ä^OillöTi"U !MW vJSfewWTiil’i ^5äiümki iqy INWV WO [< n^giFr-tjrjini-MtartnnK^r^T-rT«! NW weilen nur wie ein lässiges Geschwätz, aber Traute war klug genug, zu merken, wie auch auf dreser Oberfläche leichten Plauderns sich mancherlei zeigte, das aus Tteferem kam: aus einer Synthese des Lebens, tote sie sich doch nur eine kraftvolle Individualität schaffen kann. Er sprach auch von der geplanten „Gesindelsaison", und da lächelte er ironisch. An sich eine köstliche Idee: eine Art Sklavenaufstand, ein Einfall der Deklassierten ttt das Land stumpfsinniger Ehrbarkeit, das hohe Wälle tugendhafter Langeweile verschanzen. .Aber doch immer nur eine Revolution von oben, kein loderndes Feuer von Unten her: erne künstliche Anfachung der Gemüter, wo stärkere Untrtebe not getan hätten. Ah bah, ein Gedanke Eberstedts, eurer ferner zündenden Funken, die rasch wieder verglrmmen; ern Blch der Dekadence in harmlose kleine Mädchenseelen, der pikante Versuch einer tändelnden Korruption, Nichts dahrnter. Nun schaltete auch Traute einmal eine Zwischenfrage ein. Was der Meister wohl von Herrn Paul Everstedt hielte? Er spiele noch immer seine Rolle tn der Stadt^ und eigentlich sei er „unten durch" — oder fei es getoejen. Herr Kruse duze sich ja mit ihm, Ha muffe er rhn doch kennen. Sei dieser Herr Everstedt mäst mrt Vorsicht zu i nehmen? „Nein," rief da Niels Kruse und schüttelte seinen Rundschädel, „nur mit lachender Ehrlichkeit! Natürlich kenne -ich ihn, seinen ganzen äußeren Menschen und em gutes Stück seiner Innerlichkeit. Wir smd auch tnsofern verwandte Naturen, als wir uns beide am wohlsten fühlen! im klaren Aether freier Stimmung: aber vergeßen Sre nicht, daß man tn solchem Stimmungsdusel leicht ferne geistige Substanz verliert, und daß im Trmmph des Augenblicks der letzte Halt zum Teufel fahren kann. Eberstedt war nahe daran, restlos unterzugehen — in einem Sumps, I liebes Irrlicht, aus dem ihn selbst der goldene Strohhalm seines Vaters nicht hätte wieder herausziehen können. Aber I ha stutzte er vor der letzten Gefahr Und kraxelte langsam I zurück. Instinktiv meinetwegen; doch -es ist schon gut, I wenn der Instinkt gesund genug ist, bas Gememe und I ganz Kleine noch rechtzeitig zu bändigen. Liebes Fraulem Traute, an diesem Everstedt hat der Zweraug eng eistgrun- I mia gesündigt. Er war als einziger der Abgott der Eltern, I und da ließen sie den Jungen schon als Gymnasiasten I verlumpen." Traute nickte. >,'So war meine Vorsichtsfrage doch I also am Platze?" Mels legte die Apfelsine hin, die er zerteilte. Der I rasche Blick, der Traute streifte, hatte etwas Prüfendes, „Nein," sagte er nochmals. „Meine Gewißheit ist, daß I Everstedt das Schlimmste überwunden hat. Womit ich noch I lange nicht behaupten will, daß er aus dem Wege schöner Besserung ist. Er gehört zu den Mannern, die nur durch ein Weib vernünftig gemacht werden können Schon ein ! 1 NenM dafür,, tote sehr dze Mwache hl chm domtm.er.tz> Das nette Mädel. Roman von Fedor von ZobelttK (Nachdruck verboten.). (Fortsetzung.) Dis Vierthalern raste heraus und raste wieder herein I Wnd brachte -eine weite chinesische Jacke aus stahlblauer! I Seide, innen mit weichem schwarzem Pelz gefüttert, die ste I Traute anzog. I „Köstlich," sagte Traute, luttb schmiegte sich in den Pelz, I der wie eine kosende Frauenhand Mer Aals !und Arme glitt. I „,Jst das Bisam?" „Gemeine Ratte," erwiderte Kruse, „aber von einer I Spezies, wie sie bei uns nicht vorkommt. Künstliche