MMM LA» iCTm MM Ä W-U W^MÄ Das nette Mädel. Roman von Fedor von ZobeltiA, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Jeden Morgen, wenn Köhler aufstand, nahm er sich Vor, mit Traute zu sprechen. Und immer wieder verschob er dre Aussprache. Er hatte Angst vor seiner Tochter. Wenn sie die Verbi,rdung mit Brigham ablehnte, war seine letzte Hoffnung zertrümmert. Er hatte seine Frau gebeten, sich Traute gelegentlich vorzunehmen. Aber auch Frau Auguste war scheu geworden; ihr bangte vor der Entscheidung. Da trat am zweiundzwanzigsten ein Geschehnis ein, das zur Erklärung führte. Ein Laufmädchen, aus dem Atelier von Lina Hübner, bei der die vornehmere Damenwelt schneidern ließ, brachte einen großen Karton für Traute. Und als Traute ihn öffnete, sah sie in Seidenpapier hineingefältet ein wunderschönes, elfenbeinfarbenes Kostüm mit türkisblauem Saum am Rocke und türkisblauem Kragen am Jäckchen. Sie wußte natürlich sofort, daß dies das gemeinsame Strandkostüm der Schönheiten der Goldenen Horde war und daß es wahrscheinlich Eva Delbrück für sie bestellt hatte; sie war zu gleicher Zeit entzückt und wütend, und als sie am Boden des Kartons eine Rechnung für einhundertundfünfundachtzig Mark fand, sank sie völlig entgeistert auf den nächsten Stuhl. Du lieber Himmel, was würde der Vater sagen! Ter Zufall fügte, daß der Vater heute früher als sonst aus dem Kontor kam, wo die Mutter ihn abgeholt hatte — und beide sahen nun mit großen Augen auf die elfenbeinfarbene Pracht und das türkisblaue Wunder, und der Wachtmeister- vltck der Mutter hatte auch schon die Rechnung entoeckt, und ihr Auge durchfurchte förmlich das erblassende Gesicht Trautes. „Traute/' schrie sie auf; „ja, nu sage doch bloß: bist du rein von Gott verlassen?! Ist das denn möglich: du hast dir dies teure Kostüm bestellt?!" Jetzt hatte auch Köhler die Rechnung genommen; er starrte sie an, und die Muskeln um seinen Mund begannen zu arbeiten. „Einhundertfünfundachtzig Mark," stammelte er und fuhr sich über die Stirn. „Träume ich? Und so etwas — so etwas bestellst du dir, ohne uns vorher zu fragen?" Trautes Augen begannen zu tränen. Mit schluchzender Stnnme Hub sie an zu erzählen, das sei ein Gewalt- strerch von Eva Delbrück; sie habe sich dagegen gewehrt; Eva Delbrück habe das Kleid hinter ihrem Rücken bestellt; aber sie nehme es keinesfalls an; sie werde noch heute alles wieder zusammenpacken und ohne weiteres an die Hübner zurückschicken. Nun keifte die Mutter gegen Eva Delbrück los und gegen den Wnzen, .Verkehr Trautes. Das sei ihr Unglück, verschlinge eine Unsumme Geld, bringe die ganze Familie an den Bettelstab, ruiniere Haus und Firma. Und während sie so schimpfte, untersuchte sie das Kostüm, ließ den Stofs durch die Finger gleiten, betastete den hübschen gestickten Saum — und ihre Worte versiegten allmählich. Plötzlich wurde sie ganz still. Dann nickte sie wohlgefällig, und ihr Gesicht erheiterte sich. „Die Hübner hat's raus," meinte sie; „das muß man sagen: schick arbeitet sie immer. Paßt dir's denn wenigstens?" — Köhler war auf und ab gegangen, die Arme verschränkt, mit auswärts geschobenen Knieen und weiten Schritten. Im Faltenspiel seiner Wangen verriet sich der große Entschluß. Jetzt blieb er stehen, dicht vor Traute, die mit dem Taschentuch ihre Augen betupfte. „Das Kleid ist einmal da," sagte er, „und mag auch bseiben. Ich werde die Rechnung bezahlen. Wer, mein Kind, ich muß ernsthaft mit dir sprechen. Es steht sehr schlimm mit uns —, viel schlimmer, als du ahnen kannst. Wenn nicht rasche Hilfe kommt, bin ich sallit." „Herrgott, Vater —" „Daß mich aussprechen. Eine Hilfe ist nahe: die letzte. Uebermorgen erwarte ich Mister Brigham. Du weißt, daß er ernstlich um dich wirbt. Er sucht eine Frau, und dein Bild hat ihm gefallen. Ich zwinge dich nicht. Das kann ich ja natürlich nicht. Wer ich bitte dich, dir zu