MU u KJIaliL WMW! W l. .WM dKE-W! s Das nette Mädel. [Roman von Fedo r von ZobeltiK, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er machte eine hastige Bewegung. Es sah aus, als wollte er vor ihr niederstürzen. Wer er hielt an sich. Er straffte sich. „Traute," sagte er in weich bittendem Tone, „vergelten Sie meine Wahrhaftigkeit mit gleichem. Sind Sie mit Fred Dewa verlobt? Ja oder nein?" Die Tränen rieselten über ihre Wangen. „Nein," stieß sie hervor, „ich bin es nicht. Er wollte mich haben. . . das wollten viele... es hat mancher um wich angehalten . . . Aber —" sie schüttelte heftig den Kopf und zog ihr Taschentuch hervor. Nun kam ein wildes Schluchzen. Er sank vor ihr in die Kniee und umfaßte sie. „Sind wir nicht Kinder, Traute?" sagte er, und die tiefe Empfindung, die ihn beherrschte, beseelte auch seine Sprache und gab ihr klingendes Leben; „wir stoßen uns gegenseitig ab und wissen doch, daß wir uns lieben. Wir verwunden uns immer wieder und sehnen uns nach unfern Küssen. Sind wir nicht Toren?" ... Er nahm ihr Die Hände vom Gesicht und hielt sie fest . . . „Nicht weinen, Traute. Das ist eine Stunde des Verstehens — und des Glücks. Gehe zu meinem Vater und frage ihn aus; mit dem habe ich erst kürzlich gesprochen. Er wird die Auskunft geben über mich. Er wird dir sagen, daß ich wie alle Everstedts bin: erst Taugenichts, dann ein ganz brauchbarer Mensch und zuletzt ein Ehemann, vor dem alle Himmlischen Respekt haben müssen. Er wird dir auch sagen, daß dich ein frohes Willkommen erwartet, denn dieser alte Mann, der einen Teil seines Lebens in ähnlichen Galoppsprüngen durchmessen hat wie ich, steht auf dem schätzenswerten, wenn auch nicht ganz modernen Standpunkte: daß man erst heiraten solle, wenn man die Rechte gefunden hat." „Und die Rechte soll i ch sein?" fragte Traute, während ihr die salzigen Tränen über die Lippen rannen, und nicht die Komteß?" „Ach, die Komteß!" rief Everstedt lachend. „Die Stadt muß doch ihren Klatsch haben! Es geht mir wie dir, Traute: haben möchte ich manche — aber. . . Es ist auch dein Aber, und das führt uns beide zusammen. . . Nun paß auf: lege einmal deine Arme um meinen Hals — und dann schau mir in die Augen — und dann sage mir: „Ich habe dich lieb" — und dann küsse mich." Da neigte sie sich über ihn. Sie umschlang ihn: ihre heiße Wange schmeichelte sich an die seine, und sie flüsterte ihm zu: „Seit wann liebe ich drch? Weißt du, seit wann?" „Ich weiß es: seit dem Sturm auf der Heide." Nun küßte sie ihn. Das wär in einem Hause des Elends und bei einer entsetzlichen Frau. Aber das Haus wurde zum Tempel, und alle Niedrigkeit flüchtete, und durch das kleine Zimmer mit den Birkenmöbeln ging ein Ewigkeitshauch. — Traute fühlte sich entrückt allem Zeitlichen. Das Glück war so groß, daß sie die Stunde vergaß und die Umgebung. Sie sprachen auch nicht: Keiner von ihnen. Sie hielten sich fest umschlungen und küßten sich. Doch nun kam ein Ungefähr, das sie wieder zum Gegenwärtigen führte. Von dem Mannequin in der Ecke rutschte die holländische Haube herab und fiel zur Erde. Ein Streifen und Rauschen wurde hörbar und erschreckte Traute. Everstedt ließ sie los. „Es spukt," sagte er lächelnd und strich ihr Haar zurück. „Eine Mahnung, Paul. Wir wollen fort." Sie stand auf, und ihr Blick schweifte verängstigt umher. Er begriff und nickte. „Du hast recht. Keine Entweihung. Gedulde dich eine'Minute. Ich habe der Ma- zanka noch ein Schlußwort zu sagen. Dann soll ihr Name zwischen uns nicht mehr genannt werden." Traute blieb nicht lange allein. Wer es deuchte ihr schier unendlich. Nerven und Fibern drängten zur Flucht von hier. Ms Everstedt zurückkehrte, sah er, daß sie wachs- blaß war. „Was ist dir?" fragte er und nahm ihre Hände. „Ich will fort." „Komm! Wir fahren zu deinen Eltern." Er zog sie mit sich. Unter dem Torbogen