Zucht I für irgendeinen großen Mandarinen, der das Fell dem kost- I barsten Pelzwerk vorzog." „Wo haben Sie alle diese Wunder her?" I „Zujammengekauft und zusammengeschnorrt. Merne j einzige Luxusausgabe. Daher auch diese wahllose Samm- I lung. Stileinheit und Prinzip fehlen. Gott ser Dank! I Maßgebend für mich ist mehr noch die Freude an der Farbe | wie die an der Form. Ueber meinem Bett hängen ern paar I Schaukästen mit exotischen Schmetterlingen. Auf die fallt I Mein erster Blick nach dem Erwachen, und dann tauche rch I meine Seele in einen wahrhaften Dust von Farbenstrm- mungen, in ein Bad von bunten Tönen, und höre rhre I Musik. Ja wahrhaftig — es gibt Farben und Farbenverschmelzungen, die in mir auch die GehörwahrnehmiE | guslösen. Wenn sie in ein tiefes Blau starren, haben Sre 1 ha nicht zuweilen vermeint, ein fernes melodisches Klingen- I Au hören? Ich höre sogar ganze Melodien, und zuweilen Rhythmen von so unbeschreiblicher Schönheit, daß, rch »immer bedaure, sie nicht fixieren zu können. Woraus rch gllen Ernstes Vorschläge, daß ivtr nunmehr zur Kollazrone Es bediente keiner bei Tisch. Alles stand fertig da: Koteletten, Spinat, Radieschen und Käse «und Früchte Aber es war hübsch serviert: das Malerauge regierte auch hier. Die Koteletten lagen auf einer silbernen Schüssel, dre das Wappen eines ausgest-orbenen Grafengeschlechts trug. Das Grün des Spinats leuchtete aus Nymphenburger Porzellan, Man speiste von Vieux Saxe lunb nahm bie Radieschen von einem Teller aus ber berühmten Fabrik zu Chelsea. Uno man hatte glitzerndes Kristall neben bett Bestecken, und Traute war "sehr vorsichtig, um auf das Weiß des handgewebten Leinens kein Fleckchen kommen zu lassen. Im übrigen war sie bei gutem Appetit und auch bei Laune. Sie trank sogar ein Glas Wein, lauschte aber mehr dem, was Kruse plauderte, als daß sie selber sprach. Er jedoch sprach viel und sprunghaft, berührte zwan- zigerlei, sprang rasch vom Thema ab Und nahw ein neues Ms, und schon streifte ex toieber ejn archereA. M NqnA W* 454 Schwäche gegen das Ich. Er spielt sich selbst Komödie vor. Auch sein Kampf gegen die verwitterte Moral in unsere« tugendhaften Stadt — nichts als ein fröhlicher Spektakel, sich selbst wieder einmal in Szene zu setzen! In. diesem guten Jungen steckt Ungeheuer viel Eitelkeit — und gerade einem Menschen von so starker subjektiver Wertschätzung' gegenüber braucht man nicht vorsichtig zu sein. Nur ehrlich. Man muß ihm die Wahrheit sagen. Und wenn die Wahrheit nicht mehr wirkt, muß Uran ihr: auslache,r. . . Pronta, Signorina? Dann 'wollen wir wieder an die Arbeit gehen." Man kehrte in das Atelier zurück. Und auf dem Wege dorthin fing Traute nochmals von Everstedt an. Das Urteil Kruses interessierte sie lebhaft. „Herr Professor, Sie meinten vorhin, Everstedt sei ein Stiminnngsmensch. Ich "hätte ihn eigentlich für berechnend gehalten — wenigstens dann, wenn es sich um die Erreichung irgendeines egoistischen Zieles handelt." Kruse nickte" „Das eine schließt das andere nicht aus. Stimmung ist Selbstgenuß. Und allem Selbstischen liegt mehr oder weniger Berechnung zugrunde. Was ja auch gar nichts schadet. Oder aber: es schadet nur, wenn andere darunter leiden. Wenn die .egoistischen Ziele' rücksichtslos erreicht werden sollen. So ein rücksichtsloser Egoist war auch Everstedt einmal. Aber ich glaube, er ist zahmer geworden. Er sträubt sich noch immer gegen Satzung und Bindung und baut seinem Ich einen