Ml ff kk . r ^55- «RiisK^ h n l'®O MW * Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. (Nachdruck verboten.) Erstes Buch. Arn Saaleufer im kleinen Badeort steht ein Haus; es ist ein altes langgestrecktes Haus mit grauer, ölgestrichener Fassade. Kasernenartig sieht es aus, denn alle Fenster in der Front, es sind ihrer dreißig in den drei Stockwerken, sind schmucklos und zur Hälfte vergitterr. Das Dach ist slach, und jeder, der vom gegenüberliegenden Ufer das graue, lange Haus sieht, denkt nichts Freundliches Von ihm. — Nein, schön ist die graue Kaserne am Saaleufer nicht, nicht schön und nicht neu; aber es lohnt sich doch, über die Brücke zu gehen und dann, vom schmalen Weg aus, der sich zwischen Haus und Gärtchen hinzicht, einen Blick ins Innere zu werfen. Es ist ja so merkwürdig im Leben! Es gibt Häuser Und Menschen, die sehen so glänzend, so freundlich und prunkvoll aus, und bei ihrem Anblick lacht man, ohne es zu wollen, und denkt: „Welche Schönheit muß solch prächtiges Aeußere erst in sich bergen!" Aber oftmals trügen doch auch solche prächtigen Häuser Lnd prächtigen Menschen, und inan erschrickt, wenn muu sich al sie versenkt. In solch einem turmgezierten, bcuron- geschmückten, buntgestrichenen Hause umfangt es uns oft mit Eisevstorre. Wir können nicht warm weroen tn oen glänzenden Räumen; wir bleiben Fremdlinge, setzen bang unfern tyufc aufs blanke Parkett, gehen scheu über die teppichbecegten Treppen und sehen verstohlen auf die große Wanduhr, oeren Zeiger sich nicht vorwärtsbewegeu will. Und schließt sich endlich das Tor hinter uns, dann «atmen wir befreit auf und wollen nichts mehr wissen von denr schönen, kalten Hause. In dem langen, grauen Saalehaus ist's anders, da fist viel Wärme und Behaglichkeit. Die braune Haustür singt, wenn man sie öffnet; sie will sagen: „Willkommen!" Die Glasscheiben, die sie hinter der Eisenvergitterung trägt, klingen leise; das klingt wie Musik, und der kleine, eiserne Abtreter auf den Kacheln des Hausflurs krächzt Unter den Füßen des Eintretenden; das klingt freundlich, so o® vb aus alter Kehle jugendfrisches Lachen tönte. Die schwarzweißen Kacheln des Hausflurs haben Risse Und Spalten, aber sie sind blank gescheuert, und da, wo sie allzuweit auseinanderklaffen, hat man bräunlichen Kitt ftn die Fugen gegossen. Von der Decke herab schaukeln große Sträuße von Silberdisteln und rotem Giftmohn. Dre blühen im Moorgrund zur späten Herbftzeit, und es sieht lustig aus, wie sie, vom Zugwind bewegt, über den Köpfen der Eintretenden hin und her schaukeln. Rechts und links vom Eingang sind Türen; eine jede trägt eine Visitenkarte, einen Briefkasten, eine kleine Tafel mit angebundenem Griffel und einen Glockenzug aus DrahL mit gläsernem Handgriff. Rechts wohnt die Witwe eines Königlichen Rechnungs- rates, „Natusius" heißt sie, und links, tm größeren, vornehmeren Flügel steht an der braunen Flurtür: „Mariä von Hilbach, Witwe". Die Treppe ist weiß gestrichen, und die einzelnen Stufen knarren unter den Tritten. Eine jede knarrt anders wie die andere, und wer zum ersten Mal diese sprechende Treppe heraufgeht, bleibt wohl auf halber Höhe stehen und sieht sich um. Es war ihm, als riefe man ihn. Aber bald sieht er seinen Irrtum ein, geht lächelnd weiter und schaut vielleicht noch erstaunt auf den schönen Geländerbezug aus rotem Plüsch, der mit goldenen, blitzenden Nägeln befestigt ist. „Aha!" denkt er, wenn er ein Sachverständiger ist« „das verbirgt etwas!" — und er hat recht. Das Holz war so wurmzerfressen, und die verwitwete Frau Maria von Hilbach, die links im Parterre wohnt und die Besitzerin des grauen Saalehauses ist, hatte in einer schlaslosen Nacht den Einfall gehabt, eine alte Portiere zu zerschneiden und einen schönen Bezug davon zu machen. Der Tischlermeister, mit dem sie vorher wegen eines neuen Holzaufsatzes verhandelt und der ihr einen Kostenanschlag gebracht