Ml llff jHW irBii Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Nun fuhr sie in ihr leergewordeues Witwenhaus zurück und würde warten, noch endlos lange Tage warteir, und wenn sie vergebens wartete, dann kam wieder das Entsetzen, Wer sie, wie damals vor dem ersten Juli, dieses Entsetzen, gegen das sie sich nicht wehren konnte, das sie wie eine schwere Krankheit überfiel und ihren Willen lähmte. Mochte die Kosh denken und planen, was sie tvollte, für sie gab es nur ein Entweder — Oder. Kam der Doktor nicht, dann war sie tot, gleichviel ob auch ihr Körper starb. Es war ihr, als müsse sie jetzt das letzte Stück einer langen, gefahrvollen Wanderung gehen, ohne ein gewisses Ziel zu sehen, denn das Ziel lag verborgen und erst im letzten Augenblick offenbarte es sich: dann war ihr Lebenslos entschieden, dann stand sie entweder vor einer überwältigenden Seligkeit oder vor einem Abgrund, in den sie sich sinnlos hinabstürzen würde, nichts in der Welt, nicht einmal ihr armes Kind konnte sie davon zurück- ' SSie sie in die Nähe ihres Thüringer Nestchens kam, sah sie schon von der Bahn aus ihr altes Haus an der Saale liegen, es lag in tiefe Dämmerung gehüllt und alle Fenster ivaren dunkel, nur bei der Pastorin sah man einen ganz schwachen Lichtschimmer durch die Gardinen dringen. „Das ist nun alles leer!" dachte Frau vou Hilbach, und es überkam sie ein leichtes Grauen. Acht Witwen hatten hier gewohnt, und die waren nun alle ausgeflogen, hatten sie mit der alten Kosh allein gelassen und die unglückliche Pastorin da oben wohnte vielleicht auch nicht mehr lange in ihren Schloßmöbeln. „Ich muß mich wiederum sie kümmern!" sagte Frau von Hilbach sorgenvoll, „wir dürfen sie nicht den Winter über so allein lassen mit ihren Gedanken und ihrem Buch!" Sie nahm sich vor, sie noch gleich am selben Abend aufzusuchen. Beim Aussteigen nickte man ihr von verschiedenen Seiten zu, und man kannte sie nun doch am Ort, und viele waren freundlich und gut zu ihr. . Sie fragte den Mann, der ihr das Billett abnahm, ob die Kosh mit Erwin nicht am Bahnhof gewesen sei, aber er hatte niemand gesehen. „Warum mag sie nicht gekommen sein?" dachte Frau von Hilbach ein wenig beunruhigt, als sie allein durch die dunkle Promenade ging, und von der Brücke aus mußte sie gaüz schnell gehen, so groß wurde ihre Unruhe. Unten im Parterre war alles dunkel — das Herz schlug ihr in heftigen Schlägen, als sie den Bergabhang hinauf zu der Kosh Wohnung ging. Die Tür zum kleinen Wohnzim- merchen war von innen verriegelt und auf ihr Klopfen öffnete ihr Erwin; er stürzte ihr iveineud m die Arm«. „Die Kosh ist krank!" sagte er schluchzend und ging mti seiner Mutter in das winzige Schlafzimmerchen, das fog ganz von dem gewaltigen Bett mit den Türmen vo, Federdecken eingenommen war. Frau Belzig saß auf einem Stuhl neben der Kosh und die stöhnte im Fieber, hatte ein glühendheißes Gesicht und gab nur einen schwachen Laut von sich, als sie Frau von Hilbach bemerkte. Die Frau Belzig stand auf und Frau von Hilbach trat zu ihrer Kosh, die sich nicht rühren konnte. „Gelenk« rheumatismüs!" flüsterte sie leise, „ich hab's schon seit langem gespürt!" Dabei flössen ihr die Tränen aus den Augen. „Nu wollen sie mich ins Krankenhaus schaffen!" jammerte sie, „und ich mag nicht ins Krankenhaus. Lieber tot!" „Still, meine arme Kosh!" tröstete Frau von Hilbach, die der Schreck so sehr mitgenommen hatte, daß sie sich setzen mußte. „Sie bleiben hier! Ich hab ja Zeir, ich pflege Sie!" Die Kosh sah sie dankbar an und ehe sie fragen konnte wo denn Frau vou Hilbach mit Erwin während ihrer Krankheit schlafen wollten, pochte es an der Tür und der Doktor kam, um nach der Kranken zu sehen. Das Fieber war ein wenig gefalle», aber wie er draußen im Flur mit Frau von Hilbach allein war, sagte er rhr, daß es eine Krankheit sei, die wohl viele Wochen dauerte, nicht