturm kein Obst aufgeschüttet. Und doch werden wir später sehen, daß die tiefen, nach hundert Jahren Noch nicht verwundenen Schäden, die dieser unheilvolle Krieg über Deutschlands Gauen brachte, schon damals in Büdingen sehr fühlbar geworden waren. Das kleine Büdinger Gericht allein hatte schon eine Kriegskontribution von über 6000 fl. aufbringen müssen. Daß der Pulverturm im Hain früher nicht so unbetvehrt dastand, wie heute, zeigt ein noch vorhandener, nach Norden weisende« Maueransatz. Man wird annehmen dürfen, daß Wassergraben! Und Wall, die das ganze Schloß umgaben, verstärkt waren durch eilte vorliegende Mauer, die den Pulverturm etwa mit dem Waisentor verband und die nach dem Seementor zu sicherte. Denn zwischen Waisentor und Obertor zeigt die Abschlußmauer des Lustgartens noch heute deutlich früher vorhandene Zinnen! und Schießscharten. Dazu stimmt auch anscheinend eine Angabe von 1630, nach der im Schloßbereich ein Berg, die „Schanz" genannt, von über zwei Morgen Größe lag, und ein Morgen! dabei gelegen, eine Wüstung, so ausgegraben ist. Das würde auf die Terrasse passen, auf der das Gewächshaus steht. Da jedoch gleichzeitig der Lustgarten mit seiner jetzigere Flächengröße als damals vorhanden angegeben wird, so stimmt meine Folgerung zunächst nicht ganz und diese Sache bedarf Noch toeiterer Forschung. Alle Gräben und Dämme' um die Stadt waren herrschaftlich.! Der hohe Tamm vom dicken Turm bis zur Oberpforte wav 1631 den Gräflichen Fräuleins zur Obstnutzung überlassen; ebenso der Damm und das Wäschhaus zwischen den beiden Unterpforten, wo vordem ein Hnndszwinger war. Es ist der heutige Albertsche Garten. Das Westernachsche Anwesen hieß der Doppeldanttn, weil sowohl vor der älteren inneren, wie innerhalb der jüngeren! äußeren Stadtmauer am Lohsteg je ein Damm war, die ein tiefer Graben trennte. Der heutige Hirschgraben wird 1631 der Graben vom Obertor bis an das Untertor bei der Linden genannt. Damals hatte ihn her Gräfliche Rat Tr. Brand in Benutzung. Die mächtige alte Stadtlinde blühte und duftete da, wo heute der Stern liegt. Sie stand noch bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts. Nahe dabei, etwas höher gelegen, zeigt Uns das bekannte Meriansche Bild von Büdingen 3 Kreuze.^ Vielleicht war es eine Kreuzigungsgruppe. Daß die Kreuze dort standen, betoeift die 1529 urkundlich vorkommende Benennung eines Gartens „hinter den Kreuzen vor dem Tore" und der 1552 genannte „Kreuzgarten am Kreuzthor". Wie ich vorhin erwähnte, wird 1533 der Weihergarten bei der Herrgottskirche genannt. Da dieser Garten und der Weiher, wie wir gesehen haben, durch die Mühle am Lohsteg festgelegt sind, bestimmt sich damit die Lage dieser kleinen Kirche, die auch unsers Herrn Leichnams Kapelle heißt. So erklärt sich auf natürlichste Weise die Be- zeichnung des äußeren Untertores als des Jerusalemer- tzder des Kreuz-Tores, Welch' schönes stimmungsvolles Bild Ich darf mich, so verführerisch es für mich ist, nicht langer innerhalb der Stadt unb bei ihr aufhalten. Wir gehen vvch Untertov die Fahrbach hinunter — eine Bor st ad t gab es damals noch nicht — nach dem Großendorf, von dem toir wissen, daß es viel älter ist, wie Büdingen selbst. Nachdem wir die Kalberbach überschritten haben, sehen wir, ehe wir halbrechts ui Den Pfarrerweg einbiegen, linker Hand einen stattlichen Bau „das Herrnhaus". Wie es ausgesehen haben mag und wozu es gedient hat, weiß ich bis jetzt noch nicht; aber dort lag es: in deM Winkel, den die Kälberbach