hatte, der ihr das arme, sorgenschwere Herz zrttern machte, war ärgerlich über diese Pfuscherei gewesen, aber jonst fand jedermann den roten Plüschbezug sehr schön und geschmackvoll, höchstens ein bißchen auffallend in dieser Umgebung. Im ersten Stock gibt’3 wieder rechts und links die braunen Türen mit Visitenkarte, Tafel, Briefkasten und Glockenzug. Reststs wohnt die Witwe des Oberlehrers Specht und links die Kaufmannswitwe Häuflein. An dem Flügel, den sie bewohnt, befindet sich ein eiserner Vorsprung, den man bei bescheidenen Ansprüchen „Balkon" nennen könnte. Er ist schmal und schmucklos, sieht mehr einer Zellenvergitterung ähnlich als einer Hausverschönerung, aber Frau Kaufmann Häuflein ist doch stolz darauf, und wenn sie im Sommer ihre Kletterrosen und Winden an den Eisenstäben entlang zieht, sieht es ganz lustig aus. Die erste Etage birgt mehr Räume als das Parterre/ denn das Haus ist an einen Berg angebaut und zwar so, daß es mit jeder Etage an Breite gewinnt. Da, wo'A im Parterre nur dunkle Gewölbe gibt, liegen im ersten Stock helle, freundliche Zimmer mit einem hübschen Blick ins Grüne. In ein paar Minuten ist der Wald erreicht: man braucht gar nicht erst die Treppe hinunter, einfach zur Hintertür, die „Pförtchen" genannt wird, heraus, über den Berg weg, und die Buchen und Eichen rauschen einem schon über dem Haupt. .............. ......- ' - ____________________________ ii i — 2 — Der zwolls Stock ist eigentlich der schönste vom ganzen Hans. Wenn die verwitwete Pfarrer Melzing, die wie alle anderen im Hanse im Sommer ihre Zimmer an Fremde abgibt, einen mietlustigen Sommergast heraufgeführt hat, läßt sie ihn zu allererst einen Mick aus dem Kvrridork- fenster tun, und wer da nicht ein erstauntes „Ah" oder -„Oy" ausstößt, den erklärt sie für einen herzlosen Menschen Vhno Schönheitsgefühl und Naturliebe. In den meisten Fällen hört sie auch das gewünschte :-,OH" oder „Ah", denn was man von da oben aus sieht, hat man wirklich nicht vermuten können. Da liegt zuerst das schmale, langgestreckte Gärtchen mit dem großen Laubcn- aang, den prächtigen Lindenbäumen, mit den Draht- und Lattenlauben und dem gelben Kies. Wie ein nagelneues Spielzeug sieht es von da oben ans. Dahinter Aieht sich dis Saale hin, breit und glitzernd — und eine schöne, neugebaute Brücke führt zum andern Ufer, zur eigentlichen Stadt. Weiter oben im Fluß ist ein Wehr; das rauscht und poltert so laut, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Drüben, gerade dem 'Saalehaus gegenüber, steht eine graue Mühle; sie ist kein Zierrat für die Nachbarschaft, aber vom zweiten Mock des Saalehauses sieht matt über sie weg, und der Blick schweift über Kirche, Park und all die bunten Häuser der gegenüberliegenden Seite nach dem Wald und von dort über die Berge und Burgen. Darüber wölbt sich der Himmel, und wenn die Sonne scheint, dann ist's, als müsse sich hier alle Freudigkeit und Heiterkeit vereinigt haben, um solch ein entzückendes, gesegnetes Erdett- Mckchen entsteheir zu lassen. „Sehen Sie, das ist die Ritdelsbürg mit Saaleck!" erklärt dis Pfarrerin nun eifrig. „Mein seliger Mann ist jeden Tag da heraufgestiegen. Sie wissen doch, wie es im Liede heißt: „die Rudelsbürg das ist ein Ort zum Schwärmen iinb zum Trinken!" Da gegenüber sehen Sie die Wilhelmsburg, nur eine halbe Stunde zu gehen, auch schön und lohnend — und da ganz hinrett das Himmelreich, das ist das Schönste Von allem!" Dann weist sie nach der andern Seite, die flach ist. „Immer die Saale entlang und dann rechts ab kommen Sis nach Psorta und schließlich nach Naumburg, und von da ist's nicht mehr weit nach Freyburg — Sie wissen doch, wo dis Sektkellereien sind, und----■' Sie würde in ihrent Redestrom noch fiortfahren, wenn fte nicht, vom Mieter gedrängt, ihn endlich die vermietbaren Räume besichtiget! ließe, aber in den meisten Fällen hat der herrliche Blick aus 6em