gntp.'J.b MmI I ?« UM fctWV Das Witwenhaus. Rornan von Helene von Mühlau. Kvilsetzung.) (Nachdruck verbotene Am nächsten Morgen war die Pastorin ganz normal, sie schien gar nichts mehr von dem Borfall von gestern »u wissen; sie trank warme Milch, aß Semmeln und freute sich-. da st ihr Sohn da war. Fran von Hilbach schickte die kleine Liese in der Pastorin Wohnung, damit sie Feuer im Ofen machte und eine Strmde später schwebte die Gräfin vergnügt am Arm ihres Sohnes aus der Alkovenstube. Sie ging mit ihm hinauf, um ihm ihr Buch zu zeigen, nm ihn zu bitten, sich auch ein solches zu kaufen. Auch ihre anderen Söhne sollten eins haben — und wenn sie selber es ihnen kaufen mußte. — -Zo," sagte die Kosh, als sie mit Frau von Hilbach allein war, „nn reden wir kein Wort mehr über die Pastern, Nu haben wir genug mit fremden Leuten zu tun gehabt, nu kommen wir endlich an die Reihe'" Sie wurde aber noch einmal unterbrochen, denn Lang- mann kam und brachte einen Brief für Frau von Hilbach, und wenn Langmann kam, wurde ihm eine Tasse Kaffee Vorgesetzt, weil er so nett zur Kosh gewesen war wahrend ihrer schweren Krankheit, weil seine Frau dafür gesorgt hatte, daß sie ihre alten Kunden nicht verlor. Sie sprachen über allerlei, was sich im Ort begeben hatte; Langmann erzählte von dem und jenem, aber nichts Besonderes, denn wenn nicht gerade einer starb oder sonst ein Skandal irgendwo entstand, geschah ja zu dieser Zech nichts int Ort. Es kamen auch wenig Briefe an, und die wurden rmr zweimal am Tag ausgetragen. Frau von Hilback hatte einen Brief von der ^-rau Natusius bekommen. Die teilte ihr den Tod ihrer alten Mutter mit und sprach zugleich den Wunsch aus, ms Saalehaus zurückzuziehen, denn ihre Frieda hatte letzt eine Stellung, bei der ihre Mutter überflüssig war. Frau tusius sehnte sich nach ihrer Stube mit dem schonen Blick und nach ihrer Strickmaschine. „Re, ne," sagte die Kosh, „daß die alte Frau nu auch weg mußte' So geht es nu im Leben! Immer einer nach dem andern muß fort. Ich bin ja. auch mal knapp dran vorbeigekommen! Ne, ne, die alte Frau! Sie Kabel! sie doch auch gekannt, Langmann?" Langmann sagte „ja!" Er hatte sie manchmal gesehen. „Nu, die hat's doch auch lange genug gemacht!" Memllte er, „die hatte doch ihre Siebzig hoch hinter sich!" Die Kosh rechnete nach. „Ja, nach an die Achtzig muß sie gewesen sein, aber frisch wie eine von fünfzig, überhaupt xine gute Frau und hat doch auch ihr Teil durchgemacht löt Leben!" Wie das denn häufig geschieht, daß mau über Tote, die einem im Lebert kein Leid zugefügt haben, etwas zu ideal urteilt, fing die Kosh an, der alte» Frau ein Loblied zu singen und weinte um eine, der sie nie im Leben etgent* ich nahe gestanden. „Ne, ne Langmann, wenn man so bedenkt, wie sich doch alles ändert! Acht Witwen waren lvir voriges Jahr m Haus, nu sind wir noch zwei, — ne, sagen wir zwei — und eine halbe, denn die Pasterin oben zählt ruckst mehr voll." Weil sie einmal auf die Pastorin gekommen war, fing sie an, Langmann von den jüngsten Ereignissen im Haus zu berichten. Der schüttelte den Kopf und sagte zweimal: „Btan soll's nicht für möglich halten! Da müssen Sie sehen, daß Sie sie bald loswerden, so eine kann gefährlich, werden! Ne, man soll's nicht für möglich halten!" Er trank seinen Kaffee aus, ließ sich noch eine neue Tasse aufnötigen und sprach weiter mit der Kosh. Frau von Hilbach saß am Fenster und dachte nach, warum der Inhalt dieses Briefes sie wohl so traurig machte. Sie wußte es nicht, nein, sie wußte nicht, daß sie nun genug, übergenug von Tod, Krankheit, Armut und Per- zweiflung gehört hatte, sie wußte nicht, daß ihre Seele nach Freudigkeit und Glück und Liebe hungerte, daß fte in dieser schweren, erdrückenden Gegenwart nicht lange mehr leben konnte. Sie dachte auch ungern daran, daß Frau Natusius mit ihrer Strickmaschine in ihr Haus zurückkehren sollte. Sie haßte diese Strickmaschine, sie hatte Augst vor rhr. So eine Strickmaschine war wie der Pastorin klemes, schwarzes Buch, mau konnte wahnfinnig darüber iverden, oder weirn man nicht wahnsinnig wurde, wurde man stumpf, wurde selbst zur Maschine. „Ne," sagte die Kosy, „daß die Natusius wiederlommt, davon ist keine Rede, das glaub ich, daß die die Stube gern wieder hätte, ne, ne!" Langmann verabschiedete sich. Die Kvsy rief Frau von Hilbach wieder neben sich ans