M0 .au. UlliiSJJ Ihres Vaters Tochter. Nomaii von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.! (üottieijuna.) Halt, Agnes Weddigen! Ich sehe, du lachst schon wieder, Vater. Du behauptest ja immer, meine Briese wären in der Entwicklung gehemmte Romane! Aber sei ruhig, die Prosa hat hier auch ihr Recht. .Und sie heißt — Tante Weddigen! Tante Weddigen ist wie ein gutes Huhn, das jedes Ei begackert. Ich weiß ja auch, daß ein Haushalt seine Schwierigkeiten hat, aber die Maschine muß gehen, ohne zu knarren. Morgens in der Küche einen Pudding anrühren und mittags im weißen Battistkleid so tun, als ob Elias' Raben ihn gebracht hätten! Nicht wahr? 'Onkel Weddigen ist auch Prosa, aber gesunde, behagliche. Ich versuche, ihn mir jung vorzustellen, wie du ihn gekannt hast. Es ist gar nicht schwer, er hat noch etwas so Kindliches in den Augen. Er war ein- derber, blonder, rotbäckiger Bauernjunge mit festen Zähnen für jeden unreifen Apfel und festen Fäusten für jede Äubenbalgerei. Der kleine Peter Florenz ist anders gewesen. Den sehe ich auch, Vater, überall; im Garten mit dem „Andersen" unter der Stachelbeerhecke, auf heimlichen Entdeckungsreisen im Korn, das dem Kerlchen über dem Kdpf zu- sammenschtägt — oder an dem großen, plumpen Eßtisch, Mit den Beinen vom Stuhl baumelnd. Ein ernsthafter, stiller Junge, der zwischen den andern viertelstundenlang vor sich hinträumen konnte und dann plötzlich, wenn man ihn anredete, ein Paar intelligenter, heller Augen unter schwarzen Wimpern groß aufmachte! Ich habe Onkel Weddigen gebeten, mir von Dir und von früher zu erzählen. Er -zog die Augenbrauen hoch. ,,-Deern, was ist denn da groß zu erzählen? Da frag ihn nur lieber selbst. Ein eigener Kerl ist der Peter- Florenz immer gewesen, gerade so vertrackt wie sein Name; aber für den kann er ja nichts, der ist nun mal in den Familie. Er hatte immer so was an sich, daß jeder sich nach ihm n-msah, untn alle wunder was aus ihm machten. Besonders die Weiber — na —" Er räusperte sich und war auf einmal still und ein bißchen verlegen. Ich lachte ihn aus. „Onkel, red ruhig weiter. Es macht mir ja Spaß, wenn ich denke, daß die Mädchen nach ihm gesehen haben. Ich hätte mich sicher auch in ihn verliebt, wenn ich damals schon gelebt hätte und nicht seine Tochter wäre!" Onkel Franz klopfte mich lachend auf die Backe, wie er es seinen Töchtern tut. „Schnack nicht solches Zeug. Du siehst ihm! übrigens ähnlich, Mädel. Gerade die gleichen Augen." Es hilft nichts, auf dem Punkt Peter Florenz ist er nicht ausgiebig. Ich lächele heimlich und verstehe. Dm Konflikte von früher, von denen Du mir so oft erzählt hast, sind ein heikles Thema für ihn, weil er selbst und Großvater a.!nd der ganze heilige Familienrat sich an Dn blamiert haben! ,LI, Aber diese Menschen sind so ganz „aus Erde gemacht . Sie konnten gar nicht anders, als diesen jungen Heißkops, der sein praktisches Brotstudinm über den Haufen warf und Dramen schrieb, für einen verlorenen Sohn halten. Es ist auch ganz folgerichtig, daß sie ihn jetzt wieder anerkennen nnd Respekt haben, wo ihm seine Dramen die Villa in Thüringen gebaut haben. Fast so gut wie enü Brotstudium! , , Onkel Franz ist jetzt sogar stolz aus feinen berühmten Bruder, wenn er ihm auch augenscheinlich wie eine Abnormität in der Rasse Weddigen vorkommt — ungefähr wie ein Schaf mit sechs Beinen. Man sieht es sich am schüttelt de» Kopf und wundert sich, aber man kann nichts! damit ansangen! , Ich soll Dich überreden, mich hier abzuholen, sagte Onkel Franz heute. Du sollst wieder in Deiner Jungen- stube wohnen, und sollst Flottkäse mit Kümmel essen, deck Du früher so gern gemocht hättest. (Siehe eine Notiz! für Deine Biographen: die Lieblingsspeise unseres Dramatikers !!l ., . , ., Hast Du Lust zu kommen? Wenn iiicht, so fahre ich nach Haus. Bis Freitag spätestens bin ich dann bei Dir. Unten läutet der Briefbote. Vielleicht endlich Nachricht —। Aus Agnes Weddigens grünen Heften. 