atmete sie auf. Auch ein Schauer kam: wie ein Abschüttelrt alles dessen, was so häßlich in der Vergangenheit gewesen war. Nun nahm er ihren Arm unter den seinen. Sie hing sich an ihn und sah nicht mehr zurück. Sie sah vor sich in das Freie, wo über dem blauen Wasser des Hafens sich der Himmel gelichtet hatte, während über dem Dunkel des verrufenen Quartiers noch immer das Wetter braute. Hinter dem Droschkenstandplatz hielt das Automobil Everstedts. Paul rief dem Chauffeur die Adresse Köhlers zu; dann stiegen die beiden ein. Traute dachte an ihre erste Fahrt in diesem Wagen!. Damals hatte sie sich scheu in eine Ecke gedrückt, um nicht gesehen zu werden; denn der Wagen war offen gewesen. Heute war des drohenden Regens halber die Karosserie geschlossen: doch es war nicht nötig: sie fühlte keine Scheu mehr — sie war ja die Braut des Mannes, der neben ihr saß. Aber schnell verwandelte sich der Gedanke. Everstedt hatte sie von neuem umfaßt und geküßt. Und ha lachte es in ihr: wie gut, daß ein Wetter drohte! 662 Der Marinevertrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle. (Schluß.) Mitten in der Schüssel lag eine Rolle von blaugrauem Papier. Phelps griff danach, verschlang sie mit den Augen, drückte sie an sein Herz, tanzte damit im Zimmer herum und jubelte laut vor Entzücken. Dann sank er in den Lehnstuhl zurück und war so erschöpft und matt vor Gemütsbewegung, daß wir ihm ein paar Löffel Branntwein einflößen mußten^ damit er nur nicht in Ohnmacht fiele. „Nur ruhig, ruhig," sagte Holmes, ihm auf die Schulter klopfend. „Es war recht schlecht von mir, Sie so damit zu überraschen. Wer Watson wird Ihnen sagen, daß ich nie widerstehen kann, wenn es sich um eine dramatische Wirkung handelt." Phelps ergriff seine Hand, die er gerührt an die Lippen führte. „Gottes Segen über Sie," rief er, „Sie haben meine Ehre gerettet." „Meine eigene Ehre stand ja auch auf dem Spiel," erwiderte Holmes; „mir ist ein Mißerfolg gerade so empfindlich, wie Ihnen eine Pslichtversäumnis." Phelps barg das kostbare Schriftstück in seiner inneren Rocktasche. „Ich finde es grausam. Sie noch länger beim Frühstück zu stören," sagte er, „und doch vergehe ich fast vor Ungeduld zu erfahren, wo das Papier war und wie Sie es entdeckt haben." Mein Freund goß rasch eine Tasse Kaffee hinunter und machte sich über die Eier und den Schinken her. Dann stand er auf, zündete seine Pfeife an und nahm im Lehnstuhl Platz. „Ich will euch sagen, was ich zuerst tat und wie alles nachher ausgefallen ist," begann er. „Nachdem euer Zug fort war, machte ich einen wunderhübschen Spaziergang in der reizenden Umgegend, bis zu dem Dörfchen Ripley, wo ich im Wirtshaus Tee trank und mir in weiser Vorsicht nur äuf der Bühne. Also, Mausekatze, komm' her und nimm noch einen Extrakuß von mir. Und dann denke an Sonderkroog und an den Vergißmeinnichtbach in der Schlucht und sage mir: war er es, aus den du gewartet hast?" „Soll ich noch ein Geheimnis daraus machen?" „Es ist nicht nötig. Es freut mich auch, daß du Meinen Rat befolgt und ihn festgehalten hast." „Das hätte ich schon früher tun können," entgegnete Traute lächelnd ; „aber vielleicht wär ich zu dumM dazu —" „Oder zu klug. Dabei braucht nicht einmal Ueber- legung mitgesprochen zu haben, sondern nur der Instinkt des Weibes. Eine energische Abwehr zur rechten Zeit ist immer das beste Präludium für das Gesetz der Eroberung." „Du lieber Gott, Tini, ich habe an keine kühle Berechnung gedacht! Auch nicht an Eroberung — nicht einmal instinktiv. Ich habe Paul liebgewonnen, als —" Ein huschendes Rot trat in ihre Wangen. „Aber du verlangst ja keine Bekenntnisse von mir," schloß sie; „ich würde sie auch gar nicht geben." „Recht so. Du gabst sie mir schon. Du hast, taxiere ich, Paulchen lieb gewonnen, als er einnral unverschämt wurde. Auf so etwas fallen wir gewöhnlich