Nr. u B-'L B W MM Droesigl. 1 Teoman von Georg Freiherrn von Omptsda. (Nachdruck verboten.) tFortiepuug.i Herr Droesigl trat znnr Prinzen Hohen gart. Der stotterte verlegen etwas von: „Auch schon au sprechen?" Dann begann mit einem Mal seine Rede zu fließen: — Herr Droesigl, darf ich Sie um etwas bitten? Ich /möchte einmal ganz offen mit Ihnen reden. Es ist nämlich kein Testament da. Die Erbschaft geht infolgedessen ihren gesetzlichen Gang. Mir ist nun, nach dem, lvas meine Schwägerin Agathe und was der Rendant sagte, klar geworden, wie möglicherweise hier schwierige Zeiten kommen. Ich habe aber gar keine Fühlung mit Leuten, die so etwas in die Harrd nehmen könnten. Ich habe nie Gelegenheit gehabt . . . Sie verstehen... Dann sagte er etwas von „starker Hand" und „er sei nicht dazu geeignet". Schließlich endigte er nach allerlei Umschweifen damit, zu bitten, ihm eine geeignete Persönlichkeit zu nennen, um Ordnung zu schaffen. Herr Droesigl nickte: — Ich habe Einblick in derartiges. Ich verwalte ein erhebliches Vermögen und besitze eine der größten Spitzen- fabriken der Welt, in Plauen tut Vogtland. Ab^r meine Frettnde, bei denen ich' zur Jagd itt England oder Steier- utark bin, interessieren sich nicht dafür. Warum also darüber reden? Ich möchte Ihnen außerdem sagen, Durch- lancht, daß ich Doktor juris bin. Prinz Hohettgart meinte, Herr Droesigl zöge sich nur gut an und habe schöne Pferde, und er, der kleine Prinz, nie recht gesund, nie tätig, der im stillen eine Bewunderung hatte für Leute, die etwas leisteten, sagte? in seiner Bescheidenheit: — Da sind Sie ja ein ganz anderer Mensch, als ich dachte? — Was dachten Sie denn, Durchlaucht? Ruit wurde der kleine, schmächtige Mensch noch verlegener : — Ich — dachte. Sie — Sie — hätten nur —i viel Geld... — Verehrter Prinz, Sie haben mich mit anderen Morten fiir einen Tagedieb intb Idioten gehalten? Der Prinz strich sich das dünne Bärtchen: — Ja, eigentlich — eigentlich ja — Die beiden hatten schon überlange miteinander gesprochen, und die Prinzessin gab ihrem Gemahl einen Wink. Mm sagte er mit jähem Entschlüsse: — Es ruht hier alles auf mir, und wirklich — ich ich bitt etwas ratlos. . . . Bitte, mein lieber .Herr Droesigl, bleiben Sie hier und helfen Sie uns ein wenig. Tie Damen verstebett doch von so was nichts — und ich — ich auch nicht. Richt wahr, Sie bleiben über Nacht? Der andere verneigte sich, während die Familienmitglieder drüben die Köpfe zufammenstecktem Auf einmal kam die Prinzessin in ihrem langen, rauschenden Gang über den Teppich und sagte zu dem Kohlensohns mit liebenswürdigstem Lächelit: — Wie ich höre, wollen Sie meinem Manu behilflich fehl. Das freut mich sehr. Er würde, unsere Interessen nicht zu wahren wissen. Er denkt tu solchen Dingen viel zu vornehm. Herr Droesigl schloß fest die Lippen: — Man kann auch, wenn man mit Geschäften Bescheid weiß, vornehm handeln. Die vornehiust. arbeitenden Firmen und Menschen haben auf die Dauer immer den Erfolg. Die Prinzessin begriff nicht ganz, was er damit meinte. , , Und Herr Droesigl blieb, und blieb nicht nur über Racgt, dettu mit der Zett stellte es sich heraus, daß auch Agathe nicht fähig gewesen wäre, in die verworrenen Verhältnisse auch nur einigermaßen Licht zu bringen. Den langwierigen Untersuchungen, Prüfungen, Verhattdlungen wohnte der Prinz mit rührender Pilichttrene bei, obgleich er von allem wahrscheinlich nichts verstand. Er durchackerte mit heißem Fleiß die Papiere, die ihm Herr Droesigl über den Tisch reichte, er nickte, wenn Herr Droesigl um deut alten Elß- inann sprach, mit dem Chef, den Kutschern, Stalleuteu, HuntStueu, Jägern, Knechten, Lieferanten mtS dein Dorfe. In des verstorbenen Grafen Zimmer saßen sie am großen Schreibtisch, auf dein eigentlich nie geschrieben worden wart der Prinz, Agathe und Herr Droesigl. Er rechnete, und am Schluß sagte er jedesmal: — Das ist aber alles