Altars aber es ist schon viel Pose dabei." Nun war man wieder im Atelier. Kruse half Traute aus der Pelzjacke. „Sie nehmen Interesse an Everstedt?" fragte er anscheinend harmlos. „Nein — gar keins," entgegnete sie rasch. Sie setzte sich und fügte lächelnd hinzu: „Wird .jetzt eine Warnung kommen?" „Gott bewahre. Höchstens ein guter Rat. Patrizische Junker vom Schlage meines Freundes Paul vergessen sich zuweilen in ihrem sinnlichen Wohlsein. Sollte er Ihnen gegenüber einmal den Respekt außer Augen lassen, so zürnen Sie ihm nicht, aber antworten Sie ihm mit blutigem Hohn. Das ist wirksamer. Den Kops höher, wenn ich bitten darf." Traute reckte sich. Der gute Rat war doch eine Warnung. Die Männer warnten gegenseitig voreinander. * Eine UeberraschUng erwartete Traute daheim: Everstedt hatte Besuch gemacht. Wahrhaftig, so war es! Die Mütter zeigte ihr seine Visitenkarte. Die neueste Mode: sehr groß irrt Format, der Name auf gelblichem Karton: lithographiert. Aber nur der Name, ohne Adresse. Das war ganz sein. Der Name genügte. Die Mutter hatte ihn natürlich nicht angenommen. Das war Unmöglich gewesen. Sie hatte gerade in der Küche zu tun gehabt; die Emma konnte keinen Aal töten und graulte sich vor seinen Sprüngen; da mußte sie immer dabei sein. Aber auch beim Türöffnen hatte die Emma e dumm benommen. Zunächst tvar sie ohne Schürze ausgcgangen, und dann hatte oie Gans vor dem fremden jungen Herrn einen kleinen Schreck bekommen, und schließlich hatte sie nicht gleich gesagt, die Herrschaften wären glicht zu Hause, sondern war erst mit der Karte in die Küche gelaufen und hierauf wieder zurück mit ihrer Bestellung: die Herrschaften wären ausgegangen. Einen noblen Eindruck würde Paul Everstedt also nicht empfangen haben. „Ich kann nichts dafür, Traute," sagte die Mütter. „Wenn es sich tun einen Aal handelt, ist die Emina wie verrückt. Ich denke, Herr Everstedt wird es nicht übel nehmen, daß er so wenig formell abgefertigt worden ist. Lieber Gott, daß wir nicht Diener und Zofen im Hause haben, wird er sich wohl denken können!" „Und wenn er es sich n ich t denkt, ist's auch schnuppe," erwiderte Traute kühl. Die Antwort ärgerte Frau Auguste nun wieder. Sie verstand es nicht, daß Traute sich diesem Mann gegenüber so abweisend verhielt. Es gab auch noch weitere Kämpfe um ihn. Es wurde erwogen, ob! der Vater nicht den .Besuch erwidern müsse. Aber der Gedanke erschreckte Köhler geradezu. Er wehrte sich gewaltig dagegen. Es stellte sich herans, daß er gar keine Visitenkarten mehr besaß. Seine ersten inii) letzten Visiten hatte er nach der LpMe.it genracht. Von pa ab. führte er mir noch Geschäftskarten : „Franz A. Köhler, i. F. Otto A. Köhler. Felle Und Häute." Und so eine konnte man nicht bei Herrn Everstedt abgeben. Friedrichs der in das Vertrauen gezogen wurde, hielt den Gegenbesuch auch nicht für nötig, Nicht einmal eine Einladung. Derartige Respektsbesuche junger Herren erledigten sich von selbst. Das sei so" gang Und gäbe. Traute war mit dem Endbeschruß sehr einverstanden. Die Idee, Everstedt einmal einzuladen, war ihr von vornherein gräßlich, gewesen. Das hätte noch gefehlt, dem hochmütigen Menschen Einblick in die kargen Verhältnisse des Elternhauses zu gewähren Und seinen Spott zu entfesseln! — Aber es blieb nicht bei dem Besuche Eberstedts allein. Am Sonntag mittag gaben Fred D-ewa und Wilm' Noel- dechen ihre Karten bei Köhlers ab; am nächsten "Dienstag" erschienen Friederici und