Vonrm'siag den 9. Zebruar 0 v- Hl Hl •JlBfill ti 'ffM WWi Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau!. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.? Nun war die blonde ß-rieba schon so weit genesen, daß sie an den warmen Herbsttagen in der großen Laube im Garten sitzen konnte, und sie hielt ihr Kind auf dem Schoß unid setzte sich in eine Ecke, wo niemand von der Straße her sie sehen konnte. Sie war noch sehr bleich, sah müde aus und weinte viel, obschon sowohl Mutter als Großmutter gut und freundlich zu ihr waren. „Sie sollten nicht so viel weinen, Frieda," redete ihr Frau von Hilbach zu, die sich oftmals zu ihr setzte, weil es, ihr weh tat, wenn das arme Ding so trostlos und müd vor sich hinblickte. „Jetzt, da Sie alles gut überstanden haben, und Ihr Kindchen so gut gedeiht, ist doch kein Grund zum Weinen mehr da!" Die Wieda aber schluchzte nur heftiger und sagte nichts, und Frau von Hilbach mochte nicht in sie dringen. Sie nahm ihr manchmal das Kindchen ab und lud sie zu sich ein, aber sie kam nicht. „Sie wird Wohl traurig sein, daß ihr Ruf gelitten hat," meinte die Kosh, „aber, Gott im Himmel, so was passiert manchem Mädchen, und sie wird darum später doch eine gute, ehrbare Frau, zu der man aufsieht." Frieda gber dachte nicht an ihren Ruf und ihre Zukunft. Was lag ihr an den Menschen, an Klatsch und Verachtung? Am ersten November sollte sie ihr Kind an wildfremde -Leute geben, und sie sollte Schwester werden, weil ihre Mutter meinte, durch solch einen Beruf könne sie am besten die Schande auswischen. In Naumburg am Gericht war auch schon über das Kind verhandelt worden, und vor zwei Dagen war Frau Natusius nach Hause gekommen und hatte mitgeteilt, daß „mau" sich bereit erklärt habe, dreißig Mark Pflegegelb im -Monat für das Kind zu zahlen, und Frau Natusius fand diese Bereitwilligkeit anständig, und sie freute sich darüber und begriff nicht, daß Frieda aufstand und weinte, so furchtbar weinte, wie nie zuvor in der Zeit, da alles noch viel schlimmer gewesen. — Seit sie in ihres Kindes blaue Augen gesehen, war in ihrem zerguälten Herzen wieder etwas erwacht, was eine Zeitlang geschlafen hatte, jene grenzenlose, unvernünftige Liebe zu dem, der sie unglücklich und ehrlos gemacht. Sie träumte wieder von all den seligen Stunden, von all dem Schönen, Warmen, Süßen, das er ihr gesagt. Nun aber verkehrte sie durch das Gericht mit ihm, Und sie hörte von Zahlen, von Geld, das er für sie geben mußte und das Kind, das einzige, was ihr von ihm geblieben. Dieses Kind, das seine blauen .Augen Hatte, sein Kind, sein Fleisch und Blut, das sollte sie nun auch weg- geben, um etwas wiederzuerlaugen, was sie so gern geopfert hatte, so ein armseliges bißchen Rus. Es war auch noch eine besondere Geldsendung pon ihm an ihre Mutter gekommen zur Bestreitung der Unkosten wahrend der Krankheit, und da diese Summe die wirklichen Ausgaben überstieg, konnte Frau Natusius eine herzliche Freude nicht unterdrücken, und sie war freundlicher als sonst gegen ihre unglückliche Tochter und gegen das kleine Kind, für das sie schon eine Unterkunft ausfindig gemacht hatte. Bevor das Kind gelebt, da waren die Nächte der Frau Natusius lang und verzweifelt gewesen. Nun konnte sie wieder ruhig schlafen nnd saß am Tag gelassen an ihrer Strickmaschine. Die Frieda aber floh jetzt in der Nacht der Schlaf, und sie empfand etwas wie Haß und Verachtung gegen ihre Mutter, für die es auf der Welt nur noch ein Interesse, nur noch einen Gedanken gab: „Geld!" Das Geld war ihr mehr als Ruf und Frieden, dem Geld opferte sie jedes Gefühl; und des Geldes wegen mußte sie ihr Kind hergeben, ihr armes, Keines Kindchen; au dem nun fremde Leute wieder Geld verdienen wollten. Je näher der erste November kam, desto verzweifelter wurden ihre Nächte. „Ich kann es nicht, ich geb dich nicht hin! Ich gehe mir'dir in die Saale!" sagte sie zu dem kleinen Geschöpften, das in ihren Armen schlief, und sie weinte und grämte sich, daß sie am Tage kaum aufrecht stehen konnte. Sie sollte aber arbeiten, an der Ausstattung für ihr Kindchen sollte sie arbeiten, an all den kleinen Sachen, die mit dem Würmchen zu den fremden Leuten wandern sollten. . Die Nadel zi. de in ihrer Haud. „Ich laß dich