-M » i* Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Dieser -war der schlimmste aller unschuldigen Unheilstifter — ein übertrieben amtseifriger Mann. Er hatte gehört, daß Sir Felix die Universität in dem Rufe, wenig besser als ein Revolutionär in der Politik und in der Religion ein Ungläubiger zu sein, verlassen hatte, und er kam daher gewissenhaft zu dem Schlüsse, daß es seine Pflicht sei, den Herrn des Gutes aufzufordern, orthodoxe An- sichten in der Kirche seines Sprengels predigen zu hören. Sir Felix wurde wütend über des Pfarrers wohlgemeinte, aber schlechtangebrachte Einmischung und beleidigte ihn so gröblich und öffentlich, daß die Familien der Umgegend ihm Briefe voll entrüsteter Gegenvorstellungen schickten,, und selbst die Pächter auf seinen Gütern ihre Ansicht darüber so deutlich aussprachen, wie sie es eben wagten. Der Baronet verließ daraufhin den Ort. Nach kurzem Aufenthalte in London reiste er mit seiner Frau nach dem Festlande und kehrte nie wieder nach England zurück. Sie lebten zum Teil in Frankreich und zum Teil in Deutschland — jedoch stets in der Zurückgezogenheit, welche Sir Felix durch das krankhafte Gefühl seines Gebrechens zum Bedürfnisse geworden war. Ihr Sohn, Percival, war im Auslande geboren und dort von Privatlehrern erzogen worden. Bon seinen Eltern war es seine Mütter, die er zuerst verlor. Sein Bater starb ein paar Jahre nach ihr, entweder im Jahre 1825 oder 1826. Sir Percival war ein paarmal vorher als junger Mann in England gewesen, aber seine Bekanntschaft mit dem ver- gorbenen Mr. Fairlie begann erst nach dem Tode seines aters. Sie wurden bald sehr vertraute Freunde, obgleich Sir Percival zu jener Zeit selten oder nie nach Limmeridge House kam. Mr. Frederick Fairlie wär ihm vielleicht ein paarmal in Mr. Philipp Fairlies Gesellschaft begegnet, aber er konnte weder damals noch je später viel von ihm erfahren haben. Sir Percivals einziger intimer Freund in der Familie Fairlie wär Lauras Pater gewesen. Hierauf beschränkten sich die Einzelheiten, welche Mä- rianne mir mitzuteilen imstande war. Ich« sah in ihnen Nichts, was meinem gegenwärtigen Zwecke hätte dienen können, doch schrieb ich sie mir sorgfältig aus, für den Fall, daß sie in Zukunft von Wichtigkeit werden könnten. Mrs. Todds Antwort enthielt den ersten Fingerzeig auf das hin, wonach wir forschten. Mrs. Clements hatte fwie wir gemutmaßt) an Mrs. Todd geschrieben, sie von Annas Berschwinden unterrichtet und sie inständig gebeten, Nachfragen in der Umgegend gnzustellen, i,n .der Erwartung, daß die Verlorene ihren Weg nach Limmeridge gefunden habe. Zu dieser Bitte hatte Mts. Clements die Adresse hinzugefügt, unter der man ihr immer mit Sicherheit schreiben könne, und diese Adresse übersandte Mrs. Todd jetzt an Marianne. Es war in London und innerhalb einer halben Stunde Weges von unserer Wohnung. VII. Aus den Aussagen der Frau Clements entnahm ich, daß die Reihe von Betrügereien, durch welche die herzr- kranke Anna nach London geführt und dort von Mrs. Clements getrennt worden war, einzig und allein vom Grafen Fosco und dessen Gemahlin ausgeübt worden waren. Die Frage, ob die beiden dadurch gesetzlich zu fassen waren, ließ ich, so wichtig sie war, zunächst noch beiseite. Der unmittelbare Zweck meines Besuches bei Mrs. Clements war, wenigstens den Bersuch zu machen, Sir Percivals Geheimnisse auf die Spur zu kommen, und sie hatte bisher noch nichts gesagt, das mich auf meinem