Tml TlUi'-i srnd Wtil8s : ,_ \ ,, Oluuiil Die weiße Frau. Roman von W. CollinS. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) XIV- Mein Interesse an der Fälschung war jetzt zu Ende; und mein einziger Zweck, indem ich den Brief anfbe- wahrte, tvar, ihn für die Zukunft zu benutzen, um das einzige noch für mich übrige Geheimnis aufzuklären, närn- lich wer eigentlich Anna Cathericks Water gewesen. Ihre Mutter hatte in ihrem Briefe ein paar Bemerkungen falten lassen, die mir hierin dienlich sein konnten, sobald Sachen von unmittelbarer Wichtigkeit mir Muße ließen, mich damit zu beschäftigen. Ich verzweifelte nicht daran, mir Gewißheit über diesen Punkt verschaffen zu können; ich hatte nichts von meinem Interesse verloren, zu ermitteln, wer der Water des armen Wesens sei, das jetzt in Mrs. Fairlies Grabe zur Ruhe gelegt war. Demzufolge versiegelte ich den Brief und legte ihn in mein Taschenbuch, um ihn zur Hand zu haben, sobald die Zeit gekommen sein würde, die Sache wieder aufzunehmen. Der folgende Tag war mein letzter in Hampshrre. Sobald ich abermals vor der Behörde zu Knowlesbury und bei der vertagten Untersuchung erschienen, konnte ich frei sein, um mit dem Nachmittag- oder Abendzuge nach London zurückzukehrem Mein erster Gang des nächsten Morgens war, tote gewöhnlich, nach der Post. Der Brief von Marianne war dort, aber mir schien, als man ihn mir in die Hand gab, daß er sich ungewöhnlich leicht anfühlte. Ich öffnete das Kuvert voll Besorgnis. Es lag nichts als ein kleiner, einmal zusammengelegter Papierstreifcn darin. Die wenigen eiliggeschriebenen, halbverwischten Zeilen, die derselbe ent» hieÜ, waren folgende: „Komm zurück, so schnell du kannst. Ich bin genötigt gewesen, unsere Wohnung zu verlassen. Komm nach Go- wers Walk, Fulham (Numero fünf). Ich werde dich erwarten. Beunruhige dich nicht um uns: wir sind bewe wohl und in Sicberheit. Wer komm zurück. Marianne." Die Nachricht — eine Nachricht, die ich sofort mit einem Versuche neuer Anschläge von feiten Graf Foscos in Verbindung brachte — überwältigte mich förmlich Ich tand atemlos mit dem zerknitterten Papiere in der Hand da. Was hatte sich zugetragen? Welche schlaue Schändlichkeit hatte der Gras in meiner Abwesenheit entworfen und ausgeführt? Seit Mariannens Brief geschrieben, war eine Nacht vergangen — es mußten noch viele Stunden vergehen, ehe tch zu ihnen zurückkehren konnte — es konnte sich bereits inzwischen «in Unglück ereignet haben. Und hier, so viele Meilen von ihnen entfernt, hier mußt« ich bleiben — zur Verfügung, doppelt zur Verfügung des Gesetzes! Endlich nach einer dreistündigen Untersuchung sprachen die Geschworenen die bei plötzlichen Todesfällen übliche Erkenntnis aus. ©ie fügten dem förmlichen Urteile noch eine Bemerkung hinzu, daß keine Belege für die Art unÄ Weise, in der die Schlüssel genommen worden, vorhanden, und daß der Zweck, zu welchem der Verstorbene in die Sakristei gegangen, unerklärt geblieben. Dies schloß dre Untersuchung. Es wurde dem gerichtlichen Repräsentanten des Toten überlassen, für dessen Beerdigung zu sorgen, und die Zeugen durften abtreten. Entschlossen, keine Minute länger zu verlieren, bezahlte ich meine Rechnung im Gasthofe und bestellte mir einen Wagen, um desto schneller in Knowlesbury anzulaugen. Ein Herr, welcher hörte, wie ich den Befehl erteilte, und sah, daß ich allein fahren würde, unterrichtete mich, daß er in der Nähe von Knowlesbury wohne nnÄ frug, ob ich etwas dawider haben würde,, den Wagen und die Ausgabe für denselben mit ihm zu teilen. ,Jch nahm seinen Vorschlag wie eine Sache an, die sich von selbst versteht. Unsere Unterhaltung während der Fahrt drehte sich natürlich um den einen Gegenstand des Ortsinteresses. Mein neuer Bekannter war einigermaßen mit dem Advokaten des verstorbenen Sir Percival bekannt und hatte mit ihm eine Unterhaltung