Mittwoch den Zebruar EL» du '' M nljijJnra ±5grgrgf a Das Witwenhaus. Roman von Helene von Mühlau. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Beruhigen Sie sich matt, Mau Oberlehrer!" sagte die Kosh herzlich. „Tinge, die einmal geschehen sind, mutz man ruhig hinnehmen; das Ausregen und der Aerger ändern ja doch nichts. Der Sommer ist ja auch noch nicht zu Ende!" Aber die Specht war für keinen Trost zugänglich. Und wie sie jetzt auf dem Flur die Häuflein in übermäßig liebenswürdiger Weise mit den Herrschaften sprechen hörte Und aus dem, was sie sagten, entnahm, daß die Vermietung perfekt geworden war, blieb sie nicht länger Herr ihrer selbst. Sie weinte laut auf, und wie die Häuflein zurückkehrte, raste sie auf den Flur itnd schrie mit erstickter Stimme: „Meinen Stickrahmen! Mein Bibliotheksbuch! Augenblicklich! Hören Sie, augenblicklich, Die---" Das Saalehaus mit seinem schmalen Gärtchen lag nun einige Monate lang in Sonne und Licht gebadet. „Was ein echter Winter ist^, der bringt auch einen guten Sommer mit sich!" sagte die Kosy gut gelaunt, denn es ging ihr jetzt alles nach Wunsch. Bei Frau von Hil- bach waren ständig Kurfremde, die zum Teil einen anständigen Preis bezahlten; sie selbst hatte die Stelle am Brunnen erhalten und nahm für die paar Stunden Dienst am Tag ein hübsches Geld ein, und zudem hatte sie ihr Schlafstübchen an einen der Schiffer vermietet, die die Motorboote, die vom Restaitrant „Zur Loreley" bis zur Rudels- burg fuhren, bedienten. Die Frau Lengerich Hütte auch vermieten können, wenn sie gewollt hätte. Aber die mußte wieder ihre komische Laune haben, denn sie schloß sich von aller Welt ab, und das Mädchen, das ihr Essen kochte, verwunderte sich auch, weil die alte Frau tagaus taget« bei diesem herrlichen Sommerwetter in der Ofenecke saß, vor sich hinstierte und mit sich selber sprach. „Meine Frau muß sehen, daß sie die auf gute Art aus dem Haus kriegt!" dachte die Kosy; so eine, die immer mit sich selber spricht und vor jedem Reißaus nimmt, ist fähig, einem das Haus über dem Kopf anzustecken oder sonst was Schreckliches zu tun. An der Gräfin haben wir schon eine, der nicht zu trauen ist." Die Sommergäste der Frau Häuflein blieben sechs Wochen lang und zahlten einen hohen Preis. Sie hatten sich auch sehr innig mit der liebenswürdigen Frau Hänflein befreundet und forderten sie bei allen Spaziergängen zur Begleitung auf, und wenn die Frau Specht durch ihre Minna von dem guten Einvernehmen hörte, dann wurde sie krank und mußte im dunklen Zimmer auf dem Bett liegen. Frau von Hilbach hatte Mitleid mit ihr und schütte ihr zweimal einen mietlustigen Sommergast herauf, aber Frau Specht ließ danken. Und wenn sie verhungern sollte, von Frau von Hilbach wollte sie keine Wohltaten. Sie hatte ihren Racheplan fertig, und wenn sie erst wieder unter sich waren, wen« all diese unleidlichen Berliner fort waren, dann sollte di« Zeit der Vergeltung kommen. Fürs erste ließ sie ihre schlechte Laune an ihrer Minnoi aus, und dte gab dafür alle Heimlichkeiten des Spechte schen Haushalts preis. 