mit dem Seemenbach bildet Test Pfarrerweg bestand noch bis zur Erbauung der Pfarrer Clemm- und Dachdecker Henneyschen Häuser im Jahre 1892 , Er tourt damals unregelmäßig mit Platten belegt und von Hainouchet^ hecken begleitet. Ein Stück davon ist beim Junker nhof noch zn sehen. Er führte, toie uns 1519 gemeldet wird, „am Reiprecht- schcii Weiher" und „am Amtshause", dem heutigen Junkernhos, vorüber nach der Pfarr, die bei der Remigiuskirche am Berghang« lag Denn 1545 wird ein Acker von ein Morgen univendig, d. h. unterhalb des Pfarrhofs genannt. In der Gewannbezeich^ nnng „hinter der Pfarr" ist uns der Psarrhos und seine Lagck nochmals überliefert. Hier hatte der Pfarrer von Büdingen bis zum Jahre 1490 seinen Wohnsitz. In biet em Jahre kaufte das Kloster Marienborn als Pastorin, d. h. Patronatsherrin zu Bui- dingen, dem „Pfarrhern Tilman Beldersheim" von Friedrich von Breideiibach ein Haus mit Ställen, Scheuern und Garten „irt unser lieben Frau bei der Kirche gelegen". , Es war dies dis Liebfrauen- oder Marienkirche, die jetzige Stadtkirche. Das damals gekaufte Haus ist das jetzige im Jahre 1562 umgebaute unÄ demnach schon über 400 Jahre alte erste Pfarrhaus. Zu der! Pfarrstelle im Großendorf gehörte auch die Pachtung euteS tobet! 100 Morgen großen herrschaftlichen Gittes, das dem leroeihgenl Pfarrer gegen 10/8 Korn und % Hafer in Landsiedelpacht vev- liehen war. Im Großendorf war ein großer gräflicher Aichhof und die städtische Ziegelhütte; die herrschastliche lag hinter den Webismühle bei der Hinterburg. Die städtische Ziegelei ging erst im vorigen Jahrhundert durch Kauf an den Vater des irrt Vorjahre verstorbenen Zieglers Anton Wittekind über. Weitet! lag im Großendorf das Siechenhaus. Daher der Siech- mit „ch" und nicht, toie er heute heißt, der Sieggarten mit „g" gescUiebenx denn zu dem iiahe gelegenen Kriegerdenknial steht er in keine« Beziehung. Es ist der Garten von dem die 1. KnabenschulstellÄ die Hälfte als Besoldungsgrundstück besitzt, zwischen der Büchese« Straße und dem Friedhof, auf der linken Seite des Ausgangs« Im Garten ist noch ein alter Ziehbrunnen. Das Siechhaus lag Bei dem gemeinen Fahrweg auf dem Niederwörth. Unter „Wörth" ist ein von Wasser bespültes, tief gelegenes.Grundstück zn verstehen. Deik Seemenbach und die Kücheiibach sind diese Wasserläufe. Sunt Großendorf gehörte ursprünglich das ganze Gebiet des Eichelbergs« der Winterhall und das der Kälberbach. Das heute Forstmeister) Spenglersche Besitztum hieß der Schlvanfeldersche Garten auf dem! Niederwörth, der 1628 den Gräflichen Fräulein als Saum garten! zur Nutzung überlassen war. Vielleicht ist er identisch mit dem „Seemengarten", der oft urkundlich genannt wird, in dem das „Seemenhaus" stand. _ . _ . Wo lag nun das Wingendorf, d. h. das kleine Dorf« das, als Gegensatz zum großen Dorf, bestanden haben muß und in dem schon 1376 ein Ziehbrunnen erwähnt Wird, Als die Bahnhofstraße gebaut wurde, entfernte WW den von tiefernster Bedeutung fit« den Christen! vor dem Jerusalemer! Tor die 3 Kreuze Golgathas zur Rechteii, die Grabeskirche zur Linken. Welch dankbarer lebensfreudiger Vorwurf aber auch! für eine Schilderung von Land und Leuten! Wenn zwei Tage! vor und zwei Tage nach dem 1. Oktober, dem St. Remigiustage, auf dem großen freien Platze vor dem Jerusalemer, Tor beti viertägige Jahrmarkt stattfand, den Kaiser Ludwig im ;A6gte 1330 dem edlen Manne Luther von Menburg für feine Stadt Büdingen verliehen hatte. Wenn im Schutze der wehrhaften) Türme und Mauern im Bereich her Weithin schattenden Stadt- linde die Scharen der herbefgreilten Landbevölkerung in ihrer I malerischen Tracht sich unter die modisch gekleideten Städten I mischten. Wenn, hie Schützengilde aufzog, der die ©tabt_ la94j I für zwei Taler jährlich „den Stadtgraben hinter der Neustadt > I c.