herein. Nur ist dein flaumweißes Seelchen seiner geartet als unsere robustere Jnnenkonstitution. Alles schrie in dir. Aber was da schrie, war doch nur die sogenannte gute Erziehung, also die bewußte Ueberlegung, und ihr kam ein dunkler Antrieb zu Hilfe, den du selber erst merktest, als das Herz zu rumoren begann. Das war der weibliche Instinkt, Kleine, war das Unterbewußtsein, das dich schließlich zum Siege geführt hat. Na — jedenfalls hast du ihn, also sei froh. Und mich wirst du nebenbei auch noch los." „Dich, Tini? Was heißt das?" Die Sandratt lächelte. „Ich halte es für zweckmäßiger/ den Schauplatz meiner Taten einmal zu verlassen. Engagementsanerbietungen sind mir von allen Seiten zugegangen; vorläufig lasse ich meine Agenten zappeln. Vorläufig will ich auf ein paar Monate nach Paris. Und weißt du, mit wem?" „Ich ahne nicht." „Mit Jonathan W." (Fortsetzung folgt.) „Meine süße Traute," sagte er, „nun darf ich küssen! Damals auf der Heide, da stahl ich mir die Küsse — und ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, der Diebstahl hätte mir den Genuß geschmälert. Aber die Strafe kam nach — und sie war hart. Mußtest du denn so grausam sein?" „Wenn ich es war, wär ich es auch gegen mich. Ach, Paul, ich habe so viel gelitten! Ich strafte mich selbst, weil ich nicht an deine Ehrlichkeit glaubte. Ich wollte dich nicht lieben, und wüßte doch/ daß ich nach dir vor Sehnsucht verging. Ich habe dir noch so viel zu beichten, aber —" „Aber es eilt nicht," fiel er lachend ein. „Er ja, deine Beichte hör ich schon gern — nur wollen wir sie uns ein- terlen, damit sie für das Leben reicht." „Das würde zu viel sein. Oder du mußt mir dazwischen dein Herz ausschütten." „Damit habe ich schon begonnen. Für alles weitere kann ich mich kurz fassen: es war ein Dasein, reich an Dummheiten, aber von einer feinen Klugheit gekrönt." „Und diese Klugheit war?" Er neigte sich zu ihr und flüsterte ihr iü das Ohr: >,Eine unbewußte — — mein freches Gebären auf der Sie wollte rasch und abwehrend antworten, aber feine Lippen verschlossen ihr den Mund. * Drei Tage später waren die Anzeigen, die Traute Köhlers Verlobung mit Herrn Paul L. Everstedt verkündeten, in den Händen aller Verwandten und Freunde beider Häuser. Nun war es Sitte in der Stadt, daß die persönlichen Gratulationen bei einem großen Rout erledigt zu werden pflegten, den der Brautvater oder die Familie des Bräutigams gab. In diesem Falle hatte der alte Everstedt um die Ehre gebeten, sein Heim für die Gratulationscour zur Verfügung stellen zu dürfen, um, Herr Franz A. Köhler hatte dankend akzeptiert: sein Haus wäre auch zu klein gewesen für die Fülle der Beglückwünschenden; denn es konnte jeglicher kommen, der eine Anzeige erhalten hatte. Am Tage dieses Routs besuchte Tini Sandratt zuw ersten und letzten Male ihre Freundin Traute. Es war Frau Auguste durchaus nicht recht, und sie empfing Frän- lein Sandratt dann auch mit äußerster Kühle; da sie sich aber sagte, daß dieser Verkehv nun wohl auch aufhören würde, so ließ sie die junge Dame trotzdem bereitwillig zu ihrer Tochter. Die steife Würde der Frau Auguste schien Tini übrigens B gleichgültig zu sein. Sie behielt ihre strahlende Lie- würdigkeit bei, dankte außerordentlrch freundlich, daß Frau Köhler sogar noch die Güte hatte, sie bis auf den Hinteren Korridor zu begleiten, und verabschiedete sich hier mit einem scharmanten Knix. Auguste blieb einen Augenblick wartend auf dem Korridor stehen, und als sie im Zimmer Trautes den freudigen Aufschrei ihrer Tochter hörte, machte sie ein mißbilligendes Gesicht und wuchtete hieraus in die Küche, um mit der Emma einen wohltuenden Streit zu beginnen. Inzwischen küßten sich die Freundinnen, und dann mußte Tini ihr Jäckchen ausziehen und Platz nehmen. Es ging gerade: zwei Stühle waren im Zimmer. „Was hast du für ein niedliches