nicht, ich laß dich nicht!" sagte sie hundertmal am Tag, aber sie wußte, daß sie es doch lassen mußte und daß der entsetzliche Tag näher und näher rückte. Die Großmutter wollte die Frau, die das Kind haben sollte, gern sehen, und diese hatte auf einer Karte ihren Besuch angesagt. Man wollte dann noch einmal eingehend über altes reden, und acht Tage später sollte das Kindchen geholt werden; dann kam Frieden ins Haus. , Frau Natusius kochte selbst den Kaffee für die Frau; die Großmutter sprach viel und aufgeregt, und beide redeten sie der Frieda zu, recht freundlich und gut zu der Pflegemutter zu sein. 15 Die Frieda sagte kein Wort. Mit einem Gesicht, vor dem Frau Natusius etwas tote Augst empfand, faß sie in einer Ecke mtb hielt ihr Kind an sich gepreßt, und fester tote je wurde der Vorsatz in ihr: „Ich laß es nicht! Ich lasse mein Kind nicht!" Die Frau war gutmütig und gesprächig; sie nahm das Kind aus Friedas Armen, küßte es und nannte esr „Mein Täubchen! Mein Töchterchen!" Das aber ging beti — 90 — Kind nicht!" tobte es in Frieda. Fast hatte )te es aus oem dunklen Mkoven heransgeschrien, aber sie stopfte sich em können!" , das kann sie!" sagte die Kosy, und Fran von tzilbach sah erstaunt zu Frau Natusius Hinüln-Ltz die plötzlich so vernünftig geworden war. Postlagernd soll ich ihr schreiben, daß ich ihr das Kind" nicht nehme!" sagte sie nachdenklich. „Wie macht man das? Ich habe noch nie postlagernd geschrieben. Fran von tzilbach erklärte ihr, daß sie sich einfach das Wort „postlagernd" unter den Namen der Ltadt zu schreiben habe, und da nun auch die alte Großmutter gekommen war überlegten sie gleich, was sie schreiben wollten, uiit> die Kost) und Fran von tzilbach diktierten ihr die Worte in die Feder. Fran Natusius versprach ihrer Tochter sie nicht zu verfolgen, sie solle nur keine weitere Schande über die Familie bringen und ihr alles schreiben, was sich m der nächsten Zeit ereigne. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Postwesens im GroMrZogtum Hessen. Von M. Koehler und R. Goldmann. I UeberblicküberdieEntwicklungdesPvstwesenA bis zum 17. Jahrhundert. 1. Botenwesen. Ein Postwesen im heutigen Sinne des Wortes, d. B. eins Anstalt zur Nachrichtenbeförderung zu jedermanns Gebrauch gegen Erlegung fester Gebühren, mit bestimmten Kursen und foltert Abgangs- und Ankunftszeiten, war dem Mittelalter unbekannt. Die breite Masse des Volkes hatte kein Bedürsms nach einem regelmäßig geordneten Nachrichtenvcrkehr, war sie doch zum größten Teil des Lesens und Schreibens imkundig unb an die Scholle gebunden. Nur die Fürsten, Stifte, Orden und Klöster unterhielten Botenverbindungen, die gelegentlich wohl, ebenso wie die reuend rt Kaufleute, fahrenden SckMer und die auf Biehhandel ausgehenden Metzger, von der übrigen Bevölkerung zur Nachrichtenvermiluund dankte ihr. , . , ., In dieser Nacht*konnte Frau von Hilbach nicht schlafen. Bis lang nach Mitternacht sah sie einen schmalen Lichtstreif, der durch das Schlüsselloch auf ihrer Diele zitterte, und der Doktor ging leise auf dem Teppich hin und her. Wie er endlich die Lampe gelöscht hatte, hoffte auch sie auf Schlaf, aber sie konnte einer großen Erregung nicht Herr werden. Sie dachte daran, wie jammervoll die arme Frieda ausgesehen hatte, und wie schwer es ihr geworden Frieda wie ein Stich durchs Herz. Sie nahNi der Frau da» Kind ab und setzte sich in den dunklen Alkoven. „Es geht ihr wohl nah!" hörte sie die Fremde zu ihrer ^"Jun^ch,' das ist ja auch begreiflich. Ob nun ein Kind einen rechtmäßigen Vater hat oder ob es so zur Welt kommt, für die Mutter ist das egal, für die bleibt es Das hatte die Großmutter gesagt, aber das fremde Weib meinte phlegmatisch: , Das legt sich alles! Das ist tote em Zahn, der einem viel Schmerzen gemacht hat. Ist er erst Waus, dann vergißt man alles. So ein armes, kleines Wurm ist ,a noch am besten ausgehoben, wenn es in eine gute Pflege kommt, denn Sie können es ja doch schon der andern Kinder w gen war, die Bitte um Geld au sie zu richten, und dann plötzlich war es ihr, als hörte sie die Haustür gehen, aber sie war zu müde, um Licht auzuzünden und hinauszusehen. Spät schlief sie ein und konnte sich am Morgen nicht gleich in der Gegenwart zurechtfinden. Tie