nif US^Z^^S^HS^SSZ. S-nn MW ?ZWM8K ^°WÄU v/ ? so wurde sie rot. Da hielt die Courage, mit der sie in die „Gesindelsaison" zu treten gedachte, nicht mehr stand. Ach du lieber Himmel, mit ihrem hohen Mut und der Kühnheit ihrer Entschlüsse war es ganz vorbei. Von der Goldenen Horde war Eva Delbrück einmal als Abgesandte zu ihr geschickt worden. Die „Caritas" war in unerhörtem Aufblühen; urplötzlich hatten alle Spitzen der Stabil - 546 ihre Beteiligung zugesagt. Die Schenkungsurkunde über das Terrain au der See war von den Everstedts, Vater und Sohn, bereits ausgefertigt worden, und nun hatte auch die Frau Oberbürgermeister — man denke, die Frau Oberbürgermeister! — eine Sammelstelle errichtet und hatte vorläufig nichts weiter zu tun, als milde Gaben einzukassieren. Das Geld floß in Strömen. Die Bewegung zum Besten verwaister unehelicher Kinder hatte mit einem Schlage eine Bedeutung gewonnen, die man vorher gar nicht geahnt hatte. Ganz Deutschland griff ein; die berühmtesten Namen gehörten zu dem unförmlich angeschwollenen Komitee; auch eine eben erschienene Broschüre eines Professors der Volkswirtschaft beschäftigte sich mit der Angelegenheit und pries mit begeisterten Worten das mutige Vorgehen der freien Stadt: „dieses demokratischen Gemeinwesens, das mit fester Hand eine schwere Wunde am Lebenskörper der Menschheit bloßgelegt und zu ihrer Heilung die erste tatkräftige Anregung gegeben hat." Es war ein'glänzender Sieg der Goldenen Horde. Wenn man Eva- chen hörte, konnte man der Ansicht sein, daß sie sich Zeit ihres Lebens mit nichts anderem als mit den gewichtigsten sozialen Fragen befaßt hätte. Das Sommerfest war nun definitiv auf den sechzehnten August verlegt worden. Der Oberbürgermeister hatte Mels Kruse zu sich gebeten, um mit ihm die Vorbereitungen zu besprechen, und war mit allem einverstanden gewesen. Den Märchenzug sollte Kruse ganz nach seinen eigenen Intentionen arrangieren. — „Traute," rief Eva, „die Welt dreht sich um!" Und dann fiel ihr noch etwas ein. Man erzählte in der Stadt von einem Krakeel zwischen Kruse und Everstedt. Ein paar sagten, sie hätten sich geprügelt; ein paar sagten, sie hätten sich geschossen. Niemand wisse Bestimmtes; aber viel könne an der Geschichte nicht sein, denn erst gestern habe man die beiden Arm in Arm auf der Promenade gesehen. Das beruhigte Traute wieder, die anfänglich ein ungewisses Schreckgefühl bei dieser Nachricht nicht hatte unterdrücken können. Und dann fragte sie, wie es denn nun eigentlich mit der Verlobung Everstedts stehe. Auch davon munkele man überall, erwiderte Eva, aber aus dem Everstedt werde man ja nicht klug; jedenfalls lasse er sich nichts merken, und die Kvmteß sei hochnäsig wie immer. Nun aber die Hauptsache: Traute müsse endlich aus ihrer Klausur heraus. Die Goldene Horde vermisse sie schmerzlich, und die Proben zu dem Kostümfest seien schon im vollen Gange. Auf Kruses Veranlassung habe Ellen Meier vorläufig die Rolle der Märchenkönigin übernommen; aber das sei nur ein schwacher Ersatz: Ellen benehme sich unaussprechlich dämlich, und die paar Verse, die sie zu deklamieren habe, spreche sie wie ein Schulmädel. Nun geriet Traute wieder in schwankende Stimmung. Es war doch eigentlich eine Ehre für sie, daß sie vermißt wurde und daß