nur provisorisch. Die Verantwortung kann ich nicht übernehmen. Ich tue es lediglich als Freund des Hattses, wenn Sie mir gestatten, mich so zu nennen. t r , Auf seinen Rat war Justizrat Doktor Rehbittder herbet- telegraphiert worden, der schon früher einiges hatte ordnen müssen. , Wie cs der Prinz vorhergesagt, i'nitb sich kein Testa-, ment. UebrrHaupt herrschte eine Unordnung sondergleichen. Da waren Rechnungen seit Jahren nicht bezahlt, aber auch Außenstände nicht etugezogen worden, und der Rendant, ein hilfloses altes Männchen, konnte keine Auskunft gebett. Herr Droesigl meinte itt den ersten Tagen, es mit einem Betrüger zu tun zu haben, uitb wartete nur auf den Moment.'wo man ihn einfach dem Staatsanwalt überliefern müßte. Aber es -stellte sich heraus, daß, wenn den alten Mann eine Schuld traf, es höchstens die zu großer Schwäche seinem Herrn gegenüber war. Der Alte zitterte jedesmal, wenn er vor den jetzt durchdringenden Augen des Herrn Droesigl stand. Denn wie Louis Droesigl sein Einglas mit einer Hornbrille vertauscht hatte, war er nicht mehr der liebenswürdige, gut angezogene Mann, der Jagdretter. 68 üttb Spieler, der Freund großer Herren, sondern ein unerbittliches Arbeitstier, bem es nicht zu viel dünkte, den Verbleib von auch nur fünf Pfennigen festKustellen. Er herrschte den Alten ar«, wie er eine solche Lotterwirtschaft habe mit seiner Stellung vereinbaren können. Doch der antwortete mit weinerlicher Stimme: — Ich bin nun vierunddreißig Jahres beim Herrn Grafen gewesen und habe nie einen Pfennig falsch gebucht, aber wie soll man Ordnung machen, wenn man monatelang keine Unterschrift bekommt? — -Sie hätten sagen müssen, daß Sie für so was nicht M haben sind. Herrn Droesigls Blick siel auf Agathe, und in plötzlicher Eitelkeit nahm er die Brille ab. Doch der alte Rendant, der bisher nur gedrücktes Wesen Und Träneri gehabt, begann plötzlich fast zu schreien: — Ich habe es gesagt!»Ich habe gefleht, der Herr Graf tnöchte Ordnung schaffen! Als es nichts half, wollte ich gehen. Wer die Frau Gräfin selig hat mich gebeten, nicht die Flinte ins Korn $u werfen, denn ich sei doch der einzige Mensch, der ehrlich wäre.' Das hat sie gesagt. Die gnädige Komteß wird mir das Zeugnis geben, daß ich mich nicht an fremdem Eigentum vergrifsen habe. Herr Droesigl stand auf: — Wer hat das behauptet? Der Alte fuhr mit seinem rotgewürfelten Taschentuche durch die Luft in wütender Gebärde: — 's kommt so raus! Ueberhaupt, bin ich Ihnen denn R^henschaft schuldig? Hier, Seiner Durchlaucht, hier, der gnädigsten Komteß, aber wie komme ich dazu, ich alter Mann, einem fremden Herrn — — Er bekam einen Weinkrampf, schluchzte laut und fiel in einen Stuhl. Agathe suchte ihn zu beruhigen; uienraud zweifle an seiner Ehrlichkeit. Dann geleitete sie ihn für den Augenblick hinaus. Herr Droesigl sagte zum Prinzen: — Ich denke, unter diesen llmständen lvarten wir, bis der Justizrat wieder hier ist. Prinz Hohengart fragte: i— Ja, warum ist er eigentlich nicht hier? >— Er ist beim Grundbuche beschäftigt! 1— So, so. Ms Agathe zurückkehrte, meinte Herr Droesigl, solche Anzweiflungen des Rechtes, sich um diese Angelegenheit tzu kümmern, seien für ihn so peinlich, daß er nun wohl genug getan habe. Agathe bat, es dem alten Manne nicht übel zu nehmen, und betätigte, daß er tatsächlich oft geradezu gefleht hacke um eine Unterschrift. Dann habe Papa ihn hin..usgewor>en. Sie gestand, wie viel hundertmal der Rendant mit seinen Papieren bei ihr gewesen, weil er gesagt habe, sie müsse wissen, daß ihn an all der Verworrenheit keine Schuld treffe. Darauf versprach Herr Droesigl, noch eine Weile aus- zuharreu. Er hatte in der ersten Zeit auf Wunsch des Justizrats versucht, auch Gräfin Patsch und die Prinzessin zu den Besprechungen hinzuzuziehen, aber nachdem die beiden eine Stunde dabei gesessen, verließen sie unter einem Vorwand das Zimmer und kamen nicht