Pfade diesem Ende zu nur um einen Schritt weiter gebracht hätte. Ich mußte versuchen, ob ich nicht ihre Erinnerungen an andere Personen, Zeiten und Ereignisse in ihr wachrufen könnte. Darnach richtete ich jetzt meine Fragen ein. Kannten Sie Mrs. Catherick, ehe Anna geboren war? frug ich. Nicht sehr lange, Sir — nicht über vier Monate. Wir kamen zu der Zeit als Nachbarn in Altwelmingham sehr viel zusammen, aber wir waren nie sehr vertraut miteinander. — Ihre Stimme wurde wieder fester, als sie diese Antwort machte. A l t w e l m i n g h a m? Dann gibt es also in Hampshire zwei Orte dieses Namens? Nun ja, Sir, damals — vor mehr als dreinndzwänzig Fahren. Sie bauten ungefähr zwei Meilen davon eine neue Stadt dicht am Flusse — und Altwelmingham, das nie viel mehr als ein Dorf war, wurde allmählich verlassen. Die neue Stadt ist der Ort, den sie jetzt Welming- ham nennen, aber die alte Pfarrkirche ist noch jetzt die Pfarrkirche. Sie steht allein, indem die Häuser um sie her alle entweder niedergerisscn oder von selbst verfallen sind. Wohnten Sie dort vor Ihrer Heirat, Mrs. Clements? Nein, Sir, ich bin aus Norfolk, und mein Mann gehörte auch nicht zu dem Orte. Wir ließen uns bald nach unserer Verheiratung in Altwelmingham nieder. Wir waren beide nicht mehr jung; aber wir lebten sehr glücklich miteinander — glücklicher, als unser dtachbar, Mr. Catherick, mit seiner Frau lebte, als sie ungefähr anderthalb Jahre später nach Welmingham kamen. War Ihr Mann schon vorher mit diesen bekannt gewesen? Mit Catherick, ja, Sir — aber nicht mit seiner Frau. Sie war uns beiden fremd. Ein Herr hatte sich für Ca- therick verwendet^ so daß er die Stelle als. Küster au der 726 Pfarrkirche zu Welmingham erhielt, und das war der 'Grund, weshalb er sich in unserer Nachbarschaft eine Wohnung nahm. Gr brachte seine junge Frau mit, und wir hörten später, sie sei Kammerjungser gewesen in einer Familie, die zu Barneck Hall bei Southampton wohnte. Es hatte Catherick Künste genug gekostet, ehe er sie überreden konnte, sie §tt heiraten — weil sie sich so außerordentlich vornehm hielt. Er hatte zu wiederholten Malen immer wieder und wieder um sie angehalten und endlich, da er sah, daß sie so widerspenstig war, die Sache aufgegeben.- Da aber drehte sie sich mit einem Male nach der anderen, Seite und kam, anscheinend ohne Grund oder Ursache, ganz von selbst. Mein lieber Mann pflegte zu sagen, daß es jetzt an der Zeit gewesen wäre, ihr eine Lehre zu geben. Aber Catherick war zu sehr vernarrt in sie, um so etwas zu tun; er trat ihr nie in irgend etwas entgegen, weder vor der Heirat noch nachher. Er war ein leidenschaftlicher Mann und ließ sich oft von seinen Gefühlen fortreißen — bald auf die eine und bald auf die andere Art; er hätte eine bessere Frau verdorben, als Mrs. Catherick, falls eine bessere ihn geheiratet hätte. Ich spreche nicht gern Böses von anderen Leuten, Sir; aber sie war ein herzloses Weib mit einem furchtbaren Eigenwillen; sie liebte flatterhafte Bewunderung und Putz und bemühte sich nicht, ihrem Manne, der sie immer so gütig behandelte, auch nur äußerlichen 'Respekt zu bezeigen. Mein Mann sagte gleich, als sie in unsere Nachbarschaft kamen, daß die Sache ein schlechtes Ende nehmen werde, und seine Worte wurden wahr. Ehe sie sich noch vier Monate anr Orte aufgehalten, gab es einen schrecklichen Skandal und ein unglückliches Auseinandergehen. Es hatten beide Schuld ।