Jüngsernstübchen," sagte sie und schaute sich neugierig um, „— das ist angenehmeres Gegenüber, als ich es besitze! M-ein Visavis ist nämlich ein alter Major — ich sehe ihn aber nur, wenn er sich rasiert, und dabei schneidet er immer ein schauderhaftes Gesicht und gebärdet sich wie ein Mimiker, der sich im Anfang seiner Studien besindet." Traute lachte und nickte den Blumenmädchen drüben gu. „Sie haben mir gestern auf ihre Weise gratuliert — Tini, das hättest du sehen müssen! Es war gar zu nett. Sie spielten eine ganze Szene am Feigster, und dann haben sie beim Photographen ein Bild Pauls aufgetrieben, das haben sie rahmen lassen und mit frischen Rosen garniert und mir herübergeschickt. Mer was führt dich zu mir? Etwas Besonderes?" „Natürlich etwas Besonderes. Sonst hätte ich es gar Nicht gewagt, meinen leichtsinnigen Fuß über eure ehrbare Bürgerschwelle zu setzen. Zunächst nämlich der Wunsch, dir auch meinen Glückwunsch zu bringen — zum Rout bei Eberstedts möchte ich aus bestimmten Gründen nicht kommen. Es würde Aufsehen erregen, und das liebe ich M Weinflasche füllen und ein paar belegte Brötchen ein- wickeln ließ. Ms zum Abend blieb ich dort und ging dann nach Woking zurück; bald nach Sonnenuntergang befand ich mich auf der Landstraße bei Brierbrae. Die Straße ist wohl nie sehr besucht,, doch wartete ich, bis sie ganz menschenleer war und kletterte dann über den Zaun in den Garten." „War denn das Tor nicht offen?" fragte Phelps verwundert. „Freilich; aber ich habe in diesen Dingen meinen eigenen Geschmack. Ich wählte die Stelle, wo die drei Tannen stehen, und in ihrem Schutz gelangte ich hinüber, ohne daß mich jemand vom Hause her sehen tonnte. Ich kauerte mich drinnen unter die Büsche und kroch von einem zum andern — die Knie meiner Beinkleider können davon Zeugnis geben — bis ich das Rhododendrongebüsch Ihrem Schlafzimmerfenster gegenüber erreicht hatte. Da legte ich mich aus die Erde und wartete der Dinge, die da kommen sollten. > „Der Vorhang in Ihrem Zimmer war nicht geschlossen und ich konnte Fräulein Harrison sehen, die lesend am Tische saß. Nm ein viertel auf elf klappte sie ihr Buch zu Und zog sich zurück. Ich hörte sie die Tür zumachen und war überzeugt, daß sie den Schlüssel im Schloß umgedreht Und zu sich gesteckt hatte." „Den Schlüssel?" fragte Phelps. „Ja; ich hatte das Fräulein gebeten, die Tür von außen zu verschließen und den Schlüssel mitzunehmen, wenn sie zu Bett ginge. Sie hat alle meine Anordnungen aufs pünktlichste ausgeführt; ohne ihre Hilfe würden Sie jetzt schwerlich das Schriftstück in der Rocktasche haben. — Sie entfernte sich, die Lichter im Hause erloschen, und ich blieb in dem Gebüsch auf der Erde liegen. Die Luft war warm, aber die Nachtwache doch recht ermüdend. Natürlich empfand ich auch eine Art Aufregung dabei, wie sie der Jäger fühlt, der am Waldbach liegt und auf das Hochwild lauert. Die Kirchemlhr in Woking schlug die Viertelstunden an und ich glaubte mefjr als einmal, sie müsse stehen geblieben sein. Endlich, gegen zwei Uhr morgens, hörte ich plötzlich, daß ein Riegel leise fortgezogen wurde und ein Schlüssel int Schloß klirrte. Gleich daraus öffnete sich die Hintertür uni) Herr Josef Harrison trat in den Mondschein heraus." „Was — Josef!" rief Phelps. „Er war barthäuptig, hatte aber einen schwarzen Mantel übergeworfen, mit dem er sein Gesicht augenblicklich verhüllen konnte, wenn Lärm entstand. Er schlich auf den Zehen an der Mauer hin, und als er das Fenster erreichte, steckte er ein Messet? mit langer Klinge unter den Fensterrahmen, schob den Riegel zurück und stieß das Fenster in die Höhe. Dann bohrte er das Messer durch einen Spalt im inneren Laden, hob die Querstange ab und öffnete ihn. 1 „Von der Stelle aus, wo ich lag, konnte ich allen seinen Bewegungen folgen und das ganze Zimmer übersehen. Er