1 Die Pastorin flatterte wie ein junges Mädchen treppauf, treppab. Sie vergaß ihren Badegästen gegenüber voll- kominen ihre gräfliche Abstammung, bediente sie eigenhändig, wenn ihrer alten Magd die Arbeit zu viel wurde, und erzählte jedem, der es wissen wollte, sie habe jetzt so viel Geld im Haus, daß sie gar nicht mehr wisse, wo fte es unterbringen solle. „Nähen Sie nur mal nicht wieder die Hundertmarkscheine in Ihre Taschentücher, Frau Gräfin!" riet ihr die Kosy. „Lieber besorgen Sie sich Ihre Winterfeuerung zu Sommerpreisen. Sie wissen, wie das tut, wenn man sich alles zusammenborgen muß!" „Sie haben recht, Frau von Kosczyskowskh>" sagte die Pastorin, „wenn auch die Art zu reden, deren Sie sich mir gegenüber bedienen, nicht die richtige ist; aber wenn Sie die Güte habeit wollten, und die Besorgung für mich übernehmen würden, so wäre ich Ihnen dankbar!" „Gewiß, Fran Gräfin! Auch mit Kartoffeln, Aepfeln und anderem Wintervorrat stehe ich zur Verfügung." „Meinethalben!" antwortet die Pastorin, und sie zahlt« alles bar und war froh und glücklich, daß sie so praktisch gehandelt hatte. Zehntes Käpitel. „So, Frau von Hilbach, nu können Sie ruhig wieder Ihre Vorderstübchen beziehen!" sagte die Kosy, als die letzten Sommergäste gegangen waren. „Es ist ja zwar erst Ende September und da kann immer noch der eine oder andere für ein paar Tage kommen, aber das ist Glückssache, und wenn wirklich noch einer nach Wohnung fragt, dann kann er die Mittelstube mit dem Alkoven kriegen. Was meinen Sie?" „Machen Sie, was Sie wollen, Kosy!" meinte Frau von Hilbach. „Ich bin froh, daß ich wieder mit mir allein bin, und wo ich wohne, ist mir gleichgültig. Einstweilen wohnen wir im Wald!" „Sehen Sie, so was kann mich erfreuen, Frau von Hilbach, das zeugt doch von ein bißchen Lebenslust, daß Sie das ewige Grübeln und Zimmervermieten satt haben. Nehmen Sie das Jungchen mit heraus, dem tut das auch gut, und unsere Gräfin zottelt ja wohl auch mit. Jetzt, wo ihre Berliner fort sind, sind wir wieder gut genug/* „Sie müssen mit ihr nicht so genau rechnen, Kosy!** saate Frau von Hilbach, und die Kosy stimmte ihr bei. 70 — „Marr weiß ja, daß sie ein bißchen schrullig ist, und das Geld, das sie jetzt eingenommen hat, verdreht ihr den Kopf eine Weile Wenn's bis Weihnachten langt, darin müssen wir froh sein; nachher haben wir sie doch wieder auf dem Hals. Aber die alte Stickerei lassen Sie mal zu Hause, Frau von Hilbach. Ganz so nötig wie im vorigen Winter haben wir's ja dieses Jahr nicht. Wenn wir alles f enau einteilen und wenn keine Extrasachen kommen, dann önnerr wir glatt bis zum Frühjahr durchkommen. Ein schönes Gefühl ist das doch, nicht wahr?" „Was sollt' ich wohl ohne Sie anfangen, alte Kosh?" sagte Frari von Hilbach herzlich rind strich der dicken Polin Uder die grauen Haare. ,F) meine liebe, gute Gnädige!" Kosh war ganz gerührt und wollte ihrer Herrin die Hände küssen; aber Frau von Hilbach wandte sich Um. Die Pastorin hatte von draußen ans Fenster geklopft und winkte eifrig. „Kornmen Sie, kommen Sie, Frau von Hilbach, ich muß Ihnen was erzählen !" „Vergessen Sie das Frühstück nicht, Fran von Hilbach, und seien Sie pünktlich zum Mittag zurück. Adieu, adieu, viel Vergnügen!" Sie ging noch bis zur Haustür mit heraus, steckte dein Jungen ein paar Aepfel in s asche und begab sich gut gelaunt ans Aufräumen der Rimmer. „Frau von Hilbach," begann die Pastorin eifrig zu ihrer Begleiterin, als sie zusammen dem Wald zuschritten. „Nein, Frau von Hilbach, wenn das wahr ist, was die Specht gesagt hat, dann