Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) Walter Hartrights Aussage. 1. Teil. I. An einem sehr heißen Julinachmittaae pilgerte ich nach Hampstead hinaus, um meiner Mutter Lebewohl zu sagen. Am nächsten Tage sollte ich nach Cumberland fahren, um dort eine Stelle als Zeichenlehrer anzutreten. Diese Stelle hatte mir mein kleiner Freund Pesca verschafft, dem ich in einem vornehmen Haufe begegnet war, wo er im Italienischen, ich im Zeichnen unterrichtete. Seitdem ich Gelegenheit gehabt, ihm beim Baden das Leben zu retten, wäre er für mich durchs Feuer gegangen. Das fast zwerghafte Professorchen war seit Jahren in London ansässig, nachdem er aus irgendwelchen politischen Gründen seine Privatdozentenstelle an der Universität Padua hatte aufgeben müssen. Die Bedingungen für diese Stelle bei Mr. Frederic Fairlie, zu Limmeridge House in Cumberland, waren die denkbar günstigsten. Ich sollte während vier Monaten zwei junge Damen im Aquarellieren unterrichten und gleichzeitig eine wertvolle Sammlung von Handzeichnungen ordnen. Dafür sollte ich wöchentlich vier Guineen erhalten, in Limmeridge House wohnen und dort wie ein Mitglied der Familie behandelt werden. „Heirate eine der beiden Damen und erbe tzie fetten Güter dieses Fairlie, und wenn du dann ein großer Herr bist, dann vergiß deinen alten Pesca nicht ganz!", hatte mir der kleine Italiener beim Abschiede zugerufen. Es war sehr spät geworden, als ich endlich das Häuschen meiner Mutter verließ. Trotzdem es beinahe Mitternacht war, lag immer noch eine drückende Schwüle über der mond- beschienenen Landschaft. Daher beschloß ich, auf einem weiten Umweg heimzuschlendern, um möglichst lange der rauchigen Luft der Großstadt zu entgehen, den weißen sich Mn- und herschlängelnden Pfaden, die über die einsame Heide Mnliefen, zu folgen und durch die am freiesten liegende Vorstadt von London dorthin zurückzukehren, indem ich den Weg von Finchley einschlug und so in der Frische des neuen Morgens auf der Westseite des Regents Park anlangte. Ich wanderte langsam auf der Heide dahin, im Genüsse der himmlischen Stille und voll Bewunderung der sanften Abwechselungen von Licht und Schatten, wie sie einander rund itm mich her auf der hügeligen Heide folgten. Ms ich aber die Heide verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen hatte, wo es weniger zu sehen gab, zogen die Gedanken, welche die kommende Veränderung in meinen Gewohnheiten und Beschäftigungen natürlicherweise hervor- Viefen, mehr und mehr meine Aufmerksamkeit ausschließlich M M “ Ur. 144 Donnerstag den 14. September a WtPMMEeichzM InKchaltmWblall M MchemrAryeiger GenewlAyeiger). auf sich. Ms ich am Ende des Weges anlangte, war ich vollkommen in meine phantastischen Visionen von Limmeridge House, Mr. Fairlie und den beiden jungen Damen vertieft, deren Hebungen in der Kunst der Wasserfarbenmalerei ich so bald beaufsichtigen sollte. Ich war jetzt an der Stelle angekommen, wo vier Wege einander begegnen — der Weg nach Hampstead, auf dem ich zurückgekehrt war, der Weg nach Finchley, der nach West End und der nach London. Ich.hatte mechanisch den letzteren eingeschlagen und schlenderte langsam die Landstraße entlang, als in einem einzigen Augenblicke jeder Tropfen Blutes in meinem Körper durch -die Berührung einer Hand, die leicht und plötzlich von hinten auf meine Schulter gelegt wurde, erstarrte. Ich wandte mich schnell um, indem meine Finger sich fest um meinen Stock schlossen. Da, in der Mitte des breiten, hellen Weges — als ob sie soeben aus dem Erdboden entsprungen wäre — stand die Gestalt einer einsamen Frau, von Kopf bis zu. Füßen in weißen Kleidern, ihr Gesicht in ernster Frage zu dem meinigen gewendet, und mit der Hand auf die dunkle Wolke deutend, die über London hing. II. Ich war über die seltsame Erscheinung zu sehr erschrocken, um sie zu fragen, was sie verlange. Sie sprach zuerst. Ist das der Weg nach London? fragte sie. Ich sah sie aufmerksam an, als sie diese sonderbar^ Frage tat. Es war jetzt beinahe ein Uhr. Alles was ich deutlich im Mondlicht unterscheiden konnte, war ein farbloses, junges Gesicht, mager und spitz um Kinn und Wangen; große, ernste, sehnsüchtig aufmerksame Augen; nervöse, zuckende Lippen und helles Haar von lichter, braungelber Farbe. Es lag nichts Wildes, nichts Unbescheidenes in ihrer Manier; sie war ruhig und gefaßt, ein wenig melancholisch und hatte einen kleinen Anflug von Argwohn; nicht gerade die Manieren einer Dame und doch auch nicht die einer Frau aus der niedrigsten Klasse. Die Stimme^ so wenig ich auch bis jetzt davon gehört, hatte etwas seltsam Stilles und Mechanisches in ihren Tönen, und ihre! Sprache war außerordentlich schnell. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand, und ihre Kleidung — Hut, Shwal und Kleid, alles weiß — war, soviel ich dies beurteilen konnte, gewiß nicht von sehr feinem oder teurem Stoffe. Ihre Figur war schlank und von etwas über mittlerer Größe, ihr Gang und ihre Bewegungen waren frei von jeder Ueber- treibung. Haben Sie mich gehört? sagte sie, noch immer leidenschaftslos, aber schnell und ohne die geringste Gereiztheit oder Ungeduld. Ich frug Sie, ob das der Weg nach London sei. Ja, erwiderte ich, das ist der Weg: er führt nach St. Jobn's Wood und Regent's Park. Sie müssen mich entschuldigen. Ihr plötzliches Erscheinen erschreckte mich 674 etwas, und ich kann es mir auch jetzt durchaus noch? nicht erklären. . ,, t r . Sie beargwöhnen mich doch wohl nicht, daß ich irgend etwas Unrechtes begehe, wie? Ich habe ein Unglück gehabt — ich bin sehr unglücklich, so spät hier allein zu serw Warum haben Sie mich im Verdacht, etwas Unrechtes getan zu haben? , r Sie sprach mit unnötiger Eindringlichkeit. Ich tat mein Möglichstes, sie wieder zu beruhigen. Ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß ich daran denken könnte, einen Verdacht gegen Sie zu hegeu. Ich erstaunte nur über ihr Erscheinen auf der Landstraße, weil sie mir einen Augenblick vorher pöllig leer geschienen. Sie wandte sich um und deutete aus eine Oeffnnng! in der Hecke. Ich hörte Sie kommen, sagte sie, und verbarg mich dort, um zu sehen, welch eine Art von Mann Sie seien, ehe ich es wagte, zu Ihnen zu sprechen. Darf ich Ihnen trauen? fuhr sie dann fort. Sie denken nicht schlechter von mir, weil ich ein Unglück gehabt habe, wie? — Sie schwieg in Verwirrung, indem sie ihre Tasche aus einer Hand in die andere nahm, und seufzte bitterlich. Die Einsamkeit und Hilflosigkeit der Frau rührte mich tief. Der natürliche Antrieb, ihr zu helfen und sie schonend zu behandeln, siegte über das Urteil, die Vorsicht und den weltlichen Takt, den -ein älterer, weiserer und kälterer Mann in dieser seltsamen Lage zu Hilfe gerufen hätte. Für jeden harmlosen Zweck dürfen Sie mir vertrauen, sagte ich. Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann; wenn es mir möglich ist, will ich es tun. Sie sind sehr -gütig, und ich bin sehr, sehr froh, Ihnen begegnet zu sein, bemerkte sie. — In diesen Worten zitterte der erste Anflug von. weiblicher Zärtlichkeit, den ich bis jetzt in ihrer Stimme gehört hatte; doch in den großen sehnsüchtig aufmerksamen Augen, die noch immer auf mich geheftet waren, glänzte keine Träne. Ich bin erst einmal in London gewesen, fuhr sie fort, indem sie immer schneller sprach, und ich kenne den Teil der Stadt dort gar nicht. Kann ich einen Fiaker oder irgend einen Wagen bekommen? Ist es zu spät? Ich weiß es nicht. Wenn Sie mir zeigen wollen, wo ich einen Fiaker finden kann — und nur versprechen, sich nicht um mich zu bekümmern und mich fort zu lassen, wann und wie ich will — ich habe eine Freundin in London, die mich mit Freuden uufnehm-en wird — weiter will ich nichts — wollen Sie mir's versprechen? Sie schaute ängstlich den Weg hinauf und hinab-, wiederholte die Worte: Wollen Sie mir's versprechen? und sah mir so bang und mit einer so flehenden Angst und Verwirrung ins Gesicht, daß sie nrich völlig traurig machte. Was konnte ich tun? Hier war -ein fremdes, völlig hilfloses Wesen in meiner Macht — und dieses Wesen ein verlassenes Weib. Kein Haus war im- der Nähe; niemand ging vorüber, den ich hätte zurate ziehen können, und ich besaß in der Welt nicht ,das kleinste Recht über sie, atoertn ich gewußt hätte, in welcher Richtung ich