ohne ernstliche Gefahr verliefe. Er gab ihr bett guten Rat, die Alte ins Krankenhaus schaffen zu lasse« und war erstaunt, wie Frau von Hilbach ihm sagte, daß sie selbst die Pflege übernehmen wolle. Am nächsten Tag schon wurde die Kvsy auf einer Tragbahre herunterbefördcrt. Frau von Hilbach hatte mit Frau Belzigs Hilfe das Federbett aus der Bergwohuung unten im Ältöven zurechtgemacht und die Kvsy weinte still vor sich hin, iveil ihr das Sprechen schwer fiel. Es kamen nun viel aufregende Tage und Nachte für Frau von Hilbach und die arme Kosh. Das Fieber kam und ging, aber der Rheumatismus hatte sich aufs Herz gelegt, und manchmal schrie die Kosh laut auf. Der Arzt schüttelte mehr als einmal den Kopf und gab Frau von Hilbach den Rat, sich eine Pflegerin zu besorgen, wett noch kein Ende der Krankheit abzusehen war. Die Kosh redete jetzt wenig, aber wenn sie sprach, sprach sie immer von ihrem Tod; sie gab dem Haus dm Schuld, diesem alten Witwenhaus, das seine Bewohner verrückt oder krank oder sonst auf irgend eine Weise unglücklich macht, denn sie war nie iin Leben krank gewesen, wenigstens nie so, daß sie länger wie zwei oder drei Tage im Bett liegen mußte. Nuu wußte sie nicht, ob sie Weihnachten wieder auf war, und ihre arme Herrin mußte sm pflegen und bedienen. Fran von Hilbacki tat es aber gern; es ivar ihr gut 214 kleb es Gefühl, daß sie ein klein wenig ihre Schuld an der treuen Alten abtragen kannte. Sie war anch nicht müde. Am Morgen kam die kleine Liese, die ihr im Sommer big, Aufwartung gemacht hatte und besorgte das Gröbste; daß sie selbst Kochen und wirtschaften mußte, tat ihr wohl und ließ ihr die Tage schnell vergehen. Wenn die Schmerzen der Kosy nicht gar zu stark-waren, wurde es sogar sehr traulich im Alkovenstübchen. Frau von Hilbach las Geschichten, die sie alle, auch der kleine Erwin verstanden, sie kochte das Mittagsbrot und rückte abends den kleinen Teetisch neben der Alten Bett in den Alkoven. Nichts störte sie in ihrem Stilleben; einmal nur war das Haus von der Naumburger Polizei auf die Beschaffenheit der Schornsteine hin untersucht worden, und wie der Bauunternehmer schon berichtet hatte, es lag nichts direkt Unvorschriftsmäßiges vor. Ein paar kleine Aenderungen am Aufbau der Schornsteine auf dem Dach wurden vorgeschrieben, weiter nichts, und Frau von Hilbach atmete auf und dachte an all ihre unnötige Angst und SorgL zurück, wie an einen bösen Traum. Zu Anfang November karn noch ein Rückfall bei der Kosy und brachte sie ihrem Ende nahe; diese Nächte erfüllten auch Fran von Hilbach mit Verzweiflung. Was sollte werden, wenn die Alte, die auf ihre derben, breiten Schultern die ganze Last des alten Witwenhauses genommen hatte, fort mußte? Es schien ihr auch so grausam, so ungütig vom Schicksal, daß eine, die so gern lebte, die sich so herzlich an allem Kleinen und Unbedeutenden freuen konnte, die noch so mitten drin im Wirken und Schaffen stand, fort sollte. Ganz trostlos und verzagt sah sie schwere Nächte hindurch am Bett im Alkoven neben der apathisch gewordenen Kosy, faltete die Hände und betete, betete ebenso naiv Und vertrauensvoll, tote die Kosy selbst immer gebetet hatte. Um das Leben dieser armen Alten, dieser ihrer letzten, einzigen Freundin auf Erden betete sie, und wie sie dann darüber nachdachte, daß sie wirklich niemand auf der Welt ganz sicher hatte als die Kosy, da kam sie sich plötzlich unsagbar arm und elend vor. Eine arme Gemüsehändlerin war ihre Stütze, toar ihr Hali geworben! O, wenn das eine von denen ahnte, die mit ihr groß geworden, eine ihrer hochmütigen Freundinnen, ja, toenit es selbst ihre eigene Mutter' müßte, ihr leichtsinniger Mann, für den solche Leute nicht existiert hatten! „Kosy, Kosy!" sagte sie oft leise, „sieh mal, du bist mir so viel geworden, und dock) muß ich mich deiner Freundschaft schämen!" Aber sie schämte sich nicht