zündete drinnen die beiden Lichter aus dem Kaminsims an und begann dis Ecke des Teppichs neben der Tür aufzuheben. Dann bückte er sich und nahm ein viereckiges Stück der Diele heraus, das Wohl beim Legen der Gasröhreu nicht befestigt worden war, um etwaige Ausbesserungen zu erleichtern; der Anschluß des Rohrs nach der Küche zu mußte dort sein. Aus der Vertiefung holte er die Papierrolle hervor, paßte das Brett wieder ein, deckte den Teppich darüber, blies die Lichter aus und lief mir dann geradewegs in die Arme, denn ich stand draußen vor dem Fenster und wartete auf chn. „Herr Joses hat übrigens mehr Bosheit im Leibe, als ich ihm zugetraut hätte. Er stieß mit dem Messer nach mir; ich mußte ihn erst zweimal zu Boden werfen und erhielt einen Schnitt quer über die Knöchel, ehe ich die Oberhand bekam. Das eine Auge, mit dem er noch sehen konnte, als wir zwei mit einander fertig waren, funkelte zwar vor Mordlust, aber er nahm doch Vernunft an und lieferte mir das Schriftstück aus. Sobald ich es hatte, ließ ich den Mann laufen; doch versäumte ich es nicht, die Geschichte gleich heute früh ausführlich an Forbes zu telegraphieren. Wenn er sich sehr beeilt, kann er den Vogel noch fangen. Findet er aber, wie ich vermute, das Nest bereits leer, so! ist das umso besser sür die Regierung. Lord Holdhurst und Percy,'Phelps werden es wahrscheinlich lieber sehen, wenn die ganze Sache niemals vor das Polizeigericht kommt." „Großer Gott!" stieß unser Ment keuchend hervor, „ist es denn möglich, daß während der langen entsetzlichen zehn Wochen voll namenloser Angst die gestohlenen Papiere bei mir im Zimmer gelegen haben?" „Ganz recht — so war es." „Und Josef — ein Dieb und ein Bösewicht!" „Josef ist allerdings ein versteckterer und gefährlicherer Charakter, als man nach seinem Aeußeren denken sollte. Er hat mit großem Verlust an der Börse gespielt, wie ich heute morgen von ihm erfuhr, und schreckte nun vor nichts zurück, um wieder zu Gelds zu kommen. Ms! sich ihm die Gelegenheit bot, machte der durch und durch selbstsüchtige Mensch sich kein Gewissen daraus, Ihren guten Namen zu zerstören und 'einer Schwester Glück zu opfern." Percy Phelps sank in den Stuhl zurück. „Ich bin wie betäubt," sagte er, „es schwirrt mir alles im Kopfe herum." „Die größte Schwierigkeit bei Ihrem Fall," fuhr Holmes in seiner lehrhaften Art fort, „war der Ueberfluß an Beweis- material. Alles ging durcheinander — Wichtiges und ganz Unerhebliches; wir mußten aus sämtlichen Tatsachen, die man uns vorlegte, erst das Brauchbare heraussuchen und zusammensetzen, um die merkwürdige Kette der Begebew t)eiten in ihrer ursprünglichen Reihenfolge wieder Herzutellen. — Mein Verdacht war auf Josef gefallen, sobald ich erfuhr, daß Sie an jenem Abend mit ihm hatten nach Hause fahren wollen. Was war wohl natürlicher, als daß er auf seinem Wege nach dem Bahnhof im Ministerium — wo er gut Bescheid wußte — vorsprach, um Sie abzuholen? Als Sie mir dann von dem beabsichtigten Einbruch in Ihr Schlafzimmer erzählten, wo doch niemand etwas hatte ver- tecken können, außer Josef, der bei Ihrer plötzlichen Erkrankung ganz unerwartet ausquartiert worden war, um Ihnen Platz zu machen, da wurde mein Argwohn zur Gewißheit. Der saubere Herr hatte zu seinem Besuch die erste Nacht gewählt, als keine Wärterin im Krankenzimmer war; er wußte also genau, was im Hause vorging." ,-O, ich war wie mit Blindheit geschlagen!" „Ich habe nun über den Gang der Ereignisse bis jetzt etwa folgendes festgestellt: Josef Harrison kam von der Charlesstraße her durch die Hintertür; er kannte den Weg nach Ihrem Arbeitszimmer und trat ein, als Sie es soeben verlassen hatten. Da niemand da war, ging er an den Klingelzug und läutete, wobei er zugleich das Schriftstück zu Gesicht bekam, welches auf dem Tische lag. Eiü Blick überzeugte ihn, daß der Zufall ihm eine Staatsurkunde von größter Wichtigkeit in die Hand gespielt hatte; mit Blitzesschnelle steckte er sie in die Tasche und verschwand damit. Wie Sie wissen, vergingen einige Minuten, bis der schlaftrunkene Türhüter Ihre Aufmerksamkeit auf die Glocke lenkte, aber diese kurze Zeit genügte, um dem Dieb die Flucht zu ermöglichen. „Er fuhr mit dem ersten Zug nach Woking, besichtigte seine Beute, erkannte, wie wertvoll sie sei und verbarg sie an einem Platz, den er für ganz sicher hielt. Seine Absicht war wohl, das Dokument nach einigen Tagen wieder aus dem Versteck herauszunehmen und es der französischen oder russischen Gesandtschaft um hohen Preis zu verkaufen. Da brachte der Doktor Sie plötzlich nach Hanse und er wurde ohne alle Vorbereitung aus seinem Zimmer entfernt, seitdem waren dort stets mindestens zwei Menschen anwesend- so daß er unmöglich seines Schatzes habhaft werden konnte. Es muß für ihn eine verzweifelte Lage gewesen fein. Als er endlich hoffte, die günstige Gelegenheit fei da, machte ihm Ihre Schlaflosigkeit einen Strich durch die Recqnung.' „Ich hatte an dem ?lbend meinen gewöhnlichen Schlaftrunk nicht genommen." „ ,, Er mag wohl dafür gesorgt haben, den Trank recht wirksam zu machen, damit er sicher fein konnte, 01c wurden nicht aufwachen. Daß er den Versuch sobald tote möglich wiederholen würde, war mir außer Zweifel, ^hre Fahrt nach London verschaffte ihm die Gelegenheit. Ich bat lvraii- lein Harrison, den Tag über im Zimmer Meckew weÄ mir der Dieb sonst zuvor gekommen wäre. Als ich ihn m dem Glauben wußte, er habe nun freie Hand, hielt ich an Ort und Stelle Wache, wie Sie bereits wissen. Obwohl ich fest überzeugt war, der Vertrag müsse in dem Zimmer vergeckt fein, wollte ich doch, nicht erst alle Dielen ausorechen und das Getäfel durchsuchen. Ich ließ ihn daher den schätz selber heben und ersparte mir damit viel Muhe und Arbeit. Ist 584 — nun noch ein Punkt vorhanden, über den ich Auskunft geben soll?" „Weshalb hat er denn bei dem ersten Versuch durchs Fenster steigen wollen, während er doch nur zur Tür hereinzugehen brauchte?" erkundigte ich mich „Um die Tür zu erreichen, hätte er an sieben Schlafzimmern vorbei gemußt. Zum Fenster hinaus konnte er aber leicht auf den Grasplatz springen." „Sie glauben aber doch nicht," fragte Phelps, „daß er mörderische Absichten hatte? — Nicht wahr, das Dolchmesser sollte ihm nur als Werkzeug dienen?" „Wohl möglich," erwiderte Holmes, die Achseln zuckend. >,Soviel aber steht fest, daß Josef Harrison kein Mensch ist, auf dessen Gnade und Barmherzigkeit ich mich verlassen möchte." __________ Vermischtes. * Auf der Flucht aus dem „rohen Amerika". Aus Neuyork wird berichtet: Recht unangenehm klingt den Amerikanern eine offenherzige Erklärung in die Ohren, die die begabte Dichterin Mrs. Anne Warmer-French, die Verfasserin mehrerer viel gelesener Romane, zur Begründung ihres festen Entschlusses abgegeben hat, den Staub der Heimat von den Fügen zu schütteln und nach England überzusiedeln. Amerika erscheint ihr zu roh und das ameritanticbe Volk zu selbstisch nnb rücksichtslos, als daß es einer Frau von höheren geistigen Bedürfnissen auf die Dauer erträglich iväre, in diesem Lande zu leben. Tabei ist Airs. French jahrelang der Stolz ihrer Heimatstadt in St. Paul in Minnesota gewesen ; als sie nun abiuhr, drängten sich die Frager um sie und fragten sie, ob sie es denn nicht für möglich hielte, ähnliche gesell- schästliche Verhälmisse herbeizuführen, wie sie in England bestehen. „Unmöglich," erwiderte Airs. French. „Selbst wenn es gelänge, ebenso vorbildliche Dienstboten zu erhalten — was ganz ausgeschlossen ist —, so bestehen doch noch eine ganze Reihe anderer Schwierigkeiten. Die Frauen in Amerika werden verhätschelt und verwöhnt wie nirgends sonst in der Welt; aber man erwartet von ihnen nicht, daß sie