m. 20 m Samstag den 4. Februar WB MZMD WML MW mI|I 771 Jt-kM- Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.! „Da haben Sie aber wirklich Glück, Frau von Hilbach," meinte die Pastorin, „so etwas ist immer noch eine angenehme Nebeneinnahme, die man gern mitnimmt." „Wer mag es wohl sein?" sagte Frau von Hilbach nachdenklich, „er war eigentlich recht kurz und wenig freundlich!" „Nun," tröstete die Frau Pastorin, ,/daran ist jedenfalls das Wetter schuld. Vielleicht war er bis auf die Haut durchnäßt, und in dem Zustand ist man ja leicht übler Laune." „Ja, das- ist wohl möglich!" entgegente Frau von Hilbach, aber sie fühlte sich merkwürdig beunruhigt. „Bitte, bitte, soll sofort geschehen!" hörten sie die Kofy gleich darauf sagen, „eine Tasse Tee, ein bißchen Aufschnitt Und die Tasche vom Bahnhof, einen Augenblick mein Herr. Haben Sie noch andere Wünsche?" „Nein!" — Und die Tür schloß sich, die Kosh kam Mit dunkelrotem Gesicht zu den Damen zurück. „Sagt ich's nicht, dqß mir so was ahnte, als kriegten wir nochmal wen in diesem Herbst? Warum mußte ich partout heute morgen das Bett frisch überziehen, das war richtig wie eine innere Stimme, die zu mir sprach!" „Wer ist es denn mrr ?" fragte Frau von hilbach, Und auch die Pastorin drängte: „Ja, erzählen Sie doch, wer ist es denn eigentlich?" „Ja, wenn ich da mal selbst draus klug geworden wäre! Die Kosh zuckte die Achseln: „Ein bißchen brummig Und verärgert sreht er aus, und man kann auch sein Alter nicht recht taxieren. Aber was Besseres muß es doch sein, denn er hat nicht mal nach dem Preis gefragt, und das tun doch die meisten als erstes!" Die Pastorin meinte nachdenklich: „Das ist aber noch längst nicht immer ein gutes Zeichen. Ein reeller Mensch fragt doch eigentlich immer nach dem Preis. Auch daß er nicht zu uns ins Zimmer kommen wollte, gefiel mir nicht von ihm. Die Sache scheint mir nicht so ganz geheuer; ich las noch vor kurzem, daß einer sich irgendwo in einem Hotel als Durchreisender einlogierte, und nachher war es ein ganz gefährlicher Einbrecher gewesen!" „Ne, Frau Pastern," beruhigte sie die Kösy, „darüber machen Sie sich mal keine Sorgen; ein Einbrecher ist der nicht, und überhaupt ist es unnötig, daß Sie mir meine Frau noch ängstlich machen, statt sich mit ihr zu freuen!" AderFrau von Hilbach war schon ängstlich geworden, nicht so sehr deshalb, weil der Fremde vielleicht ein Einbrecher sein könnte, als wegen einer unerklärlichen Unruhe, die rn dem Augenblick, da es zweimal so scharf geklingelt Watte, in sie gefahren war. Der kleine Junge weinte laut und wollte nicht in sein Bettchen, und dre Pastorin schlug vor, man sollte ihn unter irgend einem Vorwand wieder hinauskomplimentieren und ihm das Hotel zum Mutigen Ritter empfehlen, damit die Angst ein Ende habe. Die Kosh aber wurde bös. „Wir haben kein Geld auf die Straße zu werfen, Fran Pastern," fuhr sie aus, ,-der Mann ist nun einmal im Hans, und nun bleibt er. Der sieht viel eher aus wie einer, der was durchgemacht hat, als wie einer, der was Schlechtes vorhat, und dis Groben sind oft viel echter als die Schwätzer. Und du bist ganz mäuschenstill und läßt dich artig ins Bett bringen/" wandte sie sich zu dem Kleinen, oer sich an seine Mutter angeklammert hatte, und zu >Frau von Hilbach fuhr sie fort: „Ich bringe 'ihm ja gleich Tee und Aufschnitt, da werd Äch versuchen, was aus ihm heranszükriegen. Sch können sich doch auch denken, daß so ein Mann sich unbehaglich fühlt, wenn er so durchnäßt in ein fremdes Haus kommt. Wenn ich nur wüßte, wie ich ihm schnell seine Tasche besorgen könnte, denn da hat er jedenfalls feine Kleider drin und möchte sich umziehen!" „Das ist schon eine gewisse Beruhigung daß er eine Tasche hat!" sagte die Pastorin, die gern die Kosh beschwichtigen wollte. „Drüben von Sachsens der Junge wird sie für ein paar Groschen gern herüberholen!" Kosy