Kruse immer noch auf sie rechnete. Sie fragte nach den Versen (Mursinna war der Dichter), und ob sie schön seien, und dann bat sie Eva, man solle ihr zunächst einmal die Rolle zusenden. Das geschah schon am folgenden Tage. Es war keine schwierige Aufgabe, die wenigen Zeilen zu lernen: eine gereimte Antwort auf den Huldigungsreigen der Märchengestalten. Aber Traute hielt sich ihren Entschluß noch frei — im entscheidenden Augenblick konnte sie ja immer noch einspringen. Sie scheute sich vor einer bestimmten Zusage. Sie kam aus dem Schwanken nicht heraus. Sie begann sich zu langweilen und sehnte sich nach fröhlicher Geselligkeit. Nahten dann aber wieder Stunden melancholischer Anwandlung, so beschloß sie feierlich, allem weltlichen Tand zu entsagen und nur der Einsamkeit zu leben. In ihrem armen kleinen Kopf strudelten die Vorsätze durcheinander. Einmal war sie schon beinahe so weit, an Fritz Eggenolph zu schreiben, daß sie die Werbung Fred Dewas annehme und sich als seine Braut fühle. Sie malte sich aus, was Wohl Everstedt zu dieser Verlobung sagen würde, und entwarf sich in ihrer Phantasie ein romantisches Zukunftsbild. Sie wollte Fred die beste, edelste und aufopferungsvollste Gattin sein; sie wollte aber auch ein glänzendes Haus führen — Fred war ja reich genug. Alle Welt sollte von dem entzückenden Heim der Dewas sprechen und sich nach ihren Gesellschaften drängen. Aber selbstverständlich: Everstedt nut seiner jungen Frau würde nie eingeladen werden. Oder vielleicht doch. Ah- ja. — er sollte ihr Glück sehen und neidisch werden; denn das war ja klar, daß e r an der Seite der Komteß Andrea niemals glücklich werden konnte. . . Inzwischen rückte der Ankunftstag des Mister Brig- ham näher, und die innere Aufregung Köhlers steigerte sich. Der Seehafen der Stadt war mit der Bahn in einer halben Stunde erreichbar, und Köhler hatte daher beschlossen, den Geschäftsfreund persönlich abzuholen. Er hatte beim Schifssbureau des Lloyd bereits genaue Erkundigungen eingezogen: es war richtig — der „Washington" sollte am vierundzwanzigsten vormittags zehn Uhr Eintreffen, unb da keine Stürme gemeldet worden waren, so war auch keine erhebliche Verspätung zu fürchten. Der kleine Köhler schlich in verzweiflungsvoller Stimmung umher; selbst die geheime Leidenschaft seines Kautabaks wollte ihm nicht mehr munden. Die amerikanische Krise beeinflußte den Weltmarkt noch immer, und es gab vorläufig keine Aussicht auf Besserung. In der Branche Köhlers hatten erst ktirz- lich zwei kleine Geschäftsleute ihren Bankerott erklären müssen; das erfüllte ihn mit Entsetzen. Die großen Firmen waren ja kapitalkräftig genug, sich zu halten; sie warteten in Ruhe bessere Konjunkturen ab. Aber die kleinen Leute, die von der Hand zum Munde lebten, die zitterten alle. (Fortsetzung folgt.) Der Marinevertrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Dohle. (Fortsetzung.) „Ja so — das Geheimnis!" Er war plötzlich wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt. „Es läßt sich keineswegs leugnen, daß der Fall höchst sonderbar verwickelt ist, doch verspreche ich Ihnen, daß ich die Sache untersuchen und Sie davon in Kenntnis setzen will, wenn ich etwas Wesentliches entdecke." „Haben Sie irgend welche Anhaltspunkte gesunden?" „Sie