Über dessen Vermögensange- legenheiten und den nächsten Erben gehabt. Sir Percivals Verlegenheiten waren in der ganzen Umgegend so wohl bekannt, daß sein Wvokat aus der Notwendigkeit eine Tugend machte und die Sache unumwunden eingestand. Er war gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen, und selbst, falls er ein solches gemacht, so besaß er kein persönliches Eigentum, über welches er testamentarisch hätte verfügen können, indem seine Gläubiger bereits das ganze Vermögen verschlungen, das ihm seine Frau Angebracht hatte. Der Erbe des Besitztums (da Sir Percival keine Leibeserben hinterließ) war der Sohn eines Vetters von Sir Felix Glyde, ein Offizier in der königlichen Marin:. Er sollte sein Erbteil tief verschuldet finden; doch konnte es sich mit der Zeit davon erholen, und falls der „Kapitän" sparsam war, so konnte er vor seinem Tode doch noch ein reicher Mann werden. _ So sehr ich auch mit dem Gedanken, möglichst schnell! nach London zurückzukehren, beschäftigt war, hatten doch diese Mitteilungen (welche sich später als vollkommen richtig herausstellten) einiges Interesse für mich. Mw schien danach, daß ich gerechtfertigt sei, meine Entdeckung von Sir Percivals Fälschung geheim zu halten. Der Erbe, dessen Rechte er sich angemaßt, war derjenige, dem! das Besitztum jetzt zufiel. Sein Einkommen während der letzten dreiundzwanzig Jahre, welches von Rechts wegen ihm Mte zusatten [owent war von Mr Percival bis auf W 758 — letzten Heller vergeudet und urrwiederbringlich verloren. Falls ich die Wahrheit bekannt machte, so konnte sie doch keinem Menschen den geringsten Nutzen bringen. Bewahrte ich dagegen das Geheimnis, so schützte mein Schweigen den Ruf des Mannes, welcher Laura durch seine Betrügereien vermocht hatte, ihn zu heiraten. Nur nm ihretwillen wünschte ich es geheim zu halten — und um ihretwillen! erzähle ich diese ganze Geschichte unter einem Decknamen. In Küowlesbury schied ich von meinem zufälligen Reisegefährten und ging dann sofort nach dem Gerichtshause. Wie ich erwartet hatte, stellte sich niemand, um die Sache tveiter gegen mich fortzusetzen — die notwendig.'» Formalitäten wurden erledigt, nnd ich war entlassen. Eine halbe Stunde später eilte ich mit dem Schnellzuge nach London zurück. Erst zwischen neun und zehn Uhr langte ich in Ful- ham an. Vo da eilte ich nach Gowers Walk. Marianne und Laura kamen beide an die Tür, um mich einzulassen. Ich glaube, wir hatten alle nicht gewußt, welch enges Band uns aneinander knüpfte, bis zu dem Abende, der uns wieder vereinte Wir begrüßten einander, als ob wir statt weniger Tage Monate lang getrennt gewesen. Mariannens armes Gericht sab sehr besorgt und elend aus. Ich sah auf den ersten Blick, wer in meiner Abwesenheit alle Gefahr gewußt und alle Besorgnisse gefühlt hatte. Lauras frohere Bücke und blühenderes Aussehen sagten mir, wie sorgfältig ihr alle Kenntnis des furchtbaren Todes und der wahre Grund ihrer Wohnungs- verändernng vorenthalten worden. XV. Als Laura uns verlassen und Marianne und ich ohne Rückhalt sprechen konnten, versuchte ich, der Dankbarkeit und Bewunderung, die mein Herz füllten, Ausdruck zu geben. Aber Has großherzige Weib wollte mich nicht ausreden lassen. Es blieb mir nur ein Augenblick vor Abgang der Post, sagte sie, sonst hätte ich weniger hastig geschrieben. Du siehst angegriffen und elend aus, Walter — ich fürchte, mein Brief hat dich ernstlich beunruhigt? Nur im ersten Augenblicke, erwiderte ich. Mein Gemüt beruhigte fich durch mein Vertrauen auf dich, Marianne. Mutmaßte ich recht, indem ich diese plötzliche Wohnungs- Veränderung einer drohenden Belästigung von feiten Graf Foscos zuschrieb? Vollkommen, entgegnete sie; ich habe ihn gestern gesehen, und, was noch schlimmer ist, ich habe mit ihm gesprochen. Hast mit ihm gesprochen? Wußte er, wo wir ivohn- ten? Kam er ins