überlegen, daß deine Zusage deine ganze Familie vor einem sicheren Untergang retten würde. Ich bitte dich auch zu überlegen, daß dir hier zum zweiten Male eine glänzende Zukunft geboten wird. Verschlage sie dir nicht wieder wie bei Herrn Roeßler. Gehe einmal verständig mit dir zu Rate und ziehe alle Vorteile in Betracht. Daß du hier am Platze eine Partie finden wirst, wie du sie dir vielleicht denkst, halte ich für ausgeschlossen." Nun kam auch die Mutter an oie Reihe. Auf deck Fettpolstern ihres Gesichts lag Rührung. «Sie küßte ihr Kind. „Es wird mir ja sehr schwer, dich so weit über das Wasser zu lassen," sagte sie weich, „aber sieh mcck: erstens bekommst du einen sehr reichen Mann und noch dazu einen, der dich liebt, und zweitens machst du es deinem Vater möglich, sein Geschäft weiterzuführen mtb die augenblickliche Krisis zu überwinden, die uns sonst einfach bankerott machen würde. Ja wohl, so ist es — es muß ausge- Ken werden. Und weil die Lage so ernst ist, wirst rnünftig fein, Trautchen. Nicht wahr?" Sie streichelte ihr die Wangen. Traute hatte keine Träne mehr. In dem Augenblick, da die fürchterliche Notwendigkeit vor ihr Auge trat, sich opfern zu müssen!, war eisige Ruhe über sie gekommen. Sie begriff ohne weiteres das Tragische der Situation. Sie hatte sich immex unglücklich im Elternhause gefühlt; aber sie wußte, daß Vater und Mutter sie liebten. Und der Ruin des Vaters war auch der des ganzen Hauses. „Eine Frage, ,Vater," sagte sie. „Steht es fest, daß — 660 Herr Brigham dir helfen wird, wenn ich seine Frau werde?" „Absolut fest," antwortete Köhler eifrig. „Er ist ein Ehrenmann. Er wird mir nicht nur meine Schuld stunden, sondern mich auch an anderen, sehr aussichtsreichen Geschäften beteiligen. Da ist zum Beispiel. . ." Und er begann zu erzählen: vor allem von der bevorstehenden Umwälzung auf dem Kautschukmarkt — dann von der großartigen Kakaospekulation, die Mister Brigham plante — von einem Riesengeschäft in Farbhölzern — von der Konzentration des Bananenhandels — von neuen Tabakplantagen auf wundervollem, nährstoffreichem Boden, der ganz köstliche Erzeugnisse erwarten ließ. Die Phantasie galoppierte mit Herrn Köhler wieder einmal davon; er schwelgte in Zukunftsmusik; er gestikulierte, und die ganze Faltendraperie seines ehrlichen, alten Gesichts geriet in Bewegung. Traute hörte ruhig zu, und als der Vater geendet hatte, atemlos sein Taschentuch ziehend und sich heftig schneuzend, erklärte sie mit fester Stimme: „Ich werde Herrn Brigham mein Jawort geben." Neue Umarmungen folgten. Die Mutter weinte; auch der Vater wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und wollte sogleich zu Friedrich gehen, um ihm das Einverständnis Trautes zu erzählen. Aber Traute bat darum, das nicht zu tun; man möge Herrn Brigham abwarten und bis dahin so wenig wie möglich von der ganzen Geschichte sprechen. „Jawohl," sagte die Mutter zustimmend, „warten wir erst einmal ab. Herr des Himmels, wenn er nur nicht noch im letzten Moment noch mit einem Nein kommt!" Da lächelte Traute schwach und schüttelie den Kops. „Beruhige dich, Mama," entgegnete sie, „er sagt nicht Nein. Er nimmt mich — verlaß dich darauf." Sie ging in ihr Zimmer und nahm den Karton mit dem elfenbeinfarbenen Kleide mit. Sie stellte ihn auf ihr Bett und setzte sich daneben und sagte sich, daß nunmehr ihr Leben klar vorgezeichnet sei. Sie behielt dabei immer noch ihre Ruhe. Sie sah die Unmöglichkeit des Ausweichens ein. Der Vater war nicht die Natur darnach, sich nach dem Zusammenbruche aus eigener Kraft wieder empor arbeiten zu können. Er hätte auch in Friedrich keine Stütze gefunden Diese beiden kleinlichen Menschen, deren Blick immer nur auf das Nächste gerichtet war, verlangten selbst nach einer führenden Hand. Dann waren sie gut zu gebrauchen; sie waren ehrlich, zuverlässig und fleißig. Es war also schon möglich, daß die Firma unter der Mitarbeiterschaft des Mister Brigham einen kräftigen Aufschwung nehmen konnte. „Jonathan W. Brigham" — Traute sprach diesen 9ia» men laut vor sich hin. Nun war es also abgemacht. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß ihre lebendige Persönlichkeit dem guten Mister Jonathan noch besser. gefallen würde als die Photographie. Und dann konnte auch gleich Hochzeit gemacht werden — und bann ging es nach Amerika, nach Quetzaltenaugo „Quetz—al—te—nan—go", wiederholte sich Traute. Palmen- und Dattelwälder, unermeßliche Plantagen, ein tropisches Faulleben und zugleich der Bruch mit der ganzen Vergangenheit. Das war gut. Drüben würde sie vergessen lernen. Sie kramte ihre Kommode nach den Zigaretten durch, die ihr Suse Appelmann einmal geschenkt hatte. Sie sand auch noch ein paar und steckte sich eine an Dann kam ihr der Gedanke, das neue Kleid anzuprobieren. Sie tat es, stellte sich vor den Spiegel und fand, daß es wie angegossen sitze. Sie drehte sich hin und her und trällerte, die Zigarette zwischen den Lippen, ein Liedchen vor sich hin. Aber plötzlich erschrak sie. Sie hatte den Wunsch,, daß Eberstedt sie einmal in dem Kostüm sehen möge. Und in demselben Augenblick empfand sie ein so heftiges Herzweh, daß ihr die Papyrus aus hem Munde siel. Sie bückte sich und hob sie auf, und bann begann sie sich wieder langsam zu entkleiden. Die Blumenmädchen von drüben nickten ihr lachend zu. Das erneuerte ihren Schmerz. Der Atem schien stocken zu wollen^ das Herz hämmerte ungestüm. Sie mußte sich setzen. Und in dem beklemmenden Gefühl innerer Aengste und einer unüberwindbaren Unfertigkeit wurde eine Frage in ihr laut, die wie ein Schrei aus allen Tiefen ihrer Mädchenhaftigkeit kam. Waren denn die leichtsinnigen Kleinen da drüben nicht viel, viel glücklicher als sie? — Sie senkte den Kopf; ein Zittern durchflog ihre Glieder, ein leises, schauerndes Beben. Sie dachte an den Sturmabend auf der Wörreshoopner Heide und an die Umarmung Eberstedts und fühlte das Zucken ihrer Nerven. Und sprang wie rasend auf, riß sich das Hemd herab und tauchte ihren Schwamm in die Waschschüssel und ließ das kalte Wasser über Hals und Gesicht rieseln. Das tat ihr wohl. Aber ein Gefühl des Widerwillens blieb zurück und die Lust zu Angriffen gegen sich selbst. Sie wollte fort, wollte weit weg und nahm sich fest vor, Mister Brigham gut zu gefallen. (Fortsetzung folgt.) der ich „Einige Winke wären mir sehr willkommen," sagte Geheimpolizist in verändertem Ton. „Bis jetzt habe allerdings keine Lorbeeren bei dem Fall geerntet." „Was für Schritte haben Sie getan?" „Wir haben den Türhüter Taugey überwacht. Bei der Garde hat er sich nichts zu schulden kommen lassen, und es liegt nichts gegen ihn vor. Seine Frau ist aber eine schlechte Person. Vermutlich weiß sie mehr von der Sache, als es Der Marinev rtrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle. (Fortsetzung.) den Anschein hat." „Ist sie beobachtet worden?" „Eine Polizistin hat ein Auge auf sie. Frau Taugey ist dem Trunk ergeben und unsere Angestellte hat ihr zweimal Gesellschaft geleistet, bis ihr der Branntwein die Zunge löste, doch bekam sie nichts aus ihr heraus." „Ich hörte, daß der Gerichtsvollzieher bei den Leuten im Hause war." "„Ja, aber sie haben Zahlung geleistet." „Woher kam das Geld?" „Das ging ganz mit rechten Dingen zu. Er hatte seine Pension zu fordern. Nichts deutet daraus hin, daß sie andere Mittel besitzen." „Weshalb ist sie heraufgekommen, als Phelps nach dem Kaffee klingelte? Welchen Grund gibt sie dafür an?" „eti jagt ihr Mann wäre sehr müde gewesen; sie hätte ißm helfen wollen." „Das stimmt zu dem Umstand, daß er bald darauf im Stuhl eingeschlafen ist. Es liegt also nichts gegen die Leute vor, außer, daß die Frau im schlechten Rufe steht." „Warum ist sie an jenem Abend in so großer Eile davongegangen, daß es dem