Mittwoch den 11. Januar IBM w H s h-oll® Uli WWW UB B H ISj ■- - ...... LLA Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlark. lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ,/Ja, sehen Sie mal, Fran Oberlehrer!" sagte die Kosh ruhig — „das ist nun j ebenfalls ein Irrtum von meiner Seite gewesen. Wie Sie neulich abends in solcher Rage über die arme Natusius heruntergekommen sind, da dachte ich in meinem guten Herzen: Du tust der Frau den größten Gefallen, wenn du sie von der Wohnung befreist, na, und do paßte sich das gerade so gut, daß die Frau aus Lahreu- jelb mich um eine Wohnung in unserm Haus quälte, und da ging das eben so glatt ab. Nun wird nicht mehr viel zu machen sein. Wegen der Berliner Badegäste lassen Sie sich auch keine grauen Haare wachsen. Wenn die partout wieder die beiden Vorderzimmer haben wollen, bann über* nimmt bie Frau Belzig bie auch ganz gern — und kochen tut bie, ich jag Ihnen, elegant!" Aber bie Specht jammerte immer mehr, und wie die Kvsy schwieg, verlegte sie sich aufs Bitten. „Sie haben doch so große Macht über Frau von Hil- bach" fragte sie fast zärtlich, „und ich würbe mich erkenntlich zeigen, ganz gewiß, alles, was in meinen Kräften steht, würbe ich für Sie tun." „Ja, bas wäre ja alles gut und schön, Fran Oberlehrer, und ich bin ja auch nicht abgeneigt, ein gutes Wort für Sic einzulegen; aber es wirb 'wohl doch nicht gehen, denn unter vierhundert Mark tnt's meine Frau nicht mehr!" Die Specht verfärbte sich. Fünfzig Mark Zulage, bas war zu hart. Sie rechnete mit fieberhafter Geschwinbigkeit. Aber was waren fünfzig Mark im Jahr gegen die Vorteile des nächsten Sommers? „Ich will bie vierhuubert Mark zahlen!" beschloß sie heiser. „Na, und wie steht's mit dem Kontrakt fürs ganze Jahr?" Die Specht zögerte toieber. Die Bebingungen waren hart — fast unerfüllbar, aber es ging nicht anders. _ „Auch das will ich tun!" „Bon!" sagte bie Kosh wieder. „Nun noch eins. Die Frau von Hilbach kann sich nicht entschließen, der armen Frau Natusius ihren Erwerb durch die Strickmaschine zu schmälern. Wenn Sie also auch das ertragen wollen??" Eine grenzenlose Wut gärte in der Specht erregtem Herzen. Dieses Werb, dieses derbe, ordinäre Weib tanzte mit ihr herum, als wäre sie ihresgleichen. „Nun, Frau Oberlehrer?" Noch einen kurzen Kamps kämpfte sie, dann erklärte sie sich auch damit einverstanden. „So, dann kommen Sie man heute abend, wenn Sie aus Ihrem Kränzchen zurücr sind, zu Frau von Hilbach herunter, Frau Oberlehrer. Dann wollen wir zusammen einen seinen Kontrakt machen. Adieu, adieu, Frau Ober« Die Specht sank wieder auf einen Stuhl, nachdem die Kosy das Zimmer verlassen hatte. Sie sprang aber wieder auf, lief ein paar Mal im Zimmer auf und nieder und Warf sich dann laut weinend aufs Sofa — aber am Abend klopfte sie bescheiden und schüchtern an Frau von HilbachA Wvhnzimmertür, unterhielt sich freundlich mit der altmodischen Pastorin Melzing, schenkte dem kleinen Jungen ein paar Bonbons und ging eine Stunde später, beruhigt zwar, aber mit unversöhnlichem Haß im Herzen, den beiderseitig unterschriebenen Kontrakt an bie Brust gedrückt, in ihr einsames Wohnzimmer. Drittes Kapitel.; Die Pastorin Melzing hörte immer allerlei, was andere Leute nicht hörten. Sie hörte die schwarzen Wolken am dunklen Nachthimmel stöhnen, wenn sie sich auf ihrer Bahn berührten; sie hörte den Regen müde, wehe Lieder singen, und wenn der Sturm durchs Ofenrohr brauste, dann erzählte er ihr Schauermären vom alten Grasenschloß und! seinen unrechtmäßigen Besitzern. Oftmals rief sie in ihrer Not, wenn sie die Geister einer erregten Nacht zu