Donnerstag den 23. November ^uf.^_H?göri~gTgäs^n «A B B8IWI Äjggg !B3W ti MWH WMAMW MMM Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) lieber ihr festes, massives Gesicht flog eilte schnelle Röte, und ihre Hände blieben plötzlich still liegen, was einen kommenden Zornausbruch anzudeuten schi n, in welchem sie sich vergessen mochte. Aber sie bemeisterte ihre aufsteiaende Wut, lehnte sich in ihrem Sessel zurück, verschränkte ihre Arme über ihrer breiten Brust und sah mir so mit einem Lächeln grimmigen Spottes auf den dicken» Lippen fester wie zuvor ins Gesicht. Ah! jetzt fange ich an, alles zu verstehen, sagte |te, indem sich ihr gezähmter und gut verhaltener Zorn bloß in dem gekünstelten (Spotte ihres Tones und Benehmens verriet. Sie hegen einen persönlichen Groll gegen Sir Pereival Glhde — und ich soll Ihnen helfen, ihn an ihm auszulassen. — Sie lachte vor sich hin — ein hartes, rauhes, zorniges Lachen. Ich kam her, entgegnete ich, weil, wie ich bestimmt weiß, Sir Pereival Ihr Feind ebensowohl ist als der meinige. Won allen Frauen in England sollten Sie, falls Sie sich im geringsten das Ihnen zugefügte Unrecht vergegenwärtigen, die Frau sein, die mir beistände, jetten Mann zugrunde zu richten. Richten Sie ihn selbst zugrunde, sagte sie, und dann kommen Sie wieder her und hören, was ich Ihnen sagen werde. — Sie sprach diese Worte, wie sie bisher noch nicht gesprochen hatte — schnell, zornig, rachesüchtig. Sie fürchten sich vor Sir Pereival Glhde, bemerkte ich. Meinen Sie? — Die Röte stieg ihr ins Gesicht, und ihre Hände fingen wieder an, ihr Kleid zu glätten. Sir Pereival nimmt in der Welt eine hohe Stellung ein, fuhr ich fort; es wäre daher nicht zu verwundern, wenn Sie ihn fürchteten. Sir Pereival ist ein mächtiger Mann — ein Baronet — Besitzer eines schönen Landsitzes — Abkömmling einer hohen Familie — Sie setzte mich über alle Beschreibung in Erstaunen, indem sie plötzlich laut auflachte. Ja, wiederholte sie int Tone der bittersten, unerschütterlichsten Verachtung; ein Baronet — Besitzer eines schönen Landsitzes — Abkömmling einer hohen Familie. Ja, versteht sich! Eine hohe Familie — namentlich von lltiittPTfi fhpr föpitp — Es war keine Zeit, die Worte zu überlegen, welche sie sich hatte entschlüpfen lassen, sondern nur zu fühlen, daß sie wohl überlegt zu werden verdienten, sobald ich das Haus Verlassen. Ich bin nicht hier, um über Familienfragen mit Ihnen zu streiten, sagte ich. Ich weiß nichts von Sir Percivals Mutter — Und ebensowenig über Sir Pereival selbst, unterbrach sie mich spitz. Ich rate Ihnen, dessen nicht zu sicher zu sein, entgegnete ich. Ich weiß einige Dinge über ihn — und habe ihn wegen vieler anderer int Verdachte. Worüber haben Sie ihn im Verdacht? ' Ich will Ihnen sagen, worüber ich ihn n i ch t im Verdacht habe. Ich habe ihn nicht im Verdacht, Annas Vater zu sein — Sie sprang aus und trat mit einem Blicke der Wut auf mich zu. > Wie können Sie sich unterstehen, über Annas Vater zu mir zu sprechen! Wie können Sie es wagen, zu sagen, wer Annas Vater war, und wer nicht! rief sie mit vor Wut bebenden Lippen und bebender Stimme aus. Das Geheimnis zwischen Ihnen und Sir Pereival ist nicht jenes Geheimnis, fuhr ich beharrlich fort. Sie tat einen Schritt rückwärts. Hinaus! sagte sie und deutete auf die Tür. Es war kein Gedanke an das Kind weder in Ihrem Herzen noch in dem feinigen, fuhr ich fort, entschlossen, sie zu ihrer letzten Zuflucht zu treiben; keine Bande sündhafter Liebe waren zwischen Ihnen und ihm, als Sie jene verstohlenen Zusammenkünfte hielten, wo Ihr Mann Sie vor der Sakristei der Kirche .... Ihre Hand fiel plötzlich art ihrer Seite herab, und die tiefe Röte des Zornes wich aus ihrem Gesicht, während ich sprach. Ich sah die Veränderung, die in ihr vor ging, ich sah das harte, feste, furchtlose, gefaßte Weib vor einem Schrecken erzittern, dem zu widerstehen ihre äußerste Entschlossenheit nicht