LL. Friedel halb-sütz. Roman von Fedox von Zobeltitz. kFortsehung.) (Nachdruck Verboten.) So mußte Fritz denn die Angelegenheit allein in die Hand nehmen. Er sah ein, daß er das mußte: er war der letzte Mann im Hause. Er setzte sich mit einem befreundetes Wiesbadener Rechtsanwalt in Verbindung, der ihm die Sache erleichterte und selbst nach Schrattstein kam, um mit Frau Margot über die Formalitäten gu sprechen. Das ging natürlich auch nicht so glatt ab, denn Margot stellte höhere Ansprüche und ließ bei Gelegenheit auch das Wort „Scheidung" fallen. Da hakte der Anwalt denn sofort ein. Gut, also Scheidung. Dann hatten die Gerichte aber über die Mlimentierungssrage zu bestimmen, und es war anzunehmen, daß sie über die .standesgemäße Erhaltung" bedeutend anders denken würden als die gnädige Frau. Nun wurde Margot plötzlich eisig kühl. Als der Rechtsanwalt wieder Itm Arbeitszimmer des Kommerzienrats erschien, wär alles geordnet. Die nächsten Tage wären sehr unbehaglich. Man erfuhr durch die Zofe Margots (die sie mitnehmen wollte), daß sie mit dem Packen ihrer Koffer beschäftigt wäre. Fritz Und sein Vater wünschten, sich von ihr zu verabschiedens Uber Margot ließ zurücksagen, sie fahre erst am Dienstag abend und würde den Herren rechtzeitig Nachricht geben. Um Dienstag abend erschien unerwartet auch der Opa im Schlößchen. Das wär Fritz wenig angenehm; er fürchtete noch einen letzten Bitterkeitserguß des alten Herrn. Dar Wagen stand bereits vor der Tür; die Hausdiener des Geschäfts hatten die zahllosen Koffer auf den Bahnhof geschafft. Großväter, Sohn und Enkel warteten in unruhiger Stimmung im Gartensalon auf Margot. Da ging die Tür «und die Zofe trat ein, hinter ihr Margot in eleganter Reisetoilette. Sie stutzte einen Augenblick, als sie den Opa sah, dann lächelte sie ihr altes scharmantes Lächeln. „Sieh da," sagte sie, „mein lieber Opa — auch Sie?!" . > . Sie wartete einen Moment, bis die Zofe draußen war, Und reichte dann dem alten Herrn die Hand. . . . „Wir haben uns immer ehrlich gehaßt, Opa," fuhr sie fort, aber keineswegs in Erregung, sondern in anmutigem Plaudertone, „und diese Ehrlichkeit der Gefühle wollen wir auch beim Abschiede beibehalten. Nichtsdestoweniger: lassen Sie es sich gut gehen." „Einen Wunsch, den ich zurückgebe, Margot,", entgegnete der Alte. „Und wiederum: in voller .Ehrlichkeit des Gefühls." Nun hatte schon der Kommerzienrat die Hand seiner Frau ergriffen. Er schnaufte ein wenig durch die Rase Md tat sehr ergriffen. -Meine liebe, liebe .Margot," begann er weinerlich. Doch sie schnitt ihm das Wort ab. „Mein liebet Charli," sagte sie ruhig, „keine Sentimentalität Wit haben schon öfters Abschied voneinander genommen, ging einer von uns auf Reisen. Es soll heut nicht anders als sonst sein. . . ." Sie schüttelte kräftig seine Hand. „Adiet^ Charli!" Fritz stand vor ihr. „Darf ich dich auf den Bahnhof, bringen, Mama?" fragte er. „ .. „Ja, Fritz. . ." und plötzlich schüttelte sie den Kopf, „Nein _ bitte — laß es! Wir wollen es kurz machen . . - i Ein Tränenstrom rann plötzlich über das Gesicht der berechenbaren Frau. Sie umarmte Fbitz, leidenschaftlich und wortlos, küßte ihn, riß sich dann plötzlich los und. eilte hinaus. „ ,, „ _ ,, . u Fritz folgte ihr rasch, aber sie eilte sich. Er sah nut noch ihr blasses Gesicht im Rahmen des Wagenfensters. — und hatte das sichere Gefühl, daß er es WM letzten! Male gesehen haben würde. . Won nun ab begann im Friedelschlößchen ein anders geartetes Leben. Fräulein Besser, die „Stütze", Margots- führte den Haushalt vortrefflich und in verständiger Weise. Auch der Kommerzienrat, der das alte Fräulein mit der spitzen Nase, auf der immer ein Kneifer mit hellblauen! Gläsern schaukelte, nie hatte leiden können, war leidlich zufrieden. Ihre Kochkunst war nicht berühmt, ließ sich aber ertragen. Gäste