Ml Mittwoch öen <8. Januar «M LLLLL K Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (£?ortfe§ung.) (Nachdruck verboten.) Achtes Kapitel. Das neueste Ereignis, das einen Teil der Bewohner Des .Saalehauses in große Bestürzung und Erregung versetzte, kam in einem lustigen Schlitten, der fast wie ein be- guenrer Lehnsessel aussah, ungefähren. Es war Winter geworden, und der Schnee hatte eine dichte, weiße Decke über Tal, Wald und Berge gebreitet. — Auf der Saale trieb Eis, und wenn die schweren Blöcke zum Wehr htnabrollten, dann entstand ein donnerähnliches Poltern und Frau von Hilbach, die mit ihrem Stickrahmen am Fenster ihres Wohnzimmerchens saß, zuckte dann jedesmal zusammen. Ihre Radel flog blitzschnell durch das ferne Gewebe; sie stickte mit haardünnem Faden den Namen „Aline" in ein Batisttüchlein, zum zwölften Mal schon sert drei Tagen, und heute vor Mittag noch sollte das Mutzend fertig sein. Die Kosy fuhr nach Halle an der Saale, um Pate zu stehen bei einem Bruderskind, da wollte sie die Tüch- lern, die für eine Braut in Halle gestickt wurden, gleich persönlich mitnehmen, denn sie verband einen doppelten Zweck damit. Erstlich sparte man das Porto für die eingeschriebene Sendung, und dann hoffte sie auf eine sofortige Zahlung. Sechs Mark für das Dutzend, das hörte sich gar nicht so wenig an, und wenn die Kosy bedachte, daß ihre Frau diese Zeit sonst ganz nutzlos vergehen ließ, dann schüttelte sie den Kopf und redete ihr zu, fleißig zu sein, !wnd wenn es nicht so schnell ging, wie sie es wünschte, dann wurde sie schweigsam und sah Frau Von Hilbach vorwurfsvoll an. So ruhig int behaglich warmen Zimmer sitzen !und nichts weiter tun als sticken, so einfach hinzusticheln — nicht einmal zählen müssen, wie bei komplizierten Perl- vder Kreuzstichstickereien, das nannte sie ein Pläsier und kerne Arbeit,, und sie war immer ein wenig ärgerlich, wenn Frau von Hilbach sich so wenig froh über neu zugefchickte Auftrage zeigte. „Mütterchen!" sagte der kleine Junge, der sich am Fenster fern Näschen plattdrückte und sehnsüchtig auf die MehmmlSbyckte. Hans Werner, sein Freund aus der Billa Grunrng schaufelte Schnee dicht an der Saale und warf große Schneeballen auf die Eisschollen und freute sich, Abnn sre lustig den Strom hinabschwammen. Ein paar Mal hatte er seinem kleinen Kameraden zugcwinkt, aber traurig mit dem Kopf geschüttelt. Den ganzen Herbst über war er krank gewesen; kaum war ein Leiden überstanden, gleich war ein anderes da. Jetzt hustete er oä« ^ach heiser, und die Kosy hatte mit einem silbernen Löffel tn setnen Hals gesehen und eine Entzündung ge-^ fanden. Eigentlich sollte er im Bett liegen, aber weil das Schlafzimmer kalt war, hatte ibn die Kosy warm angezogen, hatte ihm ein dickes, wollenes Tuch so oft um beit kleinen, wehen Hals geschlungen, daß er kaum den Kopf bewegen konnte, und ließ ihn alle zwei Stunden Tee und heiße Milch trinken. Auf dem Fensterbrett standen Soldaten und kleine Kanonen, und auf dem Stuhl lagen Andersens Märchen. Er aber sah zum Fenster hinaus und schluckte tapfer, daß er nicht weinen mußte, wenn Hans Werner ihm winkte. „Mütterchen," bat er, „heute mittag läßt du mich heraus, wenn die Kosy fort ist, nicht wahr?" „Rein, mein kleiner Schatz," sagte Frau von Hilbach, „das kann ich nicht! „Aber sie sieht es doch nicht, Mütterchen!" Da mußte Frau von Hilbach lächeln. „Du meinst, wegen der Kosy lasse ich dich nicht heraus?" fragte sie ihn. Das Jungchen sagte nichts darauf. Er hatte ein paar Glaskugeln am Boden gefunden, und die unterhielten ihn für eine Weile. ,/Sie sieht es doch nicht!" Diese einfachen Worte gingen der Frau von Hilbach im Kopf herum. Das Jungchen hatte recht, die gute, alte, derbe Kosy beherrschte sie. Der Kosy Wille war stärker als ihr eigener. Einmal, während ihrer Ehe, da sie noch in Glanz und Luxus gelebt und doch auch hin und wieder ihre nachdenklichen Tage gehabt hatte, war ihr ein Mensch in den Weg gekommen, der ihr viel schöne, einfache Dinge gesagt hatte, die so natürlich klangen und ihr doch neu und überraschend gewesen waren. Alles hatte sie nicht behalten, aber gerade jetzt, da ihr Kind diese paar Worte gesagt hatte, kam es ihr in den Sinn, daß jener Mann damals über die Willenskraft und die Willensfähigkeit der Menschen gesprochen hatte. Zwei Sorten