— ich fürchte, es hatten beide Schuld. Sie meinen, der Mann sowohl wie die Frau hatte Schuld? O nein, Sir! Catherick meine ich nicht — ihn konnte man nur bemitleiden — ich meine seine Frau und den — Und den, welcher den Skandal verursachte? Ja, Sir. 'Er war von Geburt und Erziehung ein Gentleman und hätte ein besseres Beispiel geben sollen. Sie kennen ihn, Sir — und meine arme, liebe Anna kannte ihn nur zu wohl. Sir Percival Glyde? Ja, Sir Percival Glyde. — Mein Herz pochte heftig — ich glaubte, meine Hand halte den Schlüssel. Wohnte Sir Percival damals in Ihrer Nachbarschaft? frag ich sie. Nein, Sir. Er kam als Fremder zu uns. Sein Bater war nicht lange vorher im Auslande gestorben. Ich erinnere mich, daß er in Trauer war. Er quartierte sich in dem kleinen Wirtshause am Flusse ein (es ist seit der Zeit niedergerissen worden), wohin die Herren zum Angeln zu kommen pflegten. Kam er vor Annas Geburt ins Dorf? Ja, Sir. Anna wurde im Monat Juni Achtzehnhundert- siebenundzw anzig geboren, und er kam, glaube ich, zu Ende April oder anfangs Mai. 'Als Fremder für alle? Für Mrs. Catherick sowohl, als für die übrigen Nachbarn? Das glaubte man zu Anfang, Sir. Als aber der Skandal ausbrach, glaubte kein Mensch mehr, daß sie einander fremd gewesen. Catherick überraschte nämlich eines Tages seine Fran mit Sir Percival in vertraulichem Gespräche vor der Sakristei der Kirche. Sir Percival verteidigte sich in seiner Ueberraschung und Verwirrung auf eine so schuldbewußte Weise, daß der arme Catherick (von dessen heftigem Temperament ich Ihnen bereits gesagt habe) über seine Schande in eine wahre Raserei geriet und Sir Percival schlug. Doch war er dem Manne, der sich so schwer an ihm vergangen, leider nicht gewachsen, und er wurde auf das grausamste von ihm zerschlagen, ehe die Nachbarn, welche der Lärm herbeigerusen, sie trennen konnten. Alles dies trug sich gegen Abend zu, und noch vor Einbruch der Nacht, als mein Mann nach seinem Hause ging, war er auf und davon gegangen, und kein Mensch wußte wohin. Keine lebende Seele im ganzen Dorfe hat ihn jemals wieder gesehen. Catherick wußte jetzt nur zu gut, aus welcher abscheulichen Ursache seine Frau ihn geheiratet, und fühlte, namentlich nach dem, was sich zwischen ihm und Sir Percival zugetragen, seine Schande und sein Elend zu tief. Der Pfarrer des Ortes ließ eine Anzeige in die Zeitung setzen, worin er ihn bat, zurückzukehren und ihm versprach, daß er weder seine Stelle, noch seine Beschützer verlieren solle. Wer Catherick hatte zu viel Stolz, wie einige Leute sagten — mir aber scheint, er hatte zu viel Gefühl, Sir, — um sich wieder vor seinen Nachbarn sehen zu lassen und zu versuchen, durch seine eigene Lebensweise seine Schande vergessen zu machen. Er schrieb an meinen Mann, ehe er England verließ, und dann noch einmal, als er sich in Amerika niedergelassen hatte, wo es ihm recht! gut ging. Und dort lebt er noch jetzt, so viel ich weiß; und es ist nicht wahrscheinlich, daß irgend jemand von uns hier in England — am allerwenigsten aber sein böses Weib — ihn jemals mit Augen Wiedersehen wird. Was wurde aus Sir Percival? frug ich. Blieb er in! der Umgegend? O nein, Sir. Der Ort war ihm zu heiß geworden.: Man hörte ihn an demselben Wende, wo der Skandal aus- brach, int lauten Wortstreite mit Mrs. Catherick, und am nächsten Morgen verließ er den Ort. Und Mrs. Catherick? Sie blieb doch nicht mehr in dem Torfe und unter den Leuten, denen ihre Schande bekannt war? Doch, Sir, sie