Donnerstag den 23. Februar Bir 3 OäTO| WroH '®®MA 5 7 Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (Sorifeijintg.) (Nachdruck verboten.! Fünfzehntes Kapitel. Das war das Merkwürdige im Witwenhaus, daß jeder seiner Insassen gezwungen war, die Geschichte seiner Mitbewohner mitzuerleben, ja, sie zu seiner eigenen zu machen. Das wurde einfach von ihm vorausgesetzt, wurde verlangt, Und daß die Kosh dem Doktor erst klar machen mußte, daß er an der Beerdigung der armen Fran Lengerich teilzu- uehmen hätte, das nahm sie ihm eigentlich ein wenig übel. Sie äußerte sich auch bei Fran von Hilbach, die bleich Und mild auf denr Sofa lag, recht mißbilligend darüber Und fand es auch nicht schön von ihm, daß er gerade heute «uf die Rudelsburg und zum Himmelreich gegangen war, wo doch das ganze Haus noch in so tiefer Trauer lebte. — „Je gebildeter aber so ein Mensch ist," meinte sie „um so weniger kann man ihn begreifen. Ich glaube, bei solchen Leuten, die so viel studiert haben wie unser Doktor, da geht das Herz ganz in den Verstand über, denn, wenn der auch nur ein bißchen Herz hätte, brächte er das llicht fertig, gerade heute feinem Vergnügen nachzulaufen, wo wir alle Kränze winden und wo die Dame, bei der er wohnt, so krank ist. Ich hält es schön gesunden, wenn er heut bei Ihnen sitzen geblieben wär und Ihnen was erzählt und Sie eilt bißchen aufgerichtet hätte. Gestern abend, wie er so Ihre Hände hielt, Fran von Hilbach, da wurde mir ganz warm ums Herz, da dacht ich: „Nu muß er sich doch endlich erklären!" Aber nein, der tut noch lange nicht, was andere Leute wollen, und dabei lesen wir ihm doch jeden Wunsch von den Augen ab!" „Seien Sie doch still, Kosh!" sagte Frau von Hilbach gequält und wandte ihr Gesicht der Wand zu. „Weibelchen," hatte er zu ihr gesagt, „armes, kleines Weibelchen," und über die Stirn hatte er ihr gestrichen und ihre Hände fest, fest in den seinen gehalten: das vibrierte noch in ihr, sie war noch nicht wieder auf der Erde, schwebte noch hoch, hoch über allen anderen, irgendwo im blauen Aether, und sie wollte weiter schweben, wollte sich so leicht, so körperlos fühlen, daß die Lust sie tragen konnte, daß sie nur noch dies Licht, dies überirdisch Hella Licht um sich sah. Die Tränen strömten ihr aus' den Augen, aber das waren Tränen, die nur ein Lanz Glücklicher, nur ein ganz Weltentrückter weinen kann, Tränen einer namenlosen, einer unbeschreiblichen Seligkeit. „Geh, Liebling- laß mich!" wahrte sie den kleinen der zu ihr aufs Sofa nettem wollte, ab, und die Kosh zog rhn zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Laß Mama mal in Frieden, die denkt sich was Schönes!" „Was machst du denn da?" yragte Erwin unv sah erstaunt auf die Kosh, die aus Seidenpapier runde Blättchen schnitt und kleine Schälchen mit gelbem und rosa Wachs über eine Kerze hielt, bis es zerfloß. „Wirst du gleich sehen, mein Sohn!" sagte sie, icfp.utt sich Draht zurecht und machte etwas, worüber Erwrn Mund und Augen aufriß. „Mutter," schrie er, „Rosen, richtige Rosen in acht die Kosh, kuck doch, Mutter, gerade, wie in unserm Garten!" Fran von Hilbach wandte sich langsam nm und sah träumerisch zur Kosy hinüber. Die hielt ihr eine gelbe Rose entgegen: „Schön, was? Das ist Kunst, Frau von Hilbach, das wär auch was für Sie! Wie mein zweiter Mann tn Berlin sieben Jahre gelähmt im Sessel gelegen hat, da hab ich oas gelernt; für eine Fabrik hab ich sie gemacht, lau ter Kirchhofsrosen, pro Stück einen Pfennig für die Arbeit. Was meinen Sie, was man da fertig bringt, sechzig bis siebzig Stück an einem Nachmittag, immer eine schöner wie die andere. Und das ist auch eine Beschäftigung, bet der man schöne Gedailken bekommt. Ich