Mittwoch de« 20. Dezember WZ W® «ä n jy^LfV fcifs C'w4 - Ein Weihnachtsabend. Nkovellette von Emma Haushofer-Merk (München). (Nachdruck verboten.) In der Pension „Immergrün", in einer der eleganten neuen Münchener Bvrstadtstraßen, saßen an dem 24. Dezember nur Mehr wenige Gäste an der Mittagstafel. „Meine Herrschaften!" rief ein bartloser, blasser, junger Mann, dem eine geniale Locke in die Stirn hing. „Wir bekommen herrliches Wintenvetter für die Feiertage! Wer fährt mit nach dem Isartal? Zum Rodeln?" Er war Musiker, Geiger, hatte vor kurzem ein erfolgreiches Konzert gegeben und trat seitdem in der Pension mit dem Selbstbewußtsein des „beriihmten Mannes" auf. Während er sprach, heftete er seine großen, schwarzen Augen auf ein hübsches, brünettes Mädchen ihm gegenüber, als gelte seine Frage hauptsächlich ihr. Mer Trude Karstens blieb stumm. „Bitte, machen Sie doch den Reisenmrschall, Herr Prohaska! Wir kommen gern mit!" klangs ihm von allen Seiten entgegen. „Ich muß genau wissen, wie viele sich anschließen, damit ich wegen der Unterkunft telephonieren kann," drängte er weiter Und schaute immer noch unverwandt auf das blühende, pikante Mädchen gesicht, daS bei seinem auffallenden Anstarren errötete. Tann sprang er aus und stand so plötzlich dicht neben Trude, Naß sie fast erschrak. „Sie sagten noch kein Wort, gnädiges Fräulein." „Ich hatte wahrhaftig noch keine Zeit, mir irgend etwas zu überlegen. Es gab so viel zu tun!" meinte sie zögernd. Sie war trotz ihrer Jugend schon Leiterin eines neugegründeten kunstgewerblichen Ateliers, das rasch emporblithte. „Sie ditrfen — dürfen nicht fehlen!" bat er schmeichelnd in seinem weichen slawischen Tonfall. „Es sollen köstliche Feiertage werden! Wir wollen morgen dann weiter hinein in die Berge. Es ist herrlich, in der klaren Winterluft talabwärts zu sausen, als hätte man Flügel! Sie werden es genießen!" Ihr war es peinlich, daß sich alle Blicke auf sie richteten, iund sie sagte rasch: „Also ja! Ich komme mit!" „Danke, danke!" rief Prohaska triumphierend. „Wer ist noch von der Partie?" „Bitte mich porzumerken!" warf der Privatdozent Dr. Gilbert mit kühlem, fast feindseligem Tone hin. Er hatte das geflüsterte Zwiegespräch beobachtet; seine Haltung war noch schroffer und ablehnender als sonst gegen den Musiker, der auch in der Pension die „erfte, Violine spielen" wollte. „Also, um drei llhr geht der Zug, meine Herrschaften! verkündete Prohaska noch, .mit der Miene eines gewandten Impresarios. „Es wird alles geordnet!" Beinr Kaffee war es fast leer im Speisesaal. Trude saß noch mit der Zahnärztin Franz in einer Fensternische. Dr. Gilbert las die Zeitung. Aber über das Matt weg betrachtete er unauffällig Trud-es braunen Kopf, ihreir hübschen schlanken Hals, Und er konnte auch, ohne zu lauschen, das halblaute Gespräch der Damen hören. , „Es wundert mich, daß Sie nicht Heimfähren, Fraulern Karstens," sagte die ältere der beiden. „Sie Glückliche haben es doch fo nah nach Hause." , Trude schüttelte trotzig den Kopf. „Seit Manta tot rst, habe tch kein rechtes Zuhause mehr. Mein Vater lebt, seit er pensioniert ist, auf dem Land am Ammersee mit seiner Schwester, feie ihm den Haushalt führt, und weil ich micht nicht winterslang zu ihm in die Verbannung setze, bin ich Ur ihn eine entortefd Tochter, ein Ungeheuer." „Aber wie, sollen Sie denn fort von der Stadt! Sie haben doch eine Stellung, um die Unzählige Sie beneiden." „Das begreift Papa eben nicht! Wenn ich tot bin, kannst du tun, was du willst! Jetzt ist dein Platz bei nur! sagt en Daß meine Brüder fortgingen, daß meine Schwester sich nach Windhuk verheiratete, fand er ganz in der Ordnung., Aber ich soll nicht an meine Zukunft denken! Ms ob sich so leicht wieder eine Lücke fände, wenn man einmal seinen Posten nn Stich gelassen hat! Papa hat es für eine Spielerei