Samstag den 31. Dezember 1910 W L ■ Hl hJ vm Silvester. Nun gef)t her $ßeg zu Ende! — An dunkler Sternenucicht! Erltrahlts zur Jahreswende: „(Sin neues Jahr erwacht!" Durchs Land die Glocken klingen Zum Graß dem neuen Jahr, Und holde Engel schwingen Sich erdenwärts — und bringen Der Bienichheit ihren Glückwunsch dar! Hört, wie im frohen Kreise Die Jugend scherzt und lacht! Gar manche holde Weise Dyrchklmgt die stille Nacht; „Des Jahres letzte Stunde!" Tönts laut von Haus zu HauS —- AuS tiefstem Herzensgründe Tauscht nun von Mund zu Munde Viel Glück und Heil und Segen aus! Otto Promber. Beim Sylvesterpunsch. Skizze von I. v. Keyserlingk-Kern (Liverpool). (Nachdruck verboten.) Der Schnee fegte in großen Stößen über die Felder. Es war ein grimmiges Wetter, das das alte Jahr zu Grabe brachte. Den Gutspächter von Wermsdorf kümmerte es nicht. Er saß schon stundenlang vor seinem Schreibtisch und rechnete. Das Feuer prasselte in dem mächtigen Kachelofen, und vom Flur herein zog der Dust frisch gebackener Pfannkuchen. In die Stille des Zimmers drang kein Laut. Die Feder glitt über das Papier. Oft wurde sie niedergelegt, und der Schreiber starrte vor sich hin. „Es hilft nichts," murmelte er und grub nervös die Finger in den graumelierten Bart. „Ich muß zu Ostern die Pacht kündigen. Der Graf läßt sie nicht herunter — trotz der schlechten Ernten. Der ist zu zähe. Wer mehr darf ich nicht hineinbuttern — schon der Kinder wegen nicht. Was werden die sagen — ihr liebes Wermsdorf . . ." Er stand auf Und trat an das Fenster. Die wirbelnden Schneeflocken verwehrten jede Aussicht. Wer das geistige Auge des Mannes sah durch sie hindurch die Felder, auf denen er gearbeitet, das Land, 'baS er wie seine Heimat geliebt hatte. „Zwanzig Jahre vergebliche Mühe," dachte er, „und Uun muß ich alles hinwerfen und zusehen, wie ein anderer kommt und auf meinem Acker weiter baut," Dem Hause näherten sich fröhliche Stimmen. In der Dämmerung konnte man ein paar kleine vermummte Ge- stalten erkennen, denen zwei größere voraufgingen. „Die Kinder — sie dürfen heute noch nichts merken. Am Sylvesterabend sollen sie noch fröhlich sein. Den Kummer erfahren sie früh genug," murmelte er, ging selbst, unt ihnen die Tür zu öffnen und rief in den Hausflur hinaus, wo jetzt ein Getrappel und Gestampf entstand: „Ihr müßt ja bald eingeschneit fein. Wo wart ihr denn?" „ ,, „In Schulzendorf —„Der See ist schon zu,, Vater." „Da können wir bald Schlittschuh laufen," tönten dre Sttm- men durcheinander. Die beiden Kleinen versuchten, in die Stube zu drängen, ihre Wenteuer erschienen ihnen so furchtbar wichtig. Aber die große Schwester nahm sie bet der Hand: m , „Erst die Stiefel wechseln. Ihr bringt ja Vater bett ganzen Schnee in die Stube." „Natürlich, er gehört doch zu Sylvester." Der Primaner Ernst trat in des Vaters Stube. De« lang aufgeschossene Junge mußte sich unter der Tür bücken. Ja, der trat nun auch bald ins Leben — der Mann seufzte — an dessen Zukunft war zunächst zu denken. „Ich wollte mal mit dir reden, Vater," sagte Ernst. „Morgen haben wir schon das neue Jahr, und zu Ostern mache ich mein Abiturium. Da müssen wir uns doch mal klar werden, was dann geschehen soll." „Du sprachst immer von studieren wollen." Der Vater räumte den Schreibtisch auf, unt dem Sohn nicht ins Gesicht sehen zu müssen. „Ich habe mich aber anders besonnen Ich möchte viel lieber Landwirt werden." „Um Gotteswillen —", der Vater suchte sich zusammenzunehmen. Die Kinder sollten ja heute