habe immer einen herrlichen Friedhof vor mir gesehen, wenn ich die Rosen machte, und hab an die Toten gedacht, und manchmal wurde mir so feierlich dabei zumut, daß ich irgend ein geistliches Lied singen mußte. — Mein Mann mochte das so gern, wenn ich zum Beispiel fang: „Jesn geh voran, aus der Lebensbahn". Das kennen Sie doch auch, Frau von Hilbach? So was ist Balsam für einen Menschen, der einen Kummer hat. Sie sollten überhaupt mal öfters in die Kirche gehen. So schön wie unser Pastor redet, so schön hat in ganz Berlin keiner geredet. Ich bin mal neugierig, was er an der Lengerichen ihrem Grab sagen wird I" Sie hielt eine Rose an den dunkelgrünen Kranz, den sie soeben gewunden, und freute sich, daß sie sich so wirkungsvoll abhob. „Haben Sie mir denn auch ein bißchen Grün mit* gebracht?" fragte die Pastorin, die am Fenster saß, weinerlich. „Gehen Sie mal in die Küche, Fran Pastern, da liegt ein ganzer Berg! Die Specht windet auch schon und der Frau Ratusius ihre Mutter hat ihren Kranz schon fertigt Ob wir für den Doktor auch einen winden, Fran von Hilbach, was meinen ©ie?" Frau von Hilbach gab keine Antwort, sie sah zu« Decke empor, und daß sie irgendwo anders mit ihren Gedanken war als hier im Zimmer, das hatte die Kosh gleich heraus und schüttelte den Kopf. Sie sprach nun mit der Pastorin noch einmal, wohl zum zehnten Mal die Ereignisse des gestrigen Tages durchs beschrieb ihre Gefühle, und.immer wieder fand sie neu« Einzelheiten, die der Erörterung wert waren. „Unser Doktor hat ja nichts davon gesagt," meinte sie, „ich weiß auch nicht, ob er was gemerkt hat, ab«i 122 alle sagen, doch, sie sei keines natürlichen Todes gestorben, aber Doktor Wortmann von drüben, der den Totenschein ausgestellt hat, hat geschrieben, am Herzkrampf wäre sie gestorben. Ich kann aber nicht recht daran glauben!" Die Pastorin entsetzte sich von neuem bei dem Gedanken, daß jemand, der mit ihr aus einem Flur wohnte, selbst .Hand an sich gelegt hätte, und sie weinte und jammerte wieder, bis die Kosh aufstaud, zioanztg Baldriantropfen auf ein Stück Zucker träufelte und cs ihr in den Mund schob. „Nun wollen wir aber wirklich nicht mehr davon reden!" beschloß sie mitleidig, hielt ihre Rosen an den Kranz, band sie mit Draht fest, freute sich, daß sie so wunderschön abstachen, sagte zweimal: „Was wohl die Lengerichen dazu sagen würde!" und dann sprachen sie wieder von gestern und schauderten zusammen bei dem Gedanken, daß die arme Frau Lengerich so ganz allein gestorben war und jedenfalls vom Sessel heruntergefallen Ivar und Nicht wieder auf konnte. Die Specht kam mit einem großen, runden Kranz, an den sie Papierrosen befestigt hatte, ins Zimmer. Auch sie hatte rotgeweinte Augen und sah neidisch aus die schönen Wachsrosen, die der Kosh Kranz zierten. „Js ja ganz nett!" meinte die Kosy etwas herablassend und hielt den Kranz der Specht ans Fenster. „Nu sollten Sie sich aber auch dranhalten, Frau Pastorin, sonst müssen Sie morgen mit leeren Händen gehen. Ich kann Ihnen nicht viel helfen, ich hab noch alle Hände voll zu tun. Ich muß noch für den Doktor einen winden und für unfern Erwin einen kleinen, und dann muß ich mir heut abend von meinem schwarzen Kleid noch die blaue Seide abtrennen und auch bie roten Sammetblumen von meinem Hut. Um elfe wird ja schon beerdigt!" Die Pastorin nickte, aber sie blieb sitzen. Am nächsten Morgen um elf zogen sämtliche Bewohnerinnen des Witwenhauses den Bergabhang hinauf, am Gradierwerk vorüber nach dem Friedhof zu. Sie waren alle schwarz gekleidet, trugen große, grüne Kränze mit bunten Rosen in der Hand und machten tiefernste Gesichter. Die Specht hielt die Pastorin am Arm, der kleine Erwin trippelte