Korridorsenster schon zu ihren Grmsten gesprochen und „er hai's genommen!" sagt sie selig zu ihrer alten Magd. Die Pfarrerin wohnt rechts, denn die linke Seite ist Gr zu geräumig. Da lebt Frau Witwe Lengerich, und keiner im ganzen Hause kennt ihre Geschichte und loeiß, was der Gatte war. Sis ist zurückhaltend, vertnietet nur bei Gelegenheit an Kurfremde und hält Flur und Treppe ordnungsmäßig rein. Der zweite Stock hat wieder drei Räume mehr als der erste, und diese drei angeflickten Stübchen haben ihren besonderen Eingang von der Waldseite aus und sind von einer .Witwe bewohnt, die mit Eiern, Gemüse, Geflügel Und Obst handelt. Sie heißt nach ihrent dritten Seligen, der ein Pole war, und bei einem Eisenbahnunglück ums Leben kam „Frau von. Kosczysrowsky". Sie bezieht eine kleine Pension, macht im Sommer gute Geschäfte, und man sieht an ihrem stattlichen Körperumfang, daß sie von Mot nichts weiß. Im Winter macht sie der jungen Hausbesitzerin, die viel zu Unpraktisch ist, um so ein großes Haus zu verwalten, die Aufwartung. Sie ist überhaupt die rechte Hand der Frau von Hilbach — nein mehr — sie ist die eigentliche Herrscherin des Hauses. Das wissen alle, die in den drei Stockwerken wohnen, und weil sie das wissen, genießt die dicke Geflügelhändlerin ein gewisses Ansehen. Man grüßt sie freundlich ,wenn man ihr begegnet, man spricht ein paar Worte mit ihr und kauft ihr von ihren Waren ab. ' Unten im linken Parterreflügel bei Frau von Hilbach W oftmals Schmalhans Küchenmeister, und es würde noch weit schlimmer sein, wenn die dicke Frau von Kosczyskowski), von Frau von Hilbach der Abkürzung wegen „Kosh" ge- MNNch Nicht guch hier dominiert p, Trotz ihrer äußerlichen Derbheit hat iie ein guLeH weiches Herz; sie begreift gar nicht, wie einer so gleichgültig dahinleben kann, ohne Wunsch nach einem guten Bissen, nach Freude und Vergnügen. „Und ist doch noch so jung!" sagt sis ost zu sich selbst^ weitn sie unten in der Küche am Herd steht und irgend etwas brät, wovon die Frau in der Stube nichts ahnt. „Wie die noch einmal durchs Leben kontmen will!" sagt sie sorgenvoll weiter. „Armut braucht zwei kräftige Hande und eine Portion Derbheit, aber die — ach Gott!" Erstes Kapitel. Ob mau mit fünfundzwanzig Jahren sein Leben ein verfehltes neunen könne, wenn es statt des erhofften Glückes eine Kette von Leid und Sorgen gebracht habe — darüber: debattierte die Pastorin Melzing aus dein zweiten Stock mit Frau von Hilbach. Sie saßen beide unten im Parterre in einem kleinen Wohnzimmerchen. Draußen schauerte ein kalter Herbstwind, machte die Fensterscheiben klirren und peitschte das letzte Laub von den Bäumen. Der Himmel war grau^ und ins Zimmer schlich leise die Dämmerung. Die Kosh hatte ein kleines Fenerchen im eisernen Etagenofen angebraunt. Sie hatte es nicht gerne getan, denn der September war noch nicht zu Ende, und ihrem Gefühl! nach war es Zeit, wenn man im Oktober langsam mit Heizen ansing. Aber Frau von .Hilbach fror leicht, und ihr Kind hatte geschwollene Mandeln. „Also besser in Feuerung verschwenden, als das Geld in die 'Apotheke tragen!" entschloß sich die Kosh, und lvie sie über Fran von Hilbachs trauriges Gesicht ein glückliches Lächeln huschen sah, war sie auch glücklich. — Die Pastorin Melzing hatte am Vormittag ihre letzten Kurgäste zur Bahn gebracht. Sie hatte einen guten Sommer gehabt, vom Mai bis Ende September die großen Vorderzimmer vermietet und in der Hochsaison auch noch dis Küche und ein Hinterstübchen. Sie war in froher Stimmung. Gleich von der Bahn aus mar sie zur Post gegangen, hatte jedem ihrer drei! Söhne ein Zwanzigmarkstück gesandt und sah nun ohne Sorgen dem Winter entgegen. „Denken Sie, ich hatte die letzten Fremden auf unserer Seite der Stadt; nur im „Mutigen Ritter" sind noch ein paar Russen und ein paar Durchreisende, sonst ist alles leer, und im nächsten Jahr wollen sie schon im Aprst wieder zu