haben mir deren sieben geliefert, aber ich muß sie natürlich erst prüfen, ehe ich sagen kann, ob sie etwas taugen." „Haben Sie Argwohn gegen jemand?" „Ja, gegen mich selbst —" „Was! —" „Ich fürchte vorschnelle Schlüsse zu ziehen." „Dann gehen Sie nach London, um Ihre Anhaltspunkte zu prüfen." „Ein sehr guter Rat, mein Fräulein," sagte Holmes und stand auf. „Ich glaube, wir können nichts Besseres tun, Watson. Schmeicheln Sie sich mit keinen falschen Hoffnungen, Herr Phelps; die Angelegenheit ist sehr verwickelt." „Ich werde in fieberhafter Unruhe sein, bis ich Sie wiedersehe," sagte der junge Diplomat seufzend. „Erwarten Sie mich morgen mit demselben Zu^e; ich will kommen, auch wenn ich nur negative Ergebnisse zn melden habe." „Gott segne Sie für Ihr Versprechen," rief unser Klient. „Schon der Gedanke, daß etwas in der Sache geschieht, gibt mir neues Leben. — Was ich noch sagen wollte: Lord Hold- hurst hat mir geschrieben!" „So? Und wie äußerte er sich?" „Sein Brief ist kühl, aber nicht unfreundlich. Wahrscheinlich hat ihn meine lange Krankheit milde gestimmt. Er wiederholt, daß die Sache von größter Wichtigkeit ist, doch werde man keine Schritte in betreff meiner Zukunft tun — er meint natürlich die Entlassung aus dem Staatsdienst — bis meine Gesundheit wiederhergestellt ist und ich Gelegenheit gehabt habe, die Scharte auszuwetzen. „Nun, das nenne ich vernünftig und rücksichtsvoll," sagte Holmes. „Komm jetzt, Watson, wir haben heute in oer Stadt noch viel Arbeit vor uns." Joses Harrison fuhr uns selbst auf den Bahnhof, und bald sausten wir mit dem Portsmouth-Zuge davon. Holmes saß ganz in Gedanken vertieft da und öffnete erst den Mund, als wir über Clapham hinaus waren. „Es wirkt sehr erheiternd, wenn man auf solcher Hochbahn nach London hinfährt, wie wir jetzt, und auf die Häuser hinabfieht." — 647 Ich glaubte, er spräche im Scherz, denn die Aussicht ipar ganz abscheulich, aber er führ unbeirrt fort: „Sieh nur die großen ziegelroten Häuservierecke, die über die Schieferdächer emporragen, wie Inseln aus einer bleifarbenen See." - „Das sind die Volksschulen." ,.,DW wahren Leuchttürme der Zukunft, mein Junge! sind Samenkapseln, von denen jede viele Hunderte von kleinen, lebendigen Körnern enthält, aus denen das bessere, weisere England der Zukunft entsprießen wird. — Was meinst du — ob Herr Phelps Wohl trinkt?" „Das glaube ich kaum." „Ich auch nicht. Aber man muß eben jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Der arme Teufel ist in eine tiefe Grube gefallen, und ob wir ihn herausholen können, ist sehr fraglich. Was hälft du von Fräulein Harrison?" „Sie ist ein sehr starker Charakter." „Aber auch gut, wenn mich nicht alles täuscht. Sie ittid ihr Bruder sind die einzigen Kinder eines Hütten^ Besitzers irgendwo oben in Northumberland. Phelps hat sich letzten Winter auf der Reise mit ihr verlobt und sie ist in Begleitung ihres Bruders auf Besuch hergekommen, üm die Verwandten des Bräutigams kennen zu lernen. Als dann der Mach kam, ist sie zur Pflege dageblieben, und Bruder Josef, der sich sehr behaglich fühlte, wollte auch nicht fort. Die siehst, ich habe schon unter der Hand verschiedene Erkundigungen eingezogen. Aber heute müssen wir noch viel zu erfahren suchen." „Meine Praxis —" begann