Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.^ Die Kosy blickte ihm nach und trocknete ihre Tränen, bann sah sie zunr Himmel und war erstaunt, daß der noch blau und hell und lustig war, wo er das noch mit angesehen hatte. „Und um so einen hab ich mich mit meiner Frau gezankt und hab unserm armen Doktor womöglich Unrecht getan!" Sie schüttelte den Kopf wieder und wieder. „Einer, der ein Gesicht hat wie ein pflaumweiches Ei und kriegt auf einmal Prinzipien, wenn er dreitausend Mark herausrücken soll, unr einer hilflosen Frau das Messer von der Kehle zu ziehen! Pfui über so einen, so einer sollt sich schämen, daß er unter Gottes herrlicher Frühlingssonne wandelt. Wiederkommen! Bescheid sagen!! Ha ha! " Herr Schmitz kam nicht wieder zum Brunnen und gab der guten Kosh keinen Bescheid, aber am nächsten Morgen, als Frau von Hilbach nach einer schlaflosen Nacht müde in ihrem Mittelzimmer saß, brachte ihr der kleine Erwin einen Brief, den sie ein paarmal erstaunt in der Hand umdrehte, bevor sie ihn öffnete. Dieser Brief war »,Schmitz" unterzeichnet, und es dauerte eine Weile, bis Frau, von Hitbach begriff. „Schmitz? Ach, Schmitz, der dicke, behäbige Mann, o," Ihr Gesicht wurde traurig. Der, der ihr ihre Kosy genommen hatte. Zwei engbeschriebene Seiten schickte er ihr, trotzdem sie ihn nach der ersten Begegnung nur noch zweimal flüchtig gesprochen hatte. Sie las und ließ die Hand, die den Brief hielt, sinken; sie versuchte zu lächeln; aber es zuckte nur schmerzlich um ihren Mund. „Wenn Sie bis zum 1. Juli keine andere Hilfe haben und gestatten einem Mann, der es ehrlich meint, sich Ihnen zu nähern, will ich Ihnen die dreitausend Mark beschaffen." Und dann eine genaue Schilderung seiner Verhältnisse, und eine Ermahnung, nicht voreilig „nein" zu sagen. „Ich warte bis zum ersten Juli," wiederholte er noch Zweimal „das Geld liegt jeden Augenblick bereit, eine Zeile von Ihnen, uitb ich bringe es persönlich!" „Weinst du schon wieder?" fragte Erwin, der immer ängstlich war, wenn seine Mutter einen Brief bekam. Nein, sie weinte nicht, sie hatte keine Tränen mehr; sie strich dem Kind über die Locken uttb ging in die Küche. Die Kosy hatte ihr ein Mädchen beschafft, ein junges Ding aus dem Ort, das den Vormittag und ein paar Stunden ttm Abend kam; es lachte und trällerte den ganzen Tag, und wenn es allein in der Küche war, sang es frohe oder wehmütige Lieder, wie es ihm gerade so kam. Es war so ein recht leichtherziges, flinkes Ding, betrt der Mund den ganzen Tag nicht still stand, eines von denen, wie es viele im Ort gab, schlau, gewandt uns unterwürfig gegen die Fremden, die es zu bedienen hatte> denn die Fremden, die ins Had kamen, waren ihnen höhe« Wesen und mußten mit mehr Hochachtung behandelt toerocn wie die eigene Herrschaft. Das war so üblich im Ork und vererbte sich von Generation zu Generation, denn sie lebten ja alle von ihren Sommergästen, und viele von den Berliner Herrschaften nahmen sich ihre Dienstboten aus dem Thüringer Oertchen mit, weil sie glaubten, mit ihnen besser zu fahren als mit den raffinierten Großstadtmädchen, und es gehörte zum Ehrgeiz der kleinen Thüringer Fräuleins, einmal einen Winter in Berlin verlebt zu haben. Im Frühjahr, wenn das Leben zu Hause dann wieder anging, sagte man Berlin ade und bekam zum nächsten Herbst eine neue Stelle. Darum war die kleine Liese, dis der Frau von Hilbach den Sommer über zur Hand gehen sollte, auch sehr entzückt, daß die Herrschaft, die in den nächsten Wochen schon den großer Flügel von der Hänfi lein bezog, aus Berlin war. „Da haben Sie aber Glück, gnädige Frau," sagte sie zu Frau von Hilbach, ,/bie großen Wohnungen gehen gewöhnlich doch erst in der Hochsaison fort." Fr-arc von Hilbach .lächelte; ihr tat es w-cht, daß sie ein junges, frohes Geschöpf um sich hatte. Sie sprach nicht viel mit dem Mädchen, sie hörte auf ihr Geschwätz wie auf ein angenehmes Geräusch. Die