sah man nicht. Bekannten wurde gelegentlich erzählt, Margot sei auf ärztlichen, Rat ihrer Nerven! wegen in ein Sanatorium der Schweiz geschickt wordem Mer etwas von der Wahrheit sickerte doch durch Graf Wolfrad hatte sie beim jeu des petits chevaux litt Kurhaus von Montreux getroffen. Nun ging das Fragen los. Das verstimmte den Kommerzienrat. Es war merkwürdig: mit dem Wschiede seiner FräU war Ruhe im Haus eingezogen. Aber er fand die Ruhe nicht. Er war viel in Wiesbaden, suchte nach wte von seinen Klub auf, knüpfte auch mit der rotblonden Polin (die als Gräfin in der Kurliste eingetragen war) freund^ schaftliche Beziehungen an. Seine große Arbeitslust ließ sichtlich nach Das Geschäft ruhte bald allein puf den Schultern von Fritz und Kesselholz. Das war Fritz xecht. Es gab viel zu tun. Man trug sich tcht der Hoffnung, durch die Marke Excelsior die Eroberung des Auslandes zu vervollständigen. Neue außereuropäische Läger mußten ge- schasfen, andere vergrößert werden. Zu den schon bestelM-! den kamen noch solche in Asuncion, Bangkok, Cochm, George* town, Madras, Paramaribo, La Paz, Santa Ana und Swa- tow. In Alexandrien, Bombay, Buenos Aires, Calcutta, Konstantinopel, Philadelphia, Yokohama wurden Generalagenturen errichtet; für die Lager in London und Newyork mußten neue Räumlichkeiten gemietet werden. Aus Teheran war unvermutet eine ungeheure Bestellung für den persischen Hof eingetroffen; sie betraf eine sehr fuße und billige Marke, die nicht mehr geführt, nun aber schleunigst wieder ausgenommen wurde. Auf langes Flaschenlager konnte tnan 67d „Gül- . . Der Ktiegsgerichtsrat legte das Schreiben 'geöffnet auf den Tisch und einen zweiten Brief, den er aus hxn Akten hervorzog, unmittelbar daneben. . . . „Ich habe tfun noch etwas zu erwähnen. Der Gerichtshof hat — durch einen Zufall dazu veranlaßt — Gelegenheit genommen, die Denunziation mit dem Briefe zu vergleichen, den Sie, Unädige Frau, Uns in Bestätigung unserer Zeugenladung Aukommen ließen. Dabei ist uns denn aufgefallen, daß die Handschrift beider Briefe eine gewisse Aehnlichkeit zejgt. Da nun Ihre Aussage immerhin von Einfluß auf die Strafbemessung sein könnte, so haben wir uns veranlaßt gesehen, zwei vereidigte Schreibsachverständige zu Rate zu ziehen. Sie haben erklärt, daß der Duktus der Handschrift in den beiden Briefen sich in der Tat ähnle, wenigstens teilweise ungefähr die Hälfte der Denunziation sei von der Schrei- benn dieses zweiten Briefes geschrieben worden, aber verstellt; dann aber habe eine andere Feder die Fortsetzung geliefert. Letzteres ist augenscheinlich. Wollen Sie zu dieser sich dabei freilich nicht einlässen; aber am persischen Hofe sah man nicht sonderlich darauf. Eines Tages erschien auch ein javanischer Prinz, der in Wiesbaden zur Kur weilte, aus Empfehlung des Herzogs von Wecken in Schrattstein, Um die Fabrik zu besichtigen. Er hieß Chowfa! Kerom Luang Narisra Nuvatrivongse, hatte ein braunes Gefolge Wit sich, begeisterte sich für Friedel halb-süß und wollte sich für die Errichtung einer Filiale in Semarang interessieren. Auch ein Brief vom Herzog war eingetroffen. Nur wenige Zeilen: der Termin der Ballonprobefahrt war nun bestimmt auf den dreizehnten Juli festgesetzt, einen Freitag. Ein Freitag und noch dazu ein dreizehnter: das hielt Abeelen für glückbringend. Bis dahin konnte auch die silberne Hülse für die Taufsektflasche fertig sein. Feßler, der die- Skizze dazu entworfen hatte, sprach einen Tag über den andern bei dem Goldarbeiter vor, um die Arbeit zu beschleunigen. Er hatte feine Trompete liegen lassen und kam nicht vom Zeichentisch fort. Die Plakate für die Excelsiormarke machten ihm Kopfschmerzen. Drei Entwürfe hatte er bereits kassiert; sie waren ihm nicht originell genug. — Am siebzehnten Juni sand die Hauptverhandlung gegen Fritz in Sachen