Kosy stand vor ihr und sagte, daß Frau Natusius sie sprechen wolle und daß Frau Natusius in einer entsetzlichen Aufregung sei, und ehe Frau von Hilbach recht begriff, war Frau Natusius schon bei ihr, fiel auf einen Stuhl vor ihrem Bett und jammerte und hielt einen Brief in den Händen. „Entflohen! Mitten in der Nacht mit dem Krnd entflohen! Zu ihm, der sie ins Unglück gebracht hat! Lesen Sie, Frau von Hilbach, was sie uns schreibt. Sie will ihr Kind nicht an die Frau geben!" , o,,. . „ Frau von Hilbach las, und em heftiges Zetern ging durch ihren Körper. „Dazu brauchte sic das Geld! dachte sie und empfand plötzlich eine große Liebe und tiefes Bcit- leid für diese arme Mutter, die mit ihrem Kind in Nacht und Nebel einer unsicheren Zukunft entgegenliest „So dankt sie einem nun all die Sorgen der ganzen Zeit. Glauben Sie, Frau von tzilbach, oft i|t’8 mir schwer geworden, gut zu ihr zu sein, aber ich hab e» an nichts fehlen lassen. Und nun, da aLeS so gut geordnet war und wir endlich auf Frieden hofften, tut sie uns das an. Frau von Hilbach sagte nichts. „Und wenn ich nur wüßte, wo he das Reisegeld her hat!" fuhr Frau Natusius fort. „Und dann dieser Ton m ihrem Brief! Klingt das nicht wie eine Drohung: »Verfolgt mich nicht! Nehmt ihr das Kind, dann werde ich ganz schlecht. Ihr braucht euch nicht um mi chzu sorgen, ich komme durch, auch wenn er mich von sich stoßt. Denkt, ich sei töt, aber laßt mir mein Kind!" . „So was kann einem zu Herzen geben, und wenn man für das Mädchen weiter nichts übrig hatte! sagte die Kosy und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Eine, die so an ihrem Kiiid hängt, die 'st nicht schlecht, und wenn ich Sie wäre, Frau Matusius dann schriebsich ihr jetzt einen schönen Brief und liege ihr das Krnd Arbeiten muß he doch, so oder so, und lueim sie nun einmal ohne ihr Kind nicht leben mag, dann findet sw auch schon W ge sich durchzubringen. Tie dreißig Mark Pflegegelder kriegt sie doch mm auch!" , . . Frau Natusius hatte ihre Tranen getrocknet Was wird aber die Frau sagen," meinte sie beilom- men,"„mit der wir schon alles verabredet hatten? Für einen Monat wird sie nun wohl Bezahlung beanspruchen Tuch in den Mund. „Ich muß es heimlich tun; wenn sie es merken, ist alles verloren!" flüsterte sie. „Ich gehe zu ihm! Ich bringe ihm das Kind — unser Kind. Er kann mich nicht von sich stoßen! Morgen gehe ich zu ihm!" Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft. Gott im Himmel, sie hatte kein Geld, keinen Pfennig Geld, und niemand würde ihr Geld geben. Wenn sie Geld haben wollte, mußte sie es ihrer Mutter stehlen und auch das ging nicht, denn sie war ja nicht einen Augenblick allein im Zimmer, und die Mutter bewahrte ihr Geld in einer eisernen Kassette. „Morgen, wenn ich nach Naumburg muß dann ginge es, 'daun vermissen sie mich nicht gleich!" überlegte sie aber gleich darauf kam wieder eine große Trostloflgkeit über fi'C. Wie sollte sie das erklären, daß sie ihr Kind mit sich lta£jm„3m der Nacht muß ich fort, ganz leise unb heimlich, nur Geld, nur Geld muß ich haben!" Stunde auf Stunde sann sie vor sich hm. „Mit zwanzig Mark kann ich reichen! Aber wer gibt mir zwanzig Mark?" v ~ , Sie dachte au den Doktor, der bei Frau von Hilbach wohnte; sie dachte auch an die dicke Gemüsehändlerin, die immer freundlich zu ihr gewesen war, aber plötzlich strahlte es wie Glück über ihr Gesicht. .. „Ich gehe zu Frau von Hilbach, die gibt es mir gewiß, Und sie fragt mich auch nicht weiter, wenn ich ihr sage, daß ich es für das Kind brauche!" Sie traf die Pastorin bei Frau von Hilbach, und tote die sie mit ihrem Kind auf dem Arm sah, da wandte sie sich ab, sagte laut: „Adieu Frau von Hilbach!" und rourbgte das Mädchen, das still an der Tür stehen geblieben war, nicht behalten!" . „Ich geb ihr mein Kind nicht, netn, ich geb ihr mein Kind nicht!" tobte es in Frieda. Fast hätte sie es aus dem „Ich brauche es nicht sogleich zuruck Frieda. Erst sehen Sie, daß Sie wieder froher roerben. Es ist wohl der Schmerz, daß Sie das Kindchen hergeben müssen, der Sie jetzt bedrückt. Ich verstehe Sie so gut, Frieda!" Ich gebe mein Kind nicht her!" wollte Frieda rufen, aber sie besann sich, drückte Frau von Hilbachs Hand unb keines