wieder. Die Prinzessin drängte sich jetzt förmlich bei geinein- {tim en Spaziergängen zur Unterhaltung mit Herrn Droesigl, »enn sie langweilte sich sürchterlich. Jwesmal, wenn sie ihr chwarzes Kleid besah, dachte sie an die Bälle in Berlin, denen ie diesen Winter fern bleiben mußte, und trieb zum Abschluß >er Arbeiten, um an die Riviera zu eilen. Dabei gab sie Herrn Droesigl zu verstehen: sie, die verheiratet sei, könne Geld besser brauchen als ihre Schioestern. Der sah sie erstaunt an, und sie verbesserte ihre Ausdrucksweise zu einem: — Wir möchten nicht gerade benachteiligt werden. Auch Gräfin Patsch näherte sich Herrn Droesigl. Wenn die Nachrichten über die Finanzverhältnisse bei Tisch besonders unglücklich lauteten, schwirrten ihr im Kopf ihres Vaters letzte Worte: dieser Mann sei Millionen schwer, und eben dieser Mann habe nm sie angehalten. In ihrer Weltunersahrenheit machte sie sich kein Bild von der Zukunft. Nur eines schien ihr klar: es würden Pferde abgeschasst werden, die Jagden hörten auf. Das hatte der Prinz gesagt. Di der nicht ritt, ließ sie sich von Herrn Droesigl begleiten. Er stand ihr täglich eine Stunde Mr BerftigunK länger meinte er nicht Zeit zu haben. Wie er so auf seinem Pferde saß, in dem tadellosen! Anzug, mit der guten Figur und dem scharf geschnittenen, vornehmen Gesicht, gefiel er ihr nicht übel. Hätte er nur nicht Droesigl geheißen! Wer das Geld, das viele Geld! Ihr fiel ein, wie der Vater gesagt, Droesigls trügen einen alten Namen, sie seien eine uralte rheinische Patrizierfamilie-. Darum ließ sie etwas fallen von „Adel, den die Familie niedergelegt haben sollte". Herr Droesigl ging nicht daraus ein. Nun begann sie von seinen Freunden Fitzvenor und Fraisheim. Er glitt sanft zu anderem. Von Pferden sprach er, von Jagd, Hunden, Tanzen, Damenmoden. Das ärgerte sie. Sie meinte im stillen: er ist eigentlich doch ein ordinärer Kerl. Da ist Regnier anders. Air den dachte sie öfters, aber sie wollte ihre Gedanken nicht bei ihm verweilen lassen, denn ihr Schwager hatte einmal geäußert, der könne nur ein reiches Mädchen heiraten. So hatte sie es sich jetzt in den Kopf gesetzt, Herrn Droesigls Millionen zu gewinnen. Doch nur,-wenn es in Kölln wirklich so schlecht stehen sollte, wie Prinz Hohengart sagte. Das hatte ja alles Zeit. Herr Droesigl lies ihr nicht davon. (Fortsetzung folgt.) i Lin neues Such über Sen Krieg von <806/7. Von Martin Greis. In der von General v. der Boeck herausgegebeneM Sammlung „Preußen-Deutschlands Kriege von der Zeit Friedrich des Großen bis auf die Gegenwart" hat Generalleutnant Karl von Landmann als dritten Band „Der. Krieg von 1806 und 1807. Auf Grund urkundlichen Materials sowie der neuesten Forschungen und Quellen bearbeitet" veröffentlicht. Eine Darstellung dieses unheilvollen und folgenschweren Krieges, die sich das $iel gesetzt hat, eine allgemein verständliche Arbeit auf wissenschaftlicher Grundlage zu bilden, darf des lebhaften Interesses weiter Kreise sicher sein, da sie eine geschichtliche Zeitspanne umfaßt, die nur bei durchgehend verlässiger Kenntnis ihres Verlaufs richtig gewürdigt werden kann und somit auf feiten des Verfassers völlige Parteilosigkeit den handelnden oder sonstwie verantwortlichen Personen gegenüber voraussetzt. Die Pietät und der schuldige Rechekt wird dadurch in keinerlei Weise geschwächt, da nur daun, wenn unsere Gefühle unserer wahren Ueberzeugung entspringen, sie als Bürgen ehrenhafter Gesinnung gelten können. Schmerzt es daher auch, auf so viele Beispiele mangelnden Pflichtbewußt.eins und oft unglaublicher Unfähigkeit bei einem vielfach an Verblendung grenzenden Selbstvertrauen zu stoßen, so können wir doch diese Tatsachen nicht übergehen oder auch nur in einem! milderen Licht betrachten, geschweige gar die Augen schließen, da wir sonst gewissermaßen in den gleichen Fehler verfallen, dessen wir die mit der Führung im Feld