lange, nein, sie strich der Kosy zärtlich über ihre schmalgewordenen, zusammengekrümmten Hände. „Wenn er kommt, Kosy, wenn er mich holt, dann sollst du's gut haben, dann halten wir dich in Ehren!" Nach einer schweren, schweren Nacht, in der die Kosy nur ganz mühsam noch Atem bekommen hatte, trat plötzlich eine Wendung zum Guten ein, und wie die Kosy olles int Leben schnell besorgt hatte, so tat sie's auch mit dem Gestindwerden. Die Tage und Wochen, die nun kamen, waren eigentlich unruhiger für die Kost) sowohl als auch für Frau von Hilbach, wie die der eigentlichen Krankheit. Sie toar ja viel zu lebendig, zu schaffenslustig, um so tagsüber im Bett zu liegen und nichts zu tun; sie quälte sich und ihre Herrin und den kleinen Erwin und weinte viel, weil sie sich aufrichten wollte und nicht konnte, denn jedes Gelenk schmerzte noch so sehr, daß sie bei der geringsten Bewegung aufschreien mußte. Durch Frau von Hilbachs Kopf flogen nun auch noch andere Sorgen, über die sie gern mit ihrer Kosy gesprochen hätte. Das ging doch nicht an, daß sie so einfach das Haus leer stehen ließen, sich um gar nichts kümmerten. Was sollte dann nach dem ersten Januar werden? Ach, Frau von Hilbach erschrak. Was konnte es sie kümmern, was nach dem 1. Januar kam? Vom 1. Januar ab dachte doch ein anderer für sie und wenn er es nicht tat, wenn er nicht den Weg ins alte Saalehaus zurückfand, dann — Ach, da war wieder das Entsetzliche, dieses furchtbare Dunkel, durch das der arme Kopf der Frau von Hilbach nicht durchdringen konnte, nicht durchdringen wollte. — „Wenn du nicht kommst, bann muß ich sterben!" jam- werte sre oft leise unb hielt den kleinen Jungen aus dem Schoß; der sah seine Mutter starr und erschrocken an, wenn ste so mit sich selbst sprach und ins Leere blickte. „Und toenit ich nicht sterbe," sprack sie weiter, „du, wenn ich nicht sterbe und toenit ich nicht beit Verstand verliere, was bann? was bann?' Es fanten ihr bie Witwen ans ihrem Haus in den Sinn. Vielleicht hatte auch bie eine ober bie anbere von denen einen ähnlich en Schmerz wie sie durchgemacht, hatte es empfunben, was es heißt, auf einen Menschen zu warten, vielleicht vergebens zu warten! Die Pastorin hatte doch vor kurzem in der Laube auch von dem Wort „warten" gesprochen, unb wie sie an bie Pastorin dachte, fiel ihr das kleine, schwarze Buch ein, in das bie Pastorin Männer- und Frauen-, Städte- und Flüssenamen eintrug und das ihr Leben nun aus füllte. Aber bei diesem Gedanken überkam sie ein Granen. „Nein, nein, das teilt ich nicht, das ist entsetzlich!" stöhnte sie, und ihre Gedanken flogen in die andere Wohnung int zweiten Stock, da too die Lengerich und die Küsterin gehaust hatten. Sie sah die leeren Weinflaschen vor sich und sah die Küsterin betrunken aus beut Bett liegen, die ausgestreckte Hanb auf beut leeren, aufgebeckten Bett des Küsters. „Doch anch nur, weil sie sich einsam fühlte!" dachte sie traurig ebenso tote die Lengerich. Sie alle konnten die Einsamkeit nicht ertragen!" Fran von Hilbach wußte, auch sie konnte es nicht länger unb mußte es doch, denn sie hatte ja das Kind. Seit aber die Alte so krank war unb seit die Frau Bauunternehmer ihr gesagt hatte, daß sie sich einen Lebensinhalt suchen wolle, waren auch diese beiden letzten Stützen nicht mehr da. Wenn sie selbst nun das arme Kind nicht hielt, bann kam es unter ioilbfrentbe Menschen, ach, und dieser Gedanke hatte etwas so Unerträgliches für sie. Aber was gab es denn? Könnte man den weiter (eben, toenit alles in einem tot unb schwer und kalt wurde? Wenn man so vollgefüllt war von Bitterkeit und Verzweiflung? Frau von Hilbach dachte und dachte, und ihre Gedanken ließen sie plötzlich die blonde Frieda, der Frau Natnsius Tochter, sehen. Die hatte ihrer Mutter kurz und bündig geschrieben: „Wenn ihr mir das Kind nehmt, werde ich schlecht und lasse jede Rücksicht