WF WWW Mittwoch den <2. Iulk Iniechaltmgsblall M tEichmerAnzeiger Amml-AHeiger) O « - ”r-l'-i>bI Das nette Mädel. Roman von Fedor von Zobelti & (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Jetzt fand man ihn reizend. Mit dem Chianti, den die Wierthalern heranschleppte, trat auch Moebius in Erscheinung: nicht mehr Apostel, sondern moderner Mensch. Er kannte alle, und aller Hände druckte er. Dann spielte er mit Niels gemeinsam den Wirt. Er packte die Datteln auS und die Feigen und die verzuckerten Veilchenblätter und schnitt das- Marzipanbrot und legte Rosinen und Mandeln auf die Schale, die eine bronzene Bacchantin trug. Nun murrte Mursinna nicht mehr. 'Es blieb stillos, aber es ivar malerisch. Was besaß der Kruse für Bric-ä- brac und auch für reizende Kunstschätze! Oh ja, der Mann hatte Kultur! „Hübsch," sagte sich der Poet Mursinna. Sein Auge verschwomm. Es war Zeit, daß Eberstedt sein Anliegen vorbrachte. Er tat dies mit Geschick. Er band eine indische Schärpe um, warf einen Kelim um die Schultern, beugte das Knie vor Niels Kruse und bat nm die Erlaubnis, dem Meister das Ansuchen der neu geeinten Goldenen Horde vortraaen zu dürfen. „Sprich," antwortete Niels, „aber wirf die Lappen ab. Mich stört, daß dein Sein anders ist als dein Denken." Nun schilderte Eberstedt mit beredten Worten den Zu- staud ^der unglücklichen Stadt. Seit die Künstler sich mit dem Senat wegen des Frieses am neuen Seeamt gezankt und ganz in die Welt ihrer Einsamkeit zurückgezogen hätten, sei auch das letzte Stückchen Helle in graue Dämmerung verwandelt worden." Eberstedt übertrieb natürlich, aber mit vielem Humor; er zeichnete witzige Karikaturen, doch immerhin schaute aus seinen Zerrlinien ein Rest von trister Wirklichkeit hervor. Und dann kam er aus den springenden Punkt. Die Künstler mußten wieder zurück. Niels Kruse sollte sie führen. Ein neues Leben sollte beginnen. Er focht mit den Armen durch die Lust. Aber es saßen Staubatome in dem Schal, den er schwang, vielleicht auch das' Letzte konservierenden Mottenpulvers. Es kribbelte ihm in der Nase; da mußte er seine schöne Rede unterbrechen und begann heftig zu niesen. s . "Zu deiner Gesundheit," sagte Mels. „Der Nieser be- rraftrgt die Wahrheit deines Klagelieds und setzt einen festen Punkt hinter die Jeremiade. Wer ich fürchte, ich kann euch nicht helfen. Wir paar Leute hier draußen/ Ipas sind wir denn?! Um der Langeweile in eurer gesegneten Republik den Garaus gtu machen, dazu gehört ein Armeekorps fröhlicher Geister." . „Richtig," erwiderte Eberstedt. „Es soll auch nur ein erster Ansturm sein. Das grobe Geschütz folgt. Wir wollen die gesellschaftlich Verfemten um uns scharen; wir drängen uns in die Vereine hinein, die jenseits von Gut und Böse stehen; wir ziehen sogar die Entarteten der Hundertundeins zu uns herüber. Wir wollen ein Heer von lustigen Gesellen, ganz gleich, woher sie kommen, ailf unsre Gesellschaft loslassen, wir wollen alle Bande frommer Scheu lösen, wollen ein Tohuwabohu entfesseln, damit aus der Revolution ein neuer gesegneter Zustand erblühe." Niels lächelte. Um seine schwarzen Augen bildeten sich Fältchen, in denen es spöttisch wirbelte. Sein Blick flog über den Kranz der Mädchen, deren Wangen vor Eifer brannten und deren Siirngelock zitterte, als rebillierten schon die dummen Gedanken dahinter. Und dann sagte Niels: „Und die jungen Damen? Wollen sie teilnehmen an dem Aufstand der Gemüter?" „Jawohl!" rief Fräulein Henny und ballte die kleine Hand und machte ihr verwogenstes Gesicht. „Meister, wenn Sie an unsre Spitze treten, hoho, da rennen wir alle Prüderie über den Haufen!" „Jawohl!" rief auch Eva Delbrück, die schon viel zu viel von dem Chianti genippt hatte, „wir sind fest entschlossen: es soll eine Gesindelsaison werden — eine ganz tolle und ganz verdrehte" — nun schlug sie dreimal mit der Hand auf den Tisch, daß alle schönen Gläser leise klirrten — „Gesindel-, Gesindel-, Gesindelsaison!" Dies fürchterliche Wort zog gewaltig. 