Montag den 16. Januar «W dji^ mti M W ll| Ml VäSSSÜi M Ml Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Langmann nahm ihr, nachdem er sein Frühstück inne» hatte, den Brief ans der Hand. „Teufelsweib!" murmelte er, lachte aber dabei. „Nu ja, das kennt man! Undank ist der Welt Lohn!" sagte die Kosh gekränkt und räumte ab, aber Langmann war hinter ihr und faßte sie um ihre breite Taille. „Was meinen Sie? Ein Küßchen in Ehren, gnädige Kolenwitwe?" Sie stieß ihn von sich, gab ihm einen derben Schlag ans die Schulter und hielt ihm dann doch einen feinen, rotbäckigen Apfel entgegen. „Bü der Lengerich müssen Sie man ein bißchen derb klingeln. Herr Postrat! die hört sonst nicht!" „M w. Machen wir — machen wir!" sagte Langmann, ging durch das Pförtchen und stolperte zu der zweiten Etage hinauf. Die Kosy hatte zufällig auch oben zu tun Und folgte ihm auf dem Fuß. Er klinaelre zweimal kurz nacheinander, aber er hatte keinen Erfolg; dann zog er heftiger an der Klingel, aber statt der Frau Lengerich kam die Pastorin Mclzing im roten Unterrock und weißer Nachtjacke aus ihrer Tür und rief entsetzt. „Mein Gott, mein Gott — ist was passiert?" Ihre grauen Haare flogen ihr aufgelöst bis über die Hüften um die mädchenhaft schlanke Gestalt, und Langmann sah sie belustigt an. „Nichts, nichts, Frau Gräfin! Nur ein Brief für Ihre Flurnachbarin, und hier auch was für Jhro Gnaden!" „O danke, danke!" sagte die Pastorin und besah das Schriftstück, es war ein amtliches Schreiben aus tarn» bürg Sie verschwand damit in ihrer Wohnung. „Nu heiß aber einer Hans!" sagte Langmann und zog zum sechsten Mal an der Klingel. Drin rührte sich nichts. „Frau Lengerich! Frau «Lengerich!" begann jetzt die Kosy zu rufen, und sie pochte an die Tür, und Langmann klingelte wütend. „Die muß sich die Decken gut über die Ohren gezogen haben!" sagte er ärgerlich und räsonierte weiter, bis die Kosy ihm den Finger auf den Mund legte und „Pst!" sagte. Drin sprach jemand. Eine Stimme war es, die hohl Und unheimlich klang; man konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber so viel hörte man, daß sie zu sich selbst sprach. „Mit der ist's nicht richtig!" sagte die Kosy nachdenklich. „Ich hab's gleich meiner Frau gesagt, wie sie ihr die Wohnung vermietete. Wer weiß, was sie sich da nun wieder aufgeladen hat!" Von drinnen näherten sich schleifende Schritte der Tür. „Frau Lengerich, machen Sie doch auf!" rief die Kosw und von Drinnen kam ein banger, unartikulierter Laut un« schließlich die zitternde Frage: „Wer ist ba?" „Ein Brief, Frau Lengerich — weiter nichts!" sagt« die Kosy beruhigend, und Frau Lengerich öffnete eine« schmalen Spalt ihrer Tür, stteckte ihre Hand heraus und nahm den Brief in Empfang. Zweimal drehte sie den Schlüssel im Schloß herum, lauschte noch einen AugenblUI und grng dann, an allen Gliedern zitternd, in ihr Schlafzimmer. Den ganzen Tag über ging der Kosy dieser Brief fin Kopf herum. Feindselige Blicke warf sie der Specht zu, die, seitdem sie den Kontrakt in Händen hatte, die Gemüsefrau mit eisiger Nichtachtung behandelte. Sie hatte sich auch schon die Minna, Frau Spechts kleines Dienstmädchen gestellt, aber die wußte von nichts. „Wenn uns Gott nur einen einzigen Mann ins Haus schicken wollte!" dachte sie verzweiselt. „Lauter Weiber — das ist ein Unglück — das geht nicht gut aus!" ---Oben im zweiten Stock faß Frau Lengerich in ihrem halbdunklen Schlafzimmer auf dem Bettrand und sah mit starren Augen auf den Brief, den sie in der Hand hielt. „Lärm? Ruhestörung?" murmelte sie. „Wann denn? Wo denn?" Fing das Entsetzliche wieder an? Wußte man? Wollte man sie vertreiben? Nicht mit ihr in einem Haufe wohnen? „Barmherziger Gott!" schrie sie auf und las bett Brief wieder und wieder. „Hört der Lärm nicht auf, so muß ich mir auf bent Weg der Klage Ruhe verschaffen!" stand da. Was für ein Lärm war das denn? Mitten in der Nacht?? Sie faßte an ihren Kopf, und die Gedanken kreisten ihr wild durcheinander. „Auf dem Weg der Klage!" murmelte sie ein paar Mail, und dann schluchzte sie auf, so aus tiefster, tteffter Seela „Ob sie wissen? Ob sie alles wissen?" jammerte fit verzweiselt. „Gibt es denn keinen Winkel auf der Welt, der einsam und dunkel genug ist, um sich zu verstecken?" „Ach, du, du!" schrie sie plötzlich, und ihre Hände ballten sich zu Fausten, sie lief im Zimmer auf und nieder, stieß die Stühle beiseite, die ihr im Wege standen, und stieß laute Verwünschungen aus. Dann plötzlich schrak fit zusammen. Herrgott, Herrgott — was tat sie? Das war ja entsetzlich; sie wußte nichts davon, aber sie hatte jetzt deutlich gehört, daß man unten im Zimmer mit einem harten Gegenstand an die Decke geklopft hatte, gerade unter ihren Füßen. Das also war der Lärm, über den sie sich beklagten, und sie wußte nichts davon. Das Entsetzliche kam so vlötz- 54 — Nch, so erschreckend machtvoll über sie, daß sie keinen Willen dagegen besaß. Sie saß nun auf einem Stuhl, den Kopf weit hinabgebeugt; die Haare hingen ihr wirr um den Kopf, und ihre Glieder bebten, denn es war bitter kalt im Zimmer. „All das hast du mir angetan, Georg!" sagte sie leise, totb ihre Stimme zitterte. „Und wenn sie es erst wissen, dann ist auch hier meines Bleibens nicht mehr länger; dann deuten sie mit Fingern auf mich, und an all dem List du schuld — du — o du!" Warum war sie nur hierhergekommen? Warum hatte Rott sie gesund werden lassen vor Jahresfrist, als sie da hinten in einem Oertchen Schlesiens auf den Tod krank gelegen und in ihrem armen Hirn doch nur noch der eine Wunsch, der eine Gedanke gelebt hatte, still und lautlos zu sterben, ohne Aufsehen, wie ein Wurm, den man getreten, der sich ein paar Mal aufkrümmen muß und dessen Tod Niemand beachtet! Ja, sterben, nur kein Interesse mehr auf sich lenken, demütig, still und tonlos sterben, um jene zu versöhnen, die ihr zürnten, nachdem das Entsetzliche in ihr Leben gekommen war, ihre Schwestern und Brüder, all die, die ihr einstmals nahe gestanden und die sie jetzt mieden. Wenn sie still und bescheiden gestorben wäre, dann würden all die, wenn sie einmal an ihrem Grab vorbei- gingen, vielleicht doch eine weiche Regung für sie haben, würden vielleicht sagen: „Arme Frau! Verpfuschtes Leben!" Und das würde ihr wohltun r-? noch im Tode würde es ihr wohltun. Aber dann plötzlich war das andere wieder da, das Furchtbare, das, was sie oft mieten in der Nacht so laut Und gellend auflachen ließ, das sie rüttelte und. zerrte, ihr etwas Brausendes in die Adern goß, daß sie aufspringen mußte, daß sie wie eine Wahnsinnige den Kopf an die Wand stieß und schreien oder beten mußte. Die Frau eines Mörders! Das war der Fluch, der sie verfolgte, seit zwei Jahrzehnten, seit sie ruhelos durch die Welt zog, in der steten Angst, dem fortwährenden Mißtrauen lebend: „Weiß man schon? Weiß man alles?" Sie konnte die Blicke der Menschen nicht mehr ertragen. Monatelang lebte sie allein, weltabgeschieden, und dann plötzlich mußte sie heraus; irgend etwas in ihr quälte und peinigte sie und ließ ihr keine Ruhe Ihr verstörtes Wesen aber siel den Menschen auf; man sah die unscheinbare Frau mit scheuen Blicken au, und diese Blicke entsetzten, erschreckten sie, und dann ging sie eines Tages hin zu irgend einem Menschen, den sie kannte Und den sie für gut hielt, und bei ihm erleichterte sie ihr armes Herz und sprach sich das Entsetzliche von der Seele. „Kein Raubmörder, keiner der stiehlt und heimlich kommt! In der Wut hat er ihn erschlagen! Glauben Sie, « war nicht schlecht, nur maßlos, nur jähzornig!" Und sie erzählte ihre ganze traurige Geschichte, wie der Mann, der sein Leben lang ein ordentlicher Mensch gewesen, ins Zuchthaus gebracht wurde und nach zwei Jahren gestorben war: daß der einzige Sohn ins Ausland gegangen war und sie allein zurückgelassen hatte, und daß sie die furchtbare Last nicht von der Seele wälzen könne. Hier in Thüringen, in dem alten, stillen Haus war ihr eine Zeitlang so wohl gewesen; den ganzen Sommer Über hatte sie sich glücklich und froh gefühlt, hatte ihre zwei Vorderstübchen an Kurfremde vermietet und all das Vergangene war ruhig geworden, war eingeschlafen, Um dann plötzlich wieder ausznwachen mit all seinen Schreck eii. — Frau Lengerich spürte jetzt den alten Druck auf der Brust, der sie schon oftmals bewogen hatte, sich irgend einer Menschenseele anzuvertrauen. Sie las den Brief immer, immer wieder. „Frau Häuflein" stand darunter. Sie überlegte einen Augenblick. Das war die große, schlanke Frau, die so ruhig und zielbewußt «nssah, nicht bösartig wie die andere aus dem ersten Stock, die Frau Specht, vor deren Augen die arme Frau Lengerich hätte fliehen mögen bis ans äußerste Ende der Welt. „Wenn ich ihr nun alles sagte — ob sie mich verstehen würdet dachte sie sorgenvoll und legte die Hand auf ihr armes Herz, und je mehr sie sann, desto mehr Vertrauen gewann sie zu der schönen Frau Kaufmann Häuflein, und ehe eine Stunde vergangen war, klopfte es bescheiden an Frau Häufleins Tür, und auf ihr „Herein^ trat Frau Lengerich ein, sah sie mit unsäglich traurigen Augen an und begann auf den Brief zurückgreifend ihre schlimmen Lebensschicksale zu erzählen. Nachdem Frau Häuflein über die erste große Verwunderung herausgekommen war und sich vergewissert hatte, daß sie es hier nicht mit einer Irren, sondern mit einer Frau, die eine schwere Last auf ihren Schultern trug, zu tun hatte, wollte etwas wie Milleid in ihr erwachen. Sie hörte und staunie und blickte die gebeugte, un- 7",einbare Frau an, die da mir leiser, zitternder Stimme io große, furchtbare Dinge aussprach, und ihr einziger Schmerz war der, daß sie der merkwürdigen Frau mit Handschlag versprechen mußte, das Geheimnis für sich zu behalten. Frau Lengerich dagegen verpflichtete sich, ein Anderes Zimmer zum Schlafen zu beziehen, und die Specht, die in ihrer offenen Flurtür stand, konnte nicht genug staunen über die freundschaftliche Verabschiedung der beiden Frauen. Sie machte sogleich der Frau Häuflein einen Besuch, aber merkwürdigerweise sprach die von tausend anderen Dingen, nur nicht davon, was die Specht wissen wollte, und wie sie endlich eine schüchterne Frage in her „Angelegenheit Lengerich" wagte, meinte die Häuflein gleichgültig, die Sachs sei erledigt. Sie wurde rot und bleich vor Wut, beherrschte sich aber und schied freundlich von ihrer Flurnachbarin, und die Häuflein lachte auf, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Frau Lengerich aber faß oben in ihrem Zimmercheu und fühlte sich von einem schweren Druck befreit und dankte Gott dafür, daß sie mit so guten Menschen in einem Hause wohnen durfte . Nur die Kosy war verdrießlich; das war das erste Mal, daß etwas Großes sich im Haase ereignete ohne ihrs Mitwirkung. Sie ging ein paar Tage beleidigt umher, nahm nicht an den Leseabenden der Pastorin M>.lzing teil und wurde erst wieder eigentlich lustig, als ein Neues Ereignis ins Daalehaus einzog. (Fortsetzung folgt.) Liebesbriefe Napoleons des Ersten. Der rühmlichst bekannte Napoleon-Forscher F. M. Kircheisenj hat vor kurzem eine Auswahl aus den Briefen Napoleons in drei Bänden veröffentlicht (Verlag Robert Lutz in Stuttgart), die es! uns gestattet, die 'intimsten Seiten im Leben des Gewaltigen! aus der Nähe zu schauen. Mit Erlaiibnis der VerlagsbuchlMidliutg bringen wir nachstehend einige der höchst interessanten Liebesbriefe zum Abdruck, die der junge, rasend verliebte, eifersückstigck General zwischen seine Siegesberichte hinein während des italie-i nischen Feldzuges au Josefine geschrieben Hai. Marmirolv, den 29. Messidor, 9 Uhr abends. (17. Juli 1796.) Ich habe Deinen Brief erhalten, meine aubetungAvurdigS Freuiidin, er hat mein Herz mit Freude erfüllt. Tausend Da ich für die Mühe, die Du Dir genommen . . . Seit ick) Dich verlassen, bin ich stets traurig gciuefeit; glücklich! bin ich nur in Deiner Nähe. Fortwährend denke ich im Geiste au Deine Küsse, Deine Tränen, Deine reizende Eifersucht, und! der Zauber der unvergleichlichen Josefine entfacht immer von neuem die wildglühende Flamme meines Herzens und meinest Sinne. Wann werde ich endlich, frei von Sorgen und Geschäften, all meine Zeit bei Dir verbringen können, nichts anderes zu tust haben, als Dich zu lieben, an nichts anderes zu fünfen brauchen, als an das Glück, es Dir zu sagen, und zu beweisen? Bor einigen Zeit glaubte ich Dich zu lieben, aber seitdem ich Dich gesehen, fühle ich, daß ich Dich noch tausendmal mehr liebe. Seitdem ich Dich kenne, bete ich Dick) täglich mehr an. . . Ach, laß mich, ich bitte Dich, wenigstens einige Deiner Fehler sehen! Set weniger schön, weniger anmutvoll, weniger zärtlich, weniger gut) besonders fei niemals eifersüchtig, weine niemals; Deine Träneiil bringen Ntich um die Vernunft, erhitzen mein Blut. Glaube mir, es steht nicht mehr in meiner Macht, auch nur einen Gedankckni zu haben, der nicht ,Dir gehörte, eine Idee, die ich nicht ,Dist unterbreite. Ruhe Dich nur gut aus. Erhole Dich recht schnell und komm«! mir nach, damit wir wenigstens, ehe wir sterben, sagen tonnen! wir verlebten so viele glückliche Tage! Millionen Küsse, selbst für Fvrtunä*, trotz seiner Garstigkeit Bonaparte, * Josefines Schoßhündchen. WodeiM, Bett 26, Vendomiaire des Jahres V. 9 Uhr abends. (17. Oktober 1796.) Vorgestern bin ich den ganzen Tag im Felde gewesen. Gestern Miete ich das Bett. Fieber und heftige Kopfschmerzen haben mich verhindert, an meine anbetungswürdige Freundin zu schreiben. Uber ich habe ihre Briese erhalten, habe sie an mein Herz und meine Lippen 'gedrückt, und der Kummer über Deine Abwesenheit und die weite Entfernung war verschwunden. In diesem Augenblick sah ich Dich neben mir; nicht launenhaft und gereizt, sondern; sanft, zärtlich, mit jener weihevollen Güte, die nur meiner Josefinck eigen ist. Es war ein Traum; daß. er mich vom Fieber geheili hat, kannst Du Dir wohl denken. Deine Briefe sind so kalt wie fünfzig Jahre, sie gleichen denen, die man sich nach fünfzehnjähriger Ehe schreibt. Man liest daraus die Freundschaft und die Gefühle jenes Winters des Lebens. Pfui! Josesine! . . j Das ist sehr schlecht, sehr garstig, sehr heimtückisch von Ihnen! Was bleibt Ihnen noch, um nrich vollends beklagenswert zu machen? Mich nicht mehr lieben? O! das ist längst geschehen. Mich hassen? Gut! ich wünsche es; alles erniedrigt, nur der Haß nidjt; aber Gleichgültigkeit mit einem Herzen von Marmor, das Auge starr, der Gang schlaff! . . . Tausend, tausend Küsse, so zärtlich wie mein Herz. Mir geht es etwas besser, ich reise morgen. Die Engländer kaum en das Mittelmeer. Korsika ist unser. Gute Nachricht für Frankreich und die Armee. Bonaparte, * Verona, den 3. Frimaire des Jahres V. (13. November 1796.) Ich liebe Dich gar nicht mehr; im Gegenteil, ich verabscheue Dich. Du bist häßlich, ungeschickt, dumm, unansehnlich. Du Mweibst mir nie, liebst Deinen Mann nicht; Du weißt genau, welches Vergnügen Deine Briefe ihm bereiten und schreibst ihm Nicht einmal ein paar hingeworfene Zeilen! Was tun Sie denn den ganzen Tag, Madame? Welches wichtige Geschäft raubt Ihnen die Zeit, an Ihren Herzallerliebsten zu schreiben? Welche Neigung erstickt und schiebt die Liebe beiseite, jene zärtliche, beständige Liebe, die Sie mir versprachen? Wer kann der ausgezeichnete Geliebte sein, der Ihre ganze Zeit in Anspruch nimmt, der über Ihre Tage verfügt und Sie verhindert, sich mit Ihrem Manne zu beschästigen? Josesine, nehmen. Sie sich in acht; in einer schönen Nacht werden die Türen .eingedrückt werden, und ich stehe vor Ihnen. Ich hin wirklich besorgt, meine liebe Freundin, so lauge Nichts von Dir zu hören; schreibe mir schnell vier Seiten voll der liebenswürdigen Dinge, die mein Herz mit Freude und Glück erftillen. In kurzem hoffe ich Dich in meine Arme zu schließen und! Dick) mit einer Million Küssen, so heiß wie unter dem Aequator, zu bedecken. * Bonaparte. Mailand, den 8. Frimaire des Jahres V. 8 Uhr abends. (28. November 1796.) Ich erhalte soeben den Kurier, den Berthier von Genua hat vbgehen lassen. Du hast natürlich nicht Zeit gehabt, mir zu schreib eit; ich begreife. Umgeben von Vergnügungen und Zerstreuungen, tätest Tu unrecht, mir auch nur das geringste Opfer zu bringen. Berthier war so liebenswürdig und zeigte mir den Brief, den Du ihm geschrieben. Es ist nicht meine Absicht, Dich in Deinen Berechnungen, noch in den Vergnügungen, die man Dir bietet, zu stören; meinetwegen ist das nicht der Mühe wert, und das Glück »der Unglück eines Mannes, den Du nicht liebst, braucht Dich mW zu interessieren. . Mein Verhängnis und Lebensziel hingegen ist, Dich zu lieben, Dich glücklich zu machen, nichts »n tun, was Dich kränken könnte. Sei glücklich, wirf mir nichts vor, nimm keinen Anteil an der Glückseligkeit eines Mannes, der nur für Dich lebt, nur in Dir lebt, der nur froh ist, wenn Dil froh, nur glücklich, wenn; Du glücklich bist. Wenn ich von Dir eine Liebe wie die meinige verlange, so ist das falsch; warum lvünschen, daß die zarte Spitz« ebenso schwer wiege, als das Gold? Wenn ich Dir alle meine Wünsche, alle meine Gedanken, alle Augenblicke meines Lebens zum Opfer Bringe, so gehorche ich dem Einfluß, den Deine Reize, Dein Wesen und Deine ganze Person über mein unglückliches Herz zu gewinnen gewußt haben. Es ist mein Fehler, wenn die Natur mir keine Reize verliehen hat, um Dich einzunehmen. Was «ch indes von feiten Josesine verdiene, das ist ein wenig Rücksicht, ein wenig Achtung, denn ich liebe sie bis zum Wahnsinn und Nnzig und allein. Leb wohl, anbetungswürdige Frau, leb wohl, meine Josesine t UJcag das Schicksal allen Kummer und allen Schmerz in meinem Herzen anhäufen, wenn es nur meiner Josesine schöne und glück- |’l§e Wer verdiente es mehr als sie? Wenn es festgestellt M, daß sie nicht mehr lieben kann, dann will ich tnemen tiefen Schmerz in mein Inneres verschließen und mich Inemen v efen Schmerz in mein Inneres verschließen und mich begnügen, ihr, wo ich kann, nützlich zu fein. röWxe ken Brief, um Dir einen Kuß zu geben. • s - Mch! Josesine! . . , Josesine) Bonaparte. 36 — Tolentino, 1. VeUtoss des Jahres V. (19. Februar 1797.) Der Frieden mit Rom ist eßen abgeschlossen worden. Bologna, Ferrara, die Romagna sind der Republik überlassen. In kurzem! gibt uns der Papst 30 Millionen und viele Kuustgegenstände. Morgen breche ich nach Ancona auf, um mich von da auch nach Rimini, Ravenna und Bologna zu begeben. Wenn es Deins Gesundheit erianßt, komme nach Rimini oder Ravenna, abep schone Dich, ick) bitte Di'ch dringend. Kein Wort von Deiner Hand! Großer Gott, was habe ich denn getan? Nur an Dich! denken, nur Josesine ließen, nur süv mein Weib leben, nur bann glücklich sein, wenn meine Freund ist glücklich ist — sollte ich »dafür eine so strenge Behandlung von ihr verdient haben? Meine Freundin, ich beschwöre Dich, denke oft an mich und schreibe mir täglich. Du bist krank oder liebst mich nicht mehr! Glaubst Du denn, mein Herz fei Marmor! Und interessierest Dich meine Schmerzen so wenig? Da würdest Du mich recht schlecht kennen! Ich kanns nicht glauben. Du, der die Natur Geist, Sanftmut Und Schönheit verliehen, Du, die Du allein meist Herz beherrschen konntest. Du, die wahrscheinlich nur zu guti weiß, welch unumschränkte Gewalt Du über mich hast) Schreibe mir, denke an mich und liebe mich. Fürs Leben ganz der Deine. _________ Bonaparte, Was eine Kiefenoper kostet. Die Millionäre, von denen die bedeutendste amerikanisch^ Oper bisher freigiebig unterstützt wurde, hoffen nicht mehr, jemals auf ihre Kosten zu kommen. Tie meisten geben übrigens auch nur, weil es Mode ist, einige wenige aber besitzen Ehrgeiz. Sie wollen aus dem Metropolitan-Theater eine der ersten Bühnen der Welt machen. Um dies zu erreichen, haben sie sich in ungeheure Ausgaben gestürzt. So sind seit Conrieds Regime, also während der letzten sieben Jahre, eine Million Dollar für Szenerie und Kostüme verausgabt worden. Mehr als 21 Overn haben eist neues Gewand erhalten. Tie Ausgaben für Neueinstudierungen beliefen sich im vergangenen Jahr allein auf 200 Ouu Dollar. Um einen Begriff zu bekommen, wieviel die Kosten einer Woche Betragen, muß man zunächst diese Neuausführungen Berücksichtigen. Tie Kostüme und Dekorationen für die verschiedenen deutschen, französischen und italienischen Opern werden meist in den betreffenden Säubern entworfen und angefertigt. Tie Spiel- heil dauert zwanzig Wochen, also ehe nur eine Note gesungen ist, betragen die Vorausgaben schon 10 000 Dollar wöchentlich. Das Orchester ist neuerdings verdoppelt worden, es besteht aus 160 Musikern, eine genügende Anzahl, um damit in zwei Städten zugleich spielen zu können. Ties geschieht zweimal wöchentlich und zwar außer in Newyork noch in Philadelphia, Baltimore und Brooklyn. Tas durchschnittliche Gehalt eines Orchefter- miigliedes beträgt 7 Dollar für eine Vorstellung, dazu gehören auch die Proben. Falls diese länger als vier Stunden dauern, werden die Leute extra bezahlt. Tie Solisten erhalten natürlich inehrr 6000 Dollar wöchentlich, es mögen auch 7000 fein, sind hier nicht zu hoch gegriffen. Ter Chor ist ebenfalls vergrößert worden. Zu ihm gehören jetzt 185 Sänger und Sängerinnen, von diesen stellt die Opernschule siebzig. Keiner der Choristen erhält weniger als 20 Dollar die Woche, bei Uebernahme von kleineren Rollen dementsprechend mehr. Tie siebzig Opernschüler werden nur für ihr jedesmaliges Auftreten bezahlt, trotzdem betragen die Kosten für Bett Chor wöchentlich ungefähr 3700 Dollar. Für das Ballett werden 1000 Dollar ausgegeben, von den 65 Mitgliedern erhielt jedes durchschnittlich 15 Dollar wöchentlich. Die Zahl der Theaterarbeiter einschließlich der Mechaniker, Türhüter, Kulissenschieber, Laufjungen usw. beläuft sich auf mindestens zweihundert. Sie kosten der Direktion 4000 Dollar pro Woche. Inserate und sonstige Drucksachen kömien mit 2500 Dollar veranschlagt werden. Heizung und Beleuchtung sind beides wichtige Posten, es ist jedoch unmöglich, sie genau zu berechnen, da sie sich von Woche zu Woche verändern. 600 Dollar hierfür würde jedenfalls noch Ben Mindestbetrag ausmachen. Tie Reisen nach Philadelphia und Baltimore kosten ungefähr 3000 Dollar. lind nun kommt das wichtigste und kostspieligste, die Gagen für die „Stars". Gewöhnlich werden diese von den Außenstehenden bis ins Ungeheuerlichste gesteigert, wer die Verhältnisse kennt, weiß jedoch, daß die Zeiten der fabelhaft hohen Honorare längst vorüber sind. Allerdings erhält Caruso noch 2000 Dollar für einen Abend luitb da er gewöhnlich dreimal wöchentlich austritt, so belastet er das Wochenbudget mit 6000 Dollar. Sopranistinnen, wie z. B. die Testinn und Madame Fremstad fingen zweimal wöchentlich für je 1000 Dollar, Miß Farrar und Frau Gadski erhalten je 800 Dollar. Diese Größen kosten also wöchentlich etwa 7000 Dollar. Die Altistinnen stehen nicht so hoch int Kurs wie die Sopranistinnen. 2000 Dollar ist ungefähr die Summe, die für sie angesetzt ist. Tie Tenöre sind dagegen! wieder sehr kostbare Notwendigkeiten. Ronca, Burrian, Slczak, Jörn beziehen sämtlich vierzifserige Gagen. Also sind 10 000 Dollar für sie nicht zu hoch gegriffen. Die Baritonisten wiederum nehmen mit der Hälfte dieser Summe vorlieb. Tie übrigem Kräfte werden entweder wöchentlich oder für jede Mitwirkung humoristischer. * 1 2 1 2 Redaktion: K. Neurath. ~ Rotationsbruck und Verlag der Brühl'Ichen Universitäts-Buch» und Steinbrnckeretz R. Lange, ©tefeeifc 2 8 4 2 5 2 3 3 2 3 1 5 2 5 4 2 2 4 2 4 b 3 I beliebtes Nahrungsmittel. ein Naturprodukt. 2 griechische Göttin. Stadt in Pennsilvanien. 2 3 Bezeichnung für eine bestimmte Zahl. 2 5 eine angenehme Zeit iür Jung und Alt. Auslöiung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer Kaum daß wir spielten aus der Väter Knien, Wird bald das Grab der Ahnen miß umgeben . . Den Wolkenschatten, die im Strome ziehn, Dem Hauch am Spiegel gleichet unser Leben. Dermndsfes» * Die Bezahlung der Schweizer Hausfrauen. In der Schweiz ist, wie die »Dokumente des Fortschritts" melden, durch ein Gesetz festgestellt worden, daß der Ehefrau der dritte Teil des Einkommens ihres (Satten gehört als Entgelt für die von ihr Arithmogriph. überirdisches Wesen. Ein Vorschlag. „Ich denke. Sie haben ein Buch geschrieben?" — „Tas wohl, wenn ich nur einen Dummen fände, der es verlegte." — „Da nehmen Sie es doch in Selbstverlag !" * In der Sprechstunde. Arzt: „Wenn Sie immer rauchen, werden Sie nie auf hören zu husten." — Patient: „Tas Rauchen macht mir aber mehr Spaß als das Husten!" * Ewige Treue. „Ist das wirklich ausrichtige Lieb« zwischen Ihnen und Ihrem Bräutigam?" — „O, verlassen Sie sich darauf, unsere Liebe wird selbst die Scheidung übep- dauern!" * .F amiliüreL Vater: „Was fällt dir ein, zu bv- haupten, daß wir an deiner unseligen Heirat mit Anton schuld seien?" — Tochter: „Tas seid Ihr auch — habt Ihr mir nicht seinerzeit so schrecklich davon abgeraten?!" geleistele Arbeit im Hause. Die Frau hat des ferneren Anspruch aus den drillen Teil seines Vermögens und darf über diesen allein noch Gutdünken verfügen. Es ist biet zum ersten Mate festgelegt worben, rote hoch die bisher unentgeltlich geleistete Arbeit der Frau im Hauie zu beroerten tst. Ob ein Drittel vom Gesamteinkommen als Beivertimg der vausfrauenarbeit im Durchschnitt nicht zu hoch gegrissen ist, wird sich wohl, nachdem das Gesetz einige Jahre in Kraft war, erweisen. In der freien Schweiz ist also dte Frau zur Angestellten ihres 'Mannes geworden. * Der neueste Modetanz Ueher Nacht ist in den Pariser Salons und in den Ballsälen der vornehmen Gesellschaft ein neuer Modetonz entstanden, der den berühmten Apachentanz bereits in den Abgrund der Vergessenheit htnabgestoßen Hal und binnen kurzem wohl seinen Siegeszuq durch Europa nntreteii wird. Der neue Tanz kommt diesmal aus Südamerika, eine Art feuriger und melodischer Habanera begleitet seine Bewegungen, und Jung und Alt übt eifrig, um den „Tango Siro ent in", den argenlinischen Tango, möglichst anmutig und temperamentvoll zu tanzen. Er besteht aus einer Reibe von Figuren, die in ihrem phantastischen Wechsel die Gelegenheit zu graziösen, leichten Bewegungen bieten. In bunter Folge lösen sich während des Tanzes zehn verschiedene Bilder ab, die sich auf einer geschickten Verivendung des Potkaschrittes aufbauen. * Was alles erfunden wird? Daß die Pessimisten, die so gern alles grau in gratt sehen und auch behaupten, baß der menschliche Erfindltugsgerst abgenommen habe, tm Unrecht sind, zeigt em Blick in die Patentregister, in denen die merkwürdigsten Früchte des Erfindergeistes verzeichnet sind. Ter „Cri de Paris" veröffentlicht einen amüsanten Auszug aus dem Palentregister des Pariser Kunst- und Gewerbe-Konservatoriums, in dem man gleich eine Reibe Höchst sonderbarer Neuheiten verzeichnet findet. Da ist das Patent Nr. 76389, das ein gewisser Herr Stumm aufgenommen bat: „Anwendung des Instinkts der Tiere zum Lenken von Dampf- gefährten auf gewöhnlichen Straßen". Eine andere Ersindung tiägt die Nr. 1612 -2 und schützt „ein neues Verfahren, das daß Ziel verfolgt, alle Nahrungsmittel und Gerichte anreizender und schmackhafter zu machen durch Verleihung emes Geruches von Haaren von Personen weiblichen Geschlechtes". Aber noch rätselhafter als diese Ersindiiiig emes merkwürdigen Feinschmeckers ist das Patent Nr. 260 792, „Unterarme für Tarnen; sie können mit Wasser gefüllt werden, um ihre Undurchdringlichkeit zu er« weifen". Eine andere „praktische" Neuheit tvird durch das Pate.ck Nr. 220186 geschützt: „Schroimmkosser für Fußgänger und Rad- saurer". Unter der Nr. 221 388 hat Chouet, genannt Honorö, gesetzlich Musterschutz erlangt für ein „Mittel zur Herstellung: 1. größter optischer Linsen für die Astronomie und tue Wissenschaft ; 2. größter photographischer Objektive; 3. größter metallischer Reflektoren aus einem einzigen Stücke; bei der Herstellung wird der Eisselturm als Hauptgerät benutzt, um die Matrizen zu ben drei neuen Objekten zu gewinnen: Linsen, Objektive und Reflektoren". Zum Schluß jet noch das Patent 299 889 ermähnt j „Apparat, um die Wellen in dte Badewanne zu leiten"; jedermann kann also gewissermaßen den Ozean im eigenen Heim haben- ____________ bezahlt, je nachdem ihr Kontrakt lautet. Die Gesamtausgabe beläuft sich auf annähernd 10 000 Dollar. Alles zusammen genommen kosten die Solisten demnach 40 000 Dollar die Woche. Tie Kapellmeister erhalten an 2000 Dollar und dre Geholter der zahlreichen Beamten ergeben ungefähr dasselbe. Damit wäre die Liste geschlossen. Tie mutmaßlichen wöchentlichen Ausgaben betragen also 74 800 Dollar, man darf aber gern 80 000 annehmen, da sich viele kleinere Posten der Berechnung entziehen. Dieser Summe steht eine Einnahme von ungefähr 10 000 Dollar für jede Slufsührung, 60 000 Dollar per Woche gegenüber. Tas Minus muß durch die Aufführungen in anderen Städten ausgeglichen werden. Jedoch gibt es nicht allzuviele Wochen für die Metropolitan Opera, in denen sich die Einnahmen mit den Ausgaben decken — und so ist am Schluß der Spielzeit jedesmal ein neues Defizit vorhanden. Aus der Geschichte der Grisette. Die fröhliche kleine Pariser Putzmacherin, die trotz kärglichen Verdienstes und schwerer Arbeit immer heitere ?und lebenslustige Näherin, ist als Grisette berühmt geworden; in schönen Gedichten und luftigen Versen haben die Dichter ihre Lebenskunst befangen, Lafontaine nennt sie „einen t Schatz" und Alfred de Müsset widmet ihr eine poetische Ehrenrettung, mit der sie zufrieden sein konnte. Aber es hat lange gedauert, ehe dte Grisette wenigstens in der Dichtung zu Ruhm und Ehren mifftieg; Erneue Defprez erzählt allerlei Interessantes von den Leiden und den kleinen Freuden der Grisette im Wandel der Jahrhunderte und belehrt den Laien darüber, daß die viel besungene kleine Pariser Näherin, die ihren berühmten Namen dem schlichten Grisettstoss verdankt, mit dem sie sieh ursprünglich kleidete, ihre lange und wechselvolle Geschichte hat. Ludwig XIV. war der erste, der den fleißigen Nähmädchen ein deutliches Zeichen feines Wohlwollens gab; ein Edikt vom 30. März 1675 gewährt de» Grisetten das Recht, sich zu einer Zunft zujgmmenzu- schließen und 'Meisterinnen zu ernennen. Bis zu jener Zeit war das Schneiderhandwerk den Frauen verwehrt und jenes Dekret des eminentönig§ ist damit die erste öfsentliche Anerkennung der Grisette. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zählte man tn Paris kaum 20 Schneiderinnen, die als fDleifterinnen selbständig eine Nähsttlbe führen durften. Tie kleine Grifette, die sich bis zu dieser Stellung emporgearbeitet und emvorgehungert hat, braucht die Not zwar nicht zu fürchten, aber em sorgloses Leben des Müßigganges winkt ihr nicht. Bon morgens früh, wenn das Tageslicht seine ersten Strahle» sendet, bis zum Dunkel der Nacht führt sie eifrig Nadel und Schere und nur am Sonntag darf die Arbeit nihe». Das Gesetz legte ihr für jede mißglückte oder nachlässige Arbeit fchwere Strafen auf; wehe der Grisette, die tn jenen Zeiten eine Naht nicht mit aller Sorgfalt fest und sicher zu- lammenheftete! Zu gleicher Zeit entroicfelt sieh ein neuer Stand, eine neue Znnfl: die der Putzmacherinnen. Das waren die Abkommen jener Pntzhändlerinne», die zur Zeit Ludwigs XIII. in ben Gallerten des Schlosses ihre Ware» fetlbtelten und den Vorübergehenden nicht wenig zusetzte». Erst hundert Jahre später als die echten Grisetten, im Jahre 1775, erhalten die Putzmacherinnen ihre gesetzliche Anerkennung. Sie verfertigten mit mehr oder minder gutem Geichmack Hüte und Kopfbedeckungen und noch im 18. Jahrhundert hielten sie die Spaziergänger an und lenkten die Blicke der 'Menge auf sich, indem sie ihre neuesten Mtister auf der Straße zur Schau stellten und umbertrugen. Am Sonntag aber, wenn der Woche Arbeit überrounben war, zogen sie im leichten Mnsselinkleid mit bunten Schleifen hinaus in die Tanzsäle. Bis zur Zeit des Bürgerkönigs Louis Philipp pflegten die Inhaberinnen von Schneider- und Modeiverkstätten ihre Näherinnen, die kleine» Grisette», in Kost und Wohnung zu nehmen. Tie Mädchen schliefen bann gewöhnlich in einem gemeinsamen Schlafsaale, der nichts weniger als anheimelnd außgefiattet mar. Toch mit den dreißiger Jahre» des vergangenen Jahrhunderts schwand bieie Sitte immer mehr, die Grisette zog ans und gründete sich ihr eigenes kleines Heim, indem sie irgendwo ein Zimmerchen mietete, meist em Dachstübchen, dessen schmales Fensterbrett dann mit Blumen gejcbmüclt und dessen Wände mit bunten Bildern aus Modezeitschriiten geschmückt wurden. Tas war die Zeit, da die Psychologie der wirklichen Grisette sich bildete, die Zeit, da 'Hirni Piuson entstand. Tas Arbeits'eld erweitert sich, nicht nur Kleiber, Mützen und Hüte gehen aus den fleißigen kleine» Hände» hervor, auch künstliche Blume» und Spitzen roerben hergestellt, alles gegen ein mehr als bescheidenes Entgelt. 'Aber wie bart dass Leben auch der Grisette gegenübertritt, ihre Lebensfreudfgkeit, ihr Humor und • ihre Heiterkeit sind nicht zu erschüttern und reizt die Dichter immer wieder, zur Leger zu greifen zum Preise und Ruhm der fleißigen kleinen Mädchen, denen kein Mißgeschick die srohe Laune verdirbt. >-■ 36