-fo den Hirschgraben zu Schießübungen gemietet und dort Ziel- i stand und Schießhütte errichtet hatte. Wenn die Zünfte mit I wehenden Bannern daher kamen und den Schützen gegenüber) — 56 oberen SteinkraNz eines Ziehbrunnens, der an dem vorhin genannten Pfarrerweg an dem Friedrich Schouschen Hanse tag. Man nahm seither allgemein an, hier habe das Wingendorf gelegen. Ich teilte bis setzt diese Ansicht. Nicht wert davon, da, wo der Fußweg nach dem Bachmichel abbiegt, wurde kürzlich (rufier dem eben genannten ein zweiter Ziehbrunnen ausgedeckt. Beide gehörten, wie ich jetzt nachweisen werde, tu das ®ro&enborf, das, wie gesagt, bis zur Kälberbach guig. Das unbedeutende Wingendorf lag vielmehr auf dem linken Seemenufer und erstreckte sich längs der Gewann dcö Klarengartens, etwa vom heutigen Ma i Hilden ho sch t al b iS' ä i im Salinenbof.. Seine Hauptstraize war fcer Steinweg. Eine Urkunde von lt)24 nennt eine Wiest „zu Wingendorf auf der S a l z b a ch" und 152ti t’Jirb ein Bäumten „am Schlag im Wingendorf beim ZiehbruMM namtt. Hier also am heutigen , „Schlagacker" haben wir dmi, schm. 1376 genannten Ziehbrunnen un Wingendorf zu suchen. Die Be- zeichniingen „am Schlag" und „auf der salzbach Leben ganz unzweideutig die Lage der Siedelung an., Als ach dem Grundstück des städtischen Gaswerks die Flemmnigsche Feldziegelei un Zähre 1892 angelegt wurde, saiiden sich neben dem alten Mauer- werk eines Brennofens viele Tongefätze mittelalterlicher Her- kunst als deutliche Reste einer alten Töpferei., ^ch habe selbst noch einige Scherben gefunden. Oberhalb dieser ^.opferet aus dem Gebiet des heutigen Salinenhofs, nahe am Wecherweg, muß eine Mühle gestanden haben. Das Meßbuch von 1600 bis 1606 nennt wiederholt „Kappesländer" und andere Grundstücke am „Mulenrain aus der Salzbach". Dieser Muhlenrain begrenzte rechtsseitig einen Mühlgraben, der etwa an der Brunnenstube für den Salinenhof aus dem Schafwecher abzweigte und In bete offenbar zugleich den Graben für die Abführung des Wildwassers aus den oberhalb gelegenen Teichen, Unterhalb der ^opferet, etwa too der Schlagacker anfängt, lag 1631 noch ein herrschaftlicher Schashof mit der Schäferwohnung. Das vorliegende ^eld hieß nach ihm „das Schafhofsfeld", woraus sich daS heutige „Schafesfeld" umbildete. Im Jahre 1600 lagen dicht bet und nm den Schashof noch einige kleine Häuser und Anwesen, wie aus Streitigkeiten hervorgeht, die durch die Budinger Feld- geschworenen geschlichtet wurden. Ob die Gewann Klareilgarten, die ich urkundlich noch nicht gefunden habe, in irgend einer Beziehung zum Wingendorf stand, lveiß ich nicht. Auch den Namen der Gewann vermag ich bis jetzt noch nicht zu erklären., Wingendorf wohnte anfänglich wahrscheinlich auch der «chiuder; der iuic der Scharfrichter für unehrlich gegolten haben mag und b'ftßev nufjctljülb ber ©tnbt tvohnen niufjtc. Äer (yDtuciitnötnc „Schelmskaute" hat uns den Ort für beit Schindanger und dte 1600 vorkommende „Schelmsgasse" den Wohnort des Schinders erhalten. Schelm bedeutete Schinder. Später wohnte der, Schinder ilnil Scharfrichterhaus hinter der Webismühle, wie wir vorhin gehört haben, in „der Meisterei". 