M - Nr. 201 Samstag den 23. Dezember hH ...... tes In der heiligen Nacht. „Ich Benedeite unter den Frau'nl" Maria sprichts in verzücktem Schau'n. Jtire seligen Tranen rieseln lind, Sie liegt auf den Knieen vor ihrem Kind; Ihre Augen blendet sein Strahlenkranz. Der ganze Raum ist voll weißem Glanz. Kein Licht im Stall — und doch alles licht! In Demut neigt sie ihr Muttergesicht. In Andacht neigt sie ihr Herz ihm zu: „Diem Gottl Mein Knabe! Mein Wunder du! Allein Kind, du wirst Mutter zu mir sagen! 9)iein Heil, du wirst mich zum Himmel tragen! Gottes Sohn soll über die Erde schreiten! Ich darf seine Kindersüßlein leiten! Ich darf ihn betten am Herzen weich, allein Sohn, mein Eigen, mein Himmelreichl Du König der Gnade, du König der Schmerzen, In meinem zitternden Mutterherzen Fühl' ich schmerzendes Ahnen weh'n: Wa werden die Menschen Gott versteh'n? Wie viel Leid erwartet dich, heiß und groß, Du lächelndes Kind, Golt, sündenlos, Der du der Menschheit Sünde sollst tragen? — — D» Erdenfremdling, ich darf nicht klagen. Mein Gott, mein Kind, gib mir Mut und Mark! Deine Mutter, mache sie mutterstark — Deine himmlische Herrlichkeit laß mich schau'n! — Ich Benedeite unter den Frau'n!" Frida Schanz. Hinter der weißen Tür. Eine Weihnachtsgeschichte von Josef Kuhnigk. (Nachdruck verboten.) „Himmel, Junge, ist das nicht Glück? Erst die Me- gegnnng mit ihrer Mutter, der ich für den Gabentisch einkaufen helfen durfte, und ihre verheißungsvollen Worte, die mir Tore öffneten, ehe ich daran zu klopfen gewagt, und dann hier das Schreiben der Direktion, daß sie mich zum Leiter ihres Opernorchesters auserseben. Ist das nicht Glück? Und dazu die Wethnachtsstimmnng draußen: Sieh nur, wie die Flocken riefeln, wie die kleine Tanne drüben ihre Arme breitet nach den Daunen der Frau Holle. Der weiße Regen Hat das Bäumchen schon ganz eingehüllt. Und sieh die Jungens ! Kaum sieht man die roten Backen unter der Mütze und die Nase, die sie platt gegen die Spiegelscheibe drücken, die lockende und doch böse Schranke zwischen ihren Wünschen und den Herrlichkeiten drinnen." . „Ja, Hans," sprach der Assessor und klopfte seinem Freund auf die Schulter, „ich sehe das und sehe noch viel mehr. Ich sehe, daß du in die Welt noch immer mit glücklichen Kinderaugen siehst, für die zwischen Wirklichkeit und Wunsch die Glasscheibe kaum eine Schranke bildet. Hans sah fragend und ein wenig erstaunt zu ihm hin. „Nicht so," beruhigte der Assessor. „Ich habe es nicht vor, dir frohe Hoffnungen zu zerstören, am wenigsten solche, die sich an das Christfest knüpfen. Ich will keine Unke sein. Und die Dirigentenftelle scheint mir für dich auch durchaus sicher. Du hast sie dir redlich verdient durch ernste, schwere Berufsarbeit und durch dein Können. Ich hab dies immer gesagt: es wird, es muß sich einmal durchringen. Aber — Ja, ich kann dir das Aber nicht ersparen, um dich vor Enttäuschungen zu schützen. Und gerade, die sich nm die Liebe drehen, sind bitter." , , . ... Da lächelte der Musiker. „Diesmal, mein Junge, irrst du dich. Du weißt, daß Lotte und ich —" ,-O ja(. i chweiß, ihr seid euch gut, und' i chweiß auch, daß dein Stolz sich gegen ihre Hast, ihre Ungeduld stellte. Du wolltest erst etwas sein, ehe du, um sie zu werben, gingest." „Und bin ich nun nichts?" „Doch, ich habe dirs vorher schon zugestanden. Wer du setzest voraus, daß ein Künstler den Stockhausens genehm ist. Du kennst eben Agrarier nicht. Denen ist ein Offizier, ein Landwirt der gegebene Beruf eines Schwiegersohnes, ^hre Bodenständigkeit wählt in verwandter Sphäre." Wieder lächelte Hans. „Du beirrst mich nicht. Frau Stockhausen hat mich für den Festabend eingeladen. Ist das nicht eine Bevorzugung?" „Du musizierst. Und die Dame des Hauses liebt Musik.