fallen!" Ja, so etwas hätte die Frieda fertig gebracht, ja, ganz sicher! Die wäre in einem Taumel durchs Leben geflogen, so von Arm zu Arm, wie es viele tun, ohne wirklich verdorben zu fein, nur um sich zu betäuben, nur um nicht denken zu müssen. Das taten sie doch alle, alle. Die Pastorui suchte das Bergesten über ihrem Brich, die Küsterin beim Wein, die Lengerich war an ihrer Einsamkeit gestorben, ach unb sie, bie Mutter war unb nicht sterben burfte, was blieb ihr beitu? Doch auch nur Betäubung! Plötzlich war es ihr, als ob bie blonde Frieda in einem wunderschönen Kleid aus Seide und Gold und Spitzen, das wie eine Wolke um sie her floß, sie riefe, als ob sie winke, und sie mußte näher und näher kommen und wollte umkehren, weil das Kind sich an ihr Kleid hängte und immer jammerte: „Bleib doch, Mütterchen, bleib doch!" Aber sie ging doch weiter, ganz ohne ihren Willen, schleifte ihr weinendes Kind an der Hand mit, und die Frieda lachte und tief ihr zu: „Kommen Sie doch, Frau von Hilbach, das Leben ist ja so schön! Lassen Sie doch das alte Witwenhaus, kommen Sie! Ich habe alles vergessen, mein Kind, meine Mutter, den, den ich geliebt, alles, alles! Jetzt lache ich nur noch, kommen Sie!" Als Frau von Hilbach nahe genug toar, packte bie Frieda fie bei der Hand, das Kind schrie auf, unb ihr war es einen Augenblick, als stürbe fie und würde doch gleich wieder lebendig, sie kannte sich gar nicht mehr, denn fie, trug nun auch ein Kleid aus Seide und Gold und Spitzen, fie lachte mit fremden Menschen unb sagte fo häßliche, luftige Sachen; alle waren so vertraulich zu ihr und berührten sie. Sie aber lachte dazu, und dir Frieda lachte auch und sagte: „Nicht wahr, hier ist's schöner tote im Witwen haus?" Frau von Hilbach wußte jetzt auf einmal, was werden würde, wenn der Doktor nicht wiederkain. Sie sagte es ihm leise und stockend, aber doch ganz deutlich, mit einem Trotz in der Stimme, über dessen Sicherheit sie selbst erschrak. „Wenn btt nicht kommst, Liebster, du, wenn du mich 215 die andere als ton das Etwas Wahres vor vierzig Jahren. Von Pfarrer Werner in Nidda. 15. Fromme Wünsche nnd ernste Mahnungen. ennen. Will sie geblutet haben. Wenn die drei um das Vaterland besonders verdienten Männer: Bismarck, Roon, Moltke, von denen nach den Morten unseres großen Kackers der erste das Schwert geschmiedet, der ziveite es geschliffen, der dritte es geschwungen hat — wenn, sage ich, diese drei Männer heute aus ihren Gräbern heraufsteigen und beschauen könnten, was sich im Reich ihren Augen bietet, so würden sie warnend die Hand erheben und rufen: Deutsche, schützt eure heiligsten Güter! nach außen, aber auch nach innen! — Auch ein Opfer des Krieges. 40 Jahre liegen seit jenen denkwürdigen Ereignissen, wie sie die Geschichte der neueren Zeit nicht gesehen hat, hinter uns. Das Reich ist nach außen gefestigt, nach innen ausgebaut. An beiden wird noch fort und fort gearbeitet. Nach außen steht das Reich achtungsgebietend da. Als der Friede 1871 geschlossen war, stand es in Frankreich fest: „In fünf Jahren stehen wir da, um Revanche zu nehmen." Bis heute sind sie nicht gekommen. Die deutschen „Hurra's" waren ihnen tu die Knochen gefahren. Im Innern ist die wichtige soziale Gesetzgebung per- I fett geworden, ein neues Gesetzbuch hat den in den linksrheinischen Landen bis dahin noch geltenden Code Napoleon verdrängt und hat ein einheitliches Rechtswesen ge- I bracht. Und wie viel anderes ist uns geworden! Wer sind nun alle mit dem, was uns geworden ist, zufrieden? „Zufriedenheit ist eine Krankheit", hat einmal ein Rcichstagsabgeordneter gesagt. Etwas Wahres liegt in dem Wort, insofern man glauben sollte, das Reich könne nun auf seinen Lorbeeren ausrnhen, es sei alles vollkommen. Das ist es aber nicht. Eine Krankhett ist in den Reichsorganismus eingedrungen — das ist das Parteiwesen, zunächst in politischer