blieb. Sie war hart und fühllos genug, um der Meinung all ihrer Nachbarn zu trotzen. Sie hatte jedem vom Pfarrer an erklärt, sie sei das Opfer eines furchtbaren Irrtums, und daß alle Klatschschwestern des Dorfes nicht imstande sein sollten, sie zu vertreiben, wie toemt sie ein schuldiges Weib wäre. Während der ganzen Zeit, daß ich i» Altwelmingham wohnte, blieb sie dort, und als matt ansing, die neue Stadt zu bauen und die meisten Leute dorthin zogen, zog sie ebenfalls dorthin, als ob sie entschlossen sei, bis zum Ende unter ihnen und ihnen ein Aergerttis zu bleiben. Dori lebt sie noch jetzt, und dort wird sie den Besten zum Trotze bis zu ihrem Sterbetage bleiben. Wer wovon hat sie sich während all dieser Fahre erhalten? frug ich. War ihr Mann imstande und bereit, sie zu ernähren? Beides, sowohl imstande als bereit, Sir, sagte Mrs. Clements. Aber sie nahm keinen Heller von ihm an. Als mein armer, guter Mann starb und mir alles hinterließ, kam Cathericks Brief mit deut klebrigen in meine Hände, und ich sagte ihr, sie solle mich's wissen lassen, falls sie jemals Mangel litte. „Wenn ich Mangel leide," erklärte sie, „so soll ganz England es eher erfahren, ehe ich Catherich ooer feinen Freunden ein Wort davon sage. Nehmen Sie das zur Antwort, und geben Sie's ihm zur Antwort/ falls er Ihnen jemals wieder schreibt." Glauben Sie, daß sie eignes Vermögen hatte? Sehr wenig, Sir, wenn überhaupt. Man sagte, und ich fürchte mit Recht, daß sie die Mittel zu ihrem Lebensunterhalte heimlich von Sir Percival Glyde erhielt. — Ich überlegte. Ich konnte mir den Umstand nicht erklären, daß des Küsters schuldiges Weib freiwillig an dem Orte ihrer Schande weiter lebte. Die Frau erklärte, sie habe dieses Verfahren als praktische Dartnung ihrer Unschuld angenommen, aber das befriedigte mich ntcht. Es Kmir natürlicher und wahrscheinlicher, anznnehmen, ie in dieser Sache nicht so ganz freie Wahl gehabt, wie sie behauptet hatte. Wer sie dazu zwang, konnte nur Sir Percival sein. Dort, wo sie keine Freunde besaß, konnte er sie noch am ehesten verhindern, ihr Geheimnis preiszugeben. (Fortsetzung folgt.) Der Granaten Mast. Eine lustige Geschichte aus Tirol von Rudolf Grcinz. (Fortsetzung.) „I . . . i . . . g'siech nix!" jammerte auf einmal der Maurer Sepp. „Wo . . . wo . . . sein wir denn? Und a so kalt is's!" Der Sepp torkelte gegen eine Hausmauer und riß den Wast, der ohnehin nur schwach auf den Füßen stand, mit sich. Im nächsten Augenblick lagen sie beide zusammen in einem Graben. „Teufel! Herrgott! Sakrament no amal eini!" fluchte der Paulen Jörg, dem es noch am besten ging. „Sv. a G'sellschast!' ,,Z' Hilf'! Es erdrückt mi wer!" zeterte der Maurer Sepp aus Lent Grabett. Der Wast lag mit seinenr ganzen beträchtlichen Gewicht auf dem Sepp' droben. „Bist stad oder nit!" rief der Jörg. pDu stehst iatz auf! befahl er dem wie regungslos daliegenden Wast und wollte UM ans dem Graben helfen- 727 ”) etwas. Der Wast war aber tote Mei so schwer linbi vermochte sich nicht zu rühren. Schließlich wäre der Paulen Jörg beinahe selbst noch auf die beiden gepurzelt. ' „Es derwürgt mi oaner! Heilige Muttergottes, es der- Würgt mi oaner!" gurgelte der Sepp in Tönen der höchsten Angst. „Ob d' stad bist, sag' i!" beruhigte ihn der Paulen Jörg. -„Es is ja lei der Wast!" „Er derwürgt mi! Er derwürgt mi!" jammerte der Sepp trotzdem ebenso kläglich weiter. „O meine heilig'» Nothelfer!"' Zum Glück kam jetzt die Dorfgasse herunter der Nachtwächter. >,Was is denn los?" fragte er und leuchtete mit der Laterne! in den Graben. „Der Wast und der Sepp sein in Graben gefallen. I der- pack's nit alloan. Muaßt mir lei du helfen!" erklärte der Paulen Jörg. „I kann's nimmer derschnaufen! Er derwürgt mi! O du bluatiger Heiland!" winselte der Sepp. Dem Jörg gelang es' im Verein mit dem Nachtwächter niedlich mit Müh und Not, den dicken Wast heraus KU befördern. Beim Sepp ging die Sache schon leichter. „Fahlt dir eppes?"