m m 51 lll li M MW LMM I ITOlfl Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Gut und solid war der angezogen: gestickte Weste, feine, gestreifte Beinkleider, Stiefel, die nach Maß gemacht waren aus gutem, solidem Leder und einen steifen, schwarzen Filzhut mit Seidenfutter. Ein Mensch, der sich so kleidete, war etwas. Nach der Kleidung konnte man immer ziemlich sicher auf den Charakter schließen. Das Gesicht war gutmütig, ein bißchen in die Breite geraten, und wenn die pfiffigen, hellblauen Aenglein nicht ihre eigene Sprache geredet hätten, dann hätte man ihn für einen Gemütsmenschen der besten Sorte halten können. Auf dem Hinterkopf waren die rotblonden Haare schon ein bißchen dünn, das hatte die Kosy gleich gemerkt, wie er nur ein bißchen den Hut gelüftet hatte; aber der Schnurrbart war eigentlich flott zu nennen, der war mit Brillantine und Bartbinde gepflegt und riß das ganze Gesicht heraus. „Was man so vornehm nennt, ist er ja eigentlich nicht gerade, trotz seiner anständigen Kleider!" schloß^die Kosy, „aber einer von denen, die nicht zu verachten sind; wenn der mir erzählte, daß er drei Häuser oder eine gutgehende Fabrik oder sonst was Reelles besitzt, dann glaubt' ich ttym das aufs Wort!" „Das hat gilt getan!" sagte der Leipziger, nachdem er seinen Kaffee geschlürft hatte, „das war ein richtiges Labsal. Nun muß man nur noch überlegen, was man mit dem übrigen Dag anfängt!" „Nu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, dann würde ich raten, heut die Rudelsburg fahren zu lassen. Da ist der Weg doch ein bißchen schlüpfrig, und Aussicht ist auch keine. Vielleicht geht der Herr ein bißchen ans Gradierwerk und atmet unsere schöne Salzluft, oder drüben durch die Promenade in den Kurpark, da haben wir eine iPpf p'ßofrß — ——" „So so! Das gibt's hier auch?" „Nu, was denken Sie?" — die Kosh tat ordentlich beleidigt — „unser Bad hat doch schon seinen Namen, und jedes Jahr vergrößern wir uns!" „Dem Lokalpatriotismus nach sind Sie wohl Hiesige'?" „Geboren, ja! Wer nur bis zum Zwölften Jahre hier gelebt, dann war ich Waise und bin unter fremde Leute gekommen, bis zum achtzehnten Lebensjahr, dann geheiratet und zwei Jahre darauf verwitwet, wieder geheiratet, diesmal zehn Jahre lang, fünf Jahre Witwe und wieder geheiratet!" „Und wieder Witwe?" fragte der Herr, als sie stockte. „Wieder Witwe!" antwortete die Kosy und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Man kann viel durchmachen im Leben, und manches Mal mußt ich sagen; Herr, deine Wege sind wunderbar." Der Leipziger sah teilnahinvoll auf seine nett! Freundin. , , „Ja, ja," seufzte er, „man kann viel durchmachen. Sre sind dreimal Witwe geworden, das nenn ich hart, und da wär im Grunde Ihr Schicksal ja noch schlimmer tote das meinige. Aber wenn Sie meine Frau gekannt hatten, einfacher Leute Kind, — mit Stube und Kammer haben wir angefangen —, und nun konnten wir uns leisten, was wir wollten und noch viel mehr. Vierhundert Aroeiter beschäftige ich allein in meiner Papierfabrik, und da mußte sie weg, — im besten Lebensalter und hatte sich noch so viel vorgenommen. Diesen Sommer wollten wir mit Vergnügungsdampfer nach Algier und Tunis und nachher Schweiz oder Tirol, alles war fest, da legt sie sich hin und stirbt, gleich nach Weihnachten! Mit einfacher Influenza hat's angefangen, und an schwerer Lungenentzündung ist sie zugrunde gegangen. 