zwischen seiner Mutter und der Kosy, und Frau Natusius folgte mit ihrer alten Mutter, aber der Doktor iäm nicht mit, der war nach Pforta zu, seinem Vergnügen nach, und diese Herzlosigkeit verzieh ihm die Kosy nicht. „Wo er doch jetzt so lang bei uns wohnt," sagte sie zu Frau von Hilbach, als sie im Vorraume der Kapelle auf einer Bank saßen, „und wo er ihr doch die erste Hilfe nach ihrem Tod erwiesen hat! Als ob er ein Wildfremder wär, tut er jetzt, und dabei sitzt er Abend für Abend in unferm Wohnzimmer. Aber so sind die Männer. Wo sie was Gutes haben können, da greifen sie mit beiden Händen zu, kommt aber was, was ihnen nicht paßt, dann nehmen sie Reißaus. Pst, jetzt komnlt der Pastor!" Sie zerflossen alle in Tränen, wie sie am offenen Grabe standen. „Selig sind die Einfältigen, beim ihrer ist das Him- melreich!" predigte der Pastor, und er sprach so wunderschön über die Nichtigkeit unseres irdischen Daseins, über Die verschiedenen Arten der Prüfungen, die der liebe Gott seinen Menschenkindern schickt, daß diese Frau ein so ganz besonders schweres Schicksal gehabt und es mit Heldenmut getragen habe, und wie er schließlich erwähnte, daß alle Mitbewohnerinnen ihres Hauses geprüfte Frauen seien, die ohne männliche Stütze den harten Lebensweg zu gehen hätten, da entstand ein herzzerreißendes Schluchzen unter all den Witwen. Die Pastorin mußte sich an die Kosy anlehnen, und der kleine Erwin weinte laut. Nur Frau von Hilbach stand etwas abseits an einen Baum gelehnt, und ihr Gesicht war bleich und traurig, aber weinen konnte sie nicht. Sie warfen jeder eine Handvoll Erde auf der Frau Lengerich Sarg, gaben dem Pastor die Hand und schickten sich zum Heimweg an. Solange sie noch auf dem Friedhof waren, sprachen sie nicht, weil fie noch ergriffen waren, ixnm aber ließ die Kosy ihre Empörung über die Hanflein aus, die nach Naumburg gefahren war nnd nicht zur Beerdigung zurückkam, und die Specht stinrmte ihr bei, nnd auch die Natusius und die Pastorin waren empört, und dann "fanden sie es such komisch, daß die Berta, die ihr die Aufwartung gemacht und io manches Geschenk von ihr erhalten hatte, nicht am Grab gewesen war und daß die Frau von dem Mann, der den Sarg geliefert hatte, ein grünes Kleid getragen hatte mit rotem Samt verziert. „Das müßte sie doch wissen, daß sich das nicht schickt!" schimpfte die Kosy, und dann seufzte sie und sagte: „Wenn nur mal erst alles geregelt wäre, daß wir die Wohnung leer bekommen! So lang noch all die Sachen von einem Gestorbenen im Hause stehen, so lang kann man nicht recht sioh werden, uttb man möchte doch wieder ansatmenl" Am Psörtchen reichten sie sich alle die Hände und gingen jeder in seine Wohnung, aber sie gingen auf Zehenspitzen. Das Witwenhaus hatte noch sein ernstes Gesicht, und der Atem des Todes wehte noch durch alle Räume. „Ne, Herr Doktor, das dürfen Sie uns nicht antun, jetzt nicht, wo meine Frau noch so angegriffen ist, das' dürfen Sie uns wirklich nicht antun!" sagte die Kosy mit vor Erregung zitternder Stimme und sah noch ganz fassungslos zu dem Doktor auf, der schweigend an> Schreibtisch stand und in irgend einem Buch blätterte. Hatte sie ihn denn überhaupt richtig verstanden? Gehen wollte er, wollte abreisen, morgen oder übermorgen, so einfach abreisen, wie das gewöhnliche Badegäste im Sommer taten, die Koffer packen, einen Gepäckträger bestellen und „adieu auf Nimmerwiedersehen!" Die Tränen stiegen ihr von der Brust empor, sie mußte ihre Schürze nehmen und die Augen trocknen. „Ne, Herr Doktor, nnd wenn Sie nur so viel Herz hätten, dann brächten Sie das nicht über sich. Wie soll das denn meine Fran ertragen, wo die doch so schon so elend aussieht und