ich. „©, wenn dir deine Fälle mehr am Herzen liegen als meiner —" unterbrach mich Holmes etwas hitzig. „Ich wollte nur sagen, daß mich meine Praxis einen oder zwei Tage entbehren kann, da es gerade die flauste Zeit im Jahre ist." „Vortrefflich," sagte er mit wiedergewonnener guter Laune. „Dann wollen wir die Sache zusammen ergründen. Ich denke, wir suchen zuerst Forbes auf. Er kann uns wahrscheinlich über alle Einzelheiten unterrichten, die wir brauchen, bis sich herausstellt, von welcher Seite der Geschichte eigentlich beiLukommen ist." „Hattest du nicht schon einen Anhaltspunkt?" „Sogar mehrere. Wer erst bei genauerer Erkundigung wird sich finden, was sie wert sind. Zwecklose Verbrechen lassen sich am schwersten auffpüren. Doch dieses ist nicht zwecklos? Wer könnte Nutzen daraus ziehen? — Der französische Gesandte, der russische Gesandte und jeder, der einem von beiden den Vertrag verkauft, ferner Lord Hvld- hurst." „Lord Holdhurst!" „Unmöglich ist es nicht, daß ein Staatsmann einmal in eine Lage gerät, die es ihm wünschenswert erscheinen läßt, wenn ein solches Schriftstück durch Zufall vernichtet wird." „Wer kein Ehrenmann wie Lord Holdhurst." „Ich spreche nur von einer Möglichkeit, die wir nicht aus den Augen lassen dürfen. Wir werden den edlen Lord noch heute sehen und erfahren, ob er uns etwas mitzu- teilen hat. Inzwischen habe ich schon allerlei Schritte getan." „Schon jetzt?" „Ja, ich habe auf dem Bahnhof in Woking an die Zeitungsredaktionen in London telegraphiert. Diese" Anzeige hier wird in den Abendblättern erscheinen." Er reichte mir ein Blatt, das aus einem Notizbuch gerissen war und folgende, mit Bleistift gekritzelte Worte enthielt: „Zehn Pfund Belohnung — Für Angabe der Nummer derjenigen Droschke, welche einen Fahrgast an der Tür des Ministeriums des Aeußern in der Charles- straße oder nicht weit davon um dreiviertel auf zehn Uhr am Abend des 23. Mai abgesetzt hat. Näheres Baker- straße 221b." „Du glaubst also, daß der Dieb in einer Droschke Vorgefühlen ist?" „Ich kann mich irren, doch das schadet nichts. Wenn, wie Phelps versichert, weder im Zimmer noch auf dem Gang ein Versteck ist, so kann der Dieb nur von außen gekommen sein. Kam er aber bei so nassem Wetter von der Straße, ohne auf dem Linoleum, das bald nachher besichtigt wurde, Fußspuren zu hinterlassen, so hat er höchst wahrscheinlich eine Droschke benutzt. Ja, mir scheint, man kann mit Sicherheit auf eine Droschke schließen." „Du wirst wohl recht haben." „Das ist einer der Punkte, von denen ich sprach: viel- lercht erfolgt etwas auf die Anzeige. Ferner die Glocke — sie spielt die bedeutsamste Rolle bei der Sache. Warum ist sie geläutet worden? Hat es der Dieb in frechem Uebermut getan? Oder war jemand bei ihm, der dadurch das Verbrechen vereiteln wollte? Geschah es aus Zufall? Oder lönnte es •—?" Er versank wieder ganz in Nachdenken wie zuvor; mir aber, der ich jede seiner Stimmungen so genau kenne, wollte es fast scheinen, als sei ihm plötzlich! eine neue Möglichkeit aufgegangen. Gegen halb vier Uhr erreichten wir die Endstation', speisten rasch im Baynhofrestaurant, und fuhren sofort aufs Polizeiamt. Holmes hatte schon dorthin telegraphiert, und Forbes erwartete uns. Der kleine Mann bereitete uns einen sehr frostigen