Beziehung. In den 50er und anfangs 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Fürsten dem I Einheitsbestreben des Volkes hinderlich; sie fürchteten für ihre Selbständigkeit und ihre Sonderrechte, die durch die Einigung des Vaterlandes beschränkt würden. In den späteren Jahrzehnten mußten wir das Umgekehrte erleben, da pochten einzelne Stämme des Volkes auf ihre Sonder- I rechte, während die Fürsten für das Ganze einstandeu. Im Reichstag entstand eine solche Zersplitterung der Parteien, daß sie mit der Einigkeit bei Entstehung des Reichs ui grellem Widerspruch stand. So ist es noch. Obenan steht die Partei und' das Parteiinteresse, in zweiter Linre erst das Vaterland; letzteres dient vielfach nur als Kulisse für | die Partei. Nnd jede Partei will eilte Regierung, die ihr genehm ist. So oft ein neuer Minister kommt, wird er von allen Seiten berochen, seine Antezedenzien (Herkunft, Vorleben) werden hervorgesucht und dann geht es los. Die einen heben ihn in den Himmel, die anderen graben ihm im voraus schon sein Grab. Und doch kann eine Regierung nicht im Dienste einer Partei stehen, sie muß einen Mittelweg zwischen ihnen suchen und allen Interessen des Volkes möglichst gerecht zu werden suchen. Wenn man daher manchmal das Parteigezänke bei den Reichstagsdebatten hört, wobei weniger darum geredet wird, um der Sache zu dieneu, als „zum Fenster hinaits", um draußen Stimmung zu machen; wenn man sieht, wie dem deutschen Reiche und dem deutschen Namen int Auslande schlechte Dienste damit geleistet werden und nun wieder zurückschaut auf all die Opfer an Gut und Blut, mit dem das Reich erkauft wurde, da möchte man sich abwenden von dem unwürdigen Schauspiele. Da drängt sich einem die Frage auf: „Soll d e n n er st wieder ein Krieg nötig werden, um unser Volk daran zu erinnern, daß die Zersplitterung vor Zeiten unser Vater- Bei' Ausbruch des Krieges ließ die Postverwaltung Anfragen an Postbeamte ergehen, ob sie sich zur Feldpost melden wollten. Letzteres tat auch ein Postkondukteur (wie sie damals hießen) namens Weber. Er war Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Gießen stationiert und begleitete vor Erbauung der Bahnstrecke Gießen—Köln die Post zwischen diesen Orten. Von 1865 an war er in Friedberg. Es war ein großer, kräftiger Mann; seine Frau war noch entfernt mit der meinigen verwandt. Eines Tages hatte er (es war unmittelbar nach den großen Schlachten um Metz) einem Truppenteil die Feldpost zu^ zustellen. Er konnte diesen Truppenteil nicht gleich finden. Mittlerweile brach die Nacht herein; schlimmes Wetter fetzte ein mit Sturm und Regen — kurz, die Feldpost hatte sich verirrt. Weber stieg ab, um den Weg zu erkunden oder vielleicht Milttärposten zu erreichen. Aber auch, er kam vom Wege ab nnd stürzte mit einem Mal in eine tiefe Grube. Seine Laterne war bei dem Sturz ausgegangen und verloren, er selbst war eine Zeitlang betäubt. Als er wieder zu daß sich kam, merkte er, daß er in ein Massengrab gefallen war, = welches nur oberflächlich mit Erde bedeckt war und schreck-. land geschwächt und das einheitliche Zusammengehen aller Stämme mit seinen Fürsten bas Reich vor 40 Jahren gebaut hat? Zum politischen Parteiwesen kommt das konfessionelle. Konfessionen müssen sein und können sein, aber sie dürfen nicht dazu dienen, ein Volk in zwei feindliche Heerlager zu spalten. Halte jeder seinen Glauben und lebe nach seinem Glauben, mäkele aber nicht an dem Glauben des anderen, lasse ihm seinen Glauben. Er vergesse nicht, daß alles auf Voraussetzungen beruht und daß alles Menschliche Stückwerk ist. Es ist nichts widerlicher als das Herumzerren an dem Glauben eines anderen. V o r a l l e m muß eine jede Son1'"1'“ 4'2~ ~ k f s allein läßt und ich kann nicht sterben, dann — — du, dann werde ich, weißt du, so wie viele es werden, wenn sie das Leben so nicht mehr ertragen