3s Das nette Mädel. Nornan von Fedor von Zobeltitz, (Nachdruck berboten.) (Schluß.) ---Bei den Everstedts begannen sich die Zimmer zu fülfert. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen hatte diese Verlobungsnachricht wie ein Blitz eingeschlagen und gewaltiges Aufsehen erregt. Diese Ehe Everstedts wurde allgemein als eine Mesalliance aufgefaßt: aber natürlich: als eine höchst interessante. Man hätte Paulchen noch ganz andere Dummheiten zugetraut. Immerhin — von dem Besuch des Verlobungsrouts schloß sich keiner aus. Rechts und links des großen Salons mit seinem Riesenkamin aus schwarzem Marmor schlossen die anderen Zimmer sich an. Sie strahlten im Glanz der Beleuchtung. Von links herüber schimmerte das Palmengrün des Wintergartens; rechts bildete das Eßzimmer mit dem Büfettaufbau den Abschluß. An der Eingangstür des Salons hatten sich die alten Everstedts postiert: er in einem Frack von unwahrscheinlicher Weite, ganz ohne Orden, mit ungestärktem Chemisett und den üblichen drei Zigarren in der oberen Westentasche; sie ein liebes kleines Frauchen in grauer Seide, mit rundem, freundlichem Gesicht, in dem kluge und lebhafte Augen hin und her zu huschen schienen. Etwas weiter in der Mitte des Salons hatten Traute und Paul Aufstellung genommen. So ging denn der Empfang in aller Form Rechtens vor sich. Unten vor dem Portal hielt Wagen an Wagen. Durch das Treppenhaus strömten die Gäste. Was kam da nicht alles! Der ganze Senat, die bürgermeisterliche Magnifizenz, die Präsidenten der verschiedenen Behörden, die Konsuln, die Spitzen der Kaufmannschaft, eine Unmasse von Offizieren. Alles in Damenbegleitung. Die Hochachtung vor dem Hause Everstedt führte an diesem Abend die ganze Gesellschaft der Freistadt zusammen. Der dicke Reeder Appclmann hatte sich sogar die Finger gewaschen; Suse mit Yvedon marschierten hinterher, und als getreuer Anhang folgte unmittelbar darauf Konsul Friederici. Natürlich: von der Goldenen Horde fehlte niemand. Traute wurde viel geküßt. Ellen Meier, die immer leicht gerührt war, weinte sogar ein Tränchen, und Eva Delbrück tat kummervoll: nun kam Paul Everstedt unter die Haube — da war es wohl aus mit allen Hoffnungen auf eine frisch-frei-fröhliche Gesindel- saison. Wenn der Anführer fehlte, ließ sich die Horde nicht mehr zusammenhalten. Davor hatte auch Henny Angst, und Lili Menkens beschloß in dieser wichtigen Frage sogar eine Interpellation an Everstedt zu richten. Im Augenblick ging das freilich nicht. Immer noch strömten die Gäste. Traute und Paul hatten sich nunmehr dicht neben die alten Everstedts postiert: es erleichterte die Vorstellung. „Ich habe schon siebenundsechzig Hände gedrückt," flüsterte Paul seiner Braut zu; „ich bekomme bereits Muskelsieber und Sehnenzucken. . ■" „Sei artig, wisperte Traute zurück, „jetzt naht der Schrecken des Hauses — aber ich kanu nichts dafür. . ." Es war Klothilde, in einem papageigrünen Kleide mit schüchternem Ausschnitt; hinter ihr Friedrich, die Schultern hoch, den Kops vorgeneigt, das freudlose Gesicht zu einem Lächeln vergualt. Auch die Wittstockens gaben sich die Ehre, und sogar Onkel Hempel erschien: den eisgrauen Schnurrbart über die knallroten Backen magyarisch spitz aufgedreht, in den Knieen knickend und die Füße stark auswärts setzend — tote ein alter Kunstreiter. Dann floß auf einmal das malerische Wörreshoop in den Saal: Hans Eggers, Wolf von Detten und der Bildhauer Andreas Kögel und natürlich auch Niels Kruse. Er nahm Trautes Rechte zwischen seine beiden Hande und drückte sie stark, und im Samt seiner Augen spiegelte sich die Zärtlichkeit seines warmen Künstlerherzens, ,/licht mehr Irrlicht, soirdern Sonne," sagte er. „Und wer war der Mittelsmann? Fragen Sie Ihren Paul. . ." Hauptmann von Löneysen schob ihn zur Seite. Sein Nußknackergesicht grinste. Er hatte eine eigene Art der Gratulation. Er slüsterte Paul zu: „Lausbub! Der größte Strick hat's größte Glück . . ." Aber jetzt kam eine leichte Verlegenheit für Traute. Der preußische Gesandte, verbindlich und scharmant tote immer; dann Komteß Andrea: den Kopf hoch, stolz und blaß. Sie berührte kaum die Finger Trautes, sie retchte auch Paul nur flüchtig die Hand. „Besten Glückwunsch," sagte sie von oben herab. Das ärgerte Paul. „Danke, Komteß," erwiderte er, „ich weiß, tote herzlich Sie es meinen . . ." Nun sah man wieder freundlichere Gestchter: Mursinna und Wilm Noeldechen (Noeldechen in einer Art Kammerherrnfrack mit Goldknöhsen und einer so schmalen weißen Weste, daß sie nur wie em Streifen erschien). Dann die Brüder Eggeuolph und der Aeronaut Walter Kym. Hierauf Tante Ballenstedt, mit zu hoher rechter Schulter und einem Hörrohre in der Hand, unaufhörlich knixend, selbst taub, aber dasür sehr laut sprechend. Sie schrte dem alten Everstedt ihren Namen in das Ohr, der erst einen Schreck bekam und sich dann schüttelte und hierauf hocherfreut tat. Wieder erschienen ein paar Offiziere: diesmal Waldenburger Dragoner, die im Everstedtfchen Hause verkehrten. Dann kam der Syndikus Thielemaun, ein Tartüff mit Honig- süßem Lächeln, und der Pastor Moebius; ernst aus seh end, ein melancholisches Lächeln auf dem Apostelgesicht. Es kamen immer mehr. „Zweihundert Händedrücke," stöhnte Paul. . . „Aber du brauchst nicht auch noch zu küssen/ erwiderte Traute.... „Ich möchte schon — doch nur d i ch." Endlich dämmte die Anflut sich ein. Nur noch ein paar Nachzügler kamen. Im Speisesaal war man schon am Bufett. Die Diener trugen Tabletts mit Champagner umher. Die Unterhaltung wurde lebhafter. Die Gäste füllten die ganze 570 — Zimmerreihe. Es bildeten sich vereinzelte Gruppen; andere liefen rastlos umher; der Gesandte mit Kvmteß Andrea und der Honigs Wald hatte schon wieder die Gesellschaft verlassen. Eine Menschenwelle trennte für kurze Zeit auch das Brautpaar. Nun benützte Lili Menkens die Gelegenheit, sich an Paul heranzuschlängeln. „Herr Eberstedt," fragte sie, „wenn Sie erst verheiratet sind, da hört wohl unsere Lustigkeit auf?" „Im Gegenteil," antwortete er, „da fängt sie an. Nämlich die des Lebens. Bis jetzt haben wir ja eigentlich nur Theater gespielt. Wenn wir lachten, war immer etwas Gekünsteltes dabei. Nun aber will ich aus vollem Herzen lachen." „Und unsre Horde? Bleiben Sie der noch treu?" „Versteht sich. Ich bleibe allem treu. Nur mir selbst nicht." Jetzt trat der alte Eberstedt heran, und Lilichen zog sich mit unbefriedigter Miene zurück. „Na, mein Junge," sagte der alte Herr, „das ist eine Parade, nicht wahr? Selbst die größten Neidhammel sehen aus, als wollten sie uns vor Liebe fressen. Aber ich freue mich. Deine Traute — alle Achtung! Und wie sie zu repräsentieren weiß! Bloß die Verwandtschaft Nimm pnr's nicht übel — aber da ift gum Beispiel ein Onkel Krempel, der trinkt immer sechs Sertgläser hintereinander leer. Ich gönn's ihm ja, aber. . . Und die schiefe Tante mit dem Hörrohr, Die immerfort Kniebeugen macht Wie aus einem Puppenspiel. Ist denn das wirk.ich eine leibhaft ge Tante?" „Es ist eine solche. Aber es liegt auch schon der Beschluß vor: was uns nicht paßt von der beiderseitigen Verwandtschaft, wird kalt gestellt. Traute und ich, wir sind nämlich der Ansicht, daß wir zunächst uns selbst leben wollen." „Gut so." „Dann kommen die Eltern — und dann kommt die Auswahl." Der Alte klopfte seinem Sohn auf die Schulter. „Ein Egoismus, den ich verständigerweise nur loben kann. Ein Lebensideal, das euch eure Liebe erhalten wird. Eine Eber- stedtsche Maxime, die sich immer bewährt hat. Aber du hast zwischeu Eltern und euch noch etwas vergessen." „Und was?" „Die Kinder — meine Enkel." Paul lachte. „Das ist richtig. Die kommen obenhin. Wenn dein erster Enkel ein Junge ist, da sollst du mal sehen — die Erziehung! Die nehme ich selbst in die Hand." „Na ja," sagte der Alte, „aber weißt du, vielleicht wäre es doch besser, du überließest sie der Traute." Zur selben Zeit hatte Fritz Eggenolph sich Traute genähert, die sich soeben von der bürgermeisterlichen Familie verabschiedete. „Ein Wort, gnädiges Fräulein," sagte er. „Ich habe es für richtig gehalten, Fred Dewa Ihre Verlobung telegraphisch anzuzeigen. Er hat mir zurückdepeschiert: „Fräulein Köhler meine Gratulation. Morgen werde ich dem Wunsche meines Vaters entsprechen und mich mit Mabel Stratham verloben." „Wer ist das?" . „Die Tochter eines reichen Konkurrenten, des Klavierfabrikanten Stratham in New York." „Die er auf Wunsch seines Vaters heimführen wird. Lieber Eggennolph, das ist ein Gehorsam, den ich nicht verstehe. Ich selbst war ja einmal nahe daran, meine Persönlichkeit gegen ein falsches Pflichtgefühl einzutauschen. Aber, im letzten Moment hatte ich noch die Kraft des Widerstands. Kann Fred je glücklich werden?" „Vielleicht ja — weil er eben keine Persönlichkeit ist. Ich glaube sogar, sicher. Bei der Weichheit seiner Natur und seiner Neigung zu zärtlichem Nachgeben würde er auf seine Art mit jeder glücklich werden, die nicht grade schlecht zu il-m ist." „Das mag sein," entgegnete Traute sinnend; „aber sehen Sie, Eggenolph, ich würde schlecht zu ihm gewesen sein. Denn ich bin nur gut in der Liebe." Sie nickte ihrem Vater zu, den sie in etwas unterwürfiger Haltung in eifrigem Gespräch mit dem alten Eberstedt sah, und suchte dann nach ihrem Bräutigam. Sie vermutete ihn im Speisesaal, doch der Weg dahin war nicht so leicht. Jeden Augenblick wurde sie angehalten und an- Lesprocheu. Dje fremdesten Menschen begrüßten sie wie in alter Bekanntschaft. Aber Traute hatte Weltgewandt- heit erlernt. Sie stand Rede und verlor nie ihre Liebenswürdigkeit. Nur einmal störte sie ein schreckhaftes Empfinden. Ihr Kleid strich gegen ein Paar spitze Kuiee; sie sah Onkel Hempel mit seinem hochgedrehten Staallmeister- schnurrbart auf einem niedrigen Sessel sitzen, einen Teller voll Rebhuhnpastete vor sich und ein Glas Champagner in der Hand. Er zwinkerte sie mit feinen lüsternen schwarzen Augen an, über denen die weißgrauen Brauen wie Federn sich sträubten, und grunzte ihr zu: „Schnuteken, vergiß nicht, du bist mir noch sieben Küsse schuldig. . Sie ging wortlos an ihm vorüber. Aber es streifte doch ein kalter Hauch der Vergangenheit durch ihre Seele: eine Erinnerung an die trostlose Kleinheit, die ihr besseres Selbst zu zerreißen drohte. Doch schon im nächsten Augenblick kam die Freude zurück; der überwundene Kampf war ja auch ein Prozeß der Läuterung gewesen, und daß sie durch alle beengenden Widrigkeiten, ohne Schiffbruch zu erleiden, den rechten Weg zur Freiheit gefunden hatte, das gesellte zu ihrer Freude ein Gefühl des Stolzes. Am Büfett fand sie Paul. „I sieh, da bist du ja," sagte er. „Ich suchte dich überall. Aber es ist wie auf einer Volksversammlung: man findet sich nur durch Zufall." „Ich bin müde," entgegnete sie, „und habe Hunger. Gib mir etwas zu essen, und dann wollen wir uns in einen stillen Winkel zurückziehen, wo niemand sieht, wie wir Poesie und Prosa rechtmäßig teilen." Damit war Everstedt einverstanden. Er wußte auch schon ein verschwiegenes Plätzchen im Spielzimmer nebenan, das durch spanische Wände in Boxe geteilt worden war. In jedem Box stand ein gedecktes Tischchen; die spanischen Wände -waren heute durch Blumen- und Blattpflanzen verkleidet. Das Zimmer schien ganz leer; es lag hinter einer Tapetentür und fand wenig Beachtung. Everstedt freute sich. Hier war man ein Viertelstündchen unter sich. Aber er tat geheimnisvoll. „Leise, liebe Maus," raunte er Traute zu, „damit uns niemand folgt. Das ist wie ein Separee für glückliche Pärchen. Ich schließe die Tür." Er tat es, und dann schlichen die beiden auf den Zehenspitzen, mit heimlichem Lachen, ihre Teller balancierend, nach dem ersten Tisch der ihnen am passendsten gelegen schien, denn ihn schloß auch noch ein großer persischer Äor- hang ab, den von der Holztäfelung der Decke ein geschnitzter Hundekopf im Maule trug. Aber kaum hatten sich die beiden gesetzt, glücklich über die kurze Einsamkeit, so hörten sie jenseit der Wand sprechen. Everstedt winkte Traute, sich ruhig zu verhalten. Die nebenan konnten plaudern so viel sie wollten: man meldete sich nicht; man wollte in Ruhe soupieren, und zur Versüßung der Materie zwischendurch Küsse tauschen. Das war das Recht der Verlobten. Es waren die Stimmen von Kruse und Moebius, die hörbar wurden. Sie sprachen nur halblaut, aber doch verständlich. Sie mochten keinen Lauscher fürchtend „Du bist blaß, Wüstenprediger," sagte Niels Kruse. „Nagt wieder die alte Schlange an deinem Herzen?" „Sie ist nicht zu töten, aber sie ist zahm gewordene Sie hat ihren Giftzahn verloren. Man findet sich auch iu das unmöglich Scheinende, selbst wenn es Herzblut kostet." „Orientalischer Fatalismus, Pastor." „Nein, christliches Denken. Das Schicksal ist keine Macht von außen: wir schaffen es uns selbst. Aber wir dürfen auch nicht den rechten Augenblick vorübergehen lassen, wo wir es zwingen können. Es war der Fehler meiner Jugend,- daß ich es vergaß. Und es ist das Glück der blonden kleinen Braut des Hauses, daß sie in den Kämpfen um! ihr Herz in ihrer eigenen Liebe ihres Schicksals Erfüllung sah. Sie wäre gestrandet, hätte sie einen anderen genommen. Etwas schleppend und langsam erwiderte Kruse: „Ich weiß nicht, ob du recht hast. Ich weiß aber, daß es mich schließlich gedrängt hat, zum Handlanger ihres Glücks zu werden. Ich habe nach der albernen Schießkomödie stundenlang mit Everstedt gesprochen. Und da hat er sich mir aufgedeckt — bis auf den Grund seiner Seele. Befreundet, was mau so nennt, waren wir ja seit Jahren. Aber erst in diesen Stunden habe ich ihn aufrichtig lieb gewonnen.^ Erinnerst du dich, wie du mich einmal fragtest: „Was liegt in der innersten Natur dieses Mannes, das 571 M so anziehend macht?" Etwas sehr Einfaches : die Tatfache, das; er so gar kein Schabloncnmensch ist." „Emsinnst du dich auch deiner Gegenfrage: „Was reizt ?,n Traute?" Du gabst gleich selbst Antwort: oaz ne et» anderer begehre, mache sie allen begehrenswert. Ich kenne deine Vorliebe für Thesen h ^Z^rthesen und für die Paradoxie. Aber in diesem PaI“' glng nur deine närrisch erscheinende Behauptung! doch durch den Kopf; und ich muß zugestehen, daß sie ein Körnchen Wahrheit enthalt. Auch mir schien eine Binde vor den Augen zu reißen, als ich fühlen mußte, daß Eberstedt der Begunsttgte war. Wäre es mir bei jedem aleichso ergangen? Nein, Niels. Die alltägliche Werbung irgend ernes Gleichgültigen hätte mich voraussichtlich kühl ,ge- chsstii. »ter aber trat ein neues Eleinent hinzu,, das du vielleicht wieder als animalisch bezeichnen wirst, und das tu der Tat Naturtrieb ist, wenn auch ein ganz mensch- ltcher. Nicht respektvolle Zärtlichkeit und sympathische Zu- uetgung, sondern die stürmisch heischende Bewunderung eines Mannes umgab das Mädchen mit dem uns anziehenden magischen Fluidum." „Du kannst ruhig „des" Mannes sagen, Arthur." „Des einen — aber nicht des ersten besten." „Lieber Freund, jedwede Eva ist, die Gelegenheit vorausgesetzt, ihrem Adam verfallen: dem ersten besten Mann, der in ihr Leben tritt und die latenten Gewalten in ihr löst. Das freilich muß er verstehen. Er läutet die stumme Glocke des Tempels. Sein Wille trifft das Erz, bis es klingt. Ob leise und süß, ob dröhnend und rauschend, hängt eben so sehr von der Reinheit des Metalls ab tote bon der Kraft des Schlages. Genug, daß es tönt." „Und toeun auf den Ersten später erst der Beste folgt?" Nun wurde Kruse lebhaft. „Folgt!" rief er. „Ja- lvohl, mein Lieber t— das war ja unser aller Irrtum: Deiner und meiner uiib De was und wer weiß wessen noch . . . Wir sind den Spureit des Ersten gefolgt, der sie im Kampfe eroberte — sind in dem Wildwechsel einhergetrottet, den er durch das Gehege brach. In der Liebe aber gibt es kein Folgen — nur ein Vorangehen!" Einen Augenblick herrschte Stille, dann sagte Moebius: „Laß uns anstoßen. Auf ihr Glück!" Die Gläser klangen. Stühle wurden gerückt; eine Gabel oder ein Messer fiel klirrend zur Erde. Noch ein paar gleichgültige Worte, und die beiden Männer schritten an dem Vorhang vorüber, der die Nische verhüllte, in der Paul und Traute saßen. „Scht," machte Everstedt. „Laß sie gehen." Die Schritte verhallten; man hörte das Klinken der Tür. Nun lachte Paul heiter auf. „Zwei philosophische Köpfe, Traute — und auch in sie hast du dich hineinqeschlichen. Wer war der erste, sag!?" Er schaute sie mit seinen hübschen lustigen Augen fragend an. Sie war sehr rot geworden, aber der Purpur ihrer Wangen ebbte langsam zurück. „Keiner, den ich liebte, Paul. Du warst der Erste, der die Glocke zum Tönen brachte. Ich schwö —" „Halt," sagte Everstedt einfallend. „Keinen Schwur. Auch kein schönes Gleichnis mehr und keine Philosophie. Bleiben wir bei der Tatsächlichkeit. Und die ist?" Er hatte sie an sich gezogen und hielt sie umschlungen. „Wir hajben uns lieb," antwortete sie und küßte ihn. Mein Koöat! Von Hermann Horn (Stuttgart).. Bei meinem Vetter, vor vielen Jahren, habe ich zuerst das Photographieren aus nächster Nähe gesehen. Er war Maler, hatte ein kokettes Atelier und trieb darin das Photographieren, „das heutzutage beinahe das Malen ersetze!" Solche Auffassung bekämpfte ich zwar wild und verächtlich, folgte aber ernsthaft in die Dunkelkammer, die stattlich und reichhaltig war, so daß ich davon einen starken Eindruck bekam, als von einer schwierigen Kunst und einer teuren Sache, die sich nur reiche Leute lüften könnten. Und es erschien mir als etwas Unerreichbares, wie eine Villa oder eine Gemsjagd int Hochgebirge. Aber ich bekam dennoch einen Apparat. Einen schönen, den mau in einem eleganten Ledertäschchen um die Schulter hängt, herauszieht tote eine Harmonika, mit schwirrenden Blenden versehen, und einem zierlichen Gummibällchen und kleinen Schlauch; Md magische Kreise, Ziffern, Buchstaben auf fein poliertMH Messing waren rings um die Blenden zum Vergrößern und Ver- Mein Freund, der in Brooklyn, also in Neuyork, ein Haus beftitf, wo er in einem Laboratorium eine Klapperschlange hausen patz «»zahlte mir zuerst von ihm, während er eine Reitpeitsche tn das Glashaus des Reptils steckte, bis sie bereit zum" Vorstoß vrrr — brrr — brrr — klapperte wie eine Kinderrätfche. Er! Mprach ihn mitznuehmen aus eine Entenjagd in Long-Jsland. wctttgt tn der Bucht von Blue-Point, wo die Enten zu Tausenden und Lautenden, knatternd die Luft mit ihrem Flügelschlage peitschend,^ vor unserem tiefgebeugten Segelboot ausrissen, bedauerte er, daß er ihn vergessen hatte, lind abends, wo wir ausmachten, ich tollte tn den wilden Westen auf eine Rauche seines Vetters, um mit dem Eow-boys zu reiten und jagen, meinte er. Sie können ihn dazu mitneymeii. Aber _ in greiflichen Bereich rückte er erst, als ein anderer, mit dem ich tagtäglich verkehrte, plötzlich mit so einer Ledertasche umgurtet int Cafshaus erschien. Mau nküsse doch einen Kodak haben, um spater Vorträge mit Lichtbildern zu veranstalten, ohne die gmgs doch heutzutage nicht mehr. Und da — wie hübsch das sei! — Wahrhastig, die vierzehnte Straße, wie sie Tag für Tag wimmelte, „Flatiron" und „Zentralpark" und dies' und das. — Und das alles hatte er einfach „geknipst". Da sagte mein Freund, Sie können ja auch mit „ihm" umherlausen und Aufnahmen machen. Und dann hatte ich ihn ins Haus gebracht, elegant am Riemen getragen, das schien mir bescheiden und nett. Aber es kamen Tage des Trübsinns und der Enttäuschung, wo eine Tatenlosigkeit an mir fraß, und ich ängstlich mit meinem ©eße fnaufcrte, daß ich mir nicht einmal Films zu kaufen wagte. Taglicy staubte meine Hausfrau den Apparat ab und hielt ihn Mit einem vielsagenden Lächeln in die Höhe. Endlich ermannte ich nittf) zu etwas Wohltuendem, fuhr zu meinem Freunde und schenkte ihm meine schöne Browuingpistole. „Nein," sagte er, „ja — wirklich? — Ich kaufe sie Ihnen ab!" utro als ich das ablehnte, lud er mich für deu anderen Tag zum Etsen ein und daun wollten wir photographieren. Meine erste Aufnahme war in einer stillen Straße, wo lauge Reihen von hölzernen, gleichmäßigen Treppen zu den Eiu- gängen der kleinen Hänschen hinaufstihrten: eine Gruppe Kinder. Ein Bub mit entern Polieeman-Helm und einem kleinen Knüppel, der andere mit dem Kopfputz eines Indianers, und ein kleines Mädchen, das hochbeinig in kurzem Röckchen ihr weißes Schürz- chen glatt strich. Und aus einem Hanseingang rief eine andere: mit einer großen Puppe: „Oh, Mister, nimm mein Bild!" Aber mein Freund behauptete, das Bild sei so schon nichts, gegen die Sonne und im Schatten, es wäre Unsinn! No — no! — . Wenn man nein sagt, schreit die kleine Baitde: What’s that, nine (nein)? Nine times? — Vielleicht verhöhnen sie ihre deutschen Eltern so? , । | Inmitten einer kleinen Anlage, wo die Wintersonne mild strahlte, nahm mein Freund seines kleinen Buben und mein Bild auf, setzte sich ans eine Bank und erklärte mir nochmals alles, holte ein kleines Stativ heraus, überreichte mir das und sagte: „So — das wäre es! — Ich möchte Ihnen den Apparat dedizieren!" In meinen lernbegierigen, geöffneten Sinnen traf mich das unverhofft und ging beseligend auf. Als der Zwölfjährige einst zu Weihnachten das ersehnte Flobertgewehr erhalten hatte, wars nicht beglückender gewesen. Und als der gesellschaftliche Mensch das erste „Aber" gefunden hatte, da schwauds auch schon, wie er dem lieben Menschen ins Gesicht guckte. Dann drückte ich ihm die Hand: „Wirklich, wenn es so sein soll — — Sie haben mir eine große Freude gemacht!" In einem befriedigten, satten Geplauder gingen wir diesen Tag nach Hause. In diese letzten Wochen meines Aufenthalts in Amerika drängte sich in die Schwere mancher Stunden doch ein feiner Freudenrausch, den ich gewähren ließ wie die Ferienfreuden eines kleinen Erfolges, die man hütet gegen böse Blicke, weil man sie erkannt als Zwischenpausen vor dem noch nicht erkannten Ernst der neuen Tage. „Gewiß" — „Ich weiß" — schnitt ich die staunenden und kritischen Blicke und Fragen der Bekannten ab, wenn ich die dunkelsten Ecken abknipste oder die schwierigsten Lichtfragen durch die Tat anschnitt, „es macht mir Freude, Erfahrungen zu sainmelu!" Aber es ragten vollere Farben ins Leben herein, wenn ich die Straßen durchwandelte, die Schiffe erklomm, die Parke absuchte mit dem Zweck, rasch vergehende Linien, köstliche Situationen, stille Augenblicke festzuhalteii. Und das neue Verhältnis, das man zu den Menschen bekam in diesem Amerika. Da war keine Dame weder in der fünften Avenue noch unter den schmutzigen eisernen Säulen, der Hochbahn der Bowery, die nicht für den kühlen Blick ein Lächeln aufsetzte, die Schultern höhcv das Kleid zierlich raffte, wenn sie die Kamera ans sich gerichtet fühlte. Man wollte doch in irgendeine Zeittmg oder eine Zeitschrift, und Wenns nur ein Privatalbum war, kommen; cs schmeichelt drüben allen, und ein schwebender Balken mit einem Arbeiter darauf hält in der Lust an, toemt jemand Anstalten zum Photographieren macht. >- 572 lFn triefe raffinierte Naivität schlug die Entwicklung des' iersten Dutzend Films durch den Photographen eine grelle Bresche. Freilich drei Bilder waren ganz vorzüglich- wie der Mann sagte. Tiefsckwarz die später Hellen Stellen und glasklar dre »Gegenstände und Figuren; in welcher Helligkeit ein zartes Geäst feiner Linien intimster Filigrauarheit zu entdecken war, an denen man sich nicht satt sehen konnte, wie an den Rippchen eures fleisch entledigten Blattes oder den ungeahnten Zusammensetzungen winziger Teilchen, vom Mikroskop enthüllt. Das war eine stille Freitde des Urhebers, die in Händen zu halten war Und von den verschiedensten Seiten neue Entdeckungen gab. Aber da waren auch schöne Hoffnungen zerstört. Eine Anzahl der Platten wies verschwommene Helligkeiten auf, die man eben noch deuten konnte, andere waren durchsichtig wie Glas, ohne irgend etwas zu zeigen, und gar eines, das war an allen Seiten wie angebrannt und in der Mitte gähnte ein schwarzer, Mchew- sicher Fleck aus ein paar angedeuteten Linien, wie eine Kraterlandschaft oder eine erloschene Sonne. Es begann ein Grübeln in mir, das nach den einzelnen Ursachen forschte und mich in lange Gespräche zog mit anderen, die etwas verstehen sollten, und auf der Heimreise war, schon eine kühle Berechnung, die nach dem Erfolg strebte bei dem Knipsen. Aber es war Unvermögen da, eine Unberechenbarkert, die beschämte und schüchtern machte unt> nur wegzusuggerieren war durch ernsthafte Aufzeichnungen bei dem jeweiligen Bilde und dem Vertrösten auf die Zukunft. Dann kam ein anderer Teil des Photographierens, wo ein paar Stunden mit dem Glanz der Neuheit in der Erinnerung stehen und freundlich herüberschauen: „Die Dunkelkammer!" Ein Verkäufer hatte uns, meiner Frau und mir, eine neue Maschinerie empfohlen, damit konnte man am Hellen Tage gleich ein Dutzend Films wie an einer Drehorgel an der Kurbel eines Kastens drehend entwickeln. Ungeheuer praktisch, aber wir waren doch kein Fabrikbetrieb, wir wollten selbst entwickeln. Wir hatten die hübschen Schalen mit dem Entwickler, dem Wasser und Fixierbad, die Flaschen und Fläschchen, Handtücher und Wasser auf unsermTisch im Wohnzimmer ausgebreitet, die Läden vor die Fenster geschlagen; und nun fasten wir vor der toten Lampe in der schwarzen, warmen Stube, fühlten uns einander nahe und sahen doch nichts als meine weißglimmende Zigarre und nach und nach die weißen Ovale unserer Gesichter. Die Uhr tickte lauter, die Kohlen im Ofen rieselten zischend tiefer Und das sonst so stille Haus fing gegenüber unserer Stille an laut zu sprechen. Eine Tür im Stockwerk tiefer sang eine gleich- taktige Arie, und über uns, wo Knechte und Mädchen wohnen, vernahm man auf einmal ein tiefes, flüsterndes Sprechen und ein zwitscherndes Kreischen einer Frauenstimme, das dicht neben dem Weinen lag. Und dann begann unser geheimnisvolles Werk. Ich enthüllte eine Filmrolle, nahm sie kunstgerecht in die Finger und ließ sie nach der Vorschrift auf und nieder durch den Entwickler gleiten. Aber eine Nummer des Streifens färbte sich rapid schwarz, auf den andern tauchten aus dem Gelb der Films verworrene Tinge auf. Erschreckt warfen wir alles in die Wasch- schh,sel und zerschnitten den Streifen in die einzelnen Platten. Die rollten sich nun, klebten zusammen, unsere plumpen Finger rissen Stücke aus der weißen Ueberzeugmasse, am Ende blieb uns nicht anderes übrig, als ein paar verschwommene Buben mit aufgehobenen Händen, die meine Frau eifrig im Fixierbad schwenkte. Ach, es waren Bettelkinder aus Neapel, hoch über dem UnsterbUchen, schönen Meerbusen der Stadt, vom Wagen waren sie ausgenommen, rechts mußte ein Baum mit gelben Gold- ivrangen aus der Mauer des Weges lugen, nichts war zu sehen. Dahin! Tahin! Es war eine Niederlage, aus der wir uns durch Kriegsrat zu neuem Mut und Entschluß durchrangen. Einzeln und vorsichtig mußten die Films entwickelt werden. Tie nächste Platte erbleichte erst, hob dann aber ihr Bild immer klarer heraus; es wird „glashell", triumphierte meine Frau, ein Dampfer. Das größte Schiff der Welt, die „Maure- tania", da war sie: ein Gewind von Fleckchen und Linien, wie ein feiner Fliegenflügel, so glänzend hell. Das war im Hafen von Neuyork. Es io ar die stillbescheidene Freude des kleinen Anfangserfolges, neu aufgetauchter Fragen, die erörtert wurden, die uns noch lange in der Küche, neben der plätschernden Wasserleitung, zusammenhielt, wo die Platten gewässert wurden. Es wurden Pläne geschmiedet von anzulegenden Büchern, zum Aufheben der Photographien, von Ausflügen, von regelmäßigen Aufnahmen der Familie. Nun liegt der Kodak rechts von meinem Schreibtisch auf einem Schränkchen. Er gehört zur Familie; er bildet mit seinem Reih, das er symbolisch andeutet, ein Erforschungs- und Eroberungsgebiet, das uns das Leben ein Stückchen reicher macht. Und wenn wir bei Tisch sitzen, trommelt unser Kind mit dem Löffel und hält uns zum Besten: „O o — ein Bild ist draußen, es wird danz swarz!", — und wenn wir fortgehen zunl Spazierengehen, fragt sie, denn sie ist eine verfluchte kleinS Schwäbin: „Solle wer net de Faschine (sprich: Maschine) mit- nä—ahme?" L Vernrischtes. * Tie neuen Modefarben. Ein reiches Farbenfeff für das Auge wird die Mode dieses Herbstes vor unseren Augen aufglühen lassen. Die Tendenz zu einer starken Farbigkeit, die sich schon im Frühling bemerkbar machte und durch die schwarz- weißen Töne der Sommerkleidung nur mühsam zurückgehalteni wurde, tritt mehr und mehr hervor. Die lebhaft Hellen, lustig bunten Akkorde des Frühlings werden mit den-gesättigt reichen, schweren, vollen Tinten des Herbstes zu einer neuen Skala verschmelzen. So ist die Zusammenstellung eines Hellen leuchtenden Grüns mit Kirschrot eine besonders auffallende Neuheit der kommenden Saison, und diefe beiden Kontraste werden miteinander verbunden durch das warme Tunkelrot und das tiefe Braun, das die Untertöne dieser herbstlichen Harmonie abgeben. Ein neues „Apfelgrün' tarnt jedenfalls seinen Namen nur von sehr unreifen Aepfeln herschreiben, denn es ist ein ganz lichtes, zartes Grün. „Ver luisant", ein sehr kräftig leuchtendes Grün, ist eine andere Farbenneuhert, während Smaragdgrün ebenfalls eine wichtige Note in der Palette der Mode beansprtlcht. Ein „italienisches Blau" hat all dte tiefe Leuchtkraft eines südlichen Himmels, während „Lontre" eine neue Nuance in Braun ist, eine Zwischenschattierung zwischen Aprikosen- und Goldbraun. Sehr beliebt sind alle Variationen von Purpur, während das bisher beliebte Corise einer reichen Skala von hellroten Tönen weicht. Tie eine Zeitlang so beliebten Schattierungen des Grau sind ganz aus der Mode, während die int Sommer herrschenden Kombinationen von Schwarz-Weiß auch weiterhin eine gewisse Rolle spielen werden neben der herbstlichen Pracht der neuen Farben. * Zimmergärtnerei. Man sehe sich jetzt nach Hyazinthen und anderen Zwiebelgewächsen um und beachte beim Einkauf, daß die größten Zwiebeln nicht die besten sind, sondern daß das Gewicht maßgebend ist. Mit einfach blühenden Hyaziiithenzwiebeln erzielt man gewöhnlich bessere Ergebnisse als mit gefüllten. Man gebe nicht zu viel Geld für neue Sorten aus: die alten sind meist nicht minder fchön und kosten weiiiger. Tie Hängekörbe und Hängelampen sind von den abgeblühten Pflanzen zu befreien und die freigewordenen Plätze mit Hyaztnlhen und Tulpenzwiebeln zu belegen. Aach Amarylliszwiebeln können jetzt eingevflanzt und ans Fenster gebracht werden. Tie zum Antreiben für die Wintermonate bestimmten Blmnenziviebeln setze man nach Empfang in nicht zu große Töpfe, gieße diese gut an, stelle sie im Kester oder in der Speisekanimer in eine Stifte und bringe so viel Saiid darauf, daß die Töpfe handhoch damit bedeckt sind. Wer im Besitze eines Gärtchens ist, der grabe die Töpfe ca. 30 Zentimeter unter den Boden und bedecke die Oberfläche bei eintretendem Frost mit Laub, Tünger oder Moos. wenn die Zwiebeln später als im Dezember angetrieben werden sollen. Während des „Dunkelstehens" (im Keller oder Speisekammer) sind die Töpfe em paarmal zu begießen. * Auskunft. „Wie ist beim der neue Bürgermeister?" — „Dem trau i gar nix zu," — „Uub her Beigeordnete?" —i „Dem trau s alles zu!" Rösselsprung. ihm dem so spricht gib wer nicht der von noch nur daß Freunde deinem Freunde ehrlich alle schlecht und so ihm Freun- de Him- gibt er wert Recht Freunde mel glaub’ miß- mand Welt stand Welt de schlecht seine Freun- scheint wenn ist haft spricht trau' Je- von der liebt deinem und (Auflösung in der nächsten Nummer.) Auflösung der Charade in voriger Nummer: Freudentränen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrttckerei, R. Lang», Gießen-