Donnerstag den 30. Juni jii, K MO — Nr. <00 W^W 1$ K SDWLW W iwÄ ■ -BI M M 11 ,i > M M »isä« Das schlafende Heer. Roman von Clara Viebig. lFortsttzung.- (Nachdruck verbalen.) In einem jäh aufwallenden Gefühl schossen ihm Tränen in die Augen, aber er wischte sie hastig weg. Pfui, ein Mann auf der Höhe des Lebens und noch weinerlich wie das Jungchen, das Pelasia einst an der Windel gegängelt?! Mochte man ihn lieber für kalt halten itttb für hochmütig dazu — er wußte es, Paul Kestner hatte es ihm lachend erzählt —, lieber dafür gelten, als aller Welt zeigen, wie empfindlich man ist, schier überempfindlich, zum Darunterleidei!! Selbst Helene durfte nicht alles merken — war es Rücksicht, war es eine gewisse Scham? — ach, nur ja nicht ün alles rühren, es war ihm peinlich, wenn sie auch seine Frau war und dazu eine Frau, wie es keine zweite mehr, auf Erden gab! Mit einer tief innerlichen Begeisterung dachte er ihrer. Tas hätte er selber nicht geahnt, als er'sich damals auf seinem letzten Hofball in das schüchterne, blonde Landfräulein mit der herben Jugendsprädigkeit verliebte, daß er so glücklich werben würde! Die herbe Jugend ivar mütterliche Weichheit geworden, die mädchenhafte Schüchternheit vornehme Zurückhaltung. „Meine Frau! Meine Kinder!" Er sagte es innig vor sich hin. Die Fahnenstange loslassend, fügten sich seine Hände ineinander. Wäre es nicht recht und billig, heute nachmittag, wenn alle, Manner und Weiber, Knechte und Mägde und hintennach noch die. Kinder, wenn alle, alle kamen int höchsten Putz, die Erntekrone zu bringen, uüd er dann von der Freitreppe ihnen entgegentrat, auf die zu deuten, die neben ihm stand? Hinzurufen über all die lauschend gereckten Köpfe: „Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen!" Und wenn dann alle gaffen würden mit verdutzten Blicken, die Mäuler offen, dann müßte er weiter jagen von .der Frau, die ihrem Manne Liebes tut und teilt Leid ihr Lebenlang, die mit Wolle und Flachs umgehet und Garn arbeitet mit ihren Händen, die' vor Dags aussteht und Speise gibt ihrem Hause und Essen ihren Dirnen, die an den Acker denket und gürtet ihre Lenden, mit Kraft, die ihre Hände. ausbreitet den Armen und reicht ihre Hand dem Dürftigen — die ihren Mund auftut zu holdseliger Lehre, daß ihre Söhne aufstehen und preisen sie selig! Er lächelte: und die Krone reichen würde er ihr, die — ach nein, das blieb doch besser ungesagt! Sie würden ihn ja auch gar nicht verstehen. Aber von anderm wollte er zu ihnen reden, das ihm gleich teuer am Herzen lag. Nicht umsonst hatte er den letzten Augustsountag, den hergebrachten Tag des Erntefestes perstreichen lassen ititb den heutigen gewählt — Sedan! Wann konnten Deutsche wohl je freudiger singen: „Null danket alle Gott"!? Heirer summend stieg der Niemczycer vom .Hügel herab. Es wurde ein'Sonnentag, als hätte der Morgen nicht noch mit nassen Füßen int Schmutz gestanden. Als am frühen Nachmittag die Niemezycer ijt den Hof entzogen, der älteste Bogt, aus hoher Stange die bändergeschniückte Erntekrone tragend, voran, tanzten Sonnenkringel über die in aller Eile aufgeschlagenen Bänke und Tische. Hier auf dem Hof sollten sie feiern, nicht int Krug, so wollte es der Herr? Er selber stand mit der Frau auf der Freitreppe. Helens lächelte glücklich. An ihr Kleid drängten sich die Knaben, alle stramm in blauen Matrosenanzügen, nur der kleinste trug noch sein weißes Mädchenröckchen. Fünf Knaben —i und doch sprach die Rosalka, des Vormähers Kurek hübsche Tochter: „Wir wünschen der Pani ’nen goldenen Tisch, An allen vier Ecken gebratenen Fisch, Wir wünschen der Pani 'ne goldene Kron Und übers Jahr einen jungen Herrn Sohn!" Die hübsche Rosalka in der weißen Tüllschürze, viele Bernstein- und Korallenverlen um den.Hals, unzählige flatternde Bänder über dem Rücken, stammelte, blutrot im Gesicht, mit ungelenker Zunge die mühsam erlernten Verse; hart klang das Deutsch in ihrem Mund