Menschen gäbe es, hatte er gesagt, solche, die wollen, und solche, die sich dem Willen der anderen fügen und ganz besonders unter den Frauen gäbe es viele, deren Seelen beständig beeinflußt werden wollten und müßten. Es seien aber fast immer die Seelen ans einem edlen Metall, die in der Sehnsucht nach der Hand des Meisters zitterten, der sie formen und zum Kunstwerk machen müsse. Frau von Hilbach hatte damals geantwortet, daß sie es wunderschön fände, sich dem Willen eines anderen, Stärkeren, so ganz und gar zu unterwerfen, aber ihr Freund war ernst geworden und hatte ihr in längerer Rede auseinandergesetzt, daß es die Pflicht eines jeden Menschen sei, einen eigenen, festen Willen zu haben, und wenn es nur für den Fall der Rot sei, denn einmal käme für jeden Menschen eine Lebenslage, in der er gezwungen sei, selbständig — ohne jede Beeinflussung zu handeln. Diese Zeit war nun für Frau von Hilbach gekommen/ aber die Sehnsucht, sich einem fremden Willen zu unterwerfen, war in ihr geblieben, ja, sie war stärker geworden, wie in den Zeiten des Wohlevoehens. und wenn sie jetzt 38 — Tag für Tag still und' ergeben an ihrem Stickrahmen saß, dann war ihr einziger Wunsch der, daß etwas von außen kommen möge, was sie befreite, hinausführte uns einer Enge, in der sie nicht lange mehr atmen konnte. Heute an diesem klaren, kalten Wintermorgen war sie Nervöser und ungeduldiger als je zuvor; die Hand, die die Nadel führte, begann zu zittern, der Faden riß entzwei, And vor ihren Augen flimmerte es. „Drei Buchstaben noch!" seufzte sie, „lieber, lieber Gott, wenn du nnr doch noch einmal ent Glück, so ein ganz winzig kleines Glück schicken wolltest!" Das hatte sie laut gesagt, und der kleine Junge stand Mit großen Augen vor ihr. „Warum betest du denn am Tag, Mütterchen?" fragte er, aber seine Mutter antwortete Nicht. Da ging er wieder ans Fenster und sah auf die Straße, und Frau von Hilbach schämte sich vor ihrem Jungen, sie stickte mit fliegender Eile und murmelte dabei leise, ganz leise: „Nur ein ganz kleines Glück — nur eine Abwechselung — nur irgend etwas aus der Welt — lieber Gott — ich bitte dich!" „Mütterchen!" schrie der Junge plötzlich, „Mütterchen v— ein Schlitten! Guck doch mal — wie ein ganz großer Stichl, wo zwei Menschen drin sitzen können!" Der Schlitten mit seinen Hellen Glöckchen, von zwei kleinen Pferden gezogen, !var blitzschnell am Saalehaus vorübergeflogen; aber das Glockengeläut hielt noch an — er macht kehrt, flog wieder vors Saalehaus, uitb ehe Frau von Hilbach und ihr Junge aus dem Staunen heraus- kamen, hielt er schon vor der braunen Tür, ein behäbiger, Nett und freundlich ausfeheuder Herr stieg aus, warf die Zügel über die Pferde und zog au der Klingel. Im Nu war das ganze Haus lebendig; in allen Etagen öffneten .M) Fenster. Die Specht war die halbe Treppe heruntergelaufen und beugte bat Kopf vor; selbst die Frau Natusius war von ihrer Strickmaschine ausgefahren Und hatte die Tür nach den: Flur einett Spalt toeit geöffnet — aber niemand dachte daran, die Haustür aufzuschließen. Frau von Hilbach stand in ihrem Zimmer tmb hatte die Hand aufs Herz gelegt, das ihr so seltsam schlug, und das Jungchen hielt sich erschrocken an ihrem Kleid fest. Mer Schlitteninsasse nmßte zum zweiten Male klingeln. Nun rannte die Specht die Treppe hinab imb stieß säst den kleinen Erwin von Hilbach um, den seine Mutter zuni Oeffnen hinausgeschickt hatte. Der behäbige Herr hielt eine Karte itt der Hand. „Fran von Kasczyskowsky — ich möchte Geflügelhändlerin Frau von Kosezyskowskh sprechen. Sie wohttt doch hier?" Die Specht war sprachlos. So ein feiner Herr wollte hie ordinäre Gemüsefrau besuchen? „Ja," sagte sie etwas geringschätzig, „da müssen Sie sich ins Hinterhaus bemühen; die wohnt nicht im eigent- licyen Haus, hier den Berg herauf, die zweite, kleine Tür, da wohnt sie!" „Danke, danke!" sagte der Fremde und wollte gehen, aber th geschah etwas Ueberraschendes. Das Pförtchen in der ersten Etage wurde ausgerissen, schlug gleich darauf krachend zu, und dann polterte etwas die weiße Holztreppe herunter und- machte sie knarren und stöhnen. Die Kosh in voller Reisetoilette mit braunrotem Kleid, schwarzer Man- tille und einem Capotehütchen mit fliegenden Bändern ftatib atemlos im Hausflur. „Herr Lasker, ach, lieber Herr Lasker! Sie sind's also Wirklich!" rief sie in einer Erregung, die ihr fast die Sprache benahm. „Ach, und gerade heute, wo ich fort muß nach Halle zur Taufe — nein, nein — wie sich das unglücklich trifft 1" Herr Lasker hätte ihr herzlich die Hand gedrückt. „Nun, nun," sagte er, „so eilig wird's wohl nicht sein!" Er sprach laut und ein bißchen schmatzend und sah dabei um sich. Die Specht stand noch immer neben ihm, und yie Häuflein hatte sich auf der Treppe postiert; auch die Pastorin war von ihrem zweiten Stock heruntergekommen Und sah staunend auf das Wunder im Hausflur, und auf dem schmalen Weg zwischen Haus und Gärtchen hatte sich eine kleine Schar von Schulkindern und Dienstmädchen versammelt. Herr Lasker zog seine goldene Uhr. „Halb ein Uhr," sagte er, „und vor drei Uhr geht kein Zug nach Halle!" »Ja, ja," sagte die Kosh, „von hier MS nicht, aber ich ivollte zu Fuß nach Naumburg machen ttnb daun mit dem Personenzug — auf die Weise hätte ich eine Mark gerettet — aber so — natürlich — Besuch geht vor! Da ist unser Jungchen!" sagt sie stolz- und nahm den kleinen Ertvin von Hilbach aus den Arm. „Gib's Patschhändchen, Jungchen, und sag „Guten Tag", der Onkel meint's gut!" Herr Lasker strich ein wenig verlegen über die blonden Locken des Jungen, kramte in seiner Tasche und zog ein kleines Paket heraus. „Hier, mein Sohn!" sägte er gutherzig, aber der Kleine hatte sein Köpfchen an der Kosh Schulter versteckt und rief: „Mütterchen, ich will zu Mütterchen!" „Nun, Herr Lasker, dann kommeit Sie mal zu meiner Frau, die ist dritt im Zimmer und weiß noch kein Sterbenswort von Ihnen; die wird staunen!" Sie öffnete die Tür zum kleinen Wohnzimmer, schob Herrn Lasker hittein, folgte ihm, nachdem sie einen trium- phterenden Blick aus die Versammlung im Flur geworfen hatte, und warf die Tür zu. „Erlauben die Herrschaften, daß ich Sie bekannt mache!" sagte sie und sah mit einem unbeschreiblich frohen Gesicht auf die ganz bleich geworbene Frau von Hilbach. „Herr Lasker, mehrfacher Villettbejitzer und Rentier aus Mehrendorf hinter Großheringen — Frau Leutnant von Hilbach! Bitte, nehmen btc Herrschaften P atz!" Sie nahm Herrn Lasker den Hut aus bet Hand und schob ihm ehtett Sessel zu. Frau von Hilbachs Herz klopfte noch imtner, aber nicht in einer freudigen Erregung; irgend ein banges Gefühl stieg in ihr auf. Dieses Ganze war eine abgekartete Sache, man hatte etwas mit ihr vor, wovon sie nichts ivnßte; der derbe, gutmütige Mann, der ihr gegenüber saß, wollte etwas von iM und da sie doch so ganz und gar nichts besaß, außer dem alten, grauen Haus und dem goldlockigen Kind, konnte er nur ein begehren, sie selbst — und dieser Gedanke machte ihr das Herz erschauern in einer namen- losen Atigft. Sie vermochte nicht zu sprecheu, warf der Kost; halb vorwurfsvolle, halb flehentliche Bncke zu und war glück.ich, als der kleine Junge auf ihren Schoß kletterte und sie stürmisch umarmte, so daß ihr Ge'icht verborgen war. (Fortsetzung folgt.) Aaisertraum und Uaisersage. Zum 40. Gedenktag der deutschen Kaiserkrönung. 18. JanuM Von Tr. Kurt Haack. Tas deutsche Kaisertunt und die deutsche Reichseinheit, die der 18. Januar 1871 uns nach langem Ringen und Kämpfen ge- schenkt, waren die Erfüllung eines uralten, durch die Jahr- bunderte genährten Traums, einer Sehnsucht, die tief im Herzen der Germanen geschlummert. Vier Dezennien sind nun schon! die Hoffnungen ttnd Wünsche, die in den früheren Generationen so heiß tmd leidenschaftlich sich geregt hatten, gestillt: der in so vielen Visionen und Weissagungen erschaute und erflehte Kaiser- traum hat egten machtvollen Ausdruck gefuirden. Von der Höhe dieses stolzen Besitzes, den wir heute beglückt genießen, wendet: sich aber der Blick auch gerne zurück nach dem gährenden Chaos gestaltloser Erwartungen und allmählich Gestalt gewinnender Prophezeiungen, aus denen die deutsche Kaiseridee erblühte und die deutsche Kaisersage geboren wurde. Jir diesen phantastisch-poep tischen Bildungen des deutschen Volksgeistes hat ja alles geheime Sehnen und laute Verlangen nach einem idealen Herrscher, Führer und Helfer sein wundervolles Symbol gefunden; darum knüpften! auch -an die Gestalt Barbarossas die Bestrebungen der nationalen! Einheitsbewegung au, und als König Wilhelm sich die Kaiserkrone aufs Haupt setzte, da umjubelten ihn Tichtermund und Volkes! Stimme als bett Wiedererwecker des mittelalterlichen Mythos, als den berufenen Nachfolger des alten Friedrich Rotbart. Auf dem Kyffhäuserberg ist denn auch das Denlinal errichtet worden^ das die Erfüllung des deutschen Kaisertraums im ehernen Bildnis verherrlichen sollte. Dem neuen Kaiser bot der Imperator der Sage sein lange gewahrtes Zepter und den fleckenlosen Schild von! des Reiches Macht und Herrlichkeit. Bis tief in die Vorstellungskreise des germanischen Heiden- tums reichen die Keime unserer Kaisersage zurück. Ihr, frühestes Vorbild ist der Frühlingsmythos von Wotan, dem dis Felder! segnenden Gott, der den Winter über in der Wolkenburg in dem! Wolkenberg mit seinem Totenheere dem Sieg der Sonne verzaubert entgegenträumt. Auch die Hoffnung aus 'eine Wiederkehr- rende Jdealgestalt, den von bösen Hödur getöteten Lichtgott Balder, findet sich schon in der Religion der alten Deutschen, denen der! allgemein verbreitete Gedanke von, der „Entrückung" großer Heldest 39 — ebenfalls nicht fremd- war. Als nun das Christentmn den germanischen Glauben verdrängte, konnte man nicht glauben, daß, die einst so Mächtigen tot wären. Um Bergkuppen und rätselhafte Höhlen, mit denen früher ihr Kult verknüpft gewesen, schwebt« Noch ihr Geist; sie selbst aber waren durch den.neuen Gott hineingebannt in Fels und Erde, lebten dort fort mit unterirdischer Macht! Ntlb mochten,wohl wiederkommen zu ihrer Zeit. Um diesen mythologisch-heidnischen Kern rankten sich nun mannigfache fremde Elemente, um die deutsche Kaisersage hervorzubringen, die man treffend mit einem Teppich verglichen hat, gewoben aus dem! Goldglanz heiliger Legenden, aus dein bunten Prunk orientalischen Phantastik und den feinen starken, die Kette bildendem Fädest nationaler Gemütstiefe lind deutscher Innerlichkeit. Franz Kam- pers, der uns eine umfangreiche Geschichte der deutschen Kaiser-» Idee geschrieben hat, geht in seinen gelehrten Nachweisungen bis auf die litessianischen Erwartungen der Juden und Römer zurückweist als den Urgrund der deutschen Sage die verzücktell Schwärmereien und Zukunstsvisiouen des ersten, christlichen Jahrhunderts auf, wie sie in der Apokalyse ihre graitdiosc Gestalt gewonnen. Ten ersten Eindruck auf die ger- Mauische Welt machten aber ivohl die aus solch religiöser Ekstase geborenen byzantinischen Weissagungen des Methodius, die das Auftreten eines großen Kaisers am jüngsten Tage verkündetem In der Welt beherrschenden Macht Kaiser Karls, der dem römisch- byzantinischen Imperium ein abendländisches Reich auf der Grundlage deutschen Wesens entgegenstellte, schien die Idee eines solchen idealen christlichen Herrschers bereits verkörpert, und als der Gewaltige dahingiug, spanir die Sage um ihn ihre leuchtenden! Fäden; doch ivaren es hauptsächlich die Franzosen, die die Karls- legende ausbildeten. Ten rettenden Messiaskaiser erwarteten die französischen Sibyllen aus ihrem Herrscherhause; griechisch« Prophezeiungen sagten von deutschen Herrschern das Schlimmste voraus. Einem lateinischen Drama, denr Tegernseer „Spiel vorn Antichristen", war cs Vorbehalten, der Sage von einem weltbeglückenden Fürsten zum erstenmal einet: rein deutschnationalen Gehalt zu geben. Den Stofs dieses für die Entwicklung unseres Nationalbewußtseins bedeutsamen Werkes bildet die alte byzantinische Legende, daß der letzte Kaiser nach Jerusalem ziehen, seinen! Scknld im Hain Mamre an einem dürren Baum auchängen, Krone Mrd Zepter auf Golgatha niederlcgen und Gott das Reich übergeben werde. Vor der Herrschaft Gottes aber werde der Antichrist die Gewalt an sich reißen und die Schrecken des jüngsten Gerichts herbeiführen. Als den idealen Kaiser, der das Reich des Herrn vorbereite, schildert der Tegernseer Mönch den „König der Deutschen" und fein deutliches Vorbild ist Friedrich I. der Rotbart. Wer die phantastischen und inbrünstig fanatischen Hoffnungen auf das Wiedererwachen abendländischer Kaiserherrlichkeit, die dumpfen Schmerzen, die die gesunkene Größe des römischen Kaisertums in deutschen Herzen erweckte, sie klammerten sich nicht an die Gestalt des ersten, sondern des zweiten Friedrich unter den Stauffen. Der alte Kantpf zwischen Kaisertum und Papsttum hatte in seinem verzweifelten Ringen, in seinem erschütternd . jähen Ende einen großartigen, alle Momente der mittelalterlichen Kultur noch einmal zusammenfassenden Höhepunkt erreicht. Zwei Menschenalter hindurch blieb er der letzte Kaiser des Abendlandes. Kein Wunder, daß um seine von einem geheimnisvollen Zwielicht der Tämonie umspielte Persönlichkeit sich, im Guten wie im Schlimmen, die Prophezeiungen und Legenden konzentrierten. Den unabhängigen Freigeist, der als erster sich von der religiösen Macht zu befreien und einen modernen Staat aufzu- 6 au en versucht, bezeichnete der Gründer einer mythischen Sekte, Abt Joachim von Floris, als den Antichrist, die „Zuchtrutp der Kirche", die vor dem jüngsten Gericht das Reich des Teufels herbeiführe. Tiefem apokäliplischen Schreckensbild des „großen Ketzers" aber stellte man in Deutschland ein anderes entgegen: freilich sei er der „letzte Kaiser" gewesen, aber fein Antichrist, sondern der Reformator der Kirche, der Vorläufer eines Größeren, eines „dritten Friedrich", der in seiner Gestalt erscheinen werde. Um sein Ziel zu erreichen und das heilige Grab in Jerusalem zu erobern. Tie mytische, von Wundern und Phantasmen erfüllte Zeit der Kreuzzüge und die aufgeregt schwärmerische Stimmung, die die Lehre Joachims von Floris auch in Deutschland entfesselt, verschmolzen in diesen Hoffnungen und Visionen miteinander. Ans dem tiefen Sehnen des Volkes ward der deutsche Kaisertraum geboren, in dem der so plötzlich „entrückte" Kaiser Friedrich II. mit den: orientalischen Priesterkönig Johannes und dem germanischen Götterfürsteu zu einer einzigen machtvolle^ Gestalt zusammenwuchsen. Tie Sage von dem Fortleben Friedrich II. taucht zunächst in Sizilien auf; es heißt, der Kaiser sei in den Aetna versetzt Morden, wobei mit den feuerbergenden Vulkan wohl die Hölle gemeint war. Auch Dietrich von Bern soll im Aetna gehaust haben, wie ja überhaupt der germanische Bergkult an solchen Borstellungen haftete. Wird doch der Kyffhäuser in einer Urkunde von, 1277 „Wuotansberg" genannt! Tie Lokalisierung der Sage in Deutschland war also schon vorbereitet; aber das Gerücht, daß Friedrich nicht tot sei, wurde, als es über die Alpen drang, vor allem mit einigen „falschen Friedrichen" verknüpft, die bald darauf auftraten. Allerlei joachimitische Prophezeiungen wurden auf den thüringischen Markgrafen Friedrich den Freidiger: bezogen. Man glaubte schließlich, daß in ihm der Kaiser auserstanden sei. 1284 wurde zu Wetzlar ein falscher Friedrich, der viele Anhänger besessen, verbrannt. Die Leute suchte:: in der Asche nach seinen Knochen, und als sie nichts Rechtes fanden, sprachen sie, es sei doch der wahre Kaiser Friedrich; getvesen, dessen Leib aus den: Feuer entrückt sei und der eines Tages in seiner Herrlichkeit wiederkehren werde, wiederkehren! müsse. Dieser zuversichtliche Glaube der Bolksphantasie war gegen Ende des 13. Jahrhunderts schon allgemein in deutschen Landest verbreitet. Bei der 100. Wiederkehr des Todestages Friedrichs (1348) meinten viele, so berichtet der Chronist Johann vost Winterthur, der Kaiser werde in größter Biachtfülle erscheinen, „auch wem: er in 1000 Stücke zerschnitten und zu Asche ver-i brannt worden wäre." Er werde die armen Frauen und Jungfrauen reichen Männern zur Ehe geben und umgekehrt, ein gerechtes Reich aufrichten, dann mit. zahlreichem Heer übers Meer fahren und auf dem Oelberg oder bei dem dürren Baum der Biacht entsagen. In dem Bestreben, diese Sage völlig zu nationalisieren, setzt nun der deutsche Volksgeist an die Stelle des „dürren Baumes" der orientalischen Sage die germanische Esche und mit den: Kaiser Friedrich II., der als Zauberer und Däinost aus der Hölle des Aetna in den Sagen auftaucht, verschmilz- Wotan, der Gott, von: Christentum ebenfalls zu einem teuflischen Spuk erniedrigt, aber nach dem Volksglauben in alter Pracht im Fencrberg thronend. Der thüringische Markgraf Friedrick) der Freidige trägt dazu bei, daß die Sage sich besonders in Thüringen ausbildet. Der „Wotansberg", dem die ihn krönende; Burg von Kyffhausen damals schon den Namen gibt, erscheint zuerst in der thüringischen Chronik des Johannes Rothe (um! 1420 als Sitz des Jdealkaisers Friedrich. Während er zunächst auf der Höhe weilt, wo einst Wotan geopfert wurde, wird en allmählich wie der bergentrückende Lichtgott in das Innere des Berges verbannt, erhält des heidnischen Götterkönigs Raben, die ihn umkreisen, und zuletzt sogar den blitzrotfunkelnden Bart des germanischen Tonnergottes Donar, der nun auf den crstest Friedrich, den Rotbart, die Phantasie führt. Friedrich II., der stolze Individualist, der zumeist fern vost Teutschland geweilt, war dem deutschen Bolksgemüt immer fremd geblieben. So kam es denn, daß man mit dem roten Bart des Tor an die Stelle des Enkels de:: viel stärker in der! Erinnerung haftenden großen Ahnherrn die kaiserliche, echt deutsche Heldengestalt Friedrich Barbarossas setzte. Neben der Kaisersage tirn Friedrich I., die uns zuerst in «tznern Volksbüchlein vost 1519 entgegentritt, lebte in der Reformationszeit die Sage von der Wiederkunft Karls des Gr. auf, die man in allerlei „Praktiken" an Karl V. anknüpfte. Tie Karlssage wurde von den: Uuters- berg bei Salzburg und dem Odenberg in Niederhessen lokalisier^ wie überhaupt viele Berge ihren schlafenden und wicderkeh-rendest Kaiser, so einen Otto den Großen, Heinrich den Vogler odest Karl V., erhielten. Doch über all diese Lokalmythen triumphierte im allgemeinen Bewußtsein des deutschen Volkes die Sage voM Barbarossa im Kyffhäuser, die ihre heute überall bekannte Form in allen Einzelhcitei: im 16. Jahrhundert erhielt und so nach mannigfachen Erzählungen im 17. Jahrhundert von Georg Kehrens in seiner „Hercynia curiosa" (1703) erzählt wird. Aus dieser! Quelle schöpften die Brüder Grimm ihre Fassung und Rückert den Stoff zu seiner Ballade; in diesen beiden Ausprägungen! hat dann der deutsche Kaiserlrann: seine eigentliche welthistorisch« Rolle gespielt, und als ein hehres, anfeuerndes Bild dem deutschen Volke in bei: Freiheitskriegen und der ganzen langen Zeit des Einheitsstrebens vorangeschwebt. Immer wieder tritt die tröstende, Hoffnung verheißende Gestalt Barbarossas vor das geistige Auge der Seher und Sänger, um sie lohen die hellest Flammen der nationalen Begeisterung, um den Kyffhäuser kreisen mit bei: schwarzen Raben die düstern und lichteren Gedanken! der Patrioten. Und endlich wird es klar, daß der neue Barbarossa! erstanden ist, ein Herrscher aus den: Hoheuzollernstamm, dem so viele Friedriche entsprossen, an die so inauche Prophezeiungen! geknüpft. Ein Wilhelm aber war es, der vor nunmehr,40 Jährest den alten Kaisertraum zur Wirklchkeit machte: „Nun alter Barbarosse Leg friedevoll Tein müdes Haupt zur Ruh, Ottoneu ihr, Tu Kaiser Karl der Große, । Nun schlaft in Ehren in der Marmortruhi Im Silberbart ein würdiger Genosse ' ‘ Gesellt sich eurem hohen Reigen zu." (Karl Gerock.) Zauberkunststücke. Siegfried batte die Erlaubnis erhalten, zu seinem Geburtstage zwei seiner Freunde einladen zu dürfen. Um für recht interessante Unterhaltung zu sorgen, hatte sich das Geburtstagskind vorgenommen, seinen beiden Gästen drei Zauberkmistslückchcn vorzufüyren. Siegfried befaß eine kleine schwarze Wandtafel. Vor diese führte er seine Freunde und rief: „Paßt mal auf, jetzt will ich euch mal was vorzaubern I Max und Otto, sagt mal, ist die Tafel beschrieben oder unbeschrieben?" — „Natürlich unbeschrieben, da brauchst du eigentlich nicht erst zu fragen I" lachte Max. Aber das wollte Siegfried wohl nur hören. Er nickte, nahm einen Wisch- lavpen, der schon reichlich mit Kreide beschmiert war und sagte: „Mit diesem Lappen hier will ich mal in ganz zierlichen Buch- «•“ 40 staben was auf die Tafel schreiben; pastt mal auf l" Und flugs roifchte er mit dem Lappen ein paar mal über die Wanbtafel, wobei er „Hokns-Pokus" ries. Sieb' da! Mit einemmal tauchten auf der schwarzen Fläche weiße Schnörkel auf, bis tm nächsten Augenblick deutlich zu lesen war: Ich, Siegfried Werner, gratuliere mir selbst zi> meinem Geburtstage! Da maßten bte beiden Zn- schauer laut lachen: „Ja, ivie geht denn das zu?" rief Otto, „du ivirst uns doch nicht iveiß machen wollen, daß bu diese Worte nnt dein Lappen geschrieben hast?" „Geduld," meinte Siegfried, „die Erklärung folgt spater! ^eht kommt das zweite Kunststück an die Reihe". Und schon hatte er ein Kartenblatt und eine Nadel geholt. Mst dieser stach er ein Loch in die Spielkarte und sagte: „Ich iverde jetzt die Nadelspitze direkt hinter das Loch halten und ihr mögt beide abwechselnd hindurchsehen. Ich wette, daß ihr die Nadelspitze in der umgekehrten Richtung erblickt, als ich sie halte!" — „Tas ist einfach unmöglich", rief Max, „man kann einen Gegenstand doch nicht in einer anderen Richtung sehen als die ist, in der er gehalten ivird. Laß mal sehen!" — Siegfried lächelte verschmitzt, hielt die Nadelspitze hinter das gestochene Loch und ließ Max von der andern Seite hindurchblicken. Ter Junge fuhr sich mit der Hand über die Allgen, sah hinter das Kartenblatt, dann wieder durch dae Loch und schüttelte den Kopf. Otto desgleichen. „Ja, — wie geht das zil?" fragte Otto. „Auch dieses Experiinent der Schwarzktmst wird später erklärt," meinte Siegfried. „Jetzt koiunit der dritte Hokus-Pokus daran! In meiner Abwesenheit soll einer von euch einen Schlüssel, den ich vorher aus einen Tiich legte, zil sich stecken. Ich komme dann wieder herein und bringe einen Spiegel mit, auf den ich euch nnt der Spitze eures rechten Mittelfingers tuchen lassen iverde. Die Tupfer werden gut gu sehen sein und ich ivilt ans ihilen erkennen, iver von eitel) beit Schlüssel zu sich gesteckt hat!" — Na, - wenn bir alles gelingt, das aber wird dir nicht gelingen!" lachte Max, und Otto stimmte dem bei. „Wösten mal sehen," sagte ruhig Siegfried; und als er seine Schwester Ilse eben in das Zimmer treten sah, bemerkte er beiläufig: „Ilse kann gleich mit- machen, da ists für mich freilich um so schwieriger. Hier ist also der Schlüssel! Ich lege ihn auf den Tisch und gehe hinaus. Riift niich, wenn einer uou euch den Schlüssel emgesteckt Hal!" Das alles war das Werk eines Augenblicks. Siegwied ging hinaus; Otto griff sogleich unter Maxens und Ilsens Beisein nach dem Schlüssel und steckte ihn in die Hosentasche. Darauf riefeu alle: „Herein l" — Siegfried kam zurück, in der Hand einen Spiegel. Er hielt ibn seinen Freunden vor mit der Bitte, auf die Siegelfläche zu tupfen. Max tat es. Otto tat es. Und Ilse tupfte nun auch darauf. Hierauf machte Siegfried ein sehr pfiffiges Gesicht, hielt beu Siegel so, baß er flach b'arüber sehen konnte, drehte ihn aufmerksam ein parmal hin und her und meinte dann seelenruhig: „Otto hat beit Schlüssel eingesteckt!" Großes Hallo! „Wenn bas astes wahr ist und kein bloßer Zufast, so bist bu ein Genie!" rief begeistert Cito. „Jetzt aber erkläre. Wir brennen vor Uitaebulb!" „Nun, hört mal," sagte Siegfried, „aste drei Zauberkunststückchen sind so einsach wie mir möglich. Nummer eins: Tie Zauberschrift auf der Tafel batte ich vor eurem Herkommen mit Wachs auf die Tafel gemalt; der Kreidestaub blieb darauf Heben und der Hokus-Pokus mar fertig. — Nummer zwei: Tas Experiment mit der Nadel und dein Slartenblatt hat ein Gelehrter entdeckt, namens Grey. Es beruht auf einer Luftspiegelung, die aber nur bann eintritt, wenn das Startenblatt gehörig fest und stark (wie bei einer Spielkarte) ist und die (Sntfermingen von Auge, Karte und Nadel die richtigen sind. — Tas einfachste war aber das dritte Kimstsiück. Meine Schwester mußte kommen, um nach dein zu tupfen, der den Schlüssel emgesteckt hatte!" * Der Kampf um die Hähne von Athen. Kleine Ursachen, große Wirkungen; die Hauptstadt Griechenlands ist plötzlich in zwei feindliche Lager geschieden, und die Bürger der Stadt des Perikies können ihre Erregiing nicht länger meinem. Jeder Fremde, der Athen besucht hat, hat erfahren, daß man dort bei der Morgenröte durch das Kikeriki der Hähne aus dem Schtummer geriffelt wird. Selbst im Mittelpunkt der neuen Stadt ertönt in der Frühe überall der Hahnenschrei; öffnet man das Fenster, so sieht man über sich, auf den flachen Dächern der Häuser, den stolzen Hahn mit seinen Hennen. Aber ein Mann lebt in Alben, so wird im „Journal des Tebats" erzählt, der keinen rechten Sinn für dies ländliche Idyll hat: der Konsul von Oesterreich-Ungarn. Er wird allmorgendlich durch ein Kikeriki erweckt, das ihm zu anmaßend erschien, er wollte sich des lärmenden Nachbars entledigen und richtete eine Beschwerde an bte Polizeibehörde. Aber rote böslich und liebenswürdig die Klage des in feiner Morgenrnbe Gestörten auch klang, sie hatte die furchtbarste Wirkung. Ein ungetreuer Beamter verriet die Tatsache der Beschwerde der Athener Presse, und in der „Hestia" erschien ein empörter Artikel, dessen Verfasser sich mit Leidenschaft für die Hähne von Athen entsetzt und gegen den fremden Barbaren polemisiert. Die Beschwerde gegen einen Hahn von Athen sei eine Beleidigung des Hahnes; der Hahn ist der Liebling jedes echten Athener Bürgers. Und nun ist ganz Athen, vom Straßenjungen bis hinauf ins Königsschloß, in zwei Lager geschieden: hie die Hähne von Athen, hie Oesterreich! Aber da in der griechischen Hauptstadt so viele auswärtige Diplomaten residieren, darf man auf eine friedliche Beilegung des Konfliktes hoffen, jemand ivird sich schon finden, der vermittelt und den Streitfall vielleicht vors Haager Schiedsgericht bringt. * Gin Soldat, der auf großem Fuße lebte. Von einer merkwürdigen Sendung, die vor fast hiindert Jahren bei der französischen Akademie eintraf, erzählt eine Pariser Wochenschrift. Es war ein stattliches Paket, das der Korrespondetit der Akademie, Fernere, im Jahre 1812 nach Paris schickte. Als man es auS- packte, fand man darin einen Schuh, der seitdem historisch geworden ist und dabei die amtlich beglaubigten Papiere eines Soldaten vom 1. Regiment der reitenden Grenadiere. In den Aiilitärvapieren konnte mau lesen, daß Jean-Baptiste Pritch,,geboren in Bellencomble (Montblanc), eine Körpergröße von nicht weniger als 6 Fnß 6 Zoll und 2 Linien hatte, einen Brustumfang von 5 Fuß 8 Zoll und ein Gewicht von 269 Pfund. Er starb am 21. Mai 1804 im Atter von 21 Jahren. Als Kuriosität ivurde der Akademie der Schuh dieses Riesen eingeschickt, der so gewaltige Dimensionen zeigte, daß die gelehrten Herren der Akademie an einen Scherz geglaubt hätten, wenn die ambentischen Papiere nicht j edenZweiiel beseitigt batten. Die Konturen der Sohle ergaben eine Länge von ungefähr einen Meter. Aber dem jungen Kriegs- mann war es nicht vergönnt, lange „auf fo großem Fuße zu leben", es scheint, daß die Nattir ihre Saune bald wieder bereute und den jungen Riesen im besten Jünglingsalter-aus der Welt abrief. * Das E n d e der Kleiderbürste. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann droht der Kleiderbürste nächstens der Untergang. Schon feit längerem bemühen sich die Aerzte, fiel möglichst unbeliebt zu machen. Ein berühmter Hygieniker, der Franzose Dnjardin-Beaumetz, sprach z. B. das harte Wort: „Die Kleider dienen mir dazu, die Bürste zn reinigen, und die Bürste dient nur dazu, die Kleider zu beschmutzen." Ganz so trostlos! steht «es nun wohl nm sauber gehaltene _ Bürsten doch nicht, aber zugeben muß man allerdings, das; dieses umstrittene Gerät durchaus nicht als besonders praktisch und hygienisch zn bezeichnen ist. Und fvas dazu angetan ist, ihr die letzten ^Sympathien zn rauben, ist die betrübliche Tatsache, daß sie die Stoffe reibt und abscheuert und ihnen den so malerisch spiegelnden und doch so imenig geschätzten Altersglanz vorzeitig verleihen hilft. Darum haben sich die klugen Kinder Albions schon mehr oder weniges von der tückischen Kleiderbürste losgesagt. In vielen englischen! Familien ersetzt man sie durch den Schwamm. Ein großer Schwamm von guter Qualität wird in Wasser getaucht und dann so lange ausgedrückt, bis er mir noch eine ganz geringe Feuchtig-i feit aufweist. Streicht man nun mit ihm über den Stoff hin — in der Richtung des Fadens —, so wird von dem Kleidmrgssttick aller Staub aus das schönste entfernt. Der siegreiche Rivale der Kleiderbürste Aber wird nach dem Gebrauch gut durchgespült und dann znm Trocknen an die Luft gehängt. Dieses in England so beliebte Schwammverfahren bürgert sich jetzt auch in Frankreich ein. Sollen wir uns auch entschließen,, die Kleiderbürste mit dem Schwamm tzu vertauschen? Wer weiß, vielleicht lohnt es sich schon gar nicht mehr. Bor irgend einem sinnreichen „Staub- fauger" muß sich vielleicht der Schwamm als Kleiderreiniger bald ebenso beschämt verstecken, wie die arme Kleiderbürste. * Gendarm .(zum Vagabunden bei strenger Kälte, der in der Erwartung, in ein warmes Logis zu kommen,. heiter zu pfeifen anfängt): „Sie Männeken, wenn Sie sich nicht ruhig Verhalten, lasse ich Sie gleich wieder laufen!" * Ein guter Schwiegersohn. Sie: „Warum hast du^denn Muttern bei ihrer Ankunft keinen Kuß gegeben?" —: Er: „Ten kriegt se, io ernt se abfährt!" Bilderrätsel. (Auflösung in der nächsten Nummer.) Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Fee — Eier — Reif — Irene — Erie — Renner; Ferien. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und ©teinbructerei, R. Lange. Gieße»