Haus? Ja. Er kam ins Haus, aber nicht hinauf. Laura hat ihn nicht gesehen; sie argwöhnt nichts. Ich will dir erzählen, wie es kam; ich glaube und hoffe, daß die Gefahr jetzt vorüber ist. Gestern, als Laura in der Wohnstube unserer alten Wohnung am Tische saß und zeichnete und ich ordnend umherging, kani ich zufällig ans Fenster und sah im Vorbeigehen auf die Straße hinab. Da, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße sah ich den Grafen und einen Mann, mit dem er sprach — Bemerkte er dich am Fenster? Nein — wenigstens glaubte ich es nicht. Ich war zu heftig erschrocken, um es genau zu sehen. Wer war der andere Mann? Ein Fremder? Nein, Walter, kein Fremder. Sowie ich nur wieder atmen konnte, erkannte ich ihn. Er war der Besitzer der Irrenanstalt. Zeigte der Graf ihm das Haus? Nein; sie unterhielten sich, wie wenn sie einander soeben zufällig auf der Straße begegnet wären. Ich blieb am Fenster und schaute hinter der Gardine herum zu ihnen hinunter. Hätte ich mich umgewandt und Laura in diesem Augenblicke mein Gesicht sehen lassen — aber ich danke Gott, daß sie in ihre Zeichnung vertieft war! Sie gingen bald auseinander. Der Mann aus der Irrenanstalt ging nach der einen Seite hin fort, und der Graf nach der anderen. Ich fing an zu hoffen, daß sie durch Zufall m die Straßg gekommen, als ich den Grafen zurückkommen, uns gegenüber abermals stille stehen, sein Taschenbuch herausnehmen, etwas auf eine Karte schreiben und dann herüberkommen und in den Laden unter uns gehen sah. Ich lief an Laura vorbei, ehe sie mich sehen konnte nnd sagte, ich habe etwas oben vergessen. Sobald ich Ms dem Zimmer war, lief ich auf den Korridor hinunter und wertete — ich war entschlossen, ihn zurückzuhalten, falls er versuchen würde, hinaufzukommen. Doch machte er den Versuch nicht. Das Mädchen aus dem Laden kam durch die Verbindungstür in den Gang hinaus und brachte mir seine Kürte — eine große vergoldete Karte mit seinem Namen und einer Krone darüber, und darunter diese Zeilen: „Teure Dame" — ja! der Schurke unterstand sich noch jetzt, mich so anzureden — „teure Dame, ich bitte Sie dringend, mir zu gestatten, ein Wort mit Ihnen zu sprechen, das uns beide sehr ernstlich betrifft." Ich fühlte sogleich, daß es ein unheilvolles Versehen fein könnte, falls ich int Dunkeln bliebe und dich im Dunkeln ließe, wo ein Mann wie der Graf im Spiele war. „Ersuchen Sie den Herrn, int Laden zu warten," sagte ich, „ich werde sogleich zu ihm kommen." Ich lief hinauf, nm meinen Hut zu holen, da ich entschlossen war, ihn nicht im Hause zu mir sprechen zu lassen. Ich kannte seine tiefe, durchdringende Stimme zu gut, und fürchtete, daß Laura sie selbst vom Laden her hören würde. In weniger als einer Minute war ich wieder unten und hatte die Haustür geöffnet. Er kam aus dem Laden mir entgegen. Da stand er — in tiefer Trauer, mit seiner glatten Sckrn und seinem tödlichen Lächeln, und um ihn her hatten sich ein paar müßige Knaben und Weiber versammelt, die seinen großen Umfang, seine schönen schwarzen Trauerkleider und seinen Spazierstock mit dem Goldknopfe anstierten. Die ganze-entsetzliche Zeit in Blackwater kam mir ins Gedächtnis' zurück, als ich ihn erblickte. Tu erinnerst dich, was er sagte? frug ich atemlos. Ich kann's nicht wiederholen, Walter. Tu sollst sogleich hören, was er über d i ch sagte, aber wie er zu m i r sprach, kann ich nicht wiederholen. Es war noch schlimmer, als die höfliche Impertinenz seines Briefes. Mir juckten die Hände, ihn zu fchlagen, wie wenn ich ein Mann gewesen wäre! Ich konnte sie nur davon abhalten, indem ich unter meinem Tuche seine Karte in Stücke zerriß, " hue meinerseits ein Wort zu sagen, ging ich vom Haun t (aus Furcht, daß Laura uns erblicken könne); und er folgte mir, indem er mir fortwährend sanfte Vorstellnngen machte. In der ersten Nebenstraße stand ich still und