Krankenwärterin mitbringen, welche vorzügliche Eigenschaften als solche besitzt und augenblicklich frei äst. Sre ist meiner Frau als eine Person bekannt, auf die man sich unbedingt verlassen kann. «Bitte, sprechen Sie hierüber nicht zu dem Arzte, ehe sie da ist; denn er wird eine Krankenwärterin meiner Wahl jedenfalls mit scheelem Auge ausehen. Sobald sie aber im Hause erscheint, wird sie für sich selber sprechen, und Mr. Dawson wird genötigt sein, zuzugeben, daß man keine Entschuldigung haben würde, falls man sich nicht ihrer bediente. Lady Glyde wird dasselbe sagen. Bitte, bestellen Sie Lady Glyde meine besten Empfehlungen und versichern sie meiner aufrichtigsten Teilnahme! „„ _ . Ich sprach meine dankbare Anerkennung für Semer Gnaden gütige Rücksichten aus. Nach zwei Tagen brachte die Frau Gräfin die Kranken- wärterin aus London mit. Man sagte mir, daß der Name dieser Person Mrs. Rubelle sei. Ihr Aussehen und ihr unvollkommenes Englisch belehrten mich, daß sie eine Ausländerin sei. Mrs. Rubelle machte mir den Eindruck einer kleinen, steifen, listigen Person von ungefähr fünfzig Jahren, mit einer dunkeln, braunen oder kreolischen Hautfarbe und wachsamen, hellgrauen Augen. Ich will bloß erwähnen, daß ihr Wesen auffallend ruhig und zurückhaltend war; daß sie viel umherblickte unb sehr wenig sprach, was natürlich ebenso sehr die Folge ihrer Bescheidenheit, als des Mißtrauens gegen ihre Stellung in Blackwater Park sein mochte; und daß sie das Abendessen ausschlug (was vielleicht sonderbar war, aber doch nicht verdächtig?), obgleich ich selbst sie mit der größten! Höflichkeit einlud, dieses Mahl in meinem Zimmer mit mir zu teilen. Am folgenden Morgen würde Mrs. Rubelle in das Wohnzimmer geschickt, um von dem Arzte in Augenschein genommen zu werden, wenn er durch dieses in Miß Hal- combes Schlafzimmer gehen würde. Als ich sie dem Arzte vorstellte, schien sie weder durch seine zweifelhaften Blicke, noch durch seine scharfen Fragen im geringsten verlegen zu werden. Sie antwortete ihm mit großer Ruhe in gebrochenem Englisch, und obgleich er alles tat, um sie verwirrt zu machen, verriet sie soweit doch nicht die kleinste Unwissenheit über ihre Pflichten. Und so bezog sie das cttt er. > Indem ich mich einer mir von Mr. Dawson gegebenen Warnung erinnerte, beobachtete ich Mrs. Rubelle während der ersten drei bis vier Tage in gewissen Zwischenräumen sehr scharf. Ich trat zu wiederholten Malen leise und plötzlich ins Zimmer, ertappte sie aber nie bei irgend einer verdächtigen Handlung. Lady Glyde, welche sie ebenso auf- merksam beobachtete, wie ich, wurde ebenfalls nie etwas gewahr. „ Der nächste Umstand von Wichtigkeit, welcher srch rm Hause ereignete, war eine kurze Abwesenheit des Grafen, der in .Geschäften nach London gerufen wurde. Er reiste Die weiße Frau. Roman von W. Collins. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Aussage der Elisa Michelson, Hauhälierin zu Blackwater Park. Als Miß Halcombe erkrankte — es war in der ersten Jüliwoche —, sandten wir nach Doktor Dawson, einem achtbaren ältlichen Arzte, der den Anfall als einen höchst -ernsten bezeichnete. Trotzdem er sich schon am ersten Tage mit hem Grafen Fosco überwarf, wurden seine Anordnungen befolgt. Aber beider waren sie nicht von Erfolg begleitet. Miß Halcombes Zustand' besserte sich nicht, und die zweite Nacht war womöglich noch schlimmer, als die erste. Mü. Damwosn kam mit regelmäßiger Beständigkeit. Die Baltischen Pflichten des Pflegens wurden noch immer von Frau Gräfin und mir geteilt, währende Lady, Glyde auf bestand, mit uns aufzusitzen, obgleich wir beide sie auf das dringendste baten, sich etwas Erholung zu gönnen. Gegen Mittag ging ich hinunter, um einigen meiner regelmäßigen Pflichten nachzukommen. Eine Stunde später, als ich wieder ins Krankenzimmer zurückkehrte,, sah ich den