Schutzmann ausgefallen ist?" „Eie hatte sich verspätet und wollte rasch nach Hause kommen." „5wrr Phelps und Sie sind wenigstens zwanzig Minuten nach ihr fortgefahren, und doch waren Sie vor ihr dort, wie erklärt sie das?" „Ein Omnibus fährt um so viel langsamer als die Droschke." „Weshalb ist sie aber gleich so eilig in die Küche gelaufen ?" „Weil sie dort das Geld für den Gerichtsvollzieher verwahrt hatte." „Sie ist wenigstens um keine Antwort verlegen. Haben Sie sie gefragt, ob ihr nicht, als sie das Haus verließ, irgend jemand in der Charlesstraße begegnet ist?" „Niemand, außer dem Schutzmann." „Sie haben ja ein recht gründliches Kreuzverhör mit ihr augestellt. Ist sonst noch etwas seitens der Polizei geschehen?" „Der Schreiber Gorot ist feit neun Wochen genau beobachtet worden, aber ohne Erfolg. Wir können ihm nichts nachweisen." „Ist das alles?" „Ja t— es hat sich kein neuer Anhaltspunkt gefunden —. keine Verdachtsgründe irgendwelcher Art." „Was ist Ihre Ansicht über das Läuten der Glocke?" „Ich gestehe, das geht über mein Verständnis. Der Täter muß ein bodenlos frecher Mensch sein, auch noch Lärm zu schlagen." „Ja, das ist und bleibt sonderbar. Besten Dank für Ihre Mitteilungen, Herr Fordes. Wenn ich Ihnen den Mann ausliefern kann, sollen Sie von mir hören. —, Aber nun vorwärts, Watson!" 561 — „Wohin jetzt?" fragte ich, als wir das Polizeibureau verließen. „Zu Lord Holdhurst, dem großen Staatsmann und künftigen Premierminister von England." Es traf sich günstig, daß der edle Lord noch im Ministerium anwesend war; Holmes gab seine Karte ab und wir wurden sogleich vorgelassen. Lord Holdhurst empfing uns init der ihm eigenen altmodischen Verbindlichkeit und bat uns, auf den kostbaren Lehnstühlen Platz zu nehmen, die an beiden Seiten des Kamins standen. Er selbst blieb zwischen uns auf dem Teppich stehen. „Ein echter Edelmann!" mußte ich denken, als ich seine hohe, schlanke Gestalt, das kluge Gesicht mit den scharfen Zügen, das frühzeitig ergraute lockige Haupthaar — mit nnem Wort, feine ganze vornehme Erscheinung sah. „Ihr Name ist mir sehr wohlbekannt, Herr Holmes," sagte er lächelnd. „Und auch über den Zweck Ihres Besuchs bin mcht im Zweifel. Außer einem einzigen Vorfall hat sich hier im Ministerium nichts ereignet, was Ihr Interesse in Anspruch nehmen könnte. Darf ich fragen, wer Sie mit der Sache betraut hat?" „Herr Percy Phelps," erwiderte Holmes. „Ach, mein unglücklicher Neffe! Sie begreifen, daß ich schon wegen unseres Verwandtschaftsverhältnisses ganz auyer stände bin, ihn in Schutz zu nehmen. Der Vorfall wiro ihm in seiner Laufbahn sehr hinderlich sein, fürchte ich." „Aber wenn sich das Schriftstück Wied erfände?" „Das würde die Sache freilich ändern." „Ich möchte mir erlauben, ein paar Fragen an Sie zu richten, Lord Holdhurst." „Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, werde ich mich glücklich) schätzen." „War dies das Zimmer, in dem Sie Ihre Anordnungen betreffs der Abschrift des Dokuments gaben?" „Jawohl." - „Dann könnten Sie kaum belauscht worden sein." „Daran ist nicht zu denken." „Haben Sie Ihr Vorhaben, den Vertrag abschreiben zu lassen, gegen irgend jemand erwähUt?" „Mit keiner Silbe." „Sie wissen das ganz bestimmt?" „Es unterliegt keinem Zweifel." „Wenn also weder Herr Phelps noch Sie sich darüber irgendwie geäußert haben und sonst kein Mensch um die Sache wußte, dann ist der Dieb rein zufällig in das Zimmer gekommen. Die Gelegenheit war ihm günstig und er benutzte sie." Der Staatsmann lächelte. „Das liegt außerhalb meines Bereichs; Sie können recht haben." Holmes überlegte einen Augenblick. „Noch einen andern wichtigen Punkt 'möchte ich mit Ihnen besprechen," sagte er. „Ich höre. Sie fürchteten, das Bekanntwerden dieses Vertrags möchte isehr ernste Folgen nach sich ziehen." Ein Schatten flog über Lord Holdhursts ausdrucksvolles «Gesicht. „Die