Mursinna, den Tag darauf die Brüder Eggenolph. Es machte den Eindruck, als habe Everstedt den Bann gebrochen'und jetzt erst die Gesellschasts- fähigkeit Trautes ermöglicht. (Fortsetzung folgt.) Charlotte v. Ualb als Schriftstellerin. (Zu Wem' 150. Geburtstage, 25. Juli.) Charlotte v. Kalb-, die Freundin unserer klassischen Dichter, die von Schiller geliebt, von Ivan Paul angebetet, von Her-dew Wieland, Hölderlin und Fichte und vor allem von Goethe hoch" geschätzt und verehrt wurde, ist bedeutend wegen dieser ihrer ungewöhnlichen und vielfältigen Beziehungen zu den Größen unserer Literatur, deren Zeugnisse uns in ihren Briefen und denen der Dichter und Schriftsteller überliefert sind. Weniger bekannt, aber gewiß wertvoll genug, daß anläßlich ihres 150. Geburtstages! daran erinnert werde, ist ihre eigene Schriftstellerei. Diese hätte sich freilich vielleicht zu allgemeinerer Bedeutung, als ihr schließlich gelungen ist, entwickelt, falls die leidenschaftliche Frau nicht durch ihre Liebe zu Friedrich Schiller, der das Schicksal,- das Glück der Erwiderung versagte, und zugleich durch widrige persönliche Schicksale: den schließlichen völligen Verlust ihres Vermögens und ihre von früh aus zu erwartende und endlich cin- getreteue Erblindung aus der Bahn einer ruhigen Entwicklung herausgerissen worden wäre. Schon früh war die dichterische Veranlagung des phantasievollen Mädchens zu Tage getreten. Als die Pflegemutter der früh Verwaisten gestorben war, da klagte sie ihr still in schönen, an Hölty, den Modedichter der Zeit, erinnernden Versen nach: „Und so lang ich hier im Tale walle. Sei Dein Leben Lehr' und Beispiel mir! Dank und Tränen dir für alle Deine Lieb' und- Güte hier!" Tie einzigen Verse, die wir sonst noch von ihrer Hand besitzen, stehen — ein seltsames Spiel des Zufalls —-~nt dem Stammbuch Charlottens v. Lengefeld, der späterin Gattin Schillers. Schon in den frühen Mannheimer Tagen der jungen Freundschaft mit Schiller wrihte sic ihn in ihre Pläne, einen Roman zu schreiben, ein, dieser gedieh aber Wohl dantals kaum weit, und auch in den folgenden Jahrzehnten scheint Charlotte nur wenig daran gearbeitet zu haben. Aber in einem Brief aus dem Jahre 1818 hören wir endlich, daß eine große Episode aus dem „Roman" fertig sei: „Darin habe ich ein Wesen geschildert," schreibt die Verfasserin, „welches, ohne in ein Kloster zu gehen, nicht ohne Schwäch in der Gesellschaft hätte bleiben können . . ." Abed erst ein Jahr vor ihrem' Tode, ant 7. Mai 1842, erklärte die nun längst erblindete Frau, die feit mehr als 20 Jahren dank der Güte der preußischen Prinzessin Marianne, eine kleine Wohnung im Berliner Königlichen Schlosse bewohnte, die Erzählung für vollendet: der Oeffentl.ichkeit übergeben wurde das Werk aber erst aus ihrem Nachlaß, acht Jahre nach ihrem Tode, im Jahre 1851. Tas Ganze, an dem die Verfasserin so beinahe tiO Jahre lang geschrieben hat, ist nicht nach einem' einheitlichen Plano gearbeitet, und doch spricht der hohe Sinn Charlottens, die nicht ohne Grund in ihren Weimarer Jahren die einzige Frau gewesen lvfar, der Goethe in gewissen Zeiten seiner strengsten Abgeschlossenheit den schriftlichen und mündlichen Verkehr mit ihm gestattet hatte, auch aus dieser oft unklaren lind zerfliehendcini Darstellung der tragischen Schicksale und schmerzlichen Leiden jener edlen Frauen und Männer, die sie zu den Helden Wes' Buches gemacht hat. Das weitaus wertvollste und interessanteste Werk Charlottens