^) fragte der Nachtwächter den Sepp. „Naa! Iatz nimmer!" erwiderte dieser. „Nachher können wir giah'n!" meinte der Paulen Jörg. r,J bring' den Sepp hoam, und du, Nachtwachter, den Wast!" „I kann schon alloan giah'n!" wehrte der Wast den Nachtwächter ab, der ihn beim Arm führen wollte. Der kleine Trupp der viere ging eine Weile schweigend weiter. Man war außerhalb des Dorfes gekommen. Da bog der Paulen Jörg mit dem Sepp nach rechts ab, während der Mast, gefolgt vom Nachtwächter, vorwärts- torkelte. .^Endlich war man beim Güte! des Wast angelangt. „Du kannst schon z'ruckgiah'n!" brach der Wast das Schweigen. „Findist die Haustür?" erkundigte sich der Nachtwachter. „Ah woll! Geah' du lei!" „Aft guate Nacht!" „Guate Nacht!" Der Nachtwächter ging wieder ins Dorf zurück. Der Wast tastete sich an der Mauer seines Hauses entlang, bis er die Tür sand. Sie war natürlich von innen verriegelt. Der Wast klopfte erst leise, dann immer lauter. Nichts regte sich. „Thies'!" rief der Wast ängstlich. Ein erneutes lautes Pochen. Keine Antwort. „Thres! Thresl!" schrie der Wast Und pochte mit beiden Fäusten. Noch immer keine Antwort. „Thres. Geah', sei fein! Tua auf!" bettelte der Wast, den es vor Kälte förmlich beutelte. Nun ward im Oberstock ein Fensterl ausgemacht. „Was willst denn?" schrie eine keifende Stimme herunter. „Auftuan sollst!" sagte der Wast ganz wehmütig. „Könnt' mir einfallen!" Das Fensterl wurde heftig zugeschlagen. Eine Zeitlang stand der Wast wie zerdroschen da. Es fror ihn elendiglich. — „Thres!" Er pochte nun wieder. Droben wurde das Fensterl abermals aufgemacht. „Ob d' iatz a Ruah' gibst bei der Nacht oder nit! Tu Fallot, du! I will fchlafen!" belferte die Thres. „Laß mi eini! Es is soviel kält da heraußen!" „Dös g'schieht dir schon recht! Wärst früher kommen!" „I . . . i. . . -erfrier' bald!" jammerte der Wast und begann herumzuhüpfeu wie ein Hcuschreck. „Is koa Schad' um di!" „Geah', bitt' di schön, laß' mi eini, Thres! I tua's ganz g'wiß nimmer!" „Dös sagst du alleweil! Und alleweil is dö gleiche Mett'n! § ent’ kimmst mir nimmer eini! Kannst tuan, was d' ivillst!" Die Thres schlug wütend das Fenster wieder zu. Der Wast begann das Vergebliche seines Flehens einzusehen und tastete sich, vor Kälte schnatternd, das Häusl entlang bis zum Goasstall hin, um dort zu übernachten. Eine neue schreckliche Ueberraschung harrte seiner. Die Stalltür war mit zwei riesigen Vorhängschlössern versichert und geschlossen. Der Wast glaubte, es treffe ihn vor Entsetzen puf der Stelle der Schlag. Himmelblauer Höllteusel!" fluchte der Wast mit weinerlicher Stimme und trommelte mit beiden Fäusten an die Stalltnr. Die Goas drinnen ließen ein erschrecktes „Määääh!" hören. „Seid's stad, Viecher verdammte!" schimpfte der Wast nun wütend auf die Goas. „Geahst eini oder nit!" Der Wast stemmte sich mit Leibeskräften gegen die Tür, trat mit den Füßen dagegen, Um sie einzubrechen. Alles umsonst. Tie Tür gab nicht nach. Der