9hm laß ich alles fahren. Was soll ich allein in Algier und Tunis? Keine Courage mehr! Keine Energie! Wenn die Frau fehlt, fehlt alles!"' Die Kosy sah ihn ganz erschüttert an. Fast hätte sie seine Hand gedrückt. „Aber, bester Herr," tröstete sie, „in Ihrem Alter! Noch kein graues Haar auf dem Kopf und in den Verhältnissen, da können Sie doch alle Tage einen Ersatz haben."' Traurig schüttelte der Herr den Kopf. „Ersatz? Was verstehen Sie unter Ersatz? Meine Frau, die hatte ein Herz von Gold und eht Kindergemüt und wußte doch, was sie wollte. Zuletzt war sie ein bißchen stark geworden, aber noch vor fünf Jahren sahen ihr die Leute aus der Straße nach, weil sie so niedlich war. Fraui und Frau ist ein großer Unterschied! Sehen Sie, meine Frau, die hat mich geheiratet, wie ich noch nichts toav und nichts hatte. Die hat mit mir erworben, und wenn ich mir nun denke, daß eine andere so einfach ins fertige Nest kommen soll und mir vielleicht ohne Liebe ihre Hand reicht, nur weil ich was habe, ne, dann lieber allein. Einer Frau muß es einmal schlecht gegangen sein, dann schätzt sie das Gute erst, aber heutzutage — " In der Kosy Kopf begannen allerlei^edanken zu hüpfen, die ihr ordentlich heiß machten; sie mußte sich den Schweiß von der Stirn wischen. Sie sah sich ihren Nachbarn noch einmal genau an. „Schade! schade!" dachte sie, „jedes Detail an ihm ist hübsch, und doch, der Gesamteindruck---" Sie verglich ihn mit dem Doktor. Worin der groß« Unterschied zwischen den beiden lag, das wußte sie nicht.M Dieser hier sah eigentlich noch stattlicher aus als Doktor! Bergholz, besonders im Gesicht gesunder und freundlicher, Ihr Geschmack, wenn sie jung wäre und zu wählen hätte, wäre dieser hier gewesen, ganz abgesehen davon, daß er was Reelles hatte ----aber--- Sie schüttelte den Kopf. Der Herr Zog sein Port«, monnaie, legte ein Markstüa auf den Tisch und sagte schönen 174 — B Dank für die Bewirtung. Die Kosy war ganz gerührt von dieser Großmut. L . m „Also zum Gradierwerk! Immer gerade den Weg zurück, wo ich herkam?" fragte er. Die Kosy packte ihre Sachen zusammen. „Wenn der Herr erlaubt, ich habe denselben Weg — —" „Bitte!" sagte der höflich und schritt neben der behäbigen Alten durch den Mairegen. , _ „Das müssen Sie erst all im Sonnenschern scheu, Herr!" erzählte die Kosy und deutete auf eine Biegung der Saale. „Bon vielen Herrschaften hab ich schon gehört, das ser fast ein Stück Tirol. Da drüben liegt die Wilhelmsburg, da müssen Sie auch mal rauf, grad vis-a-vis von unserm * „So? Sie haben ein Haus?" „Ach nein, ich nicht. Ich wohne nur drin. Was die junge Frau von Hilbach ist, die ist die Besitzerin. Auch schon Witwe, Herr, und noch blutjung." „So?" „Ja!" Die Kosy wollte noch weiter erzählen, ab^er plötzlich war es ihr, als sähe ihre Frau sie traurig und flehend an. „Hier rechts herauf müssen Sie! — Wenn Sie nachher zurück zum Mutigen Ritter gehen, dann merken Sie sich einmal: das zweite Haus von der Brauerei aus ist Unseres, das lange, graue mit dem Gärtchen an der Saale, wir vermieten auch!" Der Herr lüftete den Hut, machte eine ungeschickte Bewegung, weil er nicht wußte, ob er ihr die Hund reichen sollte, aber die Kosy gab ihm die ihre, und er versprach, sie oft am Brunnen zu besuchen. Den ganzen Tag ging der Kosy der Leipziger Herr nicht aus dem Kopf. Sie sah ihre Frau oft fragend an, aber sie erzählte ihr nichts. „Mr den wären dreitausend Mark eine Kleinigkeit!" dachte sie immer wieder, und wo er so viel auf einen guten Charakter gibt und wo er das Prinzip