imstande war, als ich jene vier letztes Worte — „der Sakristei der Kirche" — sagte. Eine Minute lang etwa standen wir beiden und blickten einander schweigend an. ' Weigern Sie sich noch immer, mir zu trauen? sagte ich nunmehr. Sie hatte ihre trotzige Fassung wiedergefunden, gls sie mir antwortete. Ja, ich weigere mich, sagte sie. Wünschen Sie noch immer, daß ich gehe? Ja. Gehen Sie — und kommen Sie niemals wieder. — Ich ging zur Tür, zögerte einen Augenblick, ehe ich sie öffnete, und wandte mich dann nochmals zu ihr um. Ich mag Ihnen Nachrichten über Sir Pereival zu bringen haben, auf welche Sie nicht vorbereitet sind, sagte ich, nn-d in diesem Falle werde ich wiederkommen. Es gibt keine Nachrichten über Sir Pereival, auf die ich nicht vorbereitet wäre, ausgenommen--- Sie hielt inne; ihr bleiches Gesicht wurde finster, und sie schlich mit leisen, heimlichen, katzenartigen Schrittest an ihren Platz zurück. Ausgenommen die Nachricht seines Todes', sagte sie, falbem sie sich Wieder setzte, während ein höhnisches Lächeln um ihre grausamen Lippen zuckte, und das heimliche Licht des Hasses tief in ihren bösen Augen lauerte. IX. Ich verließ das Haus, indem ich fühlte, daß Mrs. Catherick mir wider Willen einen Schritt weiter geholfen. Ehe ich noch an die Ecke des Platzes kam, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine sich hinter mir schließende Tür erweckt. Ich blickte zurück und sah auf der Türschwelle des Hauses, das Mrs. Cathericks Wohnung gerade gegenüber stand, einen kleinen Wann in schwarzer Kleidung stehen. Er ging schnellen Schrittes der Ecke zu, an der ich stille stand. Ich erkannte ihn als den Advokatenschreiber, der mir nach Blackwater Park vorausgereist war. Ich wartete, wo ich stand, um zu sehen, ob er diesmal mit mir anfangen werde. Zu meinem Erstaunen ging er K vorbei, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne mir selbst esicht zu sehen. Der Zug war im Begriffe abzufahren, und zwei oder drei Passagiere, welche spät iamen, drängten sich um die kleine Oeffnung, durch welche die Billette aus gegeben wurden. Ich trat zu ihnen heran und hörte den kleinen Advokatenschreiber ganz deutlich ein Billett nach der Station Blackwater fordern. Ich ging nicht eher fort, als bis ich mich überzeugt hatte, daß er wirklich mit dem Zuge abgefahren fei. Ohne Zweifel hatte er sich auf Sir Percivals Befehl dicht bei Mrs. Cathericks Wohnung eingemietet. Der Abend brach herein, als ich die Station verließ. Es war wenig Hoffnung vorhanden, daß meine Nachforschungen nach Dunkelwerden in einer mir fremden Gegend von Nutzen gewesen wären. Demzufolge begab ich mich nach dem nächsten Gasthofe und bestellte mein Mittagsmahl und mein Zimmer. Darauf schrieb ich an Marianne, um ihr zu sagen, daß ich wohl und in Sicherheit sei und Aussichten auf Erfolg habe. Ich hatte sie beim Wschiede gebeten, ihren ersten Bries (welchen ich am nächsten Morgen erwartete) nach „Welmingham postlagernd" zu adressieren, und ersuchte sie jetzt, es mit dem nächsten ebenso zu machen. Ich konnte mir, falls ich zufälligerweise zur Zeit der Ankunft der Post abwesend sein sollte, leicht den Brief durch den Postmeister nachschicken lassen. Ehe ich mich zur Ruhe begab, hatte ich meine merkwürdige Unterredung mit Mrs. Catherick von Anfang bis zu Ende aufmerksam durchdacht und mir mit Muße die Schlüsse vergegenwärtigt, die ich vorhin nur in Eile hatte ziehen können. Als Mrs. Clements mir zum ersten Male die Sakristei der Kirche als den Ort nannte, welchen Sir Percival sich zu seinen heimlichen Zusammenkünften mit der Frau des Küsters gewählt, war es mir bereits aufgesatlen, welch ein sonderbarer und unbegreiflicher Ort eine Sakristei zu diesem Zwecke sei. Durch diesen Eindruck getrieben — und durch nichts anderes — hatte ich der „Sakristei der Kirche" aufs Geradewohl hin vor Mrs. Catherick Erwähnung getan; es war dies einer der unbedeutenderen Punkte der