Wast fluchte und wetterte und machte einen Mordsspektakel. Da ließ sich vom Haus her die Stimme der Thres vernehmen: „Wann du iatz nit glei' aufhörst, aft ttmm' i abi, und treib' dir die Muck'n ans!" „Kimm lei!" ries der Wast zurück. „Laß mi eini! Nachher hör' i ans!" „Du bleibst heut' nacht, wo du bist! Ins HLus kimmst mir nit! Und iatz will i mei' Ruah' hab'»!" Der Wast war wieder vors HaUs gekommen. „Geah', mach^ mir decht die Stalltür auf!" bettelte er. „Es hak soviel a Kält'tt da heraußen!" „I geah' nit abi bei der Kält'n!" „Wirf mir decht den Schlüssel aber, daß i die Stallttiv aufsperren kann!" „Fallt mir nit rin! Die Goas wollen aa ihr Ruah' hab'»!" „Geah', Thresl, sei sein! I will mi ganz g'wiß aus (Slfrt Und Seligkeit bessern!" beteuerte der Wast. „Hatt'st di früher bessert!" „Grad' in Stall eini! Bitt' schön, Thresl!" Dem Wast wär das Weinen nahe. Es fror ihn fürchterlich. „I hab' dir's schon g'sagt! Heut' kimmst mir nit eini, Aa in Goasstall nit!" Die Thres hieb das Fenster klirrend zu. Der Wast wartete! noch eine Weile, ganz stumpfsinnig und immer noch hoffend/ daß die Thres schließlich doch vielleicht ein Einsehen haben würde. Vergebens. Er pochte wieder. Laut, heftig, aus ganzen Leibeskräften. Oben rührte sich nichts mehr. (Schluß folgt.) Thomas Wallbotts SamMenlebsn, Vrautfahrt und Hochzeit. Bon Gg. Schäfer. (Fortsetzung aus Nr. 180.) Eine Viertelstunde später kamen die Mädchen zurück. Frau Wallbott hatte ini Staatszimnier einen guten Kaffee mit Kuchen auftragen lassen. Tapfer griffen die Gäste zu, niemand sprach ein Wort. Tas Essen ist eine so wichtige Sache, daß es durch unnütze Reden nicht gestört werden soll. „Stopf dein Maul, schau auf den Teller, es ist gescheiter, als das Geplapper!" wird dem Plauderer geraten. Nachdem der Kaffee eingenommen und gebührLNdermaßen..ge- lobt worden war, begann das Spinnen wieder. Um 9 Uhr kamen die Burschen, ruhig und bescheiden nahmen sie Platz. Eine zeitlang war alles still, man hörte nur die Räder schnurren. „Ein Engel fliegt durch die Stube!" sprach die Bürger^ Meisterin. „Wenn ihr nichts zu reden wißt, singt wieder ein Lied." Sogleich wurde angestimmt. Tie meisten Mädchen sangen die erste Stimme; Frau Wallbott und ein Mädchen nahmen die zweite Stimme auf, ein Bursche versuchte es mit dem Baß. Das klang vortrefflich. Nach zehn Uhr wurde aufgebrochen. „Ich möchte euch für morgen abend ein Paar Rätsel auf- gebeu," sprach die Bürgermeisterin. „Wer sie rät, wird mit einem schönen Apfel belohnt. Gebt acht!" 1. Wenn maus hört. Hört mans nicht gern. Je länger mans hört, Desto lieber es einem ist: (Das Eisen am Pferdehuf). 2. Wo hat der Mund sein Gelenke? (Am Ellenbogen, wenn er sich krümmt, geht der Mund auf.) 3. Wann ist der Müller ohne Kops in der Mühle? (Wenn er zum Fenster hinaus schaut.) 4. Der Müller hats doppelt, der Schneider, ders verloren hat, sucht es. (Den Buchstaben „L".) 5. Warum kaufen sich die Müller hellgraue Kleider und Hüte? (Zum Anziehen.) „Nun macht euch dahinter, keins darf dem anderen die Lösung verraten, sonst gilt es nicht. Ueberdies wünsche ich, daß ihr euch auf schöne Märchen und Sagen besinnt. Wer etwas derartiges bringt, bekommt eine Extrabelohnung." Mit herzlichem Dank und Gute-Nacht-Gruß gingen die Leutchen nach Hause. Keine Spinnerin ließ sich ihr Rad von einem Burschen tragen, aber vor dem Elternhaufe pflegten manche noch ein Keines Stündchen zu halten, vorausgesetzt, daß der Vater öder die