^ „Und was sie mir vom Heiraten sprach: ist das nichts? „Was weißt du von Frauen, wenn sie sich für etwas interessieren, .ohne daß ihr Herz dabei ist. Da fehlt ihnen das respice finem, der Blick bis zum Ende, ete bewundern das Feuerwerk, wenn ein Haus brennt, beun totdrohenden Stierkampf begeistert sie der kühle Mut, die Gewandtheit des Torrero." "Nun, und wo ihr Herz interessiert ist, da schweigen sie. Eine Frau wie die Mutter Lottes macht dem Schwieger, ohn,- den sie sich ersehnt, keine Avancen." Hans ging im Zimmer ans und ab, niemand sagte ein Wort Der Assessor steckte sich schließlich eme Zigarre an. Draußen rieselten noch immer die dicken weißen Flocken, und die Laternen auf der Straße hatten hohe Klippen bekommen wie weiße Lammfellmützen, h'.nd lustig klingelten die Schlittenglocken. Eine Krähe saß auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, zerscharrte den Schnee mit breiten Füßen und krächzte mit ihrer wohlgeschulten Stimme. 802 rücken. * war nur uns eut- Da lachte Hans. „Hör nur die Krähe drüben!. So schön hast auch du nur gesungen. Ich habe die Schlitten-- glocken aber Neber. Die bringen rhythmischen Klang, die bringen Melodie ins Leben." Da stand der Assessor auf und nahm seines Freundes Hand. „Du sollst mich nicht falsch verstehen. Ich will dir keine Hoffnungen zerstören, nur hat eine Krähe, will scheinen, nicht'ohne Grund ihre mißtönende Kehle, die aufhorchen läßt, wenn Schlittenglocken uns der Welt Nach Tisch, als auch schon der Kaffee abgetragen und Lotte auf ihr Zimmer gegangen, ihre Geschenke für den Abend bereit zu machen, wurde die Unterhaltung der beiden Eltern ein wenig stürmisch. Bis der Vater abwiegelte. „Na nu laß gut. sein, Frauchen. Wie das mit, dem Musiker, dem Hartungg, und unserer Lotte steht, wollen wir nicht weiter untersuchen." „Und ich werde das wohl untersuchen." „Dann wirst du eben erfahren, daß sie sich nicht so ganz fremd sind. Jedenfalls, wenn du eine Annäherung der beiden nicht wünschtest, hättest du ihn nicht so an dich heran- ziehen sollen. Wei deiner eigenen Musikschwärmerei bist du, scheint es, ein bißchen blind gewesen." „Warum hast du mich denn nicht eher darauf gestoßen als gerade heute, jetzt, am Heiligen Abend! Ich Hütte ihn dann doch nicht eingeladen." „Wer bestes Frauchen, wußte ich denn, daß du nichts sahst? Ich meinte, du seiest damit einverstanden." „Ich verstehe dich nicht, Eberhard. Du konntest doch nicht denken, daß ich einem Künstler unsere Lotte geben wollte!" „Zuerst war ich ja auch ein bißchen verwundert. Aber du weißt, ich rede dir in solche Dinge nicht hinein. Und dann sah ich mir den Kerl einmal ein. bißchen näher an. Und ich muß sagen, er gefiel mir. Schon seine äußere Emballage. Nichts so Geschniegeltes und Gebügeltes und auch nichts Saloppes. Keine wallende Löwenmähne, keine webenden Schlipse. Da sagte ich mir, der Kerl scheint seine Arbeit richtig, von innen aufzusassen. Und dann hat er ein paar klare, lustige Augen, nicht solche schmacht-schmal- zigen. Vielleicht steckt auch ein menschlich tüchtiger Kern in ihm, von dem wir heute etwas zu sehen bekommen." „Eberhard, ich verbiete dir, das Thema weiter auszuspinnen." „Wer ich gehorche ja schon, Frauchen. Ich versuche doch bloß, allem, was du tust, die beste Seite abzugewinnen. Uebrigens sehe ich den Herrn Musikus eben die Allee heraufkommen. Nimm ihn dir also zum Biaumausputzen, wie du es vorgesehen." ' Sie wehrte mit beiden .Händen ab. „Nicht, nur jetzt nicht! Ms zum Abend werde ich mich wohl wieder beisammen haben. Ich schicke ihn einstweilen dir." „Schön. Auch das, mein Kind. Nur lasse uns gleich zwei Tulpchen Grog mit reinbringen." Und der Grog kam bald, und vorher war schon der Musikus Hans Hartungg gekommen, und die beiden hatten sich mit kräftigem Händedruck begrüßt. Nun saßen sie am Karnin, jeder in einem tiefen altmodischen Ledersessel. Der Grog stand auf kleinen Tischchen neben ihnen. „Ich habe mir gedacht," begann der Hausherr, „daß sie nach dem Marsch in dem klaren Frost einen warmen Trunk nicht verschmähen werden und habe darum gleich vorgesorgt." Der Junge hob das Glas und dankte und trank. Und der Hausherr sah ihn sich scharf an und sagte: „Sie kommen mir eigentlich nicht gerade sestfreudig ge- enrnt vor. Man sollte doch meinen, so ein Heiliger end..." „Sie haben recht, Herr Stockhausen. Aber ich werde es schon noch werden und bitte um Vergebung, wenn es mir anzumerken war. Nur knüpfen sich gerade an diesen Tag für mich nicht immer freudige Erinnerungen! Gestern war ich noch froh im Gedanken des heutigen Tages. Nun er da ist — Ach, es geht so vieles quer im Leben." „Wenn nur der Mut nicht sinkt," warf der Hausherr ein. „Ja, Blut, Schaffenskraft und! Frohsinn, Sie haben recht, das sind die drei Verbündeten, mit denen man das Leben meistern. kann. Ich habe es erprobt." „Wenn es nicht aufdringlich erscheint, hörte ich wohl einmal davon." „Ich danke Ihnen für den Wunsch." Und Hans Hartungg sann ein Weilchen nach uiid fing dann an. „Ich hatte im Herbst das Gymnasium absolviert, als am Weihnachtsabend mein Vater starb. Als Erbe hinterließ er mir die Liebe zur Musik, in der er mich gefördert soweit seine eigenen Kräfte es vermochten. Er war ein kleiner Beamter gewesen, und für meine arme Mutter blieb nichts wie die karge Witwenpension. Was aus mir werden sollte, da muhte 'ich selbst zusehen. Die Musik jedenfalls! hieß es einstweilen aufstecken und fürs nackte Leben sorgen. Als Hauslehrer begann ich. Es waren nicht immer gute Zeiten, aber sie gaben mir Muße, den Weg zu suchen, der mich vorwärts bringen sollte. Ich will nicht auf alles eingehen, will es überschlagen, wie ich vom Lande nach der Großstadt drängte, um Gelegenheit zu haben, mich in freien Stunden forlzubilden, wie mich das Schicksal immer wieder vertrieb, als Kellner, als Gelegenheitsarbeiter, unters Militär, ins Kohlenrevier, wie ich nur immer unter dem einen Wunsch fieberte: die gute Mutter sollte es erleben, daß ich mich durchsetzte mir dem väterlichen Talent. Ich hatte Glück, ich fand nach Jahren einen Gönner, einen Förderer meiner Kunst, ich hatte die Nacht zum Tag dazu gezählt und stand nach schweren Zeiten vor der Aufführung meiner ersten Klavierkonzerte: da nahm mir der Tod die gute Mutter. Auch das war ein Weihnachtsabend. Sie hat meinen ersten Erfolg nicht erlebt. Ich hab's verwinden müssen und bin wieder froh geworden in der Arbeit. Die hat mich Weiter gebracht von Stufe zu Stufe. Und als mir gestern Ihre Gattin von einer Frau sprach, die ich mir nehmen müßte, da wars, als stieg ein neues Glück vor mir aus, als sollte es auch einmal für mich einen Heiligen Abend geben. Aber es war nur eine blinkende Seifenblase, die zerplatzte." Hans schwieg, und der Hausherr räusperte sich und trank schnell von seinem Grog. Ein ganz eigenes Gefühl stieg in ihm auf und der unbezwingbare Wunsch, dem da drüben aus die Schulter zu llopfen: „Junge, Junge, du bist ja ein Prachtkerl! Wenn nur die Alte hier dabeigesessen hätte." „Ich bade ja eigentlich nie daran gedacht", schloß .Hans seine Beichte, ,chaß wir Künstler nicht als bodenständige Menschen gelten, daß wir wurzellos sind, daß andere Gesell- schastskrei>e uns nur in unserer Leistung schätzen, uns als Menschen aber außerhalb ihrer Sphäre setzen. .Ich bin nun wohl ein reichshauptstäd'tischer Operndirigent seit heute, aber was ich sonst bin. . .?" Nun hielt es den Hausherrn nicht länger: „Himmel, Donnerlittchen, Hartungg, nun sein Sie aber still! Das ist ja barer Unsinn, was Sie da. reden. Nicht Titel und Stand, hier ist der .Manneswert!" Und