Empfang, sobald er hörte, was wir von ihm wollten; sein scharfes Fuchsgesicht nahm einen wenig liebenswürdigen Ausdruck an. „Ich habe schon von Ihrer Methode gehört, Herr Holmes," sagte er mit spitzem Ton. „Erst lassen Sie sich von der Polizei alle Auskunft geben, über die sie verfügt, und! führen dann die Angelegenheit auf eigene Hand weiter, um die Beamten in Mißkredit zu bringen." „Im Gegenteil," versetzte Holmes, „nur in vier Fällen aus den letzten dreiundfünfzig, bei denen ich beteiligt war» ist mein Name überhaupt genannt worden; bei den übrigen neunundvierzig Fällen halle man alles Verdienst der Polizei zugeschrieben. Sie können das nicht wissen, denn Sie sind noch jung und unerfahren; wollen Sie aber vorwärts kommen in Ihrem neuen Beruf, so werden Sie gut tun, gemeinsame Sache mit mir zu machen, anstatt mir entgegen zu handeln." (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. hl. B a l z a c s Kaffee und Tee. Dr. Cabanes, der Parifer Arzt, der sich schon auf manchem Gebiete als Schriftsteller atisgezeichnet hat, veröffentlicht unter den: Titel „'-Bahne 191101'6" ein umiangreiches Werk über den französischen Dichter, das eine Fülle neuer Tatfachen über Balzac enthält und vor allen Dingen reich an nnekdoienhaften Zügen ist. Als Probe dafür mag dienen, was Dr. Cabanes von Balzacs Kaffee und Tee zu erzählen weiß. Balzac liebte den Kaffee ebenso leidenschaftlich wie Voltaire; in seinen Werken findet er sich niebrfact) ausführlich erwähnt. Es sei nur an eine Stelle erinnert, wo Balzac den Kaffee mit folgenden begeisterten Worten lobt: „Ter Kaffee gleitet in den Plagen. Von diesem Augenblicke an ist alles in Erregung; die Gedanken stellen sich auf, wie die Heersäulen der großen Armee auf dem Sch la cd t- felbe, und mit flatternden Fahne!, dazu; die leichte Kavallerie der Einbildung entfaltet sich im prächtigen Galopp; die Artillerie der Logik kommt mit ihren Zügen und Geschossen herbei, die Wortspiele gliedern sich mit Tinte, dann beginnt der Konslckt und er endet mit Gießbächen einer schwarzen Flüssigkeit, wie die Schlacht mit ihrem schwarzen Pulver." Kaffee und Kaffee war aber für Balzac zweierlei. Er hatte bei feiner Vorliebe >ür dieses Getränk eine ganz eigene Art, sich seinen eigenen Kaffee z»z»lbereiteii, von dem ungefüllte Tassen ihn stundenlang bei der 'Arbeit inunter halten mußten. Den Einkauf von Kaffee vertraute er keinem anderen an. Er ging immer selbst, ihn zu besorgen, und zwar in drei verschiedenen Läden, die er nach langem Aus probieren als die besten erfannt halte. In drei verfchiedenen Läden fau'ie er, weil er drei verichiedene Sorten brauchte. Den Bonrbonkaffee kaufte er in einem Laden der Rue Mont Blanc, den Martmiguekaffee in der Rue des Viceilles Handrielles, während ein Geschäft in der Universitäts- ltraße ihm den Mokka lieferte. Natürlich bereitete er ans dieser Mischung von Bohnen auch den Alifgnß selbst und dafür hatte er auch bestimmte Vorschriften, auf die er sehr stolz war. Weniger bekannt als Balzac, der Kaffeetrinler, ist Balzac, der Teetrinker. Balzacs Tee ist fast noch mertwürdiger, als sein Kaffee, beim nach ben Angaben des Dr. Cabanes rühmte sich Balzac, einen Tee zu haben, wie ihn sonst nur ber „Sohn des Himmels" genösse. ES hanbelte sich nach Balzacs