Geschichte, welche mir während des Sprechens einfielen. Ich war darauf vorbereitet, daß sie mir zornig oder verwirrt antworten werde; aber der entsetzensvolle Schrecken, welcher sie erfaßte, als ich die Worte aussprach, überraschte mich im höchsten Grade. Ich hatte Sir Percivals Geheimnis längst mit der Verheimlichung eines ernsten Verbrechens in Verbindung gebracht, um welches Mrs. Catherick wußte — aber ich war in meinen Vermutungen nicht weiter gegangen. Des Weibes Paroxismus von Schreck aber brachte dies Verbrechen jetzt — entweder direkt oder indirekt — mit der Sakristei in Verbindung und überzeugte mich, daß sie nicht allein Zeuge, sondern sogar ohne allen Zweifel eine Mitschuldige gewesen war. Welcher Art war das Verbrechen gewesen? Es mußte sicher eine verächtliche Seite sowohl als eine gefährliche haben, -sonst hätte Mrs. Catherick meine Worte in bezug auf Sir Percivals Rang und Macht nicht mit so auffallender Verachtung wiederholt. Es war also ein verächtliches sowohl als ein gefährliches Verbrechen, und sie hatte teil daran genommen, und es hatte mit der Sakristei der Kirche zu tun. Der nächste Punkt, den ich zu überlegen hatte, führte mich noch einen Sck)ritt weiter. Mrs. Cathericks unverhohlene Verachtung für Sir Per- cival erstreckte sich offenbar auch auf seine Mutter. Dafür schienen mir nur zwei Erklärungen möglich. Entweder war seine Mutter von niederer Herkunft, oder ihr Rus war nicht rein gewesen, und Sir Percival und Mrs. Ea- therick teilten das Geheimnis hierüber. Ich tonnte mir darüber nur Auskunft verschaffen, indem ich im Kirchenbuche ihr Heiratszeugnis aufsuchte und mich so über ihren Mädchennamen und ihre Verwandtschaft unterrichtete, als Einleitung zu ferneren Nachfragen. Dagegen, falls der zweite angenommene Fall der wahre gewesen, welcher Art war da der Flecken auf ihrem Rufe? Indem ich mich an das erinnerte, was Marianne mir über Sir Percivals Vater und Mutter und über deren ungesellige, verdächtig abgeschlossene Lebensweise erzählt hatte, frag ich mich jetzt, ob es nicht möglich sei, daß seine-Mutter am Ende gar nicht verheiratet gewesen. Hier wieder konnte das Kirchenbuch durch ein geschriebenes Zertifikat der Heirat mir wenigstens beweisen, daß dieser Verdacht ein unbegründeter war. Wo aber dieses §lirchenbuch finden? Bei diesem Punkte nahm ich die Schlüsse wieder auf, zu denen ich bereits vorher gekommen, und derselbe Gedanlengang, welcher die Lokalität des verborgenen Verbrechens entdeckt hatte, brachte jetzt das Kirchenbuch in die Sakristei der Kirche zu Altw-elmingham. Dies waren die Erfolge meiner Unterredung mit Mrs. Catherick und die verschiedenen Betrachtungen, die alle gerade an einem Punkte zusammenlaufeiid mir mein für den nächsten Tag zu beobachtendes Verfahren vorzeichneten. Der Morgen war trübe und wolkig, doch ohne Regen. Ich ließ meine Reisetasche im Gasthofe zurück, und nachdem ich mich nach dem Wege erkundigt, ging ich zu Fuße nach der Kirche zu Altw-elmingham. Es war dies ein Spaziergang von etwas mehr als zwei Meilen auf fortwährend allmählich bergan gehendem Boden. Auf dem höchsten Punkte stand die Kirche — ein alt"s verwittertes Gebäude mit schwerfälligen Formen und inem großen viereckigen Turme. Die Sacristci au oer tzint.r- seite war aus der Kirche heransgebaut und schien dasselbe Alter zu haben. Rund um die Kirche her sah mau die Ueberbleibsel des Dorfes, in dem, wie Mrs. Clements mir erzählt, ihr Mann früher gewohnt und das die bedeutendsten Einwohner längst verlassen halten, um nach der neuen Stadt zu ziehen. Als ich mich von der Hinterseite der Kirche abwaudte und au einigen der abgerissenen Häuschen vorbmging, um mir jemanden zu suchen, der mir sagen könnte, wo ia) den Küster finden würde, erblickte ich zwei Männer, welche hinter einer Mauer herumkamen und mir nachging n. Der größere von ihnen — ein stämmiger, muskulöser Mensch in der Kleidung eines Wildwärters — war mir