damals vertrank Gewesenen in unserem Innern bezichtigen. Sonach! bleibt es ein hoher Gewinn für uns, die wir dem Studium! der vaterländischen Geschichte uns mit lauterem Eifer hingeb en, einem berufenen Führer folgen zu können, der alle historischen Zusammenhänge klar Überblickt und mit vorurteilsloser Offenheit das erschütternde Gemälde b efer Begebenheiten in feinem unaufhaltjamen Fortgänge vor uns aufrollt. Durch den Frieden von Hubertusburg war Friedrich dem Großen neben Kaifer Josef die führende Macht ich Deutschen Reich der Tat nach zuteil geworden. Von dieser infolge der außerordentlichen Egenschasten des Königs als Staatsmann und Feldherr beha. pleten H he war Preußen unter seinen unmittelbaren Nachfolgern trotz des beträchtlichen Zuwachses von polnischem Gebiet unvermerkt herab- geftiegen. Die französischen Machthaber fanden es wohl in den Reihen der Gegner, aber es zeigte sich Frankreich bei dessen zunehmenden Eroberungsgelüsten keineswegs gewachsen. Während Oesterreich gegen die Republik noch fort» kämpfte, schloß es selbst zu Basel (1795) einen Separatfrieden ab und begnügte sich mit einer Demarkationslinie^ die auch die mittel- und norddeutschen Staaten mit ein» begriff. So kam es, daß das Auftreten Napoleons Preußen zunächst unberührt ließ, da es sich weigerte, an dem Feldzug des Erzherzog Karl in Suddentschlaud teilzunehmen. Auch der zweite Nachfolger Friedrich des Großen, Friedrich 87 Wilhelm III., betfyie'tt sich Mit den unter seinem Einftuß stehenden Fürsten neutral, indem er der dritten Koalition trotz guter Aussichten nicht beitrat. Oesterreich ging, nach- dem die Entscheidung des Krieges in Italien gefallet!, nur notgedrungen mit seinem siegreichen Gegner den Frieden von Campo Formio ein. Aber England tritt dazwischen, trotzdem Rußland seine Heere mißvergnügt zurückgezogen Watte. Weitere Verwicklungen folgten, durch die gewalttätige Politik Napoleoirs herbeigeführt, und der zu Amiens geschlossene Frieden hatte nur eine kurze Dauer. So kam es zuletzt dahin, daß Rußland die Hand zum Bunde von Steuern reichte und es entstand der Krieg der drei Kaiser- Mächte, der nach der durch Napoleon glorreich gewonnenen Schlacht von Austerlitz mit dem Frieden von Preßburg und dem Vertrag von Paris ein rasches Etlde nahm, ohne daß es aber auf russischer Seite damit ernst gemeint war. Ter Anlaß zu dem Krieg, der uns hier beschäftigt, ergab sich ans der durch diesen Vertrag entstandenen Konstellation sowohl Frankreich als England gegenüber, da der Preußen durch Napoleon zugesprochene Besitz von Hannover es mit England als Schutzmacht verfeinden muhte, sowie aus seiner dem gebieterischen Sieger gegenüber nun- mehr beobachteten Haltung. So kam es in überstürzter Eile auf feiten Preußens zur Mobilmachung und gebrach es demzufolge auch an der planvollen Verteilung der in beträchtlicher Zahl vorhandenen Streitkräfte. Die Truppen- Versmnmlnng fand zunächst an der Saale statt und zwar in der von dem den Oberbefehl führenden Herzog Wilhelm Ferdinand von Braunschweig in des Königs Beisein angeordneten Weise. Eine zweite minder starke Armee unter dem Kommando des Fürsten Friedrich von Hohenlohe-Ingelfingen umfaßte auch die kursächsischen Truppen und operierte mit einer gewissen Selbständigkeit. Dabei wurde gleichwohl noch ein zahlreiches Truppenkorps in Marsch gegen den Thüringer- und Frankenwald gesetzt, also eine offensive Richtung geraden Wegs eingeschlagen .Napoleon ließ auf das erhaltene Ultimatum hin keine Drohung an Preußen ergehen, was eine friedliche Beilegung des Zwistes noch st mm er emigermaßen glaublich machte, umso mehr, als er bei seiner Bewunderung Friedrichs des Großen ja muh für dessen Armee eine gewisse Achtung fortzuhegen schien und jedenfalls noch keinen Beweis des Gegenteils an den Tag gelegt hatte. Davon, daß der Feind es sich beikommen lassen werde, statt seine Kräfte zusammen zu halten, sie