Behailptung um einen Tee, ben nur eine chinesische Provinz, und auch diese nur in geringen Wiengen erzeugt, und zwar gerade um die Sorte, die dem chinesischen Kaiser Vorbehalten sei. Durch ganz besondere Erlaubnis wollte Balzac auf Umwegen, nämlich ans den Händen des Zaren, einige Pakete Tee erhalten haben, der für den chinesischen Kaiser bestimmt war. Balzac deutet auch an, welcher Minister und welcher Gesandte ihm bei der Erwerbung des kostbaren Stoffes geholfen hätte. Es gehörte zu ben seltenen Ausnahmen, daß er einem Besucher von diesem köstlichen Tee vorletzte. Geschah dies doch, so ging er sehr sparsam damit um und versuchte alles mögliche, seinen Gast von der Bitte um eine zweite Tasse abzuhalten. Er sagte nämlich, iver drei Mal von dem Tee tränke, werde einäugig, wer sechs Mal da- 548 von tränke, verlöre auf beiden Augen die Sehkraft — so köstlich sei der Tee. Eines Tages aber geriet Balzac bei einem seiner Gäste an den Unrechten, denn dieser, ein eben solcher Feinschmecker in Teedingen wie Balzac selbst, sagte aus das Märchen von der Einäugigkeit und der Blindheit, indem er ihm die Tasse hinhielt: »Gieß ein, ich wage ein Angel" , Kf Erinnerungen an drei Tiger. Der französische Tiermaler A. Millot veröffentlicht in der „Nature" feffelnde Erinnerungen an Melanie, Mignonne und Pascha, drei Tiger des Museum, die er Ende der 80 er Jahre während seiner künstlerischen Tätigkeit in diesem Institute sehr lange und sehr genau hat beobachten können. Die drei Tiger hatten feste Gewohnheiten, aus deren Geleis sie durch nichts herauszubringen waren. Jeden Morgen wiederholte sich z. B. das folgende Schauspiel: Mignonne, die bengalische Tigerin, die auf ihrem Brette geschlafen hatte, erwachte, gähnte, räkelte sich und sprang dann mit einem geräuschlose,: Satze auf den Boden. Ihr hartes Lager war ihr unbequem, und nun wollte sie es sich in dem irischen Stroh bequem machen, auf dem ihre beiden Gefährten schon lagen. Mit unendlichen Borsichts- masiregeln setzte sie geräuschlos zuerst eine Psote zwischen die beiden Schläfer, dann die zweite, und wenn sich nichts rührte, schickte sie sich an, ganz in das Stroh hinemzutzleiten. Aber plötzlich zuckt sie zurück. Die Kambodscha-Tigerin ist erwacht und streckt ihr abwehrend die bekrallte Tatze entgegen. Um sie zu besänftigen, schnauit Mignonne sanft gegen die Schnauze der Unzufriedenen, reibt ihren feinen Kopf an der anderen und schiebt saust ihren Lew nach dem ersehnten Platze. Noch einmal macht die Kambodscha-Tigerin eine Drohbewegung, dann aber beruhigt sie sich; nun sind alle drei Tiger auf dem Strohlager, und Mignonne streckt sich wohlig neben ihren Gefährten aus. 'Während Mignonne klein und zierlich war, war Melanie, trotz des gemeinen Namens, ein riesiges, geschmeidiges Prachtstück. Der dritte Insasse des Käfigs, ein riesiger, hochbeiniger Tiger, hatte den wohlverdienten Namen Pascha. Er flammte aus Cochinchrna. Immer sah er gelangweilt, dabei aber geduckt und heiintückisch aus, er hatte einen falschen Blick und sah immer seitwärts. Kurz, sein Aeußeres berührte den Beschauer nicht angenehm. Melanie war sehr herrschsüchtig, und Mignonne behandelte Pascha verächtlich, und so herrschte in dieser Tigergefangenschaft ein richtiges Weiberregiment. Pascha, der