Bett, um ihr euch uh von dem zu reden, was sie nun so lange mit sich all an herumgetragen hatte, feit dem Sommer schon. Gleich im Herbst, wie ihre Frau ans Leipzig von der Frau Bauunternehmer zurückkam, hatte sie davon reden roofleit, aber da war die Krankheit dazwischen gekommen: nun ging der November bald zu Ende, und Frau von Hilbach wusste noch nichts. , .. , ... „Also Frau von Hilbach, nun geben Ste gut Obacht und überlegen Sie alles wohl!" sagte sie und bereitete sich zu einer längeren Rede vor. Ach bitte . . ." Ein junger Mensch unterbrach fte; er hätte nur ganz leise angeßlopft und trat ins Zimmer. Er stelle sich als Herr Melzing, der älteste Sohn der Pajtorm vor. Auch er hatte ein Telegramm von seiner Mittler erhalten, war in großer Bestürzung nach Schloß Wehringen gereist und hatte sie nun hier ziemlich wohlauf getroffen. „Wir haben uns soeben entschlossen, unsere Mutter — 222 — Bei einer Verwandten in Pension zu jgeben!" sagte er, „und wollen für Ostern kündigen!" „Gut, mein Herr!" meinte die Kosh und wollte er-- Kähleu, aber der junge Mann hatte große Eile. „Also die Kündigung ist rechtskräftig?" fragte er noch einmal, und die Kosh sagte „ja!" „Unsere Mutter fährt gleich heute mit uns!" fügte er noch zu Frau von Hilbach gewandt hinzu, „die Möbel müssen einstweilen noch stehen bleiben!" Er verneigte sich und ging. Die Kosh sagte: „Ausgezeichnet! Das paßt auf unsere Pläne wie das Pünktchen aufs i. Also nu los, Frau von Hilbach. Was ich Ihnen jetzt sage, ist schon seit dem Sommer so bestimmt; aber am ersten Dezember erst kann uns die Frau Belzig ganz endgültigen Bescheid geben!" Frau von Hilbach sah erstaunt zu der Alieu hin und die fuhr fort: „Ja, die Frau Belzig! Nu, hören Die mal! Also die Belzigs haben doch ihre Gastwirtschaft in Lahren- feld, und daß die Frau Belzig krank auf der Brust ist und die Wirtschaft nicht mehr versehen kann, das wissen Sie ja! Nu, so lang wie der Herr Belzig ganz stramm war, hat er kein Gefühl für seine kranke Frau gehabt, denn so sind die Männer: Sind sie selbst gesund, dann muß es ore Frau auch sein, wenn sie's nicht ist, wird der Marin in vielen Fällen ungeduldig und mißmutig. So war's auch mit deni Herr Belzig. Nu auf einmal ist ihm aber selbst die Wirtschaft zir toll geworden. Jede Nacht bis zwei oder drei ausbleiben, das verträgt er nicht mehr, ühlt sich aber auch noch zu jung, um sich zur Ruhe zu etzen. Diesen Sommer nun, es war im August, da ■ 'otntnt er mal zu mir an den Brunnen, schüttet mir ein Herz aus und sagt mir, daß er was suche, was in eine Branche schlage, aber doch keine richtige Wirtschaft sei. >— Wer mir da plötzlich den Gedanken ein gegeben hat, das weiß ich nicht, kurz und gut, ich sag schlangweg: „Ich weiß was für Sie, Herr Belzig!" Dann schlag ich ihm vor, daß er unser Haus in Pacht nimmt und an Sommerlgäste en gros vermietet. — Das hat er sich im Köpf ^erumgehen lassen und hat mit seiner Fran darüber ge- prochen, und wo die doch einmal so sehr für unser Haus chwärmt, ist sie Feuer und Flamme dafür und quält ihren Mann Tag und Nacht. So was geht natürlich nicht im Handumdrehen; ehe so ein Mann ein neues Geschäft übernimmt, muß er doch das alte los sein. Das ist nu jetzt die große Frage, die sich am ersten Dezember entscheidet. Er hat nämlich einen Käufer für seine Wirtschaft; macht der die Sache perfekt, dann pachtet er unser Haus auf fünf Jähre und es fehlt nichts, als Ihre Einwilligung, Frau von Hilbach. Da hab ich ihm gesagt, darum braucht ihm nicht bange zu sein, denn 'raus niüssen Sie, Frau von Hilbach, sonst steh ich für nichts bei Ihnen ein, besonders wenn der Doktor nicht zurückkommt!" Sie sah forschend in Frau von Hilbachs Gesicht. Als die nicht gleich etwas erwiderte, sagte sie zweimal ungeduldig: „Nu? — Ne, Frau von Hilbach, ba gibt's kein Besinnen, und zu weinen brauchen Sie deshalb auch nicht. Zwei und ein halb Jahr ivohnen Sie jetzt in dem Haus; wenn Sie recht überlegen, was hat es Ihnen gebracht? Kummer und Sorgen und wieder Kummer und Sorgen, weiter nichts. Nu ja, ich versteh ja schon, den Doktor abgerechnet, aber das ist doch auch mal nur 'was Ungewisses, und den Fall gesetzt, daß er nicht wieder- kommt, dann war die ganze Aufregung mit ihm schlimmer, als alle andern Sorgen zusammen, denn Geldsorgen vergißt man, wenn sie vorüber sind, aber so 'was, was so tief ins Herz geht, das schüttelt man nicht so einfach ab, das kenn ich aus Erfahrung!" „Aber Kosh," sagte nun Frau von Hilbach leise, „was wird denn mit uns?" „Das will ich Ihnen gleich sagen, Frau von Hilbach, bas ist bis aufs kleinste Detail in meinem KVpf fix und iertig. Stemmt der Doktor, gut, dann hat der zu bestimmen, weil er der Mann ist. Kommt der Doktor nicht, >ann machen wir alle drei nach Berlin, Sie und ich und Erwin." Sie mußte lachen, als sie Frau von Hilbachs erschrockenes Gesicht sah. „Wovon sollen wir denn aber leben, Kvsy?" fragte sie angstvoll. „In Berlin ist doch alles so teuer!" „Das denkt man so!" sagte dre Ktesy. „Ich hab doch tojj genug in Berlin gelebt, um zu wissen, wie es da zugeht. Ein paar Mark Miete muß mau mehr zahlen wie hier, aber das ist auch alles; dafür hat man denn dort eine ganze Menge Chancen mehr, vorwärts zu kommen, wie hier. Was mich anbetrifst, ich nehm die Arbeit mit den Wachsrosen wieder auf, und für den Notfall können Sie das ja auch lernen. Dann hab ich gedacht, wo Sie doch ein paar fremde Sprachen sprechen, können Sie Unterricht erteilen. Wir rücken eine Annonce in die Zeitung, und sticken können Sie auch für Geschäfte, nu, das find sich alles! Verhungern tun wir nicht, da sorg ich für, und wenn Sie erst wieder ein bißchen Leben um sich sehen, dann werden Sie auch froher und unternehmnngs- tustiger." „Tun Sie, was Sie wollen, Kosh!" entschied nun Frau von Hilbach. Es war ihr plötzlich wieder so ganz und gar gleichgültig, was nach dem ersten Januar geschah. Mußte sie dann weiterleben, dann gab es für fte doch keine Sonne, keine Freude mehr. Ob sie dann in Berlin oder hier im Witwenhaus lebte, das war dasselbe. „Wenn Sie nur nicht immer so weinen wollten, Frau von Hilbach! Das ist nur Nervosität. Nehmen Sie 'mal Grtvin an der Hand und laufen Sie jeden Tag ein paar Stunden auf Sie Berge. Nu haben Sie wochenlang ineinetwegen im Zimmer gesessen — und, weiß der Himmel, was Sie sich in der Zeit alles zurechtgedacht haben! Sehen Sie, zu so 'was kommt man iit Berlin gar nicht, da braucht man nur vor die Tür zu gehen, dann ist man gleich mitten drin im Leben. Sie sollen 'mal sehn, wie bald Sie da eine andere werden! Mit der Pacht sind Sie also ganz einverstanden, wenn der Herr Belzig kommt?" „Ja, Kosh!" sagte Frau von Hilbach, und trocknete ifiTC X'räncti. „So, das ist Vernünftig!" frohlockte die Alte. „Nu wollen wir mal abrechnen und zusehen, ums uns übrig bleibt. Daß Sie Hundertunfünfzig Mark für die geliehenen Möbel in Naumburg zahlen mußten, ist eigentlich viel, Frau von Hilbach, aber doch immer noch bester, als wenn wir sie gekauft hätten." Sie berechneten nun ihre Ausgaben und Einnahme» und fanden, daß sie besser standen, rote sie gedacht. „Wenn Sie sich für den Notfall itoch entschließe könnten, Ihre Wertsachen zu verkaufen, Fran von Hilbach, dann hätten wir noch fünfhundert Mark mehr, und der Belzig zahlt die Pacht halbjährlich im voraus, dem kommt's nicht drauf an. Macht er die Sache perfekt, dänn will er schon zu Mitte Januar einzieben, aber bis April können wir wohnen bleiben, und bis da — ---" Frau von Hilbach stützte den Kopf in die .Hand. „In so eins, wie unser Witwenhaus, gehört einmal ein Mann, Iran von Hilbach, Sic sollen mal sehen, was der für eine Zucht hereinbringt! Ich hab ihm auch schon gesagt, daß Sie ,o sehr an dem schönen Blick hängen, und er will Ihnen jeden Sommer ein Zimmer gratis vermieten, wemr Sie nicht grab in der Hockgaison kommen. So, nnb nu möckt ich Sie bitten, mal in meine Wohnung heraufzugehen', Frau von Hilbach, und mir all mein Zeug für meine Wachsrosen zu bringen. Ich tarnt die Finger schon wieder iruntm machen und Sie tönnen mir zusehen; das lernt sich leicht nnb ist meiner Ansicht nach auch eine schönere Beschäftigung, wie Namen sticken, strengt aüch die Augen nicht an und ist doch eigentlich Kunst zu nennen, denn man freut sich dabei, wenn ein Stück immer schöner wird, wie das andere." (Fortsetzung folgt.) Zu Scheffels 25. Todestage. (1886 — 9. April — 1911.) Von Dr. Paul L a n d a u. Summend, singend, rein verklingend, Süß erstrebend kommt der Ton, Luft und Wellen führen schwingend Seinen letzten Hauck- davon. So tönte am Abend des 9. April 1886 das Abendläuten von der Karlsruher Stadtkirche in das Totengemach, in dem der sterbliche Teil Josef Victor von Scheffels, endlich