aber sind- ihre Memoiren. Diese „Lebeus"- beichle", zu deren Niederschrift sie stark durch Goethes „Dichtung Und Wahrheit" angeregt worden zu sein scheint, enthüllt deut Blick, der sich müht, durch die wallenden Nebel, die in der eigentümlich andeutenden, infolgedessen ost ins llnanschaulich-Abstrakte fallenden, dann wieder übermäßig bilderreichen, bald gehobeneu- seierlichen oder dialogisch-dramatischen, bald einfach berichtenden Darstellung die Gestalten und Ereignisse geheimnisvoll umschweben, hindurchzudringen, die tiefsten Wurzeln und das. besondere WeM der JnWKmlMt dieser, hervp.rraLcpMen FrM WL dAk -- 465 Kreise der großen Dichter. Freilich auch dieses Werk ist nicht zu Ende gekomMeti, und vor allen Dingen ist das Kapitel, in dem sie ihre Beziehungen zu Jean Paul schildern und durch ihren! Briefwechsel mit dem Dichter des „Titan" belegen wollte, ungeschrieben geblieben. Doch einen inneren Abschluß hat das Werk erlangt: das tiefste Erlebnis ihres Lebens, ihre Liebe w Schiller hat die Verfasserin bis zu Ende geschildert, und mit einem machtvollen Eindruck von der menschlichen Größe Charlottens! scheiden wir von deut Buche, wenn wir auf der allerletzten Seite noch einmal die Gestalt des Wallensteindichters in der ganzen! Hoheit und Ruhe seiner überragenden Kraft haben erscheinen sehen. Das Tagebuch -er kleinen Marie Baschkirzew. M a r i a B a s ch k i r z e w, die Russin, die sich während ihres kurzen Lebens einen Ruf als bedeutende Malerin erwarb, hat erst Nach Wem Todd die Unsterblichkeit gefunden durch ihr Tage- huch, das mit einer unerhörten Feinheit der Beobachtung das Seelenbild einer frühreifen jungen DaMe des >,fin de siecle' enthüllte, das von psychologischen Kennern, von Nietzsche, Tarne, Bourget, Barres als ein einzigartiges Dokument weiblichen Bekenntnisdranges mit Bewunderung begrüßt wurde. Bon der Veröffentlichung dieses Tagebuches, das in einer ausgezeichneten deutschen Bearbeitung titelt Julia Virginia vorliegt, waren bisher die ersten Hefte ausgeschlossen worden, die in kindliche hastiger und ungleichmäßiger Handschrist die Aufzeichnungen des kleinen Mädchens feit seinem zwölften Jahre enthalten., Ju der ,Revue beginnt nun Re-noe d'UlMös damit, aus diesen frühesten Geständnissen des genialen Mädchens wichtige Abschnitte mitzuteilen, dre einen überraschenden Einblick in ihr kindliches, zwischen Naivität Und Frühreife schwankendes Fühlen gewähren. Wie bei so Manchem anderen Tagebuchschretber tst auch bet der kleinen Martha der Drang, ihre Empfindungen niebeiW schreiben, durch eine große Liebe ausgelöst worden. Wte ein Vorklang ihrer späteren leidenschaftlichen Entzückungen, die sich nur in Gedanken berauschten und der Tat eine scharfe Selbstkritik entgegensetzten, klingt diese Kindheitsidylle, deren Held der Herzog von H. war, einer jener jungen Lebemänner, die mit der von Ort zu Ort reisenden russischen Arischkratenfamilie in Baden- Baden verkehrten. Sie hört, daß er ein Spieler ist, daß er in zweifelhafter Gesellschaft verkehrt und ausschweifend lebt. Aber das alles ist ihr gleichgültig, denn sie liebt ihn. Der Gedanke an Heiraten hat auch schon früher ihre Phantaste erfüllst „Wenn ich grob wäre," schreibt sie aus einer der ersten Seiten W Januar 1873, „und ich heirate B., was für ein Leben hatte ich dann! Ganz allein bleiben, d. H. von banalen Leuten umgeben/ die mir den Hof machen, und mich im Wirbel des Vergnügens fort- rejßen lassen. All das erträume