niüssen Sie der Lengerich augenblicklich kündigen! Spechts Minna hat mir da gestern abend Dinge erzählt, nun, Sie würden staunen! Auch über Namsius' Frieda, und das ist in seiner Art noch schrecklicher, als das mit der Frau Lengerich, die man ja eigentlich nur bedauern kann. Aber kündigen müssen Sie ihr doch, schon wegen dem Renommee des Hanfes, und wenn Sie es Ihretwegen nicht tun, so müßten Sic es schon der Mieter wegen tun." Frau von Hilbach wurde traurig. Sie hatte sich auf einen stillen, einsamen Morgen im bunten H.-rbstwald gefreut; sie hatte Sehnsucht nach sich selbst gehabt, nach all ihren traurigen und frohen Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen. Die Begleitung der Pastorin war ihr lästig gewesen, aber sie hatte es ihr nicht abschlagen wollen. Sie hatte auch gehofft, sie könnte „rit der Pastorin hin bißchen über Tinge reden, die nicht so ganz materiell waren, nun aber kam die ihr mit Klatsch und Klagen, und das tat ihr weh. „Sehen Sie mal, Frau Pastorin, es ist so ein wunderschöner Tag heute, noch so warm und Duftig, und man möchte nur an schöne, frohe Srchen denken. Warum wollen wir nzis gerade so ein paar stille Stunden durch etwas Häßliches verderben?" Aber die Pastorin war in einem Uebereifer; ihre Gedanken tonten auch durch die vielen praklstchen Arbeiten des Sommers so ganz von ihrem idealen Flug heruntergeholt worden, oafi sic sich in Frau von Hilbachs Stimmung nicht versetzen konnte. „Ich bitte Sie, Frau von Hilbach, so etwas geht doch vor!" behauptete sie vorwurfsvoll. „Ich begreife gar nicht, daß Sie solchen Dingen, die Sie doch am meisten angehen, so gleichgültig gegenüberstehen. Also hören Sie nur zu! Gestern abend, wie ich au meinem Korridorfenster stehe tmd mir das schöne Bild draußen anblicke, das mir jo viel Sommergäste einbringt, da kommt Spechts Minna und stellt sich au der Lengerich Tür und lauscht, und wie ich frage, was sie da macht, winkt sie mir: „Hören Sie mal!" Da sollte man aber wirklich das Grausen kriegen, Frau von Hilbach. Wir haben durchs Schlüsselloch gesehen: da lag die alte Frau der Länge nach auf dem Boden und hatte ihre Hände in den Teppich gekrampft, und dann betete sie und fluchte abwechselnd und schrie auf und stöhnte. Und oanu sagte Spechts Minna, ihr Mann sei ein Mörder gewesen, bett sie aufgehängt hätten, und ihre Frau zöge aus deswegen, denn das sei eine starke Zumutung für anständige Frauen, mit der Witwe eines Mörders in einem Hause zu wohnen. ■— Nun, Frau von Hilbach, ich wollte dem Mädchen natürlich nicht glauben und klopfte bei der Frau Specht an, um ihr mitzuteilen, was ihre Minna für Sachen erKählte, aber die Specht sagte, das sei alles wahr, pnd Sie wüßten es ganz genau, und auch, daß NatnsiuS' Frieda et$t Kind bekommt, wüßten Sie, aber das wäre Ihnen alles egal, und Cie wären viel zu gleichgültig und zu ängstlich, um so etwas abzuändern, und bann hatten Sie es sich schließlich selber zuzuschreiben, wenn Ihre anständigen Mieter wegzögen." Aus Frau von Hilbachs Gesicht war alle Freudigkeit gewichen. „Von Frau Lengerichs Schicksal hatte ich keine Ahnung; aber wenn Sie sich zu hoch dünken, um mit so einem armen Geschöpf auf demselben Flur zu wohnen, so mutz ich es Ihnen natürlich freistellen, mir zu kündigen, Frau Pastor!" Sie war selbst erstaunt, wie sie das