befreit von allm Leiden und Qualen, zur eitrigen Ruhe entschlummert war. Schon lange war sein Leben verdüstert gewesen von. schweren Schatten, Elin müder, ein mit der Welt zerfallener Mann war er, der keck Jahren bereits dem Grabe zuwankhe, Wie anders wirkt dieges 223 DMeickeheN tt'uf beii nachdenklichen Betrachter, als. die Gestalt . des trinkfrohen, humorvollen Poeten im Bewußtsein der Allgemeinheit sich spiegelt! Wie wir sein Standbild heute sehen, Vn einem der schönsten Flecke deutscher Erde, unter den Bäumen des Heidelberger Schloßgartens, den stolzen Ruinen des herrlichen Banes gegenüber, so erscheint er als das Ideal eines gottbegnadeten I Sängers, der von Jugend und Weltlust, von Liebe und Wein | gesungen. Scheffel, dessen Schaffen eine so beispiellose Popularität! zu Teil geworden, hat auch das seltene Glück gehabt, in deo Verklärung seiner goldenen Blütezeit, der kurz-en Jahre, da der Mensch und der Künstler den Glanz und die Fruchtbarkeit feiner Begabung voll entfalteten, in der Erinnerung sortzuleben. Wo der Helle und heitere Geist Alt-Heidelbergs, die Poesie des I Studententums, die Freude am reinen Sang und reinen Trank! I waltet, da leuchtet Scheffels Muse als „ein Bildchen, ein göttliches^ vor: „Wir klingen und singen: Bibamus!" . . . Doch Neben dieser sonnig leuchtenden Ideal gestalt, die ein Gewinn 1 Unseres Vökksgemüts ist und die man niemandem vor die Seele zu rufen braucht, steht die reale Persönlichkeit des Ekkehard- Schöpfers, wie sie eine umfangreiche Scheffel-Forschung uns geschildert hat, in viel düstereren, ja tragischen Farben da. Wer mit den Augen des Wissenden das Heidelberger Denkmal. betrachtet, wird in dem gestiefelten Wanderer nicht mehr den rüstigen | -.fahrenden Scholaren" erblicken, sondern den verzweifelten „Irre- I gang", den rastlosen, von einer innerlichen Qual hin und her getriebenen „Fremdling und Unbehausten": das Notizbuch-, das ihm in die Hand gegeben ist, wird dann zu einem Symbol des- ihn verzehrenden künstlerischen Zwiespalts werden, der ihn zum Sammeln gelehrten Kr-ams, zu einer verhängnisvollen Vermischung von Dichtung und Wissenschaft trieb und die innere Stimme des Genies immer mehr erstickte. Heute, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode, müssen wir vor allem danach fragen, warum der ganz beispiellos fruchtbaren Ernte der Jahre 1852—54 eine so furchtbare Ermattung folgte, warum in dieses so sichelnd beginnende, zunächst so harmonisch angelegte Dasein ein )o unheilbarer Riß gekommen ist. Adolf Hausrath, der Landsmann und langjährige Freund des Dichters, hat über Scheffels Leben als tragisches Motto das Wort „Zu spät" gestellt: „Zu spät ist es für ihn, noch Maler zu werben, zu spät denkt er an eine akademische Laufbahn, zu spät wurde er selbständig, zu spät hat er geheiratet." Aber die Gründe für das Scheitern feiner Hoffnungen und Ziele ließen doch tiefer, liegen vor allem in dem sensiblen, leicht aus dem Gleichgewicht, gebrachten Temperament des Dichters. Inwieweit etwa Vererbung mitwirkte, ist schwer zu sagen. Doch war sein Bruder Karl von Geburt an „geistig und physisch ein bedauernswerter Krüppel". „Die Lust zum Fabulieren" ist Scheffel von seiner Mutter überkommen, die bereits in dilletantischer, aber doch überraschend ähnlicher Weise die Grundakkorde seiner Poesie auschlug, den trinkfesten und den archaisierenden Ton, die humorvolle .Phantastik. Die Sage von Rodensteiner, den Stoff für eine Meisterleistung des Sohnes, hat sie in Verse gebracht und auch einen „Schwarzwaldsang", „Malcha und Thorild", den „Trompeter" vorausahnend, gedichtet. Während die Mutter für die ihr so verwandte Dichtergabe des Sohnes viel Verständnis hatte, kam es zwischen ihm und dem bürgerlich engherzigen, bei aller Güte doch zäh widerstrebenden Vater zu Konflikten, die tiefe seelische Verstimmungen in dem jungen Manne hervorriefen. Es mochte ja dem praktisch- und ruhig Denkenden gewagt erscheinen, daß der Sohn, nachdem er seine Examina gemacht hatte, bereits in eine gesich-erte Beamtenlaufbahn eingetreten war und -,iu- zwei Jahren Assessor am Hof gerecht in Mannheim hätte sein können", Künstler, Maler werden wollte. Auch dieses Schwanken zwischen bildender und dichtender S’hmft, das Gottfried Keller ebenso Jahre lang gequält hat, zehrte an seinen inneren Kräften, bis er schließlich in Italien einsehen lernte, daß „allen seine Geschichten mehr gcfiel-en, wie seine Zeichnungen", und er sich in dem begeisterten Schaffensrausch seines „Trompeter" von dem Phantom der Malerkunst zu befreien suchte, -ohne doch den schönen Traum je ganz ausgeben zu können. Und es schien nun eine kleine Spanne Zeit, als sollte alles gut werden. Den nur so gelegentlich hingesungenen „Liedern eines fahrenden. Schülers" (1847) folgten das treffliche Epos und der prachtvoll gestaltete große Roman. Neu-e Pläne drängten sich ihm in Fülle zu und der heimischen Misere mit dein zürnenden Vater entzog er sich durch die Uebersiedelung nach dem „Wnstlerparadies" München. Da vernichtete ein Schlag all seine Blütenträume; die über alles geliebte Schtvester starb plötzlich Md der Bruder der gegen den Willen des Vaters ihren B-csuch in München durchgesetzt hatte, zermarterte sich in fetbstguäierijchen Anklagen, er habe sie getötet. Ein erstes Auftreten fixer Ideen, die sich daun später in dem Glauben, der Großherz-og von Sachsen-Weimar werde die Vollendung des versprochenen Wartburg-Nvmans ev zwingen, zum Verfolgungswahn steigerten. Seine Nerven waren durch den Tod der Schwester furchtbar angegriffen; seinen völligen Zusammenbruch veranlaßte dann eine traurige Liebesaffäre. Der Sänger beglückter und hoffnungsvoller Liebe ist selbst in seinen Beziehungen zu Frauen von schlimmem Mißgeschick verfolgt gewesen. Seine Münchner Freundin, dio schone Elise von Moy, ging ins Kloster; die Angebetete seiner Kärlsruher! Jüngliugszeit, die schlanke Emma Heim, an die die Lieder Jung- Werners gerichtet wurden, zog dem von seinem Vater abhängigen Poeten eine „gute Partie" vor. Diese Liebe hat lange als ein Unstern über Scheffels Seelenleben geschwebt; die tiefste, nie mehr ganz verharschende Wunde ward seinem Herzen hier geschlagen, und es heißt die Verhältnisse völlig auf den Kopf stellen, wenn der Herausgeber des Briefwechsels zwischen Scheffel und Emma, Ernst Boerschel, diese Beziehung als das gute Prinzip in des Dichters Sein und Schaffen hinstellen will. Das Gemütsleiden, das sich Ende 1860 in ihm entwickelte, war jedenfalls durch die Untreue der Jugendgeliebten stark mitbedingt. Als der wieder Genesene dann 1864 die Ehe mit Karoliue von Malzen schloß, war er zu! alt geworden, um glückliche zu sein. Wach schweren inneren Kämpfen trennten sich die beiden Gatten bald wieder und erst an Schessils Totenbette haben sie sich versöhnt. Er selbst lebte nun, während der Ruhm und Erfolg ihn um rauschten, als ein einsamer müder, mürrischer Einsiedler, glücklich nur als Gutsbesitzer auf seinem! eignen Grund, sich hauptsächlich der Erziehung seines Sohnes widmend. Nur selten noch besuchte ihn die Muse, häufiger tarnen die grimmen Geister der Melancholie und Unrast, bis in den letzten Jahren seines Lebens wieder heftige „Paroxysmen" aus- bra-Hen. Immerhin lag doch ein blasses leises Spätglück über dem Lebensabend des „stillen Mannes". Mit dieser unholden Trübsal seines Lebensganges ist die Wnstlerische Tragik in Scheffels Werk unauflöslich verknüpft.. Die nervöse Hast seiner Phantasietätigkeit, die fahrige Unruhe seines Schaffens steht im engsten Zusammenhang mit seinen! äußeren Schicksalen. Er war eine Natur, deren glänzende, ja geniale Begabung vom glücklichen Moment, von jtineni lieber- schwang der Stimmung emporgetragen wurde. So entstanden seine prachtvollen Trinklieder, deren „Klassiker" Scheffel trotz! Goethe geworden, ist; sie blühten aus dem rebenmnkrünzten Wcin- glas hervor und rankten sich um die Arabeslen der „Kneipzeitung", die das Mitglied der Burschenschaft Frankonia und später der Sodale der fröhlichen Gesellschaft des „Engeren" redigierte. Als echter Lyriker war aber Scheffel nicht auf Burschenlieder und Zechhumor beschränkt, sondern hat auch andere Tone angeschlagen, vom jubelnden „Ausfahrt" bis zum ernst-wehmütigen „Dem Tode nah" und den pathetisch gewaltigen Orgelklängen so mancher „Bergpfalmen". Und auch der „Trompeter" war im Grund« noch persönlichstes Bekenntnis, vom römischen Recht, das auch dem Karlsruher Juristen wie ein Mühlstein im Kopf gelegen! hatte, bis zur romantischen Romsahrt. Die humorvoll weiche Märchxnstimmung, die sich im Stofflichen noch ganz mit Eichendorffs „Taugenichts" berührt, hatte durch den kecken „Atta Troll"- Bers etwas pikant Belebtes erhalten und bot Raum zu subjektiver Aussprache. Die kraus verschnörkelte, behäbig ungefüge und zugleich lustige verzierte Kulturspähre des Spätbarock, wie sie der malerisch gestimmte, die Sprache der Kunstwerke so gut verstehende Dichter in Bruchsal und Säckinge» in sich aufgenommen/ bot den köstlichsten fgiittergruitb, schuf ein ausgezeichnetes Zeitkolorit für das Lied von „Liebe und Trompetenblas-en". Sogar beim „Ekkehard", Scheffels reifster künstlerischer Leistung, muß das persönliche Erlebnis stark betont werden. Wie Scott aus seinem geliebten Hochland und Alexis aus seiner heimatlichen märkischen Sandebene, wie jedem Schöpfer eines guten historischen Romans, erwuchsen auch ihm die Gestalten aus der Landschaft, aus dem „Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee, mit seinem blauen Auge, dein klaren Bodensee, mit seinen gelben Haaren, dem Aehrenschmuck der Auen". In den Bekenntnissen Ekkehards hat der Dichter sein Glück und seine Qualen, seinen Weltschmerz voll austönen lassen; in einer ausgezeichnet komponierten Steigerung führt er uns von dem lHdenschastlichm Burg- und Klosteridyll über die breite epische Schilderung des Hunneneinfalls zu dem dramatischen Höhepunkt der Katastrophe und läßt bann die Erzählung in dem einsamen Leben Ekkehards auf der Ebenalp lang {am verhallen. Wie eine wunderliche Marotte dünkt uns Ijeute. neben der so schon gerundeten Form des Romans, dessen Stil trotz des persönlichen Dazwisch-ensprechens — oder gerade deswegen? — so rein ist das Anhängsel der gelehrten Anmerkungen. Wer diese mit Zitaten und wissenschaftlichen „Exkursen" gespickten Noten waren leider mehr als eine willkürliche Laune des Dichters, repräsentierten einen furchtbaren Feind, dessen trockne Ber- standeskühle den Lebensnerv der reinen zarten Phantasiegebilds vernichten sollte. Aus Vorstudien zu gelehrten Arbeiten waren „Trompeter" und Ekkehard" entstandeil; die Spuren der rechtshistorischen Abhandlung, die eine Habilitationsschrift werden sollte und ans der dann Reminiscenzen in den Ekkehard übergingen, haften dem Roman noch als flörcnde „Eierschalen" an. Diese Vorarbeiten aber wuchsen nun bei den späteren Werken des Dichters zur Hauptsache und erstickten mit ihrer wuchernden maßlosen Fülle den poetischen Organismus in seinem Entstehen« Das ist die Tragödie jenes Wartburg-Romans, in dessen Mittelpunkt Heinrich von Ofterdingen als der Schöpfer des Nibelungen- I jedes stehen sollte. Ms sich der Romantiker Novalis den gleichen Helden erwählte, hatte er für bat ungeheuren Plan die Mächte der Ahnung, der Phantastik, der Poesie und des Traumes n-ad’-gernten. Der Realist Scheffel wollte sich auf zuverlässigere Helfer stützen, auf die Errungenschaften der Wissenschaft,^diß er doch in manchem seiner Gedichte so köstlich ironisiert, acut Roman sollte mitten, hineingreifen in das wütende Gelehrtere gezLick der Genniainste» tim die Nibelungen, i» feem SKüHeTJ^ff üls wildester ,,Stufet int Streit" stand. Lokalstnvie» wurden tot Ort und Stelle gemacht, bt Passau und aus der Wartburg, Belegstellen in Massen aufgesührt und darunter ein« Unmenge ferner dichterischer Ideen zerstreut. Der Künstler konnte aber Nicht mehr über den Stoss Macht aewrnnen, sondern dreser überwältigte ihn, und so blieb ein GedMband „Fran Aventinre" das einzige Ergebnis des langjährigen verzweifelten biuigms. Die Themen, die sich Scheffel nun stellte, zeigen die Unslcherhett teures ästhetischen Gefühls. 9tur die Heine Erzählung „Hugidco" gibt „och einiges SiÄinerzlich-Erlebte. Der ,Lnniperns" null gar- nichts anderes sein als eine kulturhistorische Studie und die Liedersammlnngen „Fran Äventinre" und „Bergpsalmen" möchten dichterische Produkte des Mittelalters vortäuschen und wirken Unnatürlich, wo sie es tun, ergreiseild und stark mir, wo ein Naturlaut des modernM Dichters hindurchbricht. Zur selben Zeit, da Scheffel sich vergebens einen realistischen Geschichtsroimm zu schaffen mühte, sammelte ein Franzose im glühenden Afrika an der Stätte ds einstigen Karthago, mit gleicher Inbrunst zu gleichem Ziel: Flauberts „Salammbo" hat Scheffels Ideal erreicht! Aber die trügerische Irrlehre, daß Dichtung und Wissenschaft das Gleiche wären und das Gleiche wollten, ward bald darauf durch ihren fanatischsten Propheten, durch Zola, ad absurdum geführt. Scheffels Ringen und Streben war so lebten Endes begründet in der Zeit, in der er schuf. Die Romantik hatte die historische Wissenschaft geboren und als Gegensatz zu ihr war der Realismus entstanden. Historismus uufe Realismus, di« geistigen Haupttriebkräfte der Zeit, miteinander zu vereinen, versuchte Scheffel int realistisch historischen Roman, nachdem ihm in einem glücklichen Zufall ein Adusterwerk der Gattung gelungen. Es war ehrenvoll für ihn und ein Beweis seiner echten Begabung, daß er da scheiterte, wo das platte Heer seiner Nachahmer, die archäologischen und Bntzenscheiben-Poeten ein halbgelehrtes, halb- poetisches Mischmasch lieferten, das von Dichtung und Wissenschaft gleich weit entfernt war. L?evMr?ehtss« K. F. Frühlingsblusen. Seit dem Beginne der tvär- nieten Tage sind in Paris Frühlingsblusen in reichhaltigster Auswahl zu sehen. Neben bunten Pekings sieht man besonders zahlreich schwarz und weist gemusterte Stoffe; außerdem erfreuen sich die sogenannten „miparties" einer steigenden Beliebtheit, Satin- stoffe, die zu einem Teile Streifen und Punkte, zum anderen red och persische oder andere orientalische Muster in den lebhaftesten Farben ausweisen. Außer diesen Stoffen werden Tüll und andere leichte Stoffe, Spitzen, Bänder und Stickereibesatz in ausgedehntenr Blaße verarbeitet. Vorläufig scheint sich die Kimono form an die Spitze aller Blusenformen stellen zu wollen. Außer dem eigentlichen Kimono sieht man jedoch eine Abart dieser orientalischen Blnsenform, eine Art falschen Kimono, bei dem zwar Schulter und Aermel durch keine Naht getrennt sind, bei dem jedoch der Kimonoärmel zu einem richtigen Unterärmel verlängert ist, der eng ist und bis ans Handgelenk reichen kann. Der ständige Modenberichterstatter des „New Tvrk Herald" beschreibt aus eigener Anschauung eine Auswahl von modernen Pariser Früh- tingsblusen, deren Einzelheiten am besten zeigen, welches die Grundlinien der diesjährigen Blusenmode sind. Bei einem rot und weiß gestreiften falschen Kimono aus Vale reichen z. B. die eigentlichen Aermel bis beinahe zum Ellbogen. Hier ist ein voller Puff aus rotem Chiffon angebracht, an den sich zwei gefaltete Einsätze anschließen. Born in der Mitte der Bluse läuft ein Alteisen von rotem Chiffon abwärts, der mit kleinen Knifefchm geziert ist, seitlich davon ist ein Jabot ans Leinen und Spitze, aus den gleichen Stoffen besteht her Kragen. Eine andere Bluse, grau und weiß gestreift, zeigt einen weißen Spitzenaufschlag; Einsatz und Aermel sind aus grauem Chiffon über weiß hergestellt und grau soutachiert. Eine Chissonbluse, die sehr breite schwarze und weiße Streifen aufroeift, hat Kragen und Klappen aus schwarzem Satin; auf dem Oberärmel läuft eilt Streifen von dem gleichen Stoffe vom Kragen bis zur Manschette abwärts. Bei einer einfarbigen Bluse ist das ganze Vorderteil von der Schulter abwärts mit Stickereistreifen bedeckt. Der Kragen zu dieser Bluse ist ans einem ebensolche» Streifen hergestellt, ebenso die Einfassung der Aermel. Für die teure Spitzenbluse ist in Gestatt eines sogenannten Phantasietülls verschiedenen hübschen Mustern ein Ersatz ausgelauscht, der von echten Spitzen nicht zu unterscheiden sein soll, dabei aber viel weniger kostspielig ist. Die Satin- b f u s e n sind meistens kragenlos. Bei einem ziemlich einfachen Modell aus Satin „Fleurs de pscher" (Pfirsichblütenfarbe) besteht die Einfassung aus einem schwarzen Satinstreifeu mit Soutachiernng. Ein ähnlicher Streifen läuft vorn die Astittellinie entlang, nicht nur bis zur halben Höhe, während ein Soutache- besatz daneben noch weiter abwärts reicht. Ganz leichte Blusem- modelle für sehr warmes Wetter werden aus feinem, weißem Baumwollkrepp gearbeitet, und mit gleichfarbiger Stickerei verziert. 3 in veil eit sind die Stickerermuster dabei sehr groß und werden dann in ihren Umrissen mit irgend einer bunten Farbel nachgestickt. * Ein ftotterüber König. König Ludwig XIII. von Frankreich war altes andere, als ein guter Redner, die Laime der Natur batte ihn mit einem Sora ch fehler bedacht, der dem Träger der Krone manche peinliche Erinnerung eingetragen haben mag : Ludwig XIII. stotterte. Ans der Jagd verlor er eines Tages de» Falken ans dem Gesicht, den er kurz vorher hatte aufsteigen lassen, und in seiner Erregung wandte er sich zu dem hinter ihm reitenden Herrn des Gefolges und rief: „L’oi . . . Foi . . . l'oi . . . l'oiseau!" Er wollte den Herrn tragen, ob er vielleicht den Vogel im Auge behalten habe. Aber das Unglück wollte, daß der Begleiter des Königs, der Graf von Theiras, zum ersten Male beim König Dienst tat und zudem an dem gleiche» Sprachfehler litt. Der Gras streckte die Hand ans, weist in die Lüfte und ruft: „Le voi . . . voi . . . voi . . . voilä.“ Der König ist außer sich vor Entrüstung, er glaubt, der Hofmann erlaube sich, ihm nachzuäffen, und schlendert bet» armen Grafen seinen Handschuh ms Gesicht. Zum Glück kam in diesem Augenblick ein anderer Höfling hinzu und erklärte dem SiÖnig den Fall. Ludwig entschuldigte sich und wies dem stotternden Grasen ei» anderes Amt am Hofe zu. Aber dies blieb nicht der einzige Fall, bei dem der König einen Unglückskollegen von sich verkannte und eine Mafestätsbeleidtgung witterte. Bei einer öffentlichen Zeremonie richtete Ludwig XIII. eine Frage an Herrn d'Atamont, der ihm erst kurz vorher vorgestellt worden mar. d'Alamont war ebenfalls der bedauernswerte Besitzer eines Sprachfehlers und antwortete dem König so gut, als seine störrische Zunge es eben zulieb. In höchster Empörung packte Ludtvig de» Stotterer beim Arm und tief nach dem Hauptmann der Wache. Dem armen d'Alamont tuärc es wagr- scheinlich sehr schlimm ergangen, wenn sich nicht der Kardinal von Richelieu eingemengt und den König gebeten hatte, den Zwischenfall zu entschuldigen, für den allein der Himmel verantwortlich sei. • Von de» Familiennamen. Als im 12. und 13. Jahrhundert die Familiennamen aufkamen, gab es keine über das ganze deutsche Sprachgebiet verbreitete Schriftsprache, jede Gegend redete In ihrer eigenen Mundart. Kem Wunder drum, daß die Familiet^ »amen in rein mundartlicher Form erschienen, und da sie auch aus leicht einzujehenden Gründen viele Wandlungen unserer spräche nicht mitgemachl haben, so zeigen viele von ihnen beute noch em mundartliches Gepräge. Man braucht gar nicht viel sprackwiffen- schasiliche Kenntnisse zu haben, um aus der Form ihres Namens die Herkunft einer Familie herauszulesen. Wer 91 i e b u h r heißt, dessen Familie stammt aus niederdeutschem Gebiete, die oberdeutsche Form ist Neubauer, ebenso ist Norddeutschlaiid die Heimat des N i e m a n n; der Name Nau m a n n entstammt meist mitteldeutschem Gebiete, Neu m a n n oberdeutschem. Aus der verschiedenen Form der Verkleiuerungssilbe am Ende ihres Namens kann man wobl schließen, daß Di et le und Merkle schwäbischer, Dietl und Merkt bayerischer oder österreichischer, Welkt und Burcki aber schweizerischer Abstammung sind, während Re i ne cke und Wilke niederdeutscher Herkunft find. Leute namens Hansen, Jensen und Thomsen mögen noch so sehr daraus hinwetsen, daß ihre Familien seit langer Zeit im Süden wohnen, die Endung -sen, eute abgefchliffene Form für „sohn" deutet auf norddeutiche ober auch auf friesische ober dänische Abstammung. Int 18. Jahrhundert bemühten sich süddeutsche Schriftsteller erfolglos, ihre heimischen Formen Blum, Füß, Glaub, Wöls gegen das e Luthers zu schützen, heute schreibt man allenthalben int denischeu «pracy» gebicte Blume, Füße, Glaube, Wölfe; einzelne Familiennamen aber haben diese süddeutsche Art bewahrt, jetzt noch findet matt z. B. in München die Name» Kraus, Lang viel häufiger als Krause, Lange, wie ja auch neben dem niederdeutschen Becker der oberdeutsche Beck steht. So findet man in den Wohnungsanzeigern der Großstädte ein wunderliches Gemisch von Mundarten: neben den niederdeutschen Namen Bödeker, Schulte, Piper, Voß stehen die gleichbedeutenden hochdeutschen Namen Bötticher, Schulze, Pfeifer, Fuchs. In erster Linie verdankt ja unsere Sprache den wunderbaren Reichtum an Familiemtamen ihrer großartigen Gestaltungskraft; daß aber auch unsere Mundarten reichlichen Anteil daran haben, ist wohl dem Leser schon ans den Beispiele» klar geworden, die sich leicht hätten vermehren kaffen. (Sprachecke des Allg. Deutschen Sprachvereins.) Gleichliang-Nätsel. Wir sind nicht Worte, nur die ersten Töne Des Kindes, daß es sich an's Wort gewöhne. Den gleichen Namen hat auch einst getragen Ein Saiteuspiel in längst vergangenen Tagen- Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträlsels in voriger Nummer: M Aal Gries Kai land Stade Gnu d Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversttäts-Buch- »md Steindrnckerei, R. Langem