1630 existierte da» ^vmgen- dorf als besonderer Stadtteil nicht mehr. Ein Verzeichnis der Häuser und Hausbesitzer von 1630 und 1631 zählt aus: die Altstadt, die Neustadt, das Großendorf, die Hinterburg unb bie Schmitten und darin 78, 138, 57, 37 und 10, un ganzen o'_0 Häuser Davon standen 40 leer unb bei 54 werben meist Frauen und bei einigen Witwen als Besitzerimien genannt. Hieraus ergibt sich für damals eine Einwohnerzahl von höchstens 13o0 bis 1400 Seelen. Der 30 jährige Krieg hatte sich, wie ivir sehen, nach 12 jähriger Dauer schon sehr bemerkbar gemacht, (Fortsetzung folgt.) Vor vierzig Zähren in St. Denis. Der letzte verzweifelte Aiisfall der Armee von Paris hatte dm 19. Januar 1871 stattgefunden, rmd sich unter dem Schutze der schweren Geschütze des Mont-Balsrien gegen die Vorpostenstellung des 5. Armeekorps vom Park von St. Cloud bis Buzanval unb von hier über La Jonchsre bis zur Seine erstreckt. Trotz seiner heroischen Anstrengungen war ber Feinb zurückgeschlagen worden ■— der eiserne Ring um Paris blieb fest geschlossen. Die unvermeidliche Folge des mißglückten Ausfalls war die Kapitulation der ausgehungerten Hauptstadt. Am 23. Januar erschien Jules Favre in Versailles, um im Auftrage der bestehenden Regierung zu unterhandeln. Die Verhandlungen nahmen so schnellen Verlauf, ’ daß bereits am 26. Januar, des Nachts um 12 Uhr, die Feindseligkeiten eingestellt werden konnten. Als plötzlich die Belagerungsbatterien ihr vernichtendes Feuer abbrachen und auch das feindliche Feuer schwieg, sandten unsere Vorposten ein donnerudeS Hurra zum sterueubesäteu Firmament empor. Am 28. Januar gelaugte ein 21 tägiger Waffenstillstand zum Abschluß, Seine Bedingungen lauteten: Sofortige Uebergabe sämtlicher Borts an die deutsche Armee, Desarmierung der Haupteuceiute, ntwafsuung der für kriegsgefangen erklärten Besatzung von Paris Und Zahlung einer städtischen Kriegs-Kontribution von 200 Millionen Francs, wohingegen deutscherseits die Verpflichtung übernommen wurde, bie Versorgung ber Hauptstadt mit Lebensmitteln zu gestatten, jeboch unter Aufrechterhaltung ber Blockade, ferner 12 000 Mann ber Pariser Armee zur Aufrechterhaltung der Ord- nung im Dienst zu belassen unb auf den Einmarsch in bie Hauptstadt vorläufig zu verzichten. Es wär um 29. Januar, als wir die Forts und St. Deins besetzten. Unsere schweren Geschütze hatten gewaltige Zerstörung ungerichtet. Die Forts wieder verteibigungsfähig zu machen/ bie Geschütze gegen Paris zu richten, bie tiefen Gruben in best Toren auszuftillen, bie Verhaue zu entfernen, bie hochragenden Barrikaden in den Hauptstraßen abzutragen und das aufgerissene Pflaster wiederherzustellen, kostete höllische Arbeit. Dazu noch Vorposteudienst gegen bie Enceinte hin. Wach- unb Patromllen- bienft in bet Stabt, Wache am Bahnhof, wo alsbald Tag für Tag kolossale Güterzüge mit Lebensrnitteln Für Paris anfuhren/ unb ungemein anftrengenber, aber sehr interessanter Dienst an an der von uns errichteten Barrikade auf ber Rue be Paris. Wie? auf allen Hauptstraßen strömte auch hier bie Menge von Paris unb vorn Laube her zusammen, um nach so langer Trennung den altgewohnten Verkehr wieber anzuknüpfen. Jedoch war zunr Passieren ein von ber Mairie ausgestellter Erlaubnisschern er- forberlich. Zur Kontrolle an ber Barrikabe waren vornehmlich! Einjährige komuiaudiert. Man sah nach, ob bie Personenzahl mit ber im Erlaubnisschein angegebenen stimmte unb ließ nach untergesetztem Visum bie Herrschaften passieren. Von morgens früh bis