mir kommen!" Ihr Gesicht war vor Freude gerötet. Frau von Hilbach schwieg. Sie saß zusammengekauert in einem tiefen Lehnstuhl/ und ihr Kind hatte sein Köpfchen in ihren Schoß vergraben. Ihr mar nicht froh zumute. Seit zlvei Tagen hatte jhr alter Feind, eine tiefe Schwermut, fie gepackt., Ganz ohne Widerstand hatte sie sich schon von ihm überwältigen lassen. In einer dunklen, schlaflosen Nacht Ivar er gekommen ,hatte sie meuchlings überfallen und hielt sie mit eisernen Armen umklammert. Nun lvar sie müde und matt geworden; so viel schwere Tränen lagen auf ihrer Brust; eine furchtbare Beklemmung hielt ihr das arme Herz umschnürt. Wie einem von der Kugel getroffenen] Reh, das sich einen Winkel zum Sterben sucht, war ihr zumute. „Es waren feine Herrschaften!" fuhr die Pastorin fort. „Und trotzdem so liebenswürdig, so bescheiden und immer zufrieden; immer hatten sic ein „Danke" für den kleinste Dienst. Nein, ich bin wirklich sehr zufrieden!"- (Fortsetzung folgt.) Der damische Teufel.')' Humoreske von Maximilian Krau ß. Ein Münchner Spottzug auf dem Tegernseer Bahnhof. Alles drängt schon auf die Plattform der Wagen hinaus. Man kann es kaum erwarten, bis der Zug hält. Denn nun hockt man schon anderthalb Stunden in den Kupees beisammen, ein Chaos von Männlein und Weiblein, Skiern und Rodelschlitten und Ruck- säcken, und hat nichts als dm winzigen Ausblick durchs Fenster auf *) Wir entnehmen diese Skizze des bekannten Münchneb Feuilletonisten der letzten Nummer (3521) der Leipziger Jllw» fixierten Zeitung, die in der Hauptsache der Schilderung der land-, schaftlichen Schönheiten des Winters und dessen fpottlickM Reizen! g ew idm e t Ne strahlende, surrkelnbe MWerlandschai^ aus die Berge, die limtoer naher kamen, immer herrlicher emportauchten in den tief- blauen Himmel ... Da hat jeder den Wunsch: Außi möcht' i! Und nun stiebt das Volk auseinander, jeder einzelne seinen Wintersportabenteuern entgegen. Nur noch ein paar ganz langsame, ein paar Unistandskrämer an der Perronsperre, die mit ihren Skiern, Rucksäcken und Rodeln nicht fertig werden. Darunter ein Freund von mir, der Huber Nazi. Ein ganz braver-, etwas, sehr dicker Mensch, der in einem Münchner Aemt- lein ein nicht unbescharrliches Dasein führt und auch sonst sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen; nur schlecht terteln trit er. Er verpatzt jedes Spiel, tlub wie! Heut macht er seine erste Rodelpartie. In Fürstenfeldbruck, auf der Kinderrodelbahn, hat er nm letzten Sonntag den Sport ausprobiert. Tie Kinder haben eine Mordsgaudi dabei gehabt. Dennn her Nazi mit seinen hundertachtzig Pfund hat beim »Rodeln ganz merkwürdige Kapriolen ausgeführt. So etwa, wie em Elefant Menuett tanzt. AL:r schließlich hat er sich mit s in m Model doch so ziemlich augefreundet, und das Resultat war, daß er in seinen: stolz geschioelltcn Syortbewußtseiir beschloß, alsbald tinetp Rodelberg eine Visite zu machen. Und so kam er heute nach Tegernsee, vergnügt und ,auf- tzeränmt wie ein Spatz.« ■ Wie er seine Körperfülle nebst dem Rodel, den er auf dem Rücken trug, durch die Perronsperre glücklich durchgezwängt hatte, hört er hinter sich seinen Namen rufen. Er schaut sich um, und der ganze Humor, der ihn bisher erfüllt hatte, toar flöten gegangen. Tenn der, der ihn gerufen hatte, war sein größter Feind, der Weberwastl, auch Sportsnrann und auch Kartenspieler. Wer einer, der das Terteln kann, ein richtiger Champignon der Tertelkarte", wie man ihn am Stamnr- tisch getauft hatte. Roch einmal ruft der Wastl. Aber Nazi brummt was in seinen Bart, das nicht gerade eine höfliche Liebenswürdigkeit war, und geht seiner Wege. Man wird sich doch nicht mehr mit einem solchen Kerl einlassen, der einen coram publico, vor der gauenz Tertelkorona nicht nur einen Patzer, einen elendigen Patzer, sondern auch noch einen damischen Teufel schimpfte! Damischer Teufel — io eine Gemeinheit! Das