allerernstesten Folgen." „Und sind sie eingetreten?" „Noch nicht." I „Wenn der Vertrag zum Beispiel in das französische oder russische Ministerium des Aeußeren gelangt wäre, so würde es Ihnen vermutlich zu Ohren gekommen sein." „Das steht!zu erwarten," sagte der Lord mit finsterer Miene. ! „Da nun 'fast zehn Wochen vergangen sind und keine Aussprache erfolgt ist, so dürfen wir mit Fug und Recht annehmen, daß Her Vertrag nicht ausgeliefert worden ist." Holdhurst zuckte die Achseln. „Es Kißt sich doch kaum denken, Herr'Holmes, daß der Dieb den Vertrag gestohlen hat, um ihn bet sich unter Glas und Rahmen aufzuhängen." „Vielleicht wartet 'er noch, um einen besseren Preis zu «zielen." i «v. »Wenn er Noch lange wartet, wird er nur das leere! Nachsehen haben. In wenigen Monaten ist der Vertrag fein Geheimnis mehr." „Ein höchst wichtiger Umstand," sagte Holmes. „Der Web^könnte^ja plötzlich von einer Krankheit befallen wor- „Zum Beispiel von einer Gehirnentzündung?" fragte der Staatsmann, ihn mit raschem Blicke musternd. „Das habe ich nicht gesagt," erwiderte Holmes voll Unerschütterlicher Ruhe. „Mer wir dürfen Ihre kostbare Zeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen, Lord Holdhurst; erlauben Sie, daß wir uns empfehlen." „Ich wünsche Ihrer Untersuchung den besten Erfolg, mag der Verbrecher sein, wer er totil/ sagte der Edelmann noch beim Wschied, während er uns zur Tür begleitete^ „Ein wackerer Herr," meinte Holmes, als wir wieder auf der Straße standen; „aber es wird ihm nicht leicht, seine Stellung zu behaupten. Er ist nicht reich und e§| werden viele Ansprüche an ihn gemacht. Du hast wohl auch bemerkt, daß er neubesohlte Stiefel trägt. — Nun will ich dich aber nicht länger von deiner eigenen Berufsarbeit abwendig machen, Watson. Heute unternehme ich so wie so nichts mehr, außer wenn ich Antwort auf meine Drosch- An-Anzeige erhalte? Einen großen Gefallen könntest du mir aber tun, wenn du mich morgen um dieselbe Zeik nach Woking begleiten wolltest." So fuhren wir denn am nächsten Morgen wieder zusammen nach Woking. Es war keinerlei Licht in das Dunkel gekommen und Holmes hatte keine Nachricht auf seine Anzeige. Seine Gesichtszüge konnten so unbeweglich sein, wie die einer indianischen Rothaut, wenn es ihm gut dünkte; auch jetzt war ich außer stände, in seinen Mienen zu lesen, ob ihn die Lage der Angelegenheit befriedigte oder nicht. Unsere Unterhaltung drehte sich, so viel ich mich erinnere, um Bertillons treffliches Messungssystem, und er rühmte das Verdienst dieses französischen Gelehrten in begeisterten Worten. Wir fanden unfern Klienten noch in der Pflege seiner getreuen Wärterin; er sah jedoch weit besser aus als tags zuvor. Bei unserem Eintritt stand er vom Sofa auf und begrüßte uns lebhaft. „Was bringen Sie mir?" fragte er begierig. (Fortsetzung folgt.) Lilie und Nette. Neben der stolzen Blumenkönigin erfreuen im August zwei andere Blumen das Auge, die wie die Rose auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken können. Es sind das Lilie und Nelke. Die Lilie war schon im klassischen Altertum bekannt. Homer, Plinius und Virgil erwähnen sie als Sinnbilder der Schönheit. Nach der griechischen Mythologie war die Lilie göttlichen Ursprungs und entstand aus der Milch der Hera, als sie den kleinen Herakles stillte. Bei ihren Festen trugen die Philister zum Zeichen ihrer Würde einen Lilienkranz im Haar. Aus der Bibel kennen wir die Lilie als wildwachsend durch ein Gleichnis Christi, wie bekannt. Auch dort war sie zum Schmuck der Tempelleuchter im Allerheiligsten ausersehen und sie kränzte Salomos Stirn, wie ausdrücklich gesagt wird, „als Symbol der Reinheit und Unschuld". Bei den Römern war sie ebenfalls der Götterkönigin Juno geweiht und wurde in der Nähe ihrer Tempel in Massen gepflanzt. Auf manchen Münzen sieht man auch eine Lilie mit der Umschrift: „Spes