außerordentlich faul war, wie es einem echten Orientalen geziemt, ließ sich mit Seelenruhe alles gefallen. Wenn die Verbindungstür zwischen dem inneren Käfig und dem äußeren geöffnet wurde, schritten jedesmal die beiden Tigerinnen lebhaft und herrisch aussehend vorai:, Pascha aber schritt nachlässig hinter ihnen her, versolgt von den Flüchen des Wärters, der sich zedesmal über seine Trägheit ärgerte. Einer der Wächter erlebte in diesem Tigerkäfig einmal ein recht gefährliches Abenteuer. Früh morgens, als das Raubuerhaus noch dunkel war, kam er, mit der Traglampe in der einen, mit Wassereimer und Bürste in der anderen Hand, um die Käfige zu reinigen. Wie jeden Tag, zieht er die Verbindungstür hoch, und die Tiger verschwinden in den Nebenkästg. Nun inacht er sich an die Reinigungsarbeit, nimmt Schwamm und Bürste in die Hand, kniet nieder und beginnt zu scheuern. Plötzlich hört er dicht bei sich ein ihm wohlvertrautes Geräusch, den gedämpften, fast unhörbaren Schritt eines schleichenden Tigers, und im Augenblick drauf fühlt er ein Schnaufen im Nacken. Voller Schrecken richtet er sich auf. Vor sich im Halbdunkel sieht er die Schultern eines Tigers in dem Ausschnitt der Verbindungstür, die er zu schließen vergessen hat. Es ist Mölanie, die mit flammenden Augen auf ihn zukommt, und hinter ihm sieht er die Augen der anderen beiden Tiger funkeln. Einen kurzen Augenblick starren Mensch und Tier einander in die Augen, da findet der beherzte Wärter einen Ausweg: er greift nach dem Wassereimer und wirft ihn der Tigern: an den Kopf; hierüber ist sie so verduzt, daß sie einen Augenblick zurückweicht, und diese kurze Zeitspanne benutzt der Wärter, um nach der Kelle zu springen, die die Falltüre oben hält. Krachend glellet sie zu Boden, und nun ist er von den Tigern getrennt. Wie der Wärter erzählte, war er froh, daß er es mit Melanie zu tun gehabt hatte, denn Pascha, so meinte er, hätte ihn zweifellos sogleich niedergeschlagen. Am Nachmittage bekam Melame zum Lohne dafür, daß sie den Wärter verschont hatte, eine Extraportion Fleisch, die ihr wahrscheinlich besser mundete, als das Menschenfleisch, auf das sie verzichtet hatte. * Das „Leitmotiv" in der Autohupe. Miß Taft, die Tochter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist eine begeisterte Wagnerianerin. Sie geht zu allen Konzerten und Aufführungen, in denen man Werke von Wagner g:bt, sie tränt Baretts „ä la Wagner", die ihr beiläufig bemerft ganz vorzüglich zn Gesicht stehen, und mcht genttg bamit, sie hat mit ihren Freundinnen eine „Wagner Ligia" b'egrünbet, in der alle juitgen Tarnen Namen der Hauptheldinnen Wagners tragen und einen wahren Kult mit den: Schöpfer des „Lohengrm" treiben müssen. Jetzt hat Miß Taft aber, wie der Gaulois berichtet, ein neues eigenartiges Mittel gefunden, der ganzen Welt :hre Liebe ztt Wagner kundzutun, indein sie sie — allen in die Ohre:: tutet. Ste hat sich nänilich für ihr Auto eine Hupe machen lassen, die zwei Leitmotive des großen Tondichters erschallen läßt, und das soll recht häufig geschehen, wenn sie durch die Straßen der Stadt fährt. Natürlich hat dieses Vorgehen großen Anklang gesniiden, und es ist bei den Amerikanern geradezu zur 'Diebe geworben, die Autohupe Leitmotive von Wagner blasen zu laffen. Da aber jeder ein besonderes Leitmotiv haben muß, so hallen die Straßen von diesen „EchoS von Bayreuth" wieder, die das große Publikum staunend und mit etwas gemischten Empfindungen vernimmt. • Hier wie dort. Ein Schrütsteller erzählt folgenden Vorfall: Einem Professor wurde von den Stndenden einer westlichen Universität in Amerika erzählt, daß der Koch ein Zeug zusammen- braue, da? nicht zu genießen sei. Der Professor rief den Pflichtvergessenen, hielt ihm eine Strafrede und drohte ihn: mit Entlassung, wenn er sich nicht bessere. „Sie sollten dem, was die jungen Leute sagen, nicht soviel Bedeutung beimessen", sagte der Koch. „Die sagen dasselbe von Ihren Vorlesungen." * In der S chaubude. Zuschauer (ungehalten): „Bor! dem Eingang schreien Sie, hier sei der merkwürdigste Zwerg der Welt zu sehen. Und was finde ich? Einen Menschen, der fünf Fuß und fünf Zoll mißt." — Besitzer: „Das ist ja gerade das, Merkwürdige an ihm. Er ist der größte Zwerg der Welt!" Büchertisch. — Therese Köstlin, die Tochter unseres unvergeßlichen, zu früh Heimgegangenen Professors, Geh. Kirchenrat D. Köstlin, hat uns wieder mit einer feinen Gabe ihrer sinnigen Muse beschenkt. „Unter dem himmlischen fEage1, so nennt sie die neueste Sammlung ihrer Gedichte. (Heilbronn, bei Eugen Salzer.) Ueber die Eigenart ihrer Dichtung spricht sie sich dann selbst so treffend aus, daß wir nichts befleres darüber zu sagen wüßten: „Du hast etwas zu sagen; Du darfst es wagen." So sprecht ihr. . . Ach, zu sagen weiß ich nichts, Nur zu singen: Wenn aus den Landen reinsten Lichts Nie gehörte Melodien Leise durch die Seele ziehen, Sailen in der Seele beben, So leise nur, daß im Erklingen Die Töne als ein Traum verfchweben. Sie hat uns in der Tat etwas zu sagen, was sie in tiefster Seele eigenartig, fein und wahr empfunden hat. Und sie sagt es in eigenartig herber Schönheit der Form. Aber es klingt alles, wie der Gesang der Geister über den Waffern, traumhaft, weltfern. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Licht, aber das Licht blendet sie, weil sie im Dunkel wandelt; sie liebt das Leben, aber sie reibt sich wund an seiner harten Wirklichkeit, sie ringt um die Wahrheit, aber die dunkeln Rätsel bedrängen sie. Und Dennoch — in seltenen Stunden, Seltener, ach! als die Seligkeit Wolkenlos blauer Tage — Streut uns das Leben im Uebermut Semer göttlichen Gebelust — Uns, den vergessenen Kmdern Eines versunkenen Traumes — Und in: Vorübergehen Eine Fülle von Blüten hin, Eine Fülle, so heilig schön, Daß wir in Demut erschauern, Und in stammelndem Liede uns Künden, was wir geschaut. ES lohnt sich, dieser Kunde zu lauschen. Zart und doch kraftvoll weist sie den Weg aus Dunkel zum Licht, v. S. Vichterquadral. Werkzeug. Baum Dichter Oper Pflanze A B B C EEEEEE HHH I L M NN 00 PR8SU Aus den vorstehenden Buchstaben sind in dem Viereck Wörter von der be:gesetzlei: Bebentung z:: bilben. Bei richtiger Lösung ergibt bie erste und letzte senkrechte Reihe die Nan:en zwe:er deutscher Dichter. (Auflösung in nächster Stummer)-, Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer7 Trag ein Herz, den Freuden offen, Doch zum Le:denskampf bereit; Lern int Mißgeschicke hoffen, Denk des Sturms bei heitrer Zeit. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.