ich, begehre ich. Aber mit einein Mann, den ich liebe und der mich liebt. Mein Gott! Was würde man sagen, daß die kleine Marie, ein Mädchen von kaum zwölf Fahren, so etwas denkt!" Aber sie wird B. niemals heiraten; sie ist fest entschlossen: „Ich will den Herzog von H.. Ich liebe nur ihn. Sein wüstes Leben kann ihm vergeben werden . . ^o) liebe ihn, und deshalb leide ich. . Nehmt mir dieses Leiden, und ich wäre tausendmal unglücklicher. Das Unglück ist mein Gluck. Ich lebe nur darin. Alle meine Gedanken, alles ist darin beschlossen. Der Herzog von H. ist mein alles. Ich liebe ihn so sehr! Das ist eine sehr altmodische Phrase, da man nicht mehr liebt Die Frauen lieben die Männer, weil sie Geld haben, und die Männer lieben die Frauen, wenn sie in Mode sind und sich nett benehmen." Das religiöse Gefühl, das in der kleinen Marie lebendig ist, verknüpft sich in einer Szene am Karfreitag mit dieser ihrer Liebe. In der Kirche sieht sie den Herzog in einer verklärten Gestalt. „Bei dieser Erscheinung ist mir em Gedanke gekommen. Es gab viele Blumen bei dem Grabe Christi, ^ch habe eine Marguerite genommen, diese Blume ist heilig, sie war in der Nähe unseres Heilandes. Sie wird mir sagen, teb meine Wünsche sich erfüllen. Mit Herzklopfen zerpflücke ich sie, m. weist 0 mein Gott! Dank dir, ich glaube an diese Voraus? setzung, sie ist heilig." Das Kind, das unter dieser Liebe leidet, wird von der Mutter nach Wien zur Ausstellung mitgenommen Und vergißt hier seine erste Liebe. Besonders entzückt ist sie von der russischen Abteilung, denn „Vaterland bleibt immer Vater- land; alles was russisch ist.in diesem Pavillon, ist schön. Auf den Verkaufsgegenständen waren russische Namen, ich hatte dre Augen voll Tränen." Aber die junge Russin findet ihr höchstes Entzücken in Paris. „Endlich! ich habe gesunden, was ich wünschte, ohne zu wissen, was," schreibt sie, als sie nach Paris kommt. „Leben ist Paris, Paris ist Leben! Ich quälte mich, weil ich nicht wußte, was ich wollte. Jetzt sehe ich vor mich Ich weiß, was ich will. Von Nizza nach Paris gehen. , Eine Wohnung hier haben. Durch den russischen Gesandten mich in die Gesellschaft einführen lassen. Das ist es, was ich will." Aber' sie muß wieder mit ihrer Familie nach Nizza; sie muß arbeitest Und lernt sleißig. Neue Sensationen peitschen ihr Gefühlsleben ans. Nach einem Wettrennen schreibt sie: „Ich bete an! Ich bete an — die Pferde. Sie sind mein Leben, meine Seele, mein Glück. Zufällig schlage ich mit meiner Reitpeitsche. Es ist dasselbe Pfeifen wie bei dem Rennen. Ich bin hochgesprungen. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin . Dann lernt sie schießen und findet ein neyeg MiMchezz Lariv, HM fie mit ihrer Wrjezt Figur, Wen schmälen Händen eine solche Mordwaffe handhaben kann. Sie fühlt sich äls seltener, ungewöhnlicher Mensch, der sich verwandeln kann in viele Gestalten: „Beim Schießen bin ich Mann: im Wasser Fisch; auf dem 'Pferde Jockey; im Wagen junges Mädchen; in Gesellschaften große DaMe — beim Ball Tänzerin; iM Konzert Nachtigall Mit sehr tiefen Tönen und hohen wie eine Geige. Ich habe eine Maschine in der Brust, die in die Seele eindriugt und das Herz schlagen, läßt." Sie fühlt sich bereits! als Weib und empfindet jede Nichtachtung als eine ihr angetane Schmach; sie empört sich auch bereits gegen die Stellung, die die Frau in der Gesellschaft hat, will nicht nur als Spielzeug, als Unterhaltung behandelt werden. Schöne Kleidung