hat, daß eine Frau einmal schlechte Zeiten durchgemacht haben muß, wär meine Frau wie geschaffen für ihn; nun muß das Unglück wollen, daß sie ihr Herz an den Doktor gehängt hat, von dem man noch nicht einmal gewiß weiß, ob er ein reeller Mann ist!" Am Nachmittag klärte sich das Wetter auf, und die Kosy konnte stricken; das verkürzte ihr die Dienststunden ungemein und machte ihre Stimmung freudiger. Gegen sieben Uhr kam Frau von Hilbach mit dem Jungchen nach dem Brunnen, setzte sich zur Kosy unters Blechdach und erzählte ihr, daß der Herr Bauunternehmer sich über das fortwährende Harmoniumspiel der Frau Küster beschwert habe. „Sie müssen heut abend mal zu ihr gehen, Kosy!" bat. sie, „Sie werden doch am besten mit ihr fertig!" Die Kosy brummte etwas vor sich hin pnd lugte in der Richtung nach der Rudelsburg aus. Um vier Uhr war er am Brunnen vorbeigegangen; wenn er sich eine Stunde oben aufhielt, konnte er bald zurück sein, und ----Ach, sie wußte nicht, was sie eigentlich wollte. So jung und so voll von Sorgen die Frau da neben ihr auch war, klug wurde die doch nicht. „Haben Sie auch noch über die dreitausend Mark nach- tzedacht?" fragte sie etwas unwirsch. Frau von Hilbach sah sie erstaunt an. Sie sagte nur „Kosy!", und in ihrer Stimme lag es wie Trauer und Borwurf. „Nu, ich meine eben! Ein Tag geht nach dem auderni hin, und der erste Juli ist da, ehe man sich's versieht!" „Wir haben doch gestern wieder die Annonce ins Leipziger Tageblatt geschickt, Kosy!" Frau von Hilbach wurde es angstvoll und beklommen zu Mut. „Ich will auch noch gleich einen Brief nach Berlin schreiben!" Sie stand auf, aber die Kosy hielt sie. „Bleiben Sie doch! Der Brief kommt doch erst morgen früh nach Berlin, ob wir den jetzt oder in einer Stundo einstecken. Ein bißchen frische Luft tut Ihnen gut. Sie sehen aus, als kämen Sie direkt aus der Großstadt, und das ist keine Reklame für die Fremden, wenn eine aus dem Ort so blaß aussieht." Frau von Hilbach blickte zur Wilhelmsburg hinüber, die hob sich jetzt in der Dämmerung wunderbar weich vom Himmel ab. Ein paar Wochen noch, dann lag sie im heißen Sonnengkauz und sah aus wie eine junge Königin, und wenn der Sommer erst da war, dann ging es bergaS mit dem Warten, dann kam der Herbst, den sie so liebte, und —-- Da standen wieder die Dreitausend vor ihren Augen und fingen an, um sie herumzutanzen. „Kosy", sagte sie verzweifelt, „wenn sie mir das Haus nehmen, gehe ich in die Saale, ich kann das nicht ertragen!" --„Nein, welche Freude! welches Vergnügen! Bitte mein Herr!" Frau von Hilbach sah bei diesem plötzlichen Aufruf auf und blickte den behäbigen, blonden Herrn an, als fei er ein Wunder. „Ein Badegast aus dem Ritter, Frau von Hilbach, ich habe heute morgen seine Bekanntschaft gemacht. Spier, meine Frau, die Besitzerin von dem Haus, Sie wissen schon!" Der Herr reichte Frau von Hilbach die Hand und setzte sich zwischen sie und die Kosy auf die Bank. _ Er sprach zuerst von der Rudelsburg, die er ganz nett fand, dann von seinem Hotelzimmer und daß das Essen überraschend gut sei und erzählte von den schönen Zeiten, da er mit seiner Frau gemeinsam gereist war. „Der Herr ist nämlich Witwer!" erklärte die Kosy und sah ihre Frau an, die still neben dem Fremden saß. „Sie sind auch schon alleinstehend, hab ich gehört?" sagte der jetzt teilnehmend. „So was ist hart, nicht wahr? Das fühlt einem keiner nach; und im Grunde, wenn man so bedenkt, ist eine alleinstehende Frau