6. Juli. Ich begreife es nicht. Ich fasse es einfach noch nicht. Vor sechs Wochen ein lachendes „auf Wiedersehen!" und eine warme, lebendige Hand. Und heute nichts als das stumme, leere Haus, und die paar Zeilen da vor mir m seiner lieben, bekannten, klaren Schrift, mitten im Satz abgebrochen. , . . Mein letzter Brief an ihn auch noch unfertig m meiner Mappe. Er wird ihn nie lesen. Nie. Mein, nein, das ist ja nicht wahr! Ich glaube es jetzt ebensoivenig ivie gestern, als sie mir in Weddigenhos das Telegramm und die drei Tage alten Briefe brachten,, die mir 'von Stadt zu Stadt nachgegangen waren wie heimliche Verfolger! . , Und ich habe die ganzen Tage gelacht und gesprochen und gegessen und getrunken wie immer. Habe an ihn gedacht und ihm geschrieben, während — Wenn ich nur wenigstens einmal eine Zeitung in die Hand genommen hätte, dann hätte ich es ja gewußt! Aber in der Hetzjagd der Reise! Und in Weddigenhof nur das kleine Lokalblatt, das dze Nachricht nicht hatte! Und er hat es gewußt seit Wochen. Wochen! Und hat mir kein Wort gesagt! Hat mich weggesäuckt! Weil ve£ einem lieben Menschen der Eindruck solcher — 194 — abgeschnitten? Ich weiß nicht, wo er ist. Ob er t|t. Ich ertrage es" nicht! Ich habe nie gewußt, daß es| so furchtbar ist! Lieber selbst sterben! Wir haben nie viel vom Tod gesprochen, Vater und ich. Er mochte es nicht. „Der Tod ist häßlrch!" sagte er. Man muh ihn mit Leben und mit Schönheit zmdecken. Darum sollte ich nicht bei ihm sein zuletzt. Aber wenn ich bei ihm gewesen wäre, dann hatte er nicht sterben können. Mit Meinen Armen, nut meiner Seele hätte ich ihn feftgehalten, daß er hätte bleiben muhen! Vater, Vater, warum hast du mich so allem gelaßen? 14. Julis Wenn ich beten könnte! Beten lvie unsere alte, gute Marie, die als fromme Katholikin eine Art 3“^6et in. ihrem Rosenkranz sieht. Oder wie ein einfältige Bauernweib in Vaters protestantischer Heimat. Ich kann es nicht. Vaters und mem Gott ist nicht der gute, alte, langbärtige Großvater aus Ludwig von Hofmanns märchenhaften Paradiesgarten. Er ist etwas Riesiges, Unfaßbares, Gewaltiges. Er ist das Leben selbst, das durch die grünen Adern jedes Blattes, die roten meiner Hand pulst und brennt. 1T,. r.ä Aber man kann nicht kindlich zu ihm beten. Dieses große, furchtbare Leben schafft und verzehrt in einem Awin, weckt und tötet. Was fragt es nach uns? Wir sind eine winzige Spanne Zeit da, dann fegt es uns von der Erd ! und braucht die freigewordene Kraft, wo es sie brauchen will. Vater! Vater! Was hilft inir das? Ich brauche irgend etwas Großes, jenseit der Erde, jenseit von Sterben und Geborenwerden! Etwas, an das ich mich sestklaminern rann, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere! 15. Juli. Ein paar Briefe habe ich heute aufgemacht. Einer! in Tillas rascher, launenhafter Schrift. Nichts als Worte Der etwas verlegene Kondolenzbrief, dre lästige Pflicht. I kenne das. ,,, , . - Der andere hatte den Poststempel Weddigenhof. On.ei j Franz. Er schreibt wieder, was er mir auf der Bahn beim Weggehen sagte: ich soll zu ihnen kommen. Kurz und bündig, aber ehrlich und gut. Aber der Bries gibt mir doch mclM Die Haustürglocke klingelt nur noch selten mehn Iw j habe keinen Besuch angenommen. Ich kann nicht, ich w nicht. In der Einsamkeit bin ich mit meinem Toten zu sammen. Die fremden Menscheir würden nut ihn weg nehmen. (Fortsetzung folgst) 7. Juli., Ich habe mir Marie hereingerufen und mir alles genau erzählen lassen. Er ist die ersten Wochen noch ganz »eiter gewesen, nur viel gelegen hat er. Und