Kosy hatte die Berliner .Herrschaft ins Haus gebracht. In fast majestätischer Haltung war sie durch Vie Zimmer geschritten, hatte den schönen Blick gepriesen und den Preis bestimmt, und bei dieser Gelegenheit die ersten förmlichen Worte mit Frau von Hilbach gewechselt. Und als Frau von Hilbach ihr ein Wort de-s Dankes sagte und sie bat, das Zehnncarkstück, das sie als Anzahlung erhalten, als Belohnung anzunehmen, zuckte es um de« Kosy Mund; sie legte die zehn Mark auf den Tisch, wandt« sich ab und ging schnell zur Tür hinaus. — — Ja, Frau von Hilbach hatte Glück in diesem Som- mer! Das sagten ihre Nachbarn und sahen neidisch aufs Witwenhaus, und das sagte vor allem die Pastorin, die bis jetzt vergeblich darauf gewartet hatte, ihr Korridorfenster vor Mietslustigen öffnen zu können und den schönen Blick zu preisen. Sie hatte der kleinen Liese von unten ein Trinkgeld gegeben und sie gebeten, ihr Kurfremde zuzuführen, wenn angefragt würde, aber bisher war niemand gekommen. Sie hatte auch versucht, sich mit den beiden Damen, die in der Stube der Frau Natusius wohnten und ost im Garten saßen, zu befreunden, aber die hatten die Keine, freundliche Pastorin nur kühl und erstaunt angesehen. . In diesen beiden Damen lernte Frau von Hilbach eine ganz neue Spezies Menschen kennen, und je öfter sie mit ihnen sprach, umsomehr fühlte sie sich beunruhigt. Int — 182 — Anfang war sie ihnen aus Fern Wege gegangen, aus I keinem persönlichen Grunde, sondern deshalb, weil es ihr I hart war, in geschäftliche Beziehungen zu Menschen zu treten, die auf gleicher gesellschaftlicher Stufe mit rhr standen. „ Sie fühlte sich oft gedemütigt, sie hätte hebet m einem Dachkümmerchen gesessen und gestickt. Tag und Nacht, und obtvohl sie sah, daß viele Damen hier im Ort das Gleiche tun mußten wie sie, war es ihr hart, und so oft es anging, zog sie sich in ihr Alkovenstübchen zurück und träumte vor sich hin. Die Tage kamen und gingen, und Frau von Hilbach hatte es'aufgegeben, weiter nach den dreitausend Mark zu suchen. Das hatte sie schon ein paarmal im Leben so getan: sie hatte das Unglück in der Ecke stehen sehen und hatte gewußt: Mit Aufbietung all deiner Kräfte kannst du es von dir fernhalten. Eine Zeitlang hatte sie auch ge- käinpft, aber dann waren ihr die Arme schlaff geworden. Eine große Gleichgültigkeit und Müdigkeit hüllte sie wie in tiefe Träume em, und sie lächelte wehmütig ihrem Unglück entgegen und beugte sich vor ihm. Sie dachte nicht mehr weiter wie bis zum ersten Juli. Wohl strich sie morgens beim Erwachen die Zahlen auf dem Bogen über ihrem Bett aus, aber sie zählte nur noch die Tage, die bis zum ersten Juli fehlten, und sie empfand oft eine Art kindlicher Neu gier, was wohl kommen würde, wenn sie trotzig bliebe und nichts gegen ihr Unglück tat. Oft, wenn der kleine Erwin sie so lange gequält hätte, bis sie ihm nachgegeben und mit ihm unter die Linde in den Garten gegangen war, fühlte sie, daß die beiden Damen, die bei ihr wohnten, sie beobachteten, und sie errötete unter ihren Blicken. Sie empfand etwas wie Ehrfurcht, fast Angst vor ihnen, und sie wußte nicht, in welche Kategorie von Frauen sie sie einreihen sollte. Sie hatten etwas so Unpersönliches an sich, waren nicht alt und nicht jung, nicht schön und auch nicht unschön; ihre Art war nicht eigentlich freundlich und doch auch nicht unverbindlich, und Frau von Hilbach forschte vergebens in ihren Erinnerungen, ob ihr solche Menschen schon begegnet waren. Nein, damals, als sie ganz jung gewesen, hatte sie ihre Freundinnen gehabt, die alle so erzogen waren wie sie: bis zum siebzehnten Jahre Schule, dann ein Jahr Pension, dann Gesellschaften und Tanz und als Schluß Verlobung. Sie dachte dann an die Regimentsdamen, mit denen sie während ihrer Ehe verkehrt. Die hatten den Kopf voll von Haushaltungssorgen gehabt, sprachen über Dienstboten und Babys und klatschten ein bißchen. Und dann? O, dann hatte sie die Witwen aus ihrem Haus zum Verkehr gehabt, lauter Frauen, die das Leben hinter sich hätten und von der Erinnerung zehrten und sie nicht verstehen konnten. Die beiden Damen riefen den kleinen Erwin zu sich, und ließen fragen, ob seine Mutter sich nicht zu ihnen in dis Laube setzen wollte. Frau von Hilbach erschrak, wie als Schulmädchen, wenn sie während der Unterrichtsstunde geträumt hatte und von einer strengen Lehrerin plötzlich aufgerufen wurde. Sie ging langsam zu den Damen und nahm bei ihnen Platz, und sie brauchte nicht viel zu reden, denn das taten die Damen, und was sie redeten, erfüllte Frau von Hilbach mit Staunen, aber es war ihr, als fröstelte sie, obschon der Abend warm und freundliche war. „Ja, sie ist entschieden bildungsfähig!" hörte sie plötzlich eine der Damen sagen, denn sie hatte ihnen nicht folgen können. An einem Punkt der Unterhaltung hatten ihre Gedanken plötzlich Halt machen müssen und waren wie entsetzt stehen geblieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie Frauen geistreich reden; nein, nicht zum ersten Mal! In Vorträgen hatte sie Aehnlützes gehört, aber dann hatte so eine Frau, die selbständig fein wollte und für die Unabhängigkeit ihrer Mitschwestern plaidierte, auf einem Podium gestanden, und es war eine Kluft gewesen zwischen ihr und ihren Zuhörern. Man hörte so etwas nnb vergaß es wieder, es war wie ein Theaterstück oder ein Buch, das man las. — Nun aber saßen da zwei Frauen in ihrer Laube und sprachen von Individualität, vom Ausleben, von Gleichberechtigung, von all den Dingen, die Frau von Hilbachs Mann einfach als verrückt bezeichnet hätte. Sie sprachen Worte ans, beten Sinn Frau von Hilbach nicht verstand, und alles, was sie sagten, klang so selbsh- verständlich, wurde so ernst und bestimmt ausgesprochen^ daß man gefangen wurde. Wie der Ton aus einer andern Welt schlug es an Frau von Hilbachs Ohr. Mess beiden, die da vor ihr saßen- tonnten nichts von Liebe und Sehnsucht, die sahen nicht im Mann ein höheres, stärkeres Wesen, zu dem man auf* blickt, von dem man sich beschützen und leiten lassen will; die "wollten ihn herunterzerren von seiner eingebildeten Höhe, wollten neben, nicht unter ihm stehen und hießen eine Ehe nur dann gut, wenn sie aus Vernunft geschlossen wurde, wenn beide Teile als gute Freunde mit gleichen Rechten durchs Leben gehen wollten. „Ja, sie ist entschieden bildungsfähig," sagte noch einmal die eine zur andern über Frau von Hilbach hinweg und sie sahen etwas mitleidig auf sie herab. „Sie müßtest vor allem aus Ihrer primitiven Umgebung heraus! Wip werden Ihnen Broschüren geben, werden Sre aufklären; man hat Ihnen zu lange die Augen verbunden. Sie sind Frau im schlechten Sinne, Sie haben feine eigene Anschauung. Ziehen Sie nach Berlin! Wir werden Sie in unsere Kreise einführen, wir werden eine Individualität aus Ihnen machen!" — Frau von Hilbach antwortete nichts. Sie fühlte mitj daß da tief in ihr etwas vibrierte; sie wußte auch, daß in ihrem Kopf etwas zu leben begann,/was ihr Pein verursachen mußte. Das waren wieder die Gedanken, die ohne ihren Willen in ihr arbeiteten, die aufgescheucbten Vögel, die den Schlaf von ihrem Lager bannten, ihr Die Nächte zu einet Hollei machten. Der arme, müde Kopf konnte ja bald nicht mehr denken; für Tage gab er sich jetzt der stillen Gleichgültigkeit hin- aber wenn er erwachte, wär er so voll von Schmerz, Unruhe und Angst, er konnte doch nicht noch über fernliegeude Dinge nachdenken. Und doch, er, mußte! Die eine Dame hatte das Wort, „Weibchen" inbezug auf die Stellung der Frau zum Mann gebraucht, und das hatte sie so mitleidig gesagt und umi ihren Mund war ein so sarkastisches Lächeln gegangen, daß Frau von Hilbach darüber erschrak. Was für ein armseliges, kleines, unwissendes Ding war sie in den Augen dieser beiden Frauen! Verzagt, müd> gleichgültig! Ein „Weibchen", das sich anlehnen will, Frau im schlechten Sinn! Sie lebte nicht, sie vegetierte, und! diese Da lebten sich aus und erwähnten stolz, daß sie räch richtslos seien, — (Fortsetzung folgt.) Die Vmimengrete. Von Max Karl Böttcher- Chemnitz. Von niedrigem' Strauchtverk umgeben und beschattet von großmächtigen Linden, steht in der kleinen Stadt L. der Heimats'- b turnten. , Im Hintergründe überragt eine Säule, auf deren Sockel zwei Tauben kosen, das Monument. — Inmitten des riesigen, aus mächtigen Steinen gefügten Brunnenbassins erheben sich, unregelmäßig geschichtet, eckige Felsen, und auf dem obersten liegt in Form eines ausgehöhlten Baumstammes, aus rotschimmerndemj Porphyr gehauen, der eigentliche Brunneit. — An ihm lehnt irt träumerischer Stellung ein junges Mädchen. — Das Röckchen geschürzt, während die Rechte in schöner Wölbung einen kleinen Wassereimer hält — so schaut sie mit verlorenen Blicken in die plätschernden Fluten. Ein liebliches Bild. Die kurzeir puffigen Aermel und das geschnürte Mieder passen Vortrefflich zu den beiden langen Zöpfen. Der ganze Brunnen atmet Frische und Anmut. Heimatsbrunnen — so nennen die Einwohner das Denkmal ein Denkmal der Dankbarkeit, gestiftet von vielen in der kleinen Stadt L, geborenen und jetzt in der Fremde weilenden Männern.: An einem schönen MaieNtage stieg ich die kastaniengesäumten Wege vom Bahnhofe zu L. nach der Stadt empor. Die Rotdornhecken prangten in ihrem ersten Grün, das ferne Rauschen des. Talflusses vermischte sich mit dem Raunen der Baumwipfel, und zwischendurch schmetterte ein bunter Fink. „Meine Begrüßung," dachte ich. „Hier kannst du gesunden- !— hier — in dieser Ruhe, — in diesem Grün." Ich überschritt beit sehr gelegenen Markt und suchte Dabei emsig nach einer mir zusagenden Wohnung. Wer nirgends erspähte ich eines der deyk Großstädter so gewöhnten ustd hekanntM 188 Btokte: Möblitzrtts gitttttter zu tfcrmWt In ehttt kleinen! Stabt scheint man eben nicht möbliert zu wohnen. Ich schlenderte noch durch einige Gassen, mich Wm Mit dem Gedanken vertraut machend, im Gasthof wohnen zu müssen. Da stand ich plötzlich vor dem Brunnen. Er zierte das Ende einer schmalen Lindenallee, die den Namen ,,Peter-Apron-Platz Whrte. „Hier möchte ich wohnen, angesichts dieses plätschernden Brun- . Pens, angesichts dieser lieblichen Mädchenfigur," die ich rm stillen Sofort „Brunnengrete" taufte. Ein Briefträger ging vorüber, „He, Freund, — ist Ihnen bekannt, ob man hier in der Nähe ein oder zwei hübsche Zimmer, Möbliert, mieten kann?" „Nee, Herr! So was gibts bei uns nicht, höchstens, wenn Sie wollten mal bei unserm Postadjunkten fragen, ob der will Ihnen seine Zimmer ablassen. Der wohnt gleich hier, sehen Sie, dies« drei Fenster!" „Ja, Freund, wo soll dann der Postadjunkt wohnen?" „Der verreist heute nachmittag auf drei Wochen zu einer Ml itäri scheu Hebung." „So — hmm. Und die Möbel?" „Die gehören auch ihm. Gehen Sie itut mal rauf, das ist «kN lieber Herr." Ich verhehlte mir nicht, daß eine gute Portion Dreistigkeit dazu gehörte, einen wildfremden Menschen zu ersuchen, mir auf Vier Wochen aus reiner Freundlichkeit seine Zimmer zu über- laffen. Aber die Hoffnung, an diesem ruhigen Platz und angesichts des romantischen Brunnens wohnen zu können, überwog alle Bedenken. „Mehr als rauswerfen kann er dich nicht",- sagte ich Mr und betrat das Haus. 9hm wohnte ich schon drei Tage am Peter-Apian-Platz. Mn steter Schauer hielt mich in den niedrigen, uralten Räumen umfangen. Im Wohnzimmer warm die Fenster konisch ausgeschnitten. An dm Quadern warm eichene Klappenschemel angebracht, und te lehnte stundenlang in dieser Fenftemische und schaute in die Feme, aus der das alte Schloß Mildenstein grüßend herüberwinkte, oder ich erfreute mich an der lieblichen Brunnengrete. Je öfter ich das Mädchen anschaute, desto mehr gewann es tot Leben und Natürlichkeit, und in meiner regen Phantasie unterhielt ich mich viel mit der reizenden Figur. Brunnengretchm schim übrigens außer mir noch einen anderen Verehrer zu haben. In den Anlagen am Bmnuen standen zwei Bänke. Auf einer derselben hatte ich schon des öfteren einen alten Herrn bemerkt, der unverwandt zu dem! Schöpfmädchen hinauf- Waute. Jetzt saß er wieder auf seinem Platz. Ich war gerade daran, nrir den Alten genauer zu betrachten, als meine Wirtin ins Zimmer trat. „Herr Doktor, zwei Briefe." „Sie sollm mich ja nicht Doktor nennen, Frau Neubert, G lebe hier ganz inkognito." „Herr Gdttel, ja, ich vergesse es allemal wieder, Herr Doktor." Die biedere Kleinstädterin machte mich lachen. „Na, dann ßagen Sie mir wenigstens, wer der alte Herr ist, der da unten am Brunnen sitzt?" Ohne einen Blick durchs Fenster zu werfen, sagte fier „Der? Mch, das ist der Bmnnmfex!" ' „Wer ist das?" „Weiß ichs?! Der Kerl sitzt schon seit Jahr und Tag vor dem Brunnen. Sollte sich schämen, der alte Knacker, treibt beit reinsten Götzendienst. Er ist ganz verschossen in das Frauenzimmer." Flammend vor Zorn fuhr die gute Frau aus dem Zimmer'. Ich vermutete in dem „Brunnensex" ein Original und beschloß Mch ihm zu nähern. Am Nachmfttage trat ich an den Brunnen. Der alte Herr saß an seinem Platz, und nachdem ich mir das Denkmal von allen Seiten betrachtet hatte, setzte ich mich neben seinen Verehrer. „Mit Verlaub?!" Er nickte, rückte jedoch bis an das äußerste Ende der Bank. Nun blickten wir beide zu der Bruunengrete empor. Ein hübsches Monument", sagte ich nach geraumer Weile. Er nickte wieder und erhob sich unwillig. Mir fdjiien, als ob er sich mit dem Handrücken über die Augen wischte. Ohne Mr einen Gruß zu gönnen, schritt er langsam, müde durch bie Anlagen. „Ein wunderlicher Heiliger", dachte ich. Am nächsten und übernächsten Tage erging es mir nicht besser. Beim geringsten Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen, verließ der Alte seinen Platz. Am dritten Tage zog ich Mein Skizzenbuch und begann, ttot Brunnen zu zeichnen. Anfangs nahm der Brunnenfex gar keine Notiz davon, aber nach und nach rückte er näher, warf wohl auch einen Blick auf meinen Block und verglich das Original Mt der Zeichnung. Ich schwieg. Nach halbstündiger Arbeit klappte ich das Zeichen- buch M und. wollte gehen. -Mein Herr!" rief mich mein Nachbar an. In feiner StimMk lag Müde und Aengstlichkeit. „Mein Herr, wollen Sie mir das Blatt schenken?" „Wenn Sie Interesse daran haben — gern. Ich ntiafij mir morgen ein anderes." Ich riß die Skizze aus dem Buche und reichte fit ihm hkst, Er Kaufte kaum, aber seine Augen glänzten feucht. Am nächsten Tage skizzierte ich den Brunnen von neuem, und als ich, gehen wollte, erbat er sich wieder das Blatt. Ich mußte lächeln unh gab. es ihm. „Sind Sie Maler?" fragte er. „Nein, Schriftsteller." „Warum setzen Sie sich darin schien Dag vor meinen Brunnen?" Das „meinen Brunnen" sagte er so selbstverständlich, daß K einen Augenblick annahm, er sei der Schöpfer. „Nun?" drängte er. „Mir gefällt das Monument außerordentlich, besonders Wie Mädchenfigur." Er nickte und sah vor sich hin: „Ja, ja, die Grete!" Wie merkwürdig, der Alte nannte das Schöpfmädchen auch Grtte! Ich sagte: „Das Matchen haucht sä viel Anmut unij Unschuld!" „Ha, Unschuld!!" sagte er halb zornig, halb voll Unmut und ließ mich stehen. Ich ging ihm nach. „Darf ich ein Stück mit Ihnen gehen?" „Ich kann Sie nicht hindern." Schweigend gingen wir nach dem Städtchen bis zum Schlöffe Mildenstein, lieber dem Burghöfe lag heftige ©title. Vor deut Eingänge der alten Schloßkapelle standen zwei runde Sitzstein«, und hier ließen wir Uns nieder. Der Alte war so in Gedanken versunken, daß er von meiner Gegenwart überhaupt keine Notitz nahm. Der heisere Schrei der Dohlen, die vom Burgsried ist ihrem ruhigen Fluge nach der mächtigen, mit Efeu bis in di« höchsten Zweige umrankten Linde schwebten, war der einzig« Laut in dieser Still«. Der Brunnensex blickte mit starren Augen nach der Sonnenuhr. Leise flüsternd Hub er an: „Du gehst rastlos deinen Weg, Sonne und Schatten, und mich läßt du zurück mit meinem Kummer, nun schon seit 26 Jahren. Damals war ich Musiker an der Dresdner Hofoper. Mein Haar war schon grau, da kam btt kleine Minden ans Theater. Sie tanzte gut. Gott, die Glieder! So fein wie Sonnenstrahlen, und sie war anständig, Einst kam sie bis an die Rampe. Mir wurde der Arm schwer, meine Bogenstriche wurden zittrig und der Dirigent hat mich garstig angehaucht. Aber was halss?! Ich hatte eben die Minden lieb und ein Jahr später war sie meine Frau. Auf die Brettel! kam sie nicht wieder. Zwei Jahre später trugen wir sie hinaus. Für solche Wesen ist eben der Alltag nichts. Sein Berühr^ tötet sie." Er schwieg wohl zehn Minuten lang und ich Mete mich, ihn zu stören. „Künstlerblut und Künstlerblut zusammengeschweißt taucht nichts, das gibt Teufelsbrut! In der Wiege lag das Wurm, Augen, wie Veilchen, Gliederchen, wie Spinngewebe. Ich dacht«, das Mädel wirds nicht lange machen! Ha, und wie sie wuchs und wie ich sie gehegt habe! Und wie sie 15 Jahre alt war, wollte sie ans Ballet. Nee, Grete, daraus wird nichts, sagt« ich ihr. und dabei blieb es. Hätte ich sie doch zum Ballet gelassen! Künstlerblut läßt sich nicht unterdrücken und wenn es nicht ernste, echte Künstlerarbeit leisten kann, schlägt es fehl,- Komme ich so eines Tages nach der Frühprobe nach Hausey ist von der ganzen Grete nichts mehr da als ein Zettel: Lieber Vater, — lebe wohl. Bin mit Rudi Berger nach dem Süden abgereift. — Ich hab ihn so lieb. — Grete." Berger war ein junger Maler, der in meinem Hause verkehrte. Das war bet Anfang! Und das Ende?! Sie ist ein Modellmädel geworden. Heiliger Himmel! Meine Tochter ein Modellmädel! Das ist sie." Er nahm meine Zeichenblätter aus der Tasche und betrachtete sein Kind. Mich erschütterte der Anblick des alten Vaters. Mit gebrochener Stimme fuhr er fort: „Seit sieben Jahren suche ich sie. In Berlin, in München, in Düsseldorf, in Dresden und In Paris, überall bin ich gewesen, aber die Grete habe ich nirgends gefunden. Sie hat mich vergessen in ihrem wüsten Leben — oder sie schäint sich. Lieber Gott, gib wenigstens^ daß sie sich schämt! — Vor zwei Jahren kam ich durch Zufall hierher, nun habe ich sie wenigstens in Erz. Sie ist ja tot für mich, aber ich rann mein Kind nicht hassen. Hier wartS ich bis an mein Ende. Wenn sie mal herkommt, ihr ehernes Bild zu schauen, kann sie mir die Augen zndrücken!" Gestern wollte ich abreifen. Weil ich aber dem „Brunnenfex" morgen das letzte Geleit geben will, muß mich das Uralt« Haus am Peter Apicm-Platz noch zwei Tage beherbergen. Die Fenster nach dem Heimatsbrunnen (jabe ick), mir allerdings von meiner Wirtin verhängen lassen, denn die Brunnengrete mag ich nicht mehr anschauen. Und warum?? Noch drei Wochen hatte ich mit dem alten Kammermusiker die heilige Ruhe des SchtohhofeS von Mildenstein genossen. Nur während seiner Andachtsstundeu vor dem Brunnenmonument ließ ich ihn. allein., — 184 — Vorgestern saß er wieder auf der Bank neben dem Denkmal. Wh stand in meinem Zimmer am offenen Fenster. Da kam in tollem Tempo über das.holperige Pflaster ein Wagen gefahren. Mit kurzem Ruck hielt er am Peter-Apian-Platz und eine Minute daraus erklang silbernes Lachen bis zu meinem Erker und im selben Augenblick ein gepreßter Schrei, ein Tvdesschrei. , Der Brunnenfex siel vornüber und lag vor seiner Bank. . Die junge Dame aber in elegantester Sommertoilette und überreichem fßelj* werke zerrte ihren Begleiter weg nach dem Wagen. „Kommen Sic, Gras, ich glaube, den alten Kerl hat bei meinem Anblick der Schlag gerührt, er griff sogar nach mir." „Schade, Grete! Ich hätte gern mal das liebliche Original Mit dem Kunstwerke verglichen." „Ein andermal, Graf. Sie wissen, meine Nerven . . . ." Der Wagen rollte davon. iJch aber -rückt« dem Vater die Äugest zu, ich, eist fremdest Mann. _________ Vermischtes. * Kulturgeschichtliches vom Schneeglöckchen. Zn den populärsten Frühlingsboten des deutschen Volkes gehört das Schneeglöckchen, auch Schneeflöckchen, Schneekröpfchen genannt. Als älterer deutscher Name kommt „Hornungsblume" in Betracht, als mundartliche Benennung in der Schweiz „Amselblumli", denn wenn es blüht, beginnt nach dem Volksglauben der Amselschlag. Den Ursprung des Schneeglöckchens hat die Sage liebevoll ausgeschmückt. In der Münchener Halbmonatschrift „Natur und Kultur", Herausgeber Dr. F. I. Völler, lesen wir: Eine arabische Pslanzensage (Dyer, The legends of Plants, p. 308) berichtet: Eva trauert über der wüsten Erde. Es wuchs keine Blume und der Schnee fiel dicht als ein Bahrtuch ftir das unzeitigst Begräbnis der Erde nach der Menschen Fall. Aber der Engel sing eine Schneeflocke aus, hauchte sic an und befahl ihr Gestalt anzunehmen, zu knospen und zu blühen. Ehe sie die Erde berührte, war sie schon zu einer schönen Blume geworden, die Eva mehr schätzte, als alle die anderen schönen Blumen im Paradies, denn der Engel sagte, sie sollte ein Zeichen sein, daß Sommer Und Sonne wiederNmen. So schied er und st j er gestandest hatte, war jetzt ein Kreis lieblicher Schneeglöuchen zu sehen. Nach der Fabel des englischen Dichters Tickell liebt König Albion die Tochter Oberons, des Beherrschers des Feenreiches. Der erzürnte Oberon will das Liebesverhältnis nicht dulden und rüstet zum Kamps. Albions Sohn sammelt gleichfalls eine Armee, Unterliegt aber in der Entscheidungsschlacht und wird tötlich verwundet. Kenna bestreicht die Wunden ihres sterbenden Geliebten Mit „moly" (wilder Knoblauch) und aus den Wunden entstehen Schneeglöckchen. Englische Namen für das Schneeglöckchen sind: Snowdrop oder The fair maid os February. Das Schneeglöckchen hat natürlich in Volksglaube und Volksbrauch eine ziemliche Be- veutung. Kaum erscheinen die Blätter nach der Schneeschmelze, & graben die Slowaken die Zwiebeln aus und geben sie den hen, damit ihnen die Zauberinnen die Milch nicht wegnehmen. Kurze Blüte des Schneeglöckchens deutet nach deutschem und schweizerischen Volksglauben aus kurzen Sommer. (Bahr, und Oesterr. Hochland.) Nach dem bekannten mittelalterlichen Buch von der Bedeutung der Blumen bersten Schneeglöckchen aus reine Fugendlieben mtb aus Demut. Es heißt dort von ihnen „Wer inne selber ttsserwelet eine liebe, und doe nit groß sreude hait, und balde »belast, der sol hornungsblümel tragen". Das Schneeglöckchen war die Liebliugsblnme der russischen Kaiserin Katharina II., die einst über ein schönes Schneeglöckchen in der Nähe ihres Schlosses so erfreut war, daß sie dort einen Wachtposten ausgestellt, um es zu schützen. Der Anlaß des Postens wurde vergessen und dieser erst unter Alexander I., der sich nach dem sonderbaren Grund des Sofiens erkundigte, beseitigt. Von deutschen Dichtern, die das chneeglöckchen besungen haben, seien u. a. genannt Robert Reinick Mit seinen „Frühlingsglocken" und G. Scheuerlin. * Wasserdichter Seifenbeton. Durch seine vor- kresslichen Eigenschaften als Baumaterial findet der Beton, immer neue Verwendungsgebiete. Seine ursprüngliche Benutzung als einfacher Steinmörtel ist je nach Verwendungsweise und Zusätzen aller Art sehr vielsestig geworben. In neuerer Zeit benutzt man ihn als Eisenbeton zu Konstruktionen im Hoch-, Tief- und Brückenbau, ja selbst Hausgeräte, Möbel und Kähne fertigt man aus Beton an. Kürzlich ist ein neuartiger wasserdichter Seisenj- beton zum Bau eines an der Donau liegenden Mehlspeichers ans Eisenbeton verwendet worden. Untersuchungen der gangbarsten Dichtnngsstofse hatten bei den meisten als wirksames Mittel Kaliseife (Schmierseife) ergeben. Die Dichtungsschicht besteht aus einer neun Zentimeter dicken Schicht ans feinkörnigem Stampfbeton und einer ein Zentimeter dicken Schicht aus Zementmörtel. Statt reine» Wassers wurde für beide Schichten eine Kaliseifen- lösung verwendet, wobei drei bis vier Kilogramm Seife aus einen Kubikmeter Beton ober Mörtel kamen. Die Schicht hat sich bei einem bald darauf eintretenden Hochwasser als vollkommen dicht erwiesen, während ein ähnlich, aber ohne Seifenzusatz her- gestellter Beton bei einem anderen Bau etwas wasserdurchlässig war. Die Wirkung der Seife bdruht nach der „Umschau" tvaHV* scheiulich auf der Bildung tton wasserdichtem, fettsaurewj Kalzium, das die Fugen verschlämmt. * Vorbereitungen zur englischen Krönung-'«' feier. Die britische Reichshauptstadt steht bereits seit Wochest tm Zeichen der kommenden Königskrönung, die nahenden Festlichkeiten, die an Prunk und Großartigkeit alle früheren Krönungeni überbieten sollen, sind das Tagesgespräch, in den Schneiderateliers wird fieberhaft gearbeitet, um die Krönungsmoden beizeiten herauszubringen, und die vornehmen Damen der Hofgesellschaften suchest in schlaflosen Nächten das Probleur zu lösen, welchen Schmuck! und welche Blumen sie an dem großen Nationalfeiertage anlegest sollen. Die Blmnenfrage ist jetzt gelöst, und alle bange Unsicherheit gewichen: die Königin hat der britischen Gärtnerinnung dest Wunsch laussprechen lassen, daß das große Krönungsbukett, das der hohen Frau überreicht werden soll, aus rosafarbenen Nelken bestehen möge. Sogar die Verschiedenheiten sind bereits sestgcsetztk der Strauß wirb aus blaßrosigen, kirschroten und einfach rosafarbenen Nelken zusammengesetzt. Bei den Blumenhändlern hak diese Nachricht die höchste Aufregung hervorgerufen, denn de« Wunsch der Königin entscheidet natürlich über die Modeblumen der Krönungszeit, und es gilt, beizeiten Vorsorge zu treffen, um in den Festtagen der Nachfrage genügen zu können. So wirft die Entscheidung feier Königin Mary für alle englischen Nelken- ziichter zum Signal, iu den nächsten Wochen den rosafarbenen Nelken ihren besonderen Eifer zuzuwenden, und auch die privaten Gartenfreunde werden diesem Winke folgen, so daß man im kommenden Sommer wohl in allen englischen Gärten ein Meer rofigeti Nelken in Blüte sehen wird. Inzwischen rüstet sich aber auch die englische Industrie, um in den Krönungstageu wenn möglich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und die nationale Begeisterung mit einem guten Geschäfte harmonisch zu verbinden. Die Tausende von fremden Gästen, die durch die Krönung nach London gelockt werden, pflegen erfahrmigsgemäß irgend eine kleine Erinnerung an das genossene Schauspiel mit heim nehmen zu wollen, irgend ein „Souvenir", sei es nun eine Medaille, ein Bildnis ober sonst irgend ein Galanterieartikel, der auf den Krönuiigstag Bezug nimmt. Bei früheren Gelegenheiten war es fast immer das Ausland, das den Briten diese „nationalen Souvenirs" lieferte, diesmal aber sträuben sich die allbritischen Patrioten gegen den Gedanken, daß man im Juni in London am Ende Krönungs-erinnerungest für billiges Geld kaufen könnte, die die Inschrift „Made in France" oder gar „Made in Germany" tragen. Der überraschende praktische Erfolg, den vor kurzem die mit großem Lärm in Szene gesetzte „allbritische Einkaufswoche" erzielen konnte, hat den englischen Fabrikanten Mut gemacht, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie zu erweisen. Und so herrscht denn in allen Galanteriefabriken der fieberhafte Ehrgeiz, bei der Krönimg König Georgs zu beweisen, daß England sehr wohl im Stande ist, alle jene kleinen „Souvenirs", die man für Sixpence in den Straßen Londons wird kaufen können, selbst und aus eigener Kraft hervor- zubringen. * Wertvoller. „Heute kann ich Ihnen die hundert Mark leider nicht zurückzahlen: ich gebe Ihnen aber mein Ehrenwort. .." —i „Gehen Sie mir lieber 5 Mark ü conto!" Schachaufgabe. Non S. Loyd. Schwarz. Weitz. Weitz setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Müßige Leute haben am meisten zu tun. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch» und Steindruckerei R. Langem Gieße»