frag ihn, was er von mir verlange. Er verlangte zweierlei. Erstens, falls ich nichts dagegen hätte, seine Gefühle auszusprechen. Ich schlug es aus, sie anzuhören. Zweitens, die Warnung in seinem Briefe zu wiederholen. Er verbengke sich, lächelte und sagte, er wolle es mir erklären. Was erzählte er? Kürz folgendes: Der Graf bot Sir Percival feinen Rat an; aber er wurde zurückgewiesen. Sir Percival wollte nur seiner eigenen Heftigkeit, seiner Halsstarrigkeit und seinem Hasse gegen dich solgen. Der Graf ließ ihm seinen Willen, nachdem er zuvor (für den Fall, daß zunächst seine Interessen bedroht würden) heimlich ausgeknud- schäftet hatte, wo wir wohnten. Man folgte dir, Walter, an dem Abende, wo du von deiner ersten Reise nach Hampshire zurückkehrtest — eine Strecke von der Station ab waren es die Spione des Advokaten, von da an bis zu unserem Hause aber der Graf selbst. Wie es ihm gelungen, nicht von dir gesehen zn werden, hat er mir nicht gesagt; aber es war bei jener Gelegenheit und auf diese Weise, daß er uns fand. Nachdem er diese Entdeckung gemacht, ließ er sie unbenutzt, bis er die Nachricht von Siv Percivals Tode erhielt — und dann begann er für sich' zu handeln, weil er glaubte, daß du nun zunächst den Mann angreifen würdest, der an dem Komplotte des Toten teilgenommen. (Fortsetzung folgt.) Vie ältesten ttirchen in Gießen. Sckwn dreihundert Jahre vorher, ehe der Ort „zu den Gießen" mtstand, waren seine benachbarten Höhen und Täler besedelt. Erne der ältesten Ansiedelungen unserer Gegend war das Tors Zelters. Es lag auf dem Hügel, auf dem unser Bahnhof steht, unwert der stelle, wo die Wieseck in die Lahn mündet. Tie gegen; das Smhwasser der Lahn und der Wieseck geschützte Lage veranlaßte ledenfalls dre ersten Bewohner des Torfes, sich hier anznbauen. Scho« N& war rugere Gegend christianisiert worden. Ta sich dre Kirche zu -L-elters, die dem h. Petrus geweiht war, schon int 14., ahrhundcrt als Mntterkirche über die Kapellen der umliegenden Orte erhob, läßt sich annehmen, daß sie schon damals sehr alt war. Mrt der Entstehung eines neuen Wohn- “rt8 v)r Burg „zu den Gießen" wird wohl auch hier M Dochtcr .der Peterskirchc von Selters eine Kapelle 759 mietet worden jein. Wer erst im Jahre 1248 wird akZ Gotteshaus m Greg, en erwähnt die capella St. Pankratii 5^ ^t. Mariae, Im Jalwe 127 9 wird Garsilius als Ple- Lf,nJu§J¥raFrr? tn genannt. Es muß bezweifelt werben, J$°n ^lbständiger Pfarrer in Gießen war. Gr war jedenfalls noch abhängige von der Peterskirche in Selters. Stoch cm Jahre 147 1 wird in einer Urkunde, das Hospital betreffend, neben den Burgmannen und dem Rat der Stadt cro?' y*k€'!.kr e nls Vice-Plebanus*) genannt. Möglich es, daß der Pfarrer von Selters der Sicherheit wegen auch in Gießen tvvhnte, von wo aus er den Gottesdienst in der Mntlerkirche besorgte. Nach Rady.: „Geschichte der katholischen Kirchen rn Dessen ist anzunehmen, daß schon im 14. Jahr- Pankratiuskapelle zu einer zweischif- figen Kirche umgebaut worden ist. Tie alte Kapelle sei in den Erweiterungsbau eingezogen worden; den Neubau habe man dann P fa r r k i r che genannt. Jedenfalls genügte um diese Zeit die Pankratiuskapelle nicht mehr den religiösen Bedürfnissen; Ve kann auch keinen Raum gehabt haben, weitere Altäre auf- znnehmen. Nachweislich wurden aber.von adeligen Herren für vw Pankvatiuskirche 1319, 1334, 1391, neue Altäre gestiftet. Tas 15. Jahrhundert ist die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, m Teutlchlmid; Gewerbe, Handel und Kunst blühen. Ueberall sind die Bürger eifrig am Werk, ihre Städte durch Bauten Und Kunstanlagen zu verschönern. Auch in Gießen rührte man sich Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wird die Pankratius- kl rche wieder vergrößert, vielleicht auch im Aeußeren und Inneren verschönert. Ein Glocken türm wird errichtet, mit dessen Bau 1482, begonnen wird. Reichlich steuerten die Bürger Mm Ban der^ Kirche imb des Glockenturmes', woraus sich wohl das Eigentumsrecht der Stadt an dem noch aus jener Zeit übrig gebliebenen Glockenturm herleitet. Mit der Einführung der.Reformation in Hessen änderten sich auch die kirchlichen Verhältnisse in Gießen. Tie breite Masse des Volkes nahm die neue Lehre begeistert auf, während die Beamten Und Adeligen noch am alten Glauben festhielten. Tie „evangelischen Brüder", wie man sie ironisch bezeichnete, hielten ihren Gottesdienst in der Peterskirche zu Selters ab, während die Altgläubigen in der Pankratiuskirche in Gießen ihren Kultus ausübten. Schon vor Einführung der Reformation war die Peterskirche zu Selters zur Unbedeutendheit herabgesunken; vom Torfe selbst waren nur noch wenige Häuser vorhanden. Seine Bewohner hatten sich im Laufe der Jahre in dem festen Gießen Niedergelassen. 1531 ließ Philipp der Großmütige die Kirche zu Selters abbrechen. , 15 3 2 erhielt Gießen seinen ersten evangelischen Geistlichen in der Person des Mag. Daniel Graser, der von 1532—1542 hier wirkte. Auf der Durchreise zum Mmvenk in Frankfurt 15 3 9 übernachteten Kurfürst Jvh. Friedrich vo n Sachsen, Her zo g Moritz, P hilipp Melanchto n, Divnysus, An ton Corrianus, Joh. Hhmnäus in Gießen, vor denen Greser auf Befehl des Landgrafen Philipp Vr-edigen mußte. Er fand großen Beifall und wurde nach Tresden berufen. Nur ungern schied Greser von Gießen. Bei seinem Weg- gange äußerte er, „daß er mit den ©einigen nur ungern Gießen verlasse, wo er eine sehr liebende Gemeinde, eine ansehnliche Besoldung, ein eigenes Hans, Uecker, Gärten und Wiesen und einen ziemlichen Vorrat von Hausrat zurücklasse". Greser besaß ein Haus in der Wagengafse, das er für 110 ft. erkauft hatte, und das später an Adam Sauer, Schultheiß zu Gießen, überging. Das ehemals Gresersche Haus wurde lange Zeit als Scheuer benutzt und ist jetzt einem Neubau gewichen. Neben dem evangelischen Pfarrer wirkte au der Pankratiuskirche, wie sie noch bis zuni 19. Jahrhundert genannt wurde, ein evangelischer Kaplan. 1543 wurde als solcher der Pfarrer in Londorf angenommen. In diesem Jahre wurde auch die zerfallene „C a p l a n e y" in der Kaplaneigasse wieder aufgebaut. Tie Kaplanei, jetzt Restauration „Zur guten Quelle", war das Wohnhaus der Geistlichen in der vorreformatorischen Zeit. Nach ihrem Wiederaufbau diente sie auch als Pfarrhaus für die evangelischen Geistlichen. Hier wohnte auch der 3. evangelische Pfarrer von Gießen Dr. Jeremias Vietor, bevor er in das Neu erkaufte Pfarrhaus, die alte Superintendur, hinter der Stadtkirche, in das ehemalige Loossche, jetzt Leibsche Haus übersiedelte. Tie „Caplaney" wurde 18 6 7 an Küfer Heil verkauft. 18 08 wurde die alte Pankratiuskirche abgerissen und an ihre Stelle während der Jahre 18 0 8—18 2 1 di« heutige Stadtkirche erbaut. Nach ihrer Wiederherstellung um das Jahr: 1500 war die alte Pankratiuskirche bis 1808 die Hanptkirche der Bewohner von Gießen, lieber 300 Jahre hatte sie die Stürme der Jahrchinderte glücklich überdauert, bis sie auch alt und morsch, den Bedürfnissen der Zeit nicht mehr entsprechend, einem Neubau weichen mußte. —6—. *) Wenn schon zw dieser Zeit in Gießen ein eigener Plc- banns (Pfarrer) gewesen wäre, würde in dem wichtigen Send- schreiben von 14 71 gewiß dieser anfgesührt worden sein, und Nicht der Vice-Plebanus. Thomas wallbotts Familienleben, vrautfahrt und Hochzeit. Von Gg. Schäfer. '(Fortsetzung aus Nr. 188.) 1 w ■ bw ich nicht, aber wissen möcht ich, was für ein klemes Abenteuer du erlebtest, Regine?" fragte die Hausfrau, ebMe Aufregung geriet, als Frau Regine mit dm Worten Mädchen gefallt mir ausnehmend gut, ich möchte es dir entführen." Acht gut machen lassen; übrigens ein Ausweg Ware vorhanden." „Welcher meine Liebe?" . . nimmst sie als deine Schwiegertochter mit. Seine bessere Wirft tat finden, selbst wenn sie zwei Tonnen Goldes als Mitgift brachte. Ä!"t ries Frau Wallbott. „Anna gefällt meinem Zungen. Vielleicht hat mein Alter einige Strupel, die werden wir ihm austreiben. Willst du mir beistehen mit Rat und Tat?" „Ist doch selbstverständlich, Regine. Wenn zwei Frauen ans Ehesnften geraten, halten sie zusammen wie Pech und Eisen." „Tie Männer dürfen eine Stufe tiefer freien, damit sich me Frauen in bet Ehe nicht ausblähen, bemerkte mir neulich Pfarrer Eckhardt." r ''Aber nackt und bloß darf das Mädchen nicht in bett Wall- bottshof elnfahren, sonst werden die Weiber, die sich Hoffnmig auf Thomas machten, boshaft und tückisch; unter sich reden sie dann von einem „Bellmensch". Du kennst bas, Regine." „ "3ch besitze Mittel, das Mädchen reichlich auszustatten. Tu, liebe Freundin, sollst mich dabei unterstützen. Alles soll vom Hofpachter Stock in höherem Auftrage ausgehen. Willst du deine Hand über das alles ausstrecken?" „Mit tausend Freuden!" , „Tann gibt es, so Gott will und Wir leben, eine große Hochzeit auf dem Wallbottshofe, wenn im Herbst die Arbeit getan ist." 'Aei alledem ist Vorsicht geboten. Bevor wir mit Schuhen und Strümpfen in, die Sach hinein springen, müssen wir Umfrage halten und Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen suchen, liebe Regine." „Versteht sich; wir fahren auf den Schlitzet Maimarkt, dort stellen wir im „Weißen Roß" ein. Mit der Wirtin bin ich von Jugend auf^ befreundet, sie kann uns genaue Auskunft geben." „Tein Junge muß uns fahren. Anna erhält am Tag vorher Urlaub, um nach Hause zu gehen. Wir treffen bann in Schlitz zusammen." , „Nun sind die Rollen richtig verteilt, die Handlung kann beginnen. Ich danke dir herzlich, liebe Freundin," sprach Regine. Die Männer kamen von ihrem Gang durch das große „Werk" zurück. _ Pachter Stock und Thomas blieben noch einige Minuten im Hose stehen, sie sprachen über Pferde. Ter Bürgermeister trat auf den großen Vorplatz, wo er Anna begegnete,, die fittig grüßte. . „Da sitzen ja die Weiberchen und halten guten Rat, hoff' ich!" sprach Wallbott. .„Sag' mal Gevatterin Stock, was habt Ihr denn da für ein bildsauberes Weibsbild im Hanse? Wo stammt es her? Was leistet es?" „Wird nicht verraten, Gevatter Wallbott," lachte die Hausfrau. „Spaß beiseite, Gevatterin! Meine Frau muß Aushilfe haben, das Mädchen wäre etwas für sie. Die ist anstellig." „Und ob! Bürgermeister, deiner Frau hat bas Mädchen auch gefallen. Wollen sehen was sich machen läßt." „Was meinst du Regine?" „Ich bin nicht abgeneigt." — Anna erschien und meldete, daß der Vesperimbiß aiigerichtet sei. „Schockschwerenot, ist das eine patente Person!" flüsterte Wallbott der Gevatterin Stock zu. „Hm ja! Gevatter," lautete die absichtlich kühl gehaltene Antwort. — Zwei Stunden später, als der Mond aufgegangen war, fuhren Wallbotts weg. Aus einem kleinen Fenster des dritten Stockwerks schaute ein hübsches Mädchen dem Fuhrwerk nach. Thomas sah es, er winkte mit der Peitsche und sprach für sich: „Auf Wiedersehen, Anna!" Am 1. Mai versammelten sich die Kirmessebnrschen int Gasthaus „Zum Stern" in Rothenbühl, um den „Mädchenverstrich", das Mailehen genannt, abzuhalten. Lorenz Wagner, ein angesehener Bauernsohn, erhob sich und hielt folgende Rede: „Jetzt ruhig int Glied und bas Maul gehalten, aber zur rechten Zeit wieder ausgemacht. Ihr Wißt, die Kirmessemüdchen müssen heute verstrichen werden. Ist es euch allen bekannt?" „Ja!" lautete die einmütige Antwort. „Sind die Peitschen in der Reih, daß geknallt werden kann, sobald ein Mädchen zugeschlagen und ein Paar gebildet ist?" „Alles in Ordnung, aber nichts an seinem Platz, sagt der weise Daniel." „Also verkündige ich jetzt die Verstrichsbedingungen: § 1, Es Wird nur in ganzen Mark gestrichen. 760 § 2. Der Pfennig gilt soviel tote dte Marr. 8 3. Wer am meisten bietet erhält den Zuschlag. § 4. Der Bursche mutz mit dem gestrichenen Mädchen dte drei ersten Tänze tanzen. _ , „ H 5. Er darf auch die ganze Kirmes mit ihm tanzen. § 6. Das gestrichene Mädchen muß dem Burschen einen Leih-- oder Liehstrautz schenken und an dessen Hut befestigen. § 7. Nur dadurch wird die Sach' qiltig und fest § 8. Das erzielte Geld kommt in die gemetnschastltche Ku> messekasse; mir machen uns dafür einen guten Tag." „Wer etwas gegen die Bedingtmgen etnMtoenden hat, tu' zeitig das Maul auf, oder schweig', hernach/' , „Ich frag' an: was macht dte, auf dte feilt Gebot getan wird?" fragte Konrad Hillberg. „ ,, „Sie nimmt die Katz' untern Arm, dte hält sie auch warm. Lorenz Wagner. Zuerst: Wer bietet auf Kathrilies herbei. (Fortsetzung folgt.) Bingel?" „Fünf! Zehn! Zwanzig! Vierzig! hundert! Zweihundert! Dreihundert Mark!" hieß es. Lorenz Wagner: Fritz Scholl hat das höchste Gebot. Zum ersten, zweiten und drittenmal! (Es wird zugeschlagen.) Vor den Fenstern wird stark mit Peitschen geknallt und Vivat hoch! gerufen. . In dieser Weise dauert die Versteigerung fort, bts der ganze Vorrat untergebracht ist. Zuletzt fragte ein Bursche: Da ist z. B. die schöne Witwe Mine Windberg; kann sie nicht mitverstrichen werden? Sie hat Geld, ist lebenslustig und möcht' auch wieder einen Mann haben." „Wir können einen Verstrichsversuch machen," antwortete Lorenz Wagner. „Wer bietet auf Mine Windberg? Niemand? Witwen werden sonst freilich nicht verstrichen." „Aber sie gehen auf den Strich!" schrie einer aus dem Hintergrund. I ' „Ich habe auf dem Herweg einen beinernen Gamaschenknopf gefunden, den will ich für die Mine opfern," schrie ein anderer. „Ich biete sechs alte Hessenbatzen demjenigen, der die Mine über die Grenze bringt!" rief ein dritter. „Da kein Gebot mehr erfolgt, wird der Verstrich geschlossen und genehmigt. Vivat unsere Kirmessemädchen sollen leben!" rief Lorenz Wagner. Die Versammlung bricht in großen Jubel aus, der mit Peitschengeknall unterstützt wird. „Nun noch ein schönes Lied, das auf unsere Kirmessemädchen paßt: „Sah ein Knab' ein Röslein stehn." Das Lied wurde gesungen; andere folgten nach. 'Dann gingen die Burschen nachhause und wünschten sehnsüchtig die Kirmes Vie Aalender. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Um diese Zeit und schon lange vorher ergießt sich eine wahre Hochflut von Kalendern übers Land, Büchern und Heilen in allen möalichen Stärken und Formaten. Jede politische und religiöse Partei erscheint mit ihrem Leibjahrbuch, jedes Familien- und Sonntagsblatt, das etwas aui sich hält, gibt ein solches heraus, selbst die Warenhäuser und Versandg-ffchäste bis hinab zum dunkelsten Geheimmittellabrikanten wollen nicht zurückstehen. Da gibt es Kalender iür Offiziere des Benrlaubtenstaudes, Soldaten aber Waffengattungen, Richter, Viarrer, Lehrer, Schüler, Handwerker, Krieger-, Turner- und Säugervereine, Genossenschaiten und wer weih was noch alles. Provinzial-, Landschaits- und Kreiskalender hat man auch schon, und tote lange wirds noch währen, bis auch die Kleinstädte tmb Dörfer mit ihren eigenen Jahrbüchern aui den Plan treten? Und bei allen diesen Erzeugnissen handelt es sich, soiern man den Prospekt oder dem Waschzettel Glauben schenken darf, um „Volksbücher im besten Sinne des Wortes', viele wollen angeblich die Heimatliebe stärken, nicht wenige auch die Schundliteratur bekämpsen. Unglau blich, ivas iür ein Schund sich im Kampf gegen die Schundliteratur breit macht! Nun, soweit die Kalendermänner hinter ihren Ladentiichen noch geduldig auf den Käuier warten oder uns unentgeltlich und postirei bedienen, ist der Segen zu ertragen. Aber wehe, dreimal >vehe, wenn sie zu hausieren anheben l Tann kommt der Händler aus der Stadt, der eine ganze Sammlung mit sich führt, der Polizeidiener des Tories, dein die 25 Proz. Provision, die ihm irgend ein findiger Großverlag versprochen hat, den eilenden Schritt beflügeln, der Herr Kirchendiener, der den Gnstav-Adolf- und Missionskalender vertreibt, der Agent des „Sonntagsboten', der Vertrauensmann unserer Partei, der Schriftführer unseres Vereins, der im Auftrage des Vorstandes einen Piaffenbezug in die Wege geleitet hat (der Verdienst kommt der geschwächten Vereinskasse zugute), kurzum, einer reicht dem andern die Tür. „Tu lieber Gott,' rufen ivir verzweifelt aus, „was sollen wir mit all dem Zeug?' — „Aber, verehrter Herr, das hier ist doch was ganz anderes, und denken doch an den guten Zweck!' Und das Ende vom Lied ist, daß wir wieder um einen Kalender reicher und um eine halbe Mark reicher sind. Nun aber ist'S Schluß, der nächste Kalender- menich wird ganz energisch abgeschüttelt. Er läßt nicht lange auf sich warten, er bittet, fleht, weist auf die schlechten Zeiten, den knappen Verdienst, aus eine kranke Frau, eine Schar kleiner Kinder hin, und sein Kalender kostet nur 25 Pfennig, enthält einen wunderhübschen Buntdruck — na, man ist schließlich wieder mal kein Unmensch. Vielleicht aber addieren wir die Kalendergelder einmal gelegentlich zusammen und wir werden sehen, daß wir iür das schöne Geld einen Klassiker oder irgend ein anderes gutes Buch hätten erstehen können, besten literarischer Wert einige Dutzend landläufiger Kalendergeschichten und -Aufsätze wett überragt. Vermischte». kt Das Doppelhuhn und seine Rabenmutter Von einem Doppelkücken, das vier Beine und vier Flügel hat, berichtet die als zuverlässig bekannte französische Wochenschrift „La Nature'. Dieles merkwürdige Tier ist in Croix de Berny an der Seme aus dem Ei gekrochen. Höchst merkwürdig ist das Verhalten der Mutter, das der Besitzer des Hühnerhofes, ein Herr Herzog, beobachtet hat. Augenscheinlich wollte die Mutter von ihrem mißratenen Kücken nichts wissen, denn Herr Herzog sand eS außerhalb des Korbes, in dem sie ihre Eier ausgebrütet hatte, gänzlich unbeachtet vor. Herr Herzog packte es in Watte und brachte es an einen warmen Ort, darauf setzte er es wieder ins Nest zur Mutter^ aber am nächsten Tage hatte diese eS wieder gewallsatn aus dem Korbe entfernt und getötet. Die genauere äußere Untersuchung zeigte, daß augenscheinlich zwei verschiedenen Geschlechtern angehörige Keime miteinander verschmolzen waren. * E i n e A u s st e l l u n g z u r B e k ä m pf u n g d e s R a u ches. Aus London wird berichtet: Eine intereffante Ausstellung wird im Mai des kommenden Jahres aui den Grundstücken der königlichen landwirtschaftlichen Halle in I s l i n g t o n bei London eröffnet werden: eine Ausstellung zur Bekämpfung des Rauches. Das Unternehmen ist von der britischen Gesellschaft für Ranch- bekämpfung veranstaltet; die Gesellschaft wurde vor zehn Jahren gegründet mit dem Ziele, durch die Einführung von Rauch- verzehrungsapparaten die Atmosphäre Londons von den Aussonderungen der Fabrikschornsteine zu reinigen. In der bevorfiehenden Ausstellung werden Vorrichtungen und Ver>ahreu zur Rauch» bekämpfung und zur Rauchverzehrung vorgeführt werden. * Schlechte Aussichten. Gutsbesitzer: „Nun, Herr Oberförster, Sie hätten ja geheiratet, hab' ich gehört; wie geht » Ihnen denn in der Ehe?" — Oberförster: „O met, schlecht, bi« Dackeln san scho ausgerissen !" , * Ein guter Stoff. A.: „Gut, daß ich, dich treff«. Ich habe für dich einen famosen Stoff zum Lustspiel. — B. (Dichter, frierend): „Ach was! Stoff zum Winterüberzleher toüte mir lieber!" Schachaufgabe. Schwarz. «bcdelgh a b c d e f g h 8 8 6 6 5 5 3 2 Weiß. Weiß zieht und setzt in fünf Zügen Matt. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Geographischen Verschiebrätsels in vorige« Nr.l Innsbruck Halle Belgien Parts Bern Bochum Schweiz Breisgau Illinois. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, Ä. Lang«, Gießen-