ist gegen die persönliche Ehre. Und» darum Schluß mit einer solchen Freundschaft. In dieser Form fetzte sich der Huber Nazi mit dem Wastl auseinander, den er einen Lackl nannte, worauf dieser noch einmal mit einem damischen Teufel quittierte. Und so ''kamen die Kwer 'Männer, die jahrelange Freunde gewesen waren, auseinander. So weit auseinauder, daß nicht einmal die gemeinsame Liebe zum Rodelsport sie wieder zusammenzufügen vermochte. Ein wenig verstimmt über die unvermutete Begegnung ent- tchloß sich Nazi zu einen: Schoppen Roten, obwohl er in München schon gehörig untergelcgt hatte. Erstens konnte es nichts schaden, zweitens schwemmte es den aufquellenden Haß hinunter, und drittens ging man durch den kleinen Aufenthalt dem Wastl, diesem elenden Menschen, aus dem Weg . . Der Schoppen Rote war gut. Er brachte mehren Nazi wieder ins Gleichgewicht, und aufgeräumt trat er nun den Weg zum Hirschberg an. Bon dort wollte er herunterrodeln und damit sich gewissermaßen das Patent als fertiger Rodelsportler holen. Zuerst ging die Sache ganz gut. Alleüthalben ermunterte er sich durch öftere Umschau. Je höher er kam, um so prächtiger gestaltete sich das Laiwschaftsbild mit seinen großartigen Farbenkontrasten, dem blendenden Schnee, den tiefblauen Schatten Und dem leuchtenden Blandes Himmels, eine Symphonie von Weiß Und Blau, die sogar die patriotische Saite in: Herzen meines Nazi erklingen machte, denn er fand diese Wiitterlandschaft „echt bayrisch". Allmählich aber verlor er das Interesse an den Farbenuuancen im besonderen wie an der Natur im allgemeinen und hatte nur den einen Wunsch, endlich das Unterkunftshaus zu erreichen. Tas stundenlange Steigen auf der zum Teil scharf gefrorenen, glatten Bahn ermüdete den schiveren Mann ebensosehr, wie es seine Kehle austrocknete, und besonders dieses war em Zustand, der seinen .Sportenthusiasmus ganz erheblich herabstimmte. Schnupfend, stöhnend, strauchelt, rutschend und wieder schimpfend — so ging's empor. Tutzende von Rodlern und Rodlerinnen sausten mit lautem Hallo in schneidiger Fahrt an ihm Vorüber bergab, und mehr als einmal kam er in die Gefahr, über- vodelt zu werden, tveil er nicht schnell genug zur Seite springen konnte. Mm liebsten hätte er sich auch auf seinen Rodel gesetzt, 'aber da schämte er sich doch. Er mußte bis zum Unterkunftshaus hinauf. Ta droben gab's Bier und Wein für seinen trockenen Gaumen — da wird man doch jetzt nicht umkehren! Also stampft er weiter und weiter — der Schweiß rinnt ihm in Strömen von der Stirn, obwohl es kälter iuurbe und die violetten Schatten des früh herannahenden Winterabends drüben aus den Tiefen der Täler bereits heraufstiegen. Und endlich, endlich, nach mühseliger Ueberwindimg der letzten Serpentinen, die dem Nazi die letzte:: Kräfte und die kräftigsten Flüche abrangen, kommt das Unterkunftshaus in Sicht. Noch einige Meter Höhe — und Nazi steht mit schlotternden Knien Und schwer Ltmend vv.rm Hause, Ter Hüttenwirt kam heraus'und half ihm Sen Rodel abnehmen. „A bißt spät seid's dran, Herr!" meint er gutmütig. „Hum! Hum! Hum!" Mehr bringt Nazi nicht herausl All seine Gedanken such jetzt auf nichts anderes gerichtet als auf ein Maß Bier und eine ordentliche Portion Rostbratl. Trinnen in der Stube ist's prächtig luarm. Ein mächtiger Holzstoß prasselt im Ofen. Vier Rodler erhoben sich gerade, um sich zur Talfahrt anzuschicken. Sie grüßten Nazi und ver-. ließen das Zimmer. Er ist ganz allein. „Schau, schau!" dentt er bei sich, „wie sich so ein verdammtes Berg in d' Läng zieht!" Ein leises Unbehagen steigt in ihm auf. Er denkt an die Talfahrt! - Aber dann fant der Wirt mit den: Krug und dem Essen, Und Nazi vergaß alle Sorgen. Während' er sich an den: vortreffliche:: Braten gütlich tut, geht die Tür auf — und eine große, vierschrötige Gestalt tritt ein.) Nazi bleibt der letzte Bissen in der Kehle stecken, und d:g Gabel fällt klirrend unter den Tisch — so erschrak er — denn der Mann ist — ist — sein Todfeind, der Wastl! Der andere tut nicht dergleichen, als kennte er den Gast.. Nur ein hämisches Lächeln stiehlt sich flüchtig über seine brcitenj Züge. Der Wirt kommt auch wieder in die Stube. „No, warn S' droben am Gipfel?" fragt er den Wastl« „3a, schön war's! Eine Aussicht — großartig!" „Ja, in: Winter is no viel schöner als in: Summa!" meint der Wirt. „Gehn Sie aa noch ausi?" fragt er Nazi. „Na! na!" antwortete der hastig. „Nicht um eine Million!