und die „r's" rollten. Aber Helene erklang der schon oft gehörte Reim heute lieblicher denn je, und das schneeweiße Huhn mit den rosenroten Bändern um die Flügel und dem Goldschaum auf dem Köpfchen, das ihr das Mädchen mit Knicksen bot, hatte ihr nie so hübsch gedeucht. Jubeluo empfingen die Knaben ihre geschmückten Täub- chen; der älteste aber, der zukünftige Herr, hielt stolz seinen buntschilleriiden Gockel. Der erste Bogt hatte vor dem gnädigen Herrn das Knie gebeugt: ‘ „Nach den schweren Erntetagen, Hab die Ehr, ein Wünschchen ich zu sagen —" Der Mann schwitzte; erklang nur irgendwo ein Räuspern oder Fußscharren, so kam er aus dem Konzept. Dieschon- oft gelernten Reime machten ihm jedes Jahr wieder neue unüberwindliche Schwierigkeiten. „Wir wünschen dem Herrn für fein ferner Leben Biel Glück und reichen Erntesegeu! Nehm' er die Krone als Unterpfand Aus einer braunen Schnitterhand!" Nun war er glücklich zu Ende. Freundlich ernst schauten die Herrschaften drein. Helenens Blicke suchten die ihres Mannes. Eine tiefe Befriedigung kam' über sie beide, und ihre Herzen waren voll Dank: wieder ein Erntefest, golden der Tag, golden vis Aehren der Erntekrone! Die Krone war schier ein Wunderwerk. Die alte Nepo- mucena, des Dudek Fr.au, war eine Meisterin in der. Kunst des Kronenwindens. Kein Gut in der Runde — ob' polnisch, io8 deutsch —, deut sie nicht die Erntekrone flocht; schon wenn das Korn noch Saat war, erhielt sie die Bestellungen, diesmal aber hatte sie sich selbst übertroffen. Tret Reihen von tieffarbenen Weizenähren übereinander, durch Stabe in hellerein Roggen- und Gerstengelb verbunden, umzittert von den vergoldeten Samenkapseln des Flachses und den schlanken Tropfen des Hafers, bildeten die Krone. Die Krone der Kronen ivar ihr hierdurch gegliickt — die Form der Tiara. Selbst das Kreuzchen fehlte nicht oben darauf, von roten Beeren gereiht. Stolz streckte der Bogt das Meisterwerk dem Herrn entgegen. Eine plötzliche.Verstimmung legte sich über des Gutsherrn Gesicht; unter znsammengezogencn Brauen sah er auf die Krone. Fragend, um Ausrufe der Bewunderung betrogen, starrten ihn seine Leute an: warum gefiel sie dem gnädigün Herrn denn nicht, war sie nicht schön, trug wohl der heilige Vater eine schönere auf seinen: heiligen Haupte?! Dai gab Doleschal sie rasch seinem Aeltesten, daß er sie hineintrage, lind wie sie ihm aus den Augen war, war auch die Verstimmung fort. Gewiß, die diesjährige Erntekrone war schön, sehr schön! Flatterten doch auch lustige bunte Bänder von ihren: untersten Rand; und sie sollte auch wieder an Stelle der vorjährigen übern: Eingang zu seinem Zimmer prangen. Ja, die Leute hatten es sehr gut gemeint! Und er dankte ihnen. Seine Stimme schallte von der Freitreppe hinunter Wer den Hof und klang deutlich bis hinüber zu den Wirtschaftsgebäuden. Mochten es alle hören! Die Türen der Ställe standen offen; das Muhen des Rindviehs hörte auf, beim schläfrigen Wiederkäuen gestört von der lauten Stimme. „Leute, ich danke euch! Wie schon manches Jahr, so auch in diesen:. Gott hat mir eine gute Ernte gegeben. Ter Winterroggen lohnt gut. Auch die Sommerung ist gut; »vir haben schwereren Weizen gehabt als andere Jahre. Die Einsaat ist famos aufgegangen. Die Rübenaussichten sind vielversprechend. Das verdanke ich — nächst Gott — eurem Fleiß! Ihr habt euch für mich gcmüht in Sonne und Ziegen. Und ich —" ex hielt an, mit einem glänzenden Blick sah er sich ringsum —i „ich habe mich auch für euch gemüht, euer Wohl habe ich Mir allezeit angelegen sein lassen? Die patriarchalischen Zeiten sind vorbei, hört man sagen. Das ist in vielem auch gut. Ihr seid freie Leute geworden. Ihr braucht nicht mehr zu scharwerken wie früher. Ihr bekommt nicht nur Naturallohn, ihr bekömmt .auch festgesetztes Geld. Ihr habt eure große Stube und Kammer, euren Stall, Bodenraum und Keller. Ihr könnt euch im Gartenland Gemüse bauen und Kartoffeln in