können, dann werde ich--—" , Nein, sie konnte es nicht aussprechen, sie weinte nur, und die Kost) sagte ungeduldig und doch mit tiefem Mitleid in der Stimme: „Lassen Sie doch mal endlich die Gedanken an den Doktor, Fran von Hilbach. Nu, da ich weiß, daß ich gesund werde, will ich auch mit meinen Zukunftsplänen herausrücken. Bislang, wo es noch so schlimm mit mir stand, macht ich nichts sagen, nu bin ich aber über den Berg, und so Gott will, sitz ich in vierzehn Tagen zum ersten Mal wieder in der Kirche. Setzen Sie sich mal hier neben mein Bett, Fran von Hilbach, hören Sie zu uud sagen Sie gar nichts, bis ich fertig bin. Nachher, wenn ich ausgesprochen hab, schlafen Sie erst eine Nacht drüber, und dann äußern Sie Ihre Meinung!" (Fortsetzung folgt.) gleichberechtigt an grundsätzlich nicht tun, nun, so lasse sie sie wenigstens in Ruhe. War es, von diesem Standpunkt aus gesehen, notwendig, daß ein päpstliches Rundschreiben, wie das letzte war, den Streitapfel in unser deutsches Land und Volk warf? Mußte ein Machwerk, das nichtdeutschen Köpfen entsprungen, die von deutschem Wesen und deutscher Art keine Ahnung haben, von dem Oberhaupt der katholischen Kirche unterschrieben und in die Welt gesandt wurde, jetzt wieder die Kluft erweitern und vertiefen, welche die Konfessionen voneinander trennt und die evangelische Kirche zum Kampf, zur Abwehr zwingen, die doch stets die katholische Kirche als gleichberechtigt anerkannt hat trotz der Glaubensunterschiede? Ist es wohl getan, immer die Vergangenheit aufzuwühlen und nach vermeintlichen Sünden von Männern zu suchen, die längst der Geschichte angehören und denen die Geschichte würdige Denkmale gesetzt hat? Der konfessionelle Parteihader ist schlimmer alsder politische,de nnergreiftdieMensch en am Heiligsten an, was sie haben. Aber wird man sagen: den Streit haben wir Deutsche doch nicht vom Zaun gebrochen. Gewiß, aber wo bleibt die offene Mißbilligung der leitenden Kreise, der Seite, von wo aus die Friedensstörung ausgegangen ist? Sie empfinden es wohl selbst als etwas sehr Unzeitgemäßes, aber offiziell schweigen sie; ihre Stimmen mit ihren evangelischen Mitbürgern gegen den Unfug zu erheben, wagen sie nicht. So mußte denn der Kampf ausgenommen werden, um die angegriffene Ehre zu retten. Und der Kampf ist ein Kampf Deutscher gegen Deutsche und „jenseits der Berge" lacht m a n sich ins Fäustchen. Was aber das Gefährlichste ist — das Deutschtum wird erstickt durch das Konfessionelle und immer weiter rückt zurück das Andenken an die, welche für die Größe und Herrlichkeit des Vaterlandes 216 lichen Verwesungsgeruch ausströmte. So laut er auch rief, niemand hörte ihn. Und so mußte er in dieser schrecklichen Lage verharren bis zum anderen Tage, wo man ihn fand. Ter kräftige Mann war durch die schreckliche Lage, in die er geraten war, so erschöpft, daß er die Ruhr bekam, welche damals überhaupt unsere Truppen vor Metz heimsnchte. Er wurde nach Friedberg gebracht, wo er trotz aller Bemühungen der Aerzte verstarb — auch ein Opfer des Krieges. « Ein nächtlicher Söcfuv Gleich nach der Einschließung von Metz wurde ich eines Nachts von meinem Hauswirt, einem Bäckermeister, um 1 Uhr geweckt. „Es sei ein Mann unten, der mich sprechen müsse." Ich frage: „Ist er aus der Pfarrei?" „Nein, es ist ein Fremder, schon der Sprache nach." „Bitte, sagen Sie ihm, ich empfinge nachts 1 Uhr keine Besuche." Ich war von meiner Tagesarbeit sehr ermüdet, denn ich hatte außer 14 Stunden Unterricht am Gymnasium und der höheren Töchterschule alle Beerdigungen und wochenweise auch die sonstigen Amtshandlungen zu versehen, da braucht man feine Ruhe/ Kurz darauf kommt der Bäcker wieder: „Ter Mann läßt sich nicht abweisen, er will Sie sprechen." „Fragen Sie ihn, was er will, ich mag Frau und Kind nicht in ihrem Schlaf stören." Er geht und kommt wieder mit der Meldung: „Was er