bisweilen I ist es ihr ausgefallen, daß er schlecht ausgesehen hat. Er hat jeden Tag gearbeitet und ist auch im Garten gegangen, aber langsam. Dann ist es schlimmer geworden, er hat Unfälle gehabt, hat nicht atmen können und ist ganz grau ÜM! den Mund geworden. , Und ich nicht bei ihm! Ich irgendwo weit weg, ohne eine Ahnung davon, daß er litt! , „Ich habe dem Herrn damals gesagt, ob wir dem Fräulein Agnescheii schreiben sollten," erzählt Marie, „aber er ist aufgefahren: was fällt Ihnen ein? Kein Wort soll! | sie wissen, verstehen Sie! Daß Sie ihr nichts schreiben, ehe | ich es Ihnen erlaube! Sie sollen mir das versprechen Marne." Sie hat es ihm versprochen. Er hat weitergelitten. Wer zuletzt ist es dann rasch gegangen. In den letzten Tagen hatte er kaum mehr eine» Schritt getan. „Wer bis zuletzt habe ich ihm die guten Faltenhemden herausgeben müssen, und er hat immer so propper und fein ausgesehen wie in gesunden Tagen." Die treue alte Seele hat dann doch ihr Versprechen- gebrochen und in ihrer Angst mir heimlich geschrieben. Diesen ungeschickten guten Dienstmädchenbrief, der mich mit der Todesnachricht zugleich in Weddigenhof erreichte. Das letzte muß bann ganz schnell gekommen sein, ihm selbst unerwartet. Er hat wie mutter am Schreibtisch gesessen, als sie ihm die Postsachen gebracht hat, meine Hildesheimer Karte darunter. Alle Schreibtischladen haben offen gestanden, und lauter Papiere haben um ihn herumgelegen. Er muß allerlei verbrannt haben, der Kamin ist voll Wapierasche gewesen. Er hat noch ebenso am Schreibtisch gesessen, als sie nach einer Stunde iviedergelommen ist. Nur ein bißchen zurückgelehnt int Stuhl, und den Kopf auf der Brust, und der Atem hat stillgestanden. Es ist niemand bei ihm gewesen in der Stunde. Medizinalrat Kampf, Vaters Arzt und alter Freund-, hat dann das Begräbnis und alles Nötige besorgt, weil ja sonst keiner da war und es d-och geschehen mußte. Es ist mir-, Äs ob ich das alles Km einem gaM Fremden schreibe, nicht von meinem Vater. So oft ich es mir auch vorsage — 9. Juli, Es kommen noch jeden Tag Kränze. Große kostbare Dinger, eine Verschwendung von Duft und Blüte. Ich sehe sie kaum an. Ich kümmere mich nicht darum, was Marie damit anfängt. Die Beileidsbriese liegen in einem Wespen d?r ZnnZmg! Jede kostbare Minute, jedes mit den dunklen Flügeln an die Lampenglocke burrt -n liebe Wort jeden Bl-ick! gewesen, so furchtbar f° ist, als ob ich auf etwas warten müßte. Hundertmal mttXrM am Tage sehe ich nach der Tür. Er muß ja hereinkommen, nnerwarrer. - ( ) g Kleid- cm und gehe langsam sage ich. Ich habe dies alles geträumt. Estst mcht wirk tch Stuben im Haus, wieder und wieder. Durch Ich zähle die Tage. Fast eine Woche bin ich letzt die Eßstube, wo seine silberne Tasse noch auf dem Neben- zu Haus. Vor sieben Wochen habe ich Vater zuletzt gesehen, tisch steht, in die ich ihm jeden Morgen den Kaffee em- I 11. ^ult. uoß Durch die große helle Gartenstube, wo das Licht, | ©eilten Schreibtisch habe ich- nicht angeruhrt. Er durch -die Kastanien vor deut Haus grünlich gedampft, auf | mochte es nicht, daß ich ihn in Ordnung brachte, ohne dem-Parkett liegt, aus dem schönen alten Empire der Euu I er ^afiei war. Es ist mir, als ob er noch der mir richtuua mit ihren klaren einfachen Linien, die wir beide I ^re, wenn ich seine Bücher und Papiere ausehe. so liebten, und auf den Büchern und Papieren seines breiten 12. Juli. Schreibtisches. Es liegt und steht alles noch so, wie er es $$ will nicht, daß er tot ist, ich will nicht! Ich ließ, ziemlich zerfahren. Meine Hand Jg €. B k® ihn wiederhaben! Auf die Erde werfen mochte ich Ordnuiigmachen. Unter seinem schlicht gerahmten Klinger- ltnb, schreien, wenn ich versuche, es nur klar zu machen, blatt „An