gcha ten, daß ich auf die Kunstschule ging. Daß ich jetzt mein gutes Gehalt, meine Selbständigkeit nicht preisgeben will, das scheint ihm unnatürlich, undankbar, empörend!" „Es ist ja immer derselbe Konflikt," meinte die Zahnärztin nachdenklich. „Aber heutzutage müssen wir Frauen lernen, auf eigenen Füßen stehen, und deshalb brauchen Sie sich keine Skrupel zu machen..." ' „Tu ich auch nicht," lachte Trude. „Und ich will auch nicht immer böse Gesichter sehen! Ich mag mich nicht anbrummen lassen I An einem Feiertag will ich lustig sein! Kommen Sie, Fräuleui Franz! Auf zur Rodelbahn! Lassen wir das alte Weihnachten!" Alles fant> sich rechtzeitig auf dem Bahnhof ein. Dr. Gilbert machte einen Versuch, in Trudes Nähe zu gelangen; aber Prohaska kam ihm mit seiner raschen, geschmeidigen Beweglichkeit zuvor und nahm sie während der Fahrt vollständig in Beschlag. Es ärgerte ihn freilich, daß sie nur zerstreut,auf sein Geflüster lauschte und ihre Aufmerksamieit ein paar kleinen Mädchen zuwendete, die offenbar zur Weihnachtsbescherung nach Hause fuhren und ihre selige Erwartung kaum zu bändigen vermochten. „Es ist merkwürdig," sagte er mit leisem Spott. „Sie sind eine selbständige Frau und doch im Grunde ein großes Kindl Freier müßten Sie werden, moderner, leichtlebiger^ In einer Stunde tu ar man -am Ziel. Nun dunkelte es schon.. Beim Tee in der gemütlichen Gaststube gab es noch eine Ueber- raschung: Prohaska hatte seine Geige mitgebracht, und er war bereit zu spielen. „Für Sie! Nur für Sie!" raunte er zärtlich in Trudes Ohr. ,, _ , ..., Er war ein Virtuose. Er konnte die Satten so verführerisch erklingen lasseii, daß ein junges Herz wohl dem Zauber dieser Töne verfallen mußte. Mer bei all seiner feinen BerechuunÄ hatte er doch keine Ahnung, wie diese süßen, >schmachtenden Weisen, irdt beiten et tiirt Siebe werben wollte, nuf Strube wirft en, welche Erinnerungen sie in ihr wachriefen. . f f , , Während er spielte, war etn alter Herr tn das Gastlokal getreten und hatte sich an einem entfernten Tischchen niedergelassen. Vor ihm stand ein Teller mit Lebkuchen und in entern Glas ent Tannenzweig. So feierte er sein einsames Weihnachten. Und Trude mußte plötzlich mit dumpfem Reuegefuhl an ihren Vater denken. Das graue Haar tief ihr fein Bild vor Augen. So vieles strömte in diesem Klingen und Singen der Geige auf sie ein: Die Stimmung, das selig bange Gefiihl von emst! Wts ihr Vater wochenlang für sie gearbeitet, geklebt, gemalt hattet Wie er mit seinen Kindern glücklich gewesen war, in seiner Freude zu schenken, ihre überraschten Gesichter zu sehen! Und nun! Nuü lag seine treue Gefährttn unter dem weißen Hügel un Waldfriedhof; feine Schwester hatte ihn heute wohl auch verlassen, UM zu den ihren zu reifen. Er war allein, gMzallem! Sie hörte immer nur die traurigen, herzaufwühlenden Wortk jn den wehmütig süßen Tönen: Allein! Ganz allein l 794 Ms Prohaska zu Ende war unft seine Feueraugen auf sie richtete, um ben Dank für sein Spiel von ihrem jungen Gesicht zu lesen, sah er, baß dicke Tränen über ihre Wangen herabrollten. „Aber Fräulein! Das wollte ich nicht! Sie so tief bewegens'^ rief er geschmeichelt, mit eitlem Lächeln. „Verzeihen Sie! Ich muffte an zu Hause denken. Ich bekam plötzlich solches Heimweh!" sagte sie leise. „Nach unserem alten Weihnachten!" Einen Augenblick war er verblüfft, fassungslos vor Enttäuschung. „O, wir wollen die Sentimentalität verjagen!" rief er dann uiit einem harten Auflachen. Er packte die Geige und spielte mit all seiner Bravour, mit feurigem Temperament einen tollen Ungarischen Tanz, um mit dieser wild ausgelassenen Musik ihre elegische Stimmung zu verscheuchen, ihr Lebenslust durch die Sinne zu jagen, um sie her zu zwiirgeu zu sich mit unwiderstehlicher Gewalt. Aber Trude lauschte nicht mehr. Die Erinnerung war übermächtig. Ganz