Grafen (welcher zum dritten Male früh des Morgens ausgegangen war) in den Flur kommen, und zwar dem Anscheine nach in der besten Laune. Sir Percival steckte zu gleicher Zeit den Kopf durch die Tür der Bibliothek und sagte mit großem Mfer folgende Worte zu seinem hohen Freunde: Hast du sie gefunden? Ein zufriedenes Lächeln zeichnete tausend Grübchen in Seiner Gnaden großem Gesichte, aber er gab keine Antwort. Wen er damit meinte, ist mir unbekannt., Komm hier herein und erzähle mir das Ganze, sagte Sir Percival zum Grafen. Wenn man Weiber im Hause hat, kann man stets sicher sein, sie auf den Treppen zu fcl)CTL Mein lieber Percival, sagte der Graf gütig, Mrs. Michelson hat ihre Pflichten. Ich bitte dich, sie für deren höchst bewunderungswürdige Ausübung zu achten, wie ich xs tue. Wie geht es unserer Leidenden, Mts. Michelson? Nicht besser, Mylord, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß. Ttaurig — sehr traurig ! sagte der Graf. Sie sehen angegriffen aus, Mrs. Michelson. Es' ist wirklich Zeit, daß Sie und meine Frau Hilfe in der Pflege bekommen. Ich denke, daß ich imstande sein werde, Ihnen diese Hilfe zu verschaffen. Es haben sich Sachen zugetragen, welche die Gräfin Fosco nötigen werden, entweder morgen oder Übermorgen nach London zu reisen. Sie wird früh abveisen und abends zurückkehren und wird zu ihrer Ablösung einr 694 am Vierten Tage (glaube ich) nach Mrs. Rübelles Ankiinft ab und sprach beim Abschiede sehr ernstliche Worte zu Lady Glyde in Rücksicht aus Miß Halcombe. Vertrauen Sie Mr. Dawson noch ein paar Tage langer, wenn Sie wollen, sagte er. Falls sich aber dann noch keine Besserung spüren läßt, da lassen Sie sofort geschickten ärztlichen Beistand aus Loudon kommen, den dieser Maulesel von einem Doktor annehmen muß, ob er nun will oder nicht- Beleidigen Sie Mr. Dawson und retten Lie Miß Halcombe. Ich sage dies im Ernste, auf mein Ehrenwort und aus dem Grunde meines Herzens. Der Graf blieb wohl eine Woche von Blackwater Park abwesend. r £ Sir Pereival erkundigte sich unausgesetzt nach Miß Haleombes und seiner Gemahlin Gesundheit. Ich glaube, er war um so weicher gestimmt, als die Frau Gräfin ihm auszuweichen schien. Q o . ,, Im Verlause der nächsten paar Tage kam es uns allerdings allen vor, als ob Miß Halcombe sich ein wenig erholte. Unser Zutrauen zu Mr. Dawson erwachte wieder; aber am Abend des dritten Tages bemerkte ich eine Veränderung an Miß Haleonibe, die mich ernstlich besorgt machte. Mrs. Rubelle bemerkte es ebenfalls. Wir sagten indessen nichts davon zu Lady Glyde, die, völlig von Erschöpfung überwältigt, aus dem Sofa im Wohnzimmer eingeschlafen war. , , , Mr. Dawson machte seinen Abendbesuch spater afe gewöhnlich. Sowie er seiner Patientin ansichtig wurde, sah ich, daß sich fein Gesicht veränderte. Er versuchte, dies zu verbergen; aber er sah sowohl verlegen als erschrocken aus. Es wurde ein Bote nach seiner Wohnung geschickt, nm seinen Arzneikasten zu holen, desinfizierende Vorkehrungen wurden im Zimmer angewandt, und es wurde ihm auf seine eigene Anordnung im Hause ein Bett gemacht. ^5st das Fieber ansteckend geworden? flüsterte ich ihm zu. Ich fürchte es, entgegnete er; doch werden wir morgen früh besser imstande sein, darüber zu urteilen. Auf Mr. Dawsons eigne» Befehl wurde Lady Glyde über diese beunruhigende Veränderung in Unwissenheit gelassen. Er selbst verbot ihr aus Rücksicht für ihre Gesundheit, diesen Abend zu uns ins Schlafzimmer zu kommen. Sie versuchte, sich dem zu widersetzen, aber es unterstützte ihn seine ärztliche Autorität, und er gewann die Oberhand. Nächsten Morgen um elf Uhr wurde einer der Bedienten mit einem Briese an einen Arzt in London abgcschictt, mit dem Befehle, den neuen Doktor mit dem nächstmöglichen Zuge mit zurückzubringen. Eine halbe Stunde, nachdem der Bote fort war, langte der Gras wieder in Blackwater Park an. , „ Die Gräfin brachte ihn sogleich auf eigene Verantwortung herein, um die Kranke zu sehen. Die arme kranke Dame kannte niemanden mehr von denen, die sie umgaben. Als der Graf sich ihrem Bette nahte, heftete sie ihre Augen, die bisher wild umhergewandert waren, mit einem so furchtbaren Stieren des Entsetzens auf fein Gesicht, daß ich es bis zu meiner letzten Stunde nicht vergessen werde. Der Graf setzte sich neben ihr nieder, fühlte ihren Puls und ihre Schläfe, betrachtete sie sehr aufmerksam und wandte sich dann mit einem solchen Ausdrucke von Entrüstung und Verachtung gegen den Doktor um, daß diesem hie Worte ans den Lippen erstürben und er einen Augenblick bleich vor Zorn und Bestürzung dastand — bleich und völlig sprachlos. Daun wandte sich Se. Gnaden zu mir. Wann fand diese Veränderung statt? fragte er. Ich gab ihm die Zeit an. Ist Lady Glyde seitdem im Zimmer gewesen? Ich sagte ihm, daß sie nicht dagewesen war. Der Arzt habe es ihr gestern abend ausdrücklich untersagt und den Befehl heute morgen wiederholt. Hat man Sie und Mrs. Rubelle mit der ganzen Größe des Unheils bekannt gem!acht? toar seine nächste Frage. Ich entgegnete, wir wüßten, daß die Krankheit eine ansteckende sei." Er unterbrach mich, ehe ich noch ein Wort hinzu fügen konnte. Es ist Typhus, sagte er. In der Minute, welche unter diesen Fragen und Antworten verging, erholte Mr. Dawson sich wieder und wandte sich mit seiner gewohnten Festigkeit zum Grafen. Es ist kein Typhus, sagte er scharf. Ich protestiere gegen diese Einmischung, Sir, Es hat hier niemand außer mir das Recht, Fragen zu tun. Ich habe nach meinen) besten Kräften meine Pflicht getan — Der Graf unterbrach ihn, nicht durch Worte, sondern! indem er bloß auf das Bett hindeutete. AM. Dawson schien diesen stillen Widerspruch gegen seine Fähigkeiten zu fühlen und dadurch nur noch gereizter zu werden. Ich sage, daß ich meine Pflicht getan habe, wiederholte er. Man hat nach einem Arzte in London geschickt. Mit ihm will ich über die Art des Fiebers reden und mit sonst niemandem. Ich bestehe daraus, daß Sie das Zimmer verlassen. Ich betrat dieses Zimmer, Sir, im heiligen Interesse der Menschlichkeit, sagte der Graf, und will es in, demselben Interesse abermals betreten, falls die Ankunft des Arztes sich verzögert. Ich sage Fhnen nochmals, daß das Fieber sich in Typhus verwandelt hat, und daß Sie durch Ihre Behandlung für diese traurige Veränderung verantwortlich sind. Falls diese unglückliche Dame sterben sollte, will ich es vor einem Gerichtshöfe bezeugen, daß Ihre Unwissenheit und Hartnäckigkeit ihren Tod herbeigcfühn haben. Ehe noch Mr. Dawson ihm antworten und ehe der Graf uns verlassen konnte, öffnete sich die Tür des Wohnzimmers, und Lady Glyde erschien auf der Schwelle. . Ich muß und will hereinkommen, sagte sie mit ungewohnter Festigkeit. . Anstatt sie aufzuhalten, trat der Graf ins Wohnzimmer und machte Platz für sie. Bei allen anderen Gelegenheiten war er der letzte Mann in der Welt, der etwas vergessen hätte; aber in der Ueberraschung des Augenblicks vergaß er offenbar, daß Typhus ansteckend sei, und zugleich die dringende Notwendigkeit, Lady Glyde zu zwingen, sich in acht zu nehmen. ' Zu meiner Verwunderung bewies Mr. Dawson mehr Geistesgegenwart. Er hielt Mylady beim ersten Schrittch den sie dem Bette zu tat, zurück. Ich bedaure aufrichtig — es schmerzt mich aufrichtig, sagte er. Ich sürchte, das Fieber ist ansteckend. Bis ich mich aber vom Gegenteil überzeugt habe, bitte ich Sie inständigst, nicht ins Zimmer zu kommen. Sie kämpfte einen Augenblick, dann sanken plötzlich ihre Arme zu ihren Seiten nieder, und sie siel vorwärts. Sie war in Ohnmacht gefallen. Endlich zwischen fünf und sechs Uhr langte zu unserer großen Erleichterung der Arzt an. Er war ein jüngerer Mann als Mr. Dawson, aber sehr ernst und entschlossen. Was er von der vorherigen Behandlung dachte, kann ich nicht sagen; aber es siel mir aus, daß er mir und Märs. Rubelle weit mehr Fragen vorlegte, als dem Doktor, und daß er nicht mit vieler Aufmerksamkeit anhörte, was Mr. Dawson sagte, während er die Patientin betrachtete. Nach diesen meinen Bemerkungen begann ich zu argwöhnen, daß der Graf von Anfang an in bezug auf die Krankheit recht gehabt hatte, und diese Vermutung wurde natürlich bestätigt, als M>r. Dawson nach einigem Verzüge die eine wichtige Frage tat, welche zu lösen der Arzt aus London geholt worden war. Was halten Sie von dem Fieber? fragte er. Es ich Typhus, entgegnete der Arzt, Typhus ohne den geringsten Zweifel. Zum Glück aber triumphierte die kräftige Natur der) Kranken über die Gefahr: nach zehn Tagen war fie ge- rette#. Die Wirkung dieser guten Nachricht auf die arme Lady Glyde war zu meinem Bedauern förmlich überwältigend. Sie war zu schwach, um diese heftige Reaktion zu ertragen, und in ein paar Tagen daraus verfiel sie in einen Zustand der Schwäche und Abgespanntheit, welcher ihr nicht gestattete, ihr Zimmer zu verlassen. Ruhe und später vielleicht eine Luftveränderung waren die einzigen Mittel, die Mr. Dawson für sie empfehlen konnte. Es war ein Glück, daß es nicht schlimmer mit ihr war; denn noch an demselben Tage, an welchem' sie sich in ihr Zimmer zurückziehen mußte, hatten der Graf und Mr. Dawson wieder einen Wortwechsel, und diesmal war er so ernster Art, daß Mr. Dawson das Haus verließ. Bald darauf erklärte Sir Pereival zu meinem höchsten Erstaunen, er wolle außer Margarete Porcher, dem Gärtner und mir das ganze Dienstpersonal entlassen, was wenigs Tage später auch wirklich geschah. (Fortsetzung folgt.) 695 — Die Autoritäten der Kinderstube?) Von Dr. Eugen 9? et er. Wenn wir Merzte bei der Säuglingsernährung und Säuglings- Wege bestimmte Methoden angeben und Ratschläge erteilen, so stützen wir uns auf die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen an einer sehr großen Zahl von Kindern, außerdem und vor allem' auch auf die Resultate medizinischer Forschungen. So,selbstverständlich dies eigentlich ist, so muß auf diese Tatsache doch immer wieder hingewiesen werden, weil die tägliche Praxis zeigt, daß der ärztlichen Autorität leider so häufig andere Autoritäten, Ratgeber aus der Kinderstube entgegengestellt werden oder von selbst sich entgegenstellen. Eine Großmutter, die vielleicht vier eigene Kinder großgezogen hat, — um nicht ungerecht zu erscheinen, gestehe ich ihr von vornherein „zwanzig" Kinder zu — glaubt auf Grund ihrer eigenen Erfahrung das Wesen der, künstlichen Ernährung ersaßt zu haben und beansprucht bei der jungen Mutter das Recht auf eine unfehlbare Autorität in diesen Dingen. Ein andermal ist es eine gute Freundin, die, — auch ohne gefragt zu sein — aus der Fülle ihrer Erfahrungen (sie hat „zwei" Kinder) in beneidenswertem Selbstbewußtsein nachzuweisen versucht, wie ein Kind eigentlich nur bei der von ihr selbst angewandten Ernährungsweise richtig gedeihen tarnt. „Ich habe meine Kinder mit Zwieback (mit Kuseke, Schweizermilch usw.) großgezogen, folglich ist Zwieback (Kufeke, Schweizernrilch usw.) das einzig Richtige." Wie oft, wenn ich solche Redewendungen direkt oder indirekt zu hören bekam — wie oft wünschte ich mir im Stillep etwas von dieser Sorglosigkeit, von biefent leichten Sinn (man könnte auch Leichtsinn sagen), der viele Frauen so zuversichtlich, so selbstbewußt sprechen läßt. Da studiert man als Arzt viele Jahre, bildet sich vielleicht auf dem Gebiet der Kinder-Krankheiten besonders aus, behandelt täglich eine gewisse Anzahl von Säuglingen, und das Resultat: daß man immer wieder erkennt, wie schwer doch die Frage der Säuglingsernährung ist. Im Handumdrehen lösen dentgegenüber so viele Großmütter, Tanten usw. dieses schwierige Problem, einfach mit dem verderblichsten aller logischen Schlußfolgerungen: „Weil es mir so gut getan, so schön geholfen hat, deshalb kann es auch für al,lg anderen Kinder empfohlen werden". — Ein solcher Schluß ist absolut falsch-, das einzige, was man solchen wenigen Erfahrungen entnehmen darf, ist: „Diese von mir angewandte Ernährungsweise hat meinen Kindern nicht geschadet." _ In meiner Praxis habe ich schon des öfteren Säuglinge an- getroffeu, die nur selten gebadet werden, deren nasse Wmdeln zumeist ungewaschen getrocknet wurden, deren Milchflaschen aber auch nicht den geringsten Ansprüchen der Sauberkeit genügten — kurz Säuglinge, deren Pflege und Ernährung allen Geboten der Reinlichkeit und Zweckmäßigkeit Hohn sprach — und trotzdem sah ich sie groß werden und zu netten, gesunden Krudem sich entwickeln. Wie seltsam würde es nun klingen, wenn eine solche Mutter — stolz aus ihren keineswegs zu bestreitenden Erfolg — sagen wollte: „Meine Kinder sind bei meiner Methode der schmutzigen, elenden Pflege vorzüglich gediehen, folglich ist meine Methode auch richtig und für alle Kinder geeignet und notwendig; ich kann sie jeder jungen Mutter dringend empfehlen ! Nicht der Erfolg in einigen wenigen Fällen gibt recht; ein solcher Erfolg kann sehr leicht täuschen, wie in dem erwähnten Falle. Wichtig ist und unbedingt notwendig die Kenntnis von de» Mißerfolgen, die etwa eine Methode, deren Erfolg manchmal nicht zu leugnen ist, mit sich bringt. , Die Frage, die sich bei der Beurteilung einer Methode erhebt, ist die: Wieviel Mißerfolge stehen einem einzigen Erfolg gegenüber? Jene Frau, die ihre Kinder im Schmutz groß werden ließ, kann mit nichts anderem widerlegt werden, als mit dem Nachweis, daß auf ein Kind, das jene Vernachlässigung ohne Schaden erträgt, so und so viele Müder kommen, die bei dieser „Methode zu Grunde gehen. Und so frage ich jene Frauen, die so gerne Ratschläge geben und die von ihnen an doch nur ganz wenigen Kindern erprobte Ernährungsweise empfehlen, ich frage sie: Wisstn sie denn oder ahnen sie denn nur überhaupt, wieviel Kindern die von ihnen empfohlene, so sehr gelobte Methode nicht ertragen haben, daran erkrankten oder zu Grunde gingen? Wie oft passiert es mir doch in meiner Praxis, daß diese oder reue Mutter nicht recht begreifen kann, daß ich von dem bet ihren Kindern so erfolgreich angewandten Milchpräparat nichts wissen will, „über Sie haben doch, Herr Doktor, sicherlich schon oft Kinder dabei gut sich entwickeln sehen!" Ja, meist habe ich in solchen Fallen viel hundertmal mehr Kinder damit ernährt beobachtet wie reue Frau mit ihren zwei oder drei Kindern; und trotzdem? Gerade die vielfache Beobachtung ist es, was uns Aerzte vorsichtig macht; wir sehen die Mißerfolge, die an Zahl die Erfolge ost überwiegen und uns deshalb hindern, in das Loblied mit einzustimmen. *) Die Monatsschrist für Säuglingssursorge, „M utter litt d K j n o", veröffentlicht mit Erlaubnis des Verlags der Aerztlichen Rundschau Otto Gmelin, München, aus dem Büchlein „Sorgen Und Fragen in der Kinderpflege" von Dr. med. Eugen Neter in Mannheim einige beherzigenswerte Ausführungen und nimmt zugleich die Gelegenheit wahr, dieses lehrreiche, lebendig und hübsch geschriebene Büchlein allen Müttern und ihren Beraterinnen zur Anschaffung zu empfehlen. Es ist übrigens auch ein alter Erfahrungssatz, daß die Urteile der Menschen um so rascher und sicherer abgegeben werden, je geringer, je einseitiger die Kenntnisse sind, auf welche sich jenes Urteil aufbaut. Je mehr Erfahrung ein Mensch aus einem bestimmten Gebiete gesammelt, desto zurückhaltender und vorsichtiger wird er mit seinem Urteil, hauptsächlich deshalb, weil er auch die Kehrseite der betreffenden Frage kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Vor einigen Jahren bekam ich einen etwas sehr seltenen Blumenstock geschenkt; ich wußte nicht recht, wie er gepflegt werden sollte. Er fehlte nicht an Ratschlägen aus dem Kreise meiner Freunde, die, teils gefragt, meist aber ungefragt aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen in der Pflanzenpflege mich berieten. Bald gab ich zu viel, bald zu wenig Wasser; bann mußte ich heute den Blumenstock in ein kühleres Zimmer bringen, nachdem ich ihn gestern auf ein dringendes Anraten eines anderen Freundes! etwas wärmer gestellt hatte usw., kurz, das Ende der Geschichte war, daß der schöne Blumenstock die „guten" Ratschläge nicht aushielt und elendiglich zu Grunde ging. Eine harte Strafe für meine! Dummheit, aber nicht ungerecht; ich hatte sie verdient und zwar deshalb, weil ich das einzig Richtige zu tun unterließ, nämlich einen Sachverständigen, einen Gärtner um Rat zu. fragen. Wie- viele Mütter begehen nun denselben Fehler, nur an einem weit wertvolleren Objekt, an ihrem eigenen Kinde? Wie oft lassen sich junge Mütter Ratschläge für die Ernährung und Pflege ihres Lieblings geben von Leuten, die sich wohl Sachverständnis zutrauen, aber unmöglich sie besitzen können? Und in wie vielen Fällen müssen die so beratenen Mütter an dem traurigen Ergebnis ihres Vorgehens erkennen — oft leider zu spät — daß sie vernünftiger gehandelt hätten, wenn sie den guten Ratschlägen jener Unverantwortlichen nicht gefolgt -mären und sich sachverständige Untxrweisung dort geholt hätten, wo die tägliche vielfache Erfahrung das Gute vom Schlechten trennen lehrt —। beim Arzt. Meine vielleicht etwas scharfen Worte gegen die mit iH-ren Ratschlägen freigebigen Frauen, zu denen gewiß auch viele Großmütter gehören, mögen nicht falsch gedeutet werden. Wer beruflich sich mit Kindern beschäftigt, der lernt das, was eine Mutter au ihren Kindern tut, würdigen und bringt diesen Frauen sicherlich viel Verehrung entgegen; man lernt weiterhin das konservative Element in der Kinderstube verstehen und schätzen und bereichert gern und nicht selten seine -eigenen Kenntnisse! mit dem, was eine Frau aus dem reichen Schatz ihrer Lebens- erfahruiigen zu geben vermag. Ich habe sehr viel von meinem; Wissen Frauen, vor allem Großmüttern, zu verdanken. Aber es gibt Gebiete, wo auch eine sonst vielseitige Lebenserfahrung doch nur eng begrenzte Kenntnisse sammeln ließ; ein solches Gebiet ist die künstliche Säuglingsernährung. Hier tarnt und darf das Alter nicht unbedingte Autorität für sich beanspruchen; hier ist es oft sogar Pflicht für den, der sich dem Studium dieser schweren Frage gewidmet hat, gegen jene Autoritäten energisch anzukämpfen, bann, wenn Gefahr besteht für die gesund« Entwicklung unserer Kinder. Staatsmann und Original. In London ist soeben ein umfangreiches von Bernhard Holland verfaßtes Werk über den Herzog von Devonshire erschienen, den bekannten Staatsmann, der in den letzten 50 Jahren in der Politik Englands eine hervorragende Rolle gespielt hat, als' Führer der liberalen Partei seine Laufbahn begann, mehrfach Minister war und nicht weniger als dreimal die Würde eines Ministerpräsidenten ahlehnte, um schließlich als Führer der Unionisten im Oberhause seine vielseitige und stets hervorragende politische Tätigkeit zu beschließen. Diese Persönlichkeit eines englischen Staatsmannes mutet wie der Repräsentant eines immer seltener werdenden Typus an, denn der Wann, der in seinem Lande als Politiker eine führende Stellung einnahm, dem als Staatsmann die höchsten Würden und die höchste Macht offen standen, war als Mensch ein Original, ein oft wunderlicher Kauz, in dessen Wesen neben einem trockenen Humor eine souveräne Gleichgültigkeit wohnte, eine „Schnuppig- feit", die gerade Bei einem Politiker verblüffen mußte. Er kannte int Grunde gar keinen Ehrgeiz, war zwar ein begeisterter Sportsmann und ein feinsinniger Kunstsammler, aber in der politischen Arena und int gesellschaftlichen Leben beherrschte eine Indolenz sein Leben, die mehr als einmal zu komischen Zwischenfällen Anlaß, bot. Wie weit seine Vergeßlichkeit gehen konnte, zeigt ein amüsanter Fall, der nur wenige Jahre zurückliegt. König Eduard äußerte int Gespräch mit dem Herzog, daß er an einem der nächsten Tage sehr gern int Devonshire-Haus gemütlich mit dem Herzog soupieren wolle. Es wurde ein Tag verabredet, aber als König Eduard vorfuhr, war der Wirt des Hauses nicht daheim. Er hatte die Ansage des Königs vollkommen vergessen und- mußte in größter Hast aus dem — 696 — Durfklub nach Hause gerufen Gerden. Das erinnert an ein ähnliches Abenteuer, das die Königin Mktorra Mit dem 'Herzog von Devonshire erleben mußte. Dre Königin erzählte dem Herzog von ihrer Absicht, Irland zu besmhen, ein Plan, der in jenen Zeiten die größte lleberraschung Hervorrufen mußte. Der Herzog würde von der Monarchm beauftragt, dem Ministerpräsidenten Salisbury davon zu benachrichtigen, damit er Zeit habe, dre Angelegenheit zu überlegen und zu prüferr. Als die Könrgrn emrge Tage später Lord Salisbury sah, fragte sie in größter Spannung: -„Und was denken Sie von meinem rrrschen Plan? Salrs- bury starrte die Königin fassungslos an: er hatte kerne Ahnung, wovon die Rede war. Als man den Herzog von Devonshire dann fragte, war er nicht wenig verblüfft: „Meiner Seel, ich hab die Geschichte total vergessen// Und diese gelassene Vergeßlichkeit, die seinen Ministersessel immer umschwebte, verließ ihn auch nicht als Gastgeber und Wrrt. In Wirklichkeit machte er sich über seine gesellschaftlichen Verpflichtungen wenig Sorge. Sein Haus war als gastfrei bekannt, Hunderte von Menschen gingen im Devonshrre- Haus ein und aus, aber der Herr des Hauses kannte rn der Regel nur die wenigsten seiner Gäste: die Namen und dre Persönlichkeit der meisten waren ihm natürlich entfallen. Er war, wie eine witzige Dame ber Gesellschaft bemerkte, fin seinem eigenen Hause der beliebteste und häufigste Gast". Der Verfasser der Biographie erinnert sich noch an eine Gesellschaft beim Herzoge; die Gäste waren in der Bibliothek von Chatsworth bereits versammelt, ein Werner erlesener Kreis. Der Herzog blickte erstaunt um sich und wandte sich schließliche hilfesuchend an Mr. Holland: „Das ist alles recht schön und gut, wenn ich nur wüßte, wer meine Gäste sind. Wissen Sie vielleicht den Namen von jenem Manne mit dem roten Gesicht da hinten?" Die fremden fanden den Herzog oft kühl und unnahbar, in Wirklichkeit war er meist zerstreut und konnte dann plötzlich mit den naivsten Bemerkungen herausplatzen. So geschah es auch bei einem Keinen Diner in London, bei dem eine Fülle erlesener französischer Leckerbissen serviert wurde, kokette Meisterwerke der Kochkunst, aber keine Speisen, an denen man sich satt essen konnte. Der Herzog wurde uw ruhig, blickte wie fragend rings umher, als plötzlich etn prächtiger Roastbeef serviert wurde. „Hurra!" rief der schweigsame Staatsmann plötzlich aus der Tiefe seines hungrigen Gemütes: „Endlich etwas zum Essen." Seine politische Tätigkeit betrachtete er oft mit dem! Lächeln humorvoller Selbstironie. „Die politischen Verhältnisse meiner Familie find ziemlich gemischt," sagte er einmal zu entern Freunde, „Viktor ist Balfourianer, Dick mit Leib und Seele Freihändler, und was ich bin, mag der liebe Gott wissen." Er, der seinen Parteifreunden und seinen Gegnern von Anfang an als ein hervorragender Gegner galt, hatte zu seiner oratorischen Begabung nicht das geringste Vertrauen, ja er behauptete immer, daß seine Reden die langweiligsten von der Welt sein müßten. Und er glaubte es auch. Für dieses unerschütterliche Phlegma bleibt es charakteristisch, daß er als neugebackener Abgeordneter im Unterhaus bei seiner Jungfernrede kein Hehl daraus machte, wie sehr die ganze Geschichte ihn langweile. Mitten in seiner Rede gähnte er mehrmals. Später stellte ihn ein Freund zur Rede: „Aber Sie haben ja während ihrer Rede gegähnt!" „Tat ich das, na ja, wahrscheinlich ist es schrecklich langweilig gewesen." Vermischter. kf. Die Diagnostik der Haare. Die wissenschaftliche Diagnostik auf die Beschaffenheit der Haare zu stützen, hat, wie eine italienische Zeitung erzählt, kürzlich ein japanischer Arzt versucht. Von der bekannten Tatsache ausgehend, daß Krankheiten die Länge und Dicke der Nägel herabsetzen, kam er zu der Ueberzeugung, daß sich der Einfluß organischer Störungen auch bei den Haaren bemerkbar machen müßte. Auf Grund ausgedehnter Beobachtungen und Nachforschungen ist der Japaner tzu dem Ergebnis gekommen, daß durch eine Krankheit der Durchmesser des Haares verringert wird. Dieser Einfluß macht sich verzugsweise bei denjenigen Rassen und Individuen geltend, die über ein besonders starkes und volles Haar verfügen. Es soll nun möglich sein durch Untersuchung der Haare festzustellen, ab ein Mensch vor nicht allzu langer Zeit eine Krankheit durchgemacht und sogar wie lange eine solche gedauert hat. Die Verdünnung beschränkt sich nämlich nur auf einen Teil des Haares Und die Länge dieses Stückes ist von der Dauer der MaNkheij abhängig. Die Forschungen des, Arztes. würden, falls sie sich vollkommen bestätigen, auch für ine Kriminalistik von Bedeutung * D i e reich st en Indianer der Welt. Die reichsten Indianer der Welt sind nach einem Berichte des Gouverneurs von Oklahoma die Choctaws, von denen im Staate nahezu 23 000 Stammesangehörige gezählt werden, unter ihnen 9000 remblüttge Indianer. Nach den Schätzungen der Steuerbehörde entfallt durchschnittlich auf jeden Choctaw ein Vermögen von rund 2u000 Aik., die teils bar vorhanden sind, von den klugen Indianern in gewinn- bringenden Unternehmungen angelegt werden oder im Grundbesitz enthalten sind. Außer den großen Lünderstrecken, die diese guter- gesegneten Rothäute gepachtet haben, besitzen die Choctaws an dem Regierungsland noch einen Anteil von inebr als einer u!illion Acres. Wenn diese Gebiete zitm Berkaus kommen, muß den Indianern ihr Anteil bar ausgezahlt werden. Die Choctaws sind nach den Berichten des Goiiverneurs Locke die am weitesten sort- geschrittenen Indianer Amerikas. Sie haben sich glücklich der Zaster erwehrt, die die Volkskrast der anderen roten Stämme gebrochen haben, haben sich bis zu einem gewissen Grade den Lebensverhaltnissen moderner Kultur angepaßt. Trotzdem geht dieZahlcher rem- blütigen Choctaws immer mehr zurück. Es ist nur eine präge der Zeit, wann diese letzten reinen Abkömmlinge ihres Stammes aus- gestorben sein werden; in einem Vierteljahrhundeck wird es vor- aussichtlich nur noch wenige geben, während die mlschblutigen Ungehörigen des Stammes sich gesund weiter entwickeln. Es wenn, als ob der reinblütige Indianer sich deut zivilisierten Leben nicht anzupassen vermag, der an die Freiheit der Walder gewöhnte Rote siecht dahin und stirbt. Lehrreich ist die Tatsache, daß die Choctar^ Indianer sich rege an dem staatsbürgerlichen Leben beteiligen, sich für die Verwaltung lebhaft interessieren, die politischen Strömungen verfolgen und von dem ihnen eingeräumten Wahlrecht in immer wachsendem Maße Gebrauch machen. kf. Briefmarken im 17. Jahrhundert! Als Erfinder der heutigen Briefmarke gilt fälschlich der englische General- postmeister Rowland Hill, der in der Tat im Jahre 1840 für die allgemeine Einführung der Briefmarke sorgte. Allem es gab vor seiner Zeit bereits Briefmarken. Eme italienische Zeitung verfolgt die Entstehungsgeschichte his ins 17. Jahrhundert zuruck. Wenn ihre Angaben richtig sind, hat der Franzose V 6 l a h e r tm Jahre 1653 die Briefmarke erfunden. In diesem Jahre sollen in Paris eine Art bedruckter Briefumschläge zum Preise von etwa 1