er schlug sich auf die .Brust. „Und nun warten Sie, ich muß meine Alte holen." Er verschwand hinter der weißgestrichenen Tür. .Hans war eigentlich alles ein wenig traumhaft. Er hatte sichs in der Nacht überlegt gehabt, er wollte überhaupt nichts sagen. Und nun hatte er es doch so halb angedeutet, und des Assessors Worte wirkten in einem bitteren Schlußsatz nach. Ihm war es auch so halb wie im Traume, als die Hausfrau nach einer geraumen Weile vor ihm stand und ihm warm und herzlich die Hand drückte: „Ich bin in Ihrer Schuld, Herr Hartungg, ich hübe hinter jener Tür da gehört, was Sie gesprochen. Aber ich hoffe mich bald aus Ihrer Schuld loszukansen. Mein Mann ist schon im Zimmer, die Lichter am Ehristbaium zu entzünden." Und dann wurde es lvie im Märchen. Der kleine Ainsik- salon öffnete sich, und Mdelduft strömte herein und bad' trauliche, warme Licht der Weihnachtskerzen. Und der Hausherr stand feierlich im schwarzen Rock, und die Hausfrau ging zum Flügel und spielte das Weihelied der stillen Nacht. Und als die Töne verklungen waren, .fühlte er sich von zwei weichen, lieben Mädchenarmen umschlungen. „Hans, Hans!" Er fand sich noch immer nicht zur Wirklichkeit. „Lotte! Wist dus? Träume ich? Isis nur ein Märchen?" „Ja, du Lieber," jubelte sie, „es .ist ein Märchen. DaK Märchen von „Hans im Glück"!" 803 Der Afrikaner. Von Irmgard Höfer-Sommes 1 Gs dämmerte schon. Ein Ofsizier stand ans dem Bahiiho^ drnd spähte nach einem Wagen 2. Klasse. 'Tie Kleinbahn hatte nut den einen, schnell sprang der Wartende die Stufen hinaus. Am Fenster saß eine weibliche Gestalt, die mit leichtem Gegengruß sich verneigte. — Ein Pfiff, mit glühenden Rauchwolken fuhr der Zug hinaus ans dem lampenfunkelnden Bahnhof in stilles, weißes Land. Das Licht in dem Kupee flammte auf. Inge Holleben sah Äu ihrem Gegenüber hin, da ward ihr Gesichft ganz blaß und in ihren Augen war Schreck und Freude zugleich. Der Fremde hätte ihre Bewegung nicht bemerkt, denn er sah Mm Fenster hinaus. 'Des Mondes goldene Scheibe stand fern über dem blauschwarzen Waldrand.--- Das junge Mädchen lehnte sich zurück und während sie das «, markige Profil vor iich sah, gingen ihre Gedanken in ergangenheit. — Vor anderthalb Jahren, ihr Vater stand damals in Berlin — da war sie an einem srühlingsgrünen Tage im Tiergarten spazieren gefahren. Sie lenkte den kleinen Dogcart selber. 'Der Schimmel war jung und ging unruhig. Ms sie durchs Brandenburger Tor wollten, scheute er, bald aber war er vernünftig — doch nachher, unter den Linden, sie wußte selbst kaum wie cs gekommen, — das Vieh war wie verrtickt, sie hatte nicht acht gegeben — und alle Herrschaft verloren. Die'Menschen, die Wagen, -bie Häuser, — alles wankte und tanzte vor ihren Blicken, — sie biß die Zähne zusammen und wartete auf das letzte — Schreckliche. Da — ein Ruck — ein Stoß, mit den Hintertzufen schlug der Gaul gegen den Wagen, — fast wäre sie vornüber geflogen; — auf zitternden Beinen stand der Schimmel, eine seste Hand zwang ihn zum stehen. Ein Offizier in Tropen - uniform war dem rasenden Tier in die Zügel gefallen, mit ganzer Kraft stemmte er sich gegen den hochbäumenden Gaul und ward Herr über ihn. Die Umstehenden schrien Bravo und drängten begeistert herzu. Inge Holleben wollte danken, aber noch ehe sie ein Wort sagen konnte, war der Fremde verschwunden, irgendwo unter den Menschen sah sie noch seine Uniform, — dann sprang er in eine Droschke. — Und langsam war sie heimgefahren, sie hatte dem Burschen hinter ihr die Zügel gegeben. Ihr war zu Mute gewesen, als hätte sic etwas sehr Teures verloren; — und hätte doch nimmer sagen können, was es sei. — Aber das braune Männergesicht mit den mutigen Herrscheraugen vergaß sie nie. Ms es Sommer geworden war, starb der Vater, — nun war sie ganz allein, denn ihre Mutter war schon gegangen, in jenen Jahren, wo Klein-Inge mit Vaters Hunden lachend iiber die Gartenbeete stolperte. . Oben an der Ostsee wohnte ein Oheim, der war Forstmeister Und schon lange Jahre Witwer, zu dem kam Inge als Hans- mütterchen und Waidgefährtin. Die Arbeit in dem großen Forsthaus und die Ritte mit dem Ohm in Wald und Dünen, die machten sie stark und fest und halfen über Trauer und Einsamkeit. Heute war sie in der Stadt gewesen, — irgend jemand sollte Weihnacht zu Gaste kommen, — „wird dir schon gefallen, netter, alter Bengel", — mehr hatte ter Ohm nicht gesagt,. und wann der alfo Beschriebene kommen sollte, wußte sie auch nicht. Aber jetzt, jetzt wußte sie es plötzlich ganz genau Hinter den grauweißen Feldern blitzte ein schmaler, heller Streifen unter dem Horizont. „Das ist die See," sagte der Offizier hastig und freudig erregt. Das Mädchen bejahte. , „ . , a „Kennen gnädiges Fräulein vielleicht Mellingen? Liegt cs Iveit vom Meere?" . „ , . .. „Man sieht vom Forsthaus auf den Strand," sagte sie mit verstecktem Lächeln. _ ny „O, gnädiges Fräulein sind tin Forsthaus bekannt?" „Ich wohne dort." — Da stand er auf. „Jrdingen. Ich bin ein Freund von Holleben," — — eine leichte Röte flog über ihr junges, schmales Gesicht, er sah ihr so forschend in die Augen,--„ich soll deutsche Weihnachten bei ihm feiern." .. . , ~. Die Röte ging nicht von ihren Wangen, als sie sagte: „Sie sollen uns willkommen sein."--- , Er war aus Afrika zurückgekehrt und es lag etwas von der heißen, flimmernden Sonne der Tropen in seinen brann- schwarzen Augen. Seine Stimme klang weich und gedämpft, wenn er zu ihr sprach, — so mußten die Palmen raunen in heißen Nächten. — ---Inge Holl eben fuhr kn Gast ihres Oheims selber, er sah dicht neben ihr aus dem zweisitzigen Schlitten. Sie horcht au'i feine Worte, die von den Wundern und Fahrmften des fernen Landes sprachen. Und höher reckte sie den blonden Kopf, — MEal, Kampf und Entbehrungen gab es da unten, — aber auch Siegerfreude und Soldatentreue bis in den Tod, Umb sie fühlte sich ganz eins mit ihm, als er so begeistert zu ryr redete, — sie war ja ein Svldatcnkind! — lieber der verschneiten Kiefernschonung lag das Helle Mondlicht. Still und weiß schlief Strand und Meer. Frische Salzluft kam herüber und verträumter Welleuklang. Nun wuchs der schwarze Hochwald heran. Irgendwo winkten stznsterlichter. MU Wingen und Scheuen flog das Gefährt den Hügel hinauf.. > Der Grog dampfte in den Gläsern. Im Ofen knockten die Buchenscheite. Faul reckten sich die Teckel im Feuerschein. Auf dem Sofa saßen die zwei Freunde, der eine grauhaarig wie eine alte Wettereiche, der andere voll frischen, jungen Lebens. Inge saß im bequemen Faullenzer vor ihnen, der langhaarige, gelbe Tyras als treuer Verehrer ihr zu Füßen gestreckt. Sie schält« Aepfel, knackte Nüsse auf und reichte alles mundgerecht den Herren. Jrdingen sah manchmal auf die flinken, kleinen Hände und dann wurde er verwirrt und mußte sich Mühe geben, vernünftig weiter zu erzählen. ■— Sie wollten ja so viel von ihm wissen! — Als er von seinen Zukuuftspläncn sprach, da wurde er ganz heiß, sein Gesicht strahlte in knabenhafter Begeisterung. „Alter, und wenn ich hier alle Verbindlichkeiten erledigt habe, mein bischen Mommon luftig ■ gemacht ist, dann heißts „marsch, wieder rüber!" Und Jochem nehme ich mit, eine Seele von Burschen, der verläßt mich nicht mehr. Tann koof ich mir ’n Stück Land und werd Bauer! Du sollst mal sehn, wie das flutscht! Arbeiten, die ganze .Kraft einfetzen, lum Ganzes zu gewinnen. Und dann ein eignes Haus und oben am Mast die Flagge schwarz-weiß-rot! Hurra! Prost!" Er hob sein Glas und seine Augen leuchteten zukunstsfroh. „Bist und bleibst der alte Aftikaner", knurrte der Forstmeister behaglich, „so hieß er schon als Junge, Inge; Kolonien, Kolonien, Farmen und fremde Länder, anderes hatte er kaum im Kopfe." — „ Fräulein Holleben saß ein wenig blaß, aber mit leuchtendem Gesicht. „Können Sie's verstehen?" fragte der Hauptmann. Sie nickte lebhaft und schlug die Hände ineinander. „Ich! beneide sie." — Und dann stand sie auf und holte den Atlas und er mußte ihr die Orte und Strecken zeigen, 'von denen er erzählt. Der Forstmeister tauschte mit seiner Nichte den Platz und schloß zufrieden die Augen, — bloß für ein Momentchen. Für die beiden Jungen aber versank die Forststube und das weiße Winterland. — die waren in fernen, fremden Welten. Jrdingen stand gebeugt Über seiner eifrigen Schülerin. Manchmal zuckte er hoch, — das Ivar, wenn er dem krausen Blondhaar Uwes Kopfes zu nahe kam und das sprühende Lampenlicht wie Gold daraus funkelte. Da setzte er eine Schulmeistermiene aus und bemühte sich, nur in den Atlas zu sehen. „Da, schauen Sie, hier! Hier ists. Schones Land noch gänzlich unbebaut, aber Wasser und Niederung. Gold steckt da Brin und in den Palmenwäldern; sündhaft viel Material, man muß nur die Verwertung lernen. Hier kann was werden. Hier, — ja das ist mein Sehnsuchtsland. Zu Fuß, zu Pferd, — in Wachen und Träumen hab' ich mich da gesehen. Nun soll s Wirklichkeit werden! Der Kaufpreis ist nicht zu hoch, ich kann s. —■ Den Tag, — ich zitterte — sag ich Ihnen, — ob's reichen wurde. Ich lag noch im Lazarett, Schuß durch die Schulter, gemeine Schmerzen — aber wie die Nachricht kam und ich sah — es geht —. da war ich glücklich, glücklich!"-- Raunende Töne kamen vom Lehnstuhl her, sie wuchsen und hallten und dröhnten. Erschreckt fuhren di« beiden hoch Jrdingen sah kn Freund, das Pfeifchen war ihm fortgeglitten und der Kops war ein wenig vornüber gefallen. „Er schläft, wahrhaftig er schläft." Und nun benahmen sich die zwei auf km Sofa sehr rücksichtsvoll, sie sprachen ganz leise und rührten sich kaum. Inge musste ihm jetzt erzählen, von ihrem Vater, von sich — nun war es Jrdingen, der hören wollte. — Aber nach und nach wurden sie stiller, — zuletzt stockte das Gespräch ganz. — Draußen flog der Schnee in dicken Flocken gegen die Scheiben. Im Oscn verglomm das Feuer. Rötlicher Schein umfponn alles, gebleichte Schädel und Geweihe an den Wänden Der Alte schnarchte und die Hunde rührten sich nicht, — die beiden auf dem Sofa saßen mit wunderlichen Träumen und wagten sich mcht anzufthen^r ^ng cg geheimnisvoll an zu zischen und zul brodeln. Inge stand auf, „unsere Bratäpfel!" und sie gingi iW dem bauchigen, grünen Kachelofen. — Da war der heimliche ^m'an eiscrner^Rüstung schlief der Strom. Rotgolden flimmerte des Wends sterbende Glut über dem stillen Wmterwald., Hoch über Wipfel und Uferhügel ragten schwarze Riesenkreuze in den winterlichen Himmel, die Masten und Rahen der un Hasen rastenden Schiffe Sacht wehten im Wink die Heimatswimpel Und weit, weit dehnte sich das Meer, weiße Schneeblumeufelder und schillernde Eisblöcke auf kn tragen Wogen. Gleißend und funkelnd flog das letzte Sonnenleuchten über die eisigen Walser. Von kr Hafenstadt klangen alle Glocken. Jrdingen und Inge ftankn auf der kleinen Molen. Sie waren in der Weihnachtspredigt gewesen. In kr Stadt wartete kr Forstmeister mit km Schlitten Krachend und donnernd schob sich von kr Landseite kt eilt schwarzes Ungetüm, dunkle Rauchzüge hingen über- dem Wasser. Ein Eisbrecher schleppte einen mächtigen Ozeanneien durch die von ihm geschaffene Fahrrinne. Gegen das User hin girrte» uni) knisterten die sich übcreiuandcrichiebcndeii bannen Elvschichtem Jrdingens Blicke folgten verloren km Dampfer, der jetzt allein das offene Meer gewarnt . . ., Da möchten Sie wohl schon wieder oben sitzen? sagt« Inge neckend, aber kr Don klang nicht ganz aufrichtig. 804 „Ja, ja, — «Ker, — ich, ich möchte," 8er Hauptmann brach Verlegen ab, „es ist eine Zumutung, nicht Mahr." — So endete er, eilt wenig unverständlich. ~ < r , , , Und nun verstummten ste alle beide und sahen dem Spiel der Möven zu, die mit leuchtenden, weißen Schwingen um den Molenkopf herumjagten. m „ „„ „Ehe Sie nach Afrika gingen, waren Sre da tn Berlin?" fragte sie plötzlich und unvermittelt. , „Ja," gab er erstaunt zurück, sie war tote atemlos. „An einem Frühlingstage, Unter den Linden, mn Schimmel vor einem Dogcart ging durch, — Sie fielen dem Tier ut die flcf —— —z/ „Ja, aber, wie ist es möglich, woher wissen Sie —" „Tie Dame auf dem Wagen — das war ich!" Eine kleine Pause trat ein, dann sagte der Hauptmann leise: „Ich hatte es eigentlich ganz vergessen, — aber nun! Wie Mich das froh macht, daß» Sie es gerade sind!" „Ich muß Ihnen doch danken--" „O, Sie mir danken —" uiid er beugte sich und küßte ihre k^er Schlitten flog durch die Stadt zurück. Hinter 'den meisten Fenstern brannten schon die Christbäume. Aus manchem Hause Rangen Weihnachtslieder. „Das hast du draußen nicht, Afrikaner," sagte der Forst- tneifter, der mit dem Jägerburschen auf dem Bock saß. „Nein, das hab' ich nicht," Jrdingens Stimme klang heiser, die Farbe ging ein wenig aus seinem Gesicht.. „Aber Sie gehen doch und werden glücklich sein! Inge Holleben sah ihn mit ehrlichen, mutigen Augen an. „Ja. ja, recht haben Sie, recht! Und Weihnachtsbäume und Wepfel kann man sich da unten auch beschaffen —" seine Stimme war wieder ganz hell. , , „Und wer zufrieden ist, der singt auch bet der Arbeit Und schaffen." „Gewiß, gewiß", so nickte er mit frohem Gesicht. „Deutsche Lieder, Weihnachtslieder; die Heimat ist dä, tvo man sie halten kann. Wissen Sie, der Jochem hat auch 'ne stramme Stimme. Jochem wird Ihnen schon gefallen. — Ja, wenn ich so denke, Fräulein Inge — Sie und ich uiid Jochem, die treue Seele, — du Herrgott, das ist ja biet ßu schön, viel, viel" — — „Hurra!" sagte der alte Forstmeister ganz laut „nach dem Karpfen spendier' ich 'ne Pulle Sekt!" vermischtes. — Weihnachten in den Sprachen. ®ie „stille heilige Nacht", in der Christus geboren wurde, hat bei uns dem Feste den Namen gegeben. Nicht bei allen Deutschen, denn die Leute an der Wasserkante, vor allem die Friesen, haben den Namen des vordem um die Jahreswende gefeierten heidnischen Festes bet» behalten: Jul. Julin heißt eine Nacht durchschwelgen. Das Wort „weihen" war den Friesen nur in der Bedeutung „trauen" (am Altar) bekannt, weid heißt getraut, vermählt. Bon den Friesen übernahmen das Wort Jul die Dänen, es hat mit dem däupchen Worte hjul (Rad) nichts zu tun, wie man früher vielfach annahm. In den ältesten Zeiten Englands gebrauchte man das gleiche Wort, schrieb es aber ziemlich willkürlich gehul, geol, auch hüll. ^etzt sagt man drüben Christinas, d. h. Christfeier; ähnlich spreckjen die Holländer von Kersmis. Ganz merkwürdig ist, daß nur die germanischen Völker, also auch die Schweden, mit ihrem jul auf die Feier und Weihe des' Tages Hinweisen, die romanischen aber sich mit dem kahlen Namen „Geburtstag" begnügen. Die Franzosen sprechen von noöl, das aus dem lateinischen natalis verdorben ist, die Italiener von natale, die Spanier von navidad pnd die Bretonen von deiz nedelec, d. i. dies natalis. * St. Johannis Minnetrinken. Einem seltsamen Weihnachtsbrauch, der Weinbenediktion, auch vielfach „Sankt Johannis Minnetrinken" genannt, wird noch vielfach in katholischen Gegenden am dritten Weihnachtsseiertage gehuldigt. Entweder wird nur eine Weinsegnung vorgenommeu, indem die Angehörigen der Gemeinde Wein in die Kirche bringen, der vom Geistlichen gesegnet wird; oder es wird in der Kirche der Gemeinde Wein gespendet, der entweder zu diesem Zweck von der Kirche gestellt oder von den Wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde vorher eingebracht wird. Nach der Legende hat nämlich der Apostel Johannes in Ephesus zum Zeichen, daß Gott der wahre Gott sei, einen Giftbecher mit dem Kreuzeszeichen gesegnet und dann ohne Schaden getrunken. 'Er.wird auch oftmals dargestellt mit dem Kelch in der Hand, aus dem eine Viper herausschaut, der der Apostel zur Abwehr das Kreuz entgegenhält. Diesem zur Erinnerung, — Minne bedeutete im früheren Mittelalter nichts anderes als Erinnerung und Andenken, und bekam erst im späteren Mittelalter die Bedeutung Siebe und Frauendienst, — findet jenes Trinken gesegneten Weines statt, das schon nachweislich zu Karls des Großen Zeiten in den Kirchen an dem Gedächtnistage des Evangelisten Johannes, dem dritten Weihnachtsfeiertage, aus- geführt wurde. Auch Luther spricht von dem Brauch, und der markgräflich brandenburgische Archivar Spieß erwähnt eine Urkunde vom Jahre 1484 aus dem Passenburger Archiv, die lautet: „Item 5 gülden und 19 gr. p., die schicke ich gehn S. Pete« gein Schönproun, das man davon alle iar ierlich und zu ewigen Zeiten schicke und bestelle Wein daselbst zum Gotzhawß an s. Jo- hannestag zu Weyhnachteu, so man dem volck pflegt auß deut kelch sannd Johannes wepuns zu geben." Ein bekanntes Bauerw- wort heißt auch: „An St. .Johannissegen ist alles gelegen, da! er kann aus Kräutern Gold und das Gift unschädlich machen." Weihnachts-Preisrätsel für die Jugend. Wie in früheren Jahren hüben wir unseren junges Lesern auch diesmal eine besondere Freude für die Weihnachtstage Vorbehalten, indem wir wiederum ein Preis-! rätsel ausschreiben, an dessen Lösung sich alle unsere jungen Freunde beteiligen können. Das Umstellrätsel mit seinen spaßhaften Schwierigkeiten hat euch ja eine besondere Freude bereitet und ihr sollt deshalb auch diesmal ein Rätsel zu lösen bekommen, an dem ihr euere Helle Freude haben sollt. Ms Preise haben wir wieder eine Anzahl hübscher Geschenke ausgewählt, die euch sicher viel Vergnügen bereiten werden. Die Lösungen sind bis zum 2. Januar, abends 6 Uhr, an die Schriftleitung der Gießener Familienblätter einzuq senden und müssen auch die deutliche Wohnungsangabe enthalten. Christbaum-Rätsel. Der Stamm des Baumes und alt freudig begrüßt wird. In die Felder nebenstehender Chnstbaumrigur sind die Buchstaben aaa, ce, ddd, eeee e e, g, h h, i i i, k, 1 1 1 1 1 1, n n n n, o o, p, rrrrrr, es s, t t t t, u in der Weife einju« tragen, daß die einzelnen Reiben, von oben angefangen, lolgendeS bedeuten: 1. Einen Körperteil. 2. Dient zur Unterhaltung. 1 3. Mädchenname. J 4. Wird zur Winterszeit gerne benützt. 5. Mexikanische Silbermünze. 6. Ist bei Weihnachtsbescherungen zu finden. bezeichnet etwas, was von jung Weihnachts-Rätsel. Mein erstes redet dir von Feiern Bald ernster, bald auch heitrer Art, Doch mußt du, soll's am End gedeihen, Gleich streichen, was zum Schliiß ihm ivard. Mein zweites sagt von dunkler Zeit dir, Gar mmiches birgtS in seinem Schoß. Heut ist's was Schönes, hoch Erhabnes, Mög' es noch vielen werden groß! Doch soll die Lösung recht gelingen, So füge jetzt ein Zeichen bei. Wirst merken, daß, soll's richtig klingen, Die Ford'rung unerläßlich sei. Das dritte kannst tut immer sehen, Im Herbst und Frühling, allezeit. Siehst du's im schönsten Schmucke stehen, Ist sicherlich dein Herz erfreut. Das Ganze nun, was wirds wohl künden? Nickt jung, noch alt sich's nehmen läßt. Möcht jedes unter ihm heut finden Ein frohes, sel'ges Weihnachtsfest l Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Sauerbraten. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdrlick und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.