seines Duells statt. Er war schon am Abend porher in die Garnison gefahren und hatte in seiner dortigen Wohnung übernachtet. Sein Bursche hatte die Paradeuniform zurechtgelegt; es war vermutlich für lange Zeit das letzte Mal, so sagte sich Fritz, daß er die silberverschnürte Attila anzog. Er sand das Gericht bereits versammelt) einen Major, der unter buschigen Brauen ziemlich grimmig dreinblickte, einen milder ausschauenden Rittmeister, einem Oberleutnant und zwei Mieasgerichtsräte. Da die Boruntersuchung den Tatbestand bereits völlig klargestellt hatte, so handelte es sich nur um Formalien. Die einzige Zeugin, die noch nicht gehört worden, war Frau Diane Helldorf. Sie wär zur Stelle: frisch wie eine Maienblüte, wunderschön.mit ihrem sanften, von blondem Häar Umrahmten Madonnengesicht und in einer höchst geschmackvollen Promenadentoilette. Sie sollte aussagen, was sie über den Streitfall zwischen Leutnant Friedel und Herrn Spänuuth wüßte. 'Wer sie wußte nichts. Sie erklärte, sie habe abseits gestanden und kein Wort von dem gehört, was die beiden Herren miteinander gesprochen hätten. Nun kam der dienst- älteste Kriegsgerichtsrat, der die Verhandlung leitete, auf di,e pseudonyme Denunziation zurück. Und da schien es ?ineti Augenblick, als wolle der Prozeß eine unerwartet sensationelle Wendung nehmen. „Kennen Sie diesen Brief, gnädige Frau?" fragte der Kriegsgerichtsrat und überreichte Diane das Schreiben. Sie nahm es, schaute es an und erwiderte kopfschüttelnd: „Nein, ich kenne ihn nicht." „Er ist mit dem Namen eines bekannten Weinhändlers in Wiesbaden unterzeichnet. Der ist jedoch nicht der Schrei- NHr; es liegt also eine Fälschung vor. In dem Briefe tpird behauptet, Leutnant Friedel habe den Streit mit Herrn Spanililth Absichtlich provoziert, um eine alte Gegnerschaft Hum Austrag zu bringen, und Sie, gnädige Frau, werden als Zeugin benannt." „Ich kann nur wiederholen, daß ich von dem Streite der Herren absolut nichts gehört habe. Auch Herr Spänuuth selbst hat ihn mir gegenüber mit keinem Worte erwähnt." Beurteilung der Sachverständigen eine Erklärung !a!b gedeih gnädige Frau?" Eine kürze Stille entstand. Fritz, der in militärisches Haltung etwas seitlich vom Gerichtstische stand, schaute be-, fremdet auf Diane. Der Major putzte seinen Küeifer; der Rittmeister, ein langer Ulan, der der ganzen Geschichte sichtlich wenig Interesse entgegenbrachte, zeichnete Meuzß und Querstriche auf das vor ihm liegende Papier; hev Oberleutnant pausierte in seinem Protokoll. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtete der zweite Miegsgerichtsrat die .Szene. Er hatte Kriminalinstinkt. Diane lächelte, anscheinend ein wenig verlegen. Es war sehr heiß im Zimmer. Sie tupfte mit ihrem kleineü,- bunt bordürten Taschentuch über ihre Lippen und erwiderte sodann etwas zaghaft: „Vergebung — aber ich verstehe nicht recht. Soll das heißen, daß man mich — mi ch bezich?» tigt, die Denunziation verfaßt zu haben?" „O nein — Pardon," entgegnete der Berhäudlungs-. führer. „Von einer Bezichtigung ist keine Rede. Ich habe nur das Urteil der Sachverständigen wiedergegeben, das ittl Ihrer Handschrift und der der ersten Hälfte der Denunziation eine Aehnlichkeit sehen will. Nun gebe W ohne weiteres W, daß solche Aehnlichkeiten täuschen können. Immerhin! war ich genötigt, auf die Tatsache hiiHüwcrsen." In die Wangen Dianes war eine leichte Blutwelle gestiegen. Aber sie blieb sehr ruhig. „So habe ich also,! nichts weiter zu erwidern," sagte sie, „als daß ich den' Borwurf einer Denunziation mit Abscheu von mir weise. Ich bin außerdem der festen Ueberzeugung, daß Herr Leute, nant Friedel niemals aus irgendwelchen unlauteren Gründen einen Streit mit Herrn Spannuth provoziert haben! würde." „Das genügt uns vollkommen. Wenn Sie dieser Uebere zengung sind, hätte eine Denunziation