zu zerstreuen und unnötiger Weise zu teilen, hatte der.große Schlachtenmeister, bevor er den Kriegsschauplatz betreten hatte, allerdings keine Ahnung; er wußte nicht, daß er es zum größten Teil mit ungeübten Friedens- soldaten zu tun habe, „die nur noch in mechanischer Fertigkeit die bereits durch die neuen Grundsätze überflügelten Anschauungen der Vergangenheit zu verlebendigen den traurigen Mut besaßen. Es waren auf das strategische Gebiet übertragene Schulmanöver, bei denen der Leitende bestimmt, wo und wann der Feind zurückgehen darf." Wie anders der Aufmarsch Napoleons, der durch die niederstreckende Gewalt seines blitzartigen Erscheinens den unversehens gepackten Gegner in Verwirrung setzte! Ehe dieser es ahnte, stand er mitten unter seinem Heerhaufen. Die Versammlung der preußischen Hauptarmee wird durch dessen Rückschwenkung um ihre ganze Stoßkraft gebracht und ihre Deckung durch die Saale hat sich in eine Schlinge für sie verwandelt. Man war in die Stellung zwischen Jena und Weimar gedrängt worden und zu dieser vollkommenen Blöße trat noch der Mangel an auch nur notdürftiger Unterbringung und Verpflegung. Im Hanptgnar- tier Napoleons war alles vorhanden und auch die Verproviantierung nahm allerwärts ihren Fortgang. Daß die Besetzung des Lanografenbergs bei Jena zur Schlacht bei Jena und damit auch zur gänzlichen Niederlage bei Auerstedt führte, läßt sich ebenso gut und vielleicht besser noch als die Frucht strategischer Bewegungen, die mit einer auf das Mentzer sie entwickelten Marschfähigkeit verbunden waren, als durch beit überlegenen Gebrauch der Waffen im Nahkampf erklären und kann daher der vielfach fluchtartige Rückzug der geschlagenen Kolonnen als eine unausbleibliche Wirkung des ganzen Napoleonischen Feldzugs-Planes betrachtet werden. Dadurch erscheint auch die Aufgabe der Elbe und dis zuletzt allgemein nach der Oder genommene Marschrichtung als eine nur allzu erklärliche Folgeerscheinung der Zerrüttung des gesamten Heerkörpers. Davon nehmen wir die Preisgabe der einzelnen Festungen aus, doch dürfte Friedrich Wilhelm III., der ja auch die widerstandsloss Räumung Berlins über sich ergehen lassen mußte, das Rechte damit getroffen haben, daß er die Kriegsgesetze bei jenen Verfehlungen nicht in ihrer vollen Strenge wirken ließ. Daß damals in der preußischen Mmee sich auchMänner in wahrer Heldengröße hervortaten, daß Scharnhorst, Blücher, Gneisenau und Bork, die künftigen Befreier Preußens, bereits auf den Schauplatz der Taten getreten waren, wirkt auf einen nahen Umschwung hin und der bedeutsame Teilsieg, den das einzige gerettete Armekorps an der Seite der russischen Hilfsmacht unter General Estoc bei Eylau erfocht, konnte den Hoffenden den Ainbrnch einer besseren Zeit verbürgen. von echten und falschen Banknoten. In Frankreich ist soeben eine neue 100 Frs.-Banknote in Umlauf, gebracht worden, und dieses Ereignis dient den« „Lectures pour Tons" zum Anlaß, die Lebensgeschichto einer Banknote zu erzählen und neben den alltäglichen Schicksalen eines ehrbaren echten Scheins auch die romantischen und spannenden Abenteuer gefälschter Noten zu entrollen. Das kleine Städtchen Bierey genießt die Ehre, das kostbarste Papier Frankreichs herzustellen. 100 Arbeiter verfertigen hier tagaus tagein in einer besonderen Fab.ik mit besonders für den Gebrauch der Bank von Frankreich gebauten Maschinen das Material für die 60 und 100 Frs.- Noten und mit der Hand für die 500- und 1000 Frs.-Noten. 