fremd. Der andere aber war einer von den beiden Mannern, die mir an dem Tage, wo ich Mr. Kyrles Bureau verließ, gefolgt waren. Ich hatte ihn mir damals besonders gemerkt und war deshalb jetzt über seine Identität vollkommen sicher. Weder er noch sein Begleiter versuchten, mit mir zu sprechen, und beide hielten sich in achtungsvoller Ent- fernurig; doch war der Zweck ihrer Aiiwesenhcit in der Nähe der Kirche klar in die Augen fallend. Ich ging weiter, von der Kirche fort, bis ich bei einem der bewohnten Häuser anlangte, an das sich ein Stückchen Kücherigarten schloß, in welchem ein Mann bei der Arbeit war. Er gab mir den Weg nach der Küsterwohnung an, die ich ganz allein am äußersten Ende des verlassenen Dorfes fand. Der Küster war ein alter geschwätziger Wann, der mich in die Sakristei führte. Dort entnahm er aus meinen Wunsch einem alten baufälligen Schrank das Kirchenbuch, das bis zum Jahre 1804 reichte. Wird das als ein hinreichend sicherer Platz für das Kirchenbuch angesehen? frag ich. Mich dünkt, ein Buch von solcher Wichtigkeit sollte doch durch ein besseres Schloß und in einer eisernen Kiste verwahrt werden l (Fortsetzung folgt.) Thomas Wallbotts Familienleben, vrantsahrt und Hochzeit. Bon Gg. Schäfer. (Fortsetzung aus Nr. 182.) Als das Flcischmännchen mit seinem Weibchen und Len ansehnlichen Gaben in die Spinnstube zurückkamen, wurden sie mit — 73b — Nroßem Jubel empfangen. Dann hieß es: „Fran Bürgermeisterin, Noch ein paar Rätsel! sie sind so unterhaltsam wie die Lieder." „Gewiß sind sie es," antwortete Frau Wallbott. „Unser Pfarrer Eckhardt erklärte mir: Schon vor Jahrtausenden gaben sich die Könige und Helden Rätsel auf. Simson den Philistern, die Königin von Saba dem König Salomo, das wißt ihr aus der Biblischen Geschichte. Aber auch andere Völker gaben Rätsel auf, besonders unsere Vorfahren, vor tausend und zweitausend Jahren. Gerade bei uns im Vogelsberg finden sich viele Rätsel, Lieder, Märchen und Sagen, weil sich keine fremden Eroberer herein-- wagten und unsere Eigenart verdarben. So lehrte mich unser lieber, alter Pfarrer. Er wünscht: ihr sollt sammeln, hört ihr! And er will alles aufschreiben." „Wir wollen es tun, aber noch ein paar Rätsel!" baten die Mädchen. Frau Wallbott fragte: „Hat keine von euch etwas?" 1. „Was hat vier Ohren, aber keine Beine?" gab Thomas Wallbott auf. (Der Backtrog.) 2. „Wer hat das größte Schnupftuch?" fragte ein Mädchen. (Der Hahn, er putzt seine Nase auf dem Erdball ab.) 3. „Wer geht auf dem Kopf die Treppe hinauf?" (Der Schuhnagel.) 4. „Welches sind die gcschmiegelsten Burschen in Rothenbühl?" (Die Haushähne, sie tragen ihre Kämme stets bei sich.) 5. Was ist für ein Unterschied zwischen dem Rainröder Kirchturm und einer Rothenbühlcr Pelzkappe?" (Ein sehr großer.) 6. „Was hat eine Mühle mit einer Braut gemeinschaftlich?" (Es fehlt immer etwas bei jeder.) 7. „Wer geht unaufhörlich fort und kommt doch nicht vvm Fleck?" gab Frau Wallbott auf. (Me Wanduhr.) Alle Rätsel, die nicht sogleich geraten wurden, sollten in nächster Woche noch einmal vorgebracht werden. Beim Hin- und Herreden brach dem Bärbelchcn Richm der Faden, der in die Spule schlüpfte. Schwabb! nahm Fritz Henkel den Rocken weg. Bärbelchen mußte ihn durch einen Kuß lösen: es wehrt«! sich anfangs., „Füge dich Bärbelchcn," sprach Frau Wallbott, „einen Kuß in Ehren, soll niemand wehren und hier gilt Spinnerrecht." Der Kuß wurde gegeben. Dieser Ausspruch und der Kuß ermutigten Karl Schneider, mit dem Beinamen „der Ticke". Er ruckte nahe an Lieschen Hörth heran und fragte: „Darf ich dir die Ahnen*) schütteln?" Lieschen antwortete: Geh mir weg du grober Kittel, Du sollst mir nit die Ahnen schütteln.. Meine Ahnen hangen fest, Und warten noch auf andre Gäst. Schneiders Karl zog vergrämt ab; er drückte sich in die äußerste Ecke der Stube und schlief nach einiger Zeit ein. Er hätte Lieschen einen Kuß geben dürfen, wenn die das Ahncnschütteln