eurem Stück Acker. Auch eine Kuh noch neben dem Schwein, zu halten, ist euch gestattet. Ihr braucht nicht mehr dem Herrn mit Zittern zu dienen — nur noch Vertrauen verlange ich von euch und gebe euch das meine dafür wieder. Und !vem verdankt ihr das alles?" Er hielt wieder an und ließ seinen Blick suchend von Mann zu Mann gehen. Mit gesenkten Köpfen standen die Leute und hörten zu, stumpf-ergeben wie in der Kirche. Kein aufstrahlendes Gegenblicken des Verständnisses war zu finden. Wer das verwunderte ihn nicht; so war es ihre Art, er wollte sie schon aufrütteln. Und mit stärker erhobener Stimme führ er fort: „Wem ihr das verdankt?! Euren Wohlstand, euer Behagen, menschenwürdige Wohnung, Schule für eure Kinder, daß sie lesen und schreiben lernen und ihr Fortkommen finden auf der Welt?! Nun ich'will es euch sagen: dem —" Das Herz schlug ihm, es versetzte ihn: fast den Atem, als er's aussprach, laut und fest und doch wie mit einer stillen Andächtigkeit: „Dem Deutschtum! Daß ihr's nun Näßt und behaltet! Ich sage es euch mit Absicht heute an den: Tagender unser Vaterland vor nun mehr als fünfundzwanzig Jahren groß gemacht hat und den Erbfeind in unsre Hand gegeben har. Mit dem Erbfeind meine ich jetzt den Franzosenkaiser, denn es gibt noch einen — einen andern —" Er stockte plötzlich. Ein Blick Helenens hatte ihn ge- trösfen, überrascht, fast erschrocken, warnend zugleich. Fürchtete sie etwas Unbesonnenes?! Nun ja, es mochte besser lein, sich nicht hinreißen zu lassen! So verschluckte er den Rest des Satzes. Sich räuspernd/ sprach er dann, aber mit einer gewissen Strenge und die Stirn zusammenziehend: „Ich will euch nur noch sagen, daß ihr immer ans Deutschsein denken sollt, ans Deutschsein denken müßt. Ihr sollt es aber nicht nur sein, ihr sollt es auch b leibe u. Die meisten von euch tragen polnische Namen — ich weiß wohl — aber was tut das? Im Herzen seid ihr deutsch! Auf dein Lhsa Gora weht die Fahne, schwarz-weiß-rot — .Niemczhcck ist zu .TeutschaM geworden! Unser allcr- gnädigster Herr und König, dem eure Söhne mit derselben Begeisterung dienen lverdcn, wie ich die Ehre hatte, ihm zu dienen, und meine Söhne ihn: dienen werden — der Kaiser von Deutschland, unser Kaiser: Hurra!" Jauchzend riefen's die Knaben dem Vater nach: „Hurra, hurra, hurra !" Auch die Leute stimmten mit ein, wie die Herde dein Leittier folgend; aber ihr Hurra hätte kein Mark', matt fiel es zu Boden. Doleschal merkte es nicht, er hörte seine Söhne so hell um sich. Sein Blick tvar wieder freudig geworden. Mit kräftiger Stimme intonierte er den Choral, der auf Deutschau gesungen worden war, an: gleichen Fest in gleicher Weise, jo lange er zurückdenken konnte. „Nun danket alle Gott, Mit Herzen, Mund und Händen!" Helenens hoher Sopran sing hell an zu schweben, die Knaben strebten der Mutter uach; doch der Gesang der Leute siel auseinander. Ein paar rauhe Bässe versuchten zwar mitzuhalten, die Melodie war ihnen geläufig, aber der Text nicht, so sielen sie polnisch ein; die Weiber, bereit einige anfänglich nachgezetert hatten, schwiegen bald gänzlich. Ein unharmonisches Durcheinander, vor dem das Vieh) das laut dreinbrüllte, keine Scheu mehr trug, stieg zum Himmel auf. Wer unbeirrt, aus allen Kräften, aus ganzer Seele sang Hanns-Martin von Dvleschal init den Seinen >— alle Verse. Und dann, die Hand seiner Frau fassend, rief er froh erregt: „Geht nun und feiert! Trinkt, eßt, tanzt! Man wird euch Kaffee und Kuchen, Semmeln und Würste und Bier geben, so viel ihr mögt. Wer ich bitte, freut euch mit Maßen! Wir wöllien uns alle freuen. — So!" Die Vögte zu sich heranwiukend, übergab er ihnen das Geldgeschenk zur Verteilung. Tor Sprecher zog tief den Hut. und winkte den anderen zu: „Unser gnädiger Herr und die gnädige .Herrin und die jungen gnädigen Herren, — daß sie leben hoch !" „Hoch, hoch, hoch!" Dieser Ruf hatte mehr Kraft; er schmetterte so laut, daß das ,Niech zyje