noch nichts merken. „Da hat dich wohl der Schulzendorfer See drauf gebracht?" „ „Ach wo. Es ist doch aber herrlich auf dem Lands — du würdest doch auch nirgend wo anders mehr leben! mögen, Vater, nicht?" „Vielleicht muß es doch mal sein." „Gott behüte uns davor. Ich möchte dich immer nur in Wermsdorf wissen." „Es gehört uns nicht —." „Das lchadet nichts. Die Pacht kannst du immer davon haben. Und wenn'du mal nicht mehr willst, nehme ich eS/4 Der Gutspächter lächelte: diese sorglose Jugend! „Wir wollen später noch mal über deine Ideen sprechen," sagte er. „Jetzt mußt du Mutter helfen den Punsch brauen." Mit heiteren Gesichtern saßen alle um die dampfende Punschbowle. Selbst der Vater vergaß für Augenblicke seinen Kummer, wenn er die Kinder ansah. Sie hatten alte so strahlende helle Augen, und die Gesundheit leuchtete ihnen von den roten Backen. Die würden überall weiterkommen . Die beiden Kleinsten tauchten die Nase tief in das! 814 — Pmsichg'las, Um den herrlichen Duft einzuatmeu. Adelheid, die Aelteste, schlng Bleigießen vor. Sie meinte es ganz ernsthaft. Mit ihrer: achtzehn Jahren wollte sie die Zukunst ein bißchen ergründen. Ernst war auch dafür. Bald aßen alle um die Wasserschüssel, und die blonden und ' »rannen Köpfe rückten eng aneinander, um nichts von dem interessanten Schauspiel zu verlieren. Was für ein hübsches Mädchen die Adelheid geworden war. Das dunkle Haar Umschloß das rosige Gesicht wie der reizvollste Rahmen. Der Vater betrachtete sie heute abend mit prüfendem Mitleid. Das arme Ding würde sich vielleicht mal ihr Brot Unter sremden Leuten verdienen müssen. Ta war Schönheit nur ein Hindernis. Da plötzlich drang Schlittengeläut durch die winterliche Stille; ganz schwach erst — jetzt kam es näher. Der Schnee wirbelte noch immer in dichten Flocken hernieder. Der Gutspächter trat an das Fenster. „Daß die noch ihren Weg finden bei dem Unwetter," meinte er. Da verstummte das Geläut, und gleich darauf wurde die Hausglocke heftig gezogen. „Besuch," sagten die Kinder neugierig. Der Vater ging hinaus und kam bald daraus mit einer ganz in Pelz gehüllten Gestalt zurück ins Zimmer. „Es ist der leibhaftige Knecht Rupprecht, Kinder," rief ex. „Seht ihn euch mal an." Seine Frau trat heran, Uni den Gast zu ergründen. Der jagte mit einer lachenden, jungen Stemme aus seinen Umhüllungen heraus: „Sie kennen mich nicht, gnädige Frau? Ich bin Werner Dassewitz und befinde mich auf dem Wege nach Hause. Mein Kutscher und ich dachten schon verloren zu sein, als wir ihr gastliches Licht erblickten. Weiter können wir aber IMcht ohne Gefahr unseres Lebens." Die Kinder erkannten ihn jetzt auch — das war ja wirklich der junge Graf Bassewitz, der Sohn des Gutsherr». Ernst half ihm aus dem Pelz heraus, alles war in Erregung, km es dem Gaste bequem zu machen. Natürlich mußte er da- bleiben — Bassewitz war viel zu weit, und bei dem Wetter. . . Der junge Mann fühlte die Wärme der behaglichen Stube ihn wohlig durchrieseln. Seine freundlichen Augen Musterten jeden einzelnen. „Wie die Meinen gewachsen sind — ihr kennt mich wohl kaum noch? Und Ernst — zu dem muß ich jetzt! wohl „Sie" sagen — aber Fräulein Adelheid —" Er sah nach den: jungen Mädchen, das eben mit Tellern Und Gläsern hereinkam. Sie wurde glühend rot. „Fräulein Adelheid, als ich Sie das letzte Mal sah, gingen Sie noch in die Schule —." „Und Sie waren Student —." „Richtig. Seitdem sind Sie aher. . . sehr groß geworden," setzte er nach einigem Zögern hinzu. „Hübsch geworden," wollte