sich sprechen hörte, Frau von Hilbach zu sich heraus. Dann saßen sie alle drei am Ofen: das müde Kind schlief bald in dem großen, tiefen Sessel ein, und die Pastorin rief: „Hört ihr? Hört ihr?" Und Frau von Hilbach lauschte auch, aber sie hörte nichts. Nur einmal, an einem besonders dunklen Herbstabend, da die Windstöße mit schauerlicher Gewalt gegen das einsame Saalehaus brausten, hörte sie einen Ton, der wie ein Wehklagen klang, und sie weinte bitterlich. Das wäre gewesen, als wenn ihr toter Manu sie riefe, und sie fühlte ihr Herz sich füllen mit einer namenlosen! Sehnsucht, mit einem so wilden Verlangen, herauszukom- men aus all diesem Elend, aus all der Kleinlichkeit iu.nl) Mühseligkeit ihres Daseins. So oft sie aber so heftig weinte, tröstete sie die Pastorin in ihrer alten Weife: „Das vergeht alles, Kindchen! Das wird alles still! Nur noch ein paar Jahre hin, dann wissen Sie nichts mehr von all dem Brausen und Toben!" Aber Frau von Hilbach schüttelte den Kops. Das Wollte sie nicht, nein, das war erbärmlich, daß so viel Leid, so viel! heiße Wünsche, so viel Sehnsucht einfach müd werden sollten!, einfach einschlafen. „Und ooch wird's so kommen, Kinbchen! Glauben Sie mir. Was Sie zn tragen haben, ist ja gar nicht so furchtbar schlimm. Denken Sie an mein Schicksal, an all das Unrecht, das mir widerfahren ist, und darüber bin ich doch alt und grau geworden." „{3a, sie hat recht!" dachte Fran von Hilbach, trat ans Fenster und sah in die dunkle, schaurige HerbstncpÄk und lauschte aus das Getöse draußen. - L2 - Das Wehr polterte imb rauschte lauter und nnheim- likcher wie sonst; der Wind ächzte und stöhnte und sing sich in Ecken und Winkeln, um mit lauten! Heulen wieder, daraus hervorzubrechen, und ein schwerer, wuchtiger Regen prasselte nieder. Das arme Gärtchen am Saaleuser sah dunkel und trostlos aus mit seinen kahlen Latterilauben Und den hohen Bäumen, die wie Gespenster in die Luft ragten. All das war vor wenig Wochen noch grün und !roh und schön gewesen und lag nun da, als sei es ge- > korben, und wie Frau von Hilbach in all den Tumult >a draußen sah, da wurde ihr plötzlich leichter. Ein paar dunkle Wintermonate währte diese Trostlosigkeit, dann kam neues Leben in die Welt, dann lachte die Sonne und alles; was jetzt grau und farblos und schwer war, wurde leicht und bunt und sreudig. „Sehen Sie, nun lachen Sie!" sagte die Pastorin, die KU Ähr getreten Ivar. „Das wäre auch noch schöner, wenn Sie mit sünfundzwanzig Jahren den Mut verlieren wollten!" ,/Wenn man nur nicht immer so viel unerfüllbare Wünsche, in sich trüge, Frau Pastor! Wenn man nicht immer so ein Gesühl hätte, als könnte man etwas Großes Und hätte nur nicht den Mut dazu! Ich kann das nicht so sagen, aber ich möchte fort von hier, weit fort, und alles vergessen, was hinter mir liegt. Sehen Sie, Frau Pastor, Has sind ja gar nicht die äußeren Erlebnisse, die mich unglücklich machen; nicht einmal die Armut, über die unsere Kosh so viel jammert, bedrückt nrich. Es ist etwas ganz anderes, aber ich weiß nicht, was es ist!" „Ach Gott, ach Gott," sagte die Pastorin, „als ob ich das nicht alles verstände! Nein, nein, das Aeußere allein macht's nicht, und die Gräber da draußen aus dem Gottesacker, die wir mit Kränzen und Blumen schmücken können, das sind nicht die schlimmsten. Aber die Gräber in uns, all die gestorbenen Gedanken und Wünsche! — Ach Gott, Sie hätten hören sollen, wie mein seliger Mann über so was predigen konntej" Nuu wischte sich* die Pastorin die Tränen aus den Augen. „Wie er mir fehlt, Fran von Hilbach — ich kann xs keinem Menschen sagen; so viel Trost ging von dein Iguten Mann aus, so viel Stärke, und nun —--" „Ja, es ist schwer, so allein zu sein!" sagte Frau von Hilbach, und ihr soeben neuerivachter Mut wollte durch den Schmerz der Pastorin wieder klein werden. Sie sprachen Uoch eine Weile von ihren dahingeschiedenen Männern, von ihren: vergangenen Glück und von der trüben Zukunft, die vor ihnen lag. „Ja, ja, und dabei sollten wir doch nur um uns sehen!" »schließlich die Pastorin, denn sie, als die so bedeu- Aeltere fand plötzlich, daß sie das Herz der jung vcr- tvitweten Frau uicht zu sehr beschweren dürfte. „Denken Sie doch nur an alle hier im Haus, liebe Frau von Hilbach, an die arme Natusius, die Specht — die Hänslein, und dann vor allem an die arme, alte Frau Lengerich. Die müssen alle ohne Mann auskominen. Gibt Ihnen das keinen Trost, daß so viele nm sie herum dasselbe leiden?" „Nein," sagte Frau von Hilbach, „nein, Frau Pastor, Trost kann mir das nicht geben!" „Nicht — Kindchen??" „Wenn ich so denke," fuhr Frau von Hilbach fort, ,,wie alle diese Frauen einein gegenüberstehen, dann mochte ich weinen. Gestern hat sich die Hänslein über die arme Frau Lengerich beschwert, weil sie nachts in ihrem Zimmer auf Und ab liefe und mit sich selbst spräche; da iväre etwas nicht |n Ordnung, sagte sie. Leute, die so ihre Verhältnisse geheim hielten, hätten immer kein gutes Gewissen, und wie sie das sagte, da wußte ich plötzlich, daß sie mich damit meinte." „Ja, ja, das mögen sie hier am Ort nicht haben, Wenn man etwas verheimlicht!" erklärte die Pastorin. „Ja, aber ich verheimliche doch nichts, Frau Pastor. Mu jeder im Ort weiß, daß ich seit zivei Jahren Witwe hin, und auch daß ich arm bin; aber das genügt ihnen wicht: sie wollen noch etwas Besonderes." , das möchten Sie!" sagte die Pastorin. „Können Sie sich das nicht erklären? Sie sind noch jung und ein- am und ziehen sich zurück. Nun haben all diese Frauen jier doch so schrecklich viel Zeit, um über andere nachzu- denken, und dann fagt esiie der anderen, was sie denkt. und die erzählt's weiter, und schließlich sagt eine nicht mehr dazu, daß die andere das nur denkt, und dadurch wird's zur Tatsache, die dann auch von jeder noch ein bißchen! ausgeschmückt wird. Nun, ich kann nur eins sagen: Neber so was muß man erhaben sein; das sind keine Sorgen, Wenn die Gesundheit sehlt, oder wenn das Geld fehlt, das sind wirkliche Sorgen!" Frau von Hilbach sah ins Weite. Das, was die Pastorin rhr da sagte, predigte ja auch die Kosh Tag für Tag und Verstandes nicht, daß einer sich um eingebildete Dinge Schmerzen machen konnte, wenn wirkliche Sorgen da waren. Aber k>iese wirkliche Sorgen kümmerten die junge Frack von Hilbach am wenigsten. Wenn sie zusainmengekauert, müd und verhärmt in ihrem kleinen Wvhnzimmerchen saß, dann schweiften ihre Gedanken weit, weit von der grauen Wirklichkeit fort; sie flogen zurück in die ferne, glückliche Vergangenheit oder in eine eben so ferne glückliche Zukunft, und ihr einziger Schinerz war der, daß sie hier mit ihrem Kinde in einem) großen, grauen Hause gefangen war, in einem Hause, das sie fortwährend ängstigte und schreckte, dessen Wände und Decken sie zu erdrücken drohten, und in dessen Räumen sie eine Fremde war und bleiben wollte. Sie dachte an ein anderes altes Haus, an ein geräumiges, schönes Haus, in dem sie groß geworden war, und an die Menschen, die mit ihr darin gelebt und die nicht mehr waren. An ihren ernsten, ruhigen Vater dachte sie und an die kleine, zärtliche Mutter mit dem lieben Kindergesicht und an ihr gemeinsames Märcheneckchen im großen, dunklen Eßzimmer. Tas lag alles so weit, toeit hinter ihr, und so viel anderes hatte sich in ihr Leben gedrängt — eine jjroße,; leidenschaftliche Liebe, die zerplatzt war wie eine Seifenblase. Diese ganze Ehe, die vor zwei Jahren den Abschluß durch den Tod ihres lustigen Mannes erfahren hatte, lag wie etwas Geträumtes, Halbvergessenes hinter ihr. Wäre das Kind nicht da, so würde bald nichts mehr davon in! ihrer Erinnerung haften; aber das, was so ganz, ganz weit zurücklag, die Märchenzeiten aus dem Schloß ihrer Mutter, das staud noch greifbar dicht vor ihr. An dunkle Winterabende am großen Kamin dachte sie ost, so oft, und wie sie den Kopf an der Mutter Schulter gelehnt hatte, während sie erzählte. Sie sah ihr Gesicht, aus dem der Schein des Holzfeuers einen wunderlichen Tanz ausführte; jede Bewegung in diesem lieben Gesicht sah sie wieder und trank ihr die Worte vom Mnnde. Von all den bunten, goldenen und traurigen Märchen träumte sie. Und dann dachte sie oft erstaunt, was für eine merkwürdig schüchterne, weltfremde Frau ihre Mutter doch zeitlebens gewesen war; die hatte auch nicht in der Gegenwart gelebt, war nicht gelehrt und geistreich gewesen und doch so ganz, ganz anders als all die Frauen, die sie jetzt um sich sah. Alles, ivas sie erlebt und erlitten hatte, war ihr unter der Hand zum Märchen geworden. Glück und Freude, Schmerz, Ungemach und Krankheit hatte sie gleich einer Bürde getragen, die nicht wirklich, nicht in Wahrheit vorhanden war. Ihr war das Leben tote ein Buch gewesen, das sie mit Eifer und Leidenschaft und unendlicher Teilnahme gelesen hatte. Die Schicksale der Heldin des Buches hatten; sie gefreut und geschmerzt; sie hatte mit ihr gelacht und geweint, gejauchzt und gelitten, aber doch nur, wie man eben mit einem andern Wesen fühlen und denken kann. Sie hatte kein wirkliches Leben geführt, und darum vielleicht, gerade darum, weil sie so gewesen, so traumverloren töricht, so kindisch zuversichtlich, so ängstlich besorgt, jedermann etwas Liebes und Gutes anzutun, darum war sie wohl von vielen geliebt, aber von eben so vielen mißverstanden worden. (Fortsetzung folgt.) Zu wohltätigem Zweck. Humoreske von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Stanislaw Kamarinski machte ein Gesicht, wie wenn er totof deuten wollte, daß er ihm doch kein Sterbenswörtchen glauben würde. Hans Volckmar aber kümmerte sich nicht darum, sondern erzählte ihm der Wahrheit gemäß alles von dem Augenblickan^ da Herr v. Sternberg ihm im Kursaale Fräulein Mary BurneS vorgestellt hatte, bis zu seinem leichtfertigen Berspre.ch,Äber ich setze natürlich voraus, daß Sie Ihren weiteren Aufenthalt in Liebenthal möglichst abkürzen." „Seien Sie unbesorgt, edler Maestro, ich reise noch heute." Stanislaw Kamarinski antwortete nur .durch eine Gebärde voll erhabener Größe und zog nach einem leichten Neigen beej Kunkellockigen Hauptes die Tür hinter sich zu. Hans Volckmar aber murmelte etwas hinter ihm drein, das keineswegs wie ein Ausdruck ehrerbietiger Bewunderung klang. Dann «setzte er sich an den Schreibtisch und teilte Fräulein Burnes lotter der Adresse ihres Vaters mit, daß der heute zufällig in Liebenthal cingetrof feite wirkliche Stanislaw Kamarinski sich bereit erklärt habe, die ohne fein Zutun erfolgte Ankündigung zur Wahrheit zu machen Und in dem Wohltätigkeitskonzert zu spielen. Er fügte kein Wort zu seiner Rechtfertigung ober Entschuldigung ihinzn, denn nach der BeHaiidlung, die Fräulein Burnes ihm hatte angedeihen lassen, Erkannte er, daß seine schimmernden Luftschlösser doch keine Aussicht auf Verwirklichung hatten. Dio kleine Episode, die fortan in feiner Erinnerung den Namen Mary Burnes tragen würde, lag ein- für allemal abgetan und beendet! hinter ihm. Die Wunde aber, die sie in seinem Herzen zurück- gelassen, würde — das fühlte er mit schmerzlicher Gewißheit —• einer langen Zeit zu ihrer Heilung bedürfen. Noch viel trübseliger und trostloser als die grauen Regentage da draußen war die Stimmung, in der er sich, nachdem er das Briefchen abgesondt anschickte, seinen Kvffer für die^Heimreise zu packen. Der nächste Zug, den Volckmar benutzen konnte, passiertck Liebenthal erst kurz vor Mitternacht. Anfänglich zwar war en entschlossen gewesen, die Straßen dieses unglückseligen Ortes von seinem Aufbruch zum Bahnhof nicht mehr zu betreten, aber nachdem er die freiwillige Gefangenschaft ein Paar Stunden lang ertragen, duldete es ihn doch nicht mehr in der Enge des ungastlichen! Hotelzimmers und in der unerfreulichen Gesellschaft seiner üblen Gedanken. Das Wetter hatte sich am Nachmittag aufgehetlt, und dem regnerischen Tage folgte ein wunderschöner Abend, «er feinem ziellosen Umherschlendern gelangte der Rechtsanwalt auch in die Nähe des Kurhauses, und überall, wohin er blickte, leuchteten ihm hier die großen roten Plakate mit der Ankündigung! des Wo'hltätigkeitstonzertes entgegen. Da regte es sich trotzig in feinem Herzen, und er sagte sich, daß eigentlich niemand em besseres Recht darauf habe, diesem Konzert beizuwohnen als er, der diesen Anspruch so teuer erkauft hatte, und er ging schnurstracks an die Kasse, um eine Eintrittskarte zu fordern. Aber es war alles, bis auf das letzte Winkelchen besetzt, und er jMtfl sich mit einem Stehplatz im tiefsten Hintergründe des L-aaleZ begnügen. Er war es zufrieden, denn es kam ihm ja durchaus nicht daraus an, bemerkt zu werden, und er zog sich sogar noch weiter, als es unbedingt notwendig gewesen wäre, in den bergenden Schutz eines dicken Pfeilers zurück. , Die ersten, von allerlei mehr oder weniger begabten Dilettanten ausgeführten Nummern des Programms interessierten ihn sehr wenig. Er war weder musikverständig genug, noch in den rechten Stimmung, sie nach Verdienst zu würdigen. Desto aufmerksamer aber ließ er feine Augen im Saale nmheiwandern, beim wenn er sichs selbst auch nicht eingeftonbeit hätte, die Hoffnung, Mary weuigsteiis aus der Ferne noch einmal zu seheik, hatte an seinem plötzlichen Entschluß einen viel größeren Anteil gehabt als der Wunsch, Stanislaw Kamarinski zu hören. Und nach einigem Suchen entdeckte er sie wirklich. Sie faß neben ihrem Vater in der allerersten Reihe, und wenn sie ihm auch den Rücken zukehrte, so daß er nur hier und da bei einer zufälligen Wendung ihres Köpfchens ein wenig von dem lieben Gesicht erspähen konnte, so meinte er doch wahrzunehmen, daß sie viel bleicher war als sonst. Nun, nach einer ungebührlich langen Pause, während deren erwartungsvolles Geflüster den Saal durchschwirrt hatte, war endlich der große Augenblick gekommen, da Stanislaw Kamariiiski ans der Bühne erschien. Von stürmischem Beifall begrüßt, neigte er in gnädiger Herablassung ein wenig den Kopf, um dann mit einer unnachahmlichen genialen Bewegung die lange Mähne znrück- zuwerfen und vor dem Flügel Platz zu nehmen. Hans Volckmar, der allerdings ein nicht ganz unparteiischer Beurteiler war, farch, daß der berühmte Virtuose ganz unausstehlich läppische und affektierte Manieren hatte. Aber als Kamarinski nun zu spielen! begann, vergaß der Rechtsanwalt gleich dem übrigen Publikum, alle diese Lächerlichkeiten über dem großen und erlesenen Genuß, den seine Kunst bereitete. Der Pianist verdiente in der Tat den großen Ruf, dessen sein Name sich -erfreute, und er verdiente wohl auch die Verehrung, die Fräulein Mary ihm achtzehn Monat« lang hindurch so treu und beharrlich bewahrt hatte. Als der letzte Ton verklungen war, befand sich« auch Hans! Volckmar unter den Applaudierenden. Er hatte für den Moment all seinen Groll gegen den Mann mit den praktischen Grundsätzen vergessen und fühlte sich aus seiner Kunstbegeisterung erst wieder in die nüchterne Wirklichkeit hiimbgestürzt, als er wahruahm, wie eine Dame aus dem Publikum auf den Virtuosen zutrat, um ihm einen großen Lorbeerkranz mit mächtigen blaßroteu Schleifen zn überreichen. Gewiß würde er Stanislaw Kamarinski auch diese Huldigung neidlos gegönnt haben, wenn nur die junge Dame nicht gerade Fräulein Mary Burnes gewesen wäre, und wenn nicht feine scharfen Augen auf den Bändern des Kranzes trotz bet beträchtlichen Entfernung deutlich die in großen Goldbuchstaben aufgedruckte Inschrift „Dem edlen Menschenfreunde" gelesen hätten. Das war zu viel selbst für fein geduldiges Gemüt. Er lachte so kant und höhnisch! auf, daß sich ein wahres Kreuzfeuer zornigen Blicke über ihn ergoß, und bahnte sich: rücksichtslos einen Weg zur Ausgangstür. Die Flammen der Eifersucht loderten so wild in seiner Brust, daß er fühlte, er müsse sie auf irgend eine Weis« ersticken, wenn sie ihn nicht verzehren sollten. Er trat also in den nebenan Gelegenen Restaurationssaal ein und bestellte, nachdem! er sich ein Tischchen in der verstecktesten. Nisck)e ausgesucht, außer einem bescheidenen Imbiß eine Flasche Moselwein. Nachdem e« seine Hotelrechmmg beglichen, war seine Barschaft bis auf einen! winzigen Rest zufammengefchmolzen; mochte denn auch dieser noch braufgeben. Wenn er morgen wieder in feinem bescheidenen Arbeitszimmer am Schreibtische faß, würde er sich einzureden suchen, daß die sechshundert Mark nur ein schöner Traum gewesen! — 24 * Neuere Dramatiker. Von H. T. A. Korsf. Seitdem der Naturalismus verblühte, hat das ernsthafte deutsche Drama nach verschiedenen Seiten sich auseinander entwickelt. Zuerst erschienen Hosmannsthals neugegossene Antiken- dramen, eine Reaktion gegen Hauptmann, die sich mit kraftvoller Hoheit sogleich auf den äußersten Gegenpol des naturalistischen Ideals einstellte. Dann (eine abermalig« Reaktion gegen Hauptseien wie die glücklichen Stunden, hie « vor der großen Katastrophe in Liebenthal verlebt hatte. Aus dem Konzertsaal drang erneutes Beifallklatschen gedampft W ihm herüber, und dann hörte er, wie das Publikum sich langsam entfernte. Zu kleineren und größeren Gruppen vereinigt, trat ein Teil der Zuhörer in den Restanrationssaal ein. Vans Volckmar rückte seinen Stuhl so, daß er allen Ankömmlingen den Rücken zukehrte, und vertiefte sich zum Schein in die Lektüre eines umfangreichen Zeitungsblattes. Daß sich auch an dem ihm zunächst befindlichen Tische eme größere Gesellschaft niedergelassen haben müsse, folgerte er nur aus bem Äes'chwl,rr Inuter Ttlmmen, das von dort her an sein Ohr schlug. Plötzlich aber fuhr er zusanimen, denn er hatte ganz deutlich den affektierten Tonfall und die slawisch gefärbte Aussprache Stanislaw Kamarinski vernommen, und nun mußte er obendrern hören, wie ihm jemand antwortete: . „Es war uondervall, höchst uondervolt, ntetn Herr! Ich liebe serr viel das Piano." Es war kein Zweifel, das konnte nur Mr. Gilbert Burnes geweseii sein, und wo er weilte, da war sicherlich auch sein Töchterchen nicht fern. Hans Volckmar dachte an eine schleunige Flucht, aber er hätte sie nicht bewerkstelligen können, ohne hart an jenem Tische vorüberzugehen, und eine Scheu, die er nicht zu überwinden vermochte, wie hart er sich deswegen auch tadelte, hielt ihn davon ab Er wollte nichts hören von dem, was da gesprochen wurde, aber Stanislaw Kamarinski vereitelte durch seine aufdringlich laute Redeweise alle Bemühungen, ihn zu ignorieren. Er erging sich m den farbenreichsten Schilderungen der Triumphe, die er während seiner Virtuosenlaufbahn in aller Herren Länder davongetragem und es fehlte dabei nicht an ziemlich unverblümten Hinweisen auf seine fabelhaften Ersolge beim schönen Geschlecht. Hans Volckmar ballte insgeheim die Fäuste ber der Vorstellung, daß Mary gezwungen war, diese widerwärtigen Renom- rnistereien anzuhören, und manchmal war er wirtlich nahe daran, aufzuspringen nnd den Schwätzer in die Schranken der guten Sitte zurückzuweisen. Aber er besann sich glücklicherweise immer noch ziir rechten Zeit, wie lächerlich er sich durch eine solche Einmischimg macken würde, und zwang seinen Ingrimm nieder. Nun wurde das Gesprächsthema am Nebentische gewechselt, smkd Stanislaw Kamarinskis Stimme blieb eine Weile unhörbar, bis er plötzlich mit einem lauten, spöttischen Auflachen sagte: „Ich habe die Sache allerdings bis jetzt von der spaßhaften Seite ge- nmnmen. Aber glauben Sie nicht, meine Herrschaften, daß ich diesen Burschen ohne die verdiente Züchtigung davonkommeu lassen werde. Ich werde mich mit ihm schlagen, und es wäre wahrhaftig das erstemal, daß Stanislaw Kamarinski den Kampfplatz anders Henn als Sieger verließe." Hans Volckmar horchte hoch auf. Wenn da, wie er nicht zweifelte, von ihm die Rede war, so brauchte er mm ja nicht länger Bedenken zu tragen, den unverschämten Burschen zur Rede zui stellen. Aber er Mußte freilick) vorher darüber Gewißheit haben, daß jene Aeußerung sich wirklich auf ihn beziehen sollte, und er lauschte gespannt, nur aus den weiteren Reden solche Gewißheit zu erlangen. Zu seinem Bedauern blieb dies Bemühen jedoch vergeblich. Kamarinski benutzte den Anlaß, um einige höchst abenteuerliche Geschichten von fürchterlick>en Zweikämpfen zum besten zu geben, die er ausgefochten. Und er wiederholte auch hier und da, daß er mit dem Menschen, der ihn so unerhört beleidigt habe, ohne Erbarmen umspringen würde. Ein Name aber wurde nicht genannt, und der junge Rechtsanwalt schreckte mit gutem Grunde davor zurück, sich nochmals dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben. Eben ging er ernstlich mit sich zu Rate, ob es nickjt doch das beste sein würde, sich zu entfernen, als ein zufälliger Blick durch Idas offene Fenster, neben dem er saß, ihn eine Entdeckung machen ließ, die seinen Gedanken plötzlich eine ganz andere Richtung gab. Das Fenster ging auf die vor dem Knrhause belegene Terrasse hinaus, die jetzt der Abendkühle wegen ganz menschenleer war. Nur eine einzige Gestalt lehnte an der steinernen Brüstung, eine schlanke, zierliche Mädchengestalt in schlichtem weißen Gewände. Sie stand, augenscheinlich ganz in Gedanken verloren, mit gesenktem Haupte da, und nun sah er deutlich, wie sie die Hand Mit dem Taschentuch an die Augen führte. Da — er hatte ja längst erkannt, daß es keine andere als Fräulein Mary war — . duldete es ihn nicht eine Minute länger auf seinem Platz. Er sprang auf und eilte, ohne die Gesellschaft am Nebentische auch uur eines Blickes zu würdigen, hinaus. (Schluß folgt.) mann und Hofmannsthal zusammen) schwang der Narr seins Pritsche, der shakespearische Narr Frank Wedekind. Die dramatischen Möglichkeiten waren an ihrer äußersten Peripherie durchlaufen. Uebrig blieb nur noch ein einziges: der Weg in bin Mitte des Kreises hinein, auf jenes rätselhafte Zentrum zu, dem bislang nur eine wahrhaft nahegekommen ist: Shakespeare selber« (Den Weg dahin zu finden, zogen zwei sehr verschiedew- artige Gruppe:: von Dramatikern aus. Die einen waren Generalstäbler: sie studierten die Karten, ehe sie zum Angriff übergingen« und arbeiteten einen vollständigen Plan des, Weges aus, dem siel nachstreben wollten. Sie legten sich zunächst einmal die Frage vor; Was ist eigentlich eine Tragödie? Wie entsteht sie? Und was ist ihr natürlicher Sinn? Und sie gaben sich die Antwort: Dram«- ist im wesentlichen Dialog; Dialog ist Konflikt, mit geistiges Waffen ausgesochten; sollen Konflikte Sinn haben, so müssen! es notwendige Konflikte sein, Konflikte, die unvermeidlich sind, die immer wiederkehren — und warum? Weil sie in der Natur der Dinge liegen. Sie fragten weiter: Wo gibt es Konflikte solches Art? Vorzüglich an zwei Stellen: einmal dort, wo eine an sich berechtigte Leidenschaft durch ihren Charakter als Leidensajaft über die sozial geforderten Grenzen hinübergeht (der sich selbst setzende Konflikt), wo also etwas essentiell Gutes — und jedes starke Wollen ist etwas Gutes — durch das eigne Wesen ins Böse verkehrt und zur Schuld wird. Zum andern aber dort, wo zwei Naturwesen auseinanderstoßen, die gleiche innere Berechtigung haben. Daß dies möglich ist, ist das eigentlich tragische Verhängnis der Welt Dies Verhängnis zu zeigen, ist eigentliche Aufgabe der Tragödie; die Irrationalität der Welt ihr eigentliches Thema. Di« Grupp« der Männer, die von solcher Ueberlegung aus dem Zentrum der Tragödie sich zu liähern strebten, umfaßt etwa diejenigen, die man neuerdings unter dem Schlagwort „Neuklassizisteii" zusammenzufassen pflegt: Paul Ernst, Wilhelm von Scholz, JullusB-ch, Lublinski; Männer, die ebenso stark theoretisch wie künstlerisch! interessiert sind. Die Zweite Griippe, die das nämliche Ziel zu erreichen suchte, ging einen anderen Weg. Sie begann nicht mit der Nefleximi, sondern mit dein Dampf der Leidenschaft. Was ist Shatespeova — fragten sie — dieses ungeheuerliche Phänomen, das bisher dem Zentrum des Tragischen am liächsten gekommen ist? ShakespeareÄ Tragödie ist: „Der Mensch als Opfer seines Dämons — des Dämons Leidenschaft". Dialog ist gut, Leidenschaft ist besser. So gingen sie daran, Dramen aufzubauen, in denen irgendein« furchtbare Lebensgier zum Lebensschicksal sich verdichtet: Ge- schlschtsliebe zwischen Vater und Tochter, Brunst einer ans dem Ehebette verstoßenen Gattin, Mordgelüste aus Lebensdrang, Zrr- sinn aus Untreue und ähnliches. Was natürlich (ganz natürlich!) zu einer Katastrophe führen muß. Furchtbare Brande wurden, eiitfesselt, und man genoß die rauschende Schönheit des Daseins, wenn krachend am Ende das glutübersprühte Gebäude zusammenstürzte. Zu dieser Griippe rechnen etwa Ernst Hardt, Schmidtbvnit und vor allem Eulenberg. Das neue, fünfte „A r e n a"-Heft, dem wir mit Genehmigung, der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart, diesen Aussatz un Auszüge entnehmen, enthält auch die Porträte der neueren deutschen Dramatiker, und außerdem, wie man das bet dieser vornehmen, Monatschrist gewohnt ist, viel andres interessantes und wiffens- wertes Material, sowohl auf schöngeistigem wie auch auf populärwissenschaftlichem Gebiete. Die Ausstattung des Heftes ist wiederum sehr geschmackvoll und gediegen. Altagqptische Hieroglyphen. (Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B. Sonne — s, Glas — g re. Tie Vokale finb zu ergänzen.) Auflösung in nächster Nummer, Auflösung ves magischeti Zahlenguadrats in voriger »Nummer) s 13 49 26 26 49 13 8 13 8 26 49 49 26 8 13 Rebatlion: K. Neurattu — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruck-reh R- Lange, Gieße»-