erlaubt hätte. Beim Abschieünehmen versprachen Mädchen und Burschen, sie wollten sich bemühen, nicht bloß Lieder, sondern auch Rätsel, Sagen und Märchen zu sammeln, ivcU sie ebenso unterhaltsam wie die Lieder seien. Aus Samstag wird nicht gesponnen, also findet auch keine Spinnstube statt. Vor Sonnenuntergang werden Räder und Haspel in die Oberstube oder auf den Speicher gebracht, wo die Gerätschaften bis zum Montag verbleiben. Ganz besonders wird darauf gesehen, daß Rad, Haspel, Spule, Flachs oder Wolle aus den Wohn- und Schlafräumen entfernt werden. Leicht Kumte Frau Holle in diese Sachen fahren; sie würde eine solche Wirrnis' anrichten, daß die Spinnerinnen eine Woche brauchten, um alles wieder in Ordnung zu bringen. An anderen Orten heißt es: Wenn mit den Spinngeräten und -Stoffen nicht richtig aufgeräumt wird, macht der Teufel sein Spiel: er dreht einen Strick aus den Fäden, der die Familie ins Unglück reißt. Bor Fastnacht muß der Rocken unter allen Umständen vollständig abgesponnen werden. Der Samstag wird noch dadurch ausgezeichnet, daß die Straßen gekehrt und die Wochenarbeiten schon am Nachmittag unterbrochen werden. Dafür fängt man die Wochenarbeiten aber auch schon am Spätnachmittag des Sonntags an, um für den Montag gerüstet zu sein. „Heute ist dein Namenstag, Thöms, und morgen ist Scheidabend. Wir wollen ihn doch halten, wie es Brauch und Sitte ist, obgleich kein Gesind bei uns abwandert," sprach Frau Regine bei der Morgensuppe. „Recht, Frau, alte Sitten und Gewohnheiten muß man Hoch- Halten: tue was dir gefüllt, du hast das Kommando im Hause," erwiderte Wallbott. „Tie Namenstage sind bei uns Nebensache," sagte Thomas; „wo mögen die Gebräuche beim Scheidabend Herkommen? Ihr wißt es gewiß, oder könnt es leicht beim Pfarrer erfragen." „Pfarrer Eckhardt behauptet: diese Gebräuche seien uralt, sie kämen schon zu Christe Zeiten bei Heidttischen Völkern und bei unseren deutschen Urvätern vor. Die fremden Eroberer haben *) Ahnen sind kleine Teilchen Ripschen, am Flachs, die beim Spinnen auf die Schürze der Spinnerin fallen. stch me in unseren Vogelsberg gewagt, darum haben sich Märchen, Sagen, Sitten und Gebräuche gut bei uns erhalten. Um den Dezember schcrden sich Licht und Finsternis, tiefer kann di« wonne nicht hrnabgehen; sie steigt nach zwölf Nächten wieder empor. Dre Zeit vom 24. Dezember bis zum 6. Januar war owohl den alten Deutschen, als auch vielen heidnischen Völkern 24. Dezember ist Christus, das geistige Licht der Welt, erschienen," erklärte Frau Wallbott. „Regine, du bist ein kleiner Professor, du liest mehr Bücher als mancher Lehrer, du hast einen behaltsamen Kopf. Aber warum dass m den zwölf Nächten nicht gesponnen werden? warum müssen die Räder weg? Warum werden Bretzeln, Puppen und Tiergestalten gebacken?" fragte der Bürgermeister. „Dein Vater, der alte Revierförster Brühl, war auch ein Spintisierer, du hast es von ihm geerbt." .. '<®*e Spinnräder müssen in den 12 dunklen Nächten aus den nämlichen Gründen fort, aus denen sie über Sonntag beiseite müssen: Damit der Teufel kein Unheil anrichten könne. Alles was rund ist, wird über Seite getan. Das Backwerk soll an die heidnischen Opfergaben erinnern. Die Bretzeln sind zwei an- nnander gereihte Ringe, die an den Jahresring erinnern. Als Christus geboren wurde, soll ein Stern erschienen sein, der alle anderen Sterne überstrahlte. Biele Völker feiern di« dunkle Zeit und das Wiedererwachen des Lichts, das ist ein Freudenfest, es wird bei uns durch den Lichterbanm noch besonders hervorgehoben." „Aber der Scheidabend und die umgekehrte Weise zivischen Dienstleuten uird Herrschaft, Mutter? Wie ist es zu erklären?" „Das Gesinde sitzt am Tisch, läßt sich Essen und Trinken gut schmecken und wird von der Herrschaft bedient. Tas ist doch ein Freudenfest für das Gesinde!" „Es macht mir wirklich auch Vergnügen, die Leute zu bedienen, Mutter!" „Mir auch!" fielen beide Eltern ein. „Seht ihr! Auf diese Weise wird der Scheid abend nicht zuiN Leid abend. Das Gesinde: Knecht und Magd, darf alles, was es an diesem Tage und durch die ganze Nacht bis zum anderen Morgen spinnt, für sich behalten. Dieser uralte, schöne Gebrauch findet sich fast nur noch bei uns. Daß der Tag auch ein lustiger Tag sein soll, wird dadurch bewiesen, daß sich die jungen Burschen als Schimmelreiter, als Bären und andere Tiergestalten verkleiden, sich die Gesichter schwärzen, große Flachsbärte anlegen und sonstige Späße machen," fügte Frau Wallbott hinzu. „Ein sck)öner Brauch bei uns ist noch der, daß der Hem! dem scheidenden Knecht einen Laib Brot und eine Wurst mitgibt. Die Kameraden oder Kamerädinnen der Abwandernden nehmen die Kiste oder das Bündel des Scheidenden und singen, wenn es ein Knecht ist: Nun adjees, ihr lieben Brüder, Will denn keiner mitmarschieren. Ich muß reisen meine Straßen, Miß mein Schatz ei’m anderen lassen. Das macht mir das Herz so schwer. Glaub', ich seh dich nimmermehr. Die Kamerädinnen der Mägde singen: „Wenn nun ein' als Magd muß bienen,- Die muß haben viel Geduld: Sie darf sich zu nichts erkühnen. Sie muß haü'n an allem schn.d. Ob sie gleich tut was sie kann Ihr Herr ist stets ein strenger Mann." „Wir wollen an diesen Gebräuchen nichts ändern," sprach der Bürgermeister. — Das Gesinde aß früher und lvohl auch jetzt noch mit dev Dienstherrschaft an dem nämlichen Tische: es. wurde als Familienmitglied angesehen. (Fortsetzung folgt.) Iunggesellensteuern. Die Tatsache, daß der Landtag des Fürstentums Renß soeben einen Antrag angenommen hat, wonach steuerpflichtige Personen beider Geschlechter, die das dreißigste Lebensjabr überschritten hoben und ledig gebtieben sind, eine I Nicht luierheblicbeu Steuerzuschlag zu zahlen haben, beweist, daß die Idee der Jungge efieufteuer nicht mehr mir ein drohendes Gespenst ist, sondern lebendige Gestalt zu geivinnen beginnt. Bon der Gedankenwlge ausgehend, daß der Ehelose lein Einkommen allein für sich verbrauchen kann und nicht gehalten ist, es zum Unterhalt einer Familie zu verwenden, im Taseinskampse also günstiger gesteckt ist und eine höhere Pesteuerung leicht ertragen kann, bereitet auch Oldenburg einen Gesetzentwurf vor, ivonach unverheiratete Personen im Alter von mehr als 30 und weniger als 50 Jahren, falls sie ein Einkommen von mehr als 4200 Mark besitzen, zu den Gemeindeabgaben mit einem Zuschlag von 10 Prozent herangezogen werden sollen. Dieser bis jetzt allerdings noch nicht zur Tat gewordene Fiskalismus steht jedoch in der Gegenwart keineswegs vereinzelt da. In Großbritannien besteuerte man in der Regierungszeit König Wilhelms III. (16<9 bis 1702) uno der Königin Anna (1702—1< 14) jeden ledigen Ma in im Herzogsrang, sobald er das Aller von 25 Jahren uber'chntien mit 12 Sovereigns (240 Mark) und alle ai,deren Junggesellen mit 736 je 1 Schilling (1 Mark) pro Jahr. Eine Junggesellensteuer von wahrhaft rigoroler Strenge besitzt seit dein Jahre 1U07 die Republik Argentinien. Dort Haden ledige Männer im Alter von 20 bis 3 ) Jahren jährlich 26 Mark Junggejellensleuer zu entrichten, Für die Jahresklaffen von 30 bis 35 steigt der Steuerbetrag aus 50 um dann plötzlich aus 120 Mk. hinauszuschrtellen, die auch dem ge° beugten Greste bis zum Alter von 75 Jahren abgenommen werden, worauf eine Ermäßigung auf die Hallte eintritt. Tie Steuer ist so konsequent als Strale für das Unbeweibtsein ersonnen, daß sie auch von dein zum Witwer gewordenen auls neue erhoben wird, wenn er sich nicht innerhalb einer dreijährigen, vom Tode seiner Frau laufenden Frist wieder verheiratet. Bekanntlich ist auch Serbien, von seiner chronischen Geldknappheit getrieben, vor Jahresfrist mit de>n Plane einer Junggefellensteuer hervorgetreten, und in Maffachu- setts steht ein Entwurf zur Beratung, wonach jeder ledige Mann im Alter von inehr als 24 Jahren mit einer Jahressteuer von 5 Dollar belastet werden soll. Auch in Paraguay trägt man sich mit dem Gedanken, die Ehelosigkeit unter eine Jahresstraie von 5 Pesos (20 Mk<> zu stellen. Alle bisherigen Junggesellensteuern sind entweder schon im Projekt oder nach nur kurzer Lebensdauer daran gescheitert, dass die Steuer nicht dem Einkommen entsprechend abgesluit würbe und daß man nicht aui das erzwungene Junggesellentum derer Rücksicht nahm, die sich aus rein sittlichen Beweggründen, z. B. um arme Eltern und Geschwiüer ausgiebig zu unterstützen, zur Ehelosigkeit entschlossen. Auch ein Anwachsen der Bevölkerungszahl ist ebensowenig dadurch erreicht worden, wie die Hebung der bei zunehmender Ehelosigkeit vergällenden Sitten. Dies galt besonders auch von jener ältesten und am meisten bekannt geworbenen Junggesellensteuer, ber lex Papia Poppaea, bie unter Kaiser Augustus über die Quinten verhängt würbe. Als sie im Senat eingebracht würbe, kam es in Rom beinahe zur Revolutioir, uirb als sie etliche Jahre später mit Milderungen dennoch Gesetz würbe, rechneten sich bie greisen Jünglinge und jugendlichen Grerse der ewigen Stadt aus, daß selbst eine sehr hohe Junggesellensteuer den Geldderitel noch immer weniger belaste als der Unterhalt einer mondänen Frari. Eirr Exempel, das auch heut noch stimmen dürste. -------------- Vermißtes. kk. Neuyork als nr a g ne t i s cher Pol. Neuyork entwickelt sich allmählich zu einem neuen magnetischen Pol! Vor einigen Jahrzehnten, als die Brocklgnbrücke mit ihren 35 Toirnen Elfen gebaut würbe, bemerkte man zuerst, daß die Magneknabeln der Schiffe in ihrer Nähe rmbrauchbar wurden, und seitdem sind andere grobe Brücken aus Eisen und viele Wolkenkratzer mit Eijen- geripven gebaut worden, deren Eijenmengen zusammen Biillionen von Tonnen betragen. Da kann man sich wohl vorstellen, wie diese gewaltigen Eijenanhäuitmgen nicht nur aui bie Magnetnadeln, sondern auch sonst ihren Einfluß angilben können. Eisen, das datiernd in der gleichen Lage bleibt, wirb nämlich leicht magnetisch, unb unter gewissen Neigungswinkeln äußert sich das Magnetischiverbeil und «bleiben am stärksten. Ein Neuyorker Blatt malt in einer hübschen Phantasie aus, >vas geschähe, wenn ber Magnetismus alles Eisens in Neuyork aui einen Punkt, etwa bte Spitze eines hervorragenben Gebäudes, vereinigt würde : bie magnetische Krall genügtes eins der großen aiirerikanischen Schlachtschiffe atis dein Haien durch die Lull dis anis Dach dieses Gebäudes zu reißeir und alles andere Eisen in Neuyork würbe natürlich auch angezogen: die Estenschienen würden losgerisjen, die Räder würben von beit Wagen, Messer unb Gabeln würben den Essenbeit aus der Hand gerissen, kurz, die Fabel vom Magnetberge würbe zur Wahrheit werben. Ganz so schlimm ist es freilich nicht, vorläufig haben nur bie Schiffe unter bem Eisenreichtum Neuyorks zu leiden unb tatsächlich weichen bie Kompaßnadeln auf Schiffen bei der Durchfahrt unter den großen Brücken bis zu zwei Strichen, also 22*/,, Grad, von ihrer Richtung ab. Daß aber in einem großen Wolkenkratzer, dessen Eisenrippemverk magnetisch geworben ist, etwa die Stecknadeln eine besondere Vorliebe bekommen könnten, an die Wände z»l springen, ist durchatiS nicht unglaublid), und wenn in Neuyork noch mehr Eisen auigehäuil werben wirb, kann die Wirkung auf den Gang von Tascheittihren äußerst unangenehm werden. kf. Die chinesische Marseillaise. Tie Chinesen haben nun auch ihre Marseillaise; tvährend der Schlacht von Wutschang warb sie geboren. Der schwungvolle Hymnus, der von einem Korrespondenten des „Figaro" atis Shanghai mitgeteilt wirb, lautet etwa iolgenberma6en: O Freiheit, du bist ber größten Himmelsgaben eine, zehntausende von Wundern kannst btt schaffen, wenn du dich mit dem Frieden verbindest. Ernst bist du wie ein Geist, groß wie ein Riese, der in die Wolken reicht. In die Wolken fuhr et auf seinem Wagen, fein Führer war ber Winb. O komme du, tun bie Erde zu regieren