er sagen, als er sich noch rechtzeitig besann. „Sie sind gerade rechtzeitig sür den Sylvesterpunsch !gekommen," sagte der Pächter. „Der soll Ihnen nach der alten Fahrt schmecken." Der junge Mann hob das dampfende Glas: „Auf Ihr Wohl und den glücklichen Zufall, der mich hierher verschlagen hat!" Dabei sah er immerfort Fräulein Adelheid an. Die füllte in ihrer Verlegenheit alle Gläser, auch die der Kleinsten, die längst genug hatten und schlafbedürftig waren. Dann erzählte Werner Bassewitz, wie er von dem Gute, wo er Landwirtschaft lernte, zu Neujahr habe nach Hause fahren wollen, und in dem Schneetreiben mehrmals den Weg verlor. Er schien aber gar nicht ungehalten darüber zu sein. „Solchen guten Punsch habe ich noch nie getrunken," Sägte er und hielt sein Glas von neuem dem jungen Mädchen jin. „Aber, ich sehe, ich habe Sie im Bleigießen ge- tört. Dars ich nicht mitmachen?" „Die Mnder müssen zu Bett," wich Adelheid aus. „Aber nachher, nicht wahr?" suchte er zu überreden. Und dann fiel ihm ein: „Sie sollten meine Schwester bald mal besuchen, Fräulein Adelheid. Die ist jetzt zurück aus der Pension und hat noch wenig Verkehr. Wollen Sie Vicht gleich morgen mitkommen nach Bassewitz?" „Das wird schlecht angehen," meinte die Mutter. „Sie kommen alle — ich lade Sie alle ein, mit mir zit kommen," bat der junge Mann dringend. * • ..Kw Mnder iubeltey,. Aber Mutter und Adelheid fanden. es weiser, sie jetzt zu Bett zu bringen. Als der Gutspächter mit seinem jungen Gaste allein war, sagte dieser: „Nicht wahr. Sie kommen? Mein Vater hat ja immer Geschäftliches mit Ihnen zu besprechen — besonders zu Beginn des Jahres —" „Ja," sagte der andere gedrückt, „dieses Mal wird es ernst sein." „Wieso?" „Ich werde Ihrem Herrn Vater kündigen müssen, wenn er die Pacht nicht heruntersetzen will." „Nachden: Sie zwanzig Jahre bei uns gewesen sind?" „Jawohl — zwanzig Jahre. Die letzten Jahre aber waren so schlecht — da wäre es sündhaft gegen meine Kinder gehandelt, wollte ich noch mehr in das Gut stecken." Der junge Mann war ebenfalls ernst geworden. „Mein Vater wird die Pacht heruntersetzen —" „Er will davon nichts höre::." „Ich werde ihn darum bitten" — Werner Bassewitz stammte aus: „er darf Sie nicht gehen lasser: — ich werde dafür sorgen —" In des anderen Gesicht leuchtete es auf. „Wenn Sie das fertig brächten — mit Fleiß und, will's Gott, bessern Jahrei: könnte ich bann wieder hochkommen —" Adelheid trat zur Tür herein, und Werner hob sein Glas mit strahlendem Lächeln ihr entgegen. „Wollen Sie nicht mit mir darauf anstoßen, Fräulein Adelheid, daß wir den nächsten Sylvesterpunsch wieder zu- sammerr trinken?" Und als ihre Gläser aneinander klangen und ihre Blicke sich trafen, fügte er leise hinzu: „Und jetzt wollen wir Blei gießen und sehen, ob das neue Jahr uns das Glück bringt." Die Werbung. Eine Neujahrsgeschichte von GeorgPerfich. Herr Waldemar Müller wachte am Neujahrsmorgen mit einer bitterbösen Laune auf. Nicht daß er am Silvesterabend zu viel des Guten getan hätte, und nun unter der Stimmung litt, die männiglich init dem Worte Katzenjammer bezeichnet wird — behüte! Herr Müller war kein Freund der Punschbowlen und sonstigen berauschende:: Getränke, die beim Jahreswechsel so beliebt sind, er war überhaupt kein Freund der maßlosen Fröhlichkeit, mit denen oie sogenannte Kulturmenschheit das neue Jahr zu begrüßen pflegt. Während die verehrten Mitmenschen sich im Verwandten- und Bekanntenkreise zütranken und zuprosten oder auf der