ja noch schlimmer dran wie ein alleinstehender Mann!" „Das will ich meinen!" antwortete die Kosy für ihre Frau, „und ganz besonders, wenn sie ein Haus hat, das fortwährend repariert sein will und wo man die Hypotheken kündigt!" „Kosy!" Frau von Hilbach errötete, aber die Alte fuhr fort: „Das macht nichts, Frau von Hilbach! Der Herr hat mir auch seine Schicksale erzählt, und Armut schändet nicht!" „Nein, Kosy, nein! Sie sollen cs mcht erzählen!" Fran von Hilbach war ganz erregt, und der Herr meinte gutmütig zur Kosy: „Na, wenn sie's durchaus nicht will, indiskret bin ich nicht!" Die Kosy überlegte einen Augenblick, dann war sie mit sich im Reinen. „Frau von Hilbach, man soll gewiß nicht jedem alles sagen, das kann schädlich feilt; aber ebenso schädlich kann es auch werden, wenn man allzu verschlossen ist. Sehen Sie sich mal hier den Herrn--ach, ich weiß den Namen noch nicht — —" „Schmitz!" Der Leipziger verbeugte sich leicht. „Sehen Sie sich mal den Herrn Schmitz an, Frau von Hilbach. Der hat es auch aus nichts zu was gebracht, das hat er mir heut morgen beim ersten Mal Sehen erzählt. Jetzt hat er eine Papierfabrik von vierhundert Arbeitern und womöglich noch ein eigenes Haus." „Zwei!" ergänzte Schmitz. „Nu, sehen Sie! Zu wem wollen Sie mehr Vertrauen haben, als zu so einem Herrn, und wo wir doch gerade jetzt in Leipzig, in seiner Vaterstadt, annonciert haben — —" Der- kleine Erwin kam angesprungen, und die Kosy ries ihn herbei. „Unser Jungchen!" stellte sie ihn stolz vor und strich ihm über die Locken; der Herr nahm den Kleinen (tu,| seine Knie und zeigte ihm seine dicke, goldene Uhr. (Fortsetzung folgt.) Erlebnisse im Zebruar Ms. In Versailles. Ich erzählte am Schlüsse des Monates Januar 1871 von meinen Erlebnissen im Schlosse Maintenon an der Eure, von unseren Hoffnungen auf den Frühling und auf den von uns lange ersehnten Frieden. Am 6. Februar hatte sich der Prinz so weit erhalt, daß et auf Anraten seines Arztes die Fahrt nach Versailles machen konnte. Nach seiner Abfahrt fühlte ich mich in dem weiten Schlosse sehr vereinsamt. Nur der stattliche Kastellan mit seiner Familie und ich wohnten darin. Dank unserem Telegraphen hatte ich kurz vorher erfahren, daß meine, die 22. Division in Elboeuf stehe. Es war ihr nicht erspart geblieben, nach ihren Kreuz- und Ouer- zügen zwischen Paris, Orleans und le Mans nun auch noch 178 den Weg von der Sartshe bt§' mt die untere Seilte zu machen, ßn der Armee wurde die 22. Division die Kilometer-Division genannt, den Namen hat sie ehrlich verdient. fHa der Prinz Maintenon verlassen hatte, war meine Aufgabe hinfällig. Ich mußte mein Regiment wieder aufsuchen und mich bei meinem Obersten zurückmelden. Am sichersten geschah das über Versailles. Ich beschloß, dem Prinzen am anüeren Tage dahin zu folgen. Mein Kommando machte sich marschfertig- Ich ging noch einmal in den schönen Park und suchte all Sie schönen Partien desselben auf. Es wurde mir schwer, Wschiev zu nehmen. Nach all dem Kriegslärm der vergangenen Monate hatte ich hier durch den Monat Januar ein, Asyl gefunden, das mir lieb geworden war. Die prächtigen Bäume, der klare, kristallhelle Fluß, in dem siel) Edelfische tummelten, das schöne Schloß und seine Umgebung hatten es mir angetan. Ich trennte mich schwer, trotzdem ich nun zur Armee zurückkehren und die schönen Tage des Waffenstillstandes unter den Mauern von Paris miterleben sollte. Mit vieler Mühe erlangte ich von einer hohen, auf