^ wollte er hinzufügen, aber er verschluckte es. Er hatte genug- Wieder streift ihn ein böses Lächeln des Wastl, dann erhebt sich der Todfeind, sagt „Grüß Gott" zun: Wirt, ohne seinen! früheren Freund eines Blickes zü würdigen, und geht. Den Wirt ihm nach'. Wie sie draußen Waren, hört Nazi den Wirt noch rufenck „In diq Serpentinen staad fahrn, Herr, sie san gach, mch 's haut Eahua leicht außi!" Dann war's totenstill. Nazi hätte einen Augenblick das Gefühl, als sollte er aufspringen und seinen Freund zurückrufen. Es wär' doch besser, wenn sie miteinoinder ctbfahren würden» Dgnnj aber lachte er über sich selbst. Bah! So was! Dem ein gut's Wort geben! So einem gemeinen Kerl! Nein! Niemals! Lieber! auf allen vieren bei: Berg nunterrutschen, als mit den: elenden! Menschen beisanmren sein! Gedankenvoll .blickte er durchs Fenster hinaus. Die Gipfel! ringsum glühten im letzten Abe:ck>sonnenschein wie Fackeln, diq violetten Schatten waren schon bis zum Haus heraufgekr«hen.> „Die Serpentinen staad fahrn. . ." Nazi dachte an beit letzten steilen Weg herauf, und es ward! iHv: doch etwas ungemütlich. Wie würde er da hinunterkommen? Mit einen: gluck springt er auf. Er ist entschlossen. Vorwärts muß er, mag's gehen, wie's will! Dann .ruft er den Wirt, zahlt, holt feinen Schlitten Herbci/ setzt sich darauf und — los ging's. „Langsam! Langsam! Langsam! Brceemsen!" schrie ihn: der Wirt nach. Er hörte es kaum mehr. Dumpf klirrt der sausende Schlitten auf der hart gefrorenen Bahn, links uub recksts stäub Ü der Schnee auf — da, eine Kurve — rrrumms! Der Schlitten macht eine Bewegung, als wollte er sich umkehren, und Nazi stak mit dem Kopf in der hohen Schneewand, die die Bahn eins säumt. Fluchend und den Schnee aus der Nase pustend, arbeitete! sich Nazi heraus. Jnzwichen war der Rodel hundert Meter allein den Berg hinuntergefahren und wartete bei der nächstes Kurve geduldig auf seinen Herrn. Tann begann die Fahrt von neuem. Nazi versucht es mit dem Bremsen, aber da er nicht weiß, wie's gemacht wird, kommt der Schlitten bald loieber in ein wahnsinniges Tempo, unb| hilflos fliegt bet Ticke bei der nächsten Kurve wieder in bett Schnee. So ging 's wohl ein halb Dutzend mal, immer energischer! wurden die Kurven der verflixte:: Serpentinen „genomme::", denn die Widerstanbskraft und Energie bes armen Nazi wurde immer geringer, so daß der Rodel mit seinem Herrn sich die sonderbarsten! Extravaganzen erlaubte. Ter letzte Sturz hat Nazi den Rest gegeben. Mit feiner Kourage ist's zu Ende. Gottverlassen sitzt er im Schnee und ächzt. Und der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn. Wie den Berg hinunter? Ten Schlitten besteigt er um keine:: Preis der Welt mehr. Ta bricht man sich Hals und Beine! Aber auch das Gehen ist auf der hart gefrorenen Bahn nicht weniger gefährlich. Nazi sieht sich schon als erfrorene Leiche in dieser Bergwildnis — von Füchsen gefressen. . . huh! Ta, was war das? „Ho — Ho — hallo!" tönt es aus der Höhe. Dazu ein knirschender, klirrender Klang wie von einem sausenden Schlitten. „Hallo!" antwortet Nazi mit dem letzten Aufwand seiner! Kraft. _ ,z Er fühlt, jetzt ist er gerettet. Der Rodler muß ihn ißi»! nehmen, er mag wollen oder wicht. 4 Im nächsten Augenblick rattert der Schlitten daher. Ein zischender Saut, und er hält dicht beim Nazi „Servus, Nazi! Was rs? Warum fährst denn net? Wulst a Eisbad nehmen?" ~ ,c . .. <. Nazi schwinden die Sinns ■— es ist sein Todfcmd, beti — i—" stottert er fassungslos. „Aber woher kommst denn du?"Tu bist doch schon vor mir —?" , . . . , Der Nazi kann in der Dämmerung das giftige Lächeln fernes freundes nicht sehen, sonst würde er sich nicht werter rott ihm eiitget ajjen^aben.. mjr g'schwind —i a Paar Alma- Uosen da drob'n briockt." , , „So — so!" Nazi füW, daß ihir der andere verhöhnt, über er hätte ihn doch umarmen mögen dafür, daß er nicht an ihm nacha fahr i wieder", sagt der Wastl und macht Anstalten, davonzurodeln. „I — i — Wastl — i bitt di —" „No, ivas is — ?" „ „Geh — sei gescheidt — san mir wieder ffuat" „Ah!" entgegnet Wastl pathetisch. „Ich bm dir! tret bös e— du hast mi bloß g'schnittcn!" „Na, na — das war nur so —" „So — das war nur so —" Also —" „Also — san mir wieder guat! Is mir aa recht! lind jcht pfüat di — Nazi —" sagt der Wastl im Tone perfidester Treuherzigkeit. , , „Um Gottes Willen, Wastl — nimm mr mit!" wimmert Nazi in seiner Herzensangst, daß der andere ihm auskommen könnte. Keine Antwort. Tiefe Pause. Mr Nazi ist's eine Ewigkeit. Endlich sagt Wastl kurz und barsch: „Also! Nacha laß dein Rodel lieg'», den frnden's morgen schon. Zu was brauchst du Überhaupts an Rodel. So! Und jetzt sitz bei mir hint auf — damischer Teufel!" Nazi war's bei diesem Wort, als hätte ihm sein Freund Und Retter eine schallende Ohrfeige gegeben. „(Ja, was is?" drängt der andere rücksichtslos. „Willst, pder willst net? I fahr jetzt!" . . m , Nazi erfaßt ein Schwindel. Der eisige Berg, die Nacht l— er allein — und dieser brutale Mensch — Und er saß hinten auf und schlang seine Arme um den Leib Wasils. „Also — los!" lacht der ingrimmig. Und dann geht's los! Wastl kann rodeln. Er ist ein wilder Wahrer. ,Der Schlitten springt unter ihm wie ein toll gewordenes Pferd. Aber er ist mit ihm fest verwachsen. Nazi indessen vergeht bei der rasenden Fahrt Hören und Sehen. „Wastl!" „Was is?" Nazi will antworten, aber die Zahne schlagen ihm klirrend zusammen. Ter Schlitten sprang über einen Eisbuckel wohl fünf Meter weit durch die Luft und hupste krachend wieder auf die Bahn. „Halt di fest — damischer Teufel!" schreit Wastl zurück. ,MH — ah", ächzt Nazi und klammert sich wie ein Ertrinkender an den, der ihn beschimpft. Und weiter geht die abenteuerliche Fahrt. Stellen kommen wie Abgründe so tief und steil; Wastl rast brüllend vor Lust hinunter. Nazi kreischt entsetzt einmal ums anderemal. „Was plärrst denn, damischer Teufel!" jauchst Wastl. „Mir schmeißen um! Mir brechen Hals und 53ein! Um Gottes willen, Wastl, lieber Wastl — fahr langsamer!" „Halt 's Maul — damischer Teufel!" klingt 's zurück. Und jetzt kommt der lange Auslauf der Bahn. Noch einmal nimmt Wastl das fürchterlichste Tempo. Jetzt sieht man das Ziel vor sich, es ist nicht mehr nötig, zu bremsen. Und schlank, wie ein gehetzter Hirsch, rattert der Schlitten hin, daß der Schnee in Wolken stäubt. Und dann — ein mächtiger Ruck — Wastl springt wie der Blitz auf — steht bombenfest — indessen Nazi mit doppeltem Salto mortale in den Schnee fliegt. Wastl lacht, daß es von den Bergen dröhnend widerhallt. „Siehgst's — so fahr i! Du — damischer Teufel!" Er hatte feine Rache dafür, daß ihn der andere geschnitteri hatte. Nazi weiß nichts zu sagen. Aber er fühlt, daß der Freund recht hatte. Er war ein Waschlappen. Und stumm und besiegt geht er neben ihm nach Tegernsee. Sie sind heute wieder die besten Freunde. Sie terteln sogar wieder miteinander. Und Nazi nimmt seinem Spezi nichts mehr übet. _____ * Pariser Weihnachtsaphetit. Daß die Parisüg über einen gesunden Appetit verfügen, davon zeugt eine amüsante Statistik, die der Ganlois aufgestellt hat. Er wollte ergründen, wie die Pariser den heiligen Abend feiern, und wandte sich an einest Beamten der Markthallenverwaltung, der dem Interviewer eine erschöpfende Antwort erteilen konnte. Seit jeher ist dem Pariser der Weihnachtsabend der Anlaß zu einem üppigen Festmahle. In diesem Jahre wurden in den Markthallen für das RsveillotK Souper gekauft: 189 648 Kilo Geflügel, 70 000 Kilogramm! Butter, 200 000 Kilogramm Blutwurst, 9308 Stück Wild, 131 600 Pfund Käse, rund 280 000 Pfund Seefische, 17 700 Pfund Flußfische, 28 700 Pfund Muscheln und Krabben, 2000 Pfund Weinbergschnecken und genau 76 000 Pfund frische Austern, ungerechnet all der Leckerbissen, die nicht auf dem Umweg über düst Martt in die Pariser Küchen fließen. . , * Die Psychologie des Rückens. Die Findigkeit beti Charakterdeuter, die aus Augen, Nase und Händen, aus befl Art, die Zigarre zu halten, ja sogar ans der Weise, in der das einzelne Individuum seine Stiefelsohlen abnutzt, mit imfehlbarep Sicherheit den Charakter jedes Menschen erkennen möchten, hat ein neues Mittel sicherer Charakterdeuttmg entdeckt: die Form! und Gestaltung des Rückens. Eine englische Zeitschrift gibt einige interessante Stichproben dieser Psychologie des Rückens. Dey Mann mit einem guten, wohlgeformten, geraden Rücken wird stets parallele Erscheimingen in seinem Charakter aufweifen: er trägt den Kopf aufrecht und scheut es nicht, der Welt ins Gesicht zu sehen, er ist entschlossen, energisch, und man mag sich getrost auf ihn verlassen. Selbst beim Sitzen wird ein solcher Mann! den Rücken nicht beugen, von seiner ganzen Persönlichkeit strömt ein Eindruck von körperlicher und geistiger Krafts aus, er hat, um mit dem Volksmund zu reden, „gesundes Rückgrat'. Wo dagegen der Rücken in weichlicher Äuitdung sich krümmt, da mag man auf eine Schwäche des Charakters schließen, auf em lässiges Hin- und Her pendeln zwischen Wünschen und Gefühlen, auf mäßige Arbeitskraft, auf Schwäche. Kurz, solche Menschen sind selten dem Daseinskampf gewachsen. Bei allen Entgleisteln, bei den meisten Bettlern und Vagabunden wird man diese Rückenform feststellen. Auch der Verbrecher hat gewöhnlich einen rund gewölbten Rücken, der meist mit etwas gehobenen, eckigen Schul- tern verbunden ist. Der gekrümmte Rücken des Gelehrten dagegen, des Bücherwurms, hat eine ganz andere Form, die sich schwer in Worten beschreiben läßt, die aber bei einem praktischen Vergleich sofort ins Auge fällt. Am meisten aber hüte man sich vsor den Leuten mft 'einem schmalen, leichtgebogenen Rücken, wenn er mit hohen Schultern zusammenfällt. Man hat es hier, so versichern die Charakterdeuter, mit einem ehrgeizigen, aber verschlagenen Gesellen zu tun, der schlau und vorsichtig ist und auf Schleichwegen seinem Ziele zustrebt. Solche tragen gewöhnlich auch ihren Rock zugeknöpft und suchen ebenso ihre Seele zu verbergen. Schließlich mag noch ein weiterer Typus erwähnt werden, die Leute mit einem geraden, aber holen Rücken. Sie pressen die Brust heraus und tragen den Kops steif emporgereckt.. Das sind Leute, deren Selbstbewußtscin übertriebene Formen angenommen hat und die Gefahr laufen, früher ober später int Leben zu scheitern, weil sie ihre eigenen Schwächen ebenso wie ihre Mitmenschen unterschätzen und in dem imbeschränkten Glauben an ihre Fähigkeiten sich Ziele stecken oder Haudlimgen begehen, denen.ihre Kraft nicht gewachsen ist. * Beim Heiratsvermittler. „Ist die Dame auch musikalisch?" — „Natürlich, deshalb will sie ja der Ulte gerade verheiraten!" Skat-Aufgabe. Hinterhand spielt mit: ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ Pique-Solo. Kann da? Spiel verloren gehen, wenn die übrigen Trümpfe verteilt sind. — Wie saßen die Karten und wie mußte gespielt werden? Auflösung in nächster Nummer» Auflösung des Neujahrs-Rösseliprungs in voriger Nummer: Jahre kommen, Jahre schwinden, Und kein Zaubrer kann sie binden, Rastlos rollt das Rad der Zeit. An des Neujahrs erstem Tage Möge schwinden jede Klage, Ferne bleiben jedes Leid. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»