Mutter nicht das Fenster öffneten und das Mägdlemj mit einigen kräftigen Worten zum Hereinkommen aufforderte, Hansadam Stein, der die Bärbel Blaut gerne sah, hielt diese an ihrem Hause etwas auf, um ihr noch einiges vorzu- schwatzen. Ihre Eltern konnten den Hansadam nicht leiden, fiel hatten andere Pläne mit der Tochter. Deshalb war die alte! Blaut mit einem Kübel voll kalten Wassers in die Oberstube geschlichen und lauerte dem Hansadam auf. Kaum hatte er mit seiner Rede begonnen, so sauste ihm ein kalter Wasserstrahl Nus den Kopf. Schimpfend lief der Bursche davon; die Hitze war ihm trotzdem noch nicht aus getrieben. , Am folgenden Morgen machte Frau Reguie Wallbott Einträge in das Haushaltungsbuch. Der Mrgermeister hielt eine Beratung mit dem Gemeindevorstand, Thomas schaute tn den Ställen nach und überwachte das ANsdreschen der Halmfrüchte. Die Kleinmagd meldete der Herrin' «Moses Mayerfeld von Gnnzcuau ist draußen!" „Er soll eintreten,." 728 „Glück und Segen möge über Euer Haus kommen und Je- hovah soll Euch langes Leben und zahlreiche Nachkommenschaft schenken," sprach Mayerfeld. „Ich dank Euch, Moses! Seht Euch. Bringt Ihr gute: Nachrichten von zu Hause?" fragte Frau Wallbott, wobei sie die Schreiberei wegschob. m „Von jedem etwas, Fran Bürgermeister. Den Herrn Bürgcr- meister hab ich gesprochen am Rathaus. Mit dem Herrn Sohu hab ich betrachtet die Brennerei, den Viehstand und die Drescherei. Ueberall ist masset toff! (Gutes Glück)" berichtete Moses. „Wir sind gottlob alle gesund, es fehlt an nichts. Nur das Bein, das ich vor Mei Jahren brach, bohrt und schmerzt zuweilen, bemerkte die Hausfrau. „Tas die Frau Bürgermeisterin vor zwei Jahren brach, als die große Teuerung herrschte, als das Nervenfieber viele Menschen wegraffte, als Frau Wallbott der barmherzige Schutzengel war für Rothenbühl und Umgegend." „Wie stehen die Frnchtpreise?" wich Fran Wallbott aus. „Setzt Euch Moses!" „Am Montag und Dienstag Ivar ich in Hanau und Frankfurt. Zwei Gulden sind Weizen, Roggen und Hafer hinaufgeschnellt. Der Nuss' will den Türk' verschlingen mitsamt Konstantinopel, Kleinasien und dem gelobten Land Kanaan." „Ich habe vor drei Wochen etwas im Kreisblatt von Krieg gelesen, glaube aber nicht daran, Moses." „Der Franzos' und der Engländer wollen dem Türken helfen, es gibt schoofele Massenratten (schlechte Geschäfte), aber mit Silber werden die Früchte ausgewogen." „Zu teuer ist auch ein Fehler! setzt Euch Moses." Auf die dritte Zurede nahm Mayerfeld bescheiden Platz. Frau Wallbott zog die Klingel; die Kleinmagd kam und erhielt einen Auftrag. „Was habt Ihr sonst zu melden, Moses?" „Will ich ettvas sagen vom Gesinde, wenn die Frau Mrger- meisterin es nicht will übel nehmen?"-"-' „Euer Vater und dwNri legte er sich schlafen. (Fortsetzung folgt.) humoristisches. „Ja, bahncoups): Fräulein: , haben!" *Wi e man * Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Herr (im Eisen- ,Jetzt fährt der Zug schon drei Stunden!" — in der Zeit könnte man sich beinahe verlobt spricht. „Du bist schön, doch bist du falsch!" Sagte die junge Dame und legte ihr blondes Haar auf den Toilettentisch. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht und setzt in drei Zügen Matt. Auflösung in nächster Plummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Eimer, Eider, Eiier, Eiger (Gipfel der Berner Alpen), Eier. 8 8 6 6 5 5 3 3 2 2 abcdefgh Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Dießen.