Polska'*), das plötzlich verstohlen vou der hintersten Reihe her erklang, nicht das Ohr des Herrn erreichte. — — lieber den Hof flatterten die bunten Bänder. Die Ciotkä**), die Witwe von Sierakowski, den: Dorfmusikanten, die dessen einzige Erbschaft, die Bassgeige, angetreren hatte, saß ans der umgestülpten Tonne, das Ungetüm zwischen den Knicen, und strich wacker drauf los. Ignaz Ruda, der Lehrer von Pociccha, kratzte die erste Violine; Krzyivousch, das Schiefmaul, blies das Horn, und Kurek, das Hähnchen, der Main: ohne Nase, ein kleiner, halb närrischer, immer lachender Alter, spielte den Dudelsack. Himmlische Musik! Aller Augen funkelten. Sie spielten den Krakowiak — was war schöner als der?! „Wlodasch, laßt Eure Mte sitzen, versuchtes mit 'ner Jungen, da geht's besser!" „Grykafch, tritt du mit der Magdusia an! Lukasch, nimm die Malgofia!" „He, he, angetreten, stellt euch auf! Dalej, dalej!" „Komm, Krajutfch, tanz mit mir," rief die Sofia, die Tochter des Dwornir vom Vorwerk, ihrem Liebsten, dem Stellmacher Krauz zu; sie hatte ihn längst den Krakowiak tanzen gelehrt. Die Fornals faßten die Mellmägde nur, der Schmied. Nahm' die Gänsemagd, der Schafmeister die Gesindek'öchin; Schnitter und Schnitterinnen paarten sich. Der Gärtner suchte sich was Feineres aus, die hübsche Rosaltä, die den Reim gesprochen, kam ihn: gerade recht. tFortictzung folgt.) *) Es lebe Polen! **) Tantchen» , ~ 399 Lin verhängnisvoller Ball. (1810 — 1. IM — 1910.) .Von Karl Witte (Berlin). Tie Reihe der glänzenden Feste, die im Frühjechr 1810 in Parts zu Ehren der Vermählung Napoleons mit der Erz- herzogiu Marie Luise veranstaltet wurden, sollte am 1. J!ulr prwch einen Ball bei dem' österreichischen Gesandten, pent Fürsten von Schwarzenberg, beschlossen werden. Das Kcuser- paar hätte sein Erscheinen zugesagt. In den vornehmen Meisen der französischen Hauptstadt sprach man länge vorher von den großartigen Vorbereitungen in dein nut .außerordentlichem Luxus ausgestatteten Gesandtschaftspatais. ,lus der Gartenseite war ein großer hölzerner Ballsaal errichtet, der mit den Gemächern zu ebener Erde durch eine Galerie in Verbindung stand und sich durch reichen inneren Schmück äuszeichnete. Bon der Mitte der Decke hing ein riesiger Kronleuchter herunter, an den Wänden, auch an denen her Galerie, fehlte es nicht an zahlreichen Halblüstres. Ausschließlich für die kaiserliche Familie sollte eine Estrade dienen. Der Herr des Hauses hatte an dem festlichen Tage für die Honneurs außer seiner Gemahlin seinen Bruder, den Fürsten Josef, und dessen Gemahlin Pauline zur Seite. Etwas nach 10 Uhr trafen Napoleon und Marie Luise von St. Cloud ein, auf dem Ehrenhofe von Fanfarcnklängen begrüßt. Bon bcm Gesandten geführt, treten sie gleich nach ihrer Ankunft einen Rundgaug durch den Garten an, der sinnreiche Ueberraschungen der verschiedensten Art darbietet. Aus einem Apollotempel erschallt fröhlicher Gesang, und als der Kaiser und die Kaiserin ihren Weg durch die Kaskadeu- allee fortsetzen, klingen ihnen geheimnisvolle Töne aus einer unterirdischen Grotte entgegen. Gesänge in deutscher Sprache berühren an dieser Stelle das Ohr der österreichischen Kaiferstochter gewiß ganz besonders wohltuend, während dem Gehör ihres Gemahls unzweifelhaft die Trom- petenkläuge und die Triumtzhgesäuge lieber sind, die sich aus einem Tempel des -Ruhmes vernehmen lassen, wo üppige Frauengestalten in lebenden Bildern den Sieg, die Klio und den Ruhm darstellen und Wohlgerüche von goldenen Dreifüßen aufsteigeu. Auf einer Rasenfläche mit einem Ausblick aus die Nachahmung eines Pavillons im Parke von Laxenburg bei Wien, an den sich für Marie Luise so glückliche Jugenderinnernngeu knüpften, lenken die Tänze nach ländlicher Art die Blicke der hohen Gäste auf sich, die sich, von dem, was ihnen dargeboten wird, in hohem Grade befriedigt zeigen. Schon hat die Mitternachtsstnnde geschlagen, und bis dahin ist