den ganzen Tag in die Luft sieht und nachdenkt. Sie können ja gut und gern ein paar Wochen umsonst bei uns leben, Herr Doktor, interessiert sind wir nicht! Wenn Sie uns die baren Auslagen für Frühstück und Abendbrot ersetzen wollen, das müssen wir Ihnen überlassen, das können Sie ganz nach Belieben einrichten, für die Wohnung wollen wir nichts. Damit ist Frau von Hilbach auch einverstanden, das weiß ich genau, denn Geld spielt für die überhaupt keine Rolle----" „Schwatzen Sie keinen Unsinn," unterbrach sic her Doktor ärgerlich und machte eine ungeduldige Bewegung, aber die Kosy ließ nicht ab. „Und wenn es für eine Woche wär, Herr Doktor, nur daß Sie meine Frau langsam darauf vorbereiten. So kurzerhand weg, das erträgt die nicht, das sag ich Ihnen, und wenn dann was passiert, wie eben bei der Frau Lengerich, dann müßten Sie sich doch ewig Vorwürfe machen, Herr Doktor ----" Sie sah ihn flehend an, und um des Doktors Lippen flog es wie ein kleines Lächeln. „Ich komme ja wieder!" Kaum aber hatte er das gesagt, war es, als ob er über die eigenen Worte erschrecke. Der Kosy Gesicht verklärte sich, groß sah sie zu dem Doktor auf. So lagen die Sachen, so —! Also doch! Ein großes! Verständnis ging in ihr auf. Er kam also wieder! Die Tränen liefen ihr jetzt aus den Augen. „Haben Sie das meiner Frau schon gesagt?" fragte sie, und ehe der Doktor sie abwehren konnte, hatte sie feine Hand ergriffen und küßte sie und schluchzte. „Eine bessere Frau könnten Sie ja auch nicht kriegen, Herr Doktor! Ich meine so, was den Charakter anbetrifft. Im Haus könnt sie ja manchmal tüchtiger und resolute« sein, aber wenn sie erst dem Herrn Doktor seine Frau ist, dann hat sie das ja nicht nötig, dafür ist dann ja dis Kosy da. Und unser Erwin ist doch ein lieber, reizender Kerl, nicht wahr? Ach, Herr Doktor, wenn Sie nur recht bald wiederkämen!" — Dem Doktor wurde beklommen zumut; das hatte er nicht gewollt, aber ausreden mochte er der .Alten ihre. Hoffnungen nicht. Er sah still vor sich hin. (Fortsetzung folgt) Sein Ideal. Von Max Karl Böttcher -Chemnitz, (Schluß.) 3 Es war Sitte ittt Hotel, daß Punkt zwölf Uhr gespeist Wurde,: — An der langen, schneeweiß gedeckten Tafel saß nur ein einziger Gast, ein steinalt-er Herr, der sich Fritz Schmieder als Oberförster hu D. .Graichen vorstellte. — 123 , Dchwetgeüd aß Friß feilt Menu. — Da iu'urbe die Tür auf- Serinen, — ein bejammernswert kleiner Piccolo stolperte herein, Und nachdem er den beiden Gasten drei bis vier tiefe Knixe ge- tvtdmet, rannte er hastig dem Oberkellner za: „Frau Hofrati wünschen haute nicht auf ihrem Zimmer zu speisen, sondern table dhote." Die Fräcke flogen, die Bestecke klirrten und im Nu waren Fritz vis a vis zwei Gedecke aufgelegt. Er staunte. — Sollte — das wäre ja — nein, — das wäre ja geradezu —. Er dachte, — und da er Antage zum logischen Denken besaß, war bte entstehende Kette folgende: 1. Der Keine Kobold von heute früh ist mit der Mutter aus Sommerfrische. — 2. Die Mutter ist hie Frau Hofrat. .— 3. Die Frau Hofrat hat bisher auf ihrem Znmner gespeist. — 4. Der Keine Kobold von Tochter hat die Mutter beschwätzt, table d'hote zu speisen. Und wem zn Liebe? Lächerliche Frage. Und jetzt traten die beiden Damen ein. — Das lustige Ding mm drollmnd hinter der Gnädigen hereingehüpft, und als sie Fritz am Tische sitzen sah, schlug sie ein kindlich herzliches Lachen an, so daß sie Fran Hofrat strafenden Blickes anschaute, t— Wirkung dieses Blickes? — Gleich Null, denn Elfchens Lachen war geradezu überraschend und ansteckend. — Der alte Forstbar Grammen verfiel in ein schmunzelndes, dann in ein brum- menoes und schließlich in ein polterndes Gelächter, welches in (einer