einem großen Rasenplatze stehenden fremdländischen Kiefer einen Zapfen. Wohl ein dntzendmal habe ich mit meinem Säbel danach geworfen, bis er endlich herunterkam. Der Zapfen ist nicht ausgereift, seine Schuppen bilden, obgleich sie sich erkennen lassen, eine kompakte Masse. Ich besitze den Zapfen neben vielen anderen, mir wertvollen Andenken an den Feldzug, heute noch. Am anderen Morgen, dem 7. Februar, stand mein Kommando znm Abmarsch bereit auf dem Schloßplatz. Ein letztes deutsches Kommando im Städtchen Maintenon, dann zogen wir durch die Straßen zum Tore hinaus, begleitet von zahlreichen Menschen, von vielen Kindern, die uns, das Geleite bis zum Ausgang des Städtchens gaben. Aus den Fenstern winkte man uns mit Tüchern zu, ein Beweis, daß man sich durch das Kommando nicht sonderlich beschwert gefühlt hatte. Von meinem Maire und seinen Ratgebern hatte ich schon sTags vorher freundlichen Abschied genommen. Und nun, nach beinahe fünfwöchentlicher Ruhe, kilometerteNl wir wieder. Ich hatte keine so große Eile, nach Versailles zu kommen, wir versäumten ja nichts. In kleinen Märschen und nach angenehmen Quartieren erreichten wir, ohne daß der Tornister zu sehr drückte, am 8. Februar Versailles über Rambouillet. Das ist das bekannte alte Jagdschloß, in das sich auch heute die Präsidenten der französischen Republik gern zeitweise zurückziehen, um in dessen waldreicher Umgebung sich von den Staatsgeschäften zu ertjoien. Immer mehr erkannten wir in dem Bilde, das die Landschaft bot, die Nähe der Weltstadt. Wir rückten in Versailles ein: der Weg führte uns ohne unser Zutun auf den großen Platz, der Place d'Arrnes, vor dem majestätischen Schlosse von Versailles. Ich ließ mein Kommando aufmarschieren, die Gewehre znsammensctzen und ging selbst auf das Generalkommando mernes, des 11. Armeekorps, das vertretungsweise vom General v. Schacht- meyer, dem Führer der 21. Division vor Paris, geführt wurde. Zufällig wurde ich von dem General selbst empfangen. Er befahl mir, mein Kommando in Versailles einzuquartieren, in drei Tagen werde auch die 22. Division die Seine herauf nach Versailles kommen und ich könne mich dann bei meinem Regimentskommandeur zurückmelden. Also alles stimmte wundervoll. Ich bestimmte den Platz, auf dem das Kommando hielt, als unseren Alarmplatz, ordnete an. das; das Kommando jeden Morgen zum Appell feldmarschmäßig um 11 Uhr sich hier einzufinden habe und entließ das Kommando in die Quartiere. Auch ich suchte mein Quartier auf, Rue Duxlesir 32. Es war ein sehr gutes Daus, meine Quartierwirte waren ein recht altes Ehepaar, die gütig für mich sorgten. Eine vortreffliche Köchin tat das übrige. Ich komme später noch einmal auf das Quartier zurück. Jetzt mußte ich wieder hinaus in das militärische Straßentreiben, im Februar 1871. Die wenigen Zivilisten verschwanden unter der großen Zahl von Militärpersonen. Aber alle gingen geschäftig durch die Straßen, man erkannte, jeder hatte zu tun, jeher hatte Dienst. Die verhältnismäßig geringe Anzahl von Schlachtenbummlern war wohl noch beim Nachmittagskaffee oder schlemmte in den ersten Nachmittagsstunden sonstwo. Deute besah ich alles'nur von außen: das Schloß, die gewaltige Terrasse, deren ungezählte Stufen in den berühmten Park hinunter führten, die Avenue de St. Cloud, de Paris und de Sceaux, die wohl die 50 fache Breite haben werden wie der Seltersweg an seiner schmälsten Stelle. Diese drei Avenuen treffen auf der Place d'Arrnes