ist ihr Entzücken. „Ich bete die Toilette an, weil sie mich reizend macht und dem Vergnügen gewährt, den ich liebe und mit dem ich glücklich ein werde. Die Toilette gibt also das Paradies auf Erden . . . Ich bin ein seltenes Wesen. Ich bin vollkommen geschaffen, habe eine hübsche Figur, eine schöne Stimme, Geist; mit all dem werde -ich Frau werden. Glücklich der Mann, der mich haben wird! Der wird das irdische Paradies haben! Vorausgesetzt !)aß er mich zu würdigen versteht." Phantastische Schwärmerei und Uebertreibungen wechseln ^so ab Mit klugen Beobachtungen und scharfer Selbstanalyse. So groß ist ihr Drang, sich über sich selbst klar zu werden, daß sie einen RvMan zu schreiben beginnt, und die Freuden des Schaffens zum erstenmal auskostet. >,Gott sei Dank, ich kann alles, was ich will!" So klingt triumphierend der Jubelruf der kleinen Marie Baschkirzew. _________ Napoleon und der Selbstmord. Die Aeußerungen unseres Kaisers über den Selbstmord geben dem Napoleon-Historiker Henri W -e l s ch i n g e r Veranlassung zn einer Darstellung des Verhältnisses Napoleons I. zum Selbstmorde. Als Napoleon noch erster Konsul war, beging ein Soldat! seiner Garde wegen unglücklicher Liebe Selbstmord, In einem Tagesbefehl hielt der Erste Konsul den Soldaten darauf vor, daß ebenso viel Mut dazu gehöre, die Leiden der Seele zn ertragen, wie gegenüber den Kugeln einer feindlichen Batterie Stand zu halten: „Sich widerstandslos dem Schmerz überlassen und sich gar töten, UM sich ihm zu entziehen, das heißt vom Schlachtfelde laufen, ehe die Entscheidung gefallen ist," Daß Napoleon freilich auch imstande war, den Selbstmord menschlich verständlich zu finden,- zeigt sein berühmtes Erfurter Gespräch mit Goethe, in dem er dem Dichter des „Werther" vorwarf, daß er {einen Helden nicht bloß um seiner unglücklichen Leidenschaft willen, sondern auch noch Unter dem Drucke gekränkten Ehrgeizes Selbstmord begehen lasse, 7,Damit haben Sie," fuhr er fort, „die Vorstellungen, die sich der Leser von der unermeßlichen Liebe Werthers zu Lotte macht, stark abgeschwächt." Was aber das Erstaunlichste ist, Napoleon hat jenem Tagesbefehl zum Trotz doch einmal selbst einen Selbstmordversuch gemacht. Das war in jenen Tagen nach dem Einzug der Verbündeten wrt 31. März 1814 in Paris, als diese erklärten, nicht mehr mit Napoleon Bonaparte unterhandeln zu wollen. In Fontainebleau erklärten ihm seine Generale, als er mein'te, Paris noch einmal den. Gegnern entreißen zu können, sie würden feinen Versuch Mehr machen, mit dem sie alles auss Spiel setzten; Paris dürfe nicht der Gefahr ausgesetzt werden, Moskaus Los zu teilen. Ihrem vereinten Drängen gegenüber entschloß sich Napoleon schließlich zur Abdankung, und zwar zur bediiigungs- Iiofeit. In einer letzten Unterredung mit Caulaincourt sprach der Kaiser, der sein gewaltiges Reich für die Insel Elba dahingegeben hatte, von feinem Leben, als wenn es schon zu Ende sei: „Auf dem- Schlachtfelde sterben," rief er, „das ist nichts l Aber im Elend und in solchen Händen.....!" Der Ekel und Schrecken über die Ereignisse dieser Tage, der Abfall seiner besten Offiziere, die Feigheit des Senats, die perfide Untreue Tälley- rands, die Angst vor dem Verhalten der Bevölkerung untergruben schließlich die gewaltige Kraft und Ausdauer, die ihn inmitten schlimmster Katastrophen nicht verlassen hatten. Da griff er zu dem Gift, das ihm während des Winterfeldzuges von 1812 sein Arzt Wan bereitet hatte