leise huschte sie aus dem Gastlokal, sprang die Treppe hinauf, holte ihre Reisetasche — und in der nächsten Minute stand sie schon drauffen in der stillen, kalten klaren Winternacht. Ein Schritt folgte ihr. Sie lief immer rascher. War er ihr gefolgt? O, er sollte sie nicht wankend machen in ihrem Entschluß und wenn er noch so überlegen spottete über ihre Weichheit rind sie wieder ein großes Kind nannte. Sie atmete ordentlich befreit auf, als dann nicht der schwarze Kopf des Aiusikers, sondern das blonde, ernste Gesicht Dr. Gilberts neben ihr austauchte. „Ich darf Sie doch begleiten zur Bahn, Fräulein," sagte er bewegt. „Ich kann Ihnen gar nicht ausdrückeu, rote ich mich freue, daß Sie zu Ihrem Vater wollen." Sie schaute ihn verwundert an. Woher wußte er? Konnte er Gedanken lesen? „Das ist nicht sehr schmeichelhaft, Herr Doktor," erwiderte sie und verbarg ihr Erstaunen, ihre Verwirrung unter einem kurzen Lachen. „Sie sind also sehr froh, mich hier los zu sein?" „Sie wissen sehr wohl, daß ich mich nur Ihretwegen an» schloß," gab er in einem erregten Ton zur Antwort, der ihr ans Herz ging. „Wie sollte ich das wissen?" fragte sie verlegen. „Sie haben mich niemals vermuten lassen, daß Ihnen etwas an meiner Gesellschaft liegt." „Herr Prohaska ist ja beständig an Ihrer Seite und tuschelt Ihnen in die Ohren," warf er heftig ein. „Herr Doktor! Das klingt wirklich, als wären Sie eifersüchtig !" „Nein, bang, furchtbar bang ist mir um Sie," flüsterte er bebend vor Erregung. „Um Sie zu schützen, zu warnen vor einer Gefahr, darum kam ich mit." „Bor einer Gefahr?" wiederholte sie betroffen. „O, dieser Rattenfänger rod6 so schmeichelnd zu locken!" stieß er leidenschaftlich hervor. „Hüten Sie sich vor ihm! Sie gehören nicht zu den Menschen, die über alles spotten können, die jede weiche Regung sentimental finden! Heute folgen Sie Ihrem guten Engel! Möge er Sie nie verlassen, Trude!" Es hatte etwas Ergreifendes, wie er in tiefster Seele bewegt, die Worte hastig hervorsprudelte, während sie dahingingen in der großen schönen Winterdnsainkeit. Aus dem Schulhaus kam Kindergesang; ein Weihnachtslied von zarten Müdchen- stimmen. Als er ihren Namen nannte, mit einem Ausdruck heißer, scheuer, banger Sehnsucht, schlug sie die Augen zu ihm auf und schaute ihm erschüttert in das warme, junge Gesicht. „Ich danke Ihnen! Danke Ihnen!" ftommelte sie, ihm die Hand reichend, „nnb ich will nachdenken über Ihre Worte." Er hielt ihre Hand so fest imb zärtlich in der seinen. „Trude! Trude!" rief er. „Es ist so lieb von Ihnen, daß Sie zu Ihrem Baker reisen! Das ist ja auch für mich eine große tiefe Weih- nachtssreude, weil ich nun weiß, was für ein braves, herzensgutes Menschenknrd Sie doch im Grunde sind!" Noch ganz befangen und verwirrt von ihrem Erlebnis, saß Trude dann im Zug. Der Ton, wie er ihren Namen gesprochen, klang ihr nach in der Seele und weckte ihr ein neues, süßes Glücksempfinden. Dann mußte sie plötzlich laut vor sich hinlachen, wenn sie an Prohaskas enttäuschtes Gesicht dachte! Warum hatte sie es dem Doktor nicht gesagt, daß sie gar nicht im Bann dieser schwarzen heißen Zlugen war, daß sie innerlich mit einem gewissen Mißtrauen von dem Musiker abrückte, je mehr er ihr seine Nähe aufzwang! So stumm war sie geworden vor diesem Unerwarteten, vor diesem Wunder, das ihr die Christusuacht offenbart! Sie wußte kaum, roie die Stunde der Fahri vorübergegangen war, so versonnen hatte sie vor sich hingeträumt. Daun umfing sie wieder das Stadtleben. In allen Fenstern schimmerte es hell. Die Christbäume brannten. Wie Kinderjubel schwirrte es durch die Luft. Sie kaufte, was ihr einfiel, in einer seligen, verschwenderischen Gebelaune, packte ihre Geschenke in die Tasche und lief bann rasch wieder zum Bahnhof. Es klappte gerade, daß um Neun noch ein Zug nach dem Ammersee