zusammen, dieser wird vom Schloßhofe getrennt durch ein sehr hohes, eisernes Gitter. Hinter diesem im Schloß- Hofe fällt zunächst auf das große, eherne Reiterstandbild Ludwigs des XIV., um dasselbe herum zwei Reihen überlebensgroßer Statuen von 16 der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs, wie Richelieu, Colbert, Turenne, Condt und andere. — Das Schloß selbst enthält das historische Museum, eine Reihe von Sälen sind gefüllt mit den berühmten Schlachtgemälden von Storace Verriet; die Galerie des Glaces, in welcher am 18. Januar 1871 die Kaiserproklamation stattfand, das ziemlich unveränderte Sterbezimmer Ludwigs des XIV. und die Schloß- kapecke Ungezählte andere Räume biienen anderen Zwecken, viele der hohen, lustigen, sonnigen Räume wären auch mit Schwerv-erwun- deten belegt. Als ich eines Tages einen solchen Raum betrat, int Glauben, das auch hier Gemälde zu sehen seien, fand ich neben diesen auch drei schwer Verwundete darin. Ich ging, ohne die Gemälde zu betrachten, von Bett zu Bett, um ein paar Worte mit den ganz frisch um sich Blickenden zu wechseln. Der eine' hob einen kurzen Beinstummel in die Höhe, dessen Wundfläche mit Eiter bedeckt war und sagte gelassen: „Ja, das Bein ist fori!" In dem schönen hohen Raum mit seinen sehr hohen Fenstern, in die die Februarsonne schon so milde und freundlich schien, herrschte ein entsetzlicher Eitergeruch. Ich war froh, daß ich anstandshalber den Raum wieder verlassen konnte. In dem weiten Flur draußen stand jetzt ein Bett mit einem weiten Linnentuch überdeckt in der Zugluft. Ich fragte die in der Nähr' beschäftigte Schwester, warum das Bett gerade da stehe —, sie antwortete mir gelassen: „Ach, der geht heim!" Das geht einem durch Mark und Bein. Der arme Junge, nach dem sich die a'te Mutter Tag i n) Nacht sehnt, stirbt hier einsam und verlassen, statt in der heimatlichen Hütte, ohne tröstlichen Beistand in einem Königsschlosse. Ich bin müde geworden und bummle wieder meinem Quartiere zu. Da fällt mir ein, daß ja die 21. Division mit ihrem kurhessischen Regimentern ganz in der Nähe liegt, auch das 11. Jägerbataillon von Marburg, bei dem ich vor zwei Jahren als Einjähriger stand. Und im nächsten Augenblick laufen mir zwei gute Freunde, Marburger Studenten, der eine Reserveoffizier, der andere Einjährige in die Armee. Das war eine Freude. Sie liegen draußen vor Paris, im Torfe d'Jssy, dicht vor dem gleichnamigen Fort, das seit dem 27. Januar schon von uns besetzt ist. Die Freunde haben einen gut bespannte!» Wagen bei sich, sie haben in Versailles Lebensrnittel eingekauft und laden mich ein, mit hinauszufahren in der Nacht. Ich besinne mich keinen Augenblick, benachrichtige meinen Burschen und nun gehts in die stürmische, regnerische Nacht hinaus. Zweidreimal wird der Wagen angehalten durch unsere Posten. Losung und Feldgeschrei werden gefordert und gegeben. Der Wagen klettert eine Höhe hinauf, wir erreichen das Quartier meinet Freunde und vor uns liegt in der dunklen Nacht das Lichtermeer von Paris. Wir schlafen auf einer Matratze auf dem Zimmerboden. Darin fand man damals gar nichts. Wenns einem nur nicht ins Gesicht regnete, dagegen blieben wir empfindlich. Ain anderen Morgen in aller Frühe verlasse ich unter Führung meines Freundes daS Quartier. Jede Mauer, jeder Rest von einem Hans, jeder Graben, hat hier seine Geschichte. Mein Freund, der hier während der ganzen Belagerung von Paris bei Tag und bei Nacht Patrouillen