für den Fall, daß er den Kosaken in die Hände falle; er schüttete es in ein wenig Wasser und schluckte,«8 Hinunter, aber die Zeit hatte dem Gift alle Kraft geraubt, so bereitete es ihm nur schreckliche Krämpfe und Schmerzen, so.daß er seufzte I „Ach, wie schwer ist es, zu sterben!" Doch er blieb am Leben. Dieser Selbstmordversuch war aber nicht das endgültige Urteil Napoleons über das Recht, dem- eigenen Leben ein Ende zu machen. Im Fahre 1816 sagte er zu O Meara: „Der Selbstmord ist die Tat eines Spielers, der alles verloren hat, oder eines ruinierten Verschwenders. Ein Mann beweist mehr wahren Mut, inbeui er bie Leiben, die ihn treffen, ertragt, als inbent er das Leben wegwirft." Er bedauerte also tut Ex,l bte Schwäche, die er zwei Fahre vorher gezeigt hatte. Napoleon hat sich dann noch oft in gleichem Sinne über den Selbstmord geäußert; eines Tages erinnerte er sich des Selbstmordversuches Casars und sprach sich dazu folgendermaßen aus: „Staun man, darf man sich den Tod geben? Ja, sagt man, wenn inan vhuq Hoffnung ist. Aber wann, wie kann man auf diesem loechiel- viollen Welttheater ohne Hoffnung sein, wo der natürliche ober ber erzwungene Tod eines einzigen Menschen mit einem .Schläge den Zustand und das Antlitz aller Dinge verändert t 456 — Aahnts Unfall bei Dillenburg. ,fVy '.«** Sc ttfzu den ältesten Semestern des Radcliffe College gehört. Dr. Barle "hat für seine Erziehungsknnst folgende Leitsätze aufgestellt, von deren allgemeiner Einführung er sich viel verspricht; die Kinder Müssen dazu gebracht werden, daß sie genau beobachten, sich BH er entsinnen, gut vergleichen, in Gruppen teilen und schließen nnen und viertens die Ergebnisse dieser geistigen Tätigkeit klar Ausdrücken. Daß diese vier Dinge die Hauptsachen sind, hat schon der Universitätspräsident Eliot ausgesprochen. Ter Hauptperstoß, den die gegenwärtige Erziehung macht, ist nach Ansicht Von Bruce, daß die Schüler nicht genug int Denken ausgebildet werden, wohingegen hauptsächlich gute Gedächtnisleistungen heran- 'gebildet werden. Die Folge davon ist, daß die Denkfähigkeit in den Hintergrund tritt. Ein weiteres Beispiel, das auf Angaben Von Dr. Berle beruht, inag rroch genannt werden, weil es recht Überraschend ist. Es händelt sich unt das Kind eines Arztes, das jetzt im 9. Lebensjahre steht. Es beherrscht über fünf Sprachen vollkommen geläufig, nämlich Englisch, Französisch, Spanisch, Lateinisch und Esperanto. Die Beherrschung der letztgenannten! .Sprache ist auf die Bemühungen der Mutter zurückzuführen, die den Vorsitz Wer den 'EsperaNt'overbaud der nordamerikanischelq Frauen führt. Das neunjährige Kind ist aber durchaus kein! einseitig veranlagtes Sprachgenie, sondern ist in allen anderen! Schulfächern seinen Altersgenossen ebenfalls weit voraus.. * Vvttt Exerzierplätze. Unteroffizier: „Diesen Gs- Wehrgriff habt Ihr sehr gut ausgeführt, zur Belohnung dürst Ihr ihn noch einmal machen!" ViamantrStsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a b b o o c e g g g hhiiioorr sun derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Einen Raubvogel. 3 Seemännische Bezeichnung. 4. Skadt in Amerika. 5. Nordische Gottheit. 6. Türkischen Ehrentitel. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche. in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Beb — Abb« — Danae — Farne — Arad — Harfe — Bad — Erbe — Nabe. Radfahren. 9 e Auflösung Redaktion: R. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»