m die wirkliche Welt der Geschäfte eintreten, und die Männer vermögen sie nicht ernst zu nehmen. Im Gegensatz dazu iverden englische Stäbchen ebenso wie ihre Brüder erzogen, so daß sie, wenn sie herangewachsen sind, in ernster, tätiger und verständiger Weise an sozialen, politischen und ökonomischen Dingen Anteil nehmen. Wenn ich in London bin, unterhalte ich mich angeregt mit Leuten, die sehr interessant über die verschiedensten Tinge sprechen können und die sich nicht nur tu Personalsragen vertiefen. Hier dagegen ist die Unterhaltung bedeutungslos und frivol. Airs. French beklagte sich auch darüber, daß in Amerika ihre Freunde sie nicht arbeiten lassen, sondern rücksichtslos ihre Zeit in Anspruch nehmen und ihr jede Ruhe rauben. „Die Europäer sind zart- sü lenber, sie nehmen mehr Rücksicht auf ben anderen, während es sur den Amerikaner charakteristisch ist, daß er nur an sein eigenes Vergnügen denkt, oft aus reiner Unbedachtheit, in vielen Fällen aber auch ganz absichtlich störend." Wenn sie in Amerika bliebe, meint Airs. French, so würde sie nur ihre Freunde beleidigen, die ihr Bedürfnis, sich abzujchlteßeo, gänzlich mißverstehen würden. * Reichtum a 1 s Scheidungsgrund. Eine berechtigte Berühmtheit ist dem wunderlichen Schetdttngsprazeß beschieden, den die Gattin des bekannten Multimillionärs Louis A. Bryan gegen ihren Mann angestrengt bat und der am Dienstag zum erstenmal das Neuyorker Gericht beschäftigt hat Der Gemahl der ehemüden Dame, der im 57. Lebensjahre steht, hat auf jeden Einspruch gegen die Scheidungsklage verzichtet, da er seiner jungen Frau, die ihn eines Tages kurzweg verließ, nach wie vor die Zuneigung eines achtungsvollen Ehemannes entgegenbringt. „Ich kann nur jagen," io erklärte er vor Gericht, „daß ich mein äußerstes tar, um mir Frau Bryans Liebe zu erhalten. Als ich sie vor einem Jahre heiratete, gab ich ihr em Taschengeld von 160 <)00 Alk. und 16 Automobile standen ihr zur Verfügung. Ich werde selbstverständlich auch weiterhin für ihren Lebensunterhalt sorgen." Tann erschien die 27jährige Klägerin und gab die nicht alltägliche Erkläriing ab, daß der Ueberfluß an Geld die Ursache des ehelichen Zerivürsmsses sei. „Wenn Air. Bryan ein armer Alami iväre, Hätten wir vielleicht glücklich miteinander leben können. Ehe ich die Gesellschafterin seiner früheren Frau wurde, war ich eine arme Buchhalterin. Er aber hat von Anfang an die Macht des Reichtums kennen gelernt, und als er mich geheiratet hatte, wurde er unerträglich. Ich wurde seine Puppe, er wollte meine Kleider aussucben, ich konnte es schließlich nicht mehr ertragen und so verließ ich ihn." Und bann gab bie tiefgekränkte Gattin einige Beispiele von der beleidigenden und unerträglichen Freigebigkeit ihres Gemahls. Einmal verlor sie ivährend einer Reise im Zuge Juwelen im Werte von 10 000 Mk. Statt sich nun zu ärgern und den Verlust zu beklagen, stieg Mr. Bryan auf der nächsten größeren Station aus, kaufte für 40 000 Mk. neue Juwelen und überreichte seiner Fran dieses Angebinde als Ersatz für das verlorene. „Und bann", sagte die junge Frau voll Entrüstung, „setzte er die Reise fort, als ob gar nichts geschehen iväre. . . " "Die Goldgräber-Republik. Im Burensker Bergwerkbezirk am Jstorninskifluß hat sich eine Goldgräber-Republik gebildet. Vor etwa acht Jahren kamen einige auf Raubbau ausgehende Goldsucher, wie sie vielfach bie Taiga (Urwald durchstreifen, dorthin. Das Glück war ihnen hold; sie stießen auf eine gute Ader und begannen sie abzubauen. Andere kamen hinzu, die Fama tat das ihrige, nach kurzer Zeit waren fünfhundert Ansiedler in dem Gebiet. Nun richteten sie sich ein und schufen eine Art Republik, bie einen wahren Musterstaat im kleinen bildet. Alle 'Dluglieber sind gleichberechtigt und wählen jährlich einen Starosten, der die Alacht eines republikanischen Präsidenten