lachte froh: „Da haben Sie mal ein vernünftiges Wort gesprochen, Frau Gräfin! An den hatte ich nicht gedacht, ich will mal schnell hinüberlaufen." „Im Vertrauen gesagt, Frau von Hilbach," begann die Pastorin wieder, als sie allein waren, „ich schliefe nicht mit dem fremden Menschen so ganz allein hier unten. Veranlassen Sie ihre Wirtschafterin, bei Ihnen zu bleiben; sie kann ja hier auf bent Sofa schlafen. Passiert bann was, so werden Sie wenigstens nicht allein davon betroffen/" „Das kann ich ihr eigentlich nicht zumuten!" sagte Frau von Hilbach, aber der Gedanke, baß die Kosy bei ihr blieb während der Nacht, hatte doch etwas Erlösendes für sie. Die Pastorin erzählte ihr noch vieles von verkleideten Verbrechern, und wie leicht es möglich sei, daß so ein Mensch, wie der Fremde hier, mit allen Verhältnissen des Hauses vertraut sei und womöglich noch seine Helfershelfer habe und das ganze Haus ausrauben wolle. Nach einer ziemlichen Weile kam die Kosy wieder ins' Zimmer: „So, nu ist alles besorgt! Nu hat er seine Tasche und sein Abendbrot, und wie ich ihn mir so näher beim Lampenlicht betrachtet habe, fand ich gar nicht mehr, daß er brummig aussieht. Nur sprechen tut er nicht viel, und der schwarze Bart sieht ein bißchen unheimlich aus. Er hat aber ,/danke"" gesagt, wie ich ihm alles hinstellte, und morgen früh will er erst um neun seinen Kaffee, das ist auch schon ein gutes Zeichen. Einer, der gern lang schläft, hat immer ein ruhiges Gewissen!" Die Pastorin wollte wieder ein Bedenken äußern, doch die Kosy ließ sie nicht zu Worte kommen; aber trotz allent — 78 — Die Entwicklung -er Luftschiffahrt. „Eilende Wolken! Segler der Lüste! Wer mit euch wanderte, mit euch wusste Diele Worte, die Schottlands unglückliche Königin in Schillers Maria Stuall" voll Sehnsucht und Herzensqual hmausrust m den blmwnden Tag, möchte ich meutern Aussatz voranstellen. (Sie enthalten, ins Allgemeine übertragen, den Jahrtausende alt.» Wunsch der Menschheit, loszukommeu von all der Not und Peur dieser Erde und hinausznschweben in den Raum, rn dte Unendltch- keit Aus alle Arten suchte der Mensch seinen Wunsch zu verwirklichen, doch bald mußte er einsehen, daß es ihm Mit seinen; pitifnrfipn ?>illsmitteln unmöglich sei, die Herrschast über die Lust zu e?llngenKd außerordentlichen Erfolge der Technik fiterer Jahrlmnderte, konnten ihn zum sicheren Piloten der Lüste machen. Aber in Sagen und Märchen lebte fern heißes Verlangen sort. Ich erinnere nur an Dädalus und Ikarus, an das Märchen vom flieaenden Kosfer" und an den Mantel des Klmgsor. Aehn^ liche Erzählungen sinden wir bei fast jedem Volke, ber Chinesen und ändern Negern und Indianern. Dann versah er vor allen! Dingen seine Götter und Geister mit der erstrebten Kunst. Sie kamen aus Wolken, ritten — wie Odm oder die Walküren —, __ wie Merkur —, oder fuhren — wie Sol, Donar oder Freya —, durch das Reich der leicht bewegten Luft. Auch seins Heren und Zauberer waren mit ähnlichen Eigenschaften auo^ gestattet. Sie durcheilten die Luft auf Böcken, Besmi und .Aau- teln oder zoaen — wie das wilde Heer — Mit Rossen unv Hunden durch den sanft beschwingten Aether. Viellmcht sind auch die biblischen Himmelfahrten und die römischen Könige mir dem gleichen Wunsche in Zusammenhang zu bringen. Alle diese vom Volksglauben ge,chassenen Dichtungen ent I Hehren natürlich der geschichtlichen Grundlagen, und wenn a»w ihrem Kind Und' ihrer Kost) auf der Straße liegt," Und wenn sie sich das weiter ausmalte, dann zog etwas tone Befriedigung und Versöhnung in ihr gequältes Herz, -i Die ^Pastorin war am Morgen nach der Ankunft des geheimnisvollen Fremden schon früh zu Frau von Hrlbach heruntergelaufen, und wie ste horte, daß alles glatt ab» qeqaugeit sei, tat sie sehr erfreut, aber ganz tm Innern spürte sie doch eine kleine Enttäuschung. ' ... - Es wäre so interessant gewesen, wenn etwas pafstert toare„!Uttb bleiben tut er mindestens für eine Wochest'sagte die Kosh triumphierend, „und es rst auch nicht ausgeschloss n, daß es zwei gder drei werden, je nachdem, tote ihm die Luft bekommt. Mit dem Zimmer ist er sehr zufmeden, und ein nobler Herr ist er auch, denn er hat auch heute noch nichts vom Preis gesagt, nur gefragt hat ob er täglich bezahlen solle. Nu, ich hab thm gesagt, daß e» er irrt Ort Usus ist, immer nach Ablauf einers, Woche W.zahlen, und als ich ihn gefragt habe,^ ob ihm zehn Mark die Wocpe 31 ^^ZehnNtark^i/ein"chöner Preis für diese Zeit!" meinte die Pastorin, „da können Sie wirklich oon Gluck sagen, Frau von Hilbach. Aber das Frühstück und die Bedienung ist da wohl mit eingeschlossen?" , 1 „I wo!" fiel die Kosh em, „wenn einer so glattweg zebn Mark bewilligt, dann wird es ihm auch nicht daraus ankommen, noch dreißig Pfennig täglich für Kaffee und Brötchen zu geben, und für die Bedienung schreiben wir fünfundsiebzig Pfennig die Woche aus. Was meinen Sw, $mkrau von^HUbach wollte nicht recht, denn das Geschäftlich ew ar ihr am peinlichsten beim Vermieten; aber die I Kosh ist Geschäft! — Ja, und dann die Hauptsache. Wo er essen könnte, hat er gefragt. Am liebsten st" Haus. I -stch hab mich angeboten, ihm etn Diner a zwei Mark aus dem „Mutigen Ritter" zu holen. Damit reicht er zwei I Tage Ich hab ihm schon alles erllärt, wie wir das etn- richten. Suppe und Fisch soll er den einen Tag essen, und I den anderen Braten und Speise, das warm ich ihm dann auf. Ihm sei alles recht, und abends wollte er Tee und Aufschnitt, mehr war nicht aus ihm herauszubewmmrn. Jetzt ist er auf die Rudelsburg, aber wenn er wtederkommt, bring ich ihm den .Anmeldeschein, bann erfahren wir W gleich, wie er heißt und wer er ist." . . , 0 %a das ist wirklich ein Glück, so eure Vermietung in der Nachsaison!" wiederholte die Pastorin noch einmal. Da werden Sie wohl von vielen beneidet werden aber ich freue mich herzlich für Sie, liebe Frau von Hilbach, wirklich herzlich!" I (Fortsetzung folgt.) Wunde gegossen. , . Warum Frau Specht einen so bohrenden Haß gegen ! Frau von Hilbach hegte, die ihr außer der Mietssteigerung nie etwas zuleid getan hatte, dafür hatte sie selber keine Erklärung. _ „. .. , Neid konnte es wohl nicht sein. War Frau von Hilbach auch mehr als zwei Jahrzehnte jünger, getauscht hatte ste doch nicht mit ihr, denn es ging ihr doch gar zu kümmerlich, Und diese Freundschaft mit einer ordinären Gemüsefrau soa sie doch auch nur herab. „ , . „ Mit Herren hatte sie ja auch kein Glück, denn der Lasker, der doch ihretwegen ins Haus gekommen war, hatte nicht einen Nachmittag in ihrer Gesellschaft ausgehalten, und das war begreiflich, denn diese Frau, die mit ihrem Kind nicht das Nötigste hatte, war hochmütig und zurückhaltend Und sagte nie mehr, als sie sagen mußte, und das waren Eigenschaften, die die Specht nicht vertragen konnte, die alles Böse in ihr weckten. „ , „Sie wird noch an mich denken!" flüsterte sie manchmal vor sich hin. „Sie wird noch an mich denken, wenn das Haus erst unter den Hammer kommt, wenn sie mit Lobenden, was sie noch über denFaenideilvorbrachte, bltcb Frau von Hilbachs Unruhe bestehen, und sie^bat.beglich. „Bleiben Sie bei uns, Kosh. Bitte, schlafen Sie hier unten, I ich kann fonst kein Auge zutuu." . | Die Kosh warf der Pastorin einen bösen Blick ju, penn I sie brachte ihrer Herrin gern jedes Opfer, "ber ihr schönes, bebaaliches Federbett gab ste ungern auf, besonders, wem, es ürr so wenig nötig schien wie heute. Sie gab aber I hoch ihre Zusage, bediente die Damen mit Tee und trug I das Abendbrot auf. Die Pastorin blieb bis gegen zehn -ach wünsche eine gute, ruhige Nacht," sagte sie be- I dentungsvoll, als sie Frau von Hilbach die Hand zum I Abschied reichte, „und morgen früh werde ich mich gleich I erkundigen,