dieses : hätte geltend machen sollen. Ich schreibe diese Zeilen mit Zagen, indem die Schatten späterer Ereignisse schon auf das Papier fallen, aus dem ich schreibe; aber dennoch frage ich: was konnte ich tun? Was ich tat, war, daß ich Zeit zu gewinnen suchte-, indem ich sie ausfragte. Sind Sie gewiß, daß Ihre Freundin in London Sie zu so später Stunde noch aufnehmen wird? sagte ich. Ganz sicher. Sagen Sie nur, daß Sie mich nickst hindern wollen, Sie, wann und wie ich will, zu verlassen — sagen Sie, daß Sie mich nicht hindern werden. Wollen Sie mir's versprechen? Als sie diese Worte zum dritten Male wiederholte,, trat sie dicht an mich heran und legte ihre Hand mit einer plötzlichen sanften Schüchternheit auf meine Brust, eine magere Hand, eine kalte Hand (ich suhlte es, als ich sie mit der meinigen lstnwegnahm) selbst in jener heißen Nacht. Wollen Sie mir's versprechen? Ja, antwortete ich. ■— Ich wünsche, Sie noch -etwas zu fragen, sagte sie plötzlich. Kennen Sie viele Leute in London? Ja, sehr viele. Viele Herren im Rang eines Baronets? Es lag ein unverkennbarer Ton des Argwohns in dieser sonderbaren Frage. Ich zögerte, sie zu beantworten. Warum fragen Sie das? forschte ich meinerseits. Weil ich um meiner selbst willen hoffe, daß es einest Baronet gibt, den Sie nicht kennen. Wollen Sie mir seinen Namen sagen? Ich kann nicht — ich wäge es nicht — ich vergesse mich,, wenn ich ihn ausspreche. — Sie sprach laut und saft zornig erhob ihre geballte Hand und schüttelte sie leidenschaftlich; dann, sich plötzlich fassend, fügte sie fast flüsternd hinzu-; Sagen Sie mir, welche Sie kennen. Ich könnte ihr -eine solche Kleinigkeit kaum versagen und nannte daher drei Namen. Zwei von Familienvätern, deren Töchter ich unterrichtete, und den eines jungest Mannes, der mich auf einer Seereise in seiner Yacht mitgenommen hatte, um Skizzen für ihn zu machen. Ach! Sie kennen ihn nicht, sagte sie mit einem Seufzer! der Erleichterung. Sind Sie selbst ein Mann von Rang und haben Sie -einen Titel? Weit -entfernt. Ich bin nur ein Zeichenlehrer. — Als ich die Antwort aussprach, nahm sie mit der Haft, die alle ihre Handlungen kennzeichnete, meinen Arm. Gott sei Dank! Ihm darf ich trauen! flüsterte sie.- Es war mir bis hierher gelungen, meine Neugier aus Schonung für meine Gefährtin zu beherrschen. Jetzt aber! überwältigte sie mich. Ich fürchte, Sie haben ernste Ursache, sich über einest Mann von Rang zu beklagen! sagte ich. Ist er die Ursache, daß Sie so seltsamerweise und in so später Nacht hier draußen sind? Fragen Sie mich nicht; lassen Sie mich nicht davon sprechen, entgegnete sie; ich bin es jetzt nicht imstande.- Man hat mich grausam behandelt, mir ein arges Unrecht! angetan. Es wird noch freundlicher von Ihnen fein, wenn Sie schneller gehen und nicht mit mir sprechen wollen. Es tut mir so sehr nötig zu schweigen — damit ich ruhig werde, wenn ich kann. Wir gingen schnellen Schrittes weiter, und während wenigstens -einer halben Stunde wurde von uns beiden kein Wort gesprochen. Von Zeit zu Zeit sah- ich verstohlen aus ihr Gesicht. Es war immer dasselbe; die Lippen fest geschlossen, die Stirn gerunzelt, die Augen eifrig und doch scheinbar gedankenlos vor sich hinsehend. Wir hatten die ersten Häuser erreicht und waren dicht vor der neuen Wesleyschen Schule, als ihre Züge milder wurden und sie wieder sprach. Wohnen Sie in London? fragte sie. Ja. — Als ich antwortete, siel mir ein, daß sie mögi- licherweise beabsichtige, mich Uni Rat oder Beistand- zst bitten, und daß ich ihr eine Täuschung ersparen sollte, indem ich ihr sofort meine bevorstehende Abwesenheit von zu Hause mitteilte. Deshalb fügte ich hinzu: Mer morgen werde ich London auf einige Zeit verlassen. Ich reise aufs Land. Wohin? fragte sie; nach Norden oder Süden? Nach dem Norden — nach Cumberland. Cumberland! Sie wiederholte das Wort mit zärtlichem! Tone. Ach ! ich wollte, ich reiste auch dorthin. Ich war einst glücklich in Cumberland. Ich versuchte noch einmal den Schleier zu lüften, der zwischen mir und dieser Frau hing. Vielleicht, sagte ich, sind Sie in dem schönen Lanich der Seen geboren? Nein, entgegnete