Komik auch die Frau Hofrat reizte, — und was blieb Fritz unter solch „lächerlichen" Umständen (oeiter übrig, als schließlich auch mitzulachen. Und nun große Vorstellung: „Kaufmami Schmieder". — ;,ö't—. Erna." Unb nun das Mittagsmahl. — Eine launische Bemerkung jagte die andere, •— aller Augenblicke erscholl herzliches Lachen. Selten hatten diese drei wohl ein so fröhliches Diner verlebt, -— und nach Beendigung ward für Nachmittag eine gemeinsame Partie nach dem Brocken verabredet. „ Todmüde kamen sie abends vom Berge zurück. Die Damen Verablchicdeten sich sofort, und auch Fritz Schmieder suchte sogleich sein Zimmer auf. Mädel!" murmelte er, schon halb int Schläfe, h- -plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf und er fuhr tödlich erschrocken in die Höhe. Ja, war er denn toll?! — Er poussierte da hier herum wie ein sekuudaner, während in Magdeburg feiner eine rechnende Braut sanckk. — Wie ein kalter Umschlag legte sich diese Erkenntnis einer Uebeltat auf sein erregtes Herz. — Ach, was war er doch ;nr em unglücklicher Mensch?! — Warum war dieses Mädel hier, diese Erna Lindner mit dem sonnigen Gemüt nicht Elsbet Bmmermann, die jetzt wahrscheinlich im schnöden Golde wühlte?! — ©em Vater hatte ihm erzählt, daß Elsbet oft des Nachts die »tollen nachprufe. Ein unsagbarer Ekel gegen seine befohlene Brant erfaßte ihn Und seinen ganzen Groll legte er wieder in das eine Wort, das er mit aller Kraft rief: „Mannweib!" — Dann schlummerte er sauft ein, tm Traume seines Daseins Herbe vergessend. 4 Acht Tage, die Hälfte der Galgenfrist waren nun vorüber. Die beiden Damen und Fritz hatten sich schon so ineinander ein» «elebt, als waren sie schon jahrelaiig Bekannte. — Fritz war W längst klar, daß er bis über beide Ohren in das lustige Elfchm verliebt sei, und Elfchen selbst verhelte auch nicht ihre Zuneigung für den hübschen Reisefreund. Eines Tages, — sie kehrten gerade von einem Ausflüge vom Barbarossadenimal zurück, fragte Fritz die Damen ganz, unvermittelt, ob ihnen in Magdeburg das Bankhaus Jmmermann oder des Hauses Tochter bekannt sei? — Einen Augenblick uinfpiegelte, von Fritz unbemerkt, ein satanisches Lächeln Tantchens Mund, dann sagte sie jedoch ganz ruhig: „Das Bankhaus ist gut, — Nh habe selbst mein Keines Vermögen dort," und Erna fügte hinzu: „Der Tochter rühmt man viel Geschäftssinn nach, aber sonst ist sic wohl ein Mannweib." Fritz fuhr in die Höhe. — Also auch im Urteile über diese Person, — b. h. über seine Braut stimmten er und Erna über- war der letzte Anstoß zu feinem Entschluß, um feinen Preis, dieses Mannweib zu heiraten, — mochte werden, für ihn war nur Glück in der Verbindung mit Elfchen Möglich. — Da am Pfingstsonnabend, also übermorgen, Fritzens erfolgen sollte, wollte man am Freitag iwch eine Ab- (eyieospartie aus den Brocken unternehmen. — Der Freitag kam .en» m!t Zie Partie, doch vergnügt ward sie keineswegs» Vater Brocken schien verstimmt über Fritz Schmieders Abreise » t ■??,'' 11 1° batte er feine Nebelkappe aufgesetzt, die ihn unsichtbar machte. ohne Scherzwort, wanderte man durch das liebliche Scksirke und dann an der rauschenden Bode hinauf. — Selbst als k Brockend ahn quer über den Weg pustete, wollte sich der übliche Jodler nicht auslösen. — Das etwas korpulenty ^antchen blieb nach und nach weit zurück, im Nebelmcer verschwindend. — Nicht zwei Schritt vor sich konnte man sehen, — Jmb wozu auch?! Die beiden Menschlein, die da Hand in Hand emporhaspelten, wollten gar nichts sehen, als nur sich. — Und iw schauten sich immer und immer wieder tief in die Augen. — Und was noch geschah- — wer mag es wissen?! — Vater Brocken, so alt und rauh er ist, ein Mlend Herz tor Liebende hat ct sich doch bewahrt, — und er leiht solchen Üiebesseligen, jungen^ Menschenkindern gar seinen walkenden, undurchsichtigen Nebelmantel. Als Tantchen Hofrat oben ankam, ward ihr eine wohl nicht erwartete (?) Aussprache Fritz Schmieders zu teil, — kurz, er! bat sie um die Hand ihrer Nichte Erna. — Und bte Tante hatte nichts bagegen und sie willfahrte auch dem zweiten Wunsch« Fritz's, nämlich dem, am nächsten Tage samt ihrem Richtchen Mit Fritz zu dessen Vater zu reisen, um ihm mit der vollendeten! Tatsache zu imponieren und ihm das Jdealbräutchen seines Herrn Sohnes zu präsentieren. 5. Pfingsten, das lieblich« Fest war gekonnnen und der Harzen Dreibund dampfte ab. ■— Fritz war es denn doch etwas beklommen! HlMute. — Sein Vater wär ja ein sehr guter Mann, aber in Geschäftssachen verstand er nun einmal keinen Spaß und für ihn war die Heirat seines Sohnes mit der Millionen-Elsbet eben nur ein Geschäft. Nach Ankunft stürzte der Sünder sofort in das Privatkontor seines Vaters. — Der Alte erijob sich. — Das war schon ein günstiges Zeichen für Fritz. — Und nun berichtete er. — Weik er immer vor sich niedersah, konnte er das Strahlen und Blitzen in Herrn Schmieders fett. Äugen nicht bemerken. — Dieser hörte ruhig zu, er schwieg, als Fritz geendet und nun fein Haupt ergebungsvoll neigte, um das väterliche Ungetoitter über sich ergehen zu lassen. — Endlich begann der Vater. — Ja, was war aber das?! — Nicht hart klang seine Stimme, nein, mild und weich: „Du glaubst also dein Ideal gesunden zu haben?" „Ja Vater, ■— mein Ideal!" „Nun denn: Mit Gott!" In demselben Augenblick trat zur Tür ein großer, bärtiger; Mann herein, der schnell aus Fritz zueilte und ihn mit Bären kraft umarmte. — Fritz war sprachlos. — Er schickte sich an, diese unmotivierte Vertraulichkeit des Fremden, energisch zurückzuweisen- — da, eine neue Umarmung, die aber kommentiert wurde: „Mein Sohn, — mein Junge — werde glücklich mit Elsbet!" brummte bet Alte gerührt. Da lief Fritz aber die Galle über: „Zum Kuckuck! — Bin ich denn im Tollhause! — Nicht Elsbet, — sondern Erna Lindner ist meine Brant —" . „Nein, — ich bin deine Braut, — ich, Elsbet und nicht Erna," jubelte jetzt ein ihm wohlbekanntes Silberstimmchen, und zappelnd hüpfte seine Harzelfe von Vater Schmieder zu Fritz und von dem zu ihrem Vater, dem bärtigen Jmmeruiann, jeden der drei plan- lind ziellos küssend und drückend. Fritz stand wie ein Steingötze, — bis ihn Erna-Elsbei in die Seite puffte und sagte: „Fein überrumpelt, — was? — In der Arbeitszeit 6in ich das „Mannweib", — in den Mußestunden dein „Ideal". — Ist dir es so recht?!" „Muß mir es nicht recht fein, kleiner Kobold?" antwortete Fritz überglücklich und küßte herzlich seine Braut. G Brief von Elsbet-Eriia an ihren Bräutigam Fritz Schmie derk Magdeburg,...... ,, Geliebter Harzgcnosse! Schau, Freund, — nun sind wir schon vier Tage Braut und Bräutigam. — Welche Wonne. — Aber schwer haft bu es mir gemacht, Jdealschwärmer. — Glaube mir, ich bin mit Tantchen! mit vehementer Geschwindigkeit nach Elend am Harz gereist, als uns dein Vater 14 Tage vor Pfingsten telegraphierte, bn wolltest in Elend am Fuße des Brocken deine Junggeselligkeit beenden, ;— und Gott sei Dank waren wir noch einen halben Tag eher da wie du, gerade genügend Zeit, um die Kellner zu in- struieren und zu bestechen und unsere Netze zu legen. — Und was habe ich für Angst ausgestanden, als du an meiner Wagendeichsel vorbeitnarschiertest, ohne mich gesehen zu haben. — Aber wie du dann gehorsam baumeltest, war doch zu drollig, gelt. — Gestatte mit übrigens, natürlich bloß eit Passant, daß die Bodenkreditpapiere wieder gestiegen sind, — die Zuckeraktien dagegen! stetig fallen, — Kohlen und Getreide fest. — Pardon, — einen Augenblick, — das Telephon! — Leb wohl, Schatz, — ich muß zur Börse. — 1000 Küsse! — Geschäft ist Geschäft! — Halt, soeben lese ich, daß ein 5>andelsschuliehrer eine kaufmännisch gebildete Dame zur Lebensgefährtin sucht. — Soll ich mich melden? —. Dein Mannweib. — PS. — Ziickeraktien aus 104.—. Elsbet Jmmermann, Die Vogelarmut in öffentlichen Anlagen. Unsere öffentlichen Anlagen und Parke zeichnen sich meist durch eine geradezu erschreckende Vogelarmut aus. Regelmäßig anzutreffen sind eigentlich nur Spatz, Amsel, Buchfink und Spötter.! Star, Kohlmeise und Wendehals sind von geeigneten natürlichen oder künstlichen Baunthöhlen, Baumläufer, Kleiber und die verschiedenen Spcchtarten von alten, rissigen Bäumen, und Rotschwanz! und Fliegenfänger vom Borhmidensein von Gebäulichkeiten, abhängig. Das ganze übrige Heer der gefiederten Sänger fehlt meist vollständig, öder es ist durch vereinzelte Exemplare btttretert» — 124 — RSfsefsprung. ßen Übung duld wird in »u der zur wir ein denken sollen uns'rer gleich seind ge geuie feit uns ruhe zur Übung ge nicht fre und wir tapfer geben eben ein wenn bleiben e c m r n P K 8 s n u e e t 1 h e t K i 1 o m e t e P e t r o 1 0 u in 8 c h 1 e 8 garn ausgeführt. * Rossini bei Beethov en. Trotz seines stark pus- geprägten Selbstbewußtseins hegte der geniale Schöpfer des „Bar- büers von Sevilla" eine tiefe, ja grenzenlose Verehrung für den größten Meister deutscher Tonkunst, für Beethoven. Aber Rossini wußte, daß Beethoven schwer zugänglich war, und itirt den Titanen wenigstens einmal gesehen und gesprochen zu haben, wandte er sich an einen Freund von Beethoven, der es auch Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Krcuzrätsels in voriger Nummer: iiiäueuivä । schließlich durchsetzte, daß der italienische Meister empfangen wurdch .Ornithologischen 1 Die „Stampa" gibt eine fesselnde Schilderung dieser denkwürdigen! " 1 Zusammenkunft. Als Rossini eintrat, war Beethoven mit der Korrektur einer Partitur beschäftigt und setzte eine Zeit längs ruhig diese Arbeit fort. Dann blickte er auf und sagte M dem Gaste: „Sie sind der Komponist des Barbiers? , Diesck komische Oper ist von allererstem Range, ich habe sie mit titel Freude gelesen, und so lange italienische Werke gespielt werden,: wird Ihre Oper immer gegeben werden. Aber glauben Sw mir eines: verlassen sie nie diese Art, in der Sie unubertrestlrch sind. Versuchen Sie nie, ernste Opern zu komponieren, denst Sie werden darin nichts Gutes zu Stande bringen." Hier mischt« sich der Meund, der Rossini eingesührt hatte, ins Gespräch- und bemerkte: „Aber der Herr Rossini hat bereits ernste Werke geschrieben, die ich Ihnen geschickt habe, teurer Meister. Zum! Beispiel „Othello" und „Tanoredi"." „O, die habe ich durchs geblättert, aber die Italiener haben nicht das, was dazu gehort- um das ernste Genre zu pflegen. Ihr Feld ist die komisch« Oper. Dazu braucht man ein lebhaftes Temperament und alle jene Eigenschaften, die Ihnen im Blute liegen. Aber nm ernste Werke zu schaffen, bedarf es einer Gewissenhaftigkeit, dw ^huest fehlt. Scheu Sie, Pergolefi! Seine „Serva padrona ist schlecht-, hin unübertrefflich. Sein „Stabat mater" wird hochgeschätzt. Die HäNptupfache dieser VogelariNut ist, wie Er w in Ger ha r dl iNürnberai in der jüngsten Nummer der „Oinithologischen Monatsschrift" in einein längeren Aufsatz ^"ieder neuzeitliche Gartenkunst. Nach Deren Regeln /""" schh 1 d Strauch nach allen Seiten frei entwickeln, mtd ims Fehlen reg lichen Schnittes verhindert ine Bildung von Quirlen, die als geeignetite Nestunterläge für die Vogel rben uikentbehrlich sind. Der Mangel an dornigen Gebüschen vertreibt Grasmücke, Würger und Zaunkönig und erleichtert das Eindringen voll Raubzeug« Man sehe sich einmal im Spätherbste nach dem Blattfall unsms km Sommer so schönen und dichten. Gebüsche an nnd Prüfe, wo sich ein wirklich sicherer Nistplatz, eme geeignete Nestunterlage finde und — man wird erschreckt sein von dem Ergebnis. Ein nicht unwichtiger Grund für die Vogelarmut unserer Anlagen dürste auch deren Jnsektenarmut sein, an der wiederum bto moderne Gartenkunst die Schuld trägt. Die fremdländischen Baume Und Sträucher werden ganz übermäßig bevorzugt, so daß die .Insekten nicht die geeignete NahrnngsUlanze finden. Ueberdres fehlen unter den wenigen Einheimischen gerade die Arten, die sich, wie Pappel und Weide, durch großen JnsektenrnchlUM aus- zeichnm. Ebenso ist es mit den Blumen. Die vielen schonen heimischen Waldblumen fehlen vollständig und werden durch tro- UMZWZ-WIUZWSWWW L-MWUZWZ teil,«., w SM »i« » IW anuftmoeJ w nicht nur rede Katze mühelos eilt, sondern sie kann sieh.sogar Großen, . , __________ auf das beste, durch die Zweige der Sträucher gedeckt, auf dem 1 lockeren, von jedem raschelnden Laub sorgfältig befreiten Boden I * 91 en eg von Serenissimus. Serenissimus kommt an.biie Vögel heranschleichen und sie überraschen. I wit Kinderniann in eine armselige Gegend seines Landes. ES ------------- I fällt ihm auf, daß die Leute alle so schlecht und unterernährt! I aussehen. „Lieber Kindermann, wie sehen denn dre Seute । vcrlymtGCtt aus! Äeh — sagen oie mas, wovon (eben denn .* Eine praktisch« Geschenkmode. Strümpfe schenkt I Wefe Aermsten eigentlich?" — „Hauptsächlich von spinnen, Euer man in Serbien bei hundert Gelegenheiten: Dein Säugling in I Durchlaucht!" — „Ach! Pfui! — Was doch diese Leute olles der Wiege wird als erstes Angebinde von sämtlichen Freundinnen hineinessen!" des Hauses je ein Paar zartgefärbter «Strümpfchen überreicht. * «Einfall Lehrer: „Sehen Sie, Meier, Ihr Vater Bei Prsben — der Feier, wo der Pope das Mädchen unter Bei- I M Morgen bis zum späten Abend, um Sw sein der ganzen Familie und Freundschaft dem zukünftigen Gatten ^ ^Eren tÄ Sie machen solche Streiche! Was ist dem, verlobt - muß die Braut an alle männlichen Anwesenden ie VMer?" - Meier: „Rentner." .ein Paar selbstgestrickter Strümpfe verteilen. Zur Hochzeit er- I *™r hallen die Trauzeugen, der Brautführer, der Bräutigam, sowie dessen Eltern und nächsten Angehörigen von der Braut außer Hemden auch ein Paar Strümpfe. Der Brautführer hat neben Kranz, Schleier, Handschuhen auch für die seidenen Strümpfe der Braut zu sorgen. Der Geistliche bekommt bei reder Kmdtaufe, die er vollzieht, außer klingender Münze ein Paar Strümpfe, ja er zetert sogar, wenn man sie ihm verweigert; treibt er doch einen einträglichen Nebenhandel damit! Zu allen Namens-- Nnd Geburtstagen, zur Slava, Otschewi und Mate ritze, bei Wetten, kurz, bei jeder Gelegenheit, wo man sich beschenkt, tauchen, wie wir in der „Köln. Ztg." lesen, als praktische Gabe die Strümpfe auf. Daß vorwiegend das männliche Geschlecht mit diesen Erzeugnissen fleißiger Frauenhände bedacht wird, ist natürlich. Wer eine große Verwandtschaft besitzt und seinen Verpflichtungen,- der alten Sitte gemäß, nachkommen will, ist das ganze Jahr über mit der Anfertigung von Strümpfen beschäftigt. So sieht man denn die Bürgerfrauen, wenn sie beim schwarzen Kaffee beieinander sitzen, neben der Zunge fleißig die Stricknadeln rühren, und je nach dem Grad der Freundschaft und verwandtschaftlicher Zuneigung werden die Fußbekleidungsstücke in zarten Farbtönen und oft sehr verzwickten Durchbrnchmustern in feinem Seiden- Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieß«.