abging. Nun ward iHv die Stund« lang. Denn während der Fahrt ergriff sie mit einem Male eine beklemmende Angst. Wenn ihrem Vater etwas zugestoßen wäre? Warum hatte! sie plötzlich sein Bild so scharf, so lebendig vor sich gesehen? Gab es nicht Ahnungen, die sich gerade in der Stunde ausdrängten, in der ein nahestehender Mensch in Gefahr schwebt? Wie furchtbar, wenn er krank wäre! Wenn sie ihn am Ende gar nicht mehr sähe! Sie mrinte, das Herz müßte ihr zerspringen Vor Ungeduld. Die Bangigkeit wollte auch nicht weichen, als sie bann durch das Dorf lief, in die Wiesemoege einbog. Weiß und licht lag das winterliche Land. Der Mond war hevaufgekoiumeit; eine glitzernde einsame Märcheuprächt war um sie her. Endlich, endlich bas Haus! So totenstill war es hier. Sie hörte ihre Schritte knirschen im Gärtchen. Ihr Schatten huschte über die weißen Beete. Gott sei Tank! Am Wohnzimmerfenster schimmerte noch Licht! Ihr Herz klopfte, als sie die Klingel zog. Es dauerte eine Weile, bis die alte Magd hevanschlürfte und vorsichtig hinausspähte. । ;ii „Wie geht es meinem Vater?" stieß Trude hervor. „Es fehlt ihm weiter nix," brummte die Alle. „Traurig is er halt, heut am heiligen Abend!" Leise öffnete Trude die Tür. Er saß von ihr a'bgcrocnbet. Vor ihm auf bem Tischchen unter der Hängelampe hatte er die Photographien der Familie aufgestellt; in der Mitte die Mutter, die der fernen Kinder daneben, auch die Enkelchen, die er noch nie gesehen. Trude atmete auf wie ans erlöstem Herzen. Auch chr Bild darunter! Nun wendete er sich um. Er hatte feuchte Augen. Sie sah es wohl. Aber er fuhr sich mit der Hand über die Lider! und hätte ihr am liebsten seine traurige, einsame Feier verborgen. Aber es klang doch eine tiefe Rührung durch feine Stimme: „Ta kommt sie wirklich noch in der späten Stunde; ganz allein, zu mir!" , t . „Verzeih, verzeih Papa, baß es so spät geworden i]t! bat sie und streichelte ihm das graue Haar, und ihr Herz war so voll Reue und Liebe, daß sie kaum zu spreche» vermochte. „Baum habe ich ja keinen," stammelte sie dann. „Nur cm paar Tanuenzroeiglein!" Sie hätte fast aufgeschluchzt, weil sw wieder an den einsamen Herrn denken mußte, der ihr das Bald des Vaters vor Augen gerufen. „ „Aber nun will i ch einmal eine Bescherung für dich rächten- wie du es so oft für uns getan hast, Papa!" Ein feierlicher Ton ttang durch die Winternacht. In allen Dörfern läuteten diei Glocken zur Christtnette und von den fernsten Einzel Höfen, aus jedem Haus, aus jeder Hütte, gingen durch das lichte Weiß die dunklen Gestalten nach altem frommen Brauch zur Kirche _____________ Thomas NaWotts §amil enleben, VrauLsahrt und Hschzät. Bon Gg. Schäfer. (Fortsetzung aas Nr. 198.) 5. Kapitel. Kirchweihe. Es war in der Nacht vom Jakobi- auf den Aunatag (25. auf 26. Juli) des folgenden Jahres, da pochte der Storch am Wallbottshofe an und legte der jungen Frau einen, kräftigen! Sohn in den Arm. Darüber herrschte große Freude im Hause. Ter Großvater saß oft Viertelstunden laug an der Wiege: er konnte sich nicht satt sehen an dem kleinen Menscheulinde. Frau Regine schritt in gehobener Stimmung leise durch die Räume, Sie sah zum Rechten; dabei beschenkte sie die Armen, die vor- sprachen, mit doppelter Gabe. „Tie Taufe des Kleinen wird in aller Stille vorgenommen," beschlossen beide Ehepaare. „Dagegen erfolgt die, Nachfeier mit der Kirchroeihe um Martini: Bis dorthin ist t>ie junge Fran ganz bei der Hand, sie kann dann eher an der Festlichkeit teil- nehmen." Bei der Taufe wurde nur ein Name gegeben. Der Kleine! erhielt den Namen des Vaters: Thomas, der schon seit hundert! Jahren in der Familie sorterbte. Der Taufsckmiaus war bescheiden. Die Hebamme erhielt ein großes Geldstück als Geschenk von dem Paten, einen Kroirentaler. Dieser wurde in ein Glas' Branntwein gelegt; die Amme mußte den