alles nach Wunsch gegangen, bemerkt Jmbert de Saint-ÄMaud in seinem Buche „Die schönen Tage der Kaiserin Marie Luise". Fürst Schwarzenberg geleitet den Kaiser und seine Gemahlin mit ihrem glänzenden Gefolge nach dem Ballsaal, der fünfzehnhundert Personen fassen kann. Der Ball wird durch eine Quadrille eröffnet, bei der die Königin von .Neapel mit dem Fürsten Esterhazy tanzt, Eugen von Beauharnais mit der Fürstin Pauline voir Schwarzenberg. Nachdem die Quadrille beendet ist, »erläßt Napoleon die Estrade, um einen Rundgang durch den Saal zu machen. Er hat sich gerade von der Fürstin Pauline deren Töchter vorstellen lassen, als plötzlich ein leichtes Gewebe an einem Fenster in Braud gerät. Vergebens versuchen Graf Dumanoir, der Kammerherr des Kaisers, und mehrere Offiziere das Feuer in seinem Entstehen zu löschen: mit unheimlicher Schnelligkeit breitet es sich an der Wand und an der Decke aus, indem es überall! schnell entzündbaren Stoff vorfindet. Der Kaiser verliert trotz, der drohenden Katastrophe, die unter den Tanzenden und den Zuschauern lantauffchreiendes Entsetzen hervorruft, keinen Augenblick die Geistesgegenwart, sondern eilt, den österreichischen Gesandten zur Seite, nach der^ Estrade zurück, um seine Gemahlin aus dem brennenden Saale zu führen, so lange es noch Zeit ist. Offiziere seiner Garde, die an Verrat denken, decken seine Person mit gezogenen Degen. Fürst Schwarzenberg glaubt ihm die beruhigende Versicherung geben zu tonnen, daß die Ausgänge zahlreich genug seien, um den Verlust von Menschenleben zu verhüten. Marie Luise, die in deut allgemeinen grauenhaften Wirrwarr ebenfalls vollkommene Ruhe bewahrt, findet noch rechtzeitig ohne ernste Gefahr mit ihrem Gemahl au der Hand und dem Herrn des Hauses als Führer einen sicheren Ausgang nach deut Garten, den das Kaiserpaar durchschreitet, um sofort den bereitstehenden Wagen zu besteigen und davonzufahren. Bald darauf kehrt Mpoleon zu der Inglücksstätte zurück, wo während feiner kurzen Abwesenheit das durch einen plötzlich ausgebrochenen Gewittersturm zu noch größerer Wut entfesselte Element schon schreckliches Anheil angerichtet hat. Die in Ohnmacht gefallene Königin von Westfalen verdankt ihre Rettung allein hem Grafen Metternich; der Königin von Neapel und anderen Damen kommen Üm letzten Augenblick, als die Flammen sie schon umzüngeln, der Großherzog von Würzburg und Marschall Moncey zur Hilfe. Dem Prinzen Eugen gelingt es, nachdem die Kronleuchter 'chon mit furchtbarem Machen herabgestürzt sind, mit seiner halbbewußtlosen Gemahlin dem Feuermeer unversehrt zu entrinnen. Es will jedoch seine Opfer haben. Von den Töchtern der Fürstin Pauline Schwarzenberg hat sich die älteste gleich beim Beginn der Katastrophe in Sicherheit bringen können, vergebens jedoch sieht sich jetzt die Mutter n ihrer Herzensangst nach der jüngeren um, die auf ihre Angstrufe feine Antwort gibt. Der eigenen Gefahr nicht achtend stürzt sie in den brennenden Saal zurück, wo ein ürchtbares Schicksal sie ereilt, als sie sich mit der verloren Geglaubten schot: in Sicherheit wähnt. Bei Morgengrauen entdeckt man unter bett rauchenden Trümmern ihre halb- verkohlte, schrecklich verstiünmelte Leiche, die nur an ihrem Geschmeide zu erkennen ist. , Groß war die Zahl derjenigen, die mehr ober minder chwere Brandwunden davongetragen hatten. Int Latife >es folgenden Tages erlagen ihnen die Fürstin von. 