13 Millionen solcher Papierscheine werden jährlich für die Bank von Frankreich angefertigt, denn die Lebensdauer einer Banknote ist nur kurz; nach zwei bis drei Jahren kehrt sie, die so schmuck und sauber die Fahrt in die Welt antrat, in höchst traurigem und schmutzigem Zustande in den Hafen zurück, von dem sie einst stolz ausgezogen. Einige dieser Papierfetzen, die ein ganz besonderes Sch cksal betroffen hat, werden in der Bank aufbewahrt; so z. B. ein Schein, den man in dein Magen einer Ziege sand. Fast alle Scheine aber werden zerstört und kehren zu dem Urzustand zurück, ans dem sie einst hervorgegangen; sie werden einem Siedeprvzeß unterworfen und nach 48 Stunden sind diese Papiere, die noch vor kurzem Millionen, wert waren, nur eine Lumpenmasse. Die Druckerei beb Bank von Frankreich ist ebenso ununterbrochen beschäftigt tote bie Fabrik von Bierey. Dio 150 Mb eiter, bie hiev angestellt sind, bilden die Elite Iber Druckerzunft; denn Banknotendrucker wird man nicht so ohne weiteres, der Beruf vererbt sich vom Vater auf den Sohn und zugleich auch die unbedingte Ehrlichkeit. Niemals hat ein Drucke« her Versuchung nachgegeben, einen „braunen Lappen" für seine Privatzwecke herzustellen. Außerdem herrscht biet größte Wachsamkeit und Aufsicht in dieser wundersamen Druckerei. Die Menge von Papier und Drilckfarbe, die der einzelne erhält, ist auf das genaueste abgewogen und festgesetzt. Das Gebiet der Fälscher liegt außerhalb der Mauern der Bankdruckerei, und es ist groß und bevölkert genug, uni immer wieder bie Bankbeamten und bie Polizei in Aufregung zu versetzen. Seit' einem Jahrhundert, solange gibt es Ban koken, währt dieser erbitterte Kampf zwischen Fälschern und Behörden. Jeder Fortschritt der Herstellung, der dem Verbrecher die gefährliche Nachahmung der Note erleichtert, zwingt die Bank, die Herstellung schwieriger und verwickelter zu gestalten. Um 1830 waren die Scheine noch „identisch" bedruckt, d. h. sie waren auf Vorder- und Rückseite vollständig gleich. 1848 erschien bie erste 100 Frs.-Note, bie schwarz ans grünen Grund gebrückt war. Mit der Erfindung der Photographie imtrbe die Nachahmung dieses schwarzen Drucks ein Kind erspiel, und die falschen 100 Frs.-Scheine vermehrten sich zusehends. Als die Fälschung immer mehr überhand nahm, machte die Bank von Frankreich die größten Anstrengungen, um dem vorzubeugen, und am 3. August 1863 wurden neue Scheine ausgegeben in einer blauen Färbung, die der Photographie widerstand. Doch 1888 überzeugte der Umlauf einer beträchtlichen Anzahl von falschen 100 Frs.-Noten die Bank mit unliebsamer Sicherheit, daß den Fälschern die Photographie trotz der blauen Färbung gelungen war. Die Bank veranlaßte sofort bie Herstellung eines rosa Grundes ftir die Banknoten, bie der Maler Bau dry zeichnete. Doch der rosa Grund tote der blaue konnte der Geschicklichkeit der Fälscher nicht widerstehen. Reichhaltig sind die Mitteilungen, die der Vorsteher des Sekretariats der Bank von Fran kreisch, über diese Kämpfe mit den Fälschern 68 macht. Die seltsamsten Verbrechergestalten tauchen auf, so jener bekannte Straub de Gatebmirse, brr d>e Baur durch ganze acht Jahre hindurch mit glänzend nachgemachteii 100 Frs.-Scheinen versorgte. Mit neckischer Ironie war ein kleines schwarzes Fleckchen gerade in der Umrayrmmg angebracht, bie ben Artikel 139 des Strafgesetzbuches enthalt. Sonst war alles täuschend gelungen. Gtrauds Geschäft blühte, er lebte ivic ein Fürst, hatte ein prachtiged Haus in Paris und ein Schloß in Saiutonge, 12 ßafateu, 1J Pferde in seinem Stall und bie herrlichste Meute von Jagdhunden, Er gab bie prächtigsten Feste. . . . Aber eines schonen Tages stand er doch vor bem Gericht ttitb bie in ©ntntonge gefmlbenen gefälschten Scheine waren seine cknklager. Me Bank alleiil besaß non ihm 1603 100 Frs.Mo teil und 144 200 Frs.Moten, also die Summe von 189000 wahrend mindestens ebensoviel Scheine sich itn Umlauf befanden. Er tvurde nach Cayenne auf Zwangsarbeit geschickt, geriet bet einem Fluchtversuch in Schlamm und wurde lebendig von Krebsen verzehrt. Eine besonders schwierige Art wandte der berüchtigte Fälscher Leonidas Co'idas an. irr entfernte aus zwanzig neuen Banknoten mit dem Rasiermesser ein Stückchen und verfertigte aus diesen Fragmenten einen 21. Schein, der, obwohl er aus 20 echten Teilen bestand, nichtsdestoweniger gefälscht war. An den 20 anderen Noten fehlte so wenig, daß er sie mit geringer Mühe wieder brauchbar machen konnte. Doch solche vorzüglichen Fmfn)-" unaen sind sehr selten. Die meisten Nachahmungen zeichnen sich durch große Ungeschicklichkeit ans; sie rechnen auf btc Dummheit und Unachtsamkeit der Menge. Die Bank van Frankreich besitzt wohl die lückenloseste Sammlung dieser Fälschungen, die es gibt. Die Geschicklichkeit besteht dann zumeist in der Art, wie man bie falsche Note unterbringt. In dem Gedränge einer belebten Straße wird ba etwa zufällig ein Mann gegen eine große Schaufensterscheibe geschleudert und zerbricht sie. Große Aufregung! Der Mann soll zahlen, aber er behauptet, keinen Pfennig bei sich zu haben. Auf der Polizeiwache wird er untersucht: matt findet girren 1000 Frs.-Schein bei ihm. „Meitr ganzes erspartes Geld", jammert er. Die Note wird gewechselt; 100 FrS. erhält der Labeninhaber für sein Schaufenster; mit 900 Frs. zieht ber Manu vergnügt ab, denn sein 1000 Frs.-Schein war natürlich falsch. Der neue französische 100 Frs.-Schein ist mit außerordentlicher Sorgfalt von Lue-Olivier Merson hergestellt, der mehrere Jahre an allen Einzelheiten der kostbaren Vignette gearbeitet hat. Er ist in vier Farben hergestellt: blau, grün, rosa und gelb. Auch die neuen 50 Frs.-Scheine sind bereits nahezu vollendet. Dann sollen neue 500- und 1000 Frs.-Scheine folgen. Das perserftft in Stambul. M. Konstantinopel, im Jan. W«M am neunten Tage deS Monats Mnharrem (19. Jan.) die Wintersonne hinter dem blauen Marmarameer versunken ist, durchflutet ben uralten Walide-Han in Stambul ein gar gespm- WchcS Treiben. Die Hoftvündo diefes viereckigen, festgefügten Bauwerkes, in dem sonst persische Kaufleute ihre Warenstapel haben, sind mit schwarzen Tüchern und kostbaren Teppichen behangen; flackernde Kerzen spiegeln sich in riesige«, beim fahlen Mvndlicht unheimlich blitzenden Spiegeln und knisternde Fackeln lohen an Altären, Erkern und Ballustraden. Es gilt, das Aschura- Fest, die Totenklage über den 680 n.Chr. bei Kerbela gefallenen Märtyrer Hussein, den Sohn dos Kalifen Mi, zu feiern. Die gesamte persische Kolonie .Kvnstankinopels, mit dem persischen Botschafter an der Spitze, ist in dem dunklen, von schwebendem Rauch erfüllten Hof versammelt. Aus einer Ecke schallt plötzlich taktmäßig ein dumpfer Don, die Feierlichkeit nimmt ihren Anfang. ®tn düsterer, grauenhafter Zug von Leidtragenden bewegt sich langsam über die Mesen. Ein monotones, schrilles persisches Trauerlied ertönt, Fackelträger schwingen ihre Pechhölzer, und nun erscheinen wohl über hundert Märtyrer in langen weißen Gewändern; mit ihren Händen schlagen sie sich unter Anrufen der Namen der Söhne Alis : „Hassan!" „Hussein!" auf die entblößte Brust. Persische Schüler folgen mit wassergefüllten Schalen, mit dem sie symbolisch den Durst Husseins in ber Wüste stillen wollen. Metallisches Klirren durchrasselt bie Nacht; es sind die Geißler, bie nun kommen und ihre 'leuchtenden Ketten auf den nackten Rücken so lange nteberp sausen 'lasten, bis das Mut unter der blaufchwarzen Haut hervov- quillt. Hinter diesen schreitet ein weißes Pferd mit blutbefleckter Satteldecke, auf der eine flatternde weiße Taube festgebtmden ist. Hinter dem Pferd kommen drei kleine Kinder mit gefestelten Hän!