Donnerstag den 7. September -L IIS |lfii M ßWWW MWM 1111111' TkjlTMra^Ö fflOÄI WU^W itzl - .. . .:( Fi« M I rt"Jj3k "M' . 'V»E. < :>•!■• ' VyM»- til | , ÄÄM Das nette Mädel. Koman von Fedor von ZobelttK, (Nachdruck »erboten.) (Fortsetzung.) M graute wieder allein war, setzte sie sich und schob ^er Unken Hand zwischen die Zähne. Das !?5r >5!,^dEegung der Angewöhnung, wenn sie nachdenk, der Vater davon gesprochen ^^rstedts bie Hände in dem Rauchwaren- geschast hatten, waren chr allerhand merkwürdige Gedanken gekommen. Sollte Paul Everstedt etwas von den Zah- lungsschimerrgkerten ihres Vaters gehört haben und nun den edelmuttgen Helfer spielen wollen? Und plötzlich fiel chr sredendherß eine Vergeßlichkeit ein: sie schuldete ihm ja noch die zwanzig Mark, die er ihr in der Villa Hönigswald ber der Sammlung für die unglückliche Fischerswitwe zugesteckt hatte. Sie schuldete auch Eva und Suse und Henny: ue hatte überall herumgepumpt. Wer das bedrückte sie nicht. Nur das Goldstück von Everstedt, das legte sich auf einmal tote eine bleierne Last auf ihre Seele. Eine heftige Unruhe kam über sie. Sie sprang auf und durchmaß ihr Zimmercheu. Der Gedanke, daß Everstedt moglrchertoei.se in die finanziellen Bedrängnisse ihres Vaters emgrerfeu könne, toar ihr schrecklich. Mer seine Verbindung mit den Nippolds konnte auch andere Ursachen haben. Sie konnte rein geschäftlicher Natur fein; den Namen Everstedt hörte man ja in allen Branchen. Es war Unsinn, sich deshalb zu beunruhigen. Nur die zwanzig Mark, bte mußte sie ihm zurückschicken. Es war wie mit dem seidenen Halstuch; das hatte sie ihm auch zurückzugeben vergessen, bis er sie darum gemahnt hatte. U"d nun zerbrach sie sich den Kopf, wo sie das Goldstück hernehmen sollte. Tante Ballenstedts Geburtstag war darüber; die Idee mit dem Kanarienvogel hatte sich nicht ausführen lassen, weil sie damals noch in Sonder- Evesen war. Vor "Onkel Hempel und den widrigen Stachel küssen fernes unrasierten Mundes graute ihr. Der Papa hatte genug an der Rechnung der Hübner. Es blieb kerne^ andere Hilfe übrig als die Mazanka. . ■lT,Vz'te /ntctar5^e^er Uor ihrer Kommode nieder und dürch- wühlte sre. Ach Gott, sah es hier aus! Sie seufzte tief, vllle ihre Traume von neuer feiner Wäsche, von hübschen Strümpfen, von buntumsäumten Taschentüchern und Hös- sheu mit Spitzenbesatz • der ganze Eitelkeitstraum toar iu Nichts zerronnen. Es toar ein ärmliches, geflicktes und zerschlissenes Trousseau, das ihre Finger durchkramten — iMr auch nichts darunter, rein gar nichts, das sie hätte zu Gelbe machen können. Doch — etwas! Das Goldherzchen mit der Kette, das ihr Max Roeßler geschenkt hatte, geriet ihr wieder in die Hände. Er hatte es nicht zurückge- fordert; es gehörte ihr - es war ihr Eigentum geblieben. Aber es toiderstrebte ihr, gerade dieses kleine Schmuck- !™a zu versetzen. Sie mußte sich erst wieder in ein so- phistlsches Gegenspiel verlieren. Was lag an dieser Aeußer- Itchkeit?! Es war kein Bindeglied mehr. Dachte sie heute noch an Roeßler, so schlug ihr Herz nicht rascher als sonst. Aller Vermutung nach würde sie ihn nie Wiedersehen — niemals. Und dann wollte sie das Herzchen ja auch nicht verkaufen, sondern nur als Pfand geben, um sich einer druckenden Verpflichtung zu entledigen. Wenn die Verhältnisse des Vaters sich besserten, konnte alles anders.werden... Sie dachte nicht weiter. Sie war schon entschlossen. Es drängte sie, Everstedt das Goldstück zurückzuschicken. Nun zog sie ein altes dunkles Kleid an und eine vertragene Jacke und setzte den schwarzen Strohhut mit der Schleife auf. Sie wollte möglichst wenig auffallen. Sie wünschte auch nicht noch einmal der Mutter und ihren ewigen Fragen zu begegnen und ging deshalb durch die Küche über die Hintertreppe. Es lag ein Gewitter in der Luft. In den kleinen schmutzigen Gassen unterhalb der Petristraße herrschte eine stickige Atmosphäre. In der Niffergasse, wo die Juden ihren Trödel vor den Läden aufgebaut hatten, roch es abscheulich; in die schwer drückende Luft mischte sich hier der muffige Odem, der aus den schwarzen Höhlen quoll. Traute, beschleunigte ihren Schritt. Jetzt kam die letzte Straße: die ekelhafteste, die mit den bunten Laternen vor den Haustüren und den roten Gardinen hinter den Fenstern. Traute schaute nicht nach rechts und nach links. Sie sah geradeaus, wo der schwarze Torbogen stand, hinter dem es hell wurde. Sie schritt in ihrer blassen Unberührtheit durch eine Welt des Lasters dem Lichte entgegen. Unter dem Tor blieb sie einen Moment aufatmend &:hen, und ihr Blick flog sehnsüchtig über das Leben am uat und das blaue Wasser des Freihafens. Dann klomm sie mutig die schmale Treppe hinauf, die nach der Pfandleihe der Luse Mazanka führte. Vor der Tür horchte sie wieder, ob auch niemand drinnen sei, und Köpfte dann an. Da tat die Tür sich aus, und Traute fuhr jach zurück und stieß einen Schrei aus: Everstedt stand vor ihr. Er toar sprachlos tote sie. Aus verblichenem Gesicht starrte fein Auge entsetzt auf Traute, die an bte Wand getaumelt war. „Um Gottes willen," stammelte er, „tote kommen Sie hierh er?!" Aber er wartete bte Antwort nicht ab. Seine Faust schlug hegen die Tür. Luse Mazanka öffnete. Ein Grinsen stand auf dem fleckigen Gesicht; der Kürbiskopf wackelte. „Zimmer auf!" rief Everstedt. Wortlos schob sich die Mazanka zu der Tür gegen#« über. „Nicht das!" schrie Everstedt. „Die Hinterstube!" Dite Mazanka gütt auf ihren Filzschuhen an ein» zweite — 658 /za5$’ (Fortsetzung folgt.) und Seele zerfleischen zu lassen. Ich brauchte das) eA war mir ein Heilmittel--es war eine vortreffliche Kur ... So ist Las Grab Trudes ein Markstein in mein ent Leben geworden . . Er hatte schnell gesprochen und sehr einfach. Nun fuhr er langsamer fort: „Es mar für mich eine selbstverständliche Pflicht, die Eltern Trudes zu unterstützen. Das mußte unter der Hand geschehen; die Freundschaft oder Verwandtschaft der Ma- zanka mit Len Leuten machte es mir bequem. Auch die Mutter Trudes ist inzwischen verstorben; der Vater möchte zu seinem Sohne ziehen, der in einer Fabrik in Manchester arbeitet. Da habe ich den Reisezuschuß für ihn hergebracht . . . Und nun bitte ich Sie, Fräulein Traute, antworten Sie mir nicht auf meine Erklärung. Ich will keine Antwort. Aber beurteilen Sie menschlich, was menschlich ist. Und dann sagen Sie mir offenherzig: was führt Sre in dieses verdammte Haus?" Sein Blick hing mit Spannung aus ihrem Gesicht. Da mußte ffe die Wahrheit sagen. Und sie sprach sre ruhig aus. ., . „ „Ich wollte mir Geld holen — nichts werter." „Geld holen?" wiederholte er staunend. „Bon der . . . ah, mir fällt ein: die Mazanka verleiht auch auf Pfänder!" Sie nickte, und ihre Augen verschleierten sich. „Ja," sagte sie mit tränenerstickter Stimme, „ich war schon öfters hier. Ich bin sehr arm. Und ich schulde Ihnen noch zwanzig Mark. . Sie zog das Kettchen mit denk Goldherzen hervor. . . „Ich wollte das — das da versetzen . . ." „Um meinetwillen?" Der Marinemrtrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock HolmeK von Conan Doyle. (Fortsetzung.) „Wir dürfen über diesen untergeordneten Fall Me Hauptsache nicht aus den Augen lassen. Es wäre nur eine große Hilfe, wenn Sie mit uns nach London kommen könnten." 1 „Sofort?" „Ja, das heißt, so rasch es sich einrichten läßt. Etwaj in einer Stunde." ,, „Ich fühle mich stark genug dazu, wenn ttf) Ihnen wirklich nützen Tonn." „Ohne allen Zweifel." „Vielleicht möchten Sie, daß ich über Nacht dort blerbe!? „Das wollte ich Ihnen gerade Vorschlägen." „Wenn dann mein Freund seinen nächtlichen Besuch wiederholen will, findet er den Vogel ausgeflvgen. — Wir geben nns ganz in Ihre Hände, Herr Holmes. Sie brauchen nur zu sagen, was geschehen soll. Wünschen Sre vielleicht, daß Josef mitkommt, um für mich zu sorgeir?" „O nein; mein Freund Watson ist Arzt, wie Sie wissen, und wird sich Ihrer annehmen. Wenn es Ihnen recht ist, frühstücken wir erst hier und fahren dann alle bre< zusammen nach der Stadt." „ Alles wurde eingerichtet, wie er es wollte. Fraulem Harrison erschien nicht bei der Mahlzeit. Sie durfte ja nach Holmes' Anordnung das Zimmer nicht verlassen. Was der Zweck von allen diesen Veranstaltungen war, begriff ich nicht; ich konnte mir nur denken, daß mein Freund die junge Dame von Phelps trennen wollte, der voll Freude über seine wiederkehrende Gesundheit und Tatkraft mit uns im Eßzimmer frühstückte. Die größte Ueberraschung erwartete nns indessen noch, als Holmes mit auf den Bahnhof ging, nns beim Einsteigen in den Zug behilflich war und dann ruhig erklärte, er habe nicht die Absicht, Woking zu verlassen. ' , , . . „Ehe ich fortgehe, muß ich erst noch über einige Kleinigkeiten ins reine kommen," sagte er. „In gewisser Hinsicht wird mir das durch Ihre Abwesenheit erleichtert, Herr Phelps. — Du tust mir wohl den Gefallen, Watson, sobald Ihr in London angekommen seid, mit unserem Freunde nach der Bakerstraße zu fahren und bei ihm zu bleiben, bis ich zu euch komme. Es trifft sich gut, daß ihr alte Schulkameraden seid und mancherlei Erinnerungen zu besprechen haben werdet. Herr Phelps kann in deinem ehe- Tür und riß sie auf. Jetzt zuckte etwas >vie boshafte Furcht um ihren zerfaserten, gemeinen Mund. Everstedt hatte Traute am Handgelenk gepackt und zog sie nut sich. Sie ließ es wehrlos geschehen. Sie hatte keinen Mut mehr, zu widerstreben; alle Selbständigkeit war einem Gefühl greilzenloser Ohnmacht gewichen. Er stieß sie rauh vor fick; her und schloß die Tur. „Wie kommen Sie hierher?" fragte er nochmals, schroff und befehlend. Sein Auge bohrte sich in das ihre. Es lag eine grimmige Wut in seinem Blick. Traute schielte Angstvoll zu ihm auf. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Sein Gesicht war fahl und entstellt; unter der gespannten Stirn lagen die Brauen fingerdick. „Ich woll l— ich wollte," begann sie zu stottern. Dann gab sie sich einen Ruck. Ihre Finger schlossen sich krampfhaft. Sie warf den Kopf in den Nacken und wurde trotzig. Nun sprühte es auch in ihrem Auge auf. „Was fragen Sie?" sagte sie. „Kann ich nicht tun, was ich will!?" „Nein! Ein Mädchen, das auf Anstand hält, geht nicht zur Mazanka." . T „Aber sie war ja doch meine Amme!" rtef Traute. „Kann ich dafür, daß sie so gräßlich geworden ist!?" Everstedt strich sich über die Stirn. „Dieses Werb," sagte er, „diese. . ." Es lag etwas Sinnwidriges ip der Annahme, daß die schreckliche Frail einst das geliebte Mädchen an ihrer Brust getragen hatte; etwas Störendes. Erging an das Fenster und drückte die Stirn an die Scheibe. Er sah oben einen grauen Wolkenhimmel und unten das schwarze Wasser des Kanals; dazwischen bauten die bunten Laternenschilder der verrufenen Straße sich auf. Mechanisch begann er die Schilder zu zählen. Traute hielt sich nicht mehr aus den Fußen. Sie mußte sich setzen. Sie schaute gedankenlos im Zimmer umher. Gelbe Birkenmöbel standen an der Wand; auf einer Bank aus Strohgeflecht lag ein flittriges Maskenkostüm; in einer Ecke lehnte ein Mannequin, dem eine blauweiß gestreifte Holländer Haube aufgestülpt war. Dann flog der Blick weiter — zu Everstedt. „Weshalb schaute er zum Fenster hinaus?" fragte sie sich. Und fügte in Gedanken eine zweite Frage an: „Was hat er hier zu suchen?" — und ein dunkles Erinnern kam an ihren Besuch un April, an eine zweideutige Bemerkung der Mazanka, an einen Blick in ein halbdunkles Gemach mit vielen Polstern und einem lichtgrauen Teppich, in den große rote Buketts eingewebt waren. rt . Everstedt wandte sich um. Er wär ruhiger geworden: sie sah es sofort. Auch seine Stimme klang geschmeidiger und minder erregt. , , „ „Verzeihen Sie, daß ich wieder einmal rauh war," sagte er. „Aber Sie müssen wissen, daß mich Ihr uwvermuteter Anblick heftig erschreckt hat. Dies Haus steht in schlechtestem Rufe." „Wenn das der Fäll ist," entgegnete sie, „warum sind Ste dann hier?" , , „ Er stutzte ein wenig. Wieder sewkten ferne Brauen sich tiefer. Er zögerte mit der Antwort. Dann nickte er kurz und energisch. „Sie sollen wissen, weshalb," sagte er. „Erne Beichte, Fräulein Traute: eine, die aus dem Herzen kommt. An dem Abend am Meer, als ich Sie aus der Villa Hönigs- wald nach Hanse begleitete, riefen Sie eine böse Erinnerung in mir wach. Nannten auch einen Namen, den eines armen Kindes: der kleinen Trude ... Ich weiß heute, wer Ihnen die Geschichte erzählt hat — und ich zürne dem Maime nicht mehr: seine Warnung war gut gemeint. Aber jeder Verbrecher hat das Recht der Verteidigung, und was ich Ihnen Nun sagen werde, soll eine Verteidigung sein. Die Kleine liebte mich sehr — und wir waren beide jung. Wrr waren auch leichtsinnig. Trude kam aus einer Welt, in der die Lebensanschauungen andre sind als in der unfern. Was bei uns zu Konflikten führt, findet im Volke Duldung. Das muß ich vorausschicken. Ich muß auch ehrlich sagen, daß ich damals ein wilder Bursche war. Ja, das war ich: bedenkenlos — aber nicht roh. Ich brauchte feine Don Juan-Kunststückchen anzuwenden und keine Listen der ars amandi: Trude flog mir entgegen — und wir hatten uns lieb. Daß der Schrecken nachkam, ist wahr. Aber es gab keinen Ankläger, nur einen tragischen Zufall. Ich habe Trude ehrlich beweint — und noch mehr: ich habe mich von Kruse wie einen Schulbuben schelten lassen. DaA war mir recht so; ich war in der Laune, mir Herz 669 Maligen Zimmer schlafen, und morgen werde ich mich rechtzeitig zum Frühstück einstellen; um acht Uhr ist der Zug auf der Station Waterloo." „Mer, was wird denn aus unserer Nachforschung in London?" fragte Phelps betrübt. „Die können wir morgen vornehmen. Ich glaube, daß ich im Augenblick hier von größerem Nutzen bin." „Sagen Sie, bitte, in Brierbrae, daß ich hoffe, morgen abend wieder daheim zu sein," rief Phelps, als sich der Zug schon in Bewegung setzte. „Ich werde schwerlich in Brierbrae vorsprechen," gab Holmes zurück und winkte uns noch ein Lebewohl zu, als wir zum Bahnhof hinausfuhren. Wir besprachen diese neue Wendung der Dinge mit einander, Phelps und ich, kamen aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. „Er wird wohl dem nächtlichen Einbrecher nachspüren wollen," meinte Phelps; „ich meinerseits glaube nicht, daß es ein gewöhnlicher Dieb war." „Wie denkst du dir denn den Zusammenhang?" „Meiner Treu — schreib' es meinen schwachen Nerven -u, wenn du willst, aber ich bin überzeugt, daß eine tief angelegte, politische Jntrigue im Werke ist, und daß die Verschwörer mir, aus irgend einem Grunde, der über mein Verständnis geht, nach dem Leben trachten. Die Behaup- tung klingt anmaßend und abgeschmackt, aber betrachte einmal die Tatsachen: Weshalb sollte der Dieb versuchen, in ein Schlafzimmer einzusteigen, wo er aus keine Beute hoffen darf — und wozu trug er das Dolchmesser in der Hand?" „War es denn nicht etwa ein Stemmeisen, um einzubrechen?" „Nein, nein! — ich habe die Klinge blitzen sehen." „Wer sollte dich aber mit solcher Feindseligkeit verfolgen?" „Ja, das ist mir ein Rätsel." „Möglich, oaß Holmes deine Ansicht teilt; es würde sein Verfahren erklären. Wenn diese Annahme richtig ist und er des Menschen habhaft wird, der dich letzte Nacht bedrohte, so wäre damit schon ein großer Schritt geschehen, um ausfindig zu machen, wer den Marine-Vertrag gestohlen hat. Daß du zwei Feinde haben solltest, von denen dich der eine bestiehlt, während der andere dir nach dem Leben steht, läßt sich schwerlich annehmen." „Aber, Herr Holmes versicherte ja, er ginge nicht nach Brierbrae." „Ich kenne ihn schon seit geraumer Zeit," sagte ich!, „und weiß, daß er nichts ohne guten Grund tut." Unsere Unterhaltung drehte sich nun um andere Dinge. Phelps fühlte sich noch recht schwach nach der langen Krankheit und sein Mißgeschick machte ihn reizbar und ungeduldig. Vergebens bemühte ich mich, ihn für meine Erlebnisse in Afghanistan und Indien zu interessieren oder allerlei soziale Fragen mit ihm zu besprechen. Er ließ sich nicht zerstreuen und auf andere Gedanken bringen, sondern kam immer wieder auf den gestohlenen Vertrag zurück. Was wohl Holmes jetzt täte, welche Maßregeln Lord Holdhurft ergreifen werde, was uns der nächste Morgen bringen könne — diese und ähnliche Fragen beschäftigten ihn ohne Unterlaß. Im weiteren Verlauf des Abends nahm seine Erregung in peinlichem Grade zu. „Du meinst also, man kann sich fest auf Holmes verlassen?" fragte er. „Ich habe schon merkwürdige Dinge mit ihm erlebt." „Aber er hat doch wohl noch nie ein so dunkles Geheimnis enträtselt?" „O ja; er hat schon Fälle aufgeklärt, die noch weniger Anhaltspunkte boten als der deinige." „Aber so wichtige Interessen standen wohl nicht auf dem Spiel?" „Vielleicht doch. Ich weiß, daß er für drei regierende europäische Herrscherhäuser in sehr verwickelten Sachen tätig war." „Also du kennst ihn genau, Watson? Er hat ein so Unergründliches Wesen, daß man nie weiß, wie man mit ihm daran ist. Glaubst du, daß er die Aussichten für gut hält? Hosft er wohl auf Erfolg?" „Er hat nichts darüber gesagt * „Das ist ein schlechtes Zeichen „Im Gegenteil, meistens gesteht er es offen ein, falls er die Spur verliert. Am schweigsamsten ist er, wenn er eine Fährte gefunden hat und noch zweifelt, ob es auch die rechte sein wird. Aber glaube mir, alter Junge, es nützt nichts, sich über die Sache aufzuregen, idj bitte dich dringend, jetzt zu Bett zu gehen, damit du ganz bei Kräften bist, für alles, was morgen kommen kann." Es gelang mir endlich, ihn zu überreden, daß er meinem Rate folgte, obgleich ich wußte, er würde bei seinen erregten Nerven kaum Schlaf finden können. Sein Zustand war sogar ansteckend, denn auch ich wälzte mich die halbe Nacht ruhelos umher und brütete über dem seltsamen Problem. Wozu war Holmes in Woking geblieben? Warum hatttz er Fräulein Harrison gebeten, den ganzen Tag über das Krankenzimmer nicht zu verlassen? Weshalb war ihm soviel daran gelegen, daß man in Brierbrae nichts von seiner Anwesenheit wußte? — Ich zermarterte mein Hirn, bis ich endlich über dem Bemühen eine Erklärung zu finden,; welche Antwort auf alle diese Fragen gab, in Schlaf versank. Es war sieben Uhr, als ich erwachte und ich eilte sofort zu Phelps, wen ich sehr matt und angegriffen fand nach der durchwachten Nacht.!' Seine erste Frage war, ob Holmes schon da sei. 1 „Er wird 'zu der versprochenen Zeit kommen," sagte ich, „keinen Augenblick früher oder später." Was ich behauptete, ging in Erfüllung, denn kurz nach acht Uhr kam eine Droschke rasch vorgefahren unv> mein Freund stieg aus. Am Fenster stehend bemerkten wir,; daß seine linke Hand verbunden war, auch sah er bleich und ernsthaft aus. Er trat ins Haus, doch dauerte es eine Weile, bis er die Treppe heraufkam. „Ganz wie ein Besiegter," klagte Phelps. Ich mußte ihm Recht geben. „Wahrscheinlich werden wir doch noch suchen müssen, die Sache hier in der Stadt zu erforschen," äußerte ich. Phelps seufzte schwer. „Ich weiß nicht, weshalb," sagte er, „aber ich hatte so große Hosfnungen auf seine Rückkehr gebaut. Uebrigeus trug er 'gestern die Hand noch nicht in der Binde. Es muß also etwas geschehen sein." „Du bist doch nicht verwundet, Holmes?'" fragte ich, als mein Freund eintrat. „Unsinn — nur eine Schramme; meine eigene Ungeschicklichkeit ist schuld daran," versetzte er und nickte uns seinen Morgengruß zu. „Das muß ich sagen, Herr Phelps, Ihre Sache ist eine der dunkelsten, die ich je unter den Händen gehabt habe." „Ich fürchtete gleich, sie würde über Ihre Kräfte gehen." 1 „Jedenfalls ein merkwürdiges Erlebnis." „Deine Binde läßt aus ein Abenteuer schließen. Willst du uns nicht sagen, was dir zugestoßen ist?" „Nach dem Frühstück, mein lieber Watson. Vergiß nicht, daß ich heute früh schon dreißig Meilen weit in der frischen Luft von Surrey gefahren Bin. Ist etwa eine Antwort auf meine Droschken-Anzeige gekommen? — Nein? — Nun man kann auch nicht immer den Nagel aus den Kopf treffen." Der Tisch war schon gedeckt und eben wollte ich klingeln^ als Frau Hudson mit Tee und Kaffee hereinkam. Einige Minuten später brachte sie ein paar zugedeckte Schüsseln und wir nahmen am Tische Platz, Holmes hungrig wie ein Rabe, ich sehr gespannt Und Phelps in der düstersten Stirn- mung. „Frau Hudson hat sich selbst übertroffen," sagte Holmes, den Deckel von einem Hühnerfricasss abhebend. „Ihre Küche ist zwar beschränkt, aber sie weiß doch, was zu einem guten Frühstück gehört. — Was hast du da, Watson?" „Schinken und Eier," antwortete ich. „So? Soll ich Ihnen vorlegen, Herr Phelps, öder wollen Sie selbst zulangen?" „Danke, ich kann nichts essen," erwiderte er. „Ach was! Versuchen Sie es einmal mit der Schussels die vor Ihnen steht." , „Nein, ich muß wirklich danken. „Nun," sagte Holmes mit listigem Augenblinzeln, „bann darf ich Sie wohl bitten, mir etwas davon zu geben." Phelps hob den Deckel in die Höhe, stieß einen Schrei aus und starrte mit kreideweißem Gesicht die Schüssel an. (Schluß folgt.) — 660 Wilhelm Raabe. Btt seinem 80. Geburtstage, am 8. September 1911« Von Lehrer Hofmann, Langgöns. Wir Deutsche sind im allgemeinen groß darin, einen bedeutenden Mann lange Zeit nicht zu kennen; dann aber plötzlich mit viel Lärm gelegentlich eines Geburtstages, oder wenn er auch schon tot ist, dieses Nichtkennen durch Reden, Feiern usw. wieder gut zu machen. Ich meine hier hauptsächlich unsere Dichter. Ob die Werke von ihnen dann auch immer gelesen werden, ist eine andere Frage. Der Deutsche hat manchmal so das Bedürfnis, jemand zu loben oder gar zu verherrlichen, das geht aber mit einigen billigen Redensarten auch. Wie sagt doch Lessing? »,Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein." Wilhelm Raabe erging es auch so. Er mußte 70 Jahr« alt werden, bis man ibn „entdeckte", d. h. die Allgemeinheit. Lange hat er einsam gesessen und gedichtet, nur eine kleine Schar treuer Anhänger verehrte ihn. Ihm war es auch so recht, er wollte kein Modedichter sein. Er ging seine eigenen Wege. Sein Erstlingswerk „Tie Chronik der Sperlingsgasse" (1857) hatte zwar einigen Erfolg, wurde besonders von der Kritik günstig ausgenommen; das nächste Werk aber („Ein Frühling") blieb vollständig unbeachtet. Tann kam der Umschwung in der deutschen Literatur (zwischen 1870 und 80), der Realismus trat zurück. Und ein junges Geschlecht brach sich Bahn. Da wollte Raabe nicht mit, und so blieb er allein. Lange, lange kannte man ihn fast gar nicht, bis in den letzten zehn Jahren einige Literaturhistoriker (besonders Adolf Stern und Adolf Bartels) für ihn eine Lanze brachen. Sein 70. Geburtstag (8. September 1901) war eine Feier, an der das deutsche Volk und die deutsche Presse großen Anteil nahm. Heinrich Spiero schildert uns sehr schön die Festlichkeit in seinem neuen Raabebuch: „. . . . Nach den ersten begrüßenden Worten Engelbrecht- sprach Adolf Stern, dazu berufen wie kein anderer Literaturhistoriker seiner Zeit, er, der lange schon Raabe nicht nur gepriesen, sondern, was mehr ist, von allen Seiten charakterisiert und in seiner nationalen Bedeutung dargestellt hatte. Welch ein behagliches Lät^ln ging gleich, bei Raabe beginnend, durch die Versammlung, als Stern anhob: „Der weise Senk», nicht der römische Philosoph neronischen Angedenkens, sondern der Bürgermeister von Wanza an der Wipper sagt einmal. . . .". Und dieser heitere Grundton der Feier, der kein leeres Pathos aufkommen ließ und dem wahrhaft festlichen inneren Pathos der Stunde doch keinen Eintrag tat, hielt vor..... Es war das erstemal, daß sich bei festlichem Anlaß ganz Deutschland huldigend bei Wilhelm Raabe einstellte. Es war gnch die höchste Zeit." Am 15. November vorigen Jahres ist Raabe gestorben. — Heute ist Raabe ja bekannter, aber die meisten seiner Werke haben es noch nicht über zwei Auflagen gebracht. Doch immer größer wird die Äaabegemeinde, und ich glaube, daß sie auch immer noch wächst, wenn die heutigen Sensationsromane längst vergessen sind. Er ist eben einer unserer Größten, einer unserer Prosaisten, der sich der stolzen Reihe Goethe, Keller, Storm, Meyer, Fontane würdig anschließen kann. Was iß es nun, daß er nicht so volkstümlich geworden ist, wie Fritz Reuter zum Beispiel? Das ist einmal sein Stil, dann aber besonders seine Eigenarten in seinen größeren Erzählungen. Ein Freund von mir nannte Raabes Erzählungsweise „wunderlich". Der Ausdruck trifft auch für manche Werke zu. So erzählt Raabe in den Krähenfelder Geschichten mit dem größten Ernste von einem Geist, der 30 Jahre hinter einer Tapete festgenagelt war. Ich könnte noch andere Beispiele anführen. Doch sind es Ausnahmen. Man muß eben eine feste Schale durchbeißen, um bei Raabe auf den Kern zu kommen, man muß sich im wahren Sinne des Wortes einstudieren. Es ist keine Lektüre für eine müßige Stunde, o nein, es ist zunächst eine Arbeit, dann aber auch höchster Genuß. Wer ihn noch nicht.kernst, beginne mit den kleineren Erzählungen (Die schwarze Galeere, Zum wilden Mann, Else von der Tanne, Deutscher Mondschein, Lorenz Scheibenhart usw.), dann schreite man zu seinen größeren Werken (Hungerpastor, Die Leute aus dem Walde, Die Akten des Vogelsangs, Schüddernng, Hor- Scker usw.). Raabe ist unser größter Humorist im 19. Jahrhundert. Das vor allem sollte ihn schon volkstümlich machen, wir besitzen nicht vncke wirkliche Humoristen. Zwar sind Busch (durch seine Verse Und Bilder) und Fritz Reuter (durch das Plattdeutsche) viel bekannter, aber deutscher sind sie nicht. Raabes Humor entspringt der Liebe, der Lieb« zu seinen Mitnrenschen, der Liebe mitunter M den wunderlichsten Sonderlingen. Da ist kein Menschlein, kein Flächen derErde, das er nicht mit seinem weltbesiegenden Humor umspinnt. Man sieht hinter jeder Gestalt des Dichters lächelndes Autlrtz hervorlugen, und jede Person seiner Dichtungen wird uns ueb und wert, mögen sie auch manche Zöpse anhängen haben. Wir lernen sie, tote der Dichter vor uns, lieben. Und iver sich einmal in Raabes Erzählungen eingelebt hak, der wird ost wtedev gern danach greifen, her wird oft, wie Bartel- sagt, Raabe-Heimweh bekommen. vermischtes. 'Wie man früher vom Kaufmann dachte. Die Klagen, daß man in Deutschland dem Kaufmann nicht den gebührenden Platz einräume, verstummen allmählich: man weiß den Kaufmann und die Wichtigkeit des Handels zu würdigen. Unsere Vorfahren standen aber in der Tat beit Kaufleuten weniger freundlich gegenüber und Luther hat wenigstens gegen die größten Handelshäuser und ihre Inhaber häufig sehr scharte Worte gefunden. Ihre Spekulationen waren ihm ein Greuel. «Tenn st« haben alle Waren unter ihren Händen und machen's damit, wie sie's wollen und treiben ohne alle Scheu die obberührten Stücke, daß sie steigen und niedrigen nach ihrem Gefallen.....' Eine bösere Meinung spricht sich noch in den Worten aus, in denen er davon spricht, daß die Raubritter den Kaufleuten auflauern. Die Plackereien seien diesen gesund , da die Fürsten sie nicht strafen, müsse es Gott tun, «also stäupt er einen Buben mit dem anderen". Ganz das ist auch die Meinung des bekannten Tübinger Professors Heinrich Bebel. Der sagt in seinen facet ae: „Tie Straßenränder sind segensreich, denn die Kaufleute erwerben sich ihren Reichtum doch mehr durch Wucher als durch ehrliche Verträge, so daß sie nicht leicht in den Himmel kämen, wenn jene ihnen die Schuld nicht etwas erleichterten." Hutten und andere einflußreiche Männer und Schriftsteller dachten nicht anders. Stur vereinzelt läßt sich eine andere Stimme hören, so die des Sebastian Brant: «Nachdem die Deutsche» haben angeiangen, Kaufleute zu werden und über ihr« Schwelle in andere Nationen zu retsen, ist kein Volk nicht weiter kommen, oder mehr eriahren. Deutschland hat die wettreisendsten und reichsten Kaufleute, die ausgebildetsten Gewerbe, so künstliche Arbeit in Malen, Sticken, Graben, Schnitzen, Bauen, Gießen, Schreiben und allerlei Kunst, wie sonst nirgends." 'Da» unschädlichste und bekömmlichste Getränk. Man hat es längst gewußt, so lange schon, daß man es in weiten Kreisen — lanß wieder vergessen zu haben scheint und die Erkenntnis davon rote ein verschütteter Brunnen wieder ausgegraben werden muß: das unschädlichste und bekömmlichste Getränk "ist gesundes, reines Master. Die hygienischen Anforderungen an ein gute? Trinkwaster sind, so toretbt Dr. med- E. Meyer in «Gute Gesundheit", 1911 Sir. 4, einfach ausgedrückt folgende: Es soll farblos und klar, geruchlos und ohne besonderen Geschmack, aber doch erfrischend sei». Will man ganz sicher gehen, so gewährt gegen etwa beigemsngte Krankheitskeime den beste» Schutz längeres Abkochen deS Wassers. Sodann ist aus die Zckrone als Beisatz noch besonders hinzuweisen. «Der Sait einer Zitrone ist imstande, zahllose Keime, speziell Cholera- und Typhuskeime, im Verlauf von wenigen Stunden völlig abzutöten." Dr. Meyer bemerkt aber: „Uns ist kein Fall bekannt, wo durch den Genuß von Master jemand eine Krankheit oder chronisches Siechtum sich zugezogen hat, wohl aber sind uns zahllose Leiden bekannt, herrührend von Bier, Wein, Branntwein und anderen alkoholischen Getränken" und — fährt dann fort: «Ter Ausscheidung durch die Ausscheidungsorgane entsprechend, hat der Mensch innerhalb 24 Stunden etwa 1-1% Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen; bet vorwiegend trockener Diät mehr, bet flüssiger Diät weniger. Es soll hier noch kurz gestreift werden, daß das Trinken nicht während der Mahlzeiten, sonder» hauptsächlich zwischen den Mahlzeite» zu geschehen hat". * Vom Kasernenhofe. Sergeant: „Lehmann II., wa- sind Sie in Ihrem Zivilverhältnis?" — „Kassierer, Herr Sergeant." — Na, die Herren Ihrer Branche pflegen laut Zeitungsnachrichten bessere Griffe zu machen." * Am Stammtisch. „Hab' ich nicht eine klassische Nase?" — „Na, sie fängt wenigstens an, es zu werden!" — „Sie sängt an?" —. „Ja — zu „schillern"!" Ertter-Rätse!. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a ---------aaa, bb, dddddd, eeee, g g, h h, i i i i i i i i, k, 1 1, n _______ n n n n n, r r r r, n u der« art einzutragen, daß die senk- —--- rechten und wagerechten Reihen — gleichlautend folgendes ergeben: ------ 1. Einen Teil Europas. _________2. Stadt in Schottland. 3. Fluß in Sibirien. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer« Des Lebens Mai blüht einmal und nicht tvieder. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-