die Schönheit" ein paar dunkelrote Rosen, dm nichts. Er kommt nicht wieder. Ich kann er selbst abgeschnitten hat. Aber sie haben das Kristallglas rcIreieit j Ammern und den Zufall oder das^ «chicksal ganz leer -getrunken und hängen braun imd verwett,. (Sjott h,ei& toaS cinklagen, es antwortet mir mcyts In den großen Saal gehe ich auch,-aber ich - W Diese furchtbare Stummheit! Dies Alleingelassensetn die Tür schnell wieder zu. Es riecht so stark nach welken! Nie wieder die Stimme zu hören, die man lieb hatte! Blumen da und nach Lebensbaum. Da hat der Sarg ge- I wieder das vertraute Gesicht sehen! Alles wie ausstanden, sagt die alte Marie. aelöscht. Und nur großes, gleichgültiges Schweigen —i Der Sarg! Vaters Sarg! .1 Mr sind ja noch nicht fertig gewesen! Wit hatten! Herrgott, laß mich den Verstand behalten, es kann ja - ^och so viel zu sagen, noch genug für Tage und Jahre! Nicht wahr sein. Er ist nur verreist und muß wiederkommen. | * to^r nr;r ja viel mehr als nur Vater — Lehrer,, Wann? Vater, wann? Komm bald! | ^.ü$)Ter/ Freund! Ich hatte keinen andern als ihn. ^ch brauchte auch keinen. s, Und das soll vorbei sein? Alle Faden zwischen uns Vögel des hohen Meeres. Flugstudien. Bon Gustav Lilienthal, Seit einer Woche hatten wir die kapverdischen Inseln Perlassen. Bei lauem Winde und ruhiger See dampften wir mit dem Kurs auf Kapstadt durch den Golf von Guinea und näherten uns ivieder der Afrikanischen Küste, trotzdem aber noch mehrere hundert Seemeilen davon entfernt bleichend. „Jetzt werden bald die Vögel erscheinen", meinten die erfahrenen Mitreisenden, welche die Fahrt schon öfter gemacht hatten. Und richtig! Schon am Nachmittag desselben Tages tauchte eine kleine Seeschwalbe auf. Am nächsten Tage erschienen schon mehrere, und einige große Möwen gesellten sich hinzu, gierig alles über Bord Geworfene auf seine Veroaulichkeit musternd. Eine Stunde vor Sonnenuntergang verschwinden die Vögel, um sich bald nach Sonnenaufgang wieder einzufinden. Hierbei konnte ich bemerken, daß eine große Möwe, welche ein gebrochenes Bein hatte, das kraftlos beim Fluge herabpendelte, mehrere Tage hintereinander wieder erschien. Unser Dampfer, noch von alter Bauart, legte durchschnittlich nur 12 Knoten in der Stunde zurück, während der Nachtzeit also 144 Knoten. Unsere Entfernung von der Küste mochte etwa die gleiche sein als die Strecke, welche wir zwischen Sonnenuntergang aus -aufgang zurücklegten. Kehrten nun die Vögel nachts an die Küste zurück oder übernachteten sie auf beut Wasser? In jedem Fall hatten sie bald mit Sonnenaufgang das ^Schiff wieder erreicht und dabei eine Morgenpromenade von 160 Seemeilen gemacht. Kein Wunder, daß die Tiere -einett gatten Appetit entwickelten. Mei ruhiger See und bei Windstille waren wir auf her Reede von Kapstadt angekommen und nach zwei Tagen verließen wir es bei frischer Brise. Kaum war der Jnsel- berg in blauer Ferne verschwunden, als Bootsmann und Schisfszimmermann alle Ausbauten des Schiffes, besonders -aber die Verschlüge für die mitgenommenen Strauße und den Kuhstall, auf ihre gute Befestigung prüften. Die Versicherung der Decklukeu wurde noch einmal gehörig au- gezogen und die Oberlichter des Speisesaals mit wasserdichtem Leinen überspannt. Während dieser feierlichen Vorbereitung hatte der Wind erheblich aufgefrischt. Die Bausegel, unter denen wir bei gutem Wind meistens gingen, würden herunter genommen und nur mit zwei Focksegeln liefen wir vor dem Wind. Schon iit der Nacht begann unser gutes Schiff erheblich zu stampfen und am Morgen wurde den Passagieren erklärt, daß das Betreten des Deckes untersagt sei, wegen der schweren Stitrzseen, welche sich über Bord ergossen. Unser Steward, dem mein Interesse au dem Flug der Vögel vor unserer Ankunft