- bett. Ter Schimmel stellt das Streitvoß Husseins bei Kerbe la dar. die Taube seiUd reind ®ecje und die Mnddr seine als Sktavenj gefangenen Söhne. Dann folgen Fahnenstangen mit blechernest Händen; sie erinnern an bie Märtyrer Abbas, bem beide Hände ckbtzehauen wurden, als er ber Familie Alis Wasser vsickym wollte. Der grausige Schluß des feierlichen Zuges besteht in einer Reihe . barhäuptiger Männer (die übrigen tragen dis hohe persische Mütze), die sich mit gurgelnden Schreien und Klagerufen mit Breiten, krummen Schwertern am Kopfe zahlreiche Wunden beibringen!. Das Blut spritzt herab und sickert über die weißen Mäntel bis zU ben Füßen. Allzu heftige Schläge werden von Mitgehenden mit Stöcken aufgefangen. Diese grausame Kasteiung gilt für sehr gottgefällig, und die Mutigen Hemden werden zur Einhüllung voll! Leichen aufbewahrt. Hier und da hält dieser fürchterliche Zug, der mit feiner seltsamen Szenerie selbst starke Nerven auf eilte harte Probe stellt: dann liest ber Imam (Priester) unter lautem schluchzen ber Umstehenden einige Kapitel aus der Leidensgeschtchie ber Söhne Alis vor. Etwa anwesende Europäer werden, trotz des Fanatismus der Menge, mit «echt persischer Liebenswürdigkettz behandelt. — Langsam ist ber entsetzliche Zug auf ber anderen, Seite des Hofes verschwunden. Die Verwundeten begeben sich hierauf in bereitgestellte Bäder, um zur Ehre Allahs frisch und gestärkt den heiligen Tag zu begehen. Ve».'nri?ehtes. * Von der Entdeckung des Löschblattes, das in kurzer Zeit ben Streusand, dessen sich die Menschheit jahrhundertelang bedient hatte, verdrängte, plaudert T. P.'s Wcekly. Das erste Löschblatt wurde in einer englischen Papierfabrik in der Grafschaft Berkshire hergestellt. Ter Nachlässigkeit eines Arbeiters verdankt die schreibende Weit die EntdeckungDer Arbeiter vergaß zufällig, der rohen Papiermasse den nötigen Leiinzusatz zu geben. Ter Fabrikbesitzer war außer sich, und der unfreiwillige Entdecker des Löschblattes wurde zur Strafe für seine Nachlässigkeit entlassen. Später bemerkte der Fabrikant, daß das mißratene Pavier die Eigenschaft hatte, Tinte anszusaugen, ohne bie Schrift zu verwischen. Der kluge Geschäfts,nanu schlug bie Reklanw- tvommel und fabrizierte von diesem Tage an nur noch ^osch- papier, das ihn in kurzer Zeit zum reichen Mann machte * Schottischer Witz. Der schlagfertige Witz der Schotten, der sie selbst vor den Schranken des Gerichts nickt verläßt, wird durch einige Anekdoten des Scheriss Guy, eines wohlbekannten schottischen Richters, lustig beleuchtet. Ein aufgeblasener Edinburger Friedensrichter hatte einst einen Mann vor sich, der eines kleinen Polizeivergehens angeklagt worden war. Ter Angeklagte, ausgesvrdert, sich zu verteidigen, gab das Vergehen zu, sagte aber, er hätte nicht gewußt, daß die Handlung gegen die Gesetze verstoße. „Unkenntnis des Gesetzes entschuldigt feinen," antwortete der Friedensrichter. „Nanu, warum sind Sie denn Richter geworden?" war die Gegenfrage. — Ein andermal nahm ent Anwalt in Dunblane eine junge Lehrerin in ein scharfes Kreuzverhör, formte aber nicht das geringste aus, ihr herausbringen. Sie war ihm völlig gewachsen. Endlich, ein wenig verärgert, meinte der Anwalt: „Fräulein, Sie sind wirklich sehr klug." Tie Lehrerin antwortete mit lieblichem Lächeln: „Wie schade, daß ich unter Eio flehe, sonst würde ich Ihr Kompliment erwidern." ' *JnSachsen. Postbeamter (bei der Briessort.): „Da schreibd so ä Gärt wieder usss Guwähr: Oberdors i. B. Nu weeß mev dadsächlich «ich, soll das Heeßen in Bayern, in Baden, in Meißen, in Bommern oder in Bosen!" * Unser Klassenlehrer in der Tertia hatte es b-,anders auf Paulchen abgesehen. Ihn strafte er meist so, daß er ihn an den kurzen Haaren in der Schläfengegend hochzog. Als er an Paulchen einmal wieder diese Prozedur versuchte, blieben ihm ein Paar Härchen zwischen den Fingern hängen. Erbost schrie er das weinende Paulchen an: „Du haarst wohl auch noch, du unverschämter Lümmel!!" Kreuzrätsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a, b b, c c, d d d, eeeeee, g x, ki b, iiiiii, kk, nnnn n, o o, r r r r, s s s s, 11, u derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben! 1. Italienische Insel. 2. Ein Sternbild. 3. Stadt in Schottland. Auslöfung in nächster Nummer, Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer i D ur ft, W n rst. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und ©teiiibrucferei, R. Lange, Gießen-