SSäS" WWW mm KWüW ffWM ■grg^jjb ZUD^W gj liT IW I *ft 4 tzer;kloide. Roman von Georg Freiherrn von OmPtedL, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Fa, wir hatten nn§ ließ, lieb, wie nnr zwei Menschen sich haben können. Nie hatte ich geahnt, daß es so Ware, wenn zwei füreinander beben. Nie hatte ich für möglich gehalten — solche Seligkeit, solches Genügen, solchen Frre- den. Und ich neigte mich von Tag zu Tag mehr Marias Wunsch zu, allein zu leben, fern von den anderen Menschen. „ , . . , „ In dieser seligen Zeit junger Liebe hatten toir so das Bedrüfnis, allein zu sein, daß wir unfern Plan, Herzelorden in der Schweiz zu besuchen, von Woche zu Woche verschoben. Wir trösteten uns immer mit der Redensart: „Wir gehen später hin." Neber diesem „später" aber verstrich der Sommer, und der Herbst stand vor der Tür. Es war das ern- aetreten, was im Welteulauf, solange eine Tochter das Vaterhaus mit dem des geliebten Mannes vertauscht, noch je und je die Eltern gekränkt haben wird: in unserem Gluck hatten wir sie ein wenig vergessen. Wir schrieben wohl, aber der Gedanke ward nicht ausgesprochen, oder doch nicht greifbar, in einen Plan umzusetzen, daß wir sre sehen wollten. . Das gab eine Verstimmung, und einmal kam Maria weinend mit einem Briefe ihrer Mutter zu mir. Ich fragte, was denn sei. Und ich erfuhr, wie die Eltern, traurig i darüber schienen, daß ihr Kind, fie über ihrem Manne ganz vergesse! Meine Frau aber kniete nieder an meiner Seite, öffnete ihre Arme, schlang sie mir um den Hals, blickte mich an und sprach: _ ,. , — Das kommt daher, daß ich dich so heb habe. Wie ich sie küßte, gestand sie mir, indem sie zum ersten Male über das sprach, was in nuferen Herzen — Ich habe dich so lieb, daß ich an keinen anderen Menschen mehr denke aus der ganzen Erde, llnd sieh, Fritz, es ist wahr, was meine Eltern schreiben. Aber soll ich lügen? 'Ich liebe doch nnr dich. Ich denke an oich den ganzen Tag. Was soll denn nur werden, wenn du wieder zum Dienst mußt. Ach, ich fürchte mich' so sehr düvor! , ,,r. , r !Aber so glücklich ich auch war, ich redete ihr zu, daß wir ihre Eltern sehen wollten. Wir trafen uns mit ihnen acht Tage darauf, denn Maria lind ich hatten ihnen emen Brief geschrieben, offen und ehrlich von unserem alles ver- gesf enden Glück. Ich dankte ihnen tausendfach, weil sie Mir ihr Kind gegeben, das mich' so glücklich' gemacht, W ich nicht glaubte, es könne ein Lebender je so glücklich sem. Sie dankte den bdiden für ihre Einwilligung, dem Manne gnzngehö.reii, der sie täglich — wie sie schrieb lehre. daß auf der Erde alles schön und.herrlich M well Vitt selige Augen es erblickten, daß nur eines hiemeden Geltung hat: „Darum liebet einander!" . Sie gab das Gefühl wieder, d'as rn unseren Herzen zitterte, das einst ausgesprochen lener Sang aus fernen Rittertagen, dessen von der Vogelweid: „Mmne ist zweier Herzen Wonne^ einst geboren ward, von seinem Haus und Herd nicht wert, tnjöo^n, trafen wir mit den Eltern zusammen. Als |te dem Zuge entstiegen, hielt ich mich etwas zuruck,. daß sw allein mit ihrer Tochter wären. Doch der Geheimrat zog mich zu ihnen, und dann blickten wir uns alle vier an, ohne em Wort zu reden, als wollten wir feststellen: "Wir stnd doch noch die gleichen!" Ich ging mit. meinem Schwiegervater Arm in Arm voraus. Die beiden Damen folgten. ^Lassen wir sie ein wenig für sich Mutter und Tochter werdeii sich manches zu erzählen haben. Mit . keinem Wort war die Rede von emer Verstimmung. Die Trennung ward nicht erwähnt. Mir schien es, als wären wir immer zusammen gewesen. Der^ Geheimrat erzählte mir von den Bergfahrten, dre er dieses ^ahr gemacht, mit all der Begeisterung, mit der. Gegen andüch feit, mit der er immer redete, und nur gan zleise klang durch, wie ihnen die Tochter auf schritt und Tritt hätte. Dann, als in den nächsten Tagen einmal Kater und Tochter mitsammen gingen, sagte nur .Marias Mutter das Gleiche. Ich aber empsand unter buh en Menschen, mit denen ichi-nr Denken und Fühlen übereinstimmte wie mtt ' meiner Frau, das hohe Glück, sich eins zu suhlen in Rasse ; und Abstammung, in Lebensverhältnipen, Anschauungen Es waren herrliche Tage im herbstlichen Bozen. Wir wohnten im „Greiff", dem lieben, bewahrten Hause am Walterplatz, auf dem das marmorne Bild jenes seligen Sängers sich erhebt, der einst so fuß gesungen ha? von der Minne! Bor dem Hotel standen die Tifche und Stühle weit hinaus auf dem Platz, ein Viereck, umgeben von südländischen Bäumchen in Kubeln DaMs, Thuya, Evonymus, Juniperus Noch abends war es warm, wenn wir dort draußen unter stWiem H . mel saßen Ach, es waren köstliche Stunden! Rundum Tisch an Tisch besetzt: die Nachzügler ans den Bergen die hier den schweren Abschied nahmen vom fdiönen Land Tirol, ehe sie den Zug bestiegen, der sie schnaufend über den Brenner, der Heimat zusuhrte. Dder mrdme die nach dem Süden, na chJtalien reisend noch eiu- mal Halt machten in der letzten Stadt deutscher Zunge. fhmrTmn es die in ihren weißen Kleidern oder dem Bunt ihrer Tracht hin^und her eilten, au Stelle des.Fracks der welschen Hotels, dem Gast die Gemütlichkeit der süddeutschen Art kündend. Die Leute, die dort faßen, nicht so elegam wie 290 t>ie Beefs und Dankees und Madames, aber Leute, die nicht Übersättigt waren und von der Kultur verdorben, sondern die Äugen offen hatten für all die Schönheit rundum. Sie öugeit Lodenrock und derbe Stiefel und machten ihren Damen keinen Wind vor, aber sie waren mit eigener Kraft durch die Natur gegangen und ihre Lebensgefährtinneu mit ihnen wie ein treues, deutsches Weib. Deutsch klang's von allen Seiten. Das Breite des Mecklenburgers, das Weiche des Thüringers, hart aus dem Munde des Ostpreußen, anheimelnd vom Bayern, vom Wiener. Deutsch, Deutsch überall. Und deutscher Sang tönte uns entgegen. Auf einer Bretterbühne saßen Mädchen und Burschen in Kärntnertracht. Koschatlieder klangen. Eine große Blonde, Blauäugige saug mit tiefer Altstimme: „Bcr- lassen, verlassen, verlassen bin i!" Maria und ich aber drückten uns unter dem Tisch stumm die Hand. Dann schwieg die Musik. Es war Nacht geworden. Lampen und Lichter brannten, aber kein Tisch wurde leer. Der Tiroler, lveiß oder rot, spiegelte in den Gläsern. Süße, gewaltige Trauben aus den Lauben des Etschlandes prangten auf den Tellern, und der Geheimrat, der von alleni Bescheid wußte, schaute zuin weißen Standbilde dessen Von der Vogelweide auf und erzählte miS von ferner Minne- fängerzeit. Er sprach von den Zweifeln, ob jener Walter wirklich dort oben auf dem Vogelweidhofe geboren worden fei. Aber er schloß: — Und wäre er auch ans einem anderen deutschen Gau — er ist doch der erste jener Säuger, in dem neben der .Liebe das .Vaterlandsgefühl, die Klage über das deutsche Elend, aber auch der Jubel über die deutsche Herrlichkeit erwacht ist. Und darum gehört er uns allen! Wir hoben die Gläser gegen den steinernen Sänger über uns, der bewegungslos, weiß, marmorglitzernd dort oben stand, und der Geheimrat sprach halblaut jene wunder- baren Verse .Walters: — „Unter der Linden Auf der Heide, Wo ich mit meinem Trauten saß,. Da mögt ihr finden, Wie wir beide Blumen brachen und das Gras. Vor dem Wald mit süßem Schall, Tändaradei! , Sang im Tal die Nachtigall!" Dann, nachdem wir getrunken, standen wir auf und gingen auf den Platz hinaus. Au dem milden Abend schritten gleich uns die Fremden auf und nieder: Dazwischen einheimische Paare: dunkle Mädchen mit schwarzem Haar, junge Burschen, die brennend rote Nelke hinter dem Ohr. Sie lehnten im Schatten der Türen und Tore. Sie standen dicht au der Kirche mit ihrem mnsterfarbig gedeckten Dach. Sie saßen auf den Stufen am Walterdenkmal. Alle Mädchen barhaupt, alle Burschen ohne Rock. Ich ging, hinter den Eltern drein, stumm, Arm in Arm nut Maria. Ich kam mir nicht anders vor ivie einer der jungen Verliebten rund um uns, denn die Meine war schwarz, die Meine war jung, die Meine liebte mich — und ich sie. Der Mond, der bisher hinter einer Wolke gestanden, trat mit einem Mal hervor, und wir erblickten drüben das Wahrzeichen des Bozener Talkessels, den Rosengarten. Ein langer Rücken, eine Riesenmaner*links, von den über- kühnen, nudelgleichen Türmen von Vajvlett flankiert, erhob sich das gewaltige Dolomitriff vor unseren erstaunten Blicken. Wir blieben stehen, das Wunderschnuspiel zu betrachten. An den Graten und in den Einschnitten und Rinnen, unten auf dem Geröll, leuchtete es phantastisch weiß ivie Neuschnee oder nur vom Mondenschein. Und über uns wölbte sich der dunkle Himmel, an dem in nnaus-, gesetzt wechselndem Licht zitternd, flimmernd, die Sterne funkelten. Da preßte ich Marias Arm und deutete zum schimmernden Rosengarten. Wir sahen lange hin. Auch die Eltern blieben stehen und staunten hinüber. Ich flüsterte der Geliebten meiner Seele ins Ohr: — Maria, sind wir nicht zwei glückliche Menschen? eie nickte nur, legte leise den Kopf an meine Schulter "iw. ~ uu erhalten von Walters marmornem Bildnis erblickte es kein fremdes Auge - ich fügte meine Lippen aus die ihren, Und lvir ivaveit dankbar dem, dessen unbewegliche Gestalt Schutz 'gab Unserem Kusse, dem, der da et uff in fernen, fast verschollenen Rittertagen jene Verse gesungen,- die in unseren Herzen zitterten, die in der Menschenbrust Widerhall finden werden, so lange diese unsere Erde stiehl so laiige zlvei aneinanderhängend ihr Schicksal zusammen- tun, als wäre es nur eines: „Minne ist zweier Herzen Wonne!". * Alles ebbt, wie es geflutet, alles, was sich gebildet, vergeht ivieder. Nur mit unserer Liebe war es nicht so. Sie veränderte sich, ivie nichts in der Welt stehen bleibst, aber sie ward nicht geringer. Sie wuchs mit jedem' Tage, nur legte sie allmählich das Gewand ab', das sie zuerst getragen: Stürmischkeit und Taumel. Es wurde Besseres,- Tieferes daraus, ein ganz Sichineinanderversenken, ein völliges Aufgehen eines in dem andern. Ruhiger wurden lvir beide, doch immer lieber hatten wir uns gewonnen. Es muß wohl mit aller Liebe so sein, daß sie entweder matter wird und matter, flügelmüde sich niederläßt aus den Höhen, oder daß sie enger, bedeutsamer, tiefer wird von Tag zu Tag. Wir können nicht immer im Rausch des Gefühles überhöht, unwirklich leben, sondern wir müssen einmal zur Erde zurück. Dann erst hat die Liebe ihre Probe zu bestehen. Wir kehrten ganz zur Erde zurück, aber es tat uns' nichts. Aus keinem Traum wurden wir gerissen. Wir litten nicht unter der Ernüchterung. Gemeinsam fügten lvir uns in die Kleinlichkeiten und Peinlichkeiten des,Lebens. Ja, sie machten uns Spaß. Wir litten nicht unter dem, lvas uns an die Schwerfälligkeit der Erde gemahnte. Die Widrigkeiten des Daseins wurden lachend entgegengenommen und überwunden. Sie stellten sich uns entgegen, sobald ich wieder in den Dienst zurückkehren mußte: man setzte mich nicht in mein altes Regiment, sondern ich bekam eine Schwadron in -einem winzigen Ort, der den Ruf genoß, langweilig öde, Verkehrs- und nachbarschaftsl'os zu sein. Mein erster Gedanke war — Abschied nehmen. Ich konnte die Schwadron höchstens zwei Jahre behalten, dann lvurde ich Major und damit höchstwahrscheinlich abermals versetzt, oder ich lvurde — gar nicht Major. Das sagte ich Maria. Aber sie meinte, wenn sie mich abhalfterten, so schadete das nichts. Sie würde nicht traurig darüber sein, sich auch nicht schämen. Sie redete mir zu, ich müsse eine Beschäftigung haben, kurz, ganz den Einsamkeitsgedanken der ersten Zeit, -entgegengesetzt, war nun sie es, die für mich das Leben unter Menschen wollte. Ich weiß ivohl, warum sie es tat — nicht für sich, denn sie hatte ihre Meinung nicht geändert. Es lvar nur Besorgnis und Liebe zu mir. Die zeigte sie, als wir wirklich in dem kleinen Orte saßen vom Morgen bis zum Llbeud. (Fortsetzung folgt.) Blutrache und Banditentum. Eindrücke aus Sardinien. Von Leopold v. S ch l ö z c r. Aus einem hübschen Buche, „Unter sardinischen Hirten", das im Verlag von Georg Stilke in Berlin erschienen ist, teilen wir unseren Lesern folgende Probe mit: Im Jahre 1793 suchten sich die Franzosen Sardiniens zu' bemächtigen und bombardierten die Hauptstadt Cagliari. Da eilte das tapfere Gebirgsvolk von seinen Bergen herunt-r um die Insel zu verteidigen. Die Vendetta ruhte, mau schloß für die Zeit des Krieges eine Art Gottcsfrieden. Als auf dem Sammelplatz der Truppen in Cagliari trotzdem ein Mann von seinen Gegnern gestellt wurde, zeichuete er ein Kreuz vor sich in den Saud, und sagte: „Um der Sache willen, der lvir dienen, verzeih ich dir für1 vtzt. Wenn das Vaterland vom Feinde befreit ist, lverdc ich dir Antwort geben!" Kann mau hier kurzweg von Barbarentum eines unzivilisierten Landes reden? Oder gar von moralischer Verworfenheit? Ist denn die Blutrache 'nicht eher ein „Ausdruck tieferer Gesittung"? Spricht nicht ans ihr , verletzte Rechtsgefühl? Im starren Gegeipatz zur verachteteii Zivilisation schreitet es über alles Irdische, über Gnt und Leben rücksichtslos hinweg. , Ost ist Eifersucht die Veranlassung. Das Blut schwillt und kocht in den Adern dieses Bergvolkes. In urwüchsiger Barbarei folgt mail jedem Impuls. Ohne lleberlegniig. Zäh int Haß wie m der Liebe. Hart und grausam. Manchmal sängt's mit einem geringen -streit an. Mit einem Zank auf wilder Hutnnch Mit einem Soldo. Der Täter findet am Morgen seine Kühe mit durchschnittenen .irniekehlen — das sogenannte „Sgarcttamento" eiM Kugel liegt auf der Schwelle des HapscA. Nun ist dex 291 — Wrieg da! Det nicht eher endet, als bis di« MDrnier der einen Partei ermordet sind. Oder bis ein öffentliches Friedensfest die Wegner vereint eine Heirat vielleicht den Bund- besiegelt. * Am nächsten Tage sollten wir die alte Brigantenstraße hinauf- reile». Kam das Gespräch auf die Sicherheit, so erfolgten ausweichende Redensarten. Ein ehemaliger Karabiner, der vor mehreren Jahren dort stationiert gewesen war, zuckte die Achseln. Er erzählte, damals hätten die Räuber die Gegend unsicher gemacht, aber ohne den ritterlichen Sinn, der dem hartherzigen Reichen nimmt, um den Armeir zu geben. Ein Dorf wurde plötzlich von einer Bande überfallen, die Kärabiuierkäserue umstellt, ein Haus geplündert, jeder, der sich in den Weg stellte, niedergemacht. Die Räuber waren stets maskiert oder hatten ihre Gesichter geschwärzt. Der Karabinier rühmte aber die Organisation dieser seiner geschworenen Feinde und die Schnelligkeit, mit der sie's verstanden hätten, sich vor dem Ueberfall zu vereinigen und nachher in ihre. Verschiedenen, meist sehr entfernt gelegenen Heimatsorts znrückzngaloppieren, um jeden Verdacht von sich abzulenken. Ja, einer habe sich, zu Hause angekommen, sofort zic Bett gelegt Und deck Arzt rufeir lassen. Jetzt sei es sicherer geworden. Vor allem hätten Fremde zn wenig zu befürchten. Immerhin — 'chi lo sa! Verwegene Bnrschen — was ist denen ein Büchsenschuß! Uübrigens bekäme mau auf Verlangen zwei Karabiniers zur Begleitung, gegen zehn Lire von Station zu Station. Unser alter Kutscher brummte verdrießlich vor sich hin: „Vergangene Zeiten!" Fügte aber hinzu: „Wenn man die Aüf- tuerksamkeit nicht auf sich lenkt! Besonders aber — wenn man all’ improviso kommt! Und dann — ist's ein Bandit, ein „bravo huomine“, dä braucht’-) keine Angst zn haben! Kurz und gut, nach mancherlei Unterhaltungen hierüber blieh Man zum Schlüsse ebenso klug wie zuvor. Als wir auf unserem Saltafossa — man könnte diese Wagenart mit „Grabenhüpfer" übersetzen — int Dorf angekommen waren, wo Ivir den anderen Morgen zn Pferde steigen tvollten, lernten wir einen liebenswürdigen Karabinier-Leutnant kennen. Ungefragt erklär!« er alle Geschichten über die Unsicherheit der Gegend für Märchen. „Es war einmal!" Jetzt käme es nur daraus an, daß das Mailänder Kapital sich des Landes annähme, nm' bie moderne Zivilisation voll und ganz zu verbreiten: Piazza, Kaffee, Musik, schöne Damen . . . Indem er dies Phantasiebild entrollte, spuckte er in so elegantem Bogen durchs Zimmer, daß ich ibn um seine Kunstfertigkeit fast beneidete: ; * Wir ritten in den Morgen hinein. Vorbei an einem Doppelposten Karabiniers. ■ Zn großen Serpentinen wand sich bie Straße vom Granitplateau zu Tal. Zurück blieb die Zwingburg der Gegend, der Kerker, in Fornt eines gewaltigen Turmes gebaut. Rechts und links wellige Weideflächen, mit Riesenblöcken übersät. Vor uns die zerrissene Schlucht eines stark gekrümmten Flusses. Auf der andern, Seite wildes Gebirge. Jit der Ferne die großen Formen der Landschaft ।— waldbedeckte Wölbungen, voll spitzen Granit- klippen durchbrochen, sich türmend zum schneebedeckten Scheitel der Insel. Meines, laughörniges Hornvieh begegnete uns, Karren ziehend Mit speichenlosen, unbeweglichen Rädern, die mich an die Wagen Bosniens erinnerten. Auch dort drehen sich kreischend Rad und Achse zusammen, in einer Art von Gabel, nie mit Teer geschmiert — das antike Plaustrüm. Schon die Eimbern mögen so durch's Land gezogen sein. Auf einigen Karren lag hochanfrageudes Strauchwerk. Andere tarn eit weither, vom Süden der Insel; unter einem Plan ans Schilfgeflecht leuchteten die goldenen Früchte der Hesperidengärten von Mills. Vereinzelte Reiter tauchten auf, die Flinte quer überm Sattelknopf. Scharfgeschnittene Gesichter unter rabenschwarzem Haar. Verwegen und scheu blicken sie uns an. Dann wieder eine Patrouille der Karabiniers. Wir überschritten den träge fließenden Fluß. Der Weg teilte sich. Der unsrige wand sich steiler bergan. Die Zwingburg entschwand den Blicken. Aus baumartiger Erika starrten Granitfelsen entgegen. Es war entfallt. Die Sonne bräunte. Selten gab das dunkle Laub einer Steineiche Schatten. Um einen kürzeren Saumpfad zu reiten, bogen wir von der Straße ab. Emsig kletterten unsere kleinen Pferde, die Ohren gespitzt. Wie geschickt und sicher setzten sie die Füße zwischen den rollenden Steinen. Jetzt senkte sich der Pfad. Wir bogen tun eine Felsecke. Scharfkantiger Porphyr. Daneben groß und gelb die Blüten des Aentnaginsters. Tiefe Stille. Rur ab und zu der schrille Schrei eines Raubvogels. Plötzlich staud, wie aus der Erde gewachsen, ein famoser^Kerl vor uns. Die Doppelflinte auf der Schulter, die schwarze Mütze keck »ach vorn gerollt, ein Schaffell umgehängt, darunter die slanyurote Jacke, ' ' ' Er war allein. Ein düsterer Blicks Eitt kurzer Gruß. Wir ritten weiter. ■ ■ " • . v Er stand oben ulid sah Uns nach. Die Flinke blitzte iM Sonnenschein. * Machen Karabiniers im Gebirge Jagd auf einen Banditen und haben ihn gestellt, so rufen sie ihm zu: — Abarra! su Rei! Halt! im Namen des Königs! Beim Namen des Königs, beit' er hoch achtet, bleibt der Bandit stehen, nimmt zum Zeichen der Ehrerbietung die Sack- tnütze vom Kopf und wirft sein langes, geflochtenes Haar über die Schultern. Dann ruft er zurück: ■— Den respecto su Rei! Sa conca tua a su Rei! Ich ehre den König! Dein Haupt dem König! Tritt hinter einen Panin, schlägt an und — ein Karabinier! liegt auf der Strecke. Der Ring der Königin Elisabeth von England. So manche Jungfrau hat einst bei der traurigen Geschichte Tränen vergossen, die davon zu berichten wußte, wie ein schlichter Ning, der berühmte Reif der Königin Elisabeth, zwei liebende Herzen ins Unglück trieb und zwei Menschen ihr Leben verlieren ließ. Die Königin hatte dem Grafen Essex das Kleinod in glücklicher Stunde an den Finger gestreift und seine Rückgabe hätte das tragische Ende des Grafen Essex vermieden und auch Elisabeth länger leben lassen. Mehr als drei Jahrhunderte lang hat sich dieses von dem Schimmer der Romantik umstrahlte Kleinod als ein kostbarer Besitz von einem englischen Geschlecht zum andern fortgeerbt, bis jetzt die rauhe Wirklichkeit seinen Frieden stört. Am 19. Mai wird das Schlußkapitel von dem Ringe der Königin Elisabeth enden, den Schauplatz wird der Versteigerungssaal bei Christie bilden, und wer den größten Beutel hat, mag die legendcnnmwobene Reliquie Heimtragen. Der berühmte Reif ist aus Gold und mit schwarzen Blätterornamenten geziert, die sich von einem blau-emaillierten Grunde abheben. Den eigentlichen Stein bildet eine alte Kamee mit der Seitenansicht der Königin. Der Steinschneider, der das kleine Meisterwerk ausgeführt hat, ist nach Stil und Arbeitsweise derselbe unbekannte Italiener, der das berühmte Porträt Heinrichs VIII. geschnitten hat, das heute ein Schmuck der königlichen Sammlungen von Windsor bildet. Sir Dudley Carleton, der spätere Lord Dorchester, hat die rührende Geschichte dieses Kleinods der Liebe dem Prinzen Moritz erzählt, als er noch englischer Botschafter in Holland war. „Auf der Höhe ihres Liebesglückes gab die Königin Elisabeth dem Grafen Essex einen Ring, auf daß er ihn hüten möge, und sie sagte dabei, daß, was immer er auch tun möge, sie würde ihm verzeihen, wenn er ihr dies güldene Pfand zurückgäbe. Es nahte die Zeit, da die Feinde und Widersacher des Grafen bei der Königin Ohr fanden und ihn verdächtigten. Sie aber war zornig auf den Geliebten, weil er ihre entschwindende Schönheit gering zu schätzen schien." (Mau hatte ihr zugeslüstert, daß der Graf die Aeußerung getan habe: „Ihre Seele ist so mißgestaltet wie ihr Körper.") „Als er dann zum Tode verurteilt war, erwartete sic den Reif von ihm zurückzuempfangen, und sie wollte ihm verzeihen, wie sie ihm einst gelobt hatte. Der Graf wandte sich in seiner höchsten Rot an die Gattin des Admirals Howard, die Gräfin von Nottingham, die er kannte. Seine Bitte war, durch eine zuverlässige Person den Ring der Königin persönlich übergeben zu lassen. Aber der Gatte der Gräfin, der einer der größten Feinde von Essex war, machte seiner Frau, die ihm unklug die Bitte des Gefangenen verraten hatte, die Uebergabe des Ringes unmöglich. Tie Königin ober setzte ihren Namenszug unter das Todesurteil, denn sie war empört über den Hochmut und den Stolz eines Mannes, der lieber sterben zu wollen schien als ihre Gnade anzurufen. Einige Zeit später erkrankte die Gattin des Admirals, und als sie von ihren Aerzten aufgegcben ward, bat sie die Königin, ans Sterbebett zu kommen, denn sie habe ihr ein wichtiges Geheimnis anzuvertrauen. Die Königin kam, die Diener mußten den Raum verlassen, und dann gab die Gräfin — zu spät — der Königin den Ring des Grafen Essex. Sie gestand, daß ihr — 292 — Mann sie verhindert habe, die Bitte des Gefangenen zu erfüllen. Die Königin wurde von einer leidenschaftlichen Wut erfaßt. Sie schüttelte die sterbende Gräfin und schrie ihr zu, daß Gott ihr vielleicht verzeihen würde, sie aber, Elisabeth, niemals. Gebrochen eilte die Herrscherin dann aus dem Zimmer, Schmerz und Leid drückten sie nieder, sie machte vierzehn Tage lang, nahm keine Nahrung zu sich, lag den Tag über mit weit offenen Augen voll angekleidet im Bett, und irrte in den Nächten im Gemach umher. Dann aber starb sie an Hunger und Grain darüber, daß sie in die Hinrichtung des Geliebten cingewilligt hatte, der voll Vertrauen ihre Gnade anrief." Die Geschichte ist von manchen Historikern bekämpft und von anderen bestätigt worden. Ein zeitgenössischer Brief von London an den schottischen Hof berichtet von jenen letzten Lebenstagen Elisabeths: „Unsere Königin wird von der Gicht im Arme geplagt und von der Neue, den Tod des Grafen Essex zugelassen zu haben. Sie schläft nicht mehr so viel wie früher und ruht auch nicht in der Nacht. Ihre Freude ist es, int Dunkel zu sitzen und dann unter bitteren Tränen Essex zu beweinen." Der Ring ging seinerzeit in den Besitz der Tochter des Grafen Essex über und vererbte sich dann im Laufe der Jahrhunderte bis auf den kürzlich verstorbenen Lord John Thynne, aus dessen Nachlaß das historische Kleinod nun den Weg ins Versteigerungslokal nehmen wird. Vermischtes. * Hessische Walpurgisnacht-Bräuche. Aus Kassel wird der „Voss. Ztg." unter dem 30. April geschrieben: In Kurhessen, namentlich aber in der Gegend von Homberg, hat sich ein eigenartiger Brauch in der Walpurgisnacht (Nacht zum 1. Mai) noch heute vielfach erhalten. Mit Peitschengeknall ziehen nachts die Burschen durch die Ortschaften, um die Hexen zn vertreiben. Dann trennt sich einer der Burschen von den übrigen, begibt sich auf eine vor dem Dorfe gelegene Anhöhe oder besteigt, in Ermangelung einer solchen, einen Baum und ruft von oben herunter das sogenannte „Lehen" aus: „Hier steh' ich auf der Höhe Und rufe aus das Lehen! Daß cs die Herrn recht wohl verstehn, Wem soll das (Mädchen) sein?" Ein Bursche und ein Mädchen werden mit Namen genannt, und man kann sicher darauf rechnen, daß in den meisten Fällen später aus den beiden ein Paar wird. Das heute frei geübte „Lehen" geht auf eine mittelalterliche Zwangsformel zurück, die oft mit großer Härte angewendet worden ist und den Mädchen arge Herzensnot bereitete. In dem Städtchen Zierenberg bestand bis zum Jahre 1489 die eigentümliche Berechtigung der Herren, junge Mädchen nach Belieben mit Männern der fürstlichen Gunst zu verehelichen, unbekümmert um den Willen der Mädchen. Diese Berechtigung wurde nicht selten auch von Kaisern ausgeübt und drückte neben Zierenberg auch noch andere hessische Städte. Der Fürst sandte seinen Marschall vor das Haus der Erwählten und ließ sie als Lehen mit dem oder jenem Manne aufbieten, wobei der Marschall sich folgender Formel bediente: „Höret, ihren Herrn überall, Was gebietet der Kaiser und Marschall. Was er gebeut, und das muß sein: Hier ruf ich ans N. N. mit N. N., Heut' zu Lehen, morgen zur Ehen, lieber ein Jahr zu einem Paar." Erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts sind die Töchter von Zierenberg vor dieser Machtbefugnis der Herren sicher, und nur die obenerwähnte Volkssitte des „Lehens" erinnert noch tm jene alte Einrichtung. — Ein anderer Brauch in der Walpurgisnacht zeigt, daß in Hessen der mittelalter» liche Glaube an Hexen noch nicht überall geschwunden ist. Wer etwa als Tourist am Abend vor Walpurgis aus dem schönen hessischen Bergland zurückkehrend durch die Ortschaften kommt, der findet noch manche Türen von Wohnungen und Stallungen mit drei Kreuzen versehen, die abergläubische Bewohner zum Schutz vor Hexerei angemalt haben. * M als ch ulpr a x is. Bankier (der für seine Tochter ein außergewöhnlich hohes Honorar bezahlt): „Fortschritte in der Malerei sind immer noch gleich Null! Woran liegt das? Hat sie kein Talent?" Professor (der sich die einträgliche Schülerin gern erhalten mochte): „O, Talent in Hülle und Fülle, Herr Kommerzienrat! Aber die Malerei muß erst empfunden undj innerlich verarbeitet werden, ehe sie vom Kopf durch den Arms auf die Leinwand projiziert wird, und Ihr Fräulein Tochter hat eben leider .... sehr lange Arme!" * In den Flitterwochen. Bekannter (zum lungert Ehepaar): „Eine großartige Idee von Ihnen, die Hochzeits-i reise auf dem Ozean zu machen! .... Haben Sie auch die! Seekrankheit gehabt?" Junge Frau: „O, natürlich . . . . 6ribe| zu gleicher Zeit! (zärtlich zn ihrem Gatten) Nicht wahr, Felix,' es war herrlich!?" , , r * Selbsterkenntnis. „Aber, Bemmchen, da haben Sch sich ja wieder einmal verrechnet!" — „Ja, wissen Se, Herr Prinzipal, im Rechnen bin ich Sie nämlich ä Luder, aber. — ä dummes." __________ Viichertrsch. — — Au8 meinem 3)1 erfbild) von Karl Schönherr, Verlag von L. Staackrnaim in Leipzig. Karl wchönherr hat mit seinem packenden Drama „Glaube und HM mal", ba3. im G. A. mehrfach besprochen wurde, einen Erfolg errungen, wie er nur wenigen Dichtern vor ihm beschieden gewesen ist. Mit haltlosen Verdächtigungen, die jeder tatsächlichen Grundlage entbehrten, hat man ihn des Plagiats beschuldigt und er hat kühn und mannhaft darauf geantwortet, als ein ganzer Mann und ein ganzer Menfch. Gerad, stark, ehrlick), kantig — so steht er and) in seinem neuesten Werk, den Skizzen aus seinem Merkbuch vor uns, mit der warmen, verstehenden Liebe zu allem was Leben hat und Odem. Ob er uns von dem kleinen Schulmädchen erzählt, das im kindischen Spiel ein lebendiges Zeugnis für die Unarten seiner Lehrerin ist, ob von feinem alten, seelenguten Bergpf a r r e r l, oder dem greifen Hirt, ob von dem tragischen Tod des treuen Schnauzt ober der lustigen Geschichte des Ehrenpostens oder der e r st e n B e i ch t, in jeder Zeile spürt man das warme, feinfühlige Herz des Dichters, über dem ein gütiges Auge lächelt. Den größten Eindruck haben mir die Tiroler Bauern in ihrem Kampf auf dem Isenberg gemacht, einer Skizze voll verhaltener, blutvoller Kraft, die er meisterlich entwickelt hat; daun das kurze, wehe Erlebnis, als der Vater starb, die treffliche, in ihrer Schliehtheit überwältigende Geschichte Die Mütter. Für Schönherrs prächtigen Humor zeugen Die Reinigung, Die Hoffnung der Mutter, Die Be- gegnuug mit dem DichterAdolfPichler, die famose Geschichte von den Raufern und die bereits genannte erste B e i ch t. N- Schachaufgabe. b ä 1 Schwarz. 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 g h Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nädjfter Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer1 Großer Menschen Werke zu seh'n, Schlägt einen nieder, Doch erhebt es and) wieder, Daß so etwas durch 3)lenfd)en gescheh'». Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»