populi romani" (d. h. Hoffnung des römischen Volkes), woraus ihre Bedeutung als Symbol der Hoffnung hervorgeht. Es sei nur beiläufig erwähnt, daß auch die Perser die Lilie sehr eifrig kultivierten, bedeutet doch der Name ihrer Hauptstadt: Lilienstadt. Den alten Deutschen galt die Lilie (neben der Rose) als eigentliche Totenblume, wie überhaupt nicht Schwarz, sondern Weiß ihre Leichenfarbe war, da man sich den Anfang des Lebens und das Ende desselben im Himmel der lichtumflossenen Götter vorstellte. Entsprechend den drei Nornen (Schicksalsgöttinnen) pflanzte man auf ein Grab drei Lilien. 'Die Nornen überhaupt wohnen in weißen Lilien, welche an den großen düstcrn Teichen stehen. Freund Adebar, der Storch, holte überhaupt nach dem Glauben der Väter die Seelen der Kinder (aber nicht das Kind selbst, wie uns Kindern erzählt wird!), aus einem Weiher und trug sie in Gestalt einer Wasserlilie bajjin, wo ein Kind geboren werden sollte. Nach anderen Sagen erscheinen Lilien auf den Gräbern unschuldig gestorbener Personen; erschien sie aus dem Grabe eines Ermordeten, so galt das als Zeichen des Himmels, daß die Rache für den Täter nahe. Auf dem Grabe Gerichteter endlich, die eines bußfertigen Todes gestorben waren, war ihr Erscheinen das sichtbare Zeichen, daß den Armen verziehen sei, und die Kirche hat sich sogar öfters nicht geweigert, ein solches Grab noch nachträglich zu weihen. Endlich ersehen wir aus dem bekannten Volksliede „vom Reiter mit den drei Lilien", daß aus dem Grabe sprießende Lilien dem Bräutigam letzte Grüße von der früh verstorbenen Braut brachten; ihr un- hefugtes Brechen zog für den Frevler jähen Tod nach sich. Ms Symbol der Reinheit und Unschuld übernahm das Christentum die Lilie von den Juden. Sie wurde zur Lreblings- blume der Maria gemacht und fehlt bei ihren Darstellungen fast nie. Bei der Darstellung des sog. „englischen Grußes" ist fast immer neben Maria eine Base mit Lilien zu sehen, besonders bei deutschen und holländischen Bildern. Jedermann kennt auch 562 das überaus liebliche Bild deS Florentiners Sandro Botticelli im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum, wo die Engel, bte Maria mit dem Kinde umgeben, neben Leuchtern auch prächtige Litten tragen; gerade diese Lilien tragen zur Erhöhung des feierlichlieblichen Gesamtcharakters wesentlich bei. Im, Mittelalter wurden die Lilien von den Mönchen als Schmuck für die Marrenaltäre gezogen. Hier sei auch noch einer Hochpoetischen Sage gedacht, die uns Hofsmann von Fallersleben tn dichterischer Form überliefert hat: Sollte ein Mönch sterben im Kloster Corvei an der Weser, so legte der Engel in den Chorstuhl des Fraters eine Lilie, um ihn so zu mahnen, sich auf ein seliges Ende bereit! tragen. Den Fran- toar die Nelke schon früh bekannt (das Datum ihrer Einführung ist unsicher, etwa Ende des 16. Jahrhunderts) und ihrer wird oft im Volkslied gedacht als einer schönen Zierde des Bauern--, «artens. Georg Hoerner« zu machen. ~ Historisch spielte die Lilie in Frankreich die größte Rolle und wurde ja bekanntlich unter den Bourbonen deren Wappenblume. In der Schlacht bei Zülpich gegen die Memannen gelobte Chlodwig bekanntlich, Christ zu werden, wenn der Himmel ihm den Sieg verleihe. Da erschien ihm ein Engel des Herrn und überreichte ihm eine Lilie mit der Weisung, sie als Schwert zu gebrauchen. Dieses Himmelszeichen entflammte den Mut der Krieger aufs neue und verhalf ihnen zum Siege. Ludwig IX. setzte bei seinem Kreuzzug (1248 bis 1254 gegen Aegypten) zuerst 3 Lilien in sein Banner. Bereits unter Ludwig XII. fehlten Lilien in keinem Garten Frankreichs, und wenn man wirklich von einer „Nationalblume" sprechen kann, dann ist es die Lilie ganz gewiß für Frankreich jahrhundertelang gewesen. Dre ranzösischen Künstler haben die Lilienblüte bekanntlich tn einer ast unkenntlichen, sehr bekannten Form stilisiert und man sieht ie auf jedem Stück aus dem Haushalt bourbouischer Könige, so z. B. häufig auf Tafelservicen, auf Rüstungen und Thron- .mänteln. _ ...... , Die zweite Beherrscherin des Blumenmarktes ist die mehr demokratische Nelke. Unzufrieden und ärgerlich über eine ergebnislose Jagd begegnet die Jagdgötttn Artemis einem harmlos-ver- gnügten Ritter. Sie beschuldigt ihn in ihrem Zorne, das Wild durch sein Flötenspiel verscheucht zu haben, und reißt ihm die Augen aus, die sie weit.von sich schleudert. Aber schnell kommt die Reue und auf ihr Flehen läßt Zeus aus den Augen zwei Nelken wachsen, deren Blüten zum Zeichen ihres Ursprungs einen leuchtenden Fleck im Innern, ein „Ange", tragen. Den Fran- S gebührt das Verdienst, sich zuerst, und zwar seit Jahr- erten, mit der Kultur der Nelke befaßt zu haben. Aus dem 2. Kreuzzug Ludwigs IX. (1270 gegen Tunis gerichtet) brach in seinem Heere die Pest .aus. Der König, selbst ein eifriger Botaniker und Kräuterkundiger, soll damals durch den kräftigen Geruch der Nelke viele Krieger, denen man einen Extrakt davon einflößte, gerettet haben. Oester spielte die Nelke, eine Rolle in der Geschichte Frankreichs, so war sie die Lieblingsblume des großen Feldherrn Condö, des großen Siegers von Roeroy (Ludwig II. von Bourbon geb. 1621), der eine besonder« Schrift über die Nelkenzucht herausgab urw die rote Nelkenblüte zum Zeichen der französischen Sozialdemokraten machte. (Heute ist bekanntlich die rote Nette das Abzeichen der französischen Sozialdemokraten, während die Bourbonen-Anhänger weiße Nelken im Knopfloch tragen.) Conds vergaß seine Lieblinge auch im Gefängnis nicht, er suchte bei der Pflege seiner Nelkentöpse Trost für sein Elend im Kerker, und als ihn seine Gattin mit seinen Freunden aus dem Gefängnis befreite, soll er begeistert ausgerufen haben: Es ist fast nicht zu glauben, während der alte Kämpfer Nelken zieht, führt die Frau mit Glück und Verstand ben Krieg. Die Nelke galt in Frankreich stets als Symbol der Tapferkeit und mutiger Entschlossenheit. Während der großen Revolution schmückten sich die Opfer der Guillotine mit roten Nelken als Zeichen der Todesverachtung. Früh kam die Nelke nach den Niederlanden und wurde dort als große Kostbarkeit gepflegt. Wie stolz man auf schöne Nelken war, steht man an dem Männerbildnis des I. van Eyck im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum, wo dieses eine prachtvolle dunkelrote Nelke in der Hand trägt. Auch in Deutschland Vermischter. kf. Tugendkönigin und Athletin. Ein Fräulein Wall er y hat soeben in ihrem Heimatsdorfe Vinay nahe bei Grenoble den „Rosenmädchenpreis" empfangen. Ein Rosenmädchen ist ein Mädchen, das mit allen Tugenden ausgestattet ist, damit ihm vom Bürgermeister der Rosenpreis, d. h. eine Summe, die so groß ist, daß sie mit dieser Mitgift einen Gatten finden kann, auch wenn sie alle jene Tugenden nicht besäße, ausbezahlt werden darf. Da der Wettbewerb um den Rosenmädchenpreis alljährlich in vielen französischen Dörfern stattfindet, so gibt es sehr viele Rosenmädchen. Vor ihnen allen aber zeichnet sich Fräulein Mallery aus, well sie nicht bloß mit großen Tugenden, sondern auch mit großen Kräften ausgestattet ist. Sie ist sechs Fuß hoch und pflügt Mit ihrem Vater dis Mecker. Sie hebt mit Leichtigkeit 200-Pfund- gewicht«. Neulich wollte ein Arbeiter aus dem Gut ihres Vaters «nen Sack mit Weizen hochheben, um ihn auf den Kornboden zu kragen. Der Sack war ihm aber gu schwer, und er rief nach Hilfe. Fräulein Mallery lächelte und kam zu ihm. Sie hob den Sack, der über 200 iKg. wog, auf, als wäre es ein Federball, legte sich ihn aus die Schulter und trug ihn hinein. * Opium-Reform beweguna in China. Der Kamps der chinesischen Regierung gegen den Opiumverbrauch hat, einer Notiz der „Oesterreichischen Monatsschrift f. d. Orient* zufolge, bereits recht erfreuliche Ergebnisse zu verzeichnen. Die Einfuhr des Opiums in China ist von 51 000 Kisten im Jahre 1907 aus 30 654 Kisten im Jahre 1910 gesunken. Es soll sogar diese Einfuhr sich nicht mit dem tatsächlichen Verbrauch decken, da man von der irrigen Spekulation ausging, der Opiumgenuß werde nicht so schnell abnehmen, als es tatsächlich der Fall war. Nach einem im Jahre 1907 zwischen Großbritannien und China abgeschlossenen Vertrag sollte die indische Opiumaussuhr nach China beständig verringert werden und im Jahre 1917 ganz aufhören, falls gleichzeitig auch der chinesische Opiumanbau entsprechend abnehmen würde. Dieser geht auch wirklich in überraschendem Maße zurück. China ist nunmehr bestrebt, darauf hinzuwirken, daß die indische Opiumausfuhr bereits früher aushöre als im Jahre 1917, und findet auch hierbei das Entgegenkommen der britischen Regierung, obgleich für diese ein erheblicher finanzieller Ausfall mit einer solchen Nachgiebigkeit verbunden [ein wird. kf. Vom lockeren Zeisig itnb’ anderen Vögeln^ Unter den Tieren, mit denen in der Sprache die Menschen verglichen werden, spielen auch die Vögel eine nicht unbedeutend« Rolle. Da begegnet uns zunächst der lockere Zeisig, so beginnt ein Mitarbeiter des „Kosmos" eine hübsche Plauderei, auch einfach lockerer Vogel genannt, der als Spaßvogel sich auch wohl einer gewksfen Beliebtheit erfreut; ferner der einfältige Gimpel, der sich leicht ins Netz locken läßt; bann der Pechvogel, her gern auf den Leim geht; wie hierbei an den Vogelsteller zu denken ist, so auch bei dem Ausdruck auf etwas erpicht sein, eigentlich vom Vogel, der nicht loskommen kann. Wir sprechen ferner von einem sonderbaren Kauz, wobei wir an die sonderbaren Gebärden dieses Vogels, seine Verbeugungen und dergleichen denken. Eine wenig erfreuliche Erscheinung ist der Schmutz- oder Dreckfink, während die Mistfinken, d. h. Landwirte, noch nicht unreinlichs Leute zu sein brauchen. Von einem, der körperlich oder geistig übermüdet ist und gar picht mehr mittun will, sagen wir, daß er — wie ein vom Fluge ermatteter Vogel — die Flügel hängen läßt; und wenn er schließlich ganz ab ist, heißt es: er kann, nicht mehr Piep sagen. Im Gegensätze dazu nennen wir einen allzu lebhaften und unruhigen Menschen einen Wippelsterz, niedd. Wippstert oder Wippstät, d. h. Bachstelze, einen geschwätzigen aber Papagei. Und wiederunr ist einer, der viel Leid erfährt, ein Unglücksvvgel, und einer, der gern alles schwer ansieht und überall Unrat wittert, ein Unglücksrabe; man denke an die Gabe der Vorherverkündigung, die gewisse Vögel im alten Volksglauben haben. Solche Unheilverkünder sind ja sonst auch als Unten verschrien, weil die Unke überall ihren unheilverkündenden Ruf hören läßt; sie unten, oder unten einem etwas vor, wie man sich ausdrückt. Einen Langbeinigen, der wie der Storch int Salat einherschreitet, nennen wir Storch oder Storchbein; einen, der feine Kinder wie angeblich der Rabe seine Jungen behandelt, Rabenvater; Spatzenkopf ist einer, der keine „Grütze" im Kopf hat und über alles gedankenlos hinweggleitet; Kiebitz einer, der beim Kartenspiel den oft unbequemen Zuschauer abgibt. Artthmogriph. 1 10 5 11 Stadt in Steiermark. 2 11 lyrischer Dichter. 3 9 8 7 9 Fluß in Frankreich. 4 8 7 4 9 viel gebrauchte Flüssigkeit. 5 2 3 4 9 10 schmackhaftes Tier. 6 9 10 7 9 4 französischer Maler. 7 8 9 10 9 wichtiges Organ. 8 10 8 3 griechische Gottheit. 9 10 7 5 weiblicher Vorname. 10 5 4 4 9 schädliches Tier. 8 7 7 ein Fluß. 4 10 5 4 4 9 kaufmännische Bezeichnung. 11 9 8 3 8 3 munterer Vogel M Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen ben Namen eines Jugendschriftstellers ergeben. (Auflösung in der nächsten Nummer.) Auflöfung des Dichterquadrats in voriger Nummer: H 0 B E L E 8 C H E I B 8 E N N 0 R M A E P H E U Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Bnch- und Steindruckerei, R. Sange, Gießen.