gar keinen Zweck, Damit zerfällt auch die Annahme der Sachverständigen', Besten Dank, gnädige Frau." , Diane wurde entlassen. Sie neigte grüßend den hübschen Kopf, zunächst vor dem Richterkollegium, dann von Fritz, und ging. Aber ein zartes Parfüm blieb zstrück. Das Urteil lautete auf acht Monate Festung. Das Gericht ging von der Ansicht aus, daß dem Angeklagten Glauben geschenkt werden müsse, wenn er behaupte, der Tod Spannuths sei nur einem unglücklichen Zufall zuzue schreiben. Im übrigen rechtfertige die Konduite des Leutnants Friedel und der Rapport des Ehrenrats die Milde der Strafe. Ein paar Tage später wurde Erich von Feßler auf Antrag der Staatsanwaltschaft zu Wiesbaden wegen Kärtell- tragens zu zwei Monaten Festung verurteilt. Gegen den! Grafen Eldringen war keine Anklage erhoben worden. Das wär zur Zeit der Fliederblüte. Als Fritz eines! Morgens im Bureau erschien, trat ihm Kesselholz mit seie ner schönsten Kurvenverbeugung in „privater Angelegenheit^ entgegen. „Nichts Geschäftliches, Herr Friedel," sagte er und fuhr! (mit der Hand durch die Luft; „privatisserne, wenn idj bitten darf." „Und was, lieber Kesselholz?" „Dora hat ein so lebhaftes Mitgefühl mit den beiden! Berurteilten, daß sie ihnen gern etwas Angenehmes bezeugen möchte. Sie läßt Sie deshalb zu mor.,.'n abend in die Fliederlaube bitten. Acht Uhr abends. Straßcnanzug. Kotelett mit Spargel und Erdbeerbowle. Herr von Feßler; hat bereits zugesagt. Er hat sich auch schriftlich verpflichtet^ die Trompete nicht mitzubringen." „Besten Dank, Kesselholz. Sagen Sie Ihrer Dora, ich Würde pünktlich antreten. Aber einen vergnügten Stimmungsmenschen findet sie in mir leider nicht. Ich hahe den Kopf voll Sorgen." (Fortsetzung folgt.) Gestohlener Gut. , Bon Thr m a s Glah n. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Der Ghmnäsialdirektor, dessen Hut die „dankbaren" Primaner mit einem grünen Eichenlaubkranz versehen hätten, hob lustig sein Bierglas und blickte einen Augenblick darüber hin? weg in das bunte Treiben, ehe er es zum Munde führte. Rings rauschte der alte Wald! mit hohen Wipfeln, und auf, de'm.großen freien Platze tummelte sich die liebe Jugend. Dia .Musikanten spielten; in einer rasch zusammengeschlagenen Brek-- — 679 — terbüde schenkte ein dicker Wirt das Bier aus, der Kuchenbäcker Hatte seinen Stand daneben eingenommen, und während die Schuler der oberen Klassen würdig ihre Schoppen leerten iüti> die jüngeren begehrlich die Süßigkeiten umkreisten, begannen die Kecksten in der Mitte zu tanzen. Tas Scheibenschießen, Wurfball!- spielen und die übrigen Vergnügungen waren erledigt. Schon war Wagen nach Wagen aus der Stadt herangerollt und hatte Eltern und Geschwister der Schüler herangebracht, unter denen sich manch tanzlustiges Mägdlein befand. Es war also alle Hoff- Nnng vorhanden, daß der bunte Trubel bald noch bunter ward. „Darf ich mir gestatten, Herr Direktor ,■ . .?" Der Gestrenge, im Glauben, es sei einer der Zöglinge, wandte sich leutselig um. Tann jedoch zog auch! er den bekränzten Hut. „Herrgott, Gruber — Pardon, Herr Gruber, wo kommen Sie denn her?" Friedrich Wilhelm Gruber drückte die dargebotene Hand kräftig. „Ich bin hier," sagte er, „um zu sehen, was von meinen 'alten Kollegen noch auf der Anstalt existiert." „So, so. Na, viele werden Sie nicht mehr finden, glaub' ich. Wann gingen Sie denn fort?" „Es werden ungefähr zweieinviertel Jahr sein; als ich Primaner ward." „Und was treiben Sie denn? Wie geht's, wie steht's? Lieber Gott, man hat doch Jfnteresse an den alten Schülern.". Er zuckte die Achseln. „Je nun, zuerst lernt' ich praktisch die Wirtschaft bei meistem Vater und einem Gutsnachbar, unb jetzt bin ich aus dep landwirtschaftlichen Hochschule. In zwei Jahren werd' ich dann wohl für immer auf unserer Scholle sitzen. Und darf ich mich erkundigen, Herr Direktor--" „Tanke, danke. Die alte Leier! Erst haben diese mich geärgert, dann andere und so fort. Sie waren auch d'ruuter, lieber Gruber. Ter Aerger bleibt, die Personen der Aergern- den wechseln nur, nicht die Geärgerten. Das ist Lehrerlos. Na, lassen sich's weiter so gut gehen!" „Und darf man eventuell mittanzen?" „Aber natürlich — als alter Schüler! Was denken Sie denn!" • ' Mit dem Austausch einiger Dankes- und Abschiedsworte war die Audienz beendet, und Friedrich Wilhelm Gruber suchte nach alten Freunden. , Er fand sie auch. Und doch — er verlor sie schon ein paar Minuten später von neuem. Ihre Interessen und die seinen — wie, himmelweit verschieden sie waren! Was interessierte ihn der Aussall der letzten schriftlichen Arbeiten! Was ihn die ganzen Schulinterna, die nur den berühren, der selbst noch tagtäglich im alten Milieu steht! Er aber, Friedrich Wilhelm Gruber, war seit über zwei Jahren frei, war Hinterm Pfluge gegangen wie ein Knecht und hatte als Student ebensogut in der großen Stadt gelebt. Was sollt' ihm der Krimskrams! So trennte er sich bald von den einstigen Kameraden. Etlvas weh war ihm doch zu Mut. Wie er sich auf sie alle, auf djas Wiedersehen gefreut hatte! Und nun —? Plötzlich ging ein kurzes Leuchten über sein Gesicht. „Fräulein Eberhardt — ■— gnädiges Fräulein!" „Sind Sie es wirklich?" sagte sie., und sah ihn groß an. -„Herr Gruber?" „Ja, der Himbeerdieb! Ich freu' mich, daß Sie mich gleich Erkannten — trotz des Bartes, den ich mir zugelegt hab'." „Aber das wird meinen Vater ja auch äußerst interessierest! Wenn ich Sie zu ihm führen darf —." Er machte ein klägliches Gesicht. „Bitte — natürlich sehr glücklich — ich weiß allerdings kaum, oü Ihr Herr Vater sich meiner erinnert." Aber es half nichts. Er mußte mit, mußte dem korpulentem 'alten Herrn die Hand schütteln, mit ihm anstoßen, es sich gefallen lassen, daß er aus dem mitgebrachten Futterkorb auch feinen Teil empfing. Und während er selbst aß, sah er immer nur Trude Eberhardt an. Wie sie zugriff ! Wie kräftig ihre weißen, starken Zähne in das Brot bissen! Eine Pracht war es ! Wenn man die zimperlichen Jungfräulein dagegen hielt, die kaum ein Teeschnittchen in Herrengesellschaft zu nehmen wagtest, um das Retherische möglichst herauszubeißen — btr, da könnt' man Trude Eberhardt fast liebgewinnen. „Wagen wir ein Tänzchen?" fragte er dann, als die Musik von neuem einsetzte. „Die Erlaubnis dazu hab' ich für alle Fälle schon vorhin erbeten." Bereitwillig stand sie auf. In festen Zöpfen, die sich nicht rührten, lag ihr aschblondes Haar um den Kopf. Ihr gesundes Gesicht rötete sich! beim Tanze noch mehr. „Wissen Sie, daß ich noch in Ihrer oder auch Sie in meister Schuld sind?" „Woher?" fragte sich Er umfaßte sie fester. „Sie habest noch fünfzig Himbeerest Nut bei mir, die Sie bei Gelegenheit 'essen müssen." „Ja' — bei Gelegenheit." Es klang fast spöttisch. Er wäre beinahe aus dem Takt gekommen. »Meinen Sie, diese Gelegenheit stellt, sich sticht ein?" Sie schüttelte lächelnd den Kopf; „Hoho, da irren Sie aber, Fräulein Eberhardt, Und ob's Noch zehn Jahre dauert — so wahr ich Friedrich! Wilhelm Gruber heiße: Sie essen noch einmal wohlgezählte! fünfzig Himbceresti aus unserem Garten.. Das..erlass' ich Ihnen nicht." Er sührte sie auf den Platz zurück. Aber sie saß kaum', als sie von neuem ausgefordert ward. Diese Primaner, dacht» Friedrich Wilhelm — diese Schuljungen! Da tanzen diese grünest Bengels mit solch einem Mädel. Es paßte ihm gar nicht. Und um seinen Aerger hinabzm- spülen, trank er mit Trudes Vater eine Flasche Rotwein aus. Der Alte wollt' sich nicht lumpen lassen: er gab die andere. Und während Trude von einem Arm in den andern flog, wurden die beiden Herren redselig. ' „Wissen Sie was, Herr Eberhardt," sagte Friedrich Wilhelm und schlug auf den Brettertisch, daß die Gläser tanzten — „Ihre Tochter ist ein famoses Mädel — ganz unter uns! Wo haben Sie" nur die Tochter her?" „Aber erlauben Sie mal, mein Lieber! Bin ich nicht ein ganz ansehnlicher Mensch — hehe?" „Natürlich, natürlich! Aber gegen Ihre Tochter, weiß der Deubel, kommen Sie nicht auf!" Der Alte brummte. „Sehen Sie erst 'mal in die Wirtschaft, Gruber — na! Ritsch — ratsch — fertig ist alles! ES ist ’ne Wonne zuzusehem Das hat sie von ihrer Mutter selig. Und iver das Mädel 'mal bekommt--" „Der soll seinen Schöpfer preisen," fiel Friedrich Wilhelm mit Inbrunst ein. „Kommen Sie, Herr Eberhardt: das muß begossen werden! Also auf — auf Ihre Tochter." Eben kam Trude erhitzt vom letzten Tanz zurück, die Musik schwieg. „Gruber hat dich — eben mächtig gelobt," sagte ihr Vater schon mit etwas unsicherer Zunge. „Aber mächtig, Trude! Bedank' dich dafür!" Sie wurde einen Moment noch röter, Aber dann lachte! sie harmlos. „Das ist hübsch voll Ihnen,"Herr Gruber, und zum Danke—" Sie sprach den Satz nicht aus, aber im Nu war sie hinter ihn getreten, hatte seinen Hut vom Kopfe genommen und sagte: „Zum Danke mache ich Ihnen einen Kranz herum. Sm sind der einzige Herr, der keinen hat!" Damit war sie lachend in beit Büschen verschwunden. „Ich komme mit!" „Dableiben!" rief sie zurück. Aber Friedrich Wilhelm gehorchte nicht. Er zwinkerte dem! Alten, der fchläfrig rourbe, zu und trat ein paar Schritt vost der Festwiese iu den Wald hinein. Da stand sie auch schon und streifte Blätter ab. Es war dämmrig. Schon wurden die Lampions angezündet und schienest wie bunte Monde durch das Laub. „Sind Sie doch da?" sagte sie halb ärgerlich. „Na, meinetwegen. Aber daß ich Ihretwegen nicht aus Eichen klettern kaust, sehen Sie ein. Da tun es wohl auch Haselnußblätter." Er fah zu, wie ihre Finger gewandt die einzelnen Blätter mittels des Stiels zusammenhefteten. In dem dämmrigen Licht erfchien sie ihm größer als sonst. . „Heißen Sie noch immer ,Juno , Fraulern Eberhardt? Sie lachte, „Mir wird es niemand sagen. Aber es mag schon sein." „Ja, zu meiner Zeit war der Name gang und gäbe. Da war es guter Ton in der Sekunda, Ihnen Fensterpromsnadest zu machen. Und jetzt?". ; Uebermütig sah sie ihn au. „Jetzt? Aber ich bitte Sie — man ist doch alt geworden." „lieber neunzehn — was?" Sie seufzte. „Was nützt es mir, westn ich's leugne. Da hier haben Sie Ihren Hut. Sieht der Kranz nicht reizend aus?" „Wunderschön. Meinen feierlichsten Dank. Nun hab' ich mir wahrhaftig auf dem Waldfest eine Ehrenkrone verdient, trotzdem ich weder Lehrer noch Schüler bin. Aber Ehrenkronen setzt mast „Das sollen Sie ja auch," erwiderte sie verwundert unb] bog sich nach einem Farnkraut. „ „Ich? Erlauben Sie! Das ist Pflicht der schönsten Jungfrau,. Sie hatte ein Blatt zwischen die Lippen genommen. „Suchen Sie sie drüben," gab sie rasch! zur Antwort un8 wollte auf ben Festplatz zurück. Aber er vertrat ihr lachend den Weg. . „Sie ist schon gefunben. Bitte, bitte, Fräulein Eberhardt. „Was Sie alles wollen," sagte sie mit komischem Seufzer; und Kopfschütteln. „Fünfzig Himbeeren soll ich essen, den Kranz soll ich Ihnen aufsetzen — Sie sind ein schrecklicher Mensch!" Dabei nahm sie den bekränzten Hut vorsichtig, daß keins! der Blätter sich löse, in beide Hände, trat vor ihn hin und hob die Arme, um ihm den Gefallen zu tust. Da mußte der Teufel den sonst so vernünftigen Friedrich Wilhelm Gruber reiten. Denn blitzschnell hatte er die hohe/ kräftige Gestalt umschlungen und sie herzhaft geküßt . Zu einer Wiederholung des Kusses kam es nicht, denn im Handumdrehen hatte er einen Puff weg, daß er verdutzt lostieß., Redaktion: K. Neurath.- Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Logogriph. Ich schütze dich zur heißen Sommerszeit, , Wenn drückend scheint die Sonne weit und breit. Willst du jedoch mein „L" mit „t" vertauschen, So kannst du nimmer srohem Sange lauschen. Auflösung in nächster Nummer. rr^.7-~~ Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Eisenbahnen — Rienzi — Semele — OlberS — Lothar Labrador — Dahome — Elisabeth — Illyrien; Er so l l d ein Herr (ein, OM MM sie vor ihm: hochrot, hornig, M blitzeMest großes Si WÄÄ «w*r toi«««w. «i uns Fräulein . . . Eberhardt", stammelte er, „uh .. rch . . hab''es wirklich . . . nicht so gemeint. Ich achte und Matze und ehre g>ie ja so sehr . . . Md . . „ „Das sieht man", unterbrach fte ihn schroff, Kllrzer Hand wandte sie sich und ging. , . Fräulein Eberhardt", Tief er fast weinerlich . . . ,;,etn einzig Wort nur! Sagen Sie mir Mr, daß Sie mir verzeihen. Ich stehen geblieben. IM Dammer des Waldes> spielte jetzt fast ein leises Lächeln um ihre Lippen, Er konnte es nicht Der Ton seiner Stimme hatte sie milder gestimmt. Es lag Angst und Reue darin. Und das „alter Esel" war so kreuzun- R-°» «W«**' toi« f,e 'Nil; »uch"»ichl!" ici.fi.-: e«. „Aber «S kam Io . . . wer Mich". . . ganz im Augenblick!, Der Deubel auch v^zecheir Sic — dieser verd— ■— Rotwein! Und MU < $. stad Sie nur malige Zeit unbeschreibliche Kühnheit hatte, .sich eme Zigarel^ auf ver Bühne aNzuzünden. Sie konnte diese Neuerung nuti wagen, weil sie sich ihrer Macht über die Pariser bewußt -vap« Alsbald bemächtigte sich aber hie öffentliche Satire dieses Ereignisses. Mr der vielgespielten Revue der Bruder CogmarÄ „Am Vorhang, «der dramatische Affynpossen" wurde Fraulem Judith Vorgefühl, wie sie um das Recht aus die Zrgarettä kämpfte. Sie schreit: „Ich möchte Zigaretten! Die ,^Kritik brummt: „Diese kleine Frau hat den Teufel im Leibe. Es flifit kein Stück, in dem sie nicht raucht. Das Publikum wird wohl ode« übel die Nase bald voll! haben," Fraulein Judith siegt erst .in dresM Streft, als der „Ruhm" ihr zur Seite tritt und sie verteidigte „Rauch, trink oder tanz' nach deinem Behagen, du wirst dtp auch so den Erfolg erjagen!" — Erne berühmtere Raucherin aber ist George Sand. Erst vor wenigen Tagen wurde tn Frankreich lein hübsches verziertes Lederet»! versteigert, m dem , dl« berühmte Schriftstellerin ihre Zigaretten trug. . Auf der einen Seite befindet sich ein Medaillon unter Glas, das eine lustig« Person mit einem Tierkopf in der Tracht von 1840 darstellt, die eine türkische Pfeife raucht. Auf der anderen Seite sicht mal, ein goldverziertes Wappenschild. Im Innern des Etuis aber sand sich, in ein Stück Papier eingewickelt, ein Zigarettenstummel, und folgende Aufschrift trug das Papier: Diese Zigarette raucht« George Sand auf einer Abeudgesellschmst am 8. November 1846. in Paris bei Herrn Dr,. Lallemaud, Mitglied des Instituts« A. Cauvet." * Begründete Anfrage. In einer .Universitätsklinik wurde jüngst ein 18 jähriges Dienstmädchen Mit Blinddarment- zündimg eingeliefert. Eine baldige Operation schien.notig. Auf das Telegramm an den Vater, in welchem, die Einwilligung zur Operation seiner minderjährigen Tochter emgeholt werden sollte, kam! folgende Antwort: „Werthe Heren Ich gebe die Emwiligung zur Oberatzigon ich möchte aber gerne wissen wie die Tochter mit vornam Heist denn davon habe ich zwölf Achtungsvol X. A. * Au! Junge: „Vater, warum haben denn die Musiker beim Militär keine Gewehre?" — Vater: „Dummer Junge, weil I es ausdrücklich heißt: „Spiele nicht mit Schießgewehrenl Wohl ewig böse." ^Neim^^sprach^sie dann leise, „ich will glauben, daß f e . daß Sie selbst nicht wußten, was Sie taten! ' „Und verzeihen mir?" fragte er. leuchtenden Blicke». „Ja. Unter einer Bedingung: Sie kommen — und das ist selbstverständlich — die nächste halbe Stunde uicht an unseren Tisch Lassen sich am besten überhaupt Nicht auf dem Festplatz sehen. Ich werde Sie bei meinem Vater entschuldigen — Kw hätten einen Schulfreund getroffen." „Wie Sie bestimmen," erwidert« er seufzend. „Ms auf weiteres also Adieu!" .'Adieu. Und Sie verzeihen mit ganz und gar? . Ja Aber das siebente Gebot kennen Sie noch immer Nicht Erst'waren's die Himbeeren, heutt.war's Mmmer — wie soll I VÜchektisch. das weitergehen? Also merken Sie sich: Stehlen ist ver I $ an3 grand, „Thies und Peter", Roman. verwehrt war . .. B tb> hMein. Dieses Mädel und Umgebung hat in allen Teilen eine gründliche Neubearbeitung Dies herrliche Mädel'D?r Kuß war ja eigentlich eine gesunden Das Buch enthält alles was stir den Kurgast oder den memrinfeit - Xr tounberfMn war er doch. Und wenn er Wanderer von besonderem Interesse ist, Spaz,ergänze und wettere ftkt aus der Verbannung zurückkam, da wollte er sie fragen, I Ausflüge. Die beiden dem Führer betgegebenen Karten sind durch Mt aus d 3einen Pakt schließen wollten — einen I Ergänzungen vollständig auss Lmlseiide gebracht. Pakt für 'die Zukunft, daß sie wartete, bis er das väterliche Gut I Jakob Schaffner, Konrad Pilater. Roman- bekam Das Gut, auf hem s i e einst die Herrin sein sollte. I (g. Fischer, Verlag, Berlin.) — Konrad Pftater ist em H"vdwerks- Trude Eberhardt seine Frau — zum erstenmal kam ihm I bursche, ein Schustergeselle. Dariiber huiaus ist er eui Mensch, der dieser Gedanke Und doch war er ihm so vertraut, so ganz j [eine Bestimmung sticht, der seine Bestimmung noch nicht gesunden Uar und einleuchtend n hat. Gleich als er uns vorgestellt wird wie er un Spätsommer Er konnte die Zeit nicht erwarten. Heut' Wär die beste, das Mosel- und Rheintal nach^Metz wandert, erfahren wir, arÄTÄU1*'""" sw ww* 88M”ÄÄ SÄ Manern vorbei. , I raem,6 Tat und Leide» sein, die den Simplizissimus durch das Der eine sagte: „Schade, daß Eberhardts schon nach Hause I gaui) ' [cjte, c0 ähnelt er ihm doch darin, daß er erst auf seinem gefahren sind. Die Trude ist ein Patentes Madel. I eigenen Grund und Boden zur Ruhe kommen wird, in einem (Schluß folgt.) I geistigen Besitz freilich. 91bentener in Frankreich, allzu frühe Seß- .. I Hastigkeit in einem kleinen elsässischen Städtchen, die Jreilndschast I zu einem Wandergenossen, die Liebe einer jungen Meisterstochter I werden ihm zuteil; er gibt sich ihnen hin, aber unter seiner Hin- ... .. ^*: * . , □* K. 1IM= I gäbe wacht die Unruhe, die ihn nicht zu einem vorzeitigen Ziel * Aus dem Ohmgebiet. Zu dieser Von uns M I £. läßt. Wundervoll und ergreifend ist insbesondere die Laufe des Jahres veröffentlichten Aufsatzreihe gibt uns I L üor ^em Mädchen, das mit käthchenhaster Treue ihm nach- Dr. Ludwig Freiherr Nordeck zur Rabenau über i und, unglücklicher als Käthchen, feine Seele nicht einholt und die feine Familie betreffenden Angaben eine Richtigstellung: I ”, Grunde geht. Sein kaltes Herz habe das angerichtet, wird ihm Auf Seite 639 wird ein Thim o von Nordeck 1080 er- I ÜOrgeroorfeii, aber etwas anderes war schuld: die Sehnsucht seines wäbnt Dieser hat aber nie gelebt, wohl aber ein Thimo I Geistes. In Schaffners Erzählungskunst ist viel Sprachreichtum, N eu deck der bei Bamberg lebte. — Was die Geschichte der | Gestaltungskraft und kultivierte Volkstümlichkeit. Burg Nordeck betrifft, so ist sie seit 4 Jahren wieder im Besitz der Familie Nordeck. Sie wurde nach den Planen eines Architekten aus Heidelberg neuausgebaut. * Seit wann die Frauen rauchen. Daß auch die Frauen zu rauchen begonnen haben, ist noch nicht länger her als etwa 80 Jahre. Das Wagnis, öffentlich zü rauchen, untere nahm eine Frau zum ersten Mal in beit 30er Jahren des vorigen, Jahrhunderts, derselben Zeit, in der überhaupt das Rauchen/ und zwar ziierst, weil man ihm vorbeugende Kraft gegen, dr« damals Europa verheerende Cholera zuschrieb, zur allgemeinen Beliebheit gelangte. Es war 'int Jahre 1834, als Fraulein Judith, ein Mitglied des Theaters „Palais-Royal", die ftir die da-