in den Abend zogen Männer unb Frauen aller ©taube, Stäbter unb Bauern, Arbeitsleute, schlichte Handwerker, Pfarre« in schwarzer Soutane, ehrsame Matronen mit Kindern, auffallend gekleidete Nhmphen der Pariser Lebewelt, würdige Graukopfe, elegante Dandys, Eauipagen, Landauer, Cabriolets, Karren nut Hausrat, Leiter-, Last- und Handwagen aus der Hauptstadt heraus — eine endlose Schlange von toller Phantastik. Viele unter den Menschen sind froh, endlich der Not der Belagerung entrückt zü sein, bie Bauern finb begierig, ihr verlassenes Eigentum tu den umliegenben Dörfern wieberzuschen, unb bie Fmnenrs _ unq Pflastertreter brennen darauf, die verflixten Prussiens einmal auS nächster Nähe ;u beschauen. Aufregung, Sännen, Gestikulieren, Schreien, Schwatzen allenthalben — von großer Bedruckung ist wenig zu merken: Sogar der Herr Sure lacht, denn ber Ern- jährige kontrolliert soeben beit Erlaubnisschein „Monsieur Soumet nebst Familie" unb konstatiert, baß bie zwanzig Personen, bie Monsieur als seine Urgroßeltern, Großeltern, Eltern unb Stuber vorstellt, so ziemlich gleichen Alter sind. Die ganze Gesellschaft ist über biese Entdeckung sehr heiter geworden, auch der Ernrahrtge erheitert sich und läßt den Witz gelten. Vergnügt schicken sich die Herrschaften zum Abzüge an, nicht ohne daß Monsieur den Versuch macht, dem Prussien etwas Silbernes in die Hand zu drücken, was dieser zu allgemeinem Staunen mit stolzer Gebärde znrückweist Storni wackelt eine altmodische Equipage heran. Auf dem Bock sitzt ein älterer Herr und eine anmutige junge Dame, drinnen! nier Damen, alle sehr elegant unb distinguiert. Der Erlaubnisschein lautet auf einen Doktor nebst Gattin. „Aber Monsieur, Sie rücken hoch zu sechs Personen heran?" — „Allerdings, ba drinnen sitzen meine Frau unb meine Tochter, gegenüber das Küchen- und das Hausmädchen unb hier neben mir unsere Köchin. Sie begreifen boch, baß wir bie Bebienung nicht zurücklassen! konnten!" — „Gewiß, Monsieur, ich begreife bas um so mehr, als Sie Ihre Dienerschaft mit bewundernswertem Geschmack gewählt haben!" Die reizende Pseudo-Köchin errötet und der Herr/ etwas erstaunt über das fließende Französisch des jungen Kriegs- mannes, kann sich nach dankendem Verneigen nicht der Worte enthalten: „Ach, diese Prussiens haben nicht nur unsere Stadt, wildern auch unsere Sprache erobert!" So spann sich der Auszug aus Paris Tag für Tag ab. Tausende verließen die Stadt. Als um Mitte Marz die Herrschaft der Komniune begann, nahm der Strom derartige Dimensionen an, daß die Seelenzahl in St. Denis von 22 000 auf mehr als 60 000 stieg, die Garnison Nicht mit» gezählt. Schon seit Monaten herrschten die schwarzen PockeN in der Stadt. Die Kommandantur sah sich daher aus hygienischen: unb militärischen Gründen veranlaßt, am 20. April bie Ausweisung aller Fremben aiizuorbuen. Das interessante Leben an ber Barrikabe auf ber Rue be Paris erreichte hiermit sein Ende. Sechs Wochen später, am 1. Juni, verließen wir bie Stabt, und wenige Tage später kehrte die Garde nach der heiß ersehnten, Heimat zurück- ------------ ®* Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer: Auflösung des ArithinogriphZ in voriger Nummer: Schleie, Celle, Heine, luter, Iris, Tifcl), Vinte, Eine, Matter, Pirna, After, Racine, Trier, Iller, Ellipse; © d) l i 11 e n p a r 11 e. Wedaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch en Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. 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