geführt, kennt jeden Stein. Die Granaten, deutsche und französische, haben auf diesem Plateau alles rasiert, Bäume und Häuser sind weggefegt. Der Boden ist aufgewühlt, ein Erdtrichter ausgeworfeu neben dem anderen, durch eingeschlagene und krepierte Granaten. Die Erdwerke unserer Belagerungsbatteriech haben ausgehalten, da schadhafte Stellen immer alsbald wieder- hergestellt wurden. Auf 1500 Schritte vor uns liegt das furchtbar zerschossene Fort d'Jssy. Unsere Batterie hat das unmoderne Mauerwerk in Trümmer geschossen, die Mauer ist mit dem halben Wall in den Graben gestürzt, es ist Bresche geschossen. Die Bresche war noch nicht gangbar. Um sie für unsere Sturmkolonnen überschreitbar zu machen, haben die Jäger ganze Berge von Faschinen aus Reiferholz gefertigt. Beim Sturm sollte jeder Mann in der Kolonne eine solche Faschine auf dem Kopf tragen und den Festungsgraben an der Bresche damit volleuvs ausfüllen, um hinüber in das Fort laufen zu können. Dabei gibt es natürlich allerlei Zwischenfälle, vor denen die notgeörungene Kapitulation von Paris unsere Truppen glücklicherweise bewahrt hat. Wir betraten das Fort d'Jssy. Die Baulichkeiten des Forts waren Trümmerhaufen, man konnte nicht verstehen, wie sich innerhalb des Forts noch Lebende hatten halten können. Aus den Wällen standen noch die schweren zum Teil demontierten Geschütze. Eine unserer Granaten war auf die Mündung eines mächtigen Bronzegeschützes geschlagen und hatte dem Geschütz, ..als wäre es aus Wachs geformt, den Mund zugedrückt, so daß es gar nicht mehr mitreben konnte. Ich hob mir zürn Andenken ein paar Granatsplitter auf, die natürlich nur von deutschen Granaten.herrühren konnten. Aber welch ein Blick von den Wällen dieses hochgelegene» Forts! Das Terrain siel vor uns nach Paris hin steil ab. Da unten flutete die Seine, ihre Wasser umspielten jenseits die Mauern der Stadt, lieber dem Flusse erkannte man de» Wall von Paris, die Enceinte mit ihren frenelietecn Mauern. Aber darüber hinaus welcher Blick über das Flußtal und das Häusermeer von Paris mit feinen monumentalen Gebäuden. Wir sahen an dem klaren Morgen, ohne unsere Augen anzustrengen, die Kirchen Val de Grace, Pantheon, St. Sulpice, Notre Dame, bann das Hotel des Invalides mit seiner in der Sonne strahlenden goldenen Kuppel und alle anderen bemerkenswerten Gebäude. — Ich mußte an den Rückweg denken, mein Kommando stand um 11 Uhr auf der place d'armes und ich durfte doch nicht warte» lassen. Ich kletterte nach Seyres hinunter. Von dort führte mich in her Talrinne die Straße über Chaville nach Versailles zurück. Am 12. Februar traf meine Division von Elboeus an der unteren Seine vor Versailles ein. Ich war ihr eiitgegengegangan# — 178 Vermisstes. * Löckchenperücke und Frauenhose. Kulturhistorisch nicht unmleressant ist die Tatsache, daß die jetzt so moderne Lockenperücke der Damen zu einer g'eit in Frankreich Mode wurde, als dort auch die Frauenhose im Schwünge war, nämlich kurz nach der französischen Revolution. Vielleicht ist es Zufall, daß beide Moden auch jetzt wieder zeitlich zusammentreffen. Bekanntlich kam die schwarze Perücke mit kurzen Haaren, die sogenannte Titusperücke, nach dem 9. Thermidor aut, weil Talma bei seiner Rolle als Titus in der Tragödie „Brutus" eine jo lebe Perücke über seinem gepuderten Haar getragen hatte und sväter auch in der Stadt trug, wo sie zuerst von einigen Altertumsireunden, Küirstlern und Lite- raten, nachher von den jungen