in Kapstadt nicht entgangen war, trat geheimnisvoll zu mir heran und flüsterte 'mir zu: „Jetzt sollten Sie einmal die Sturmvögel draußen sehen, ich iveroe Ihnen zeigen, wo Sie die- elbett beobachten können." Niemand war glücklicher als .ch Er bugsierte mich zu der Matrosenkajüte im Vorder- chiff, unter deren w-eitausladendem Vordach ich ein trockenes, geschütztes Plätzchen fand. Der Wind hatte sich zunt regulären Sturm ausgewachsen und heulte mit 30 Meter Geschwindigkeit durch dis Takelage. Unsere beiden Focksegel flatterten in Fetzen an den Tauen. Die See kochte. Da plötzlich schießt etwas «wischen die Dane des Großmastes und des Fockmastes hindurch in der Form eines großen lateinischen M, ein Albatros mit weit zurückgelegten Flügeln. Bald gewahrte ich noch mehrere dieser 'großen Vögel von 3 Meter Klafterweite. „Die verlassen das Schiff tticht ntehr bis Anstralien, wenn der Wind anhält", bemerkte eine alte Teerjacke neben mir, und so war es denn auch. Att diesem Morgen konnte ich nur staunen über bett großartigen Anblick dieser Sturmvögel, an der Beobach- Atng der Einzelheiten des Fluges verhinderten mich die plötzlichen Sturzseen, die mich bald Von diesem Platze vertagten; ich mußte ohne einen trockenen Faden am Leche die schützende Kajüte tot eiter anfsuchen. Den armen Straußen war es schlechter ergangen. Ihnen bekam das Salzwasser nicht. Keiner überlebte biefen Die Beobachtung der großen Flieger ist deshalb so interessant, iveil sie aus nächster Nähe geschehen kann. Man erkennt jede Jeder und sieht die spähenden Blicke der Vögel. Man erkennt sofort, daß nicht etwa feine Vibrationen der Flügel den Segelflug ermöglichen. Mait sieht das fein geschwungene Profil der 195 — mächtigen Schwingen, die auch in der Längsrichtung eine große Krümmung hüben, so daß, wenn das obere Handglied parallel zur Körperrichtung zurückgelegt wird, sich in der Bewegungsrichtung ein gewölbtes Profil ergibt. Die plötzlichen Wendungen und Drehungen der Längsachse der Flügel geigen einem die dadurch entstehende Aenderung der'Richtung des Fluges. Der Schwanz scheint nur als Zuspitzung des plumpen Körpers zu dienen und wird nur ansgebreitet, wenn der Vogel sich plötzlich in§ Wasser stürzt, tun einen Leckerbissen zu erhaschen. In den folgenden Tagen und Wochen, bis an die Steil- küsts der Känguruhinsel, welche dem Golf von St. Vincent bei Adelaide vorgelagert ist, verließen uns die, Vögel nur bei Sonnenuntergang und erschienen wieder an jedem Morgen, ganz wie der alte Seemann vorausgesagt hatte. Das Anfsncheit von Ruheplätzen an Land ist in dieser Gegend wohl ganz, ausgeschlossen, denn zwischen Kapstadt und den St. Paulsinseln und von hier nach dem Festland von Australien sind itetttt doch Entfernungen, welche nicht mehr in 12 Stunden zurückgelegt werden können, selbst bei einer vierfach größeren Geschwindigkeit. Am Morgen nehmen die Vögel jedenfalls die Schaumführte der Schifße, welche ich sehr lange erhält, wie Spürhunde wieder ans. Wenn ch nach den Vögeln in den ersten Morgenstunden aus- pähte, so bemerkte ich- sie stets, wie sie gleich einem Rudel Windhunde in der Richtung unseres alten Kurses am Horizont anftauchten, um schon nach, wenigen Minuten durch die Takelage zu sausen. Aus einem großen Passagierdampser mit 300 Passagieren und 100 Mann Besatzung geben die Kücheuabfälle den Vögeln reichliche Atzung, nttb außer mit den gelegentlich gefangenen Fischen und Quallen scheinen sie sich auch sonst ganz gut zu ernähren. Für uns Passagiere war es ein großes Vergnügen, von dem Inhalt der,allenthalben herum- stehettden Säcke mit Schiffszwieback die Vögel zu füttern. Oft ergriffen sie handgroße Stück schon int Fluge, um diese Stücke dann, int Wasser erweicht, zu verschlingen. Hierbei bleiben sie oft weite Strecken hinter dem Schiff zurück, ober im Nu holen sie es fliegend wieder ein. Der Albatros hat die Größe eines Schwans, aber sein Körper ist mehr langgestreckt uitb seine Flügel haben eine ganz andere Form. Während die Flügel der großen Sumpfvögel sowie die vom Schwan und Pelikan in Tragflächen und Schwungfedern gegliedert find, und die Schwungfedern Wie die gespreizten Finger der Hand strahlenförmig boneinattber entfernt stehen, haben die großen Möven eine einheitlich geschlossene Flügelform. Bet ihnen bildet der ganze Flügel gleichsam eine einzige Schwungfeder. Die Flügel haben daher eine außerordentlich schlanke Form. Diese erreicht beim SllbatroS das schlankste Verhältnis. Bei einem Exemplar, welches ich von meinen Reisen ntitbrachte und aus- stopfen ließ, ist jeder Flügel 1,50 Meter lang bei einer Breite von nur 15 Zentimeter. Der Vogel, dessen Gewicht vollgekröpft wenigstetts 8 Kilo beträgt,hat also eine Tragfläche von 2.0,15.1,5=0,45 Quadratmeter. Eine Größe, welche hinter der Flügelfläche des Storches noch etwas znrückbleibt, obgleich der Storch nur halb soviel wiegt., Wohl zieht auch der Storch seine Kreise ohne Flügelschlag, wenn er in größerer Nähe einen genügenden Wind findet. Der Mbatros aber schlägt überhaupt nur äußerst selten mit dem Flügel. Er hält sich fast ausschließlich in den Regionen l-er Passatwinde auf und diese haben meistens eine Stärke, welche man am Lattde schon einen Sturm nennen würde. Im Wasser sitzend, erhebt sich der Albatros in die Luft einfach durch Ausbreiten seiner tnächtigen Flügel. Der Wind hebt ihn sofort senkrecht in die Höhe, ja, tote ich mehrfach bemerken konnte, sogar schräg nach vorne. Ohne eigentlichen Flügelschlag, nur durch Wenden und Drehen, durch mehr oder toeitiger Ausbreiten der Flügel sind die Vögel imstande, in jedem Wind harrscharf zu steuern. Es ist eine tolle Jagd, wenn so ein halbes 'Dutzend dieser Riesenvögel auf einsamem Meer den ganzen Tag lang das schiff umkreisen, völlig lautlos, mit gierigen Blicken alles musternd, was irgendwie über Bord fällt. Diese Freßgier wird ihnen aber gelegentlich auch zum Verderben. Ein schwimmender Köder, an dein ein Angelhaken versteckt angebracht ist, an einer starken Leine befestigt über Bord geworfen, bringt beit Vogel in den Besitz des herzlosen Matrosen. Die meisten Kapitäne verbieten diesen barbarischen Fang; trotzdem werden viele Vögel so 196 gefangen. Der Balg an der Brust soll Altin Federpelzwerk Verwendung finden. Vom Angelhaken befreit, kann man die Vögel unbehindert auf Derk laufen lassen. Sie sind nicht imstande, hinter beit gegen den Wind schützenden Reling den ebnem Deck aufzufliegen. Traurig hopsen sie ibflHiti herum oder kauern in einem stillen Winkel, em Bild des Jammers. Ihr Lebenselement ist die bewegte Luft. Dennoch müssen die Vögel imstande sein, auch bei Windstille oder bei geringen Winden zu existieren. Die große ^chwtinm- fähigkeit des dicken Federbalges befähigt sie, »cd en falls auch dauernd Zu schwimmen, und das allnahrende Meer muß ihnen wohl auch so genügende Nahrung gewahren. Der Flug des Albatros und anderer Segler, unter deiieu ich noch die kleinen zierlichen braunschwarzen Seeschwalben hernorhebeu will, gibt uns noch manche Rätsel auf. wohl erkennt das fachmännische Auge die tragende Wirkung der gewölbten Flügelfläche im Wind oder bet einer den Wind überholenden Geschwindigkeit. Wodurch wird aber diese Geschwindigkeit erhalten? Ohiie Flügelschlag seheu wir die Vögel gegen den Wind, mit dem Wind und die Wellentäler entlang streichen in handbreiter Entfernung von den flutenden Wogen. Die Seeschwalben scheinen förntlich auf dem Waiier zu laufen. Sie bewegen sich parallel zur Wasserfläche, als würden sie mit den Wellen gehoben, ohne