will, sagt er nicht, aber er müsse Sie sprechen. Lassen Sie ihn doch herauf, damit Sie und er Ruhe haben." „Nun, meinetwegen, führen Sie ihn heraus." Ich kleide mich notdürftig an, mache Licht und öffne die Tür. Wer steht vor mir? In einem allerdings sehr reduzierten Kostüm mein Bruder, damals Kandidat in Friedberg. „Na, wie kommst du nach Birkenfeld bei Nacht und Nebel in so wenig geistlicher Tracht?" Da erzählte er, er habe mit anderen einen Liebesgabentransport (ob von den bekannten damaligen „Liebeszigarren" dabei waren, weiß ich nicht) zu den Belagerungstruppen bei Metz, hier zu den Hessen, gebracht und der Versuchung nicht widerstehen können, vielleicht einige Kriegsabenteuer zu erleben. Er sei aber bald von seinem Gelüste kuriert worden und habe sich wieder auf die Heimfahrt gemacht. Da sei mit einem Male die Station Birkenfeld gerufen worden. Er habe gefragt, ob das das oldenburgische Birkenfeld sei. Als ihm dieses bejaht worden wäre, sei er sofort ausgestiegen und habe mit der Ablösungsmannschaft der Samariterkolonne die Stunde Wegs vom Bahnhof zur Stadt zurückgelegt und sich bis hierher durchgefragt. Nun war große Freude. Er war hungrig Und durstig, aber seine erste Frage galt unserem 4 Monate alten Töchterchen. Das mußte er sich zuerst betrachten. Dann wurde für das Leibliche gesorgt. Meine Frau stand „in tiefer Mitternacht" am .Herd und kochte. Nach einigen Tagen Aufenthalts und nachdem die Kleidung wieder etwas standesgemäß in Stand gesetzt worden war, dampfte er ab. Heute ist er erster Pfarrer in meiner früheren birkenfelbischen Heimat Idar, wohin ich nach zweijährigem Aufenthalt in Birkenfeld versetzt wurde. DermHäbtes. * Vom deutschen Liebeslied. Wir leben in einer Zeit der literarischen Ausgrabungen. Werke, die seit Menschengedenken vergehen waren, kommen ost höchst überflüssiger Weise ans Tageslicht uni) treiben sich in modischem Gewand mit dem Büchermarkt herum. Was anderes ist es, die literarischen Kunstwerke aller Zeiten hervor zu ziehen, die noch vollen Lebenswert haben unb den besten Dichtungen unserer Zeit mindesteus ebenbürtig sind. Dieser Versuch ist mit der Sammlung „Deutsche Liebeslieder" ge- niacb! worden, die in einem handlichen Bändcben die schönsten und rmvergänglichsteii Liebeslieder der deutschen Sprache voir Walter von der Bogeliveide bis ani unsere Zeit vereint. (Verlegt vonr Einl orn-Verlag in Aluneben und Leivzig.) Biele Leser der Sammlung werden überrascht sein, tvie viele unvergleichliche und eigenartige Liebeslieder unbekannter älterer Dichter wir besitzen, die noch so irisch rmd unmittelbar wirken uni) herrlich sind wie am ersten Tag. * Kleine Einfälle, b i c Millionen bringen. Vor kurzem wurde bekannt, daß ein bejahter englischer Ofenfabrikant, der ein neues Verfahren zur Herstellnng von Salz erfunden hat, seine Entdeckung für 20 Millionen Mark an ein amerikanisches Syndikat verkaufte. In diesem Falle waren freilich eine ganze Reihe von Jahren stiller und rastloser Arbeit vergangen, ehe die Erfindung so vervollkommnet war. das; sie für die Industrie \ einen Wert von ungezählten Millionen gewann. Mer die Fäll« sind keineswegs selten, in denen ein flüchtiger kleiner Einsall zum- Erfinder und dann zum Millionär werden läßt, ohne daß Zeit und Arbeit geopfert werden müssen. Einfache Spielgeräte haben ihre Schöpfer schon oft zu reichen Leuten gemacht; der Mann z. B., der die K i n d e r r a s s e l erfand, jene einfache, an eineist Stiel befestigte Blechhülse, in deren Innerem einige Steine enthalten sind, lebte in bescheidenen Verhältnissen, bis er eines Tages auf die Idee kam, für sein Kind ein solches Spielzeug herzu- stellen. Beiläufig kam er dann darauf, diese Klapper fabrikmäßig in großen Massen anfertigen zu lassen, und in wenigen Jahren war er dadurch der glückliche Besitzer eines Vermögens von rundi 5 Millionen Mark geworden. Auch