Straße im dichten Gewühl ihr Vergnügen fanden, säst er still zwischen seknen vier Wänden, schlürfte die üblichen zwei Glas Grog, die er fmifl in k: «tammkneipe zu sich nahm, ganz mutterseelenallein und noch vor Mitternacht legte er |T.t) in die Kissen, mit rron'chem Bedauern an die Tausende denkend, ^die morgen mit bleischwerem Kopf die Silvestertollheit verwünschen mürben. Er war klüger! Freilich hatte er es viele Jahre nicht besser getrieben als die unvernünftige Menge, die aus keiner Ersähe rung eine Lehre zog. Aber jetzt war er auch um so konsequenter. JEeffe Alfred hatte sich die redlichste Mühe gegeben, um ihn zu bewegen, den Abend bei Rechnungsrats mitzuverleben. „Ich habe heute wieder den Rat auf der Straße getroffen," berichtete er, „und nochmals läßt er dich bitten, sein Gast zu sein. Er verbürgt einer, gemütlichen Abend. Deinen Grog sollst du haben wie hier oder in der Kneipe und — —" „Laß man gut sein," unterbrach der Onkel die langatmige Entladung. , „Dem Herrn Rat meinen schönstei: Dank, aber seine Silvesterorgie mache ich nicht mit. Uebrigens kennt er meine Prinzipien und iveiß, daß ich mich davon nicht abbringen lasse." „Prinzipien!" grollte Alfred. „Am Silvester kannst du diese stravazietten Sachen schon mal in die Kommode legen. Morgen bai'iit ste wieder herausnehmen und dich damit schmücken." Nun fuhr aber Herr Muller auf und verbar sich solche nn- gehörgie Bemerkungen. Ein Leichtfuß wie der Herr Neffe habe allerdings keine Grundsätze. Ter laufe ins Blaue hinein, habe vom Ernst des Lebens keine blasse Ahnung, lasse seine Schulden! vom Onkel bezahlen und bilde sich ein, das werde bis ans Ende seiner Tage so bleiben. Tas werde es aber nicht und wenn schließlich die Prinzipien kämen, fei es zu spät. Diesen kräftigen Rüffel wollte wieder der junge Mann nicht auf sich sitzen lassen. Grundsätze, so erklärte er, habe er jedenfalls, aber gottlob seien sie anderer Att, als die des Onkels. Was dieser unausrottbaren Leichtsinn schelte, sei nur gesunde Lebens-, Seunbe und sie werde ihm keine grämliche Kritik verkümmern, nd was das Schulbenzahlen anlange, so sei es sechs Monate her, daß sein verehtter Herr Vatersbruder für ihn die letzte Schneider», rechnung beglichen Zähe, Seitdem sorge ex für sich selbst, KU$ SIS graben Leuten Kummer verursachen töte mir. Da hast du meine Meinung!" .. Alfred rollte die Augen und schlug mit beiden Misten M dre Bettdecke. , »Ich soll wohl so ein alter verknöcherter Junggeselle werden! wre du?' Lärmte er. „Immer auf die Pfennige achten und eine! Sammlung von Staatspapieren anlegen? Lieber will ich ar* beiten wie ein Ackergaul, lieber will ich am lebendigen Leibe vev- hungern. Du hast ja kein Gemüt. Du gönnst mir mein Glück! Nicht. Aber mit oder ohne deine Genehmigung: Else wird meine! alles!'7 S’e toiI( aIIed mit mir teilen, hat sie mir geschworen« „Mein Gewissen könnte mich allenfalls dazu treiben, dafür I 6M sorgen, daß aus der Verbindung nichts wird. Tas Mädel Mt Mir lech mch die Eltern noch Mhr, dn MG dvr Hier blieb er ein Weilchen allein sitzen, bis der Herr des . Hauses erschien und den Gast mit gewohnter Herzlichkeit begrüßte« Der joviale Rechnungsrat erkundigte sich mit scherzhaften Worten! nach den Wirkungen des Silvesterpunsches mtb sprach dann Boni diesem und jenem, so daß. der junge Mann vergeblich nach einem! Passenden Anknüpfungspunkt für seine Werbung suchte. Alfreds Gesicht war erschreckend in die Länge gegangen. ? „Was ficht Sie nun an, bester Freund, daß Sie biefen harnt* losen Silvesterscherz zu einem ehelichen Drama, am Ende gar zu! einer Tragödie gestalten wollen? Da kommen Sie im Frack und weißer Halsbinde nitb wünschen mein Schwiegersohn zn werden?! Ist das nicht unbesonnen, ist das nicht geradezu verwegen?" „Es ist mein heiliger Ernst!" beteuerte der andere. „Eben weil es Ahr Ernst zu sein scheint, glaube ich, 'daß meine Bowlen doch nicht fo vortrefflich waren als. Sie vorM» behaupteten." ' „Herr Rechirungsrat!" Alfred erhob sich in gemessener Haltung. A Antrag war feer eines ehrlichen Mannes, Ser M M Inzwischen hatte auch Onkel Müller ein Selbstgespräch ge-, führt, aber unhörbar leise. Tragische Konstikte konnten es nicht fein, die ihn beschäftigten, denn er lächelte mehrmals vor sich hin- und als cö geraunte Zeit vor dem Neffen das Haus verließ, blickte er stillvergnügt in den Neujahrstag hinein, und wenn ihm ein; Bekannter zum Jahresbeginn Glück wünschte, so dankte er mit gewinnender Liebenswürdigkeit. — — Alfred war enttäuscht, daß ihn Else nicht empfing, als er irt gehobener Bräutigamsstimnrung an der Tür ihres elterlichen Heims Einlaß begehrte. Sie hätte ihm doch wenigstens vont Fenster! aus ein freundliches Zeichen geben können. Aber sie blieb nn- sichtbar. Wie üblich, öffnete das Dienstmädchen und führte den! frühen Besucher sogleich in den Salon. daß ihm feer Onkel in seinem Hause tin schlecht möbliertes Zimmer als Freiwohnnug einräume. Der Onkel hätte als der Aeltere das letzte Wort behalten rpollen und int Unfrieden war man auseinandergegangen Morgens um vier Uhr war Herr Waldemar Müller aus holdem Schlummer unsanft aufgeschreckt worden. Unter entsetz- richem Gepolter hatte sich etwas die Treppe hinaufüewegt. Er hatte erst an Einbrecher und sogar an Gespenster geglaubt, aber plötzlich vernahm er die zu kreischender Höhe gesteigerte Stimme des hosfnuitgsvollen Nesseu, wie sie „Freut Euch des Lebens" durch das nachtstille Haus schmetterte. Ein halbes Dutzend Tonarten schien für diese unzeitgemäße Gesangsprobe noch nicht genug zu sein, Dur und Moll bildeten ein schaudererregendes Durch- , einander. Tann flog als stimmungsvoller Abschluß mit gewal- I /"°. ay genügt! erklärte Herr Müller trocken, sich zum gehen! tigern Krach die Tür ins Schloß, noch ein endloses Gepolte«, I fachend. „Der Herr Rat und Frau Gemahlin werdens sich ohne! ünd erst gegen fünf Uhr stellte sich auch im Zimmer des liebwerten | genügen lasien.' Neffen und angenehmen Freiwvhners wohltuende Ruhe ein. | ftanb schon auf der Schwelle. Ter alte Herr hatte ein paar Mal aufspringen wollen, um fdilie'S?" Verlobungsfrnhstuck wirst du dich doch nicht ff SffSS»» fiSäS 'laichte falsch verswiideu zu hab», Äen ””h MrC voraussichtlich noch ärger >Ife !vollte>n Kuvert für dich mit auflegen." Also die Abrechnung bis auf Neujahrsmorgen verschieben. I Und "wenn mm der Papa ^ein"" sagtverabredet? ^ann sollte sie gründlich vollzogen werden. I „Der ist nicht so graufant wie gewisse Leute." Mit finsterer Miene hatte Herr Müller seinen Morgen- I . -A? /aß die gewissen Leute nur gleich von vornherein aus kaffee getrunken, nun wickelte er sich fester in seinen Schlafrock, I Spiel. Meine Gratulation schicke ich dir schriftlich. Adieu!" setzte die Mütze auf und stieg die Treppe zum Zimmer Alfreds I . Alfred war allein. Niemand lauschte mehr dem Monologe« empor. I der beredt über seine Lippen floß, niemand war es vergönnt, zn Ta die Tur nicht verschlossen war, so konnte er ungehindert beobachten, in welcher eigenartigen Auffassung er die Rolle des eintreten. rasenden Roland spielte. Ein Blick überzeugte ihn, daß die Ursache seines Verdrusses Aach dieser wirklich hervorragenden Leistung warf er sich »och im festen Schlaf lag, aber er war nicht gewillt, jetzt noch I dem Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit in seinen Frack- Rücksichten zu üben. I anzug, um den entscheidenden Gang zu der Wohnung der Familie An das Bett tretend, schrie er dem Schlummernden ein » Haff anzutreten, höhnisches „Prosit Neujahr" ins Ohr und als der dadurch Ermunterte sich voll Verwunderung aufrichtete, bekam er ohne weitere schonende Vorbereitung die in der schlaflosen Zeit von vier bis filils Uhr früh in Gedanken sorgfältig ausgearbeitete Strafpredigt zu hören. Sie war erschöpfend und deutlich, aber der, den sie anging, störte sie durch keinen Zwischenruf und verriet durch keine Ge- verde, daß sich der Geist des Widerspruchs in ihm regte. Er wartete geduldig, bis eine längere Pause verriet, daß der Onkel vorläufig nichts .mehr zu sagen habe und begann dann seinerseits: „Tu hast ganz recht, ich bin ein--Na, um es milde 'auszudrücien, unangenehmes Individuum und ich halte es auch für gerechtfertigt, daß du mir quasi die Tür zeigst. Nur hättest vn mir das alles, unbeschadet seiner Wirkung, ebensowohl ein paar Stunden später eröffnen können. Tu bringst mich durch dein ungestümes Vorgehen um einen höchst feierlichen Moment." Und als der Onkel die Stirn runzelte: „Glaube iiicht, daß ich wieder einen frivolen Scherz beabsichtige! Meiner animierten . . Stimmung in letzter Nacht lag eine ganz ungewöhnliche Ver- I Endlich glaubte er ihn gefunden zu haben und in wohlgesetzte« anlaffung zu Grunde und ich würde nicht versänmt haben, sie i Rede bat er um Fräulein Elsens Hand, die für ihn das Glück Mr nachher in angemessener Form mitznteilen. Nun magst du schon I seines Lebens bedeute. —. KS? Situatiou davon Kenntnis nehmen Also I Merkwürdig, daß der Rat so apathisch zuhörte, daß er gar baffe auf t(9 Wt Mich verlobt! Bitte, setz dich dort! nicht erstaunt tat und noch weniger in freudiger Rührung anfwallte« ; ®« B-W-««» EI-, s- e-ÄSf&Ä? br*e * •*“ ** •"*”* M tfÄÄ*** ** ■ dm M iw, m-m,e Sm Soft /Muyv «vvuuii rvn.. i tt.nniltifh' feie ift~e8^in®eftern abmd""nack^de^dritten Surfe ,Mit meinem Onkel habe ich bereits gesprochen; er steht ganz öuf Ihrem Standpunkt." , , ' „Ja, dann — — —" Herr Hoff machte eule bedauernde Geste. „Das tut mir leid — aufrichtig leid!" Der verunglückte Freiersmann hatte schon die Türklinke cr- Srifsen. „Kommen Sie doch diesen Weg!" . . Und der Rechnungsrat schob den jungen Herrn sanft auf eine andere Tur zu und öffnete diese rasch In demselben Augenblick stand Alfred tote eine Bildsäule. Er blickte starr geradeaus, in das behagliche Wohnzimmer.. Dort satzen am festlich gedeckten Tisch drei Personen: dia Frau Rechnungsrat, Fräulein Else und Herr Waldemar Müller. Man mochte sich das Wort gegeben haben, den Eintretenden Nicht gleich beachten zu wollen, aber beim Anblick des Geliebten vergatz Blondelse diesen Vorsatz. Mit einem Freudenruf eilte sie dem Erwarteten entgegen- der sie stürmisch in feine Arme schloß.. Onkel Müller schien diese Eile nicht zu billigen, aber er sagte doch in bester Laune zu dem Neffen: „Siehst du, — ganz so glatt, wie du meintest, ist es nicht gegangen. Herr Obenhinaujs. Hoffentlich hat unser Rat dich ordentlich schwitzen lassen. Ja, schau mich nur an!! Möchtest wohl wissen, was ich hier zu schaffen habe? Die Einladung zum Verlobungsfrühstück hat mir keine Ruhe gelassen. Das wollte jch mir nicht entgegen lassen wie den Silvesterpunsch, der so Grotzes bei Dir bewirkt hat. Und nun laßt uns keine Zeit mehr verlieren! Nun soll uns ein anderer Tropfen, schmecken! Der erste im neuen Jahre!" spitzenkuich. Wiederholt ist in jüngster Zeit geklagt worden, daß während der letzten hundert Jahre das früher in Deutschland stark betriebene Nöppeln und Nähen von Spitzen im Absterben begriffen sei. Tie Schuld an diesem Niedergänge wird der ans staatlich unterstützten Spitzenschulen genährten Konkurrenz des Auslandes und dem Vordringen „billiger und minderwertiger Maschinenspitzen" beigemessen. Nun, der Niedergang ist nicht zu bedauern, denn das Klöppeln und Nähen von Spitzen schlotz schwere soziale Schäden in sich. An und für sich schon eine äugen zerstörende, lungenbeklemmende Tätigkeit, wurde das Klöppeln und Nähen noch dadurch gefährlicher gemacht, daß es in den engen, muffigen, schlecht erleuchteten Stuben der Dörfler und des städ.ischen Proletariats unter starker Heranziehung der Kinder als Heimarbeit betrieben wurde. Tag für Tag, von morgens früh bis abends spät wurde geklöppelt oder genäht, bis endlich Kraftlosigkeit und Schwindsucht dem Arbeiten ein Ende machten. Bei alledem war bet Verdienst ein kärglicher, heimste doch den Hauptgewinn der allgewaltige und gefürchtete Herr Verleger ein. Am widerwärtigsten gab sich das Ausbeutungssystem in der Form der „Wirk- oder Spitzenschulen" zu erkennen. In seiner 1862 herausgegebenen Schrift „Köln am Rhein vor fünfzig Jahren" schreibt Ernst Weyden, nachdem er kurz das Spitzenmachen in der rheinischen Metropole gestreift hat: „Ein trauriges Bild weißen SNaventiims waren die sogenannten Wirkschulen, etwa fünfzig an der Zahl, in denen vielleicht 800 bis 1000 Mädchen für gewisse Jahre an die Vorsteherinnen dieser Schulen völlig verkauft waren, um im Spitzenklöppeln unterrichtet zu werden, wobei sie der unverschämtesten, schnödesten Gewinnsucht ihre Jugend und ihre Gesundheit zum Opfer bringen mutzten." Anderswo ist es Baum besser gewesen. Es ist daher erklärlich, daß im Lause des 19. Jahrhunderts mit der wachsenden Gelegenheit, einen besseren und lohnenderen Erwerb zu ergreifen, das Klöppeln und Nähen von Spitzen meljr uiü> mehr in Abnahme gekommen ist. Auch in England knüpften sich an die „lace schools" keine angenehmen Erinnerungen. Sie wurden im Houston-Distrikt und in den Grafschaften Buckingham und Bedford von armen Frauen in elenden Hütten gehalten. Tie Schülerinnen waren Kinder von fünf bis fünfzehn Jahren, die während der ersten Zeit des Lernens vier bis acht und später zehn bis zwölf Stunden des Tages zu klöppeln hatten. In einem erbärmlichen Raume saßen anderthalb Dutzend oder mehr Kinder zusammengepfercht, die sich auf Kosten ihrer Jugend und Gesundheit ab- mühen mußten, das vorgeschriebene Quantum Arbeit zu liefern. Amtliche Berichte vom Jahre 1864 schildern die Verhältnisse als höchst beklagenswerte und sehr verbesserungsbedürftige. Jq den Spitzendistrikten Belgiens, Hollands und Frankreich sind damals die Zustände ebenfalls nicht die rosigsten gewesen. Auch heute! noch lassen sie viel zu wünschen übrig: bleiche Frauen- und Mädchen- gesichter sind dort mehr als genug zu finden. Wir in Deutschland haben gar keine Ursache, den „Wirk- und Spitzenschulen" nach- zutrauern, können uns vielmehr gratulieren, sie losgeworden zu fein. Wieder eingeführt würden sie zwar eine annehmbarere Physiognomie zeigen, aber immerhin dazu beitragen, eine Heimarbeit recht ungesunder Art von neuem groß zu züchten. Geklöppelte und genähte Spitzen- mögen sehr schön sein, aber wenn ihre Herstellung nur auf Kosten des Wohlergehens zahlreicher und noch dazu armer Existenzen geschehen kann, so ist es besser, die Hand davon zu lassen. Wo der Wohlfahrt tausender Menschen Gefahr droht, hat das Luxusbedürfnis spitzenliebender Damen! halt zu machen. Was die „billigen und minbertoertigeni" Maschinenspitzen anbetrifft, so ist es ein ■ wahres Glück, daß sie da find; denn sie haben wesentlich dazu beigetragen, die Heimarbeit auf dem Gebiet der Handspitzen überflüssig zu machen. Wer sie als minderwertig bezeichnet, kennt die Leistungen der Maschine nicht. Beispielsweise ahmen die gemusterten Bobbinnets die points d'Aleneon in so täuschender Weise nach, daß ein Unterschied zwischen Maschinen- und Handarbeit kaum wahrzunelMen ist. Daß sie billig sind — nun, billig ist noch immer nicht gleichbedeutend mit schlecht, ebensowenig wie teuer gleichbedeutend mit gut und schön ist. O. K. Dmnifcbks« * Der Ursprung der Neujahrsgeschenke. AuÄ uralter, römischer Zeit schreibt sich die Sitte her, Neujahrsgeschenke zu machen. Tie Römer selbst führten sie auf beul Sabinischen König Titus Tatius zurück. Er sei am Neujahrstage in den Hain der „schenkenden" Göttin Strenia gezogen, habe dort Blätter des glückbringenden Eisenkrautes gesammelt und damit seine Freunde bedacht. Bei Blättern blech es jedoch nicht lange, Tatteln, getrocknete Feia -i, Vasen mit weißem Honig traten an ihre Stelle, .später Bronze-, Silber- u. Goldmünzen, Gewänder und Möbel. Aber anders als bei uns beschenkte der Niedrigere! den Höherstehenden, mit dem Wunsche: Annuns novum saustum felicent tibi, „ein glückliches, segenspe übendes Neujahr. Daher war fpäter der Kaiser, der über allen stand, der hauptsächlichste Ge- fchenkempfänger. Caligula ließ, um aus dieser Sitte den möglichsten Vorteil zu ziehen, sogar einmal verkünden, er werde die Geschenke selbst in Empfang nehmen, und so stand er während, des ganzen Tages im Vorhof und freute sich, wenn Leute alle» Stände ihm kleine Münzen (stipcs) mit vollen Händen hinwarfen. Die Kirchenväter eiferten gegen die Neujahrsgeschenke, nannten fie teuflisch, und die .Christen schworen, davon zu lasien und beteten für die Glaubensgenossen, die daran festhielten. Aber die ftrenae, die Neujahrsgeschenke — in Frankreich noch beute otrennes genannt — sind geblieben. * Boshaft. Schneider (zum Diener eines Barons): „Ihr Herr ist aber peinlich genau . . . Als ich ihm die Rechnung gab, sagte er, er lmu6 sie nur letfft prüfen, dann kriege ich sofort mein Geld; jetzt prüft er sie schon über ein halbes Jahr!" * Ihre Auffassung. „Meinem Bräutigam habe,ich auf feinen Wunsch alle Geschenke zurückgefchickt, nachdem er die Verlobung aufgelöst hat; nur den kostbaren Brillantring nicht, in den hat er ja eingravieren lassen „Ewig dein!" I Neujahrs-ASffelsprung. Auflösung tu nächster Nummer. fchwm- ben jahre tage zcmb klage binden der rollt erstem kein jebe jahre zeit das ferne sie kom möge den des rer jedes rastlos rab und Neujahrs men leid schwin an kann bleiben Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: 1. Zitronen. 2. Wage. 3. Jndor. 4. Seraph. 5. Chilnmhua. 6. Empolt. 7. Nieren. 8. Derivats. 1.—8. Zwischen den Jahren. IRebafüon: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Umverstiäts-Buch- und St-'-tdruckerei, R. Lange. Giehea»