'der Leyett, die Frau und Tochter des Generals Touzart, der selbst ebenfalls sehr ernst zu Schaden gekommen war. Fürst Kurakien, der russische Gesandte, wäre ohne seine über uttbi über mit Gold gestickte Uniform uttd die vielen Orden, die ihtt wie ein Panzer schützten, dem Tode auch wohl kaum entronnen, als er bei einem Fehltritt von den Stufen der Treppe, die aus dem Ballsaal in den Garten führte, itts Feuer stürzte. So kam er mit Wunden davon, die in mehreren Mottaieu heilten. Die jüngere gleichnamige Tochter der verunglückten Pauline von Schwarzenberg -aber ivurde, wenn auch viel später wie ihre Mutter, ein Opfer des unglückseligen Festes, indem ihre dem Anschein nach geheilten Brandverletzungett sich nach einigen Jahren ivieber öffneten, und zwar zu tödlichem Ausgange. Napoleon verweilte an der Unglücksstätte länger als zwei Stunden uttd gab in dem strömenden Regen forte während Anweisungen zu beit Lösch- und Rettungsarbeiten. Als er morgens gegen vier Uhr in St. Cloud, wo seine; Gemahlin ihn in ängstlicher Spannung erwartete, völlig durchnäßt und in äußerster körperlicher und geistiger Ab- spantiung ivieber eintraf, warf er sich in einen Sessel mit dem Ausruf: „Mein Gott, welches Fest!" Constant erzählt in seinen Memoiren, die !Hände seines Gebieters feien- schwarz von Kohle geivesett, auf seinen Gesichtszugeu habe sich die tiefste Traurigkeit ausgeprägt und in seiner Stimme wäre eine bei ihm sonst ganz uttgewohnte innere Erregung! zum Ausdruck gekommen. Napoleon verheimlichte nicht feine Befürchtung, daß man dieses schreckliche Ereignis als' eine böse Vorbedentuitg auffafsen würde, und verriet dadurch, daß es aus hem dunklen .geheimnisvollen Schoße der Zukunft seiner eigenen von Aberglauben keineswegs, ganz freien Phantasie drohendes Verhängnis vor Augen geführt hatte. Vermochte». * Telephonieren dur ch die Erde. Eine anfschen- erregende Erfindung, die int Grnbenwescn wohl eine bedeutsame! Rolle spielen wird, hat nun ihre erste praktische Probe bestanden Es bandelt sich .um einen sinnreich gebauten Apparat, der es möalich macht, auf drahtlosem Wege durch die Erde hin- dn"rch zu telephonieren. Nach langen schwierigen versuchen ist es dem englischen Ingenieur A. I. Sharm an gc- lungen, einen Apparat zu bauen, der die elektrischen Wellen du, zu den größten Erdtiefen hinabtreibt, wo ste von einem Emp- fangsapparat ausgenommen werden können, -iac Borr'.chnmg Pt außerordentlich einfach, die Handhabung bedingt keinerlei Erfahrung, und der Apparat selbst ist tz leicht daß er bcgucm getragen werden kann. Die erste Praktische Probe wurde i ta tiefen Gruben und Höhlen von Chislehurst vorgenommen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter eines englischen Blattes, der dem Vorgang beiwohnte, gibt eine mterestante Schilderung. „Nachdem wir den Hügel über den Höhlen bestiegen hatten, wurdet der kleine Apparat, der fast wie eine photographische Kamera aus sie Ist UNtz auf einem leichten, drei-einigen Gestell ruhst, aufseftdlt, Die 400 I "Der gefoppte ®reitjbeamte. Ein holländische Grenzbeamter faß im deutschen Grenzort Horbach bei einem Glas und beachtete scharfen Auges die Passanten, in der Hoffnung, den I emen oder anderen jenseilS der Grenze beim Schmuggeln ertappen zu können. Ein Paar Spaßvögel, die ibn erkannt hatten, füllten ! einen großen Sack mit Lumpen und versteckten ihn unter Stroh auf einem Leiterwagen, mit dem sie nach der Grenze fuhren. Eine Zeitlang lief der Grenzer, nach feiner Meinung unbemerkt hinterher. Aber bald konnte er es nicht mehr aushalten, denn die „Schmuggler" fuhren ivie besessen. Da begegnete ihm ein Nadler, den er mit vorgehaltenem Revolver zwang, sein Rad abzngeben. Darauf sauste er zur Grenze. 91 bet' nirgendwo vermochte er eine Spur der vermeintlichen Schmuggler zu entdecken! denn diese waren nämlich auf einem Seitenweg zur Herberge zurückgekehrt, wo derlllk weidlich begossen wurde. Für den holländischen Grenzer halte der Vorfall em übles Nachspiel. Als er kurz danach wieder nach Horbach kam, wurde er wegen Erpressung mit Waffengewalt an! deutschem Gebiet verhaftet. Nach 25 Stunden gab man ihm allerdings wieder vorläufig die Freiheit zurück, der Prozeß aber nimmt seinen gewöhnlichen Verlang. . * Zeitgemäß. „Also, Brown hat sich in die Tochter deines Freundes verliebt? 