Donnerstag den (6. November üEWI WM Mi M W fisiff i *-•^83 Lrtt IB8|l W1 M^W! rW 5 = MäTÖb®1 Die weiße Frau. Roman von W. Collins, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Auf einfache Weise unterstützten wir langsam die Genesung ihres Geistes; an schönen Tagen führten wir sie hinaus, um in einem ruhigen alten Gartenplatze der City spazieren zu gehen, der uns ganz nahe gelegen war und wo nichts sie erschrecken oder verwirren konnte; wir erübrigten ein paar Pfund von unsrem Kapitale, um ihr Wein und kräftigende Nahrungsmittel zu verschaffen, deren sie bedurfte, und unterhielten sie abends durch Kinderkartenspiele nnb Bilderbücher, die ich von dem Stecher borgte, welcher mir Beschäftigung gab. Doch sie aus ihrer Zurückgezogenheit und Ruhe zu reißen, sie mit Fremden zusammenzubringen oder Bekannten, die nicht viel besser als Fremde für sie waren; die schmerzlichen Erinnerungen an das Vergangene wieder zu wecken, die wir mit solcher Mühe zur Ruhe gebracht hatten — dies wagten wir in ihrem eigenen 'Interesse nicht zu tun. Welche Opfer es auch erheischen mochte: das Unrecht, das ihr zugefügt worden, mußte, falls menschliche Kräfte es erkämpfen konnten, ohne ihr Mitwissen und ihre Hilfe wieder gutgemacht werden. Sobald ich hierüber mit mir einig war, mußte ich mich zunächst entscheiden, welches Verfahren mein erstes sein müsse. Nachdem ich mich mit Marianne beraten, beschloß ich, den Anfang damit zu machen, daß ich möglichst vrele Fakta sammelte und dann Mr. Kyrle zurate zog und mich von ihm unterrichten ließ, ob wir begriindete Aussicht auf ge- rrchtlichen Beistand hätten. Ich war es Laura schuldig, die Bestimmung ihrer ganzen Zukunft nicht meinen Bemühungen allein zu überlassen, solange uns noch die geringste Aussicht blieb, unsere Lage durch irgend welchen zuverlässigen Beistand zu verstärken. Die erste Quelle der Nachforschungen, an die ich mich wandte, war das von Marianne Halcombe in Blackwater Park geführte Tagebuch. Hierauf wandte ich mich an Mrs. Beseh. Bet ihr erfuhr ich, daß Laura wohl an sie geschrieben;, über sich nicht bei ihr hatte sehen lassen. Das Kuvert des Briefes war längst verloren, während der Brief selbst noch vorhanden war,, aber feilt Datum enthielt. Dann verschafften wir uns die Aussagen des Arztes, der Haushälterin, bet’ Leichenfrau und Köchin, genau wie sie in diesen Blättern angeführt sind. Mit den in diesen Dokumenten enthaltenen Zeugnissen Versehen, hielt ich mich für hinlänglich vorbereitet, um eme Besprechung mit Mr. Kyrle zu halten, und Marianne ' schrieb ihm demzufolge, um ihn mit meinem Namen bekannt zu machen und ihm Tag und Stunde anzugeben, wo ich ihn allein und in Privatangelegenheiten zu sprechen wünsche. Während man Mr. Kyrle meine Karte brachte, fiel mir etwas ein, das nicht früher bedacht zu haben ich ernstlich bereute. Die Mariannens Tagebuche entnommenen Mitteilungen setzten es außer Zweifel, daß Gras Fosco ihren ersten Brief, oen sie von Blackwater Park aus an Mr. Kyrle geschrieben, geöffnet und den zweiten mit Hilfe seiner Frau unterschlagen hatte. Er kannte daher vollkommen die Adresse des Bureaus, und man durfte an- nehmen, daß er natürlich schließen werde, daß Marianne, falls sie nach dem Entweichen ihrer Schwester des Rates' oder Beistandes bedurfte, abermals Mr. Kyrles Erfahrungen in Anspruch nehmen würde. In diesem Falle war das Bureau in Chancery Lane gerade der Ort, den er und Sir Percival zuerst bewachen lassen würden; und falls die dazu verwandten Personen dieselben waren, welche mich schon vor meiner Abreise aus England verfolgt hatten, so mußte ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach meine Rückkehr schon an diesem Tage bekannt werden. Ich hatte im allgemeinen wohl an den Fall gedacht, wo ich in der Straße erkannt würde, aber die besondere Gefahr, die sich an das Geschäftslokal knüpfte, war mir bis zu diesem Augenblicke nie eingefallen. Es war jetzt zu spät, um dieses unglückliche Versehen wieder gutzumachen. Ich konnte nur den Entschluß fassen, vorsichtig zu sein, wenn ich Chancery Lane wieder verließe und unter keiner Bedingung von dort aus direkt nach Hause zurückzukehren. Nachdem ich einige Minuten gcinartet, wurde ich in Mr. Kyrles Privatzimmer geführt. Er war ein blasser, magerer, ruhiger, unbefangener Wann mit sehr aufmerksamem Auge, einer sehr leisen Stimme und einem leidenschaftslosen Wesen, nicht (wie es mir schien) sehr teilneh- rnend, wo es sich um Freunde handelte, und durchaus nicht leicht aus seiner Advokatenhaltung zu bringen. Ich hätte für meinen Zweck schwerlich einen besseren Mann finden können. Falls er sich zu einer Meinung herbeiließ und sie uns günstig war, so war von dem Augenblicke an der Erfolg unserer Angelegenheit sicher. Ich machte ihn nun mit meinen Beweisstücken bekannt und tat dann zum Schlüsse dreist die Frage: Was ist Ihre Ansicht, Mr. Kyrle? — Er war zu vorsichtig, um eine Antwort zu wagen, ehe er sich Zeit gelassen, seine ganze Fassung wieder zu gewinnen. Bevor ich eine Meinung ab gebe, sagte er, muß ich um Erlaubnis bitten, mir durch ein paar Fragen den Weg etwas zu bahnen. Er legte mir seine Fragen vor — scharfe, argwöhnische, ungläubige Fragen, welche mir deutlich bewiesen, daß er mich für das Opfer einer Sinnestäuschung hielt, und daß er, hatte mich nicht Miß Halcombe an ihn empfohlen, wohl gar geglaubt hätte, ich suche ihn durch einen listigen betrug zu hintergehen. — 718 — Glauben Sie, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, kM. Kyrle? srug ich ihn, als er mit seinem Examen zu Ende svar. So weit es Ihre persönliche Ueberzeugung betrifft, entgegnete er, glaube ich, daß Sie die Wahrheit gesprochen haben. Aber Sie sind zu mir gekommen, um sich gesetzlichen Rat bei mir zu erholen. Als Rechtsgelehrter muß ich Ihnen aber sagen, daß Sie nicht den Schatten einer Hoffnung für Ihre Sache haben. Das ist stark ausgedrückt, Mr. Kyrle. Ich will versuchen, es auch klar auszudrücken. Der Beweis von Lady Glydes Ableben ist dem Anscheine nach klar und ausreichend. Da ist das Zeugnis ihrer Tante, welches beweist, daß sie nach Graf Foscos Hause kam, dort erkrankte und starb. Da ist das ärztliche Zeugnis, welches den Tod beweist, und daß er unter natürlichen Umständen stattfand. Dann ist die Tatsache des Begräbnisses zu Limmeridge und die Angabe der Inschrift auf dem Grabsteine da. Und dies alles wollen Sie Umstürzen. Welches Zeugnis haben Sie Ihrerseits, um Ihre Erklärung, die Verstorbene und Begrabene sei nicht Lady Glyde, zu unterstützen? Behauptet etwa Miß H-alcombe dem Besitzer der Anstalt gegenüber die angenommene Identität ihrer Schwester und greift dann zu gesetzlichen Mitteln, um sie zu befreien? Nein: sie besticht heimlich eine der Wärterinnen, sie entfliehen zu lassen. Wie die Kranke, nachdem sie auf diese zweifelhafte Weise ihre Freiheit erlangt, darauf vor Mi'. Fairlie geführt wird — erkennt er sie? ist sein Glaube an den Tod seiner Nichte auch nur auf einen Augenblick erschüttert? Nein. Erkennen die Diener sie? Nein. Bleibt sie in der Umgegend, um ihre Identität zu behaupten und ferneren Proben entgegenzutreten? Nein: sie wird heimlich nach London gebracht. Unterdessen haben Sie sie ebenfalls erkannt; aber Sie sind kein Anverwandter, — nicht einmal ein älter Freund der Familie. Die Diener widersprechen Ihnen und Mr. Fairlie widerspricht Miß Halcombe; und die angebliche Lady Glyde widerspricht sich selbst. Sie behauptet, daß sie die Nacht in eine'm gewissen Hause in London zugebracht hat. Ihr eigenes Zeugnis dagegen beweist, daß sie dem Hause mit keinem Fuße nahegekommen, und Sie selbst geben zu, daß ihr Gemütszustand Sie verhindert, sie irgendwohin zu bringen, um verhört zu werden oder für sich selbst zu sprechen. Ich übergehe, um Zeit zu sparen, geringere Punkte im Zeugnisse auf beiden Seiten, und ich frage Sie: falls die Sache vor einen Gerichtshof, vor eine Jury gebracht würde, deren Pflicht es ist, Tatsachen so anzusehen, wie sie wirklich erscheinen — wo sind Ihr e .Beweis e? Ich war genötigt zu warten und mich zu sammeln, ehe ich ihm antworten konnte. Es war dies das erstemal, daß die furchtbaren Hindernisse, die auf unserem Pfade lagen, mir in ihrem wahren Charakter erschienen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, sagte ich, daß die Tatsachen, wie Sie sie hingestellt haben, gegen uns sprechen; aber — Aber Sie denken, daß sich diese Tatsachen hinweg erklären lassen, unterbrach mich Mr. Kyrle. Und nun bewies er mir, daß seiner Ansicht nach wenigstens unsere Sache durchaus hoffnungslos sei. Gegen alle Argumente der Logik aber war ich fest entschlossen, an das Gegenteil zu glauben, und griff in diesem Entschlüsse die Sache von einer andern Seite an. Gibt es keine anderen Beweise, die uns nützen könnten, außer den Beweisen der Identität? frug ich. Keine in Ihrer Lage, entgegnete er. Der einfachste und sicherste Beweis von allen, der nämlich durch Vergleich der Data, ist, wie Sie sagen, nicht zu erlangen. Falls Sie einen Widerspruch in dem Datum des ärztlichen Zertifikats und dem von Lady Glydes Reise nach London beweisen könnten, so würde die Sache ein ganz anderes Aussehen erhalten, und ich der erste sein, der Ihnen sagte: Lassen Sie uns fortfahren. V. So kam es, daß ich ihn verließ, ohne einen einzigen Schritt weiter gekommen zu sein. Das einzige, was ich Marianne von dieser Unterredung mitbrachte, war ein Brief für sie, der vor einigen Tagen für sie zu Händen des Rechtsanwaltes angelangt war. Als ich das Haus verließ, hütete ich mich, mich durch Stillestehen und 'Zurückblicken auffallend zu machen: Ich ging nach- der Richtung eines der ruhigsten der großen Plätze nördlich von Holborn zu — stand dann plötzlich stille und schaute mich an einer Stelle um, wo eine lange Strecke des Trottoirs hinter mir lag. An der Ecke des Platzes sah ich zwei Männer, welche ebenfalls stille standen und sich besprachen. Nach kurzer Ueberlegung ging ich zurück, um an ihnen vorbeizugehen. Als ich näher kam, ging der eine fort, um die Ecke, welche von dem Platze in die Straße führte. Der andere blieb stehen. Ich sah ihn an, als ich an ihm vorbeiging, und erkannte in ihm augenblicklich einen der Männer, welche mich vor meiner Abreise von England verfolgt hatten. Wäre ich frei gewesen, um meinem eigenen Instinkte zu folgen, so hätte ich wahrscheinlich damit angefangeny daß ich den Mann angeredet, und damit geendet, daß ich ihn zu Boden geschlagen hätte. Aber ich war gezwungen, die Folgen-zu berücksichtigen. Falls ich mich einmal öffentlich eines Fehlers schuldig machte, gab ich sofort die Waffen in Sir Percivals Hände. Es blieb mir keine andere Wahl, als der List durch List zu begegnen. Ich bog in die Straße ein, in welcher der zweite Mann meinen Blicken entschwunden war,-und sah ihn hier im Vorbeigehen in einem Torwege warten. Er war mir fremd, und ich war froh über diese Gelegenheit, mir für den Fall künftiger Belästigung sein-Aussehen einzuprägen. Hierauf richtete ich meine Schritte wieder nordwärts, bis ich New Rvad erreichte. Dort angelangt wandte ich mich westlich (während die Männer mir immer folgten) und wartete an einer Stelle, von der ich wußte, daß sie ziemlich weit von der Droschkenstation sei, bis ein leeres schnelles zweirädriges Kabriolet vorbeikommen würde. Es kam eins in wenigen Minuten. Ich sprang hinein und befahl dem Mann, schnell nach Hyde Park zu fahren. Es war kein zweites Gefährt für die Spione hinter mir da. Ich sah sie nach der anderen Seite der Straße hinüberschießen, um mir laufend zu folgen, bis wir an einer Droschkenstation vorbeikommen würden. Wer wir waren ihnen zu weit voraus, und als ich dem Kutscher zu halten befahl und ausstieg, waren sie nirgends mehr zu sehen. Ich ging durch den Hyde Park und versicherte mich auf der offenen Ebene, daß ich frei fei. Als ich endlich meine Schritte heimwärts wandte, war es viele Stunden später — war es bereits dunkel geworden. Ich sand, daß Marianne mich allein in dem kleinen Wohnstübchen erwartete. Laura war bereits schlafen gegangen. Ich übergab Marianne den Brief. Er enthielt folgendes: „Durch ehrenvolle Bewunderung getrieben — ehrenvoll für Sie und ehrenvoll für mich — schreibe ich, herrliche Marianne, im Interesse Ihrer Ruhe, um Ihnen zwei tröstende Worte zu sagen: „Fürchten Sie nichts! „Folgen Sie Ihrem natürlichen, feinen Verstände und bleiben Sie in der Verborgenheit. Teures und bewunderungswürdiges Weib, verlangen Sie nicht nach gefährlicher Oeffentlichkeit. „Tun Sie dies, so versichere ich Sie, Sie haben nichts zu fürchten. Keine neuen Trübsale sollen Ihre Gefühle verletzen — Gefühle, die mir so kostbar sind, wie meine eigenen. 'Sie sollen nicht belästigt, die schöne Gefährtin Ihrer Einsamkeit nicht verfolgt werden. Sie hat eine neue Zufluchtsstätte gefunden — in Ihrem Herzen. Unschätzbare Zufluchtsstätte! — Ich beneide sie und lasse sie darin. „Gehen Sie nicht weiter, als Sie bis jetzt gegangen sind; kompromittieren Sie keine ernsten Interessen; drohen Sie niemandem! Zwingen Sie mich nicht — ich flehe Sie an — zum Handeln, mich, den Mann der Tat —i da es der innige Wunsch meines Ehrgeizes ist, ruhig zu bleiben und dem weit umfassenden Bereiche meiner Tatkraft und meiner Verbindungen um Ihretwillen Schranken zu setzen (Fortsetzung folgt.) Thomas wallbotts Familienleben, vrautfatzrt und Hochzeit. Bon Gg. Schäfer. (Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) 1. Kapitel. Spinnstube. Metzelsuppe. Scheidabend. „So kann es nicht weiter gehen, es muß eine junge. Frwt ins Haus, die mich unterstützt. Kannst du das Mariechen immer 719 Noch nicht vergessen?" sprach Fran Waltbott zü ihrem Sohne Thomas, der ihr aufmerksam Mhörte. „Ich habe bis jetzt kein Mädchen gefunden, däs mir so gut gefallen könnte, wie das verstorbene Mariechen. Ihr*) wolltet Mch Kr mich umsehen, Mutter; tut es doch," erwiderte Thomas. „Soll geschehen, Thöms; ich fahre morgen ins blaue Ländchen Kur Base Möller, die hat drei Töchter von 17, 19 und 21 >Jahren. Eine davon kann zu dir passen. Nach Geld und Gut brauchst du nicht zu heiraten, das Geld gibt man aus, den Drachen behält man im Haus. Du bist unser einziges Kind, brauchst mit nie- mandeir zu teilen, Haus und Hof sind schuldenfrei, aus den Nebeneinkinften von Milch, Butter und Eiern habe ich in -den 26 Jahren, seit wir verheiratet sind, etliche Tausend Gulden gespart, mit denen ich machen kann, was ich will! Wir brauchen mit feinem Grafen zu tauschen. Eine junge, brave, muntere! Frau muß ins Haus, ich will Kindergeschrei hören. Drei Per- sonen sind zu wenig in diesen großen Stuben." „Ihr habt recht, Mutter! sucht eine; wenn sie mir gefällt, heirat' ich sie vom Fleck weg." „Ich werde schon eine finden. Wer noch eins! Blättere! nicht zu viel in den Zeitschriften Und Kalendern, geh in den Singverein. Doch das nächste zuerst. Wir haben den 15. Dezember, heute in acht Tagen ist Scheidabend. Großknecht Matthes, der 17 Jahre bei uns war, will heiraten und tritt aus. Kathrine, die Großmagd, ist 11 Jahre bei uns und macht es wie Matthes. Neues Gesinde kommt; sorge, daß alles richtig verläuft. Auf Donnerstag und Freitag abend bestelle ich mir die Spinnstube." „Mr ist alles recht, wie Ihr es macht, MUtter." „Das soll es gerade nicht fein, Thöms! Du sollst dein Lrehpeterig Wesen ablegen, sollst tatkräftig eingreifen. Deinen Vater wollen sie zum Landstand wählen. Wenn Fremde kommen, mußt du oder deine Frau, oder ich mit ihnen reden. Unsere gute Bauernart müssen wir behalten, aber Einfaltspinsel dürfen wir niemals werden." „Recht, Mutter! recht!" lachte Thomas, „eine Frau muß ins Haus. Schafft eine herbei, ich bekomme Lust zum heiraten." Während Frau Wallbott mit ihrem Sohne über das Heiraten verhandelte, fand auf dem Heuboden eine Auseinandersetzung zwischen dem Großknecht Matthes Brück und der Grostmagd Kathrine Müller statt. Diese war eine energische Person von dreiundzwanzig Jahren, kräftig, wohlgenährt und sauber. Matthes war acht Jahre älter, hager, ruhig und iparsam. Seit einigen Jahren „gingen die zwei miteinander", d. h. sie hätten ein stilles. Verhältnis. In den letzten Wochen war Matthes etwas lau gegen Kathrine, die ihm Strümpfe, Hemden und Hosen flickte, geworden. . Von der Kleinmagd Bärbel hatte sie erfahren: Dem Matthes ist die Scholzehannjers Lore gefreit worden. —• Unverzüglich schlich Kathrine dem Matthes auf den Heuboden nach, um ihn zur Rede zu stellen. „Wenn du diesen Hirsebootz, diese Vogelscheuche nimmst," rief Kathrine den Matthes wütend an, „bann ergreife ich den dicksten Prügel und haue dich und die Lore zusammen, wie alt Eisen." Kathrine vermochte so etwas auszuführen. Sie war so stark, daß sie einen Sack Roggen von 150—160 Pfund ohne besondere Anstrengung aus den obersten Speicher trug. — Ter ruhige, bedächtige Matthes gab gute Worte: „Die Lore hatte zwar ein Häuschen und ein Paar Aecker; Kathrine hatte nichts, aber es war eine saubere, frische Person." „Wir bleiben beisammen!" sprach er. Da fiel ihm Kathrine um den Hals; sie küßten sich, wie noch nie, und versprachen sich gegenseitig wiederholt die Ehe. Am folgenden Morgen Nhr Frau Regine, die abends vorher noch einmal alles mit ihrem Manne besprochen hatte, ins blaue Ländchen zu ihrer Base Möller, die hatte drei Töchter: Torchen, Grittchen und Sendjen. Dorcheu war gesund, stark und ftettjtg, aber sie besaß einen unangenehmen Widerspruchsgeist und wußte alles besser als ihre Mutter. Grittchen hatte ihre Schuhe schief getreten, der eine Strumpf hing herab. Leuchen, die jüngste und schönste, schaute in den Spiegel, so ost sie daran vorbei kam. Auch hatte sie einen harten Zug um den Mund. Frau Regm« Wallbott Nhr mit der Ueberzeugung nach Hause: Die Möllers MÄ>chen passen nicht in das Wallbottische Werk.**) Bei der Morgensuppe***) erklärte Frau Regine Wallbott: „Ich habe einen Metzgergang gemacht, wir müssen uns ander- weit umschauen." Der Bürgermeister lachte läut: „Thöms, öü mußt Unter die Haube, es Hilst und batt't alles nichts. Aber die Mutter hat *) Me Kinder auf dem Lande pflegen ihre Eltern aus Ehr- Nrcht mit „Ihr" usw. anzureden. **) Unter Werk versteht man den ganzen Besitz eines Bauers: Haus, Hof, Wiesen, Felder, Schiff Und Geschirr. ***) In den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Kaffee, als erstes Frühstück »och wenig eingeführt. Man aß auf dem Sanbe Mehl-, Milch-, Rahm-, oder Kartoffeisauce; auf diese folgte ein tüchtiges Stück Roggenbrot, mit Latwerge (Obst- honig) ober Käse belegt. er All mein df) Ein ausgepichtes täppisches Mädchen. Mit Gott Mit Gott Drum ist „Eins habt Ihr vergessen, Mutter," siel die älteste Tochter ein« „Was ist es?" „Der Faden darf nicht zu hart gesponnen werden, sonst wird knoterig, und nicht zu weich, sonst springt er." „Hast recht. Große. Also gebt fein acht und macht uns fang ich die Arbeit an, nur geht es glücklich fort, auch dies mein erstes Work! Tas walte Gott! Beginnen, Tun und Werk Gottes Kraft und Stärk, Erfordert _______ . . . Mein Herz sucht Gottes Angesicht, Drum auch mein Mund mit Freuden spricht? Tas walte Gott! Ehre." Am bestimmten Wend erschienen die SpimieriNnen bei Wallbotts ; etwas verlegen nahmen sie Platz. „Wie es seit Menschengedenken Brauch und Sitte ist," sprach die Bürgermeisterin, „beginnen wir unsere Arbeit mit dem Liede: „Das walte Gott, der helfen kann!" Lieschen Hörth fange an!" Tiefe ftimmte an, die anderen folgten: anfangs verzagt dann kräftig: Das walte Gott, der helfen kann. recht, daß sie in dich dringt, sonst wirst dÜ ein alter JUnggeselks und das Wallbotts-Werk gibt in 50 Jahren ein Erbstiick stst? Seitenverwandte." „Daraus wird nichts, ich will heiraten," antwortete Thomas) mit Ueberzeugung, „aber keinen Mummetrost*), der sich schnätzt, keine drei Worte reden und allenfalls Gekochtes essen kann/ sondern ein sauberes, fleißiges, sparsames Mädchen, mit dem! man sich sehen lassen darf." „Recht! recht Thöms! vorwärts ins Ehejoch, meinen Segen! sollst du haben," rief der Bürgermeister. Die Nachricht, daß die Frau Bürgermeisterin eine Spinne stnbengesellschaft eingeladen habe, erregte Freude unter den jungen Leuten; sie wußten: nach und nach kommen alle Kameradschaften an die Reihe. „Ihr Mädchen!" sprach Frau Gemeindeeinnehmerin Hörth, als sie von der Einladung hörte, „nehmt euch zusammen, macht ja alles fein und ordentlich! Putz und Staat ist unnötig, aber! blank und sauber müßt ihr fein. Die Bürgermeisterin kennt alle Arbeiten, sie sieht jedes Untätchen. Die Spinnräder dürfen nicht knarren! Der Flachsrocken muß angelegt werden, daß er kracht, d. h. fest; der Wergrocken, daß er lacht, d. h. leicht und lose. Wer einen Laib Brot nicht richtig anschneiden kann, darf ebensowenig heiraten, als wer das Rockenanlegen nicht versteht. Schaut zu, daß euch der Rocken nicht ausschlitzt, sonst werdet ihr zuv Strafe an die Stubentüre gemalt. Thomas Wallbott versteht es. Hochmütig dürft ihr euch nicht benehmen; jede bekommt ihren Platz angewiesen. Ob eine Spinnerin neben die Herrin, ödest neben die Magd zu sitzen kommt, muß euch einerlei fein. Unterschiede gibt es dorten nicht. Vergeßt nicht, daß Frau Wallbott die Tochter des verstorbenen Revierförsters Brühl ist. Sie hat weit mehr gelernt als eine Bauersfrau und liest heute noch in den Büchern. Seid bescheiden in eurer Rede, aber singt heraus, wenn ein Lied angestimmt wirb. Der Bürgermeister hat vor vier Wochen ausschellen lassen: es dürfen keine Spinnstuben gehalten werden, wo Witfrauen, Schulkinder und Konfirmanden wohnen. Also: seid munter, aber vorsichtig und zurückhaltend. Jetzt wißt ihr, was ihr zu tun habt." „Das war schön!" sprach die Bürgermeisterin; „habt ihst neue Lieder gelernt?" „Bis jetzt vier: Zwei Jägerlieder, ein Wanderlied und eilt Tanzlied." , . „Wieviele Lieder insgesamt habt ihr ausgeschrieben?" „Mit den neuen sind es hundertsechs." „Tas sind wenig; wir hatten über zweihundert. Ich werde mein Singbnch hervorsuchen, worin ihr alte Sachen findet, bte wieder neu werden müssen. Nun singt weiter!" Sofort begann der Gesang wieder, ein Lied folgte auf däH andere, bis die Uhr acht schlug. „Jetzt beginnt die Lausterstunde," spracht die Bürgermeisterin; „schöpft frische Luft, seid munter, aber macht fernen Lärm. Hellst Läch auf offener Straße sind abscheulich." Tie Mädchen zogen durch das Dorf, Unterwegs trieben sie allerlei Scherze. An manche Fenster warfen sie Erbsen, daß es rasselte, als flögen Hagelkörner gegen die Schechen. An einem Hause hingen-sie einen alten Strumpf an das Tor, indem ein Stein stack. Vorher hatten sie ein langes Seckchen gesponnen, iws M dem Strumpf befestigt und stark gezupft wurde. Ter Lürumpf donnerte an das Tor, oder an die Hausture und versetzte die Bewohner in Schrecken, auf den Gelächter folgte« „Klamperu 1 neunen die jungen Leute diesen Spaß. (Fortsetzung folgt.) r*«5O vom Glanz eines indischen Wstenlebens. So sehn auch andere Herrscher der Welt den Maharad- schah von Baroda an Macht und Größe ihrer Reiche überragen mögen, so kann sich hoch keiner mit ihm in dem Glanz seiner Lebensführung und dem Prunk seiner Hofhaltung messen. Sein Reich umfaßt kaum 13000 Quadratmeilen, die Bevölkerung ist nicht größer als 2 Millionen Seelen, aber er gebietet über Leben und Eigentum seiner Untertanen als absoluter Selbstherrscher, und alles um ihn her scheint nur dazu da zu sein, um die orientalische Marchen- herrlichkeit seines Auftretens blendender und kostbarer erscheinen zu lassen. Ein Freund und häufiger Gast seiner Hoheit, Sayaji Rao III., des Gaekwad von Baroda, Saint Nihal Singh, entwirft in Pearsons Magazine einige farbenleuchtende Bilder aus dem Leben dieses indischen Herrschers. Ein merkwürdiges Gemisch von altgeheiligter Dradi- tion und modernem Komfort beherrscht seine Tagesenr- teilung, seine Arbeit und seine Vergnügungen. Ganz im stillen hat der Maharadschah Lebensformen angenommen, wie sie ein europäischer Gentleman entfaltet: früh ein Ritt nach dem Frühstück im elegantesten Reitkostüm mit Tropenhelm, dann ein Frühstück, vom französischen Koch bereitet, ein Billardspiel', Unterredungen mit beit Ministern, nachmittags Erholung beim Golf, -Tennis oder Crocket. Aber dies ist gleichsam das Dasein,, in dem der „Liebling des Höchsten" gleichsam nur Mensch ist. Erscheint er als Fürst, dann ist er von all jener wunderbaren Pracht, von der sprichwörtlichen MärchenfüU'e indischer Fürstenherrlichkeit umgeben. Die großen Feste, die Durbars, die Audienzen und Zeremonien sind für den Herrscher Tage großer Anstrengung, Dann wird er von geschäftigen Dienerhänden in jene kostbaren Staatsroben gehüllt, die von den erlesensten Edelsteinen glühen und funkeln. In ein Meer von aufsprühenden Lichtern und schimmernden Farben getaucht, tritt dann dieser dicke Mann mit dem etwas gewöhnlichen Gesicht daher, so daß wirklich ein überirdisches Leuchten von ihm ausgeht. Die Menge der Juwelen, die dann auf ihm lastet, wird auf einen Wert von 15 Millionen Mark geschätzt. Eins seiner Halsbänder ist allein 4760000 Mk- wert und enthält den berühmten „Stern des Südens", einen Diamanten von 125 Karat, der früher Napoleon gehörte, und einen blattförmigen Stein von 71 Karat, der einst das Kronjuwel der Großmoguls war. Wenn der Gaekwad die gewaltige, in edlen Architekturformen gehaltene Audienzhalle seines Palastes zum Durbar betritt, dann ertönt eine ohrenbetäubende Musik, eine Gruppe von Hoftänzerinnen, den sogen. Nautsch-Mädchen, vollführt vor dem Herrscher ihre anmutigen Körper- und Armschwingungen, und die hohen Beamten, alle in ihre herrlichsten Gewänder gehüllt, sinken vor ihm zu Boden. Hat er den Thronsitz eingenommen, dann naht sich jeder einzelne mit tiefer Verbeugung und reicht dem Maharadschah ein Geschenk, das dieser sorgfältig betrachtet. Nicht minder eindrucksvoll ist sein Auftreten bei den großen Festen, die er veranstaltet. Alle Sitze um die gewaltige Arena sind dann mit Zuschauern dicht gefüllt. Auf hohem Balkone nimmt der Fürst Platz, ganz in Weiß gehüllt, den roten Durban, das Zeichen seiner Würde, auf dem Haupt. Um seinen Hals glitzert ein diamantenes Band in der Sonne, und das Licht entzündet in den Juwelen ein zauberhaftes Farbenspiel, auf das jedes Auge sich richtet. Auch die Pantoffeln, die der Herrscher trägt, sind völlig übersät mit Perlen, Smaragden und Rubinen. Das Hauptschauspiel, das man dem Maharadscha bietet, ist ein Elefantenkampf. Zwei der riesigen Tiere, die durch berauschende Tränke noch wilder gemacht worden sind, werden in die Arena getrieben, die Hinterbeine gefesselt. Kaum sind sie befreit, so stürzen sie mit ihren Hauern gegeneinander und suchen sich zu zerfleischen. Bei früheren Elefantenkämpfen hatte das Spiel nicht eher ein Ende, als bis eins der Tiere als blutüberströmte Masse zusammensank. Sayaji Rao ist von der „modernen Humanität" nicht unberührt geblieben und läßt den Kampf abbrechen, wenn eins der Tiere völlig erschöpft ist und das Blut in Strömen zu fließeit beginnt. Die Wächter umschwärmen dann die Tiere, Fußbänder mit spitzigen Nägeln werden ihnen um die Hinterbeine geworfen, so daß sie vor Schmerz in die Kniee sinken und sich wieder Fesseln anlegen lassen. Aber nicht nur Elefanten fechten gegeneinander, sondern auch der Mensch mißt sich mit dem Riesentier. Ein gewaltiger Dickhäuter wird durch rote Tücher, durch spitze Speere, durch Quälereien aller Art in sinnlose Wut gebracht und stürzt nun hinter den rasch entfliehenden Kämpfern her. Diese finden ihre Zuflucht in einer kleinen runden Umfriedigung mitten in der Arena, die wohl dem Menschen, aber nicht dem Elefanten den Eintritt erlaubt. Die El'e- fantenkämpfe wechseln mit anderen Schaustellungen. Zwanzig dressierte Papageien fahren auf Dreirädern, schießen Miniaturkanonen ab, Akrobaten machen ihre Kunststücke, 38 Ringkämpfer messen sich, die Nautschmädchen entzücken durch ihre graziösen Tänze. Zieht der Maharadscha aus die Jagd, dann wird eine ganze Zeltstadt im Dschungel errichtet, und vom Elefanien- rücken herab schießt der Herrscher Tiger und Panther. Doch die schlechten neuen Zeiten sind selbst an diesem glanzvollsten Herrscherleben nicht ganz spurlos vorübergegangen. Der Fürst, der Edelsteine im Werte von 40 Millionen und neben anderen Kostbarkeiten in seinem Schatz einen goldenen Wagen, zwei goldene und eine silberne Kanone im Werte von etwa 2 Millionen Mark besitzt, muß sich einschränken. Er bezieht nur noch 2 700 000 Wk. Staatsein^ fünfte und hat seine Dienerschaft und seine'Elefanten etwas vermindert. Wie ernst er es damit nimmt, zeigt eine kleine Geschichte, die in einem der elegantesten Londoner Gasthäuser geschah. Seine Hoheit bestellte für sich und seinen Be- Keiter ein so kärgliches Mahl, daß. der Kellner zunächst glaubte, es sei nur für einen berechnet, und dann sich die bescheidene Frage erlaubte, warum die beiden eleganten Herren so wenig äßen. Da antwortete der Herrscher von Baroda mit tränendem Auge, er könne keine so teuren Speisen essen, während seine Untertanen zu Hause unter Hungersnot litten . . . Vüchertlsch. ==-= Eduard Engel: Geschichte der deutschen Lit er atur von d en Ansän gen bis indieG eg enw art. Zwei Bände mit 101 Bildnissen und 33 Handschriften. Zwölfte, durchgesehene Auflage. (Verlag von G. Freytag und F. Tempsky in Wien.) Von Eduard Engels wohlbekannter Deutscher Literaturgeschichte erscheint soeben die 12. neubearbeitete Auslage, also eine Art Jubiläumsausgabe schon nach fünf Jahren. Aber ein Erfolg von dem Umfange dieser Deutschen Literaturgeschichte, 12 starke Auflagen, in nur fünf Jahren ist natürlich nicht bloß dadurch zu erklären, daß es ein Primaner- oder Studentenbuch geworden: nein, es hat sich längst fest eingebürgert in den gebildetsten deutschen Familien. Die vorliegende neubearbeitetö 12. Auflage, selbstverständlich bis in die unmittelbare Gegenwart fortgeführt, ist abermals um einige werwolle Handschriften bereichert wurden: so z. B. Chamissos „Alte Waschfrau" nach der Urhandschrift wiedergegeben, und von Mörike erscheint diesmal das berühmte Gedicht: „Früh, wenn die Hähne krähn" in des Dichters eigenen Zügen. Trotz den 101 Bildnissen und 33 Handschriften ist Eduard Engels Literaturgeschichte sehr weit entfernt von der Bilderbücherei anderer ähnlicher Werke: nur unsere bedeutendsten Dichter und Prosaiker werden dem Leser in guten, Wiedergaben ihrer Bildnisse und Handschriften vorgeftihrt. Den Wert eines nützlichen Nachschlagewerkes erhöht in dieser neuen; Auflage noch eine sehr dankenswerte Zugabe: eine Zeittafel der wichtigsten Ereignisse, Menschen und Bücher. Dem schönen Werke in seiner neuen Gestalt darf ein dauernder Erfolg vorausgesagh werden, ____________ Vilderratsek. Auflösung in nächster Nummerr Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer : Niederschlag. (Regen; abwärtsiührendeBewegung des Armes beim Dirigieren.) Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Gieße«,