Branntwein nach und nach austrinken und den Taler auf diese Weise cinheimsen. Ei» kleiner Rausch folgte manchmal darauf, roemt das Glas groß war. Wahrend der übrigen Feste: Weihnachten, Ostern, Himmcl- sahrttag und Pfingsten kirchliche Feste sind, haben Neujahr, Fastnacht und 'Kirch he, ober die „Kirmes" einen weltlichen Charakter. Der Gebirgsluroohuer hängt mit großer Liebe und unentwegter Treue an seiner Kirchroeihe. Ein ganzes Jahr lang spart die Jugend ihre Groschen für die Kirmes: aber auch ihren Haß und ihre Liebe. Man pflegt die ganze Freundschaft, d. h. Verwandtschaft, die auswärts wohnt, einzuladen. Kinder imd Kindeskiuder her weggezogeneu Familien erscheinen im Heimatsdorfe Mr KirmM 7 DO Burschen Unb Mädchen, die auswärts dienen, scheuen etitelt Weg von zehn bis fünfzehn Stunden zu Fuß nicht, um die Kirmes in der heißgeliebten Heimat mitzufeiern. Tie letzte Woche vor der Kirmes ist die große Scheuer-, Wasch«, Back- und Reinigungswoche Mr die Wohnräume, für Hof, Scheuer und Ställe. Vielleicht ist unter den Besuchern ein heimlicher Freier (benfen manche Eltern), der sich nebenbei das „Werk" etwas betrachten will. — Spätestens Freitag von der Kirmes beginnt bas Kuchenbacken: Berge von Zimmt-, Obst- Und andere Kuchen werden hergerichtet. Tas Dorf ist vom Geruch der Kuchen erfüllt. Manche Dörfer haben nicht jedes Jahr, sondern nur alle 3, 5 oder gar alle 7 Jahre Kirchweihe; dann geht es besonders hoch her. Es ist Regel, daß der Tanz unter der Dorflinde abgehalten wird, aber nur bei guter Witterung, die im November selten ist. Das Dorf Bisses in der Wetterau hat alle 7 Jahre Kirchweihe. Merkwürdigerweise tritt fast jedesmal schlechtes Wetter ein, so daß sich das Sprichwort gebildet hat: Wenn Bisses Kirchweih hat, gibt es überhaupt kein Wetter Acht Tage vor der Kirmes wird sie angetrunken. Am Hauptkirchweihtage wird unverzüglich nach der Vormittags- kirche das Mittagessen eingenommen und der Festzug aufgestellt. Zuerst kommt die Musik. Hinter dieser schreiten vier Burschen, die vorher gewählt werden. Sie müssen für Ordnung sorgen. Wer sich widersetzt, fliegt hinaus. Dann folgen die Pärchen, Hand in Hand, wie sie durch Ersteigerung, oder durch das Los znsammen- geführt wurden. Alle Gassen und Gäßchen muß der Zug durchschreiten. Vor den Pfcirr-, Bürgermeister- und Lehrerwohnung en hält der Zug einige Minuten, die Musik spielt ein Extrastückchen. Jetzt geht es ins Wirtshaus. Hier werden die drei ersten Reigen mit den ersteigerten Mädchen getanzt; sonst darf niemand mittanzen; es ist ähnlich wie bei den Hochzeiten. Dann erst beginnt der allgemeine Tanz. Ain ersten Kirch- Iveihtag sind die Säle wegen des auswärtigen Besuchs fast immer so gepreßt voll, daß sich die Tanzlustigen kaum bewegen können, sie wiegen sich nur hin und her. Dabei bleiben sie auf einem Fleck stehen. „Tas tut nichts!" heißt es, „wenn man nur etwas Warmes int Arm hat." Schwatzen und Plaudern ist beim Tanzen ebensowenig beliebt, wie beim Essen, weil beides eine viel zu. wichtige Beschäftigung ist. „Bist du gefragt?" lautet die Aufforderung zum Tanz an das Mädchen; es steht auf, sagt „nein" und geht mit dem Burschen. Sagt es „ja", so ist die Tänzerin bereits anderweit vergeben, der Bursche geht weiter und sucht eine andere Tänzerin. Ist der Tanz aus und schweigt die Atnsik, so stimmen die jungen Leute sofort ein Lied an. Nicht selten wird ein Choral gesungen, wie es in den Spinn- stuben und in der Sylvesternacht geschieht, das ist keine Gotteslästerung. Wehe dem, der eine abfällige Bemerkung wagen wollte: er würde unverzüglich hinaus geworfen. Man tanzt Walzer oder Schteifer, Schottisch, Galopp oder Dräppler; zuweilen auch den „Küssentanz", wobei Bursch und Mädchen auf ein Kissen knieen und sich einen Kuß geben. Niemand findet etwas Unschickliches dabei. So geht es bis zum