ßenten aller Parteien und zuletzt auch von den Damen angenommen wurde, wobei die Damen, die tn Hosen emhergmgen, den Ansang machten und dadurch erst recht ein männliches Aussehen erhielten. Ein deutscher Historiker, Meldete mich bei dem stellvertretenden Obersten, dem Maior Weber, dem späteren Obersten v. Weber und Regimentskommandeur des 116. Regiments zurück, wurde einrangiert und machte den Einzug sjn Versailles mit. ~ n Leider hatte man es sich versagt, die 22 Jnfanterie-DlMslon Nach ihren 23 Schlachten und.Gefechten tn dem Zustand tote sie aus diesen Affären herausgekommen war, .zu belassen. Es waren |bi der letzten Zeit einige Ruhetage eingesH>ben, und so Zett ge- toomten, die zerrissenen und verlumpten Waffenrocke wieder einiger - mafeii zusammenzuflicken, ja mit zweifelhaftm roten Aufschlagen Ul versehen. Die Franktireur-, Ztvtl- und Drtlltchhosen mußten ausgewechselt werden gegen herbeigeschafftc Kommißhosen. Die verlorengegangenen Kochgeschirre wurden ersetzt. Nur dte Lause ließen sich so rasch nicht entfernen, sie behaupteten ihren Platz und machten es ihren Trägern schwer, das Kommando „Still- gestanden" zu befolgen. Der Kronprinz von Pröußen, dessen Armee wir angehörten, begrüßte die Division vor der Stadt. Dann rückte die Division tn Versailles mit klingendem Spiel ein durch die rite de l'Orangeris «nach der Avenue de Paris, an der Präfektur vorbei, wo Se. Majestät der Kaiser an einem Eckfenster stehend, uns vorbeiziehen sah. Auf der Place d'armes trat die Division auseinander. Die Mannschaften wurden in die dort befindlichen Kasernen einguartiert, die leider ganz verlaust waren. Nun kreuzten sich die mühsam herbeigeschleppten Läuse von der Loire mit denen an der Seine. Dies Kreuzungsprodukt soll sich nach Aussage der Soldaten noch als bissiger herausgestellt haben. Der Waffenstillstand Ivar für uns um acht Tage verläitgert, nur itm der Lisaine vor Belfort tobte der Kampf um die Feste weiter. Unsere Kameraden, für die der mörderische Kampf weiter ging, während wir im tiefen Frieden lebten, taten uns leid. Endlich schlug auch für sie die Friedcnsstunde. Am 1.7. und 18. Februar fand die Uebergabe der Festung Belfort an die deutschen Truppen statt. Belfort, an der Savoureuse gelegen, hatte damals 8000 Einwohner, die Besatzung betrug 375 Offiziere und 17 322 Mann. Ihr Verlust während der Belagerung betrug 32 Offiziere und 4713 Mann. — Die Zahl der Belagerungstruppen schwankte fortgesetzt. Der Verlust der deutschen Belagerilngsarmee betrug 88 Offiziere und 2049 Mann. Man vergleiche die Verluste der französischen Besatzung, mit denen der deutschen, die Verhältniszahl der Offiziere zu den Mannschaften. Die ernstliche Belagerung, die Errichtung von Belagerungsbatterien, hatte am 2. Dezember 1870 begonnen. Bei der Uebergabe der Festung standen 90 schwere Geschütze auf unserer Seite in Position. Am 18. Februar 1871 wurden den Deutschen übergeben: 841 Geschützrohre (dabei 56 demontierte), 356 Lafetten (darunter 119 zerschossene), 22 000 Handfeuerwaffen, viel Munition und Wroviant. General v. Treskow I. hatte die Belagerung geleitet, Oberst Denfert, ein Jngenieurofftzier, der Belfort seit Jachten genau kannte, die Verteidigung. Die Besatzung wurde nicht Kriegsgefangen, sie zog mit allen Ehren ab in Abteilungen von 1000 Mann mit fünf Kilometer Abstand. 150 deutsche Proviantwagen begleiteten die französischen Truppen, bis dieselben in den Bereich ihrer Truppen kamen. ' Nun war