'Tas war wohl Liebe auf den ersten Blick?" — „Nein, auf den zweiten: das erste Mal, als er sie sah, wußte er noch nichts von ihrem großen Vermögen." * E i n e gute Geel e. Nachtwächter (als uachts beim Saitt>6aiict_ ein Feuer ausgeht): „Ich iverd' mit dem Alarmierest noch a bissel warten — der arme Teufel k a n u' s g e * brauche n!" Auflösung in nächster Nummer i Auflöfttng des^Rätsels in voriger Nuntmer: Sorge, Sarg. beiden Eisendrahte, die die Wellen abgebeu, steckte man in die Erde. Mr. S har mail blieb -oben bei dem Apparat, während wir mit der Empfangsvorrichtung in die .Höhle hinabstiegen, Nachdem iuir etwa 200 Meter weit durch die nirterirdischen Gänge geschritten waren, ivurde bei dem trüben Licht der Oellaternen der zweite Apparat aufgestellt. Dann kam ein Signal und sofort begann Mr. Sharman von der Erdoberfläche aus zu uns herunter M sprechen. Wie Worte klangen klarer und lebhafter als im gewöhnlichen Fernsprecher: wir unterhielten uns eine ganze Weile lang miteinander, ohne daß die geringste Störung eintrat. Dann wurden, di e Apparate umgeschaltet und nun erfolgte durch die drahtlose Telegraphie auch der Austausch von kurze» Morse- nachrichteii." Die Erfindung Sharmans beruht auf der von ihm gefundenen Möglichkeit, die Erde in derselben Weise wie die Luft für die Uebermittlung der Schallwellen zu benutzen. Von dem Abgabeapparat gehen elektrische Stöße aus, die von dem Emp- failgsapparat ausgenommen und in Laute umgewandelt werden. Es wurden bann weitere Versuche vorgenommeu, die sich auf die Verwendbarkeit des Apparates im Wasser erstreckten. Die Ergebnisse waren noch günstiger. Künftig werden Kriegsschiffe 4'V-t- tausend Fuß entfernten unter der Meeresoberfläche liegenden ihtten'eebooten in steter Verbindung bleiben können. Dabei ist der Verbrauch an elektrischer Kraft außerordentlich gering. Die kleine Form nnd die Leichtigkeit der Maschine begünstigen die allgemeine Verwendungsfähigkeit. - _ * ® a s Vaterland des K o lnmb u s. Die Behauptung, daß der Entdecker Amerikas ein geborener Genuese gewesen sei, ist Don der Wissenschaft schon ost in Frage gestellt worben, denn die Beweise für die italienische Abstammung des Kolumbus sind nur gering und die meisten von ihnen halten einer gründlichen! I Nachprüfung nicht stand. Mit dieser Frage beschäftigt sich eine umfangreiche Untersuchung, die der spanische Gelehrte Anton del Olmet in der „Espana moderna" veröffentlicht und in der er ein stattliches Beweis material dafür zufammeuträgt, daß Kolumbus ein geborener Spanier war. „Der italienische Kolumbus, der Gemieser Kolumbus, führt uns überall zu unüber-t windlichen Widersprüchen und zu den unerklärlichen Rätseln. Wenn wir dagegen die Spuren verfolgen, die dafür sprechen, daß Kolumbus in der spanischen Provinz Galizien das Licht der Welt erblickte, so ivird alles klar und logisch, alle Einzelheiten seines Lebens und seines Wesens erklären sich, alles, was in feineni Tagebüchern bisher dunkel blieb, wird verständlich, fa selbstverständlich, und man begreift auch, wie Kolumbus beim Anblick der Neuen Welt sich der Campagna von Cordoba und der Nach- I tigallen von Spanien erinnert." Die spanische Abstammung des Kolumbus wird auch von dem englischen Forscher Martin Hume I und von Eva Canel verteidigt. Für sie tritt auch der jüngste Biograph des Kolumbus, das Mitglied der Geographischen Gesell- schmst von Madrid, Garoia bet la Riega in seinem umfangreichen I Werke ein, in dem er an der Hand zahlreicher ueuentbetfter Nr-i künden nachzuweisen sucht, daß Christoph Kolumbus in Pontevedra tu Galizien geboren ist. Die dortigen Geburtsverzeichnisse führen den Namen Colon, das spanische Wort für Kolumbus, sehr oft RN. Verschiedene Schriftstücke beweisen auch, daß Kolumbus von I mütterlicher Seite von j ü bischer Abstammung war. Dieser I Umstand War ein Hauptgrund für Kolninbus, seine Herkunft zu I verschleiern, denn alles kam darauf an, dem Haß der Inquisition, I auszuweichen. Riega weift nach, daß sowohl fein Aeußeres wie I lauft) verfcyiedene auffällige Wendlingen seines Stils seine jü- I difche Abstammung beweisen. Dazu kommt, daß Kolumbus des I Italienischen kaum mächtig War, er sprach und schrieb nur1 I Spanisch ober Latein. In italienischer Sprache gibt es nur eine I Randbemerkung, die Kolumbus zugeschrieben wirb, aber eine Reihe f vvn Umständen weisen darauf hin, daß diese Bemerkung nickst von I der Hand des Entdeckers Amerikas stammt. * lieber die Ameisen lauten die Urteile, die der Mensch I nach dem jeweiligen Standpunkte zu ihrer Tätigkeit einnimmt, ver- I schieden. Wie alle Geschöpke, haben auch sie im Naturhaushalle | bestimmte Arbeit zu verrichten, die ost menschlichen Zwecken ent- I gegeistteht, so daß sie an der Aussührnug derselben gehindert werden. I Zin System zahlen die Ameisen, im Gegensatz zu den Blumen-, zu I den Ranbmsekten, die andere Kerfe töten und dadurch dem Menschen- I haushalte nutzen. Weil die Mehrzahl der Insekten einzeln lebt, ist I es schwer, sie zu schützen, um so mehr sollte es deshalb bei den ge- I sellng lebenden insofern geschehen, als sie vor Störungen in ihrem I gemeinsamen Hauswesen bewahrt werden. Die Ameisen verzehren I zwar gern süße Pflanzensäfte, gehen auch zuckerhaltige Früchte an, I tun dies aber immer erst, wenn diese aufgesprungen oder bereits I von Wespen benagt sind. Vom Besteigen der Obslbämne sind sie I durch ©treuen von Salz oder Asche leicht abzuhalten. Pflanzen I japien |ie niemals, Blattläusen dagegen gierig Säfte ab, wodurch sie I diese rcgch toten. Auch Rauven bringen sie rasch um, woraus sich I bte Tatsache erklärt, daß bei Raupenfraß in Wäldern da, wo I -iliiicifenOaiifeii vorhanden sind, die Bäume um dieselben raupenrein I sind." Ans diesem Grunde untersagen die Forstbeamlen jede Störung I der Ameisenbaue, und dies ist auch die Ursache, daß-die Existenz I der rotbraunen Ameise im Walde gesetzlich geschützt ist. Um die I Raupen des Kohlweißlings an den Kohlfeldern zu vertilgen, bringt 1 man in manchen Gegenden Ameisenhaufen darauf. " • öiichertisch. —- 3) er Tempel in Brüssel. Auf der Weltausstellung Biüjsel befiilbeu sich sowohl in der künstlerischen Abteilung des Buchgewerbevereiils im Deutschen Haus, wie auch in der Abteilung der Buchgewerbekünstler die Deutschen Dichteraiisgaben des • Tempelverlags. Sie finden unausgesetzt hohe Anerkeniiung »uÄ Aufmerksamkeit und die Besucher widmen ihnen nur bewundernde! Worte. Daß der Ausbau der Tempelklassiker in ununterbrochener Weise stattfindet, davon überzeugen uns die eben erschienenen Fortsetzungen. In der Goethe-Ausgabe sind in drei neuen Bänden herausgekommen die Abteilungen: „Sturm und Drang", die „Jugenddramen", die „klassischen Dramen", „Die Leiden des jungen Werthers", und „Wilhelm Meisters Lehrjahre". Bon der Heine-Ausgabe ist der Band mit „Shakespeares Mädchen und Frauen, Pantomimen und Memoiren" neu herausgekommen. Die Kleist-Ausgabe liegt mit dem 5. Baud „Heinrich u. Kleists Leben, Werke und Briefe" von Dr. Arthur Eloesser vollständig vor uns. Dieser Band enthält in biographischer Folge unter Einflechtung der wichtigsten Briefe Kleists alle Erklärungen und Erläuterungen zu seinen Werken. Dem.bekannten Herausgeber ist es auf eins hervorragende Weise gelungen, alles philologische und kritische in die monographische Folge einzuschmelzen. Dieser Abschluß der Tempel-Kleist-Ausgabe findet fast gleichzeitig mit der Enthüllung des Kleist-Denkmals in Frankfurt a. ■£>. statt, auch die Kleist- Ausgabe des Tempelverlags ist ein künstlerisches GedächtniSmal für den Dichter, MiigzprsNmaöe. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man. — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes Übergeht. ber vor läßt pein nein big geh tt wünsch der und gnä Heu lä en den samt zu hört sie chelt und genb der geht neu ihr mel der raum in seh schö wohl träum Hirn neu neu neu nach man chem ge ftüm Ml mit und lrä den ster sie stürmt Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet