Sonnerstag den 9. November I M Die weiße Frau. Roman von SB. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mylady werden mir verzeihen, daß ich mir die Freiheit, nehme, bemerkte ich zum Schlüsse, aber es steht geschrieben: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Des Grafen unausgesetzte Güte und Aufmerksamkeit gleich vom 'Anfänge von Miß'Halcombes Krankheit an verdienen wirklich unser ganzes Zutrauen und die größte Achtung Selbst Sr. Gnaden ernstliche Entzweiung mit Mr. Dawson war ganz und gar seiner Sorge um Miß Halcombe zuzuschreiben. Welche Entzweiung? frug Mylady mit einem plötzlichen Ausdrucke des Interesses. Ich teilte ihr die unglücklichen Umstände mit, unter welchen Mr. Dawson sich zurückgezogen hatte. Mylady stand heftig und allem Anscheine nach durch das, was ich ihr erzählt, doppelt aufgeregt und beunruhigt auf. Dies ist schlimut! schlimmer noch, als ich gedacht hatte! sagte sie in höchster Bestürzung. Der Graf Wußte, daß Mr. Dawson nimmermehr in Mariannes Reise willigen würde, und beleidigte ihn absichtlich, um ihn aus dem Hause zu schaffen. O Mylady! Mylady! sagte ich in vorstellendem Tone. Kein Wort mehr, entgegnete Mylady mit Nachdruck. Ich bin entschlossen, morgen nacht nicht unter,Graf Foscos Dache zu schlafen. Die liebste Freundin, die ich, nächst Weiner Schwester, in der W-elt besitze, wohnt nahe bei London. Sie haben mich und Miß Halcombe doch von Mrs. Vesey sprechen hören? Ich werde an sie schreiben und ihr sagen, daß ich die Nacht in ihrem Hause zubringen will. Alles, worum ich Sie bitte, ist, daß Sie Sorge tragen, daß wein Bries an Mrs. Vesey ebenso sicher heute abend nach London abgeht, wie Sir Percivals -Brief an Graf Fosco. Ich habe Grund, mich nicht auf die Posttasche zu verlassen. Wolken Sie mein Geheimnis bewahren und mir hierin helfen? Es wird vielleicht die letzte Gefälligkeit sein, um die ich Sie je ersuchen werde. — Sie schrieb den Brief und übergab ihn mir. Abends trug ich ihre selbst ins Dorf und tat ihn in den Brief- kasten. Wir hatten während- des ganzen übrigen Tages Sir Percival nicht wieder zu Gesicht bekommen. 'Am folgenden Tage kam er nach dem Frühstück zu uns herauf und benachrichtigte uns, daß der Wagen nun ein Viertel vor zwölf Uhr vor der Türe sein werde i— der Zug, mit dem nur nach London gehen wollten, hielt zwanzig Minuten nach zwölf bei unserer Station an. Gr sagte, er sei genötigt, auszugehen, fügte aber hinzu, daß er vor ihrer Abreise zurückzusein hoffe. Sie sprach erst, als er geendet, und hielt ihn, dann zurück, als er aus der Tür gehen wollte, indem sie ihm die Hand hinreichte. Ich werde dich nicht mehr sehen, sagte sie sehr deutlich; hier scheiden wir — vielleicht auf immer. Willst du versuchen, mir zu vergeben, Percival, so von Herzen, wie ich dir vergebe? Es zog sich eine furchtbare Blässe über sein Gesicht, und große Schweißperlen standen ihm auf der kahlen Stirn. Ich werde zurückkommen, sagte er und eilte nach der Tür, als ob die Worte seiner Frau ihn hinausgejagt hätten. Zur bestiinmten Zeit fuhr der Wagen vor. Mylady hatte recht: Sir Percival kam nicht zurück. Wir warteten bis zum letzten Augenblicke auf ihn — aber vergebens. Wir kamen kaum zwei Minuten Vor Mgang des Zuges auf der Station an. Der Gärtner, welcher uns gefahren hatte, sah nach dem Gepäcke, während ich Myladys Fahrkarte besorgte. Es wurde bereits zur Abfahrt gepfiffen, als ich zu Mylady auf den Bahnsteig zurückkehrte. Sie sah sehr seltsam aus und preßte plötzlich die Hand aufs Herz, wie wenn sie ein heftiger Schmerz oder Schreck durchfahren hätte. O, kämen Sie doch mit mir! sagte sie, als ich ihr die Fahrkarte überbrachte. So gestaltete sich der Abschied sehr traurig. — Nachmittags gegen fünf Uhr — Sir Percival war noch nicht zurückgekehrt — ging ich noch ganz erschüttert in die Parkanlagen hinaus spazieren. Als ich um die Ecke des Hauses bog und den Garten sehen konnte, war ich überrascht, eine fremde Person dort lustwandeln zu sehen. Es war eine Frau, die langsam, den Rücken mir zugewendet, dem Pfade entlang ging und Blumen pflückte. Als ich näher herankam, hörte sie mich und wandte sich um. Mein Blut erstarrte mir in meinen Adern. Die fremde Person im Garten war Mrs. Rubelle. Ich konnte mich weder rühren noch sprechen. Sie trat so gelassen, wie immer, mit den Blumen in der Hand zu mir heran. Was gibt es, Madame? frug sie ganz ruhig. Sie hier? sagte ich mühsam. Nicht in London? Nicht in -Cumberland? — Mrs. Rubelle atmete mit einem Lächeln maliziösen Mitleids den Duft ihrer Blumen ein. Gewiß nicht, sagte sie. Ich habe Blackwater Park keinen Augenblick verlassen. — Ich sammelte Mut und Atem zu einer zweiten Frage. Wo ist Miß Halcombe? — Mrs. Rubelle lachte mir diesmal gerade ins Gesicht und antwortete: 702 Miß Halcombe, Madame, hat Blackwater Park ebenfalls nicht verlassen. Welches Entsetzen mich da durchzuckte! In diesen! Augenblicke kam Sir Percival des Wegs geritten. Voller Hohn ließ er mich durchs Mrs. Rubelle zu dem unbewohnten Zentrum des Hauses führen, wo Miß Halcombe wirklich untergebracht worden war. Als ich ins Zimmer trat, fand ich, daß Miß Halconibe schlief. Ich betrachtete sie mit Besorgnis, während sie tn dem finstern, hohen, altmodischen Wette dalag. Jedenfalls hatte sich ihr Zustand, dem Aussehen nach zn urteilen, nicht verschlimmert, seit ich sie zuletzt gesehen, und ich muß zugeben, daß, soviel ich sehen konnte, man sie nrcht vernachlässigt hatte. Das Zimmer war traurig, staub-.g und finster; aber das Fenster (welches auf den einsamen Hof an der Hinterseite des Hauses hinausging) war geöffnet, um die frische Luft einzulassen, und alles, was geschehen konnte, um die Stube wohnlich zu machen, war getan worden. Die ganze Grausamkeit des tiört Sir Percival ausgeübten Betruges war auf die arme Lady Gliche gefallen. Das einzige, worin er oder Mrs. Rubelle Miß Halcombe schlecht behandelt, war, soviel ich bemerken konnte, der Umstand, daß sie sie versteckt hatten. Mrs. Rubelle reiste eine halbe Stunde später ab. Sir Percival hörte ich in der Nacht draußen toben. Da ich mich bemühte, den Skandal vor der Rekonvaleszentin zu verbergen, erfuhr ich erst am nächsten Morgen den wahren Hergang und die Ursache des Lärmes. Er hätte anspannen lassen, sei dann auf den Wagen gesprungen und, indem er das Pferd zum Galopp gepeitscht, sei cm Mondenlichte mit kreideweißem Gesichte davongefahren. Der Gärtner hatte dann gehört, wie er dem Parttorhüter zugeschrien und auf ihn geflucht hatte, weil er nicht schnell genug herausgekommen, um das Tor zu öffnen, und dann, wie die Räder im rasenden Laufe wieder weiter gerollt — worauf alles still geworden — und weiter wußte er nichts. Am folgenden Tage, oder vielleicht ein paar Tage päter sich weiß es nicht mehr genau), hatte der Stall- necht aus dem alten Wirtshause zu Knowlesbury — un- erer nächsten Stadt — den Wagen wieder zurückgebracht. Sir Percival hatte dort angehalten und war später mit dem Bahnzuge Wetter gereist — wohin, konnte der Mann uns nicht sagen. Ich erhielt nie weder durch ihn selbst, noch sonst irgend jemanden fernere Nachrichten über Sir Percival Glhde, und ich weiß nicht, ob er in diesem Augenblicke in England ist oder nicht. Er und ich sind einander nicht mehr begegnet seit jener Nacht, wo er wie ein ans- brecheuder Uebeltäter ans seinem eigenen Hause entfloh, und es ilt mein inbrünstiges Gebet und meine ernstliche Hoffnung,' daß wir einander auch nie wieder begegnen mögen. Miß Halcombe erholte sich nur sehr langsam von der unbegreiflichen Kunde der weiteren Vorgänge, die der wieder herbeigerufene Doktor Dawson und ich in der Folge ihr so schonend als möglich beibrachten. Ich verließ sie erst, als sie völlig wiederhergestellt war. Mit anderen Worten: der Zug, mit dem ich jenes unglückselige Hans verließ, war derselbe, der auch sie fortführte. Wir trennten uns mit sehr traurigen Gefühlen in London. Ich ging zu einer Verwandten in Islington, und Miß Halcombe reiste nach Cumberland zu Mr. Fairlie. Ich habe nur noch wenige Zeilen hinzuzufügen, ehe ich diese schmerzliche Aussage beende. Ich werde zu denselben durch ein Gefühl der Pslicht bestimmt. Ich wünsche hiermit meine eigene feste Uebcrzeugung auszusprechen, daß in den soeben von mrr mitgeteilten Ereignissen durchaus keiu Tadel irgend einer Art auf den Grafen Fosco fällt. Man sagt mir, daß ein furchtbarer Verdacht gehegt und über Sr. Gnaden Betragen sehr ernste Betrachtungen angestellt werden. Doch bleibt mein Glaube an des Grafen Unschuld völlig unerschüttert. Falls er sich mit Sir Percival vereinigte, um mich nach Torquay zu schicken, so tat er dies in einem Jrrtume, für den er als Ausländer und Fremder nicht getadelt werden kann. Falls er dazu beitrug, daß Mrs. Rubelle nach Blackwater Park kam, so war es sein Unglück und nicht seine Schuld, wenn diese Ausländerin schlecht genug war, sich an einem Betrüge zu beteiligen, den .der Herr des Hauses erdachte und ausführie. Ich protestiere im Interesse der Moralität dagegen, daß leichtseriigerweise und unverdientermaßen das Verhalten des Grafen Fosco in Frage gezogen werde. Zweitens wünsche ich, mein aufrichtiges Bedauern darüber auszusprechen, daß ich nicht imstande bin, mich genau das Datums zu erinnern, an welchem Lady Glyde Blackwater Park verließ, um nach London zu reisen. Ich höre, daß die genaue Angabe des Tages, an welchem diese beklagenswerte Reise unternommen wurde, von der größten Wichtigkeit ist, und habe mein Gedächtnis deshalb auf das gewissenhafteste angestrengt; aber leider war meine Bemühung eine vergebliche. Ich kann mich nur noch entsinnen, daß es gegen Ende Juli war. * Andere Aussagen. I. Aussage der Hefter Pinhorn, Köchin im1 Dienste des Grafen Fosco. Während dieses letzten Sommers war ich zufälligere weise (und ganz ohne meine Schuld) einige Zeit ohne Stelle; dann hörte ich, daß man in Nurnrnero 5, Forest Road, St. Johns Wood, eine Köchin suche. Ich nahm die Stelle auf den Versuch an. Der Name meines Herrn war Fosco. Meine gnädige Frau war eine Engländerin. Er war ein Graf und sie eine Gräfin. Als ich hinkam, hatten sie ein Mädchen, das die Stubenarbeit tat. Sie war nicht besonders reinlich oder ordentlich, aber sonst war weiter nichts Böses an ihr. Ich und sie waren die einzige Dienerschaft im Hause. Ich war noch nicht lange in meiner neuen Stelle gewesen, als das Stubenmädchen zu mir in die Küche kam und mir sagte, es werde Besuch vom Lande erwartet. Dies war die Nichte meiner gnädigen Frau, und es wurde das Schlafzimmer iu der ersten Etage für sie heracrichtet. Meine gnädige Frau sagte mir, daß Lady Glyde (so hieß ihre Nichte) eine schwache Gesundheit habe, und daß ich mich im Kochen darnach einrichten möge. Sie sollte am folgenden Tage eintreffen oder vielleicht den Tag darauf oder auch noch später. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß es unnütz ist, mich nach einem Datum oder dergleichen zu fragen. Alles, was ich weiß, ist, daß es allerdings nicht lauge währte, bis Lady Glyde ankam; und ztoar verursachte sie uns gleich bei ihrer Ankunft einen schönen Schrecken! Ich weiß nicht, auf welche Art der Herr sie ins Haus brachte, da ich gerade beschäftigt war. Aber mich dünkt, es war nachmittags, daß sie ankamen, und das Stubenmädchen öffnete, ihnen die Haustür und führte sie in die Wohnstube. Ehe sie noch lange wieder unten bei mir in der Küche gewesen, hörten wir oben einen Spektakel und ein Wesen und ein tolles Mügeln und die Stimme meiner gnädigen Frau, die um |c fcEjTtc. Wir rannten beide hinauf, und da sahen wir die Dame auf dem Sofa liegen, mit totbleichem Gesichte und geballten Händen und den Kopf auf eine Seite herunter hängende Sie hatte einen plötzlichen Schrecken gehabt, sagte meine gnädige Frau, und der Herr sagte, es seien Zufälle uni» Konfusionen. Ich lief hinaus, da uh die Nachbarschaft etwas besser kannte, als die anderen, um den nächsten Doktor zu Hilfe zu rufen. Der nächste Doktor war Goodricke und Garth, die zusammen praktizierten, und, wie ich gehört habe, im ganzen St. Johns Wood einen guten Rus und eine gute Kundschaft haben. Mr. Goodricke war zu Hause und kam gleich mit mir. Es währte eine Weile, bis er sich ihr nützlich machen konnte. Die arme, unglückliche Dame fiel immer aus einer Ohnmacht in die andere, daß sie ganz erschöpft und so machtlos war, wie ein neugeborenes Mud. Dann legten wir sie ins Bett. Mr. Goodricke sagte nach der Untersuchung: Dies ist ein sehr schlimmer Fall, sagte er, ich empfehle Ihnen, sogleich an Lady Glydes Angehörige zu schreiben. Da sagt meine gnädige Frau zn ihm: Ist es ein Herzleiden? und er antwortete: Ja, und von der gefährlichsten Art. Er fürchte, weder er noch sonst ein Doktor werde imstande sein, ihr zu helfen. Fortsetzung folgt.) Unsere neuen Landsleute. Völkerskizzen aus den neuen deutschen Kolonialgebieten. Von H. Singer. Der Zuivächs an Menschen, den die Kolonie Kamerun durch die französischen Gebietsabtretungen erhält, ist im Vergleich zum räumlichen Umfang dieser Abtretungen auch für airi- kanische Verhältnisse nicht gerade groß; er mag mit einer 703 Ein Besuch Ludwig Grimms bei Goethe. Aus dem jedem Deutschen teure» Kreise der Brüder Grimm, deren Wiedererweckung des nationalen Bolkstums in Sprache und Sille ein unverlierbares Gut unserer Kultur geworden ist, wird uns jetzt ein neues ivertvolles Dokument dargedracht. Es sino die Erinnerungen des jüngeren Bruders von Jakob und Wilhelm, des bekannten Malers und Radierers Ludwig Emil G r i m m, die Adoli Stoll im Verlag von Hesse & Becker veröffentlicht. Der schlichte, tiefsinnige Sinn für alles Rechte und Große, daneben auch jene den älteren Brüdern zugesprochene „Andacht zum Unbedeutenden", ivallen und weben in dieser Schilderung eines Künstlerlebens, das mit einer warmherzigen Beschreibung aller Wunder der Kinderzeit anhebt, die Wirren der Lehrjahre vorüberziehen läßt, Ivnnnende Bilder aus dein Feldzug nach Frankreich in den Be- ireiungskrieqen entwirit, aussührlich bei der Jtalienreise verweilt und nach manch sarbenprächtiqen Gemälden, wie vom Düreriest in Nürnberg und anmutigen Idyllen in Anstellung und Heirat ausllingt. . „ „ „ . . Wie in last jedem Knnstlerleben jener großen Zeit, da der Weimarer Olympier als der anerkannte Herrscher im Reich dev Kunst ivaltele, bildet auch in dieser Lausbahn ein Besuch bei Goethe einen ivichligelt imd bedeutungsvolle» Höbevunkt. Dlirch feine Brüder imb durch deren Freunde, die Brentanos und Savignijs, war Ludwig schon früh in die Sphären Goelheschen Geistes hinein- gezogen worben; persönlich trat er beui gronen 2)!ann zum ersten Mal gegenüber, als er im September 1815 mit Wilhelm im Brentanoschen Haus in der Sandgasse zu Frankiurt weilte. Der Dichter hielt sich damals aus seil,er zweiten Rheinreise in seiner Vaterstadt aui und verkehrte viel bei Franz Brentano, dem Stieibrnder von Betline und Clemens, der damals das Haupt der Faiuilie war. Eines Morgens sagte Wilhelm zu Ludwig: „Heute mittag ko,innen Goethe und Savigny zu Tisch, da sichst du sie.' Ich war sehr begierig aus Goethe, bei, ich noch nie gesehen hatte. Bei Tisch hatte er den obersten Platz zwischen zwei Damen. in den Busch, wo man ihnen in der Nähe des Torfes eine halb- kreisförmige Hütte mit einem Zaun und getrennten Wohnräumew erbaut hat. Hier vollendet sich die Erziehung durch die Unterweisung angesehener Männer in Tanz, Kriegskunst und dergleichen, wobei es sehr strenge zugeht. Nach einer gewissen Zeit ist auch dieser Erziehungsabschnitt beendet, die jungen Leute suchen ihr Dorf auf und gelten nun als richtige Männer. Sie heiraten auch gleich, denn sie finden dank ihrer körperlichen Vorzüge sehr bald ein Weib. 'Ter Vater, dessen Sohn die Labierziehung durchmachen soll, pflanzt vor seiner Hütte einen schnell wachsenden Baum von bestimmter Höhe ein und sagt zu dem Knaben: „Wenn dieser Baum so dick ist, wie dein Arm, daun wirst du kein Labi mehr sein/ sondern ein Mann, aus den lvir uns alle verlassen können." Die Baja scheinen aber die von den Labis erwarteten Vorteile selten zu haben, denn sie stehen trotz ihrer Prüfungen körperlich und geistig wenig über dem Durchschnitt der anderen. Der Gebietszuwachs an der Südgrenze von Kamerun umfaßt eine Anzahl von Stämmen der Paugwe oder Fang, wie sie auch im bisherigen Süden der Kolonie anzutreffen waren. (Hier gehört zu ihnen der stets unbotmäßige, schlver zu behandelnde Stamm der Jaunde.) Einen politischen Zusammenhang haben die Fang nicht: die politische Einheit ist das Dorf, des Dorfhäuptlings Macht reicht selten darüber hinaus. Auch für die Fang ist aus eine Einwanderung aus dem fernen Osten zu schließen. Bemerkenswert ist, daß es unter ihnen keinen Adel, keine Standes- unterschiede und keine Sklaven gibt — Verhältnisse, die in Afrika sehr selten sind. Tie verläßlichsten Nachrichten über die Fang verdanken wir dem deutschen Forscher Teßmaun, der sich wiederholt lange unter ihnen aufgehalten hat. Noch auf ziemlich hoher Stufe steht die Eisentechnik, wovon die zahlreichen Schmiedevorrichtungen in den Versammlungshäusern, die Schwerter, Messer, Halsringe usw. Zeugnis ablegen. Das Schmelzverfahren ist eine feierliche religiöse Handlung, sie steht im Zeichen des Feuerkults. Ta aber allerhand Verbote und Aberglauben das Gedeihen dieses Gewerbes hindern, so verfällt es, und die R aseneis en st eiu-Gr ubert wachsen zu. Interessant sind die religiösen Anschauungen. Die Fang glauben alle an einen Schöpfer, Nsambe .zu dem die Seelen der Verstorbenen nach einem Zwischenaufenthalt in der Unterwelt! zurückkehren, aber nicht zu einem ewigen, sondern nur zu einem zweiten zeitlichen, wenn auch schöneren und längeren Leben. Außerdem finden sich bei den Fang in großem Maße Naturkulte, durch die sie vor allem Sonne und Mond, aber auch Tiere feiern. Tie Fang sind sehr raffinierte Giftmischer. Will man jemand vergiften, so tut man ihm nicht ein einfaches Pflanzengift ins Essen, sondern holt sich ein besonderes Gift vom Zauberer. Dieser stellt es aus den sonderbarsten Bestandteilen her. 'Dazu! hat er sich einen ganzen Anzug mit Äermeln aus Rrndenzeug, einen „LaboratoriumsNtte!", zusammengenäht, und die freien Stellen an Gesicht und Händen mit einem Pflanzensast eingerieben, damit ihm die umherspritzenden Giftteilchen nicht schaden. Das Gift wird daun von Hunden probiert, in Hörnchen getan und für schweres Geld an die Kunden verkauft. Anscheinend verstehen es diese Zaitberer auch, die dort weit verbreitete Lepra in ihren Anfangsstadien zu heilen. Million Seel en noch dher zü hoch als zu niedrig eingeschätzt sein. Tie meisten Stämme huldigen der Menschenfresserei, die ja im äquatorialen Afrika viel weiter verbreitet ist, als man früher angenommen hat. Nicht kannibalisch scheint nur die Bewohnerschaft des äußersten Nordens zu sein. Hier, in dem uns abgetretenen Winkel östlich von Garua, im Tal des Mac-Kebbi und der Tuburi- feen, sitzt allein eine dicht zu nennende Bevölkerung: die Mundang, ein kräftiger und räuberischer Stamm, aus dem aber bei zweckmäßiger Behandlung wohl etwas Gutes zu machen wäre. Um die durch Mauern und Türme befestigten Stabte dehnen sich Vororte aus, so daß Siedelungen von 10 000 Menschen und mehr entstanden sind. Die einzelnen Gehöfte sind so gebaut, daß sie nachhaltig verteidigt werden können. Hauptsitz der Mun- dang ist Ser e. Sie treiben eine umfangreiche Vieh- und Pferdezucht und bauen Mais und Reis in Mengen an. Die Religion der Mundang scheint ein Mondkultus zu sein. Bei jedem Erscheinen des nächtlichen Gestirns schlachtet man im Dorfe ein Rind, um sich den Mond günstig zu stimmen. Bei Mondfinsternissen herrscht der auch von anderwärts bekannte Glaube, ein wildes Tier wolle die Göttin fressen, und um es zu verscheuchen, schlagen die Ortszauberer die Trommeln und wirft sich das Volk schreiend nieder. Natürlich Hilst das stets. Es äußert sich hier indessen schon der Einfluß des Js.anis der benachbarleu Fu besusta- nate Borna und Adamaua; die Mundangfürsten wollen hinter ihren zivilisierteren Fulbekollegen nicht zurückgehen, umgeben sich mit einem ähnlichen Hofstaat und werden selber Mohammedaner. Ein interessanter Stamm, der weiter südlich außerhalb der alten Kamerungrenze in vielen Unterabteilungen eine weile Verbreitung hat, sind die Baja, die nach neueren Beobachtungen gleichen Ursprungs sein wollen, wie die bekannten Niam-Niam des oberen Nilgebiets. Wie diese, so huldigen auch sie der Menschenfresserei. lieber die eigentliche Ursache dieser Sille bei den Baja und ihren Nachbarn ist der französische Reisende Lenfant zu einem neuen Ergebnis gekommen. Die Schwarzen sagten ihm dort, sie töteten Menschen, um sich den „schlechten Geschmack" aus dem Munde zu vertreiben, d. h. um gesalzene Nahrung zu gewinnen. Das Bedürfnis nach Fleischnahrung in einem Gebiet, wo die Tsetsefliege die Viehzucht unmöglich mache und wo das Salz durch Pflanzenasche nur einen rnange.haf.en Ersatz finde, müsse Menschenfresserei zur notwendigen Folge haben. Das Fleisch des Europäers werde dem Fleisch der Schwarzen vorgezogen, denn ersteres sei salziger, schmecke also besser. Die deutsche Verwaltung wird nun also wohl den Versuch machen, durch Heranschaffen von Schlachtvieh aus den vorhin erwähnten nördlicheren Gegenden die südlichen Stämme von ihren kanni- balischen Neigungen zu befreien. Lenfant hatte das auch schon seinen Landsleuten empfohlen. Die Baja verbindet mit einer Anzahl anderer Stämme eine Art von Esperanto, die Labisprache, die überall, wenn auch nicht von sämtlichen Eingeborenen, so doch von einem gewissen Teil unter ihnen verstanden wird. Mit dieser Sprache hängen die Knaben- und Jünglingsweihen zusammen, die unter diesen Stämmen üblich sind. Wir haben darüber einige Beobachtungen von dem schon genannten Kommandanten Lenfant. Die Labisprache ist die Umgangssprache der Knaben, die ihre geistige und körperliche Ausbildung und Abhärtung durch bestimmte Lehrer erhalten; von diesen werden sie mit jener Geheimsprache bekannt gemacht und angewiesen, sich während ihrer Borbereitungszeit niemals ihrer Muttersprackje zu bedienen. Die Labierziehung wird nur solchen Knaben zuteil, die schon zu einem gewissen Maß von Hojfnung berechtigen. Denn der Zweck ist, Männer heranzubiiden, die spä.er durch ihre körperliche SW, Tapferkeit, Gewandth it und Klugheit der Gesamth.it nützen sollen. Die dazu ausgewählten Knaben vereinigen sich zu Gruppen, die von den Lehrern geführt werden; sie leben im Busch und müssen sich znm größten Teil auch selbst ernähren. Der junge Labi- zögling lernt jagen, fischen, die Tiere des Waldes überlisten, trotzt der Gefahr und soll dadurch mutig und gewandt werden. Gleichzeitig stählt er Körper und Geist durch Nachtwachen und Anstrengungen, vornehmlich in langen nächtlichen Tänzen. (?) Tagsüber übt er sich im Bogenschießen und Speerwerfen, jagt, fischt, stellt Fallen und verschafft sich seine sonstige Nahrung. Außerdem unterziehen sich die Knaben mühsamen Arbeiten, Ivie dem Abhauen von Brennholz, das sie an den Kreuzwegen für die Frauen ihres Dorsis aufhäufen. Um sich den Micken seiner Stammesangehörigen, namvar er, ivas mich sehr wundert, auch lobend; ich hatte ivenig Uebuug, und gar nicht, was die Landschaftsmaler eine Manier nennen. Ich habe Bäume, Baumstämme, Wurzeln, Blätter, Pflanzen ohne irgend eine Planier nachgezeichnet, aber man sah, es war Natur in den Zeichnungen, und das mochte er wohl lobend hervorheben. Auch mit der Auffassung ganzer Gegenden war er zufrieden. Er sprach noch lange über Kunst und kam so nach und nach in sein Lieblingsthema, die Mythologie, die mir von jeher zuwider war. Es mar aber höchst interessant, ihm zuzuhören, nnb da konnte man den Glanz und Geist feiner Augen recht erkennen. Nach und nach kamen bann mehrere ins Zimmer, und das Gespräch wurde allgemeiner . . .* Sterbende Elefanten. Es klingt wie eine Sage, daß ein Elefant, der feinen Tod herannahen fühlt, ein Versteck anffucht, um dort in Ruhe zu sterben. Keinem anbereit Tiere würden wir die Ausübung einer solchen sGewohnheit zutrauen. Gegenüber diesem weisesten aller Tiere laber werden wir unsere Zweifel etwas einzuschränken haben. Hat man doch schon seit den ältesten Zeiten den Elefanten besondere geistige Kräfte, ja geradezu eine fast menschliche Weisheit zu- getraut. Die Inder haben alle anderen Tiere in ihren Schöpfungs- sagen von den Göttern erschaffen lassen der Elefant aber war schon vorher da. Bon manchen Seiten sind Zweifel ausgesprochen worden, ob der Elefant wirklich sich beim Herannahen seines Todes in ein Versteck zurückziehe. Tatsächlich sprechen mancherlei Gründe für die Berechtigung dieser Ansicht. Erzählen uns doch erfahrene afrikanische Elefantenjäger, daß es zu den allergrößten Seltenheiten gehört, wenn man den Leichnam eines Elefanten trifft, der eines Natürlichen Todes gestorben ist. Nun könnte man meinen, daß Geier und andere Geschöpfe, die sich vom Fleisch gefallener Tiere nähren, die Leichname der Elefanten bald verschwinden lassen. Dann müßten doch aber ihre riesigen Skelette übrig bleiben, und vor allem müßten ihre Zähne gefunden werden. Schon ans diesem Grunde ist es also wahrscheinlich, daß -der Elefant wirklich einen Versteck aufsucht, wenn er seinen Tod herannahen fühlt. Das allerwunderbarste an der Sache ist aber dies, daß wir lanzunehmen gezwungen sind, daß Hunderte von Elefanten im Lause der Zeit denselben Versteck zu wählen pflegen. Emin Pascha war wohl der erste, der das tatsächliche Vor- handmsein solcher Sterbeplätze feststellte. Auch zeigte er, daß -einige Männer, die Vorgaben, große Elefantenjäger zu sein, diesen Berus tatsächlich gar nicht ausübten, vielleicht, weil sie die Gefahren fürchteten: sie verschafften sich das Elfenbein, das als Beweis der Tötung eines Elefanten zu gelten pflegt, nur dadurch, daß sie durch Zufall einen dieser Verstecke entdeckt hatten und sich dort genügend Elefantenzähne holen konnten. t Ein weiterer Beweis für das Vorhandensein dieser Massensterbeplätze ist die Tatsache, daß es zuweilen vorkommt, wenn eingeborene Elfenbeinhändler einen Auftrag zur Lieferung einer bestimmten Menge von Elfenbein in besonders kurzer Zeit erhalten, während gleichzeitig die Zahl utib der Umfang der vorhandenen Elefautenherden, wie man weiß, gering ist, daß sie dann doch imstande sind, den Bedarf in ganz kurzer Zeit zu decken. Vielfach fehlen dann alle Anzeichen dafür, daß eine große lElefantenjagd stattgefunden hat. Es liegt also aller Grund zu der Annahtne vor, daß aü'ch diese Männer sich art einem EkefaMH* Sterbeplatz mit einer genügenden Menge Elfenbein versehen Havert/ Afrikanische Jäger sind der festen Ueberzeugung, daß Emir« Pascha weit mehr als einen dieser Sterbeplätze getgnnt habe. Sid glauben aber auch, daß die Männer, die die Expedition zu seine« Aufsuchung betrieben und ausführten, mindestens ebensosehr darauf aus waren, das Elfenbein dieser Sterbeplätze zu entdecken wie den verloren gegangenen Emin Pascha. Es liegt eben im Interesse eines jeden Weißen und eines jeden Eingeborenen, der durch einen günstigen Zufall einen dieser Verstecke entdeckt hat, seine! Kenntnis geheim zu halten. So ist es ein rein finanzieller Grund/ der uns bisher nähere Mitteilungen über die geheimen Verstecke de« Elefanten nicht hat erhalten lassen. Vermischte». * Der Einfluß der Wolkenkratzer auf die W it- f erlun g. Im Jahre 1898 wurde das Wetterbureau von Neuyor? im 20. Stockwerk beä American Surety Building, Broadway No. 100 untergebracht. Damals ragten die auf einem 14 Meter hohen Stahl türm des Daches angebrachten 'A-ufirahmeapparate/ Windfahne und Windmesser weit über die Dächer der Nachbarschaft hinaus. Seit 1902 sind aber in einem Umkreis von 200 Metern um das Wetterbureau nicht weniger als 14 annähernd ebenso höhst neue Gebäude entstanden, vvn beiten drei Höhen von 197, 156 und 133 Metern erreichen und es erheblich überragen. ®te Folge davon ist, wie Wilhelm Krebs in der Wiener Zeitschrift „Urania mitteilt, daß die vom Wetterbureau verzeichneten Windrichtungen! ganz andere sind als früher — eine Tatsache, die also nicht von! klimatischen, sondern von baulichen A-euderungen veranlaßt ist. Es besteht ganz deutlich eine Abnahme der gemessenen Wind-, geschwindigkeiten und eine Ablenkung mancher Winbrichtungen.- Unb zwar sind, wie Vergleiche mit bett früheren Messungen anj der Station selbst unb mit gleichzeitigen Messungen an vier oben fünf benachbarten Stationen ergaben, die Aenderungen über Erwarten bedeutend. Besonders die Nordwinde haben ab genommen, solche von mittlerer Stärke (6 Meter in der Sekunde) um 45 Proz. Aber nicht nur die Windgeschwindigkeiten, sondern auch die Anzahl der Tage mit Wind lassen seit .1902 eine starke 'Abnahme gegenüber Nachbarstationen erkennen. Von dein Windrichtungen weisen überhaupt Nord und Süd ein -erheblich geringeres Vorkommen in den späteren Aufzeichnungen auf, während Nordost-, Ost- und' Südwestwinde in ungefähr der gleichen Häufigkeit bemerkt werdest wie früher. Das entspricht -der von Norden nach Süden langgestreckten Gestalt des Hauptteils von Neuhork auf der Manhattan- Insel. ________ Vüchertisch. — Georg Freiherr von Ompteba: Die To chket! des großen Georgi. Theater-Roman. Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. — Von jeher hat die Welt der Bretter die Dichter gefesselt, und in seinem neusten Roman führt uns auch Ompteda auf den heißen Boden des Theaters. Wie die Tochter des großen Schauspielers alter Schule, die ängstlich der Sphäre des Vaters ferngehalten wird, den Weg findet, dahin, wo ihres Ruhmes Stern leuchten soll, wie sie von kleinen Anfängen, durch alle Widerwärtigkeiten des Schmi-erendaseins, immer bewußt des künstlerischen Zieles, langsam auffteigt, wie sie durch die Tiefen der Leidenschaft geht, um- im Innersten zu empfinden,- was sie durch ihre Kunst andere empfinden lassen will; wie die Schlacken der Alltäglichkeit, die Kleinlichkeiten und Hindernisse allmählich zurücktreten und ihr Flug frei wird zu bett Höhen> wie sie endlich ihr Ziel erreicht unb als -eine große Künstlerin basteht, das hat der Dichter mit viel feinen und geistvollen Zügen aufgezeichnet, und es ist ihm gelungen, ein Meuschenschicksal vor dem Leser zu entrollen, bas ihn aufs tiefste -ergreift unb fesselt. _______________ Logogriph. Ich bin aus altem Geschlechte Und hatte der Brüder viel. Mein Vater mußte einst fliehen; Er trieb ein falsches Spiel. Statt ,,e" füg' ein anderes Zeichen In meinen Namen hinein. Sogleich hast du geformt dir Einen schönen Edelstein. Auflösung in nächster Nummer» Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummert E B D Erdbeeren d c 1 b h 1 B ec h s tein e t n r e g Dellinger nur Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Gießen.