'Die Mädchen schwatzten durcheinander, auch die Herren gaben ihr Votum ab. Moebius schüttelte den Kopf. „Kinder," sagte er mit milder Stimme, „nehmt mir ein derbes Wort nicht übel:. Ihr seid allesamt verrückt." Jetzt räusperte sich Traute Köhler und begann: „Sie haben ganz recht, Herr Pastor — ein bißchen verrückt sind wir allesamt. Aber es gehört dazu. Wären wir das nicht, so könnten wir unfern Plan gar nicht ausführen. Es schadet also nicht nur, es ist sogar nötig. Und im übrigen: das, was wir wollen, ist in seinem Endziel doch etwas sehr Gutes." „Aber in seinen Mitteln bedenklich," meinte Moebius.' „Doch ich sorge mich nicht: es gibt ja noch Väter, es gibt auch wachsame Mütter." „Nun also!" rief Everstedt. „Das Regulativ ist da, es ist nichts zu befürchten." „Nein," sagte auch Niels, „es ist nichts zu befürchten. Everstedt, wenn die Idee von dir ausgegangen ist, so gratuliere ich. Ein Kampf gegen das Philistertum kann immer nur ein guter sein. Aber natürlich: er muß geschickt ge- führt werden." „Deshalb sind wir bei dir," erwiderte Everstedt. „Wir bitten dich um deine Unterstützung. Das Maifest steht bevor. Im letzten Jahre konnte man bei dieser Gelegenheit im Stehen einschlafeu. Wir dachten diesmal an einen Kostümzauber r-" , , ; ; ; 426 — „Wird ja nie etwas!" rief Niels. „Wenn d u uns hilfst, doch! Wir wollten die Märchenwelt lebendig werden lassen — deine Welt, Niels! Schau diese reizenden Mädchen! Da ist Schneeweißchen und Rosenrot und das Marienkind und Rotkäppchen, und wenn dir noch ein Vorbild fehlt, wir schaffen es dir. Und nun die Herren! Da hast du alles: vom Eisernen Heinrich bis zu den Sieben Schwaben, vom Königssohn bis Hans im Glück. Keiner wird mucksen, wenn du bestimmst: du wirst das sein und du das und du wieder das. Aber hübsch soll es werden. Nämlich, verstehst du: wird es hübsch, so haben wir späterhin das Regulativ elterlicher Ver- mittlung nicht mehr zu scheuen. Meine Tarnen, bitten Sie mit mir!" Niels wurde umringt. Ein Dutzend niedlicher Hände erhob sich mit flehender Gebärde. Niels schaute in bettelnde blaue, grüne, braune und schwarze Augen. Miels hörte von reizenden Lippen ein unaufhörliches ,Mitte, bitte, bitte". Niels hätte ein Stein sein müssen, um so Viel Anmut widerstehen zu können. „Meine Gnädigsten, Sie beschämen mich," rief er. „Cie legen mir einen Wert zu, den ich nicht verdiene. Sie ivissen auch nicht, was Sie tun. Sie ziehen .einen armseligen Siedelmann in die Gesellschaft; dahin gehöre ich längst nicht mehr. Trotzdem sage ich zu —" 'Ein stürmischer Jubel unterbrach ihn. Die Mädchen tanzten Ringelreihen um ihn; Yvedon ergriff sein Glas und brachte ein Hoch auf ihn aus. „Ja," wiederholte Niels, „ich sage zu. Weil mich das Märchenfest reizt — und weil mich noch etwas lockt: die heilige Furie, mit der ihr wider den lustmörderischen Geist der Langeweile zu Felde ziehen wollt. Aber aufgepaßt: ich habe eine Bedingung." „Alles gewährt," rief Eberstedt, „debattelos zugesagt!" „Pardon, Eberstedt. Deine Stellung in Ehren: aber du rannst nicht alles gewähren. Ich muß meine Bedingung vor der ganzen Korona formulieren. Ich brauche ein Modell. Das will ich mir unter den anwesenden Damen Misslichen." Nun entstand doch ein kurzes beängstigendes Schwci- gcit. Ein innerliches Zittern stieg in den Mädchen auf. „Nun ja," fuhr Niels fort, „ein Modell. Kommen Sie .mit - ich will Ihnen den Entwurf zeigen . . ." Er schritt voran in das Atelier und wies auf sein neues Bild. „Sehen Sie das Nixchen, das da über dem Sumpfe schwebt? Notabene, es soll ein Irrlicht sein — aber eins Up to bäte. Dazu fehlt mir noch der Kopf." „Ach, nur der Kopf!" rief Lili Menkens halblaut. Mnr- sinna pruschte, Eva Delbrück kicherte; Lili wurde feuerrot und schämte sich schrecklich. „Ja, natürlich," sagte Niels mit Betonung, „mir der Kopf. . ." Der Poet Mursinna war ein guter Beobachter. Er sah bei diesen Worten in den dunklen Sammetaugen Kruses einen Glanz von Goldlasuren, ein fremdes Licht. „Mesdames, wenn ich bitten darf: antreten!" kommandierte Everstedt. „Es ist unerläßlich, daß wir dem Anliegen 'des Meisters Gehör schenken. Eine Liebe ist der andern wert." Die Mädchen sahen sich an. Es war wieder einmal eilt sehr pikanter Augenblick. Fräulein Henny dachte an ein verbotenes Puch, das sie gelesen hatte. „Lili muß das Nixchen sein!" rief sie. „Nein, Ellen!" rief Lilli. „Es geht ja nicht," äußerte Suse im Flüsterton. „Ich bitte euch . . . nun ja, cs ist bloß der Kopf . . . aber alles andere--da glaubt man vielleicht —" Eva lachte herzlich; der Gedanke, den Suse nicht aussprach, erschien ihr sehr komisch. Aber auch einer der Herren, es war Fritz Eggenolph, hatte seine Bedenken. „Ich würde der Bitte des Meisters gewiß nicht widersprechen," sagte er, „im Gegenteil — jawohl, im Gegenteil . . . Nur muß man der elterlichen Erlaubnis gewiß sein." „Versteht sich," entgegnete Niels. „Erklärt die Mama Nein, so ist die Sache erledigt. Aber ich würde keinen Grund zu diesem Nein finden. Weshalb Nein? Wir Waler find' närrische Leute. Ich suche seit sechs Wochen nach meinem Jrrlichtkopf. Meine Modelle tragen ihn nicht. Ich stoße bei ihnen immer wieder auf einen zu vulgären Ausdruck. Verstehen Sie mich recht: diesen Mädchen fehlt das in geistigem Sinne Mondäne. Mein Irrlicht taucht nicht aus dem Sumpfe auf, sondern es schwebt darüber. Das ist ein Unterschied." Die Mädchen begriffen nicht recht, doch Herr Mursinna nickte. Dann rief Fräulein Henny mit Entschiedenheit: „Also antreten! Zunächst respektieren wir den Befehl unseres Generalissimus. Stellen wir uns in einer Reihe auf. Die Herren gegenüber — nicht wahr, Meister? Denn ich sehe, auch der Männerkopf auf Ihrem Bilde istz noch nicht ausgeführt, und hier haben Sie Auswahl." Everstedt richtete die Fronten und rapportiertest „Modellmarkt vollzählig." Dann trat er rechts bei. Tie Garde der Mädchen stand militärisch stramm. Es war ein appetitlich Völkchen. Aber es war gut, daß keine Mama und keine Tante dabei ivar. Wie ein alter Pascha schritt Niels in seinen grotesken Beinkleidern und der Magyarenjacke die Reihe hinab. Die Herzen schlugen sehr. Nun begann sich die Eitelkeit zu regen: wen wird er wählen? — Die Herren amüsierten sich, doch sie unterließen jedes Witzcheu, das die Feierlichkeit des Augenblicks hätte unterbrechen können. Auch sie markierten militärische Strammheit. „Es ist schwer, meine Damen," sagte Niels und tat sehr verzweifelt. „Wäre es möglich, so würde ich am liebsten alle diese reizenden Gesichter zu einem einzigen Jdealautlitz Vereinen. Aber natürlich: das ist nicht angängig. Und deshalb scheint mir beinahe" — nun blieb er vor Traute stehen — „ja, mir scheint wirklich, als hätte ich hier das Rechte gefunden. Gnädiges Fräulein, wie ist es: sind Sie einverstanden, mir für das Irrlicht sitzen zu wollen?" (Fortsetzung folgt.) Das Landhaus in Hampshire. Eine Dctektivgcschichte von Conan Doyle, (Fortsetzung.) Am nächsten Vormittag befanden wir uns gegen elf Uhr nicht mehr weit vom Ziele unserer Fahrt. Holmes hatte sich während der ganzen Zeit in die Morgenblätter vergraben. Als wir jedoch auf dem Gebiet von Hampshire angelangt waren, warf er sie beiseite, nm seine Blicke an der Gegend zu weiden. Es war ein wundervoller Frühlingstag, am lichtblauen Himmel flogen weiße Federwölkchen hin, und bei dem hellen Sonnenschein lag in der Luft etwas wonnig Erfrischendes. Rings in der Runde bis zu den fernen Hügeln von Aldershot blickten allenthalben die roten und grauen Dächer der Gehöfte ans dem zarten jungen Grün hervor. , , , , , „Wie frisch und hübsch diese Häuschen bah egen!" rief ich mit der Begeisterung eines Menschen, der eben erst die Nebel- dünste Londons hinter sich gelassen hatte. _ Doch Holmes schüttelte ernst den Kopf. „Weißt du, Watson," meinte er, „das gehört mit zu den Schattenseiten meiner Geistesanlage, daß ich immer alles unter dem Gesichtspunkte des Falles ansehen muß, der mich gerade beschäftigt. Du hast beim Anblick dieser zerstreuten Behausungen nur die Empfindung ihrer Schönheit. Ich dagegen muß immer daran denken, wie einsam sie liegen und wie leicht sich darin ein Verbrechen begehen läßt, das seiner Strafe entgeht." „Gütiger Himmel," rief ich ans, „wer möchte bei diesen lieben alten Heimstätten an Verbrechen denken?" „Mich erfüllen sie stets mit einem gewissen Schauder. Nach meinen Erfahrungen bin ich fest überzeugt, die verrufensten Gassen Londons liefern keine so reiche Ausbeute an, Missetaten als dieses lachende Gelände hier." „DaS klingt ja ganz entsetzlich!" „Und doch liegt der Grund sehr nahe. In der großen Welt tritt die öffentliche Meinung ergänzend ein, wo die Macht des Gesetzes nicht ausreicht. Da gibt es keine noch so elende Gasse, (wo der Schmerzensschrei eines gequälten Kindes oder die rohe Gewalttat eines Trunkenbolds nicht Mitleid und Empörung bei bett Nachbarn erweckte, auch sind sämtliche Werkzeuge der Rechtspflege jederzeit so bei der Hand, daß, ein Wort .der Klage hin reicht', trat sie in Bewegung zu setzen, und es ist nur ein Schritt vorn! Verbrechen zum Gefängnis. Betrachte dagegen diese einsamen Häuser, umgeben von eigenem Grund und Boden, bewohnt von armem, unwissendem Volk, das Gesetz und Recht kaum von ferne kennt. Stelle dir die Taten höllischer Grausamkeit, heimliche Verruchtheit vor, die sich vielleicht Jahr aus Jahr ein an solchen Stätten abspielen, ohne^ daß eine Seele es ahnt. Wäre die Familie, bei der unsere Schutzbefohlene einzutreten hätte, in Wiw chesler, ich würde mir niemals Sorgen um sie gemacht haben; baß sie fünf Meilen von dort entfernt auf dem Lande wohnt, darin 427 — liegt bie Gefahr. Und doch ist! sie selbst offenbar tzersönlich nicht bedroht." - wenn sie uns nach! Winchester entgegenkommen kann, so darf sie ja ihren Aufenthaltsort ungehindert verlassen," "Gewiß. Ihre Freiheit ist ihr nicht genommen." . . dann aber nur dahinter stecken? Weißt du denn gar ferne Erklärung dafür?" „Ich habe mir sieben verschiedene Erklärungen ausgedacht, von denen jebe sich Mit den Tatsachen, soweit ivir solche kennen, decken wurde Aber welche die richtige ist, läßt sich nur auf .Grund der neuen Mitteilungen bestimmen, die unser zweifellos harren, r bereits der Turm der Kathedrale, wir werden also bald alles wissen, was Fräulein Hunter uns mitzuteilen hat." Das Gasthaus zum „schwarzen Schwan", an der Hauptstraße Nicht fern vom Bahnhof gelegen, steht in gutem Ruf; dort saiideil wir Fräulein Hunter bereits unser wartende Sie hatte bereitEior fÜT l,n§ bestellt und auf dem Tische stand ein Imbiß , r, bin so froh, daß, Sie gekommen sind," sagte sie leb» bchr. - „Es ist sehr gütig von Ihnen beiden, aber ich weiß auch wirklich Nicht, was ich tun soll. Ihr Rat wird mir von stn- zchatzbareni Werte sein." ,Bitte, crzähleii Sie uns Ihre Erlebnisse." , , will ich, und ich muß mich damit beeilen, denn ich habe Herrn Rucastle versprochen, um drei Uhr zurück zu sein.' erlaubte mrr heute vormittag nach der Stadt zu fahren; Natürlich hatte er keine Ahnung zu welchem Zwecke," „Erzählen Sie uns nur alles hübsch nach der Reihe," ivieder- holte Holmes, indem er seine Beine am Feuer -ausstreckte und sich zum Zuhoren zurechtsetzte. „Ich möchte gleich vorausschicken," begann Fräulein Hunter, „daj; mir iin großen Ganzen keinerlei schlechte Behandlung von Herrm und Frau Rucastle ividcrfahren ist. Gerechterweise- muß ich das hervorheben. Allein ich werde nicht klug aus den Leuten und fühle mich daher bennruhigt." „Was kommt Ihnen unverständlich vor?" „Die Gründe für ihr Verhalten. Doch ich will Ihnen alles ganz genau berichten. Bei meiner Ankunft hier holte mich Herr Rucastle in seinem Jagdivagen nach Copper Bceches ab. Die Umgegend ist allerdings schön, >vie er gesagt hatte, das Hans selbst aber durchaus nicht freundlich, nur ein plumpes viereckiges Gebäude, dessen iveiße Tünche überall mit Flecken und- Streifen von innerer und äußerer Feuchtigkeit durchzogen ist Es steht ganz nn Freien und ist, auf drei Seiten von Wald, auf her vierten von einem Felde umgeben, das sich bis zur Straße nach Southampton hinabzieht, die auf etwa hundert Schnitt Entfcr- Nung un Bogen nm Einfahrtstor vorbeiführt. Die Anlagen aus der Vorderseite gehören zum Hause, während die Wälder rrngsimr Lord Suthertoii's Privateigentum sind. Gerade vor denk Hauptemgang des Hauses steht eine Gruppe Blnlbucheu von denen das Anwescir seinen Namen hat. — Während der Fahrt Ivar Herr Rucastle, der selbst kutschierte, äußerst liebenswürdig,, inid noch am selben Abend stellte er mich seiner Frai- und fernem, Kinde vor. Die Vermutung, die uns anläßlich mcmcv .-oe>ut»ies bei Ihnen so naheliegend erschien, hat sich nmst bestätigt. Fran Rucastle ist nicht geisteskrank. Ich fand m ihr erne stille, blasse Frau, die offenbar noch nicht dreißig ^ahre alt, also bedeutend jünger ist als ihr Manu, der wohl ianur weniger als süufiindvierzig zählen wird. Aus dem Gespräch der beiden entnahm ich, daß sie seit ungefähr sieben Jährest verheiratet sind, daß er Witwer Ivar und aus erster Ehe die .eine Tochter hatte, die sich nun in Philadelphia befindet. Unter vier Augen teilte mir Herr Rucastle mit, der Grund, der sie fortgetneben habe, sei eine ganz unvernünftige Abneigung gegen ihre Stiefmutter. Ta. die Tochter nicht unter zwanzig Jahren alt gewesen sein kann, so läßt sich denken, daß ihre Stellung gegenüber der jungen Frau ihres Vaters nicht die angenclstnste war. Fran Ritcastles geistiges Wesen ist genau so farblos wie ihr Gesicht, sie machte gar keinen Eindruck auf mich, weder; m günstigem noch in entgegengesetztem Sinn. Sie ist eine völlige , An ihrem Gatten und ihrem kleinen Jungen hängt sie sichtlich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Unablässig wandern ihre hellgrauen Augen von dem einen zum andern, um ihnen leben geringsten Wunsch an den Augen abzulesen und demselben wenn möglich zuvorzukommem Er seinerseits ist gegen sie eben- gut in seiner plumpen, ungestümen Weise, und so mußte ich sie im ganzen für ein glückliches Paar halten. Und doch hatte sie eine geheime Sorge, diese Frau. Oft saß sie ganz in Gedanken verloren mit dem allertraurigsten Ausdruck da, mehr Ms einmal habe ich sie in Tränen getroffen. Manchmal dachte ich schon, sie betrübe sich über die Sinnesart ihres Knaben, denn cm so gänzlich verdorbenes, bösartiges, kleines Wesen ist mir Noch nie vorgelommcn. Er ist klein für sein Alter, hat aber «neu ganz unverhältnismäßig großen Kopf. Ausbrüche wilder Leidenschaft und finsterer Trotz wechseln unaufhörlich bei ihm. Geschöpfe, die schwächer sind als er, zu guäken, ist das einzige Vergnügen, nach dem er strebt, und für den Fang von Mäusen, “eilten Vögeln und Insekten verrät er eine ganz bemerkenswerte Begabung, Doch sch will über diesen Jungen lieber keine Worte mehr verlieren, er hat ja auch mit meiner Geschichte nur wenig zu schaffen." „Ich bin dankbar für alle Einzelheiten," bemerkte mein Freund, „ob dieselben Ihnen wichtig erscheinen oder nicht." „Ich werde mich bestreben, nichts voii Bedeutung zu ü&cr» Sehen- Das einzige Unangenehme im Hause, was mir sogleich auffiel, war das Aussehen und Benehmen der Dienerschaft. Diese besteht nur aus einem Manne und dessen Frau. Toller, so heißt er nämlich, ist ein rauher, wunderlicher Mensch mit grauem Haar und Bart, und riecht beständig nach geistigen Getränken, Zweimal schon, seit ich da bin, war er gänzlich betrunken, uiid doch schien Sperr, Rucastle sich nichts daraus zu machen. Frau ist eine sehr große, starke Person mit mürrischem Glicht, w schweigsam wie ihre Herrin, nur weit weniger Hebens» Die beiden sind ein höchst unangenehmes Paar, allein mtickttcherweise komme ich wenig mit ihnen in Berührung, denn w) bringe meine Zeit meist in der Kinderstube und in meinem 'Er Zimmer zu, welche ganz nahe beisammen in einem Flügel des Gebäudes liegen,. m k'Dfe ersten zwei Tage nach Meiner Ankunft in Copper Bceckws ist mein Leben sehr ruhig verlaufen. Am dritten jedoch kam Frau Rucastle gleich, nach dem Frühstück herunter und flüsterte ihrem Gatten etwas zu. .. , w," sagte dieser darauf, sich zu mir wendend, „wir suw ^hnen whr verbunden, Fräulein Hunter, daß Sie auf unfern Wunsch eingegangen sind und sich Ihr Haar abgeschnittcu haben, ^ch verncherc Sie, cs hat Ihrer Erscheinnng nicht im mindesten Eintrag getan. Jetzt wollen wir sehen, wie Ihnen das blaue Kleid steht. Es liegt auf Ihrem Bette, und wenn Sic es anziehcu wolltest, so würden wir Ihnen beide sehr dankbar sein." "Das Kleid, das für mich bereit lag, hatte einen ganz eigen» otto'611 binnen Farbenton, der Stoff war ausgezeichnet, einet Art Beige, doch verrieten unverkemibare Spureu, daß es früher schon getragen worden war. Es Paßte, wie wenn mein Maß dazu genommen worden wäre. Als sich Herr und Frau Rucastle hiervon überzeugten, legten beide ein Entzücken au den Tag, das -mir ganz unnatürlich übertrieben vorkam. Sic warteten im Wohnzimmer auf mich, einem sehr großen Raum, der die ganze Front des Hauses einnimmt und dessen drei hohe Fenster bis auf den Boden herab» reichen. Am Mittelfenster, und zwar mit der Lehne dagegen^ stand ein Stuhl. Auf diesen Stuhl mußte ich mich setzen, während Herr Rucastle vor mir im Zimmer auf- und abging und dabei eine ganze Reihe der tollsten Geschichten zum Besten gab, die ich je gehört habe. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie komisch das war; ich wurde schließlich ganz müde vor lauter Lachen. Frau Rucastle, die offenbar feinen Sinn für Humor besitzt, verzog den Mund nicht zum leisesten Lächeln, sondern saß, die Hände int Schatze, mit trauriger, ängstlicher Miene da. Nach einer Stunde ungefähr bemerkte Herr Rucastle plötzlich, es sei jetzt Zeit, an die täglichen Beschäftigungen zu gehen, ich könne mich wieder nnuleibcn und zu dem kleinen Eduard ins Kindcrzimmcr begeben, „Zwei Tage darauf wiederholte sich dieser ganze Vorgang nutet! völlig ähnlichen Umständen. Wieder mußte ich das andere Kleid anzicheu, wieder mich ans Fenster setzen, und abermals lachte ich aus vollem Halse über Herrn Rncastles tolle Geschichten, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat besitzt, und die er unnachahmlich vorträgt. Darauf gab er mir ein Buch in die Hand, rückte meinen Stuhl ein wenig zur Seite, damit mein Schatten nicht auf das Buch falle, und bat mich, ihm aus demselben kant vorzulesen. Ich mußte irgendwo int Kapitel anfangen und las etwa zehn Minuten lang, bis er mich plötzlich mitten in einem Satze anfhören ließ und mir sagte, ich solle mich wieder umkleiden. Sie konneit sich denken, Herr Holmes, wie groß meine Neugier war, die Bedeutnna dieser merkwürdigen Kontödie zu erfahren. Soviel ich benterfe hatte, waren beide Ehegatten stets eifrig bestrebt, meine Blicke vom Fenster abzuhalten; ich verging deshalb förmlich vor Begierde, zil sehen, was hinter meinem Rücken vvrgehc. Zuerst kant mir dies unmöglich vor, allein bald verfiel ich aus ein Mittel, Mein Handspiegel war zerbrochen, und so kam mir der glückliche Einfall, ein Stück von dem Glase in meinem Taschentuch zu verstecken. Das uächstemal hielt ich mir diesem beim Lachen vor die Augen und war nun mit einiger Geschicklichkeit imstande,, alles hinter mir Befindliche zu sehen. Ich muß gestehen, ich war enttäuscht, denn ich bemerkte gar nichts. Wenigstens war dies mein erster Eindruck. Beim zweiten Blicke jedoch sah ich einen Manu auf der Landstraße stehen, einen kleinen, bärtigen, grau gekleideten Mann, der nach mir herüberzuschauen schien. Ta es eine Hauptverkehrsstraße ist, so sieht man meist Leute auf derselben. Dieser Mann jedoch stand an den Zaun gelehnt, der das Grundstück umgibt, und schaute angelegentlich nach dem Fenster. Ich nahm mein Taschentuch vom Gesicht und blickte Frau Rucastle an; ihre Augen waren mit forschendem Blick aus mich gerichtet. Sie sagte nichts, aber ich bin fest überzeugt, sie hatte erraten, daß ich einen Spiegel in der Hand hielt und gesehen hatte, was hinter mir vorging. Mit einem Male stand sie auf, (Fortsetzung folgt.) 428 Amerikanische „Aerziebildung". Die Beschwerden über die an gewissen amerikanischen Universitäten herrschenden Praktiken, die ihren Studenten ein ärztliches Diplom ausstellen, ohne daß die jungen Lenke auch nur in den untersten Fächern der Heilkunde ousrerchende llnteriver- fungen empfangen haben, wachsen sich immer mehr zu eurem Skandal aus,, der die öffentliche Meinung lerdeuschastüch erregp Es gibt in den Vereinigten Staaten eine ganze Reche von „medizinischen Schulen"/ die ihre Zöglinge nach kurzem Kursus Md nach einer oberflächlichen Prüfung, dre nur bte Karrkatuch einer Prüfung ist, als völlig misgebildete Aerzte entlassen. In diesen Schulen oder Privatuniversitäten wird mit eurer Sorglosigkeit gearbeitet, von der Außenstehende sich kanut einen Begrrff machen können, und das Ergebnis ist nicht nur eine Ueberproduktiorr von Aerzten in Amerika, sondern vor allem eine Züchtung eurer Armee von Heilkünstlern, die in ihrem Fache weder Kennturssü noch Erfahrungen besitzen. Schorr mehrfach ist auf diese Mißstände hiugewiesen worden: nun aber hat ein angesehener Gelehrter von Unbestreitbarer Sachkenntnis, der Pathologieprofessor Flexner von der Universität in Philadelphia, unter dem Titel »Medrcal Chaos" ein Werk veröffentlicht, das in der Tat dem amerikanischen Universitätsbetrieb und dieser Züchtung schlechter Aerzte ein vernichtendes Zeugnis ausstellt. Prof. Flexner muß zugeben, daß die amerikanischen Aerzte im allgemeinen den Vergleich mit ihren ausländischen Berufsgenossen nicht aufnehmen können, ja, „jeder Vergleich muß uns erröten lassen". Diese Minderwertigkeit der amerikanischen Heilkünstler wird ohne weiteres begreiflich, wenn Mair näheres über die Verhältnisse in den typischen amerikanischen Aerzteschulen erfährt. In deut „Jenner Medical College" von Chicago beschränkt sich z. B. der Kurs in Anatomie auf einige kurze Vorträge, in bmn vor einem meist halb leeren Hörsaal irgend eine Theorie vorgesprochen und dann von den Schülern wiederholt wird. Das ganze College ist nichts anderes als ein reines jGeschäftsunternehmen, das davon lebt, ärztliche Diplome zu verkaufen. Das chemische Laboratorium des „Georgia College" in Atlanta besteht aus einigen alten Tischen, morschen Stühlen und einigen Dutzend stets sorgsam verschlossener Flaschen: dieses berühmte „Laboratorium" hat nicht einmal Kanalisation, ja sogar keine Wasserleitung. Die Versuchsanstalt für Gewebelehre und Pathologie besitzt alles in allem drei alte, kaum noch brauchbare Vergrößerungsgläser, und im Saale für Geburtshilfe „operiert" man an alten, aus Lumpen gefertigten Puppen. Diese wenigen Beispiele erfahren eine Ergänzung durch den Bericht des bekannten Chirurgen Prof. Dr. Arthur Revan von der Universität Chicago, der infolge der vielen Beschwerden den amtlichen Auf- trag erhielt, einen wahrheitsgetreuen Bericht über die medizinischen Schulen der Vereinigten Staaten auszuarbeiten. Der Gelehrte jurteilt wörtlich: „Ich möchte, daß alle Zeugen würden jene« Unwürdigen Komödie, die man anstelle des Lehrens und Stirdie- reus betreibt: keine Schüler, die arbeiten, keine Lehrer, die Umstände wären, anderen Unterweisungen zu geben: Vorträge, die zum Lachen reizen und nur völlig ungebildeten Schülern genügen können." Aber das Schlimme ist, daß das Sündeir- register des privaten amerikanischen Universitätenbetriebes keineswegs Mit der Mißwirtschaft in einigen ärztlichen Schulen erschöpft ist: auch an den großen Universitäten Amerikas leidet das medizinische Studium an erstaunlichen und in ihrer Folgenschwere kaum übersehbaren Mängeln. In Darmouth gibt es z. Ä. kein Laboratorium, ja die berühmte Harvard-Universität weist dieselbe Lüche auf, in Syvacuse, wo 1800 angehende Mediziner studieren, besitzt man überhaupt kein gynäkologischjeZ Material, und in anderen Universitäten sind alle Hilfsmittel für das medizinische Studium desorganisiert, ja es fehlen sogar Bibliotheken. Wie wenig Systent in der Gestaltung des medizinischen Studiums in Amerika liegt, zeigt ein Vergleich zwischen der Arbeitszeit, die an verschiedenen medizinischen Lehranstalten den einzelnen Fächern gewidmet ist. Während an der einen Universität der allgemeinen Chirurgie 2221 Stunden gewidmet sind, begnügt sich eine andere mit 70; hier mutet eine Universität ihren Zöglingen 6116 Stunden pathologischen Studiums zu, eine andere bescheidet sich mit 48. Die der Physiologie gewidmete Zeit schwankt zwischen .750 und 46 Stunden, die Chemie zwischen 756 und 78, die Bakteriologie zwischen 660 und 30 und die medizinische Rechtswissenschaft sogar zwischen 775 und 0. VeNMßschtes. * Seltsame Schlafzimmer. Mit dem Wandel der Mode in der Ausstattung unserer Süstafgemächer beschäftigt sich ein fesselnder Aussatz einer englischen Zeitschrift, der zugleich von einigen Schlafzimmern erzählt, in denen manche gewöhnliche Sterbliche wohl nur ungern Ruhe und Schlummer suchen würden. In Liverpool lebt eine fromme alte Dame, ein Fräulein, das sich daS seltsame Vergnügen gemacht hat, die Wände ihres Schlas- gemaches über und über mit den Todesanzeigen ihrer Freundinnen und Verwandten zu tapezieren. Gegenüber dem Bette steht auf einer Kommode eine kuriose alte Uhr — nebenbei ein Meisterwerk der Mechanik — ans der bei Abschluß jeder Stunde ein Leichenzug hervortritt, langsam und stumm das Gehäuse umkreist und dann wieder im Innern der Uhr verschwindet. Zu gleicher Zeit ertönt das helle Läuten eines kleinen, schrillen Glöckleins, das an den Ton einer Armensünderglocke gemahnt. Weniger düster ist die Phantasie eines wohlhabenden'Schotten, eines Sonderlings, der fein altmodisches Bett mit holzgeschnitzten Engelsfignren geschmückt hat. Die Wände des Schlafgemaches sind mit fettgedruckten großen Bibelsprüchen bekleidet und dem Bette gegenüber hängen eine Reihe phantastischer Gemälde, die angeblich das Schauspiel des jüngsten Gerichts veranschaulichen. Am unheimlichsten aber sind wohl die Stätten, an denen die Angehörigen des Klosters vom heiligen Gesicht in Montreal Schlummer suchen. Das Kloster zählt 14 Nonnen, die in kleinen, getrennten Zellen schlafen. Das einzige Mobiliar dieser Zellen besteht aus einem leeren schwarzen Sarg. Zur Schlafenszeit hüllt sich jede Nonne in ein Nachtgewand, dessen Vorderteil blutrot gefärbt ist; in der Brnstgegend ist auf das Gewand das Antlitz des Heilands gemalt. Ein großer, ebenfalls blutroter Schleier vervollständigt diese merkwürdige nächtliche Toilette, in der die frommen Schwestern dann im Sarge Schlaf suchen, ohne Kissen und ohne Decke, auf dem nackten Holze des Totenschreines ruhend. * Der Harem füllt sich. Vor einigen Monaten gingen durch die Straßen in der Nähe des kaiserlichen Winterpalastes zu Peking vierzig bis fünfzig chinesische zweiräderige Karren, die mit etwa hundert kleinen chinesischen Mädchen angefüllt waren. Das war eine Auswahlsendung von „Dienerinnen" für den kaiserlichen Hof. Die Kleinen stammen durchweg aus den Familien der Wai-Pa-chi, der in Peking wohnenden Bannerleute der acht äußeren Banner, lieber ihr Schicksal entwirft der Pekinger Korrespondent des „Ostasiatischen Lloyd" eine interessante Schilderung. In jedem Frühjahre kommt ungefähr dieselbe Zahl kleiner Dienerinnen vor dem Winterpalast an. Die Auswahl geht bann so vor sich, baß die Schar der niedlich anfgeputzten Kleinen zunächst vor das Forum der Kaiserin-Witwe Lung-M, der Adoptivmutter des jetzigen Kaisers, gebrackst wird und diese dann fünf der hübschesten und besten für ihr Haus und ihre Hofhaltung aussucht. Vor ihr auf dem Tische liegen Täfelchen mit dem Namen und Stand des Vaters der Kleinen. Tie Kaiserin-Witwe suchte dann ans diesen Täfelchen eins nach dem anderen aus und die Kleine wird auf- gerben. Entspricht ihr Aussehen nicht der Erwartung, so wird sie ausgeschieden und die nächste kommt heran, bis die Zahl fünf erreicht ist. Diese Geduldsprobe müssen die kleinen Mädchen nun fünf» bis sechsmal durchmachen vor der Kaiserin-Witwe, den Neben- srauen des Kaisers Tung-Chih und denen des Kaisers Kuang-Hsü; die Mädchen, die vor den Augen ihrer hohen Herrinnen Gnade gefunden haben, von denen manche in ihrer Jugend diese Prozedur selbst hat durchmachen müssen, bleiben verschüchtert und ängstlich zurück, die häßlichen, froh, daß die Natur sie so geschaffen hat, ziehen heim, vergnügt, daß sie dem „goldenen Käsig" entgangen sind. An sich ist das Los der Zurückbleibenden gar nicht so übel. Sie bekommen zwar für die Zeit der zehn Jahre, die sie altem Herkommen gemäß als „Palastdienerimien" in der Verbotenen Stadt verbringen müssen, kein Gehalt; aber sie werden nach 21b- lans der Zeit in der Regel mit einer so reichlichen Aussteuer und so kostbaren Geschenken versehen, daß ihre Eltern sie bann sehr leicht au den Mann bringen können. Manche haben vielleicht auch einmal das Glück, kaiserliche Nedenfrau zu werden, wenn sich auch die Aussichten in dieser Hinsicht sehr verschlechtert haben. Im Großen und Ganzen schützen die Eltern der armen Kleinen, besonders in der jetzigen Zeit, die Ehre nicht allzu hoch ein, ihre Kinder als „Palastdienerinnen" herzugeben, und in letzter Zeit hat sich die Sitte von selbst ergeben, daß heimlich Stellvertreterinnen zu diesem Zwecke gemietet werden, die für Entgelt dann gerne über sich ergehen lassen, wozu sich ehrliche Mädchen nicht gerne hergeben. Es wäre an der Zeit, daß mit dem Eunuchen- auch das Palastdirnen- wesen in der Verbotenen Stabt lieber heute als morgen endlich aufgeräumt würde. VWerrMl« Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Wenn Gnade Ai ö r d e r s ch o n t, verübt sie Mord. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Langs, Gieße»