Grußes. „,,, „Nun, Frieda?" fragte Frau von Hilbach, die etwas erstaunt über diesen seltenen Besuch war. „Haben Sie einen Wunsch?" , , „Sie sind so gut, Frau von Hilbach," sagte Frieda mit stockender Stimme und schwieg bann. „Kann ich Ihnen mit irgend etwas helfen?" begann Frau, von Hilbach wieder unb faßte ihre Haube. „Wenn Sie - ach, ich kann es so schwer sagen, ich brauche zwanzig Mark, nur für kurze Zeit. Ich muß etwas bezahlen, aber Mutter unb Großmutter dürfen es nicht wissen. Ich schicke es zurück, ganz gewiß, Frau von Hilbach, Sie können es mir glauben!" Frau von Hilbach gab ihr das Geld. „Ich brauche es nicht sogleich zuruck Frieda.^ J@rjt 91 — En Anspruch genommen tourben und auch für die Verbreitung beti Neuigkeiten von allgemeinem Interesse sorgten. Durch bedeutende Schnelligkeit und gute Organisation zeichneten sich unter diesen Botenverbindungen besonders die von Zanetto von Taxis auf Befehl Kaiser Maximilians I. eingerichteten Stasettenketteu aus. Von diesen führte der fogenannto deutsch-niederländische Kurs, der nach einer Memminger Chronik im Jahre 1490 zur Verbindung der österreichisch-tirolischen Ver- tvaltungszentrale Innsbruck mit der flandrischen Residenz Mecheln angelegt worden war, durch das Gebiet des jetzigen Großherzogtums Dessen und berührte die Städte Worms und Bingen. Wornis wurde im Jahre 1495, als daselbst der Reichstag versammelt war, der Ausgangspunkt eines lebhaften Postverkehrs, als dessen Leiter Jörg von Eck erscheint. Die ältesten urkundlichen Beweise .für den deutsch-nieder», ländischen Kurs sind außer der bereits erwähnten Memminger Chronik zwei am 8. und 11. November 1495 in Mailand ausgefertigte und bis Worms reichende Poststundenpässe oder Postavisos, d. s. von den einzelnen Stationen dem Postillon al« Ausweis über die ihm zur Beförderung anvertrauten Briefsen- dungen offen mitgegebene Begleitschreiben. Nach diesen wurde die Strecke Mailand—Worms (710 Kilometer) in 16(P/s Stunden (6 Tagen Ißi/z Stunden) zurückgelegt. Eine weitere für unser Gebiet und den deutsch-niederlänt- bischen Kurs wichtige Urkunde ist der am 25. März 1506 von Franz von Taxis als „Postmaister" des Kaisers Maximilian I. für Mecheln—Innsbruck ausgestellte Postslnndenpaß, Nach diesem wurden u. a. die Orte Rheinböllen, Flonheim, Heppenheim, Rheinhausen (ein Dorf südöstlich von Speyer) berührt. Als Postboten waren in Flonheim Thoma und in Heppenheim Leinhart Beir stationiert. Ebenso wie der Kaiser unterhielten auch die Reichsfürsten für ihren Nachrichtenverkehr Botenverbindungen. So hatte Philipp der Großmütige (1518 bis 1567) für die Dauer des Reichstags zu Speyer zwischen dieser Stadt und Cassel eine Reitpost eingerichtet. Alle diese fürstlichen Botenverbindungeir stellten jedoch lediglich einen höfischen Stafettenbicnst dar und hatten mit der heutigen Post nur den Namm gemeinsam. Sie dienten nur dem Herrscher, seinen Ministern und Räten, wurden häufig verlegt, je nachdem das kaiserliche oder fürstliche Hoflager wechselte, nnd ließen oft wichtige, zwischenliegeorde Städte unberührt. Die Städte schufen sich daher eigene Botenanstalteu, die gegen Ende des Mittelalters schon einen regelmäßigen Verkehr mit planmäßigem Jneiuandergreifen der Botenlinien einrichteten. Die Stadtbolen waren aber in erster Linie für die Briefschaften der städtischen Behörden oder Gilden bestimmt, wurden von den Gemeinden oder Gilden besoldet und besorgten nur nebenhev Briefschaften von Privatpersonen. 2. Die ersten Anfänge einer wirklichen Post. Erst die zu Beginn der Neuzeit sich entwickelnde wirtschaftliche Umgestaltung, die durch die großen Entdeckungen der Seefahrer (1492 und 1498), durch die Erfindung der Buchdrucker- kunst (1440.) und durch das Wiedererwachen der Wissenschaften insolge der Reformation herbeigesührt wurde, erweckte in weiteren Schichten der Bevölkerung das Bedürfnis itach regelmäßigem Nacixrichtenaustausche. Dieses führte dann nach und nach zur Umwandlung des im wesentlichen auf Einzelbestellung arbeitenden Botengewcrbes in einen der Allgemeinheit zugänglichen regelmäßigen Postdienst (Ordinari-Boten) mit festetl Abgangs- und Ankunftszeiten, festen Kursen und allgemeinem Portotarif (vor 1585), also zu einer gemeinwirtschaftlichen Verkehrsanstalt. Bereits aus dem Jahre 1563 besitzen wir ein für die Allgemeinheit bestimmtes Postkursbuch, nämlich das von Giovanni da l'Herba, Kuriermeister der Republik Genua, veröffentlichte Jtenerario delle Poste, in dem auch der mehrfach erwähnte deutsch- niederländische Kurs mit der Station Wöllstein genannt ist. Die neuen Verhältnisse werden sich besonders die von der Familie Taxis eingerichteten Hofkuriere in weiterem Umfange nutzbar gemacht haben. Schon ein Brief Granvellas an Leon- hnrd von Taxis voni 18. Februar 1569 spricht von einem service du publique. Auch die Kurfürsten bezeugten im Jahre 1570, daß „der Taxissche Postkurs Wien—Brüssel insgemein allen Ständen und ihren Untertanen sowohl, als den Reichs- Commerzien in vielen Wegen nützlich und beguem" sei. Ein weiterer Beweis dasür, daß bereits im Jahre 1585 von den Taxisschen Hofkurieren zahlreiche Briese von und an Privatpersonen gegen ein bestimmtes Porto befördert wurden, ist die tm Jahre 1889 beim Umzüge des Amtsgerichts II in Frankfurt aufgesuudene Post aus dem Fahre 1585. Diese enthielt einen am 16. Mai 1585 von Roger de Taxis, deut spanischen Postmeister in Mailand, ailsgefertigtcr, an Lamoral de Taxis, Generale delle Poste de Sa Mta in Cöln, gerichteten Postaviso und 175 verschlossene Briefe, die von Privatpersonen in Mailand, Rom, Genua usw. herrührten uich für Kaufleute, Soldaten usw. in Cöln, Aachen, Lüttich usw. bestintmt waren; viele trugen Vermerke tote franco, francha sino (bis) Augusta (Augsburg) „Bezahlet das Porto". Nach dem Postaviso ging der Hoskurier von Mailand über Innsbruck, Augsburg, Rheinhausen durch Rheinhessen nach Wöllstein. Hier zweigte sich der Kurs nach Cöln von dem über Lieser (an der Mosel oberhalb Bernkastel) nach Brüssel gehenden deutsch-niederländischen Kurs ab. Der Cölner Kurs war im Jahre 1580 von dem taxisscheu Postmeister Hennot eingerichtet worden. Im gleichen Jahre hatte der taxissche Postrneister Sulzer in Rheinhausen eine Post von da über Heidelberg, Darmstadt nach Frankfurt eingerichtet., Auf den Kursen der Ordinari-Posten muß sich sehr bald ein lebbafter Verkehr entwickelt haben. An diesem nahmen auch die in der Nähe des Kurses gelegenen Orte teil. So brachten z. B. in Hessen die in der Nachbarschaft des Kurses Wien—Brüssel gelegenen Städte usw., namentlich das verkehrsreiche Frankfurt, ihre Briefe größtenteils nach Flonheim, von wo aus der Flonheimer Postmeister die Weiterleitung gegen bare Vergütungen besorgte. In den Frankfurter Botenbüchern finden wir daher vom Jahre 1540 an nur noch wenig Botengänge nach entfernteren! Orten verzeichnet, dagegen häufig Vermerke wie: „Ainem Pötten als er zu Flonheim gewest 1 ft. 4 Sch. 3 H.", ober: „dem Posw meister zu Flonheim durch Pfeiffer Jacoben verehren lassen, daß er die Brief desto ftirderlicher gen Brüssel schicken soll 2 Thaler" undsoweiter. Die Familie Taxis erfreute sich bei der weiteren Ausgestaltung der bestehenden Postverbindungen des weitgehendsten Schutzes der deutschen Kaiser. Schon Karl V. (1519 bis 1556) ernannte den Leonhard von Taxis zum niederländischen Postmeister; Ferdinand I. (1556 bis 1564) bestätigte ihn in seinem Amt — Bestallungsbrief vom 21. August 1563 — und Rudolf II. (1576 bis 1612) ernannte ihn durch Patent vom 16. Juni 1595 zum General- Oberpostmeister über die Posten im heiligen Reiche. Dieser , bezeichnete zuerst in einem „Mandat" vom 6. November 1597 die Post als ein „Hochbefreites Kaiserliches Regal, dem kein Hindernis! Eintrag ober Nachteil geschehen dürfe". Im Jahre 1615 erhielt Lamoral von Taxis das Postwesen des Reichs als ein neu eingesetztes „Regale" für sich und seine männlichen Erben zu Lehn. Kurfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs wurde befohlen, „bm Lamoral von Taxis und seine männlichen Leibeserben in ihrem Erb-General-Reichspostlehen bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade und einer Strafe von 50 Mark löthigen Goldes nicht im mindesten zu stören". Dagegen verpflichtete sich Lamoral durch Revers vom 20. Juli 1615 u. a., „nicht nur von Cöln nach Frankfurt, vou da über Offenbach — Seligenstadt— Würzburg nach Nürnberg bis an die itächste Post nach Böhmen eine neue orbiitäre Post auf seine Kosten einzurichten, sondern auch die von Alters gebräuchlichen ordinären Posten nach Nothdurst fleißig zu bestellen und in ihrem hergebrachten esse zu erhalten". Die Post von Rheinhausen über Darmstadt nach Frankfurt (Main) wurde im gleichen Jahre von dein taxisscheu Postmeister Johann vou den Birghden in Frankfurt in eine „Ordinari-Post" umgewandelt. Hessen-Darmstadt erlaubte die Anlegung neuer Stationen nnd gestattete den Posthaltern Befreiung von Staatslasten; dagegen wurden alle fürstlichen Privatschou Öen, Dienstbriefe und Akten auf der ganzen Strecke und darüber hinaus taxfrei befördert. Bas portugiesische „Museum der Revolution". Wenn eine Neuauflage des Baedeker für Portugal erscheint, wird man unter Lissabon wohl bei den Sehenswürdigkeiten eine neue Eintragung finden: „Museo ba Revoluyao", geöffnet Sonntags von 10—4, Trinkgelb nach Gutbünken. Vorsicht! Dynamit!" Luigi Barzini, ber bekannte Korrespondent bes Homere della Sera, gibt in einem lehrreichen Aufsatze eine lebendige Schilderung von der Entstehung dieser neuesten Schöpsuirg der portugiesischen Revolution und von einem Rundgarige durch dies wohl einzigartige Museum. Vom Stadtrat ging die Idee aus. Eine Ehrenstätte deZ Befreiungskampfes sollte geschaffen werden, aber bald entstanden Schwierigkeiten. Man sammelte eifrig alle nur erreichbaren Re- liguien des denkwürdigen Kampfes, aber das Ergebnis dieser Arbeiten hätte kaum ausgereicht, um ein kleines Kämmerchen notdürftig auszustatten. Und ein Museum von einem einzigen Zimmer märe zu dürftig gewesen. In dem Jesuitenhaus, wo heutq bas Museum untergebracht ist, standen fünf Zimmer, Treppenhaus und Vorsaal nicht gereckMet, bereit, man mußte sie füllen, und! man hat sie gefüllt. An das Arsenal wurde die Bitte gerichtet^ Waffen zu schicken, unb bie Bitte wurde erfüllt, überall starren! einem heute im Museum altertümlich Pistolen unb Gewehre eut- gegen, geschliffene Säbel kreuzen ihre Klingen, Bajonette starren zum Himmel, ja sogar bie Ruder hat mau geschickt, mit denen! Matrosen ans Land ruderten, und Taue von den Schissen, bie zuerst meuterten. Die Waffen fiiib nie gebraucht worben, aber sie hätten gebraucht werben könneit unb haben daher auch bas! Recht, in biesem Museum von Portugals Revolution ihren Platz, zu fiiiben. Von ben Wänden des Vorhofes leuchten dem Besucher mahnende Inschriften, sorgsam auf Karton gemalt, entgegen. „Die Deutschen, die Franzosen, bie Italiener und bie Engländer werben nie behaupten können, daß bie Portugiesen! geboren finb, um beherrscht zu werben, sonbern um zu herrschen!" „Kühnes Volk, das du die größten Dinge der Welt vollbringst." llnb einige Schritte weiter lieft man: „Die Widerstände, die sich ollem Großen entgegen türmen, müssen überwunden voerdeu. — 92 Dlebattion: SL Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universnäts-Buch- und Sleindruckerei, R. Lang«, Wietze» Rätsel. (Die Buchstaben A, B und C sind durch Wörter zu ersetzen.) Das A zeigt dämonische Märchengestaltei,, SDian könnte noch heut' manche Frau'n dafür halten. Für B erklärt man den Handwerksmann Und den Künstler, sobald er was Tüchtiges kann. Das C hat oft Tausenden in der Schlacht^ Verderben und Krankheit und Tod gebracht. Wer der Welt als A B zu erscheinen begehrt, Ward einstmals getötet, heut' wird er geehrt. Gelang dir B C, so ernennt man dich gleich Zum König, doch hast du nicht Krone noch Reich. Und wenn dir zur Pein A und C sich verbinden, So wirst du Erlösung int Dampibade finden. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Es geht nicht immer wie man will. vermischtes. * Ein Bankett gm Hose JwcknS deS Schreck- l i ch e n. Der jetzige russische Botschaster in Konstantinopel Tscharykvw sand vor mehreren Jahren, als er Gesandter beiist Päpstlichen Stuhle war, in Rom ein Tagebuch Raphael Barberinisj der 1564 als Delegierter italienischer Kaufleute sich nach Moskau an den Hos Iwans des Gestrengen begab, um mit Rußland Handelsverbindungen anzuknüpsen. Tscharykvw veröfsentlicht jetzt ein Bruchstück dieses Tagebuches ,in Buchform im Verlage von Plon in Paris (Le chevalier Barberini chez le Tsar Ivan k Terrible). Wie Barberini erzählt, wurde er in Moskau mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, „besser als die Gesandten, anderer