Morgengrauen weiter. Dann kommt der Kehraus. Tas Zeichen dafür ist, daß alle Tänze rasch hintereinander her gespielt und getanzt werden. Nun fingen di« Burschen: „Geht haam ihr Maad! Geht haam ihr Maad! Der Fuchs der geht ins Kraut." Fluchtartig eilen die Mädchen hinweg; e§ wird als unehrenhaft angesehen, wenn eine länger bleibt. Mit Jauchzen, Singen und Schreien, das häufig heiser klingt, Liehen auch die Burschen nachhause. Der erste Kirchweihtag ist vorüber! Bei Wallbotts waren 38 Personen erschienen, obgleich nur 30 Einladungen erhalten hatten. Daraus war man gerüstet, sogar auf 40 Personen, weil manche Verwandten zahlreicher kamen, als man annahm. Vetter Renker und seine gewichtige Frau waren die ersten, die mit ihrem Wägelchen heranrollten.. Die Base konnte, weil schwer und unbeholfen, nicht allein absteigen. „Thöms! komm her! heb' die Reukers Base vom Wägelchen, jch Bin es nicht imstande," rief der Bürgermeister. Thomas lief herbei und breitete die Arme aus; langsam sank die Base herab. Aber o Mißgeschick! sie blieb mit ihren Röcken an einem Leiternagel hängen. — Thomas zog mit seiner Last vorwärts; da kam das Wägelchen — an dem glücklicherweise Has Pferd schon abgespannt war — ins Rollen. „Oha! oohaa!" schrie Renker. „Wo will denn der Thöms Mit meiner Alten hin?" „Weih ichs! frag’ den Thöms!" antwortete die Base. Renker und der Bürgermeister sprangen hinzn, hielten das Wägelchen fest und hackten die Röcke los, woraus Thomas die Base langsam aus die Füße stellte. „Du bist ein ausgezeichneter Vetter, ich muß dir eilten Schmatz für deinen Beistand geben!" rief die Dicke. „Dank' schön Base! ich bin noch so sehr außer Atem, daß ich den Mund, nicht spitzen kann. Gebt den Schmatz meiner Mutter!" „Hattest du keine Angst, als das Fuhrwerk los ging?" fragte Wallbott. „Ach was, ich habe mich in den Armen des starken Thöms sicher und mollig gefühl,t" rief die dicke Base. Tie Ankömmlinge begaben sich in das große Eßzimmer: Da standen lange Tafeln, schwer mit Speisen beladen. „Gott sei Dank und Lob für diesen gesegneten Anblick!" rief Renker; „ich hab heute noch keinen warnten Löffel übers Herz geschlagen und Essen und Trinken hält Leib und Leben zusammen!" „Und hilft zum Himmel!" bemerkte Wallbott. , „Das hat Zeit, Vetter! mir gesällts ans der buckeligen Welt tmmer noch ganz gut," rief Renker und kaute drauf los. „Hurra! eben fahren Stocks in den Hof und die Steinsurter kommen gleich hinten drein!" rief Thomas, der hinaus eilte, um die Gäste zu empfangen. „Freut mich!" ertönte es gleich darauf, denn Vetter Heibel aus Ortenberg erschien auf Schusters Rappen. Auch der netto Förster Wackeling und seine Frau kamen vom Obermooser Teich, weil sie vom Bürgermeister freundlichst eingeladen worden waren und — weil sie gerne etwas gutes aßen. Die reichbesetzte Tafel brach manchmal fast unter der Last der Speisen. Da aber stets neue Gäste kamen und die schon "früher angekommenen auch wieder Eßlust verspürten, wie z. B. Vetter Renker, Förster Wackerling und andere, sand stets Entlastung statt. Das Frühstück ging in das Mittagessen über. Dieses wurde durch den Ruf: „Ter Zug kommt!" auf kurze Zeit unterbrochen. Alle Gäste liefen an die Fenster. Wer hier keine Aussicht finden konnte, lies in den Hof. Nach zehn Mimtten war die Tafel wieder vollzählig, das Essen ging weiter. Es trat eine kurze Pause ein. Flaschen, Schüsseln und Teller wurden weggeräumt; an ihre Plätze wurden Kannen, Tassen und Platten, berghoch mit verschiedenen Kuchensorten beladen, hin- gestellt. „Jetzt kommt meine Leibfpeis'!" rief Renker. „Freut mich!" antwortete Heibel, da rutschte er auf den Boden, weil er sich neugierig erhoben, dann aber versehentlich neben den Sttihl gesetzt hatte. Ter Plumps erregte lebhafte Heiterkeit. 