gesagt hatte, denn es hatte eine große Bitterkeit in ihrem Ton gelegen, und die Pastorin sah sie starr an. „So etwas sagen Sie mir, Frau von Hilbach? Mir, die es so gut mit Ihnen meint, die Sie nur warnen will? Ich meinte, das hätte ich nicht verdient!" entgegnete sie weinerlich und zog ihr großes Taschentuch aus der Tasche. „Wenn das mit der Frau Lengerich wahr ist, Frau Pastor, so werde ich ihr deshalb gewiß nie kündigen, und wenn die Frau Specht zehnmal deswegen auszieyt! Und ein Mädchen, wie die Frieda Natusius, kann ich auch nicht verurteilen." . . „Die können Sie nicht verurteilen?" rief die Pastortn entsetzt. „So etwas können Sie nicht verurteilen? Aber das ist doch die größte Schande, die ein Mädchen auf sich laden kann. Und das können Sie nicht verurteilen? Nun, offen gestanden, Fran von Hilbach, dann haben Sie etwas merkwürdige Ansichten über Moral!" (Fortsetzung folgt.) Erlebnisse in den Ianuarlagen 1871 im Departement Eure et Loire. Die Winterquartiere der 22. Division erreichten in niedlichen; Tälern der oberen Eure in Mainkenon Mogenl le Roi usiv. am 3. Januar 1871 ihr Ende. Ten Weihnachtsabeild, den «ilvester- abend hatten wir unter dem brennenden Weihuachtsbaum gemein» sam gegiert: Infanterie-, Kavallerie-, Artulerleostiziere und alle Den Truppenteilen augehörendeir Aerzte. Auch alte Mannschasten Hattert sich Weihnachtsbäume verschafft, sie standen massenhait im Gemisch mit Laubhvlzern auf Den (teilen Höhen, die uns umgaben. Tie Forstbehörde hatte nichts hineinzureden. Wir fühlten uns hier als die Herren. Tie schönsten Stunden an diesen Feiertagen, den Ruhe- und Erholungstagen waren die im engen Quartier zu zweien ober dreien. Ta ginge weniger lärmend her und die Briefe ans der Heimat gaben Anregung genug zu behaglichem, anregendem Geplauder. Diese enge Verbindung der Glieder der Armee mit den Angehörigen in der Heimat hat viel dazu beigetragen, die allzu- große Verwilderung der Sitten hintanzuhalten. Immerhin wars ein Glück, daß der Krieg mit dem Eitde des Monats Januar sein Eirde erreichte. Am frühen Morgen des 4. Januar gellten Misere »unter! durch die Täler zum Sammeln. Wie immer, standen nach zehn Minuten die Bataillone marschbereit. Ich hatte die Fahne aus dem Batailwusstabsquartier abzuholen und trat eben damit beim Bataillon ein, als mir der Regimentsadjutant den Befehl überbrachte, mit einem Kommando von 150 Mann nach dem Schlotte Maintenon zn marschieren, um den Prinzen Albrecht (Vater), der bis dahin die 4. Kavalleriedivision befehligt hatte und nun krank in jenem Schlosse lag, gegen Ueberfälle durch Franktireurs zu schützen. Prinz Albrecht war der Bruder Sr. Majestät des Königs. ,, . . , „ Eine Trennung vom Regiment ist immer eine unangenehme! Sache. Ich hatte das in diesem Kriege schon zweimal erfahren. Einmal durch meine Verwundung bei Wörth, das anderernal durch den Gefangenentransport von bei Sedan gefangenen ©olbatert nach Pont ä Mousson. Jedesmal fand ich erst nach Wock-en unter großen Schwierigkeiten mein Regiment wieder. Während dieser Zeit empfängt man keinen Brief, keine Nachricht ans der Heimat,. Tas Kommando von 150 tlnteroffiziereit und Soldaten fands ich in einer Nebenstraße ausgestellt, alle 48 Kompagnien der Tivision hatten dazu beigefteuert. Natürlich hatten dieselben nicht ihre besten, leistungsfähigsten Leute hergegeben. Ich kannte keinen einzigen von diesen 150 Soldaten. Mein Regiment hatte frisch eingetroffene Ersatzmannjchasten abgegeben. Ich sah das Kommando als eine Kompagnie an, teilte es entsprechend ein und marschierte ab nach Maintenon. Der 4. Januar 1871 war ein sonnenheller, srostklarer Wintertag. Ein leichter Schnee bedeckte die Landschaft. Ich marschiierie vor meiner Kompagnie her uni) überlegte, was ich nun, in Maintenon angekommen, zu tun haben würde. Ein ganzes Städtchen mit 150 Mann verteidigen, das würde wohl nicht gehen — ich tarn zum Schluß: erst sehen, dann sich kurz entschlossen einrichten. Ich sah mich nach meinem Kommando um, ach du lieber Gott, wie sah das aus. Ich schämte mich meiner Unachtsamkeit, wie eine Herde Gänse die ganze Straße 71 t > e Ä t a j i z ziehen, es muß gemacht werden. Und es ging. So kam der Anzug nach und nach in Ordnung. Tas gute, verrostete Zündnadelgewehr, was hat sich das alles gefallen lassen müssen, ohne doch jemals zu versagen. Wie wird es unserem modernen Gewehr gehen in einem solchen Kriege. Wie viele Gewehre werden zugrunde gehen und ausgewechselt werden müssen. Tas Zündnadelgewehr versagte nie, es schoß, bis 300 Schritte wundervoll, die Patronen gingen immer glatt durch den Lauf, und wenn die durch Pulverschleim verkrustete Züudnadel das Nadelrohr nicht mehr passieren konnte, dann half ein Handvoll Schnee dem Uebel ab. Gabs keinen Schnee, so spuckte der Schuhe kurzerhand auf die Nadel. Das Spucken war zuweilen schwierig, wenn der Gaumen infolge der Aufregung oder der Anstrengung! staubtrockeir war. Zündnadelgewehr und Seitengewehr kamen gleichzeitig zu ihrem Recht, alles erhielt wieder, wenn auch nur einen matten Glanz, und nach acht Tagen sah das Kommando so anständig aus wie möglich. Auch die regelmäßige und gute Lebensweise brachte die Leute wieder in bessere Verfassung, sie erholten sich meist wieder. Tas Städtchen war mit 150 Manu gar nicht zu verteidigen^ Ich hätte mich gegebenenfalls auf die Verteidigung des Schlosses beschränkt, das von der Eure, ein Fluß wie die Lahn, unmittelbar umströmt wurde. Die paar Brücken waren besonders auch von den massiven Ecktürmen her unter Feuer zu halten. Jeden Tag passierten den Ort starke Kavalleriepatrouillen, besonders von Rambouillete her. Die Offiziere teilten mir alles mit, was sie auf diesen Ritten erspähten. So erfuhr ich, daß im Rücken unserer gegen le Mans vorgegangenen Armee starke feindliche Haufen wieder auftauchten mit Artillerie und Kavallerie. Tas Schloß Maintenon ist im Renaissancestil unregelmäßig gebaut. Starke Ecktürme flankieren seine Mauern. Das Wasser der Eure bespült dieselben. Das Schloß steht auf einer künstlich geschaffenen Insel, ein 600 Morgen großer Park mit prachtvollen Alleen dehnt sich hinter dem Schloß aus mit seinen Wasserläufen und Seen. Durch den Park führt der Aquädukt, den Ludwig XIV. anlegte, um das Wasser der Eure in den Versailler Park zu leiten. Ter Ban ist unvollendet geblieben, bei vielen der 40 mächtigen Bogen fehlt schon die innere Wölbung, die EinsassungsbogeN schweben gleichsam in der Luft und doch wird das ruinenhaftze Bauwerk noch Jahrhunderte überdauern und dem Park als alt- ehrwürdiger Schmuck dienen. Tas Schloß hatte Ludwig XIV. der Erzieherin seiner! Söhne, seiner späteren Geliebten und heimlich angetrauten FraN geschenkt, die dann den Namen des Schlosses arttrahm. Der gegenwärtige Besitzer war der Herzog von Moveilles, damals Gesandter «in Rom. Einstweilen trauten wir seinen Wein, verbrannten eine Menge Holz und tafelten in dem prachtvollen Speisesaal. Leider burfte ich mich den Tafelfreuden nicht hingebeir, meine Verdauungsorgane waren durch die langen Entbehrungen offenbar so zusammengeschnurrt, daß sie nicht aufnahmefähig waren für alle die guten Dinge, die ihnen auf einmal geboten wurden. Sie konnten sich nur allmählich daran gewöhnen. Zum Glück Rauben wir hier aber in Verbindung nut bei) großen Welt durch einen Draht, der in das große Hauptquartier nach Versailles führte. Dort wurde ja damals die Geschichte Europas gemacht und wir standen nahe vor dem Abschluß großer weltgeschichtlicher Ereignisse. Ta war es interessant, bet Tische zuzuhoren. Die Herren sprachen mit einer Ungeniertheit über Personen uitb Verhältnisse, die mich überraschten, mich aber erkennen ließen, wie sehr man auf die Verschwiegenheit derer rechnet, die die Uniform des Offiziers trauen. Man ist gewohnt, auf unbedingte Diskretion zu rechnen. So viel intime Hofgeschichten habe ich in meinem ganzen Leben nicht wieder gehört, als damals in wenigen Wochen. Der Prinz war meist nicht zugegen, er lag zu Bett, ich wurde an das Bett geführt, um ihm vorgestellt zu werden. — Bei Tische servierte der in Berlin stattbekannte Mohr des Prinzen und ein Letbjäger. lieber die Vorgänge auf den Schlachtfeldern waren wir stets auf dem Laufenden. Gegen die Westarmee unter Chancy (früher 2. Loirearmee) ging Prinz Friedrich Karl vor und schlug sie am 10., 11. und 12. Januar zurück auf Nimmerwiedersehen. Dabei war aud) das 13. Armeekorps, gebildet aus der 17. Division und 22. Division. Der letzteren gehörte mein Regiment an. Gegen die Nordarmee unter Faibherbe kämpfte am 3. Januar General von (Soeben bei Bapaune zum Schutze der Einschließung der an der Somme liegenden Festttng Päronne. Der französische General ging in den Schutz der hinter ihm liegenden Festungen zurück, auch (Soeben ging am anderen Tage hinter die Soutme zurück. — Ader schon am 19. Januar schlug General v. (Soeben, nachdem am 9. Januar die Festung PSronne genommen war, mit vereinten Kräften den General Faibeherbe bei St. Quentin endgültig. General v. Manteuffel, der die 1. Armee hier oben bis zum 7. Januar befehligt hatte, wurde an diesem Tage abberusen, um Idas 2. und 7. Armeekorps, die beiMontargis undAuperre für ihn bereit standen, zu übernehmen, um dem General v. Werder, der an der Lisaiue in großer Not war, zu Hilfe zu kommen. Manteuffel sollte über alle Truppen, auch über die Zcrnierungstruppen, bei Belfort den Oberbefehl übernehmen. Die Armee auf dem südöstlichen Kriegsschauplätze führte mm jetzt äb unter Manteuffel ' den Namen „Südarmee", einnehmend. Tarn es hinter mir her, ganz hinten die Krüppel und die Lahmen, die schon jetzt nicht mehr mitkonnten. Ich ließ halten, ordnete aufs neue, sprach mit den Unteroffizieren über Marschordnung und über ihre Pflichten dabei, und dann gings wieder vorwärts. Nun ließ ich meine Kompagnie nicht mehr) pus den Augen. Nach einer Stunde waren wir schon in dem freundlichen Maintenon an der Eure gelegen. Eine ganze Anzahl Seitentälchen führten auf die Höhen ringsum. Ich löste die dem Schloß Maiil- tenon gegenüberliegende Wache ab und brachte meine Kompagnie Hinter: 30 Mann auf Wache, 60 Mann in zwei große (Safes Heben den Wache in Alarmquartiere, den Rest von 60 Mann in enge Quartiere nahe der Wache. So hatte ich mein Kommando wenigstens nahe zusammen auf den ersten Schuß. Ein Beritt Husaren als Meldereiter stand mir außerdem zur Verfügung, Ich suchte mir ein Quartier nahebei und eben hatte mein Bursche, der einzige Mensch, der mir vertraut war, meine wenigen Habseligkeiten ausgepackt, da trat ein Adjutant des Prinzen — ein Major von den schwarzen Husaren bei mir ein und lud mich Um Namen des Prinzen ein, im Schlosse zu wohnen und an den Mahlzeiten teilzunehmen. Ich machte den Adjutanten darauf aufmerksam, daß der Wafsenrock, den ich trage, und den ich bei her Mobilmachung angezogen hatte, der einzige sei, den ich besitze Und daß ich doch unmöglich in dem Aufzuge an der Tafel des Prinzen erscheinen könne. Mein Gepäck sei mir durch meine Verwundung bei Wörth abhanden gekommen. Der Adjutant erwiderte, das tue nichts, wir seien im Kriege, außerdem werde er dem Prinzen Mitteilung von der Sachlage machen. Kurz, ich zog im Schloß ein, man wies mir eine wundervolle Wohnung nach stier Parkseite hin an, zu der eine Wendeltreppe durch einen massiven Turm hinanfführte. Prachtvoll eingerichtete Räunic, die ich gar nicht zu beschreiben wage. In dem Riesenkamin brannte ein gewaltiges Feuer — vielleicht das erste in diesem Winter, denn die Wände strahlten eine intensive Kühle aus. Erst nach acht Tagen wurden sie erträglich warm. Es gab an diesem Tage no.ch viel zu tun. Meine Leute mußten verpflegt werden, ich hatte mich süjr Wochen einzurichten und war mir darin selbst überlassen. Was ich anordnete im Interesse der Sicherheit des Pr.n en und meaiflj Komma dos, Jomtejtfje zwingen nötigenfalls mit Waffengewalt. Also nun los! Zunächst also den Maire herbei! Ich wandte mich mit der Frage nach dem Maire an eine Gruppe von Herren, Bürger der Stadt, die ich bei der Wache vorsand und die sich für mein Kommando zu mteressieren schienen. Einer besonders, ein groß gewachsener Herr, der Arzt des Städtchens, beantwortete mir einige Fragen über die im Orte vorhandenen Lebensmittel sehr verständig, erklärte aber ausweichend, stls ich von der Beschaffung von Nahrungsmitteln für mein Kommando sprach: man habe hier im Städtchen keinen Maire. Gut, erwiderte ich kurz, bann ernenne ich Sie zu meinem Maire — und — keine Einwendung annehmend, erklärte ich, ich brauch« täglich so und so viel Brot, so viel Fleisch und Kolonialwaren. Hier der Unteroffizier empfängt täglich nach einem von mir unterzeichneten Anforderungszettel. Ich bitte mir in einer Stunde die Läden zu nennen, in denen die Lebensmittel in Empfang zu nehmen sind. — Der Arzt wollte Einwendungen machen, seine Freunde suchten ihn zu unterstütze». Ich erklärte, von meiner Forderung, in aller Ordnung die Lebensmittel von der Stadt in Empfang zu nehmen, nicht abgeben zu wollen. Ich würde, wenn ich kein Entgegenkommen fände, meinen von mir ernannten Maire verhaften lassen und auf die Wache setzen und nur im äußersten Falle gewaltsam die notwendigen Lebensmittel dort Nehmen, wo ich sie fände. Nach kurzer Beratung wurde die Verpftegungsangelegenheih |n