sie, ich bin in Hampshire geboren; aber ich ging einmal aus kurze Zeit in Cumberland zuu Schule. Seen? Ich erinnere mich keiner ©een. Es ist das Dorf Limmeridge, und Simmeribge House, das ich sh gern einmal Wiedersehen möchte. (Fortsetzung folgt.) Die vrokattasche. Skizze von Käthe Helmar (Friedenau). „Also, gnädiges! Fräulein wollen wirklich die Fahrt nach Schlangenbad nicht mitmachen? Wir könnten ja gleich hier die Billets für die Mail-Coach bestellen." , „Ich wiederhole Ihnen, Herr Doktor, Mama hat keine Luft; sie hat was anderes vor." . „Als ob es auf Ihre Mama ankäme! Sie pflegen doch zu tun, was Sie wollen." „So? Sie sind sehr freundlich! Dabei Vergessen Sie nut, daß ich die ganze endlose Reise von Königsberg hierher .allem aus Rücksicht auf M!ama gemacht höbe, Oder rieten Sie ihr damals bei der Konsulation etwa nicht, in Wiesbaden die Sw zu gebrauchen"" 57S ,,Allerdings!" „And keinesfalls allein zu reisen, Mik die Badet häufig sehr anstrengen! Do daß Mama schließlich! mich bat, mitzUf- rommen." . „Das schon. Aber e§' war doch kein Opfer füv Sie. Es schren mir fast, als ob Sie sich auf unsere gemeinsamen Touren, die wir planten, freuten... Und dann versäumen Sie ja .auch Nichts in Königsberg. Ihr medizinisches Studium. . . i pah! --Bitte, das Thema wollten wir ja nicht mehr berühren^ Es ist Mir nicht neu, daß Sic zu der Sorte Männer gehören/ die uns Frauen verwehren wollen zu arbeiten. Vielleicht aus Brotneid . . ., so meinte wenigstens Direktor Grohmann." r,Aha, Ihre neue Bekanntschaft! Ein musterhafter Kavalier !" ,. „Es kann nicht jeder Spezialarzt für Gicht und Rheumatismus sein . . . übrigens Ihre neuen Bekanntschaften scheinen Mir doch etwas fragwürdiger zu sein als meine," 1 . „Sie meinen Fräulein Schlüter, mit der Sie mich vorhin trafen? Ein sehr kluges, sympathisches Mädchen." „Kann sein. . . immerhin sieht sie etwas auffallend ans. Während unser Direktor. . ." „Oh, Sie Menschenkennerin!" lachte Doktor Krüger. „Und Warum sagen Sie unser Direktor? Sind Sie sich denn noch Picht klar darüber, wen er meint, Ihre Frau Mama oder Sie?" Edith Ivars ihm einen wütenden Blich zu, „Lächerlich!" sagte sie und zuckte die Achseln. „Höchst ernsthaft!" versicherte der Atzt. „Ihr Herr Direktor hät sich schon eingehend mit mir unterhalten, nachdem er bemerkte, daß wir alle in Königsberg zu Hause sind. Die Verhält- Nisse dort und die gesellschaftliche Stellung Ihrer Frau Mutter interessieren ihn auffallend. Recht hat er ja, wenn er die gnädige Frau sehr anziehend findet. ®ie Kur scheint ihr sehr gut zu bekommen; ihre Farben sind bedeutend frischer geworden, sie verjüngt sich hier. Das niüsscn Sie als meine künftig!«! Kollegin doch auch schon beobachtet haben. Sie sehen, meine Frage war gar nicht so unberechtigt." „Ich sehe, daß Sie kleinstädtischen Klatsch lieben, Herr Doktor, der mir sehr unsympathisch ist. . And jetzt muß ich endlich Mama ihr Brunnenglas holen; sie wartet in den Anlagen auf mich." Edith Grosse warf ihm einen wenig freundlichen Blick zu, bevor sie eilig auf die Brunnenhalle zuschritt. Als sie mit dem Glase in der Hand wieder herauskam, sah sie ihre Mutter vor dem Orchester stehen. Frau Grosse trug rote Rosen in der Hand; sie plauderte angeregt mit Direktor Grohmann. Edith beobachtete die beiden, während sie sich ihnen langsam näherte. Krüger Hatte Recht: Mama sah famos aus. In dem weißen Leineukostüm, mit dem Panama auf dem vollen blonden Haar konnte man sie für eine Dreißigjährige halten, aber schwerlich für Ediths Mutter. Er, der Direktor Grohmann, war iwch etwas größer als Frau Grosse: sehr schlank, sehr elegant, in Bastseide gekleidet. Unter den dunklen üppigen Locken, von denen ein paar auf die niedere Stirn fielen, schien sein Gesicht außerordentlich blaß. Den Mund verdeckte ein starker Schnurrbart. Die braunen Augen blickten unternehmend und siegesbewußt' auf die schöne Frau neben ihm. ' „Nun, Edith, wo bleibst du denn so lange?" rief sie dem' jungen Mädchen entgegen, als es sich ihnen langsam näherte« „Ich traf Doktor Krüger." „Aha, gefachsimpelt mit dem' Kollegen!" lachte Grohmann, ,,Wir sahen ihn vorhin auch. Er ging mit einer Dame, die . . . . hm, wir wichen ihm lieber aus. Uebrigens, hörten Sie fchon, gnädiges. Fräulein, was sich in unserer Pension ereignet -„Was denn?" fragte das junge Mädchen zerstreut. „Wieder neue Diebstähle. Und wieder ist eins der HaUs- Mädchen wegen Verdachts entlassen. Diesmal hin ich heimgesucht worden." „So? Was vermissen Sie denn, Herr Direktor?" „Nur Bagatellen. Aber ich meldete es an, weil es Andenken wären; das macht den Wert für mich aus. Eine Zigarettendose und ein Spazierstock, Heides Geschenke von Frau von Mendel- fohn ... In svlch!en internationalen Badeorten kann man gar Nicht vorsichtig genug sein. Da wimmelt es von zweifelhaften! Und unredlichen Menschen. Hoffentlich haben Sie Ihren Schmuck aut verschlossen, meine Damen, die Zimmer sind hier nicht sehr sicher." „Oh, ich bin vorsichtig," versicherte Frau Grosse. „Seit dem Tode meines Männes reise ich stets allein Und mir ist noch Nie etwas vorgekommen. Die Brokattasche hier mit meinen Schlüsseln trage ich stets bei mir; da ist auch der Schmuck drin. Man müßte mir schön die Tasche aus der Hand reißen , . . und das! wäre nicht so leicht." Direktor Grohmann ergriff ihre Hand stnd' zog sie ün die Lippen. „Energische kleine HaNd!" sagte er leise und Edith sah, daß 'er sie erst nach einer Weile wieder los ließ. „Auf Wiedersehen, meine Gnädigste," Er grüßte und! verschwand! in dem Gedränge vor der Brunnenhalle. „Von wem hast du denn die Rosen, Mäma?" fragte Edith. „Großmann schickte mir Heute früh' einen großen Strauß tns Zimmer, Wundervoll, nicht? Mer was! ist dir denn, Kind? Hast dU dich übm ttgeUdwas geärgert?" Sie legte ihren Arm « den ihrer Tochter. „NM? Um so besser. Für heute nach- Etag haben wer eine Wagenfahrt vor nach! der Platte. Soll sehr lohnend sein! Du kommst doch mit? Nur wir beide und der Direktor. Mr Krüger hat er nämlich nicht viel übrig " „IM weiß noch nicht, Mama , . . ich möchte eigentlich lieber zu Fuß. . ." „Wie du willst, MM Nur keine Rücksichten auf mich. Zch muß dankbar genug sein, daß du mich' hierher begleitet hast. Teile dir nur deine Zeit ein, wie es dir am besten paßt." Sie gingen ein paar Schritte weiter, als Frau Grosse sich lebhaft an ihre Tochter wandte: „Siehst du nicht Edith'? Da geht der Doktor wieder mit einer Dame,' mit der wir ihn vorhin trafen.! Merkwürdiger Geschmack!" „Wer ist sie denn, Mama?" „Wahrscheinlich eine Abenteurerin, von denen es hier wimmeln soll, Direktor Grohmann warnte direkt vor Bekanntschaften« Und die da . . . haß sich Krüger auch so öffentlich mit ihr zeigt!" , Fetzt erblickte auch Edith den Doktor und seine Begleiterin^ 'rate, schlanke Gestalt, graue, etwas starre Augen unter hoch gewölbten Brauen, ein ovales Gesicht, dessen Züge von Puder verwischt schienen. Das Leinenkleid und der große weiße Feder- hut zeigten Geschmack und Eleganz. Das war also das „kluge sympathische Mädchen",- von dem er ihr gesprochen hatte. „Daß er sich auch gar nicht geniert!" wiederholte Frau Grosse. „Wo er doch hier Bekannte aus seiner Heimat hat . . ." „Aber ich bitte dich!, Mama, wer sagt dir denn, daß, er Grund hüt, sich zu genieren?" „Der Direktor hat einen Flair dafür. Sie hat ja auch seine Bekanntschaft zu machen gesucht. Aber er sah ihr gleich an. . ." „Was b'ettn? Und woher weißt dN denn, daß der Direktor so erstklassig ist?" ,„Na, Edith, da mußt du schon meiner Erfahrung trauen'.. Wenn ich mit jemandem in derselben Pension wohne und täglich zusammenkomme, so kann ich! ihn auch beurteilen. Du hättest ihn z. B. heute sehen sollen, wie er seinen Verlust entdeckte: er blieb völlig ruhig und vornehm, während die anderen, bei denen die Diebstähle vorkamen, fluchten Und wüteten. Und dann, wasj er für Bekanntschaften hat ... er erwähnt es ja nur so nebenbeit heute wieder die Andenken von Frau v. Mendelsohn Wirklich, Kind, wen der einmal heiratet, die Frau kann sich gratulieren." Das junge Mädchen fühlte sich unangenehm berührt von den letzten Worten. Sie runzelte die Stirn. „Du hast recht, Mama, ich hab Heut meinen schwarzen DM Ich will lieber allein bleiben, wenn du mich nicht brauchst. Vielleicht mach ich irgend eine Tour. Wir sehen uns dann abends." „Gewiß, Mud, geh' nur. Und gute Besserung für die Stimmung. Auf Wiedersehen abends," * Edith lag am Nachmittag im Walde, die Arme unter deM Kopf, und träumte. Es waren keine glücklichen Träume, denn die Äugen standen ihr voll Wasser. Das war also die Sommerreise, auf die sie sich gefreut hatte. Wirklich gefreut: Denn sie kannte Wiesbaden Und den Rhein noch nicht und dachte es sich herrlich, hier umherwandern zu können. Natürlich nicht nur mit Mama: die war ja durch ihre Kur sehr gebunden. Aber mit Doktor Krüger, ihrem Freund aus der Heimat, der zu derselben Zeit herreiste wie sie. In Königsberg hatten sie sich sehr gut vertragen, die junge Studentin und der Arzt; aber Krüger map ja hier ganz anders als zu Hause. Oder kam es ihr nur so vor,- weil ihm hier der Nimbus des berühmten Spezialisten fehlte, den man in Königsberg so schätzte? Weshalb behandelte er sie nur so von oben herab! Und die ewigen Neckereien wegen ihres Studiums! Sie fühlte nun einmal das Bedürsnis zum Lernen und zur Arbeit. Sie war! eben kein Dämchen, das sich in wunderbare Kleider warf, Locken ansteckte, Riesenfederhüte trug und sich so zur Schau stellte. Frer- lich, das hatten die Männer gern: weiblich nannten sie das« Man mußte sich fürchten, wenn eine Spinne in der Nähe war/ oder eine Hummel beim Tisch vvrbeiflog und stets eine Handarbeit im Pompadour haben — nur nicht ernsthaft arbeiten wollens Mama machte ja heut noch Eroberungen. Weil sie hübsch wap und flott plauderte und beim Lachen Grübchen bekam . . . 'Edith sprang auf. War das nicht soeben Mamas Lachen, das herüber;challte? Da . . . wirklicht Da drüben fuhr sie im Wagen vorüber. Edith erkannte die graue Staubdecke und den weißen Schal. Neben Fran Grosse lehnte Direktor Grohmann. Sein Arm lag UNt ihre Schulter, mit der linken Hand hielt er ihre . . . Edith hatte das Gefühl, als müßte sie dem Wagen nachlaufen, der langsam bergauf fuhr. Mer das ging nicht an . . Welch eine komische Rolle wäre das: die Tochter, die die Mütter beim, Flirt überrascht! . . ,, „. .,,, Oder — star es nicht nur ein Flirt? Hatte Mama ntgffi gesagt, Grohmanns Erwählte könnte sich glücklich schätzen? So! als Vorbereitung Hatte sie das wohl gemeint... Dann bekam Edith einen neuen feschen Papa: er sah m Nicht übel aus; der Direktor, und sie Hatte wirklich gealaiM, einem check, in nächster Nummer. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Tteßen. schwärze — Pfennig — Auflösung Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer r Wenn Jemand schlecht von deinem Freunde spricht, Und scheint er noch so ehrlich: glaub' ihm nicht l Spricht alle Welt von deinem Freunde schlecht: Mißtrau' der Welt und gib dem Freunde Recht! Nur wer so standhaft seine Freunde liebt, Ist wert, daß ihm der Himmel Freunde gibt. Kirschen — Zeichnenheft — Drucker- Thema — Felsengrotte — Steine — Schottland. versteckratsel. Aus jedem der folgenden Wörter sind der Reihe nach zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so daß sich daraus ein „geflügeltes Wort" vom Fürsten Bismarck ergibt. Heinrich — Schildknappe — Forellen — Wanderbursche — Kiefer — Durchmesser — Nachtfalter — Augenbinde — Phonetik — Emden — Leibkutscher — Kirschen — Zeichnenheft — Druckerist ein Irrtum. Direktor Grohmann ist. . „Ein sehr geschickter Einbrecher und Hochstapler, gnädige Frau", erklärte gelassen Fräulein Schlüter, die sich als Detektivin legitimierte. „Er hat in dieser Pension gute Einnahmen gehabt und. Um Sie ganz sicher zu machen, gestern das Märchen von fei: gestohlenen Zigaretten-Etui verbreitet. Er heißt Eduard &>' Vermischtes. * Was Königinnen für Kleidung ausgeben. Königin Mary von England zeigt eine große Neigung zur Einfachheit in ihrer Toilette und hat bereits mehrfach sich gegen allen Kleiderluxus ausgesprochen. Trotzdem wird es auch ihr nicht möglich sein, so meint eine englische Wochenschrift, ihr Kleiderbudget auf weniger als 40 000 Mk. anzufetzen, denn die Anforderungen, die an die Tracht einer Herrscherin gestellt werden, sind zu groß. Auch Königin Alexandra war in dieler Hinsicht recht sparsam und doch hat sie die Summe von 40 000 Mk. jährlich bisweilen überschritten. Die frühere Königin empfing jährlich 8 große Toiletten aus Paris und es war ihre Gewohnheit, niemals mehr als zwei oder drei Mal bei wichtigen Gelegenheiten in ein und derselben Toilette zu erscheinen. Die alten Roben wurden aber nicht etwa weggetan, sondern sie hatte einen ganzen Stab von geschickten Schneiderinnen, die diese nur ein paar Mal getragenen Toiletten völlig umarbeiten mußten, so daß ganz neue Schöpfungen entstanden, die auch der Blick der erfahrensten Modedame nach ihren früheren Bestandteilen nicht wieder erkannt hätte. Königin Mary hat erklärt, daß sie ihre Toilettenbedürfnisse hauptsächlich bei lunb ich suchte ihn schon lange zu fassen. Wahrscheinlich hat er Ihnen erzählt, daß ich mir viel Muhe gab, seine Bekanntschaft! zu machen. Glücklicherweise traf ich heute früh mit Doktor Krüger Ihr Fräulein Tochter, als sie den Dichstahl bei der Polizei meldete. Ich ließ mir den Schlüssel von Fräulein Ediths Zimmer geben, den sie zufällig bei sich hatte. Denn es war ganz klar, daß wir Lobeck hier ertappen würden, und so . . . Herr Doktor, Beben Sie der gnädigen Frau ein Glas Wasser," wandte sie sich an Krüger, „sie sieht sehr blaß aus." Frau Grosse wurde aber weder ohnmächtig, noch bekam sie einen Weinkrampf. Sie ging aus Fräulein Schlüter zu Und drückte ihr warm die Hand. „Kinder," sagte sie, „ich war ja dumm wie ein kleines Blödel. Du hast keine Ahnung, Edith, wie einfältig ich war, und ioas du dem Doktor und dieser Dame zu danken hast. Uebrigens bringt wich kein Mensch mehr zu einer Wagenfahrt nach der Platte. Das war absolut nicht lohnend," fügte sie noch hinM, als ob sie sich ihres Geständnisses schämte. Edith stand neben Krüger in der Fensternische. Und wie sie ihm bittend die Hand reichte, wußte er, daß er sie heute für immer gewonnen hatte. englischen Firmen befriedigen wird; auch Königin Alexandra ließ viel im eigenen Lande arbeiten, wenngleich sie auch immer Toiletten und Hüte aus Paris bezog. Kaum eine andere Königin gibt so viel für ihre Kleidung aus wie die Königin Wilhelmine von Holland. Ihre Schneiderrechnungen erreichen im Jahr durchschnittlich die stattliche Summe von 80 000 Mk.; die Königin liebt besonders leuchtende Farben zu ihrer Toilette und ist eine Freundin vonSchmuck, Stickereien,Spitzen und Straußenfedern. Während sie also unter den Souveräninnen als die prunkvollste Erscheinung gelten darf, gebührt die Krone der Einfachheit jedenfalls der Zarin, bereit tägliche Kleidung in einem einfachen schwarzen Kostüm besteht. Nur bei Hoffestlichkeiten legt sie große Toilette an und dann hat sie allerdings die Auswahl unter den herrlichsten Kunstwerken der Schneiderkunst und den größten Kostbarkeiten, die nur Luxus und Eleganz ersinnen können. Die deutsche Kaiserin soll nach unserer Quelle die Pariser Moden in ihrer Toilette streng verpönen. Sie hat ihre Lieferanten hauptsächtich unter deutschen Firmen, kauft aber auch vielfach in Wien und manchmal in London. Beträchtlich ist das Toilettenbudget der K ö n i g i n Elena von Italien, denn sie braucht jährlich gegen 60 000 Mk. Ader sie weiß sich mit dieser Summe dann auch höchst geschmackvoll anzuziehen und trägt stets Hüte wie Toiletten von besonderer Eleganz: kostbare Spitzen und moderne Stickereien sind die Garnierung, die sie am meisten bevorzugt. Da sie selbst in Handarbeiten aller Art sehr erfahren ist und früher als Prinzessin im armen Montenegro sich viele ihrer Sachen selbst machte, hat sie für alle diese Dinge ein großes Verständnis und kaust mit großer Sachkenntnis nur das Beste und Geschmackvollste. 'Duftende Schmetterlinge. An die wenig beachtete Tatsache, daß zahlreichen Schmetterlingen ein ganz ausgesprochener Geruch eigen ist, erinnert eine italienische naturwissenschastliche Zeitschrift. In Europa sind es vor allein drei Arten des bekannten Kohlweißlings, an denen diese Eigenschaft leicht sestgestellt werden kann. Ihr Geruch erinnert an den des Jasmins ober des Geißblattes. Geradezu unerträgliche Gerüche dagegen sondern viele außereuropäische Schmetterlinge ab, und zwar sind es gerade die größten und farbenprächtigsten Arten, die in dieser Beziehung am meisten auffallen. Ein derartiger übler Geruch hat mit dem Geschlecht offenbar nichts zu tun, denn er findet sich bei den männlichen wie den weiblichen Exemplaren in gleicher Weise. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß er einen Selbstschutz bedeutet, und zwar einen Schutz gegen die Gefräßigkeit der Vögel, die er ab« schrecken soll. Andererseits gibt es, wie beim Kohlweißling, aber auch „angenehme Gerüche", die Männchen und Weibchen einander zuführen. ki. Der kurierte Goldfisch. Ein interessantes Schlaglicht fällt auf das Leben der Fische durch einen Beitrag, den ein schottischer Gutsbesitzer einer englischen Monatsschrift geliefert hat. Ein Goldfisch, der seit etwa 12 Jahren in seinem Besitz war, litt seit einiger Zeit sehr stark an Pilzen. Die Tochter des Gutsbesitzers, die dem Tierchen besonders wohlgesinnt war, wandte nun ein eigenartiges Mittel an, um es zu kurieren. Sie nahm Condysche Lösung und strich diese auf die erkrankten Körperteile des Fischchens, die alsbald ihr gewöhnliches Aussehen wieder erlangten. Nach einiger Zeit aber erkrankte der Fisch zum zweiten Male an demselben Leiden, und zwar über dem rechten Auge. Auch dieses Mal wurde er von den; jungen Mädchen behandelt. Das Verfahren, mit dem es den Fisch heilte, ging folgendermaßen vor sich, und der Gutsbesitzer sagt, daß er es nicht glauben würde, wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte: Der Fisch kam auf den Ruf des Mädchens jedesmal an die Oberfläche des Wassers, ließ sich von ihm in die linke Hand nehmen und sich so weit au3 dem Wasser herausholen, daß nur die linke Seite des Kopfes und der Mund noch im Wasser blieben, damit er imstande war, unter der Oberfläche des Wassers zu atmen; dann wurde das rechte Ange vorsichtig der Behandlung unterzogen. * SeineFlitterwvchen. „Seit der Rentier Pantoffel« meier Witwer ist, sicht man ihn den ganzen Tag in der Kneipe!" — „Der befindet sich jetzt in den Flitterwochen des .Witwen« standes!" ____________ feine Aufmerksamkeiten wären ihr selbst zügedaM gewesen, und sich geschmeichelt gefühlt. Warum sollte Mama ihn abweisen! Sic, die mit ihren vierzig Jahren so jung und lebenslusttg Edith ging langsam nach ihrer Pension zurück, ließ sich das Abendessen in ihr Zimmer bringen, las dann noch lange und löschte das. Licht erst, als sie ihre Mutter nach Hause kommen hörte. Am anderen Morgen befand sich Frau Grosse in höchster Erregung: seit der gestrigen Spazierfahrt vermißte sie ihre Brokattasche, die die Schlüssel zu ihren Koffern, eilten Teil des Schmuckes Und mehrere Hundert Mark enthielt. Ob -die Tasche auf irgend leine unerklärliche Weise während der Fahrt gestohlen worden war, wußte Frau Grosse nicht. Jedenfalls ging sie gleich früh selbst zu dem Droschkenhalteplatz, um den Wagen, den sie benutzt hatte, zu ermitteln, und schickte Edith zur Polizei; vielleicht hatte ein ehrlicher Finder die Tasche dort abgegeben. Während der Zeit bot liÄenswürdigerweise Direktor Grohmann ihnen an, als Wächter in den Grosseschen Zimmern zu bleiben, damit für den Fall, daß ein Hausdieb die gestohlenen Kofferschlüssel benützen wollte, jeder Einbruch verhütet würde. Die Damen warm kaum eine halbe Stunde fort, als man in der Pension lautes Geschrei in ihren Zimmern hörte. Stühle stürzten um, Scherben klirrten. Das Personal eilte an die Tür, die nur angelehnt war. Vor dm geöffneten Koffern kniete der Direktor Grohmann und rang mit Doktor Krüger. Auf dem Fußboden lag ein Schnurrbart und eine üppige Lockenperücke. Frau Grosse war gerade zurückgekehrt und hörte entsetzt, wie der Doktor rief: „Wenn Sie sich noch rühren, so bindei ich Sie." „Leute!" schrie Grohmann, „zu Hilfe! Hier ist der Einbrecher. Ich überraschte ihn. Lassm Sie mich los, Herr, oder Sie werdens bereuen!" In dem Moment traten zwei Beamte herein, geführt von derselbm Dame, die mehrmals in Gesellschaft von Krüger gesehen wordm war. „Lobeck, Sie sind verhaftet!" sagte der eine und legte seine Hand fest auf die Schulter des Knienden. „Aber das ist Wahnsinn!" rief Frau Grosse, als die Be- lamten den Direktor in ihre Mitte nahmen und abführten. „Das