Staaten". Der schreckliche Zar lud ihn zu einem Bankett ein, das nach dem Gottesdienst stattsand und von Barberini eingehend beschrieben wird. Als Iwan den Speisesaal betrat, nahm er die Krone vom Kopse und setzte an ihrer Stelle eins Pelzmütze aus. Die Tische waren ohne bestimmte Ordnung nist einen riesigen Ofen gestellt. Bor den Tischen standen niedrige! Holzbänke. Erst nachdem der Zar an einem der Tische Platz genommen hatte, dursten die eingeladenen Gäste den Saal betreten. Ein Dolmetscher nannte dem Monarchen nun die Namen der eintretenden Fremden; Iwan wiederholte jeden Namen und wies jedem Gast seinen Platz an. Barberini wurde an einen -lisch plaziert, an dem zwölf gefangene deutsche Ordensritter saßen. Auf ein von dem Zaren gegebenes Zeichen nahmen die Bvfarcn ihre Plätze ein, jeder, wie es sich gerade traf, einige sogar am Tsich Iwans. Der Saal wurde durch Kerzen in einfachen Leuchtern! erhellt. Salz wurde den Gästen zuerst nicht gereicht. Nur vor dem Platz des Zaren stand ein silbernes Salzfaß und em Korb mit Weißbrot. Der Monarch verteilte später erst selbst Salz und Brot an seine Gäste. Jedem von den Fremden setzte er hierauf eigenhändig einen großen Pokal mit Wein vor. Diese Em- leitungszeremonien dauerten etwa zwanzig Minuten, und fedes- mal, wenn ein Gast vom Zaren Salz, Brot und Wein vorgesetzt bekam, erhoben sich alle von ihren Plätzen. Hierauf 'betraten zwölf Diener den Saal, die ungeheure Schüsseln mit unzerschnittenem Fleisch trugen. Sie defilierten mit den Schüsseln an Iwan vorüber, verließen den Saal und erschienen erst nach einiger Zett mit den Schüsseln wieder, ans denen das Fleisch jetzt in Hemd Stücke geschnitten lag. Die Diener stellten die Schüsseln vor den Gästen ant die Tische und das Essen begann. Hinter dem Zaren stand ein Mundschenk, der einen großen goldenen Becher hoch ttt den Händen hielt. So oft der Zar auf die Gesundbett .eines seiner Gäste trank, standen alle von ihren Plätzen auf. Bor jedem Toast bekreuzigte sich der Zar dreimal. — Das Bankett, wahrend desseit die Diener fleißig einschenkten, dauerte drei Stunden, und zum Schluß waren fast alte etwas berauscht, hinter und Geschrei räumten die Diener die Tische ab. Nachdem dreS geschehen war, rief der Herrscher von den Tischen einzelne Bofaren und Freunde zu sich und reichte ihnen einen bis zum Rande gefüllten Pokal, den sie sofort vor ihm leeren mußten; dieS war eine besondere Auszeichnung. Barberini, dem diese ElM ebenfalls zuteil wurde, trank den Becher, wie er erzählt, uns mit Mühe aus. Am nächsten Tage empfing bet, Zar Barberini I in besonderer Audienz, unterhielt sich leutselig mit ihm, und bet I Italiener erledigte seins Angelegenheiten nach Wunsch. * Gewohnheitsmäßig. Frau: „Wenn mein Mann doch nicht so furchtbar zerstteut wäre! Denken Sie nur, was I mir am Sonntag im Restaurant „Zum Schlesischen Zecher passiert ist! — Bekommt er da einen verdorbenen Hammelbraten | serviert, auf einmal schmeißt er mir das ganze Eisen rnitsantt dem Teller an den Kopf —! Sie glauben gar nicht, wie ich I mich vor den Leuten geniert habe!" gto betritt Man, angemessen Vorbereitet, Sie fünf Sj^mer, bie ben I Reliquien der Revolution gewidmet sind, den „Saal der Marine , I heu „Saal der Armee", den „Saal der Presse , den „Saal des I Volkes" und zum Schluß den „S aal.der Kon lgs mord^er4 ßn einem Schranke sieht man die Uniform des Admirals Eagdido I • kd g?cja eines der wenigen Männer, die als Opfer der Revo- ! Intimi fielen In einem großen Rahmen sind systematisch die I Photographien aller Marineoffiziere ausgestellt, die die Monarchie I Hpryfrl Mi hnBPlt StC flCltCll ülA cpelbfirt, lUtb Tiltt 9tCu)'t. I toor kurzem der Präsident Braga dem belgischen Gesandten den | Srieg-vninifrer vorstellte, wollte er dem fremden Diplomaten zugleich taktvoll irgend etwas Lobendes übet den Minister sagen. I Erzellenz, ich habe die Ehre, Ihnen den Obersten Antonio Samer Gorteia Barreto, Kriegsminister, vorzustellen . . . ; Braga suchte | jNach einer Empfehlung seines Ministerkollegen und sie fiel ihm I auch ein: „Er hat 20 Jahre lang konspiriert." Der belgische Gesandte brachte nur ein erstauntes „Ah" hervor. Em besonderes Wild im Museum stellt den Marinekanonrer dar, der auf das Königsschloß zielte. Er ist natürlich befördert worden, und neben seiner Photographie sieht man die Wirkung seines tapferen Schusses dargestellt: ein paar zerbrochene Rahmen, ein beschädigter Stuhl. Und das Volk steht davor und starrt andächtig auf diese Reliquien. Die ersten republikanischen Flaggen, die gehißt wurden, scqmucken die Wände. Besonders muß die Flagge des Kreuzers „Vasco de Gama" erwähnt werden; die Flotte m Lissabon wechselte ohne I Hindernisse ihre Farben, der „Vasco de Gama" aber mußte leiden.. Als er in Batavia die repnklikanische Flagge hißte, erflarte der I Hafenkommandant, daß man das Schiff einfach als in Meuteret begriffen betrachten müsse. Nach langer Verhandlung etmgtel man sich auf „Kriegszustand", und der „Vasco de Gama" mußte ikmerhalb von vier Tagen den Hafeir verlassen. _ Die Lehre hatte I mir Folge, daß der Kreuzer auf der Rückfahrt auf hoher See zwar republikanisch flaggte, in den Häfen aber die Königsslagge hißte, da er sonst keine Kohlen hätte eimiehmen können. Aus dem „Saal des Heeres" starrt dem schüchternen Besucher eine furchtbarst Masse' von Piken, Lanzen, Pistolen, Hellebarden, Kanonen und Mitrailleusen entgegen. Im Geiste wollen furchtbare Phantasien I blutiger Kämpfe auferstehen, und zur Beruhigung flüstert man sich die Nummer 65 zu. Denn der ganze schreckliche, heroische Kamps hat in drei Tagen insgesamt 65 Opfer gefordert, darunter sehr viele Hausfrauen. Denn die Kugeln drangen durch die Fenster in die Wohnungen, und am sichersten ivaren wohl bte Kämpfer auf den Straßen. Man weiß, daß die wenigen Truppen, die überhaupt an den Kämpfen teilnahmen, nach emem kürzens Scharmützel den Kampf auf gaben und sich auflösten. Die Offiziere flohen nach Villasraiica. Woher stammen also diese Waffen? Es sind die Gewehre, die nicht losgegaugen sind. Wären sie losgegangen, wäre vielleicht alles anders geworben, ihr I Schweigen hat die Republik gemacht, also gehören )te auch ins Museum. Den Ehrenplatz nimmt eine kostbare Religue ein, einige Sprengstücke eines Schrapnellgeschoßes. Ern Apotheker! I las sie .auf der Straße auf und heftete ihnen gewohnheitsmäßig! einen Zettel an. Daneben liegt ein Spazierstock, der dadurch I berühmt ist, daß ein Zollbeamter ihn bei einem Straßenauslauf lat§ Waffe benutzen wollte. Einige Gewehre sind beschädigt.. Man denkt an schlimme Bajonettkämpfe; dann liest man die Erklärung: -»Gewehre, die imbrauchbar wurden, weil mit falschen Patronen I geladen." Wenn nur den unvorsichtigen Schützen dabei nichts passiert ist. Im „Saal der Presse" sind bte Wunde mit den Nummern der Lissaboner Zeitungen tapeziert; charakteristisch | fft, daß sämtliche Meldungen aus diesen Tagen durch die Wirklichkeit längst dementiert sind. Im „Saale des Volkes leuchtet suns eine große Inschrift entgegen: „Die Jndisziplm ist die s-eele der Kämpfe des Volkes." Daneben Fahnen, die dem Gegner abgeiiommen wurden; die Flaggen der Klöster imb der Religionsschulen, die man nach der -Flucht der Zöglinge fand. Und dabei die Büste Luciano de Castros, des königlichen Exmmisters. Sie ] Wurde unter dramatischen Umständen gefangen genommen. Eine Gruppe Revolutionäre wollte Castro verhaften, er war nicht zu Hause, und statt dessen verhaftete mail seine Büste. Sie steht heute im Museum als Relique der Revolution. Daneben, in langen Glaskästen wie in einem Aquarium, Bomben, Photographien, technische Erkläriingen dieser Mordinstrumente, die Gott- seidank nie ab gefeuert wurden. Auf einer der Bomben liegt eine Zigarre und eine Zigarette König Manuels. Sie teilen das Schicksal der Bomben: auch sie haben nie Feuer gefangen.. „Aber das Groteske wird zur Schaulosigkeit, wenn man den letzten Saal betritt. An den Wändeil verherrlichen Sprüch« die Taten der Königsrnörder, das amüsierte Lächeln des Besuchers schwindet: als kostbare Heldenreliquie liegt hier das Gewehr, mit dem König Carlos und der Prinz Louis Philipp ermordet wurden. Und als Ehrendenkmäler der Nation daneben der Mantel Und der Hut, die der Mörder trug. So steht man nachdenklich! vor dem Rätsel dieser Rasse, die sich selbst und ihre Taten nur durch Vergrößerungsgläser zu sehen scheint. Das Gefühl für hie Lächerlichkeit scheint verloren, und alle Werte verkehrt. . . .