doch das Wasser zu berühren. Sollten die Wellen einen besonders großen Reibungswiderstand dem Winde bieten und die Erscheinung des Auftriebs des Windes hierbei besonders stark auftreten? Wer kann es sagen? Auch unsere Möwen der Oft- und Nordsee sind vorzügliche Segler und auch sie machen bei starkem Winde ausgiebigen Gebrauch hiervon. Ich erinnere mich einer Fahrt von London nach Hamburg, bei welcher ich drei verschiedene Vogeltypen zu beobachten Gelegenheit hatte. Unser Schiff verließ am Abend den .Hafen und am nächsten Morgen waren wir schon weit in See; das Land war nicht mehr sichtbar. An Bord wurde ein Sperling bemerkt, der ganz nach gewohnter Weise sich Krumen und einzelne Getreidekörner gut schmecken ließ. Als aber das Leben und Treiben an Bord ihm Zu lebhaft lvurde, flüchtete er in den Mastkorb. Nach und nach wurde es ihm da aber oben wohl zu zugig, denn er versuchte, sich auf Deck wieder ein ruhiges Plätzchen Zu sichern. Hierbei wurde er oft gestört und veranlaßt, das Vorderschiff mit dem Hinterschiff zu vertauschen. Um hierbei von dem scharfen Wind nicht abgetrieben zu werden, hielt er sich stets hart hinter der Leeseite des Schiffes entlang. Nach einiger Zeit sichteten wir eine Bark Unter vollen Segeln. Wir waren noch mehrere Meilen von derselben entfernt, als unser Spatz sich auf die Flügel machte und mit dem Wind tote ein Projektil auf sein neues Hotel guflog. So mag dieser Weltenbummler e§, eine ganze Weile getrieben haben. Auf einem Segelschiff wird er wohl länger aushalten als auf dem rauchspeienden Dampfer. An demselben Nachmittag sah ich einen großen Schwarm der gemeinen Saatkrähen, welcher jedenfalls beizeiten von der holländischen Küste aufgebrochen war und mit dem Südostwind, aber bedeutend schneller, in hurtigem Ruderslug zur Kirschen-Ernte dem gastlichen England zustrebte. Nach wenigen Minuten war der Schwarm am Horizont verschwunden. Auf der Höhe von Borkum stellten sich viele Möwen ein. Bom Hinterteil des Schiffes aus beobachtete ich ein prächtiges Exemplar, welches dem Schiff ganz nahe folgte. Ich hatte mich mit einigen Herren über den Flug der Vögel unterhalten und lud dieselben jetzt ein, ihre Aufmerksamkeit dieser Möwe zuzuwenden. Wir haben dann mit der Uhr in der Hand festgestellt, daß etwa 15 Meter vom Schiff und 5 Meter über unserm Standpunkt der Vogel in gleichem Abstand dem Schiff 45 Minuten lang folgte, ohne den geringsten Flügelschlag. Wir fuhren mit halbem Wind und die Richtung des Möwenkörpers lag genau in dem halben Winkel zwischen der Windrichtung und der Schiffsbewe- guug. Kein Landtier vermag sich so andauernd fortzubewegen wie die Vögel des hohen Meeres. Bei ihnen hat die Natur das Höchste geleistet. Hier haben .wir unsere Lehrmeister! zu suchen, wenn wir unsere Kenntnis über den Vogelflug bereichern wollen. vsrnEchLes. * Eventuell. Trotz seinem uudeutschen Namen kanipst der „Eonfectionär" seit kurzem tapfer gegen manches kaufmännische Fremdwort. -So ritt er kürzlich gegen eins der „fürchterlichsten" ins Feld, das tatsächlich in allen Fällen durch ein kürzeres, be-, qnenteres und dabei treffenderes deutsches Wort ersetzt werden! kann, in sehr tüdfeit aber auch gänzlich überflüssig ist und seinfach WeggÄassen werden kann: das „entsetzliche" eventuell. Da hieß es ungefähr toic folgt: In einem Briefe müssen wir lesen: „Wenn Sie mir einen NaMaß von fünf v. H. gewähren können, würde ich ev. geneigt sein . . ." Was soll hier das „eventuell"? Das „würde" drückt die Zurückhaltung schon deutlich genug aus, und wenn Man wirklich noch einen besonderen Ton darauf legen zu müssen glaubt, so tut dies Las deutsche „vielleicht" besser. Es gibt Leute, die kaum noch «inen Bedingungssatz schreiben können, ohne sofort darauf das leidige „eventuell" folgen zu lassen. — Ein Reisender schreibt: „Wenn ich in Leipzig nichts machen kann, so fahre ich nach Dresden ev. nach Breslau." Es ist ihm selber lästig, das viersilbige, zuugenzerbrechende „eventuell" zu schreiben, und so gebraucht er nur die stehende Abkürzung' „ev.". Könnte ev sich nicht dazu entschließen, das so bequeme „iober" zu gebrauchen? „Eventuell" klingt zwar „eventuell" sehr tiefsinnig, bedeutet,aber doch wohl selten mehr als ein gewöhnliches „oder"., Solln nuan aber wirklich mehr hineiulrgen wollen, so tut dies z. B. das sehr deutliche und doch bequeme „foush" viel besser, obed auch eine deutsche ganz vortreffliche Abkürzung, nämlich „u. 11." (— unter Umständen). Es gibt allerdings einige Kaufleute, die gegen das ,/oder" eins unüberwindliche Abneigung haben; sie sprechen und schreiben für jedes „oder" ein „beziehungsweise" (bzw.). Selbst wenn „eventuell" in seinem eigentlichen Sinne verwendet wird, brauchen sich das deutsche „in diesem Falle" und das noch einfachere „dann" ihres Daseins nicht zu schämen. Es dürste wohl schwerlich ein Beispiel beigebracht werden können', wo man das häßliche „Eventuell" nicht durch , ein treffmdeves deutsches Wort oder. Wie es ja auch bei Anweudnng des „'eventuell" nickst zu vermeiden ist, durch einen kurzen Bedingungssatz ersetzen mid seinen Sinn klar und deutlich, zum Ausdruck bringen kann. * „Ihr junger Mann scheint ein fleißiger Arbeiter zu sein." — „Ja, das ist feilte Spezialität." — „Was, zu arbeiten?" — „Nein es zn scheinen." Vüchertisch. — Guter Rat ist Goldes Wert! Eine F-und-E guter Ratschläge für jedermann ist das,Buch T'er häusliche Ratgeber von Felir und Wanda 9)toser. Verlag von RmM» Oester, Berlin SW. 61. Reben ausführlicher Anleitung zur Gesundheitspflege, zur naturgemäßen Pflege und Erziehung des Kindes irnd zur ersten Hilfe bei Unglücksfällen enthält diqeS Werk bewahrte Mittel gegen Krankheiten aller Art, Ratschlage für die Herstellung, Instandhaltung, Reinigung, Aufbewahrung, Untersuchung der verschiedensten Gegenstände, Mittel gegen Uw gezieser, UrckenentfernungSmittel nfw. — Die AprilnnMnror der „Süddeutschen Monatshefte" Wird eröfstnt durch drei Beiträge 'erzählenden Inhalts, Max Haushofers Novelle „Kolm-Saignre", Herbert Eulenbergs „H-ckliogabal" nick die Fortsetzung von Ludwig Ganghofers „Lebenslauf eines Optimisten". Hohen Wert haoen die von Alfred Löckle mitgeteilteu Briefe von ^ohanu GottMa Fichte. Pvofesfor Franz Boll in Heidelberg handelt „Vom Weltbild der griechischen Astrologen". In seinem „Römischer Salat" überschriebenen Essad verbreitet sich Josef Ho small er über das Rom und dis nsnere darüber entstarkdene Lltemtnr^ Paul Buschin g spricht von dem neuerdings zwrschen ot.no- itnb Süddentfchlcmd sich geltend machenden Gegensatz, während oec Konstanzer Gewerberat Dr. Ernst von Schwartz in einem W entschieden gehalteireir Beitrag „Tas Schächten" Wenigstem die dem Akt vorausgehende Betäubung der Tiere fordert. , ueoet „Neuere Shakespeare - Blicker" schreibt Professor w« S ch ü cking in Jena und über „Neue natuttvi>sen,schastllche L»c- ratnr" Professor S8ai'( O e rtel in Hannover. Aus der, Rum» „Notizen" seien die Ausführungen Christoph Schreinpfs uvef Hebbel, die „Münchener Theaterschau" von Ida Bees und KM Do e hle man n s Kritik der uiathematischen Leistungen Tür." hervorgehoben. ------------ Homonym. Als Zeitvertreib lür Groß und Klein Kennt mich wohl alle Welt, Mein Name aber dient zugleich Für ein „Eroberungsfeld". Auflösung in nächster Nummer. Auftösung der Königsproinenade in voriger Nummerr Die Glochen läuten das Ollern ein In allen Ecken und Landen, llnb fromme Herzen jubeln darein: Der Lenz ist wieder erstanden! hledaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieben»