Mittwoch den 6. September WM WA NW. 'flWIJJJfää LI inuiir," UMO MW MWI SMMir Das nette Mädel. Koman von Fedor von Zobeltitz, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) . kam der 24. Juli heran. Herr Köhler war schon rn aller Frühe nach der Hafenstadt gefahren, und daheim wartete man auf seine Rückkehr. Er wollte, ließ es sich machen, Herrn Brigham gleich mitbringen, um ihn vorzustellen. Er hatte es sehr eilig und war in gewaltiger Aufregung. In der Wohnstube hatte sich indes die Fa- mrlre versammelt: Friedrich und Klothilde, Frau Auguste und sämtliche Kinder. Alle waren im Sonntagsstaat; Traute hatte das elfenbeinfarbene Kleid angezogen. Sie wollte Herrn Brigham bezaubern. Sie war sehr blaß aber durchaus ruhig. Nur die spitzen Reden Klothildens konnte sie nicht vertragen. Da funkelte etwas wie Haß in ihrem Auge, und sie erklärte: „Ich habe keine Lust, mich nutzlos zu erregen. Ich geh auf mein Zimmer. Wenn es so weit ist, ruft mich." Und wirklich ging sie in ihr Stübchen und setzte sich an das Fenster und nahm ein Buch. Aber lesen konnte sie nicht. Nun in nächster Stunde schon die Entscheidung gefällt sein konnte, verlor sie doch wieder den Mut. Ihr war ganz wirr im Kopfe; nur an dem einen Gedanken hielt sie fest: sie wollte Ja sagen, sie mußte es ja. Die Existenz ihrer Familie hing davon ab — auch ihr Lebensmut. Sie wollte über dieses Ja hinaus und in allem Weiteren ihrem Stern vertrauen. Vielleicht konnte aus dem Zwange sich noch eine Welt der Freiheit entwickeln; vielleicht war es der Antrieb zum Glück. Die Minuten schlichen dahin und wurden zu Stunden. Es war zwölf Uhr mittags. Traute schritt unruhig im Zimmer auf und nieder. Sie hatte die Rouleaux vor die Fenster gelassen; sie konnte die übermütigen Gesichter der Blumenmädchen gegenüber nicht mehr sehen. Auf einmal stutzte sie; sie hörte Lärmen im Korridor. Alfred und Rolf stürmten in ihr Zimmer, und Rolf schrie: „Fix, Traute, fix! Er ist da! Er ist da!" ^,Drei Droschken," rief Alfred, „zwei mit Gepäck! Koffer wie Häuser!" "Er hat einen riesigen Hut auf," ncf Rolf wieder, >,fote ein Goldgräber, Traute! Und den Mantelkragen hoch ausgeschlagen —- man sieht nix vom Gesicht, gar nix!" ,, Trante schob die Jungen aus der Tür. „Sagt nur, ich käme gleich!" .. . Aber sie ging nicht sogleich. Sie preßte beide Hande auf ihr Herz: sie dachte noch einmal an den Geliebten. Sie nahm für immer Abschied von ihm. Als sie in die Wohnstube trat, sah sie zwischen den Eltern und Friedrich einen großen Mann stehen. Sie er- lchrak nicht vor ihm, aber sie staunte: der Mann hatte ein fast kupferfarbenes, mit einem matten, leh'mgrauen Ton untermischtes Gesicht. Sonst war er recht stattlich: bartlos, mit scharf profilierten Zügen, schlank und sehnig. Er wendete sich ihr sofort zu. „Das ist Fräulein Traute!" rief er in leidlich flüssigem, wenn auch fremdländisch akzentuiertem Deutsch. Seine schwarzen, blitzenden Äugen umstrahlten sie. Es lag eine naive Freude In diesem Blick und eine impulsive Bewunderung. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Sie sein noch viel, viel schöner als wie auf dem Bilde," sagte er. „Sie sein noch viel mehr als wie ich mir vorgestellt und gedenkt habe. Fräulein Traute Köhler, draußen stehn meine Gepäck. Ehe daß ich nach dem Hotel fahre, wollte ich Sie zu sehen vermögen. Jetzt habe ich Ihnen gesehen und sein zufrieden." Er schwieg einen Augenblick und lächelte. Es war ein grundgütiges Lächeln, das im Widerspruch zu der strengen Herbheit seiner Züge stand. „Ich spreche nicht so gut das Deutsche, als wie ich es schreiben tue," fuhr er fort; „aber ich lernen noch immer viel mehr. Fräulein Traute Köhler, Sie wissen, wer ich bin. Ich fein Jonathan W. Brigham, und meine kolorierte Gesicht zeigen Ihnen, daß ich nicht ganz bin von aller- reinster Rasse. Meine Mutter war eine Maya und deren Mutter eine Squaw vom Stamme der Mohikaus. Aber mein Vater war ein Nord-American und fein Großvater ist aus England eingewandert. Es gibt viele so bei uns drüben, bloß daß ich bin zufällig ein wenig zu stark in das Braune geraten. Das ist ein Fehler von meine Geburt. Aber das Herz sein nicht so dunkel als wie meine Gesicht. Es sein ein sehr gutes Herz. Und wenn Sie über meine Gesicht wea- gucken wollen in mein Herz, so werden wir beide sehr glücklich sein. Fräulein Traute Köhler, ich erneuere hiermit vor Ihre werte Eltern und die ganze geschätzte Familie meine geschriebene Werbung und frage an: wollen Sie meine Frau werden?" Traute starrte ihn an. Ihre Hand flog in der seinen. Eine glühende Hitze durchströmte sie, dann ein eisige- Rieseln. Sie wollte sprechen; sie wollte das Ja sagen, das sie sich vorgenommen hatte. Aber da kam wieder der ungeheure Widerstand von innen, alle Fibern erschütternd und ihr ganzes Wesen in Aufruhr bringend. Sie stammelte etwas — irgend etwas, was sie selbst nicht verstand —y brach plötzlich in hysterisches Weinen aus und stürzte davon« den Korridor hinab, auf ihr Zimmer. In wildem Schluchzen warf sie sich auf ihr Bett. Es war unmöglich — unmöglich. Nicht das braune Gesicht stieß sie so maßlos ab — sie fühlte mit quälender Sicherheit, daß es ihr bei Fred Dewa und bei jedem andern genau so ergangen wäre. Es war die wilde Empörung ihrer menschlichen Art gegen einen Zwang, der ihr da- schönste Menschenrecht raubte: die freie Wahl des Herzens. Sie war ja doch mehr als ein Mechanismus; sie war eine lebendige Seele, die ans unverfälschtem Drang der Natur; 554 nach selbstischem Glücke strebte. Sie war zuletzt Tochter, und zuerst war sie Weib. Sie wußte uicht, wie lange sie so, in die Kissen hinein- tveinend, auf dem Bette gelegen hatte. Sie hörte auch nicht einmal die Tür gehen — und schrak zusammen, als sie ihre Mutter vor sich sah. Sie duckte sich förmlich, Demi sie glaubte: nun kommt ein Schauer von Vorwürfen. Und dann lugte sie scheu in das Gesicht der Mutter und war erstaunt, daß es so weich und liebevoll war. „Liebe Mutter," sagte sie schluchzend unb, richtete sich tm Bette aus; „ich kann ja nicht — ich kann nicht!" Da setzte die Mutter sich neben sie und umfing sie zärtlich. „Sei still, Trautchen. Du bist ein gutes Kind. Wer konnte ahnen, daß der verrückte Kerl ein Indianer ist. Ich wär beinah umgefallen, als ich die braune Visage sah. Das ist ja wie Zinnober mit Mehlpampe. Ich bitte dich um Gottes willen, wenn ihr nun 'mal Kinder kriegt, was würde das denn für 'ne Farbenmischung ergeben! Ich will keine bunten Enkelkinder haben — und wenn das ganze Geschäft zum Teufel gehen sollte! Das paßt mir nicht! Ich denke, der Mann wird auch ohne deine Zugabe mit sich sprechen lassen." „Ist er noch da?" fragte Traute schüchtern. „Nein, er ist nach dem Hotel Continental gefahren. Er wäre wohl noch länger hier geblieben, aber da hat sich Herr Nippold bei Vatern anmelden lassen, der ihn in einer wichtigen Geschäftsangelegenheit sprechen wollte." „Wer ist das — Herr Nippold?" „Ein Gerber aus Elmeuried. Er kam gerade zur Zeit. Da empfahl sich den« Herr Brigham — er wollte nicht weiter stören: Geschäftliches ginge immer vor, sagte er. Uebrigens hat er dein Fortlausen gar nicht weiter übel genommen. Er meinte, so was Hütte er eigentlich erwartet. Das täte nichts. Du solltest dir alles ruhig überlege». Er würde nochmal wiederkommen — und dann noch mal — und dann noch mal. Ich muß ehrlich gestehen: in seinem Wesen hat er etwas sehr Nettes, ordentlich was Zutuuliches! Wenn er bloß nicht so braun wäre — weißt du, grade wie eine Schale Haut im Cafe, so Melange. Und dabei muß ich immer an eure Kinder denken; die kommen vielleicht gestreift zur Welt." Trotz allen Wehs und aller Aufregung mußte Traute doch herzlich auflachen. „Ach, Mutter," rief sie, „nun laß doch den Unsinn! Ich bin ja froh, daß Ihr mich nicht in diese Ehe hineinzwingen wollt! Ob er braun ist oder gelb wie ein Chinese oder ein Mestize oder was, das würde mir schließlich egal sein. Bloß lieb muß ich den Mann haben, den ich heiraten soll. Es war unvernünftig von mir, daß ich so plutz weggelaufen bin, ich sehe es ein; aber, Mutter, ich konnte nicht anders. Es kam in dem Moment ein Grauen über mich — und eine Todesangst. Ich war ganz kopflos." „Das merkte ich dir an," sagte die Mutter und gab ihr einen Küß. „Du wurdest knallrot und auf einmal kreideweiß und bibbertest ordentlich. Nun wollen wir erst mal den Vater hören. Ich denke mir, Herr Brigham wird verständig sein und seine Geschäftsverbindung mit uns nicht von deinem Ja oder Nein abhängig »rachen." „Er sieht ja so gutmütig aus, Mutter; er hat trotz seiner Kaffeefarbe etwas entschieden Sympathisches. Ich bin gewiß, daß er mich verstehen wird —" Es klopfte an die Tür, und Kohler trat ein. Er klopfte immer an, wenn er in das Zimmer seiner Tochter wollte. Sein Gesicht schlug vergnügte Falten; er rieb sich die Hände: Mutter und Tochter staunten, wie guter Laune der Vater war. „Kinder," sagte er, „das ist wirklich ein ereignisreicher Tag. Wißt ihr, wer eben bei mir war?" „Ein Gerber aus Elmenried," antwortete Frau Auguste, >,ich denke, der Nippold." „Richtig: Friedrich Nippold von Nippold Söhne. Und was wollte er?" „Einkäufen wahrscheinlich. Gott, Köhler, zerre doch nicht alles so lange hin, sondern schieße los." „Einkäufen wollte er," sagte Köhler bedeutsam, „nun natürlich. Was hat denn ein Gerber sonst bet mir zu tun? Aber Kinder, mein gesamtes Rauchwarenlager will er mir abnehmen — alles, alles — nicht bloß die Schmaschen, auch meine Skunks und die Ziegen und Murmel und Fey und auch, was von Opossum noch däliegt. Gegen bar, Kinderchen!" Er rieb sich wieder die Hände. Um seine Augen hing jetzt ein ganzes Netz von Fältchen. Frau Auguste war aufgestanden. So freudig hatte sie ihren Mann seit Monaten nicht gesehen. „Nun sag bloß, Köhler. . . also der Nippold — und zahlt anständige Preise?" „Ich habe natürlich Rücksicht auf die Konjunktur genommen. Aber er zahlt immerhin so, daß ich zufrieden sein kann. Daß ich mit einem Schlage aus allen Schwulitäten 'raus bin. Er sagt, er hätte unvermutet große Aufträge bekommen: er müßte die Ware beschaffen. Was geht's mich an? Die Hauptsache ist, daß ich mein Lager gut los werde. Komm her. Traute, jetzt kriegst du einen Kuß! Noch einen! Die linke Backe möchte auch einen haben. Wenn du Mister Brigham nicht willst, sag Nein. Aber sag's mit Freundlichkeit." „Ich werde es so sagen, daß es ihm nicht weh tun; soll," rief Traute. „Ich werde ganz freundlich mit ihm verhandeln ■— paßt einmal auf, wie gut ich mit ihm fertig werde. . .!" Sie flog ihrem Vater um den Hals und schwang ihn übermütig um sich herum. . . . „Herrgott, Vaterle, wie glücklich bin ich! Ist Herr Nippold noch da? Ich möchte ihn auch umarmen." • „Der ist schon weg. . ." Köhler schnaufte; das Umherwirbeln hatte ihn atemlos gemacht. „Er ist auch nicht zum Umarmen. Er ist schrecklich häßlich und hat eine dicke Warze auf der Nase. Aber er zahlt. Er zahlt! Er muß irgend eine große Geschichte vorhaben. Weiß der Teufel — eine großartige Lieferung, Die Everstedts stecken dahinter." „Die Everstedts?" wiederholte Traute. „Jawohl. Die sind bei der Sache beteiligt.' Ließ Nip- vold wenigstens durchblicken, wohl um mich in bezug auf die Zahlung zu beruhigen. Aber das soll diskret fein — versteht ihr?" Traute nickte. Sie war stumm geworden. Die Heiterkeit verschwand von ihrem Gesicht. Sie sah wieder ernst und sinnend aus, und das grüblerische Fältchen stand über ihrer Nasenwurzel. Köhler wollte in sein Bureau. Es gab ungehcur zu tun. Der Beginn der Abnahme durch Nippold Sohne sollte schon morgen erfolgen. „Und was machst du, Traute?" fragte er in der Tür. Traute schrak zusammen, als sei sie aus liefen Gedanken aufgestört worden. „Ich will ein bißchen an die Luft," antwortete sie; „mir dröhnt der Kopf." „Schönchen, mein Kind. Das tu nur. Und überlege reiflich, was du dem Brigham sagen willst. Er kommt morgen wieder." „Da wollten wir ihn ja zum Mittag haben," rief Fran Auguste. „Geht das denn noch, wenn Traute ihm einen Korb gibt?" „Es geht alles, Mutter," sagte Köhler. „Wenn auch der Schwiegersohn wegfällt, der Geschäftsfreund kann doch bleiben. Das ist Trautes Sache. Was hast du für Braten?" „Schmorbraten," erklärte Auguste, „mit Makkaroni, und voran überbackenen Schellfisch; nachher Schokoladenspeise und Käse. Soll ich Iben Wein wieder von Schlatter holen lassen?" fragte sie. „Jawohl, Auguste. Aber nimm etwas besseren. Mosel zu einer Mark; der zu sechzig Pfennig ist gar zu sauer. Und zwei Flaschen Saint Julien." Er nickte vergnügt und ging. (Fortsetzung folgt,) Der Narinevlrtrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle. (Fortsetzung.) „Nur Negatives, tvie sich voraussehen ließ," erwiderte Holmes. „Ich habe Fordes gesprochen, Ihren Oheim bes» sucht und verschiedene Erkundigungen eingezogen, die zu, etwas führen könnten." „Sie haben also nicht den Mut verloren?" „Durchaus nicht." „Gottlob, daß Sie das sagen," rief Fraulein Harrison!.: „Wenn wir nur Geduld behalten und die Hoffnung nicht 555 — 'aufgeben, muß die Wahrheit ja doch zuletzt an den Tag kommen." , „Wir können Ihnen mehr mitteilen als Sie uns," meinte Phelps, der wieder auf seinem Lager Platz genommen hatte. „So — das ist mir lieb." „Ich habe heute nacht ein Abenteuer erlebt, das recht schlimm hätte ausfallen können." Seine Miene wurde sehr und in seinen Augen war förmliche Angst zu lesen. „Wissen Sie," fuhr er fort, „ich fange wirklich an zu glauben, daß ich der Zielpunkt einer gefährlichen Verschwörung bin. Nicht genug, daß man mir die Ehre abgeschnitten hat, jetzt trachtet man mir auch nach dem Leben." „Wahrhaftig?!" rief Holmes. „Es klingt unglaublich; meines Wissens habe ich auf der Welt keinen Feind. Aber nach der Erfahrung der letzten Nacht muß ich es wirklich annehmen." „O bitte, erzählen Sie!" „Das will ich, doch müssen Sie vor allem wissen, daß ich letzte Nacht zum ersten Mal keine Wärterin bei mir im Zimmer hatte. Ich fühlte mich so viel Wohler, daß ich glaubte, sie nicht mehr zu brauchen; doch ließ ich mein Nachtlicht brennen. Gegen zwei Uhr morgens lag ich eben in leichtem Schluinmer, als ein schwaches Geräusch mich weckte. Es klang, als ob eine Maus am Holzwerk nage. Eine Weile lag ich da und horchte, dann wurde der Ton lauter, und vom Fenster her kam ein scharfes, metallisches Klirren. Entsetzt fuhr ich empor. Was das Geräusch zu bedeuten hatte, war jetzt klar. Die schwächeren Töne rührten von einem Werkzeug her, das in den Schlitz zwischen die Fensterläden hineingepreßt wurde und dann hatte sich der Riegel in die Höhe geschoben. „Nun blieb etwa zehn Minuten alles still, als warte der Draußenstehende, ob der Lärm mich aufgeweckt habe. Dann vernahm ich ein leises Knarren und das Fenster ward vorsichtig geöffnet. Länger ertrug ich die Spannung nicht; meine Nerven sind noch nicht so stark wie früher. Ich sprang aus dem Bett und stieß den Laden auf. Ein Mann kauerte vor dem Fenster. Ich konnte nur wenig von ihm sehen, beim er floh davon wie der Blitz. Er war ganz in einen Mantel gewickelt, der den unteren Teil seines! Gesichts verhüllte. Eins nur weiß ich mit Bestimmtheit, nämlich, daß er eine Waffe in der Hand trug; wahrscheinlich ein langes Messer, ich sah deutlich die funkelnde Klinge, als er sich zur Flucht wandte." „Das ist ja höchst interessant," sagte Holmes; „und was taten Sie dann?" „Wäre ich stärker gewesen, so würde ich ihm durch das offene Fenster nachgesprungen sein. So aber mußte ich mich damit begnügen, das Haus wach zu klingeln. Das dauerte einige Zeit, da die Glocke in der Mche hängt und dis Dienerschaft im oberen Stock schläft. Auf mein Schreien nach Hilfe kam jedoch Josef herbei und weckte die übrigen. Josef und der Stallknecht fanden Fußtritte in dem Blumenbeet unter dem Fenster, aber auf dem Rasen ließ sich die Spur nicht verfolgen, die Witterung ist in letzter Zeit zu trocken gewesen. An dem hölzernen Zaun nach der Straße zu fand sich aber eine Stelle, die aussieht, als sei man dort übergestiegen, das Stacket ist oben abgebrochen. Noch habe ich der Ortspolizei keine Anzeige gemacht, da ich es für besser hielt, erst Ihre Ansicht zu hören." Die Erzählung unseres Klienten schien auf Sherlock Holmes einen großen Eindruck zu machen. Er stand von seinem Sitz auf und ging in starker Erregung im Zimmer hin und her. „Ein Unglück kommt selten allein," sagte Phelps lächelnd, obgleich man ihm lvohl ansehen konnte, daß der nächtliche Ueberfall ihn stark mitgenommen hatte. „Das trifft bei Ihnen wirklich zu," meinte Holmes. „Wären Sie wohl imstande, mit mir um das Haus herumzugehen?" 1 „D ja, etwas Sonnenschein würde mit gut tun. Josef wird uns begleiten." „Auch ich will mitgehen," sagte Fräulein Harrison. „Ich fürchte, das kann ich nicht gestatten," versetzte Holmes kopfschüttelnd. 1 „Bitte, bleiben Sie hier sitzen, gerade wo Sie sind." Die junge Dame nahm mit etwas unzufriedener Miene ihren Platz wieder ein. Ihr Bruder gesellte sich jedoch zu uns und wir gingen mit einander um den Rasenplatz Vor dem ^Fenster des jungen Diplomaten. Die Fußspuren auf dem Blumenbeet waren' ganz undeutlich und verwischt, Holmes beugte sich einen Augenblick nieder, um sie zu betrachten, richtete sich aber gleich wieder achselzuckend emvor. „Daraus könnte wohl niemand klug werden," sagte er. „Lassen Sie uns um das Haus herumgehen und überlegen, warum der Einbrecher gerade dieses Zimmer gewählt hat. Die größeren Fenster im Wohnzimmer und Speisezimmer wären doch besser für seinen Zweck gewesen." „Aber sie sind sichtbarer von der Straße aus," warf Josef Harrison ein. „Ja so, natürlich. Die Tür dort hätte er aber aufbrechen können. Wohin führt sie?" „Es ist die Hintertür für Lieferanten und Dienerschaft. Nachts wird sie regelmäßig verschlossen." «Ist schon früher hier einmal eingebrochen worden?" „Nein, nie," antwortete Phelps. „Haben Sie viel Silberzeug im Hause, oder andere Kostbarkeiten, von Genen die Diebe angelockt werden?" „Keine Wertgegenstände." Holmes schlenderte mit den Händen in den Laschens um das Haus herum; er trug ein nachlässiges Wesen zur Schau, das ihm sonst fremd war. „Sie sollen ja den Platz gefunden haben, wo der Kerl über den Zaun gestiegen ist," wandte er sich an Josef Harrison. „Wir wollen uns das doch einmal ansehen." Der junge Mann führte uns an eine Stelle, wo der obere Teil des Holzgitters abgebrochen war. Holmes brach es ab und untersuchte es prüfend. „Glauben Sie, daß das vergangene Nacht geschehen ist? Mir scheint, es ist ein alter Schaden." „Das kann wohl sein." „Auch sieht man drüben keine Spur, daß jemand über den Zaun gesprungen ist. Nein, das wird uns wenig Helsen. Lassen Sie uns jetzt in das Haus zurückgeheu und die Angelegenheit mit einander besprechen." Percy Phelps ging sehr langsam auf den Arm seines künftigen Schwagers gelehnt, während ich mit Holmes rasch über den Rasen schritt, so daß wir vor dem offenen Fenster des Schlafzimmers standen, ehe noch die andern in unserq Nähe kamen. ! „Fräulein Harrison," sagte Holmes sehr eindringlich und mit großem Nachdruck, „Sie müssen den ganzen Tag über bleiben, wo Sie sind. Lassen Sie sich durch nichts von der Stelle vertreiben. Es ist von allerhöchster Wichtigkeit." „Gewiß, wenn Sie es wünschen, Herr Holmes," erwiderte das Fräulein verwundert. „Wenn Sio zu Bette gehen, bitte ich Sie, die Tür von! außen zu ' verschließen und den Schlüssel mitzunehmen. Geben Sie mir Ihr Wort daraus?" „Aber Percy — ?" „Er fährt mit uns nach London. „Und ich soll hier bleiben?" „Ja, um seinetwillen. Sie leisten ihm einen Dienst. Rasch! Versprechen Sie es mir!" Sie nickte zustimmend, gerade als die beiden andern herankamen. „Warum sitzest du hier und fängst Grillen, Annie? Komm heraus in den Sonnenschein!" rief ihr Bruder. „Nein, danke, Josef. Ich habe etwas Kopfweh und die Kühle und Ruhe hier im Zimmer ist mir eine Wohltat." „Was würden Sie jetzt Vorschlägen, Herr Holmes fragte unser Klient. (Fortsetzung folgt.) Die Mche im September. Bon A. Burg. Der Monat September, zu seinem größeren Teil eigentlich! noch dem Sommer zugehörcnd, bringt doch schon herbstlich gefärbte Gedanken in die deutsche Küche. Und die sind in diesem Jahr natürlich noch weniger hoffnungsfroh als sonst: „Bei der Dürre und Hitze dieses nun scheidenden Sommers muß alles teurer werden!" — Indes, die Hausfrau kennt die Melodie: „Es wird alles teurer" bereits zur Genüge. Ganz gleich, ob der Sommer nun kühl und regnerisch gewesen ist, so daß Heu und Korn gelitten haben, das Mehl unbezahlbar wird, das Vieh nicht genug Futter kriegt, Gemüse, Kohl, Kartoffeln verfaulen und dem Obst die Sonne zum Reifen fehlt — oder ob der Sommer heiß war und so die Dürre weniger Futter brachte und Kohl und Kartoffel^ nicht wachsen ließ usw.: der September ist stets der Prophezeiungsmonat für höhere Preise! Im allgemeinen spendet jn der September reichliche Küchen- gaben, sowohl deutsche als auch ausländische. Man verfügt noch 666 — Wer Reste schönsten Sommerobstes totö erhält daneben schon treffliche Herbstfrüchte. Man hat sehr schöne blaue Heidelbeeren, Und daneben sind schon die beliebten herb-aromatischen Preistel- beeren eingetroffen — aus nordischem Wald, von nordischer Heide. Eine lange Reihe von Jahren fast vergessen, haben sich manche Hausfrauen neuerdings wieder auf die dem Volk wohl- bekannte Heilkraft der Preiselbeeren besonnen, eine Heilkraft, die auch den Ebereschen (Vogelbeeren) eigen ist, die in der deutschen Mche fast niemals verwendet werden. Tie russische Küche hingegen hat sich die Verwendung der Vogelbeeren niemals entgehen lassen, und man stellt dort — wie aus allen anderen Früchten — auch aus Ebereschen Fruchtpasten her, bereitet Ebereschenmarmelade (oft mit Honig), Ebereschensaft, -gelee und -likör. Uebrigens ist Ebereschengelee auch auf dem Lande in Norddeutschland oft sehr begehrt als Heilmittel gegen winterliche Erkältungs- znstände, Husten, Heiserkeit usw., und Ebereschensaft gibt erfrischende, heilsame Limonade bei Fieber. Sowohl Saft von Ebereschen, als auch Gelee und Marmelade werden genau so wie aus anderem Obst gekocht. Es ist nur darauf zu achten, daß die Beeren schön rot und frisch und reif sind (aber nicht überreif, weil sie dann mehlig werden), und daß man sie erst wäscht, dann abtropft und dann von den Stielen pflückt. (Wollte man sie schon vor dem Waschen von den Stielen pflücken, so würde den Beeren zuviel Saft verloren gehen!) Gekocht werden sie mit wenig Wasser recht weich, dann läßt man den Saft durch ein Sieb fließen und wiegt ihn. Zu Saft nimmt man auf 500 Gramm Flüssigkeit 300—350 Gramm Zucker, zu Gelee auf 500 Gramm 550—600 Gramm Zucker. Zu Saft wird Zucker Und Fruchtsaft tüchtig zusammen gekocht, zu Gelee aber beides zusammen so dick, daß ein auf einen Porzellanteller fallender Tropfen sofort stehen bleibt und starr wird. Man tut gut, den Saft und das Gelee nicht in zu große Flaschen resp. Gläser zu Allen, damit man nicht um kleineren Bedarf ein großes Glas üufzumachen braucht. Bei Erkältungen nimmt man öfter täglich einen Löffel Gelee; der Saft wird in Wasser zu Limonade gerührt. Gleich gute Wirkung haben Preißelbeersaft und Preißelbeer- gelee; übrigens ist Preißelbeerkonserve noch ganz besonders als Beigabe zu Wildbraten und fettem Schweinebraten geschätzt. Andere Früchte, die den Obstmarkt dieses Monats beherrschen, sind die blauen Pflaumen und die aus südlichen Weinländern (Italien, Frankreich und Ungarn) geschickten Weintrauben. Kommen die Trauben mehr zum sofortigen Verspeisen in Frage, so sind die Pflaumen besonders für die Küche wichtig (namentlich die länglichen blauen Pflaumen, die in vielen Gegenden Zwetfchen heißen), und Pflaumenkompott, -suppe, -fauce, sowie alle möglichen Konserven von Pflaumen stehen im Vordergründe des Küchen-Jnteresses. Ganz zeitgemäß ist z. B. ein gebackener Pflaumen-Pudding, der gewiß einmal eine gute Abwechslung bedeutet und an warmen Nachsommertagen z. B. als zweites Gericht nach einer Gemüse-, Kartoffel- oder Hülsenfruchtsuppe »außerordentlich passend ist. Die Pflaumen werden nach Belieben gebrüht und geschalt — man kann sie zwar auch ungeschält lassen, doch ist die erstere Art vorteilhafter —; dre geschälten Früchte werden sodann der Länge nach aufgeschnitten (aber so, daß sie zusammenbleiben), ausgestemt, in eine Schüssel gelegt Und reichlich mit Zucker und Zimt bestreut. Inzwischen schneidet man 300 Gramm von der Rinde befreite altbackene Brötchen in Scheiben, gibt sie, nebst % Liter Milch, etwas Butter und einer Messerspitze Salz in eine Kasserolle und läßt die Masse unter stetem Rühren so lange kochen, bis sie sich vom Gefäß ablöst. ®en Brei schüttet man aus, läßt ihn erkalten, mischt vier bis fünf zerquirlte Eidotter, 100 bis 125 Gramm Zucker, einige gehackte bittere Mandeln, etwas geriebene Zitronenschale und etwas von dem Saft, der sich auf den Pflaumen gebildet hat, dazu und streicht eine Lage dieser Masse in eine mit Butter ausgestrichene, mit geriebenen Brötchen bestreute Auflaufform. Darauf gibt mau eine Schicht Pflaumen, wieder eine Schicht Teig, nochmals Pflaumen und obenauf zuletzt eine Teigschicht, die mit geriebener Semmel und einigen Butterflöckchen bestreut wird, läßt die Speise im Ofen bei mäßiger Hitze Isis bis 2 Stunden W schöner ^goldgelber Farbe backen und trägt sie in der Form auf. Kompott von frischen blauen Pflaumen, auch „gefchmorte Pflaumen" genannt, kann man durch Zugabe von Rotwein ganz bedeutend verfeinern. Diejenigen Hausfrauen, die an der alten Gewohnheit festhalten, ihren Winterbedarf an Senfgurken, süßsäuerlichen Gurken und Zuckergurken selbst einzumachen, finden dazu die notwendigen fleischigen Schlangengurken vorrätig. Ebenso die Gewürze, die seit ülter Zeit her dazugehören, denn für Gurkeneinmachen haben sich die uralten deutschen Gewürze neben den ausländischen scharfen siegreich behauptet. Sonst geht man achtlos an den Kräutern vorüber, höchstens, daß man einmal Dill zu Schleien oder Salbei zu Aal neben der gewohnten Petersilie ersteht. Zur Gurkenzeit aber besinnt man sich auf Estragon und Portulak, Basilikum und Tripmadam (Fetthenne), Pimpernelle Und Thymian, welches letztere nebst Majoran ja auch wohl der der Hausschlächterei in Bettacht kommt. . Bsthuen und Schoten, diese allbeliebten Sommergeinüse, haben M diesem Jahr unter der Hitze gelitten. Die Preise dafür waren in größeren Städten Und Großstädten so hoch, wie kaum j« zuvorz demzufolge sind die Aussichten auf wohlfeile Konserven nur schwach. Selbst die einfachen Mohrrüben und die feineren Karotten wurden zuletzt so teuer wie noch nie, und da man auch davon spricht, daß die Kartoffeln im kommenden Winter hohe Preise haben werden, so mögen es namentlich die norddeutschen Hausfrauen, die sich an das tägliche Aufträgen eines Kartoffelgerichts gewöhnt haben, wohl öfter ihren süddeutschen Schwestern nachmachen und Spätzlein, Klöße oder Nocken als Zuspeise zu Fleisch bereiten oder auch Reis, Nudeln, Makkaroni dazu geben: Schmorfleisch und Boeuf ä la mode z. B. sind prachtvoll mit einer Zugabe von Makkaroni, ebenso jedes braune Ragout, und zu gekochtem Huhn und Kalbfleisch paßt Reis vortrefflich, ebenso wie man Gulasch im Reisrand geben kann. Da die Sommergemüse so bald teuer wurden, begrüßen die Hausfrauen die herbstlichen Kohlarten freudig, die vorläufig wenigstens nicht teurer waren: frischen Wirsingkohl zu gekochter junger Ente und Hammelfleisch und schönen Rotkohl als Beilage zu Gänsebraten. Sunt Rebhuhn aber, das den Wildbedarf dieses Monats beherrscht, kommt schon der neue Sauerkohl in Frage, bekanntlich ein urdeutsches Gericht und bei seinem fast immer billigen Preise ein wirklicher Volksfreund! Man kennt ihn in einfacher Zubereitung in jeder Arbeiterküche und liebt dort die Zugabe von Pökelfleisch und Erbsen. Man kennt ihn in der feineren und feinsten Küche, wo er sich oft der Würze mit Weißwein oder gar mit Champagner erfreut und zu Rebhuhn und Fasan auf» getragen wird. Manchmal wird darüber geklagt, daß der im Hause bereitete Kohl nicht die Güte des Geschmackes und auch nicht das schöne helle Aussehen des im Hotel hergestellten Kohlgerichts habe. 'Dazu sei bemerkt: man soll den Kohl vor der Zubereitung mit kaltem Wasser waschen und ausdrücken oder mit siedendem Wasser abwellen, mit kaltem ab kühlen und dann ausdrücken: dann aber auch soll man ihn niemals in einem eisernen Kochgeschirr anssetzen, was et durchaus nicht verträgt und wodurch er eben dunkel und unansehnlich wird — sondern in einem irdenen Kochgeschirr oder, wenn man damit in punkto Springen böse Erfahrungen gemacht hat, in einer innen weiß emaillierten Kasserolle, wobei aber an der Emaille nicht die kleinste Stelle schadhaft fein darf. Etwas leichter Weißwein verbessert und verfeinert den Geschmack des Kohls ungemein. Auf dem Wildbretmarkt hat man neben den Rebhühnern Reh- und Hirschwild, das jetzt reichlicher abgeschosseit wird, da es keine Deckung mehr im hohen Korn findet. Alte Rebhühner, die man oft sehr preiswert erhält, kocht man mit Linsen oder mit Weißkohl. Junge werden natürlich nut gebraten. Rebhühner aber, die schon zu lange hängen und schon einen Duft von Hautgout entwickeln, kauft man nicht: Hautgout-Fleisch, früher unbegreiflicherweise oft als besonders gut gelobt, ist schon in den Anfangsstadien der Zersetzung und Fäulnis und daher nicht nur unappetitlich, sondern direkt gesundheitsschädlich. humoristisches. * Ein Praktikus. „Warum sitzen Sie denn fortwährend vor dem Klavier? Sie können doch gar nicht spielen!" —• „Nein, aber die anderen auch nicht, so lange ich hier sitze!" * Variante. Kellner (zum Gast, der über das Essen rösauniert) : „Aber dieser letzte Gang — Ente — war doch wirklich vortrefflich?!" — Gast: „Gewiß — Ente gut, alles gut!" * Boshaft. „Ich huldige jetzt sehr dem Reitsport!" — „Ja, ja, ich habe schon öfter Ihr Pferd getroffen * Verschnappt. Zofe (zum Bräutigam des gnädigen Fräuleins): „Aber Herr Leutnant! Im Hause Ihrer Braut geben Sie mir einen Kuß?!" — „Macht nichts. Kleine; sie ist nicht eifersüchtig." — „Aber Ihr Schwiegerpapa ist es um so mehr!" Sitaleurahel. Aus jedem der sollenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Tas Bessere ist der Feind des Gutem 2. Tann erst genieß ich meines Lebens Recht, Wenn ich mirs jeden Tag aufs neu erbeute. 3. Im wunderschönen Monat Diät, Als alle Knospen sprangen. 4. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. 6. Es ist einmal so Sitte. 6. Wir sitzen so fröhlich beisammen Und haben einander so lieb. 7. Wer sich behaglich fühlt zu Haus, Der rennt nicht in die Welt hinaus. 8. Und kommt der Frühling, trink ich wieder Aus Freude, daß er endlich da ist. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Graj - Hz — Seine — Tinte — Aufier - Vernet — Niere — Iris — Erna — Ratte - Inn — Tratte — Zeitig; Gustav Ni^ ritz. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.