der Mann, der den immer wiederkehrenden Ball erfand, hat erfahren, wie kleine „EiufällH sich lohnen können. Er kam auf die Idee, an einem gewöhnlichen Holz- oder Gummiball eine lange dünne Gummischnur zu befestigen: das Ergebnis war ein Gewinn von vielen Hunderttausenden von Mark; die ersten Jahre über verdiente der „Erfinder" jährlich mehr als 200 000 Mark. Vor nicht allzulangerl Zeit war der Bürger noch gezwungen, sich allmorgendlich seine Schuhe mühsam zusammenzuschnüren, indem er das Schuhband durch Oese und Oese steckte. Kein Mensch war auf die Idee gekommen, die Herrenstiefel mit jenen einfachen kleinen Haken zu! versehen, die das Zuschnüren so erleichtern und die uns längst zur Gewohnheit geworden sind. Die „Erfindung", so berichtet eine englische Wochenschrift, stammt von einem gewissen Herrn H. A., Snipp, der sich freilich über die Bedeutung seiner Entdeckung nicht recht klar geworden sein muß, sonst hätte er kaum das Patent für die lumpige Summe von tausend Mark verkauft. Die Unternehmer, die die Ausbeutung der Idee begannen, haben dann in wenigen Jahren damit Millionen verdient. Der Erfinder des Schuhbandes, Harvey Kennedy, hat mit seinem Einfall nicht weniger als zehn Millionen Mark verdient, ,md ähnlickst Höhe erreicht auch die Einnahnle, die Mr. Pliinpton, der Erfinder des Rollschuhs, mit seiner „Entdeckung" erzielte. Vor einigen Jahren erregte in London ein Prozeß großes Aufsehen, in den der Erfinder der Metallsohlen verwickelt war. Er hatte jene kleinen Metallplatten eingeführt, die dazu dienen, das rafd^ Abtragen der Schuhsohlen zu verhindern. Bei dem Prozesse erfuhr man, daß im ersten Jahre des Vertriebes, im Jahre 1879/ 12 Millionen solcher Platten verkauft worden waren; im Jahre 1887 betrug der Gesamtumsatz 143 Millionen, die den Fabrikanten in jenem Jahre 4600 000 Mark Reingewinn einbrachten. Doch nickst immer vergönnt es das Schicksal dem Erfinder, die Frucht seiner Arbeit uttb seiner Phantasie selbst zu ernten. Der Engländer Longridge, ein bekannter Ingenieur, erfand die noch heute in England bei der reitenden Artillerie verwendete sogenannte D r a h t k a n o n e bereits im Jahre 1854; er setzte alle Hebel in Bewegung, um die Behörden zur Prüfung seiner Erfindung 8tt bewegen, aber niemand wollte etwas von der Drahtkanone wissen. Erst Jahrzehnte später wurde der Gedanke von Armstrong ausgenommen, und 1884 endlich entschloß sich die Militärbehörde zu Versuchen, die bnmt zeigten, daß die von Longridge erfundene Drahtkanone, die bis dahin in England benutzten Kanonen an Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft weit Übertraf. Dem Erfinder aber war es nicht vergönnt, diesen Triumph noch zu erleben, er war kurz vorher verbittert und enttäucht aus. dem Leben geschieden. * Am Junggesellen-Stammtisch. „Der Knicke- bein ist mit seiner Heirat schön reingefallen! Seine Frau ist ein wahrer Drachen!" — „Geschieht ihm ganz recht!" — „Wenn's dem Esel zu wohl ist, geht er aufs — Standesamt!" * Vorsichtig. Junge Fran: „Wenn Sie dem jungen Menschen die Kiste tragen helfen, können Sie sich ein Mtttagessen verdienen." — Arbeitsloser: „Wat ham Se denn gekocht, Madameken?" * Verdächtiger Protest. — „Betrunken soll ich diese' Nacht gewesen sein? Keine Idee; ich habe sogar im Hausgang noch die Handschuhe ausgezogen, weift die Treppe so schmutzig war!" NerMraLsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Heinrich — Kasperletheater — Schlingpflanze — Schinken — Ziegenleder — Baulian-werker — Geschwister — Grundbesitz — Serbien — Halsband — Sonntagsreiier — Bühnenkünstler — Tausend — Silberrubel — Kaunnann — Bademantel — Dattelpalme — Eichenlaub, Auflösung in nächster Nummer» Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer; AGNES GRAN NAB E N Siedaktion- K. N e u r a - :r -m-'onsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei R, Lange, Gießen.