besitzt, sein Parlament bei wichtigen Fällen einberuit und mit ihm sorgfältig alle schwebenden Fragen erörtert. Tie Rechtsprechung liegt fast völlig in seinen Händen; die Gerichtssitzungen sind öffentlich, die Verhandlungen kurz; die Urteilssprüche streng. Als schweres Verbrechen gilt der Diebstahl, gleichviel wie hoch der Wert des gestohlenen Gutes sich beläuft. Der Dieb wird immer mit Ruten» hieben bestraft, im Rücttall ober bei besonders schweren Fällen erfolgt die Ansnoßung aus der Gemeinde und die Verbannung „in bie Berge". Damit ist der Verbrecher vogelfrei und hat das Leben verwirkt, sobald er sich wieder (eben läßt. Kürzlich wurde ein junger Mensch, der sich einen Hammer angeeignet hatte, zu fünfzig Rutenhieben verurteilt, eine Strafe, die ihn auf Wochen arbeitsunfähig macht. Ter Diebstahl kommt auch äußerst selten vor und die Sicherheit des Eigentums ist in der Goldgräber-Republik so groß, daß man in den Hütten weder Schloß noch Riegel kennt. Besonders bezeichnend ist es, daß unter dieser zusammengewürfelten Masse von Abenteurern auch der Schnavsgeiluß verboten ist. Es darf fein Alkohol in das Lager eiugeschleppt werben unb jeder muß ein ganz nüchternes Leben führen, will er nicht Sofort seinen Anteil am Gewinn einbüßen. In der Republik herrscht genau dasselbe System der gemeinschaftlichen Arbeit und Ausnutzung wie im „Mir", der russischen Dorfgemeinde. * Mißverstandene Zärtlichkeit. Eine amüsante kleine Geschichte aus dem französischen Songogebiet, das jetzt int Zusammenhänge mit den deutsch-französischen Verhandlungen im Mittelpunkt des Interesses steht, wird in der „Aurore" erzählt: Ein im französischen Kolonialdienst stehender Schulinspektor besuchte eines Tages eine von Missionsschwestern geleitete Negerschule. Tie Prüfungen gingen glücklich vonfiatten unb alles verlief zur Zu- friebenbeit. Deut Blick bes Inspektors war dabei ein kleiner Neger- junge ausgefallen, ein prächtiges, gesundes, wohlgenährtes Bürsch» iein, das seine Sache ausgezeichnet gemacht batte. Wohlwollend klopfte der Inspektor diesem künftigen Besitzer eines stattlichen kohlrabenschwarzen Embonpoints auf den Rücken; zu seinem Erstaunen verzerrte em Ausdruck namenloser Angst die Mienen des Kindes, während durch die Reiben der Mitschüler eine merkwürdig verhaltene heimliche Erregung der Freude zu geben schien. Ter Inspektor fragte bann bie Mtssionsschwester nach betn Grunde bieses widerspruchsvollen Verhaltens der Schüler. Die Erklärung war sehr einfach: die Kinder entstammten einem Negervolk, das noch vor wenigen Jahren der Akenschenfresserei huldigte. Der kleine Junge dachte, als ihm wie prüfend der Rücken abgeklopft wurde, der Inspektor wolle nichts anderes, als seinen nächsten Sonntagsbraten prüfen. Die Freude Der mitfühlenden Klassengenossen aber halte ihre wenig altruistischen Ursachen: den Jungen erschien es selbstverständlich, daß der Dickste von ihnen gekocht werden sollte, und sie nahmen wohl auch an, daß von dem leckeren Braten auch für sie ein paar Knochen abfaüen würden. * Der Amerikaner. „Ich Habe als Kohlenträger angefangen. Wenn meine drei gräflichen Schwiegersöhne so weite« wirtschaften, werde ich dereinst als Kohlenträger wieder aufhören." , * Scherzfrage. „Wer pfeift auf die Befehle seines Bo«» gesetzten?" — „Der Zugführer." Magisches Tuadrat. In bie Felder nebenstehenden Quadrats sind die Buchstaben AAEEEEGGGGLN8S 8 8 derart einzutragen, daß bie wagerechten u. senkrecht.Relhen gleichlautenb folgenbeS bedeuten: 1. Landwirtschaftliches Gerät. 2. Ein Geiäß. 3. Schwimmvogel. 4. Test eines Hauses. Auflösung tn nächster Dcumme^ Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummestr A E I Ab e n d 1 a n d e i d uni E di n b n r g h lui a r r I n d i g i r k a d h a Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sieiiidruckerei, R. Lange, Gießen.