1 „Freut dich das auch, Heibel?" fragte seine Frau. „Ei versteht sich, Base! Jeder mutz sein Teil zur Kirmesse- sröhlichkeit beitragen." Nach dem Kaffee zündeten die Männer ihre Pfeifen an. Die jungen Leute eilten nach den Tanzböden, kamen aber bald wieder zurück und meldeten: „es ist alles so fürchterlich besetzt, daß man nicht hineintreten tarnt; erst gegen zehn Uhr, wenn die Leute aus den Nachbardörfern weg sind, können wir aukommen." Die Frauen gingen mit Frau Rechne und Anna in das Kinderzimmer, wo sie in traulichem Gespräch zusammensaßen und das Bübchen bewunderten. Langsam rückte die Abeiidessenszeit heran. Der Vikar erschien^ der vom Bürgermeister besonders eingeladen worden war, „Vetter Seibel setz dich fest!" ermahnte Renker. | „Freut mich!" antwortete dieser. Der Vikar begrüßte zuerst die Frauen, bann die Männer. „Das muß man sagen: der Vikar ist ein feiner, niederträchtiger unb gemeiner Mann," sprach die dicke Äenkersbase, womit sie sagen wollte: er ist fein, herablassend und leutselig. „Ich glaubte: mit dem kannst du nur auf Halleluja, Sela unb Amen stehen; nun plaudert er so schön mit uns, als hätten wir schon drei Mestcn Salz miteinander gegessen." (Schluß folgt.) Der EiZvogel — ein fliegender Edelstein. Bon W. Fischer, Tübingen. Wir entnehmen diese interessante Studie der wertvollen Zeitschrift In meinen Mußestunden. Naturwissenfchaftlichs Anregungen und Mitteilungen für unsere Jugend. Herausgegebnk von Prof. Dr. K. Smalian, Hannover. 3. Jahrgang. 1. Heft. Franckhsche Verlags Handlung, Stuttgart. Menschlicher Eigennutz hat ihn aus die Aussterbeliste gesetzt, den herrlichen Eisvogel, den man mit Recht einen fliegenden Edelstein nennt. Aus zwei Gründen verdient er diesen Beinamen: Wegen seines überaus farbenprächtigen Gefieders und seiner nunmehr großen Seltenheit in vielen Gegenden unseres Vaterlandes. Int Eisvogel haben wir einen der schönsten Vögel Europas vor uns. Wahrhaft tropische Farbenpracht hat die gütige Natur in ihn? entfaltet. Kopf und Flügeldecksebern sind olivgrün, und hellgrünblaUs Fleckchen sink» darüber gestreut. Ueber den sonst dunkelgrünen Rücken zieht sich ein prachtvoller hellblauer Streifen, der sich gegen den Schwanz zu verbreitert. Dessen Ende wieder sieht dunkellasurblau aus. Diese blaue Farbe schillert aber in hohem Maße und geht bei veränderter Beleuchtung leicht in Grün über. Unter dem Äuge befindet sich ein rostroter Längsstreifen. An ihn schließt sich am Hals ein weißer Fleck an; den Raum. zwischen dem rostroten Streifen unb der weißen Kehle füllt ein blau- grüner Streifen aus. Brust unb Bauch zeigen rostrote Färbung, Rot sind auch der Lauf und der Fuß. Auffallend sind die kurzen Flügel, der lange schwarze Schnabel, die kleinen Füße und der winzige Schwanz. — 796 nzufinden. Natürlich haben -gst versöhnt unt> fein Mensch Sa. = — 61 Augen. hl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Dieb«. SDl.tr? M.od M. carA 93. pD H. carB -- — 28. M.eB. V. tr9. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brü tote „tüt" klingt, wirÄ man auch fetten v-emchmen. », Fischcherr und wieder Fischchen will er haben und laßt sich mcht leicht an anderes Futter gewöhnen. Soffen wir, daß wrr lotset mehr Gelegenheit betommen, den Eisvogel im Freien zu beobachten. 'Sann müffen wir unsere Zuflucht nicht zu gefangenen oder ansgestopften .ExemplarM nehmen. ___________ * Weihnachtsbescherung. Es gibt Wohl nicht kll- zuviele, die sich den Begriff der „Bescherring einmal klar- ««macht haben. Ist es nicht dasselbe tote „Beschenkung ? — Keineswegs! Denn: „geben und schenken können sich Gleich- gestellte untereinander, ja, der Arme mag dem Reichen. ettoa^ geben; aber bescheren und verleihen geht «ns einer höheren oder fier höchsten Hand" (Grimm). So bedeutet denn schon das inittelhochdeutfche „bcschern", „schern" (nach Weigand) nanientlich 7on der göttlickren Schickung „iutomr™ stimmen", während im Mthochdeutschen fast den entgegengesetzten Sinn hatte: sonders zum Zweck der Wegnahme: Brüher ntar der Eisbogel bei uns sehr häufig. An ledem klaren und dabei seichten Bach ober Fluß mit hohen buschigen Ufern war er zu finden. Und heute? Fast überall,ist er eine Selten- jjeit geworden. Daran ist hauptsächlich die Schießwut vieler Jager schuld, die durch Schußprämien verlockt werden, ihn erbarmnngs- loS niederzuknallen. In zweiter Lime arbeiten. hier bte Ser Ttiirnnn der Bruten durch Hochwasser u. bgL mit. W muß ja zugegeben werden, daß man den Vogel bei Fischzuchtanstalten rüch?dulden kann, und es ist sehr zu bedauern, daß er, sich gerade an solchen Orten zahlreich niederläßt. Man begnügt sich dann LIS damit! S Königsftscher gefangen und getötet werden —, und das zu verwerten^ ^zn 3>er Neumark z. B. wurden (allerdings noch im vorigen ^Jahrhundert) innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren ^nf entern Gebiet von nur V- Hektar Flache, auf dem ftchetn lmnstllch^ N>nrellenback befand. Nicht weniger als 556 Eisvogel gelangen, Büt anderer „rationell" handelnder Fischz^^er ^ittlte m seinem Uiäß'g großen Fischererbezirk tn 3 Moiiaten 12 Eisvogel und L00 Bachamfeln. Angesichts solcher Tatsachen darf man sich natürlich nicht wundern, wenn der Eisvogel mehr und mehr ver Wvjndet. Jeder, der nicht S°ns eniseflig auf die ^teresfeni des aevens v>on einer & wn ~ Urverwandtschaft mit dem starken Zeitwort ,,scheren Kas Same braucht wird: „Was Gott beschert, ist unverwehrt." „Komm, Herr Jesu sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. FiifHirfiften Berten (Sprüche Salomos 31, 10). „yJnigtt It icyoii- toen waz dem in eien Wunders ist beschert" ^Walter von der Vogel- Weide). - Auch der WMnachtsbescherung hegt '«der, Gedanke V. trZ --- - 20. H. cZ --- — 14. H. °L =- 4. .zukommen lassen, verleihen, be- atschen das entsprechende „Kenan :: ,-abteilen, absondern", be- tehtolnder. yeoer, oer w uu«$ y~ • - - - -- ■ ■ ( . tonders zum yroea vcr „berauben'. ^er bei en öiischbesitzers bedacht ist, möge dieser unerbittlichen, schmachvallm I amejnfame Begriff ist natürlich der des „Abteckens , des Ab NtZung eines tmferer herrlichsten Vögel entgegentreten, so g n« ™ liner Menge von Besitztümern, und o wtrdde lange eS noch möglich ist! I L.--------------- - ,, . Kürzlich wurde von einem Vorkämpfer der Raturschutz-Be- abschneiden) wahrfcheinlich al?nükl cke Bügcl,' Re bereits selten geworden sind, durch Gesetz feeren" ergibt sich^aus den Redewendungen^ln^denen das^ zu verbieten imd sür den Schaden, den solche Vögel stiften, eine gewisse Entschädigung zu bezahlen. Ein sehr ^uter Gedanke^d^c in bte breite Oeffentlichkeit getragen zu werden verdient! Beim Eisvogel müßte jedenfalls sehr wenig Schadenersatz geleistet wer- I WZMSMZ SMMMDWKMtzMW Der Eisvogel hat ganz bestimmte Lieblingsplatzchen, einen | scherende Schicks Fredenhagen (Hamburg). Ust, nicht hoch über dem Wasserspiegel, Fischchen *DrakonischeStrafenfürschlechteE hem an ner. ffs as»ktBSR BÄS« fei“ WMMWZM MM-WWLML- üSSäSSKSii y ='J~ ^odytynif 9 t ü . e Spttfimpter DmrÄmöffer gegraben. Sie j £Qctcf) 3 4 2 1 aüe Dmnen brennen, ., hnI&Ä TÄö Ä’Ä BÄÄÄ tolg 'Die Eltern lieben sie uichtsdestonwiilger außerordentlich I Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: fidt ihretwillen oft in Gefahr. Wahrend die Eis- .T„TJ.S_ n = l'iaue. o — Coeur, car — Garreau iSLL? f»Ä £Ä7 {ySÄ‘”».7 t Bäsä » Äd»="8Ä “ sp,,w'>- $• ,r Mtäbten' Viele Stücke fallen aber auch dem Hunger und der I ^rA Kälte zum Opfer. I 4. M. tr8 In der Gefangenschaft hielt der Eisvogel schon längere Zett I 5. 93. trK MS. Er ist aber kein angenehmer Zimmergenosse. , Läßt man g. V. car« ton frei im Zimmer fliegen, so stößt er sich regelmäßig irgendwo I beit Kops ein. Seine Stimme, die ungemein hell und hoch ist und ______