I Tu leuchtendes Europa, du bist wahrhaftig des Himmels Lieblingstochter; Brot, Wein und alle Gaben sind dein im Ueberfluß! Das große Asien ist nichts als eine unermeßliche Wüste l O möchten doch alle im 20. Jahrhundert daran arbeiten, diesem Lande eine neue Zeit heraufzuführen. Möchten doch alle tapferen Menschen einmütig daran gehen, Himmel und Erde zu reformieren l Erregen möge sich die Seele des Volkes bis an die Grenze des Berges. Washington und Napoleon, ihr Söhne der Freiheit, kommt zu uns, um eine Inkarnation bei uns zu finden l Hin-Pu», du unser Ahnherr, führe »ms 1 Du Genius der Freiheit, eile herbei und schütze nns l Büchertisch. । Joseph £aiuf, Lux a eiernd. Gin RomüN!« Grotesche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller^ Band 106. 394 Seiten 8°. Mit Einband-, Titel- und Vignetten-, zeichirungeir von Hugo Steiner-Prag. Berlin, G. Grote. neue Roman, den Joseph Lauff dem großen und stetig weiter! wachsenden Kreis seiner Freunde darbietet, ist eine wohlgelungen«! Schöpfung seiner Muse. Der Dichter fuhrt uns diesmal wieder in die Vergangenheit, in die Zeit des Humanismus imb in die Kämpfe der anbrechenden Reformation. Im alten heiligen Köln stoßen die sich befehdenden Parteien heftig aufeinander; der Held unserer Erzählung, ein junger Humanist, muß für seine lieber* zeugung und für seine Liebe manch bitteres Ungentach erleidens und schließlich vor seinen Feinden das Feld räumen. Alles Unglück hat ihm aber Geist und Herz nicht zu beugen und nicht zu überwinden vermocht, so daß er uns am Ende seines Lebens in abgeklärtem Seelenfrieden und mit unversieglichem Humor seins „Lebens-, Leidens- unb Liebesgeschichte" selbst erzählen kann. Man wird den Romair nur mit Freude an der reifen Kunst des Dichters und mit lebhafter Anteilnahme an den heiteren und traurigen Erlebnissen des Helden lesen. Durch die künstlerische Ausstattung Professor Steiners ist das Buch auch äußerlich zu einem sehr hübschen Geschenkwerk gestaltet worden. — ÄusdergroßenZeitdesdeutschenTheaters. Unter diesem Titel veröffentlicht Arthur E l o e s s e r in einem hübschen Bande (Eugen Rentsch Verlag München) eine Auswahl aus den Schauspieler-Erinnerungen von Jffland, Genast, Anschütz u. a. Sie führen uns ungefähr von 1770 bis 1848, d. h. vous Lessing bis in die klassische Zeit des Burgtheaters, mit dem Wien seine Vorherrschaft so gelassen und sicher behauptet hat, um schließlich vor der hemmungslosen Unternehmungslust der jungen Reichshauptstadt Berlin zurückzutreten. — EmilMarriot,HeinzHenning. Roman. Berlin, G. Grote. Emft Marriots neuestes Buch ,Heinz Hen- ' N i n g" reiht sich den früheren Werken dieser Wiener Schriftstellerin würdig und ebenbürtig an. Gleich diesen zeichnet es sich durch eindringliche, lebenswahre Schilderung von intereffanten Charakteren sowie durch psychologische Tiefe der Lehens- und Schicksalsbetrachtung aus. Es ist ein Künstlerroman, der die Beziehungen eines glänzenden Schauspielers zu drei grundverschiedenen Vertreterinnen der Frauenwelt und die sich daraus ergebenden Konflifte zum Vorwurf hat und abwechselnd in Berlin, Wien und Hamburg spielt. Alles in allem wieder das Buch einer Frau, die mit klaren, scharfen Augen in das Leben sieht und ihre Erkenntnis von Welt und Menschen mit der ihr eigenen dichterischen Begabung und hervorragenden Erzählungskunst zu formen weiß. ----------- ttönigspromenade. Man dar? die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dein Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht. rau grif (Auflösung in der nächsten Nummer.) Auflösung des Kreuzvätsels in voriger Nummerr SEH a e e 1 1 k Balamanca Helms tedt Heka t ombe n e m cd b a t e ge sen dank ber Hand schliff das a auch nen sters mei wohl könn schick sein sei des ihn ter te sal hell hen wenn stein sauf glänzt und fen erst edel der herrlich Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Steindrttckerei, R. Lang«, Gießet