BBH wrr S UNH s Das schlafende Heer. Roman von Clara Vieb'ig. ^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Der Knabe besann sich nicht lange, fühlte er sich nun doch viel sicherer choch oben auf der breiten Schulter. Wer- lgnügt lachte er, ein wenig ängstlich und doch stolz, zugleich, wie einer, der zum ersten Mal ein feuriges Roß unter sich fühlt. „ „Geht nach Hause!" rief er keck. „Meine kleinen Brüder sind müde, wir möchten gern ruhig schlafen. Ich tzebe euch auch die bunten Ostereier, die ich kriege — ja, ja!" Er nickte eifrig, als er in die Gesichter sah, die ihn ungläubig anstarrten, und legte dann, ganz ernsthaft, die Kinderhand aufs Herz. Mit einem Ausdruck über seine Jahre sagte er: „Was ich versprochen habe, halt' ich auch. Ihr kriegt sie, auf Ehre!" Es war so still gewesen bei den Worten des Knaben, daß der Inspektor einen neuen, noch heftigeren Ausbruch von Wut fürchtete; unheimlich dünkte ihn diese Stille. Mit einer gewaltigen Anstrengung gelang es ihm jetzt, stuf die Knie zu kommen; jetzt setzte" er den ersten Tritt stuf die Erde — hin, hin um jeden Preis, sich hinstellen vor den tapferen Jungen und ihn schützen! Wenn sie dem was tun würden, dann — Er erschrak fast. Ein Gelächter war plötzlich losgebrochen. So einmütig aus allen Kehlen kam es und so Überraschend, daß es ihn förmlich packte. Er taumelte und sank wieder auf die Knie. Wie int Traum hörte er sie alle untereinander schreien. .. „Was, was sagt das Herrchen?!" „Bunte Ostereier will er uns schenken, sagt er!" „Guter paniczek!" „Mn Liebling ist er, ein Herz von Gold!" „Ostereier will er uns schenken, das Bürschchen! Seine Ostereier, die er geschenkt kriegt! Daß die heilige Mutttzv ihn segne!" Wie vorhin, so drängte auch jetzt die Rotte gegen die Freitreppe an. Wie vorhin, so blitzten auch jetzt die Augen, wie vorhin, so streckten sich auch jetzt die Hände aus. Aber Inspektor Hoppe konnte ruhig auf den Knien liegen bleiben und starren mit weitgeöffneten, erstaunten Augen. Diese Hände da, diese heftig gestikulierenden, sich reckenden Arme, wollten jetzt den Herrensohn nicht mehr herunterreißen, sein. Blut nicht mehr vergießen am Scheunentor. „Kleiner paniczek! Lieber paniczek! Goldener panic- zek!" Mn Durcheinander von Zärtlichkeiten schwirrte zur Schwelle des Herrenhauses empor. i „Die heilige Dreieinigkeit soll ihn hüten!" „Daß er gesegnet sei mit goldenen Aehren und langen Jahren!" „Daß er groß wachse tote ein Baum und Schüttest gebe!" j j „Daß er lebe: hoch!" 1 Jezierski hatte das geschrien und sich, hochgereckt Untev der lgichten Last, die seine starken Schultern nicht spürten. Den tzut vom Kopf reißend, schwenkte er ihn mit gellendem: Jauchzen. Und gellendes Jauchzen gesellte sich zu denk seinen. Weithin tönte es durch die Nacht, ein Jauchzen, das' Kraft hatte. Tote zu erwecken. Ueber den Hof, übers Herren-' haus weg, über den See hörte das der Lysa Gora. „Der junge gnädige Herr soll leben! Er lebe höchst Hoch! Hoch!" Jetzt knarrten die Stalltüren, jetzt ließen die FornalI sich sehen, und auch des Stellmachers Stimme wurde laut aus der Schmiede: „Holla, was ist denn da los?!" Run bedurfte man dieser Hilfe nicht mehr. Des Inspektors Augen wurden starrer und starrer/ er wußte nicht, wie ihm geschah. Sah er denn recht; das deutsche Kind hoch auf polnischen Schultern?! Und schwielige Männerhände, hart wie Eisen vom Lenken des Pfluges, vom Führen der Sense, reckten sich liebkosend nach der weichen Kinderhand?! Ein Schauer überlief den alten Mann. Eine Erregung schüttelte ihn so mächtig, daß er aufschluchzte. Nebel legten sich vor seinen Blick, die Tränen liefen ihm übers. Gesicht. — ' Als Inspektor Hoppe wieder seiner selbst mächtig war,: zog die Rotte eben zum Tor hinaus. Horch, wie Donner rollte es vom Lysa Gora! Reist/ das Gewitter war abgezogen, es waren nur die Räder einer Kutsche, die auf dem Fahrweg längs des Sees holperten. Frau von Doleschal kam zurück. Besorgt eilte Hoppe auf die Straße hinaus: die Trunkenen würden doch der Heimkehrenden keinen Kra- wall machen?! Dreist genug hatten die Männer in den Wagen gestiert, aber als sie die Darinsitzende erkannt hatten, wärest sie zur Seite getreten und hatten die Hüte gezogen: -,Pa- dam do nog!" ■: Es war die Mutter des gnädigen jungen Herrn, die grüßten sie ehrerbietig. * Still lag wieder das Herrenhaus von Dentschau untertst matt gestirnten Himmel. Wie ein Schatten schwand jetzt auch der Lysa Gora. In einem großen Frieden schliefen die nächtigen Aecker. Die Lichtchen der Ansiedlung, die weithin geblinzelt hatten, blinzelten nicht mehr; selbst die Tierstimmen von Herrenhosen, die versunken lagen, flach in der Fläche, schwiegen nun. Aber die Rotte rastete noch nicht, die zog weiter. Sie alle hatten etwas in ihren Adern, das floß wie Feuer^ das ließ ihnen keine Ruhe. — 534 — Hin wie die wilde Jagd geht's über die Uecker quer toeq. Einer, der leinen Braten int Bauch hat, nicht mal ein Stück Kochfleisch, der kann schon rennen. Ja, die Kaldaunenschlucker, die Fleischfresser, die sich vollmästen an andrer Leute Fett, die können nicht nachsetzen! Her, dao wäre ein Spaß, denen die Fenster einzuschmetßen — warum hatten die denn satt?! Weit dort drüben, hinter Pociecha-Dorf noch weit, lag die Mlaßkapelle; wenn der Gendarm dort lange genug gelauert haben würde, keine Laus mehr zum Ablaß kam, dann würde er in den Krug zum Eiweih stolpern und hinterm Schnauzbart brummen: „Getanzt wird nicht zur . ist?," ) Fastenzeit! Wo sind die Spektakler?!" Schlagt ihn tot, den Juden," brüllte Fürmaniak, den Such sie, such sie doch! Sie send mchtim Krug sie ö en Kinte sind nicht im Dorf, sie sind, wo du nuht bist! Ste stnd Zie hielten ihm den Mund zu: „Pst, nicht so laut!" lustigt 1 Aber recht hatte der Fürmaniak, ja ja! „Es lebe Polen!" „Laßt uns dem Juden tun, wie er Jesu Christo getan Mit lautem Zuruf feuerten sie sich an. Um sich in der "$ ,, ( her, aber die Gotteswunden bluten tiefen Dunkelheit nicht zu verlieren, hatten sie sich an den ?av ‘ A Jg . m « Karwoche!" Händen gefaßt; Mann bei Mann, so bildeten sie eine feste l-ncy, n n xs!" Sie bekreuzten sich alle: „Jesus Christus Kette. Mitunter strauchelte einer, fiel hin, tat sich weh, " . d unt deiner heiligen Wunden willen!" - **** »ÄÄF ALL ""-RL7 st»«?- «- ZLZVMVK MKtzLK ÄS&jä — «*» «ch “'*= *«* ihm fast den Fuß ab. Verflucht, war man etwa schon rhre Adern getrieben. qar in den Gärten der Miasteczkoer?! Also so verwahrten Der Jude, der gottverfluchte Jude! War's nicht eins die sich? Welch eine Gemeinheit! Ein Bubenstück! war's, I Schweinerei, daß ein Jude Fleisch verkaufen durfte?! Wer letzt, wo's in den Gärten noch keine Pflaume, keine Gurke, j konnte sagen, ob es auch wirklich Fleisch vom geschlachteten gar nichts.zu holen gab, Tellereisen zu legen! I Tier war, was er verkaufte? Pfui, tote das auf einmal Mit Mühe befreiten die andern den Genossen. I hier stank! Jetzt kam der Mond hinterm Gewölk hervorspaziert; I Sie toben witternd die stumpfen Nasen. Ein Dunst aber nur wie ein Schläfriger schob er mit zwei Fingern' I toar plötzlich gekommen. Widerlich brenzlich und ekelhaft! ein wenig den Vorhang der Wolken beiseite und lugte I ein Geruch von der Abdeckerei her, die nicht fern hinter! mal dahinter hervor. Jetzt wärd's schon wieder dunkel. I Löb Scheftels Haus am Rande des anstoßenden Feldes lag. Mer sie hatten doch genug gesehen, nun wußten sie ge- I Hier hatte der Schinder gestern einen alten Gaul abgeledert nau, Ivo sie zu gehen hatten. Da, weiter vorwärts, lag I un^ dessen Fell auf Stangen zum Trocknen ausgcspannt; der See von Miasteezko. Wenn man den Finger naß I min stöberte der Nachtwind darin und trieb, als er sich jetzt machte und dann emporhielt, fühlte man, woher der See- I stärker aufmachte, den Gestank bis auf den Marktplatz wind kam; und neigte man das Ohr nach derselben Rich- | hinein. 1 tung, so hörte inan in der Stille des schlafenden Städtchens das stinkt, wie das stinkt," flüsterte Jezierski! die Wellen leise glucksen am landigen Uferzipfel. I schaudernd. „Gott soll mich strafen, wenn das nicht Kinder- Hier führte der Weg! Einer ging hinter dem andern, {ft was da aeräuschert wird!" leise traten sie auf wie Diebe. 1 ' ' ,z 13 ' . ~ t ... Unter den Füßen fühlten sie jetzt Pflaster; ein Brunnen i tFortsetzung solgt.) rauschte — das war der Brunnen des heiligen Nepomuk I -------— - mitten auf dem viereckigen Markt, den die Häuser von | Erst toblustig, dann voller Zärtlichkeit, jetzt wieder i Miasteezko umstehen. Nur wie dunkle 'Klumpen zeigten KM W>*« tiws-sä «tosss.e:s:= s.tas Jezierski und zog sich den Gurt fester um die herunter-- schMmßen.^e Lichtlein war plötzlich!, auf- SSÄta S-U lw » »eben. w°»° -»wp°"!chim»,°r mchr W« W ** to!" @c to*cn N V«»8WK»M ÄS MD-'ML-W:7WMZS.7S.S!-! ***' *** SBW OÄir® LK 42»i MH flta He ««er wer I einer. . „ K„ Und Fürmaniak mit 'dem gequetschten Fuß hetzte . „So wird dein Weib nicht backen können, natürlich nicht! Und meines auch nicht, denn ich werde zum Doktor müssen daß er mir heilt den Fuß. So werde ich gar kein Geld übrig haben, Fleisch zu kaufen!" Der Haufen murrte: kein Fleisch zu Ostern, nachdem! man so lange gefastet hatte?! Das wäre! Nein, Fleisch mußte man haben! , . . „Es ist so teuer," seufzte Jezierski, „meine Kinder werden bald nicht mehr wissen, wie Fleisch schmeckt Wie können neun Kinder Fleisch essen, wenn der Jude so — 535 — Die Erziehung des Auges und der Hand. Tie Erziehung des Auges 'und! bet Hand', dieser beiden! ivichtigften Werkzeuge des Geistes, ist bisher arg vernachlässigt worden. Die wertvollen Ideen Friedrich Fröbels sind in der Hauptsache nur dem Kindergarten zugute gekommen, ohne die Erziehung in Schule und Haus wirksam genug zu! befruchten. Wenigstens sind die Schulen, in denen das darstellende, werktätige Lernen eine Hauptgrundlage des Unterrichts bildet, bei uns noch sehr selten. Auch nach Fröbel haben namhafte Pädagogen diese Lücke in unserem Erziehungssystem der Allgemeinheit zum Bewußtsein zu bringen und unsere einseitige Geistesbildung durch eine werktätige, Auge und Hand bildende Erziehung zu ergänzen gesucht. Der Deutsche Verein für Knabenhandarbeit ist seit reichlich einem Vicrteljahrhündert nach dieser Richtung hin tätig Und hat auch viele praktische Erfolge erzielt, aber zu einem wesentlichen Bestandteil unserer öffentlichen Jugenderziehung ist die Werktätigkeit, dieses „schaffende Lernen", auch bis heute noch nicht geworden. Nach dieser Seite hin haben uns eine Reihe anderer Kulturstaaten weit überholt. An manchen Schulen der Vereinigten Staaten nimmt 'der Haudfertigkeitsunterricht den dritten Teil aller Stunden ein. Erst vor kurzem wieder schrieb! mir ein Deutscher, der in Denver und anderen amerikanischen! Orten Einblick in den dortigen Schulbetrieb bekommen hat, daß, er gestaunt habe über die Geschicklichkeit, Intelligenz, Ausdauer Und Selbständigkeit der amerikanischen Schuljungen in praktischer Arbeit. > Ein Hauptgrund für das Nachbleiben Deutschlands aus diesem Gebiete ist die bei uns übliche Heberschätzung des rein geistigen! Studiums im Verhältnis zu praktischer Arbeit, das Vorurteil, daß man nur auf einem ganz bestimmten Wege, durch die humanistische Schule hindurch, zur einzig wahren Bildung kommen könne. Dieses Vorurteil ist zwar von bedeutenden Männern, die nicht bloß die humanistische Geistesschulung, sondern auch die Bildungswerte anderer Beschäftigungen gründlich kennen gelernt hatten, zahllose Male bekämpft und widerlegt worden, aber es ist heute noch lebendig. Ein zweiter Grund ist zu suchen in der weitverbreiteten! Anschauung, die Werktätigkeit diene lediglich der Ausbildung der Handgeschicklichkeit. Man steht ihr ja im großen und ganzen nicht unfreundlich gegenüber, sieht in ihr sogar eine nützliche körperliche Ausarbeitung" und ein wünschenswertes Gegengewicht gegen die vorwiegend! sitzende Lebensweise und einseitig geistige Tätigkeit im Schulunterricht. Damit ist bei vielen die erzieherische Bewertung der Werktätigkeit aber erschöpft. Daß sie auch eilte ganze Menge geistige, allgemein bildende Wertet enthält, also durchaus nicht bloß technische Fertigkeiten vermittelt, ist bei uns noch nicht ffo bekannt, als man int Interesse deÄ Jugenderziehung wünschen muß. Weun der Schüler zum Beispiel irgend einen Naturgegen- staud int Umriß oder flächig oder körperlich darstellen soll, so ist er gezwungen, ihn vorher viel genauer als sonst anzusehen und ihn in seinen wesentlichen Eigenschaften zu erfassen; sonst kann er ihn eben nicht richtig zeichnen, ausschneideu, malen oder formen. Jede slüchtige oder falsche Anschauung offenbart sich sofort in der Darstellung. So malt der Schüler die Pflaume zuerst stets falsch als ein ziemlich regelmäßiges Eirund. Nun muß ihm der Bau der Pflaume bewußt gemacht werden; der Kern ein spitzes Oval mit einer flachen und einer stark gekrümmten; Seite. Dieser Kernform entspricht auch der äußere Bau. Sie kann leicht erkannt und berichtigt werden. Das ist in keinem einzigen anderen Unterrichtsfach so gut möglich. Handelt es sich um die Herstellung eines Werkzeugs oder häuslichen Ge- brauchsgegenstaudes, so müssen Lehrer und Schüler auch nachdenken über die gegenseitige Abhängigkeit von Zweck, Gestaltungsmaterial, Form, Farbe u. a. m. Trotzdem kommen noch technische und ästhetische Mißgriffe vor. Sie müssen erkannt und berichtigt werden. Es wird probiert und studiert, bis das Ziel endlich erreicht ist. Dabei werden eine ganze Menge Kräfte in Tätigkeit gesetzt, geübt und entwickelt. Der spekulative Verstand und die ästhetische Phantasie werden mächtig angeregt; das Auge wird empfänglicher für Formen mch Farben und zum bewußten Sehen erzogen. Diese Art Werk- tätigkeit ist also nicht nur eine Schulung der Handgeschicklichkett, sondern auch der praktischen Intelligenz und des guten Geschmackes. Damit ist eine Steigerung der Auftassungskraft und Ausdrucksfähigkeit eng verbünden. Das Vorstellungsleben wird vertieft und bereichert. Diese durch „eigene, gestaltende Arbeit (produktives Lernen) erworbenen Vorstellungen sind viel klarer Und haften fester, wirken also auch viel tiefer auf das ganze Geistes-, Gemüts- und Willenslebcn als die durch bloße An- schauuug und Belehrung, durch ein mehr ausnehmendes („rezeptives") Lernen angeeigneten. Der Wille wird auf ein klar bestimmtes, nicht zu fern liegendes Ziel gerichtet und an bie. lieber» Windung von Schwierigkeiten gewöhnt. Nach und nach wird ihm in der Wahl der Mittel zur Erreichung des Zweckes immer mehr Freiheit gestattet, nnb so erziehen wir allmählich zu einem selbständigen, zielbewußten und folgerichtigen Handeln. Den Irrtum der alten Pädagogik, daß man schon durch 'eine entsprechende Beeinflussung des Vorstellungslebens und der Einsicht Charakter und Willen bilden könne, ist heute — wenigstens theoretisch — über» Wunden'. Ebensowenig wie man gutes Sehen, Hören, Spr'echdN,- Singen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Turnen durch bloße Anschauung und Belehrung, sondern nur in Verbindung mit fortwährender gründlicher Hebung erlernt, ebensowenig kann man bei der Erziehung zil vernünftigem, praktischem, sittlichem Handeln der Hebung entbehren. Die Einsicht allein tuts nicht, der Heranwachsende Mensch muß sich im Handeln auch wirklich praktisch üben und gewöhnen können. Hnd an letzterem hat es unserer! bisherigen Erziehung sehr gesehlt. Die Werktätigkeit (im weitesten! Sinne) ist zwar nicht das einzige, Wohl aber das vielseitigste und erfolgreichste Hebungs- und. Erziehungsmittel zu tatkräftigem, praktischem Handeln. (Das Wesentliche dabei ist, daß dieses „schaffende Lernen" durch Malen, Zeichnen, Ausschneiden, Formen, Bauen, durch Sprache, Schrift und Gebärde der Kindesnatur iveit mehr entspricht, als das vorwiegend ausnehmende und abstrakte Lernen. Das schassende Lernen kommt dem starken kindlichen Spiel-, Kunst- und Tätigkeitstriebe außerordentlich entgegen. Dabei kann auch den persönlichen Anlagen und Neigungen' (soweit sie wertvoll sind) ein viel größerer Spielraum' als sonst gestattet werden; Freiheit und Neigung aber sind die mächtigsten Triebfedern des Schaffens überhaupt. Wer diese Werktätigkeit aus eigener Erfahrung kennt, der ist überzeugt, daß sie in viel höherem Maße zur Selbsttätigkeit! und Selbständigkeit, zur Schaffenslust und Schaffenskraft, zu praktischer Arbeitstüchtigkeit erzieht, als die meisten anderen Bildungsmittel. ' Bei den stetig zunehmenden Schwierigkeiten, die dein deutschen! Volke aus seiner steigenden Bevölkerungsziffer und vor allem aus dem Wettkampfe mit anderen rüstig vo^wärtsschreitendeN! Kulturvölkern erwachsen, ist es geradezu eine nationale Notwendigkeit, unsere Jugenderziehung nach der praktischen Seite hin zu! ergänzen durch eine viel kräftigere Kultur des Auges und der Hand. Dbk, Max Brethfeld. „geimo!" Feurio! Dieser furchtbarste Schreckensruf des Mittelalters/ der dem Ritter wie dem Bürger unabwendbare Vernichtung seiner Habe und schwerste Gefahr für Leib und Leben androhte, gellt jetzt wieder durch die gauze Welt, da auf der Brüsseler Weltausstellung die verzehrenden Flammen unermeßliche, hier von den Nationen aufgehäufte Schätze vernichtet haben, Trauer und! Schrecken nicht nur für Belgien, sondern für alle zivilisiertem Länder heraufführten. Die Geschichte der Menschheit ist rnfüHtl mit dem unaufhörlichen Kampf der irdischen begrenzten Kräfte gegen die ungeheure Macht des feurigen Elementes. Aber es mußte erst eine hohe Stufe der Kultur erreicht werden, bevor! feste Organisationen gegen die Feuersbrünste geschaffen wurden'/ wie wir sie heute besitzen, die doch wenigstens der sich immer! weiter ausbreitenden Wut der Flammen ein Ziel zu setzen vermögen. In früheren Zeiten erhob sich die ganze Genieinde wie ein' Mann gegen das Feuer, denn jeder fühlte sich bedroht, jeher! wußte, daß die roten Zungen vom Dach des Nachbars sofort auch "nach dem feinen herüberlecken würden. Die rechtzeitige Fcucr- meldung galt daher als das wichtigste. Die alten Aegypter/ das Volk Israel, die Griechen, sie hatten ihre Feuerwächter, „die des Nachts die Runde machen und Alarm schlagen sollten. Eme regelrechte Feuerwehr entwickelte sich zuerst bei den Römern! und zwar zunächst in Rom, wo unter Augustus aus dem' Heer heraus eilte militärisch organisierte 7000 Mann starke Feuer-- wache entstand, die, in sieben Kohorten geteilt, die 14 etabttedd Roms zu bewachen hatten. Patronilleit zogen beständig durch! die Straßen; brach Feuer aus, dann ertönten die Alarmglocken ünd die Wache rückte an mit Feuerleitern und Feuerspritzen, Diese Feuerspritzen, die Plinius der Jüngere in einem Brief an Trajan erwähnt, waren umfangreiche Maschinen, die aber noch sehr unvollkommen waren. Wenigstens berichtet Seneca, baß die Höhe der Häuser in Rom die Löschung der Feuersbrünste ineistens unmöglich machte. In anderen Städten des Weltreiches, war überhaupt keine Sorge für Löschanstalten getroffen; deshalb machte Plinius den Vorschlag, cs sollten überall Gilden von Zimmerleuten errichtet werben, die als Feuerwehr menen' könnten. Allmählich entstanden dann auch in den ersten Fahr- hundeiten n. Ehr. solche Feuerwehren, die hauptsächlich nut Losch- eimetn und mit wassergetränkten Decken des Feuers Herr zu' werden suchten. Aus Mines melden z. B. zahlreiche römische Inschriften, daß hier eine besondere Feuerwehr bestand. Ans dem Ende des 6. Jahrhunderts ist iwd) ein Edikt König Chlotar II. erhalten, in dem Anweisungen zur Einrichtung ständiger Feuerwachen im merowingischen Reich gegeben werden. Aber bald gerieten diese immerhin schon fortgeschrittenen Formen des Losch- wesen« in Verfall; die antike Erfindung der Feuerspritze ging verloren; Kleriker und Laien schlossen sich zu primitiven Gemetn- schaften zusammeii, um so gut es eben gehen wollte das schwmü Ringen mit dem furchtbar wütenden Element aufznnehmen. ^m 13. Jahrhundert wird dann zuerst dem Loschwe,en.wieder größere Aufmerksamkeit geschenkt. Ludwig IX. von Frankreich und Milipp der Schöne erlassen Verordnungen zur Ausbildung einer Feuerpolizei und bald werden zahllose Feuerwehrorbitungen aufgestellff die sich mit dem feuersicheren Bau der Hauser und den zu treffenden Vorkehrungen gegen Feuersbrünste beschäftigen. Wäh^ rend bis ins 15. Jahrhundert hinein die Brandschäden ganz trngeheuer groß gewesen waren und der Mensch dem Feuer fast wehrlos gegenüberstand, wird es im 16. Jahrhundert besser- was zum Teil der solideren Art des Bauens, dann aber auch den vervollkommneten Löschanstalten zuzuschreiben ist. Wenn z. B. in der Feuerordnung von Seligenstadt 1423 verfügt wird: „es sal lehn strohedache nyemant Han," so ist das gewiß nicht buchstäblich befolgt worden, denn noch im 17. Jahrhundert waren die Strohdächer häufig, aber es wurde doch immerhin für die Häuser mehr feuersicheres Material verwendet. Noch im 18. Jahrhundert erschienen ausführliche Feuerordnungen, die vor allem Brandmauern verlangten und für Herd und Schornstein genaue Vorschriften machten. Jeder Hausbesitzer wurde angewiesen, stets zwei bis drei lederne Feuereimer und Handsprrtzen parat zu haben, unter dem Dach eine Feuerleiter auzubringeul Und während des Sommers auf dem obersten Boden einen Zuber mit Wasser zu stellen. Seit dem 15. Jahrhundert waren große Handspritzen im Gebrauch, aus Metall mit hölzernem Griff, aber sie vermochten so wenig Wasser zu' schleudern, daß sie höchstens einen ganz kleinen Brand ersticken konnten; eine irgendwie wesentliche Wirkung konnten sie nicht hervorbringen, fo, sehr man sich auch bemühte, sie zu verbessern und durch immer größere Ausdehnung ihres Umfangs ein beträchtliches Quantum Wassert hineinzubringen. 1518 werden in den Augsburger Bauamtsrechnungen „Instrumente zu Brünsten, Wassersprützen zum Feuer dienlich" aufgeführt; sie müssen von recht verwickelter Bauart! gewesen sein, doch ist nichts Näheres über sie bekannt. Met ersten wirklich wirksamen Feuerspritzen, die im stände waren, den Wasserstrahl bis zu 80 Fuß Höhe emporzuschleudern, wurden zu Anfang des 17. Jahrhunderts von Johann Hautsch gebaut.. Der Jesuit Caspar Schott hat diese Maschine ausführlich beschrieben^ die auf einem Schlitten stand und von zwei Pferden gezogeut wurde; sie war 10 Fuß lang und 4 Fuß breit, der Wassern behälter 8 Fuß lang, 4 Fuß hoch und 2 Fuß breit. 28 Menschen waren nötig, um die Spritze in Bewegung zu setzen. Eine Vervollkommnung erfuhr diese Feuerspritze um 1720 durch Leupold, der die Benutzung des Windkessels einführte. So war zu Anfang des 18. Jahrhunderts eine Feuerspritze vorhanden, die int großen und ganzen schon den noch heute gebrauchten Maschinetn glich; man kann sagen, daß damit erst die Entwicklung. eines wirksamen Feuerlöschwesens möglich wurde. Die Organisation! einer solchen Feuerwehr im modernen Sinne ging von Paris aus. Hier war durch einen Erlaß des Parlaments 1691 allen Maurer- und Zimmermeistern anbefohlen worden, sich und ihre Gesellen stets bei Feuersbrünsten bereit zu halten und auf den Alarm hin zur Brandstätte zu eilen. Im Jahre 1699 gab der französische König einem provenyalischen Edelmann Dumourier du Perrier das Privileg, Feuerspritzen nach der vervollkommneten Bauart des Holländers van der Heyde anzufertigen und Über-, trug ihm die Unterhaltung der 30 Spritzen, die in die verschiedenen Pariser Stadtviertel verteilt waren. Du Perrizr, der 1712 den neugeprägten Titel „Spritzendirektor" erhielt, schuf im Jahre 1722 die erste regelmäßige Truppe von Feuerwehrleuten, die zunächst 60 Mann betrug. Damit war die stündige Feuerwehr geschaffen, die ganz nach militärischem Muster eingerichtet wurde, sich rasch vergrößerte und überall Nachahmung fand. Die Grundlage für unser modernes Feuerwehrwesen war geschaffen, das dann von den verschiedenen Nationen im Wettkampf zu so hoher Vollkommenheit ausgebildet worden ist.. vermischter. * Die Entstehung der Abneigung gegen den Genuß von Pferdefleisch. Die Abneigung gegen den Pferdefleischgennß ist wohl eines der Vorurteile, das in allen Schichten der Bevölkerung am meisten verbreitet ist. Aber nicht immer war die Menschheit in dieser Abneigung befangen; letztere ist vielmehr ein künstliches Produkt. Der Genuß des Pferdefleisches reicht bis in die ältesten, prähistorischen Zeiten zurück^ Die moderne Naturforschung, die sich in den letzten Jahrzehnten, angetrieben durch die kühnen Hypothesen Darwins und seiner Jünger, so eingehend mit den Daseinsbedingungen der vorgeschichtlichen Menschen beschäftigt hat, liefert den Beweis, daß das Pferdefleisch bei den Urmenschen Europas ein sehr gebräuchliches Nahrungsmittel war, und zwar schon zu einer Zeit, in der sie noch wie die Höhlentiere in Felshöhlen und GrotteU hausten. An den.Eingängen dieser primitivsten Wohnungen und in diesen selbst hat man Feuerstätten gefunden, aus großen Steinplatten bestehende Herde, um die viel angenagte und halbverbrannt« Pferdeknochen herumlagen. Die großen Röhrenknochen waren meist aufgeschlagen, da das Knochenmark als Nahrungsmittel besonders hochgeschätzt wurde. Jahrtausende später, nachdem unser Volt in den Bereich der zuverlässigen historischen Forschung getreten war, zeigten die alten Germanen und Skandinavier immer noch eine besondere Vorliebe für das Pferdefleisch. Den Göttern -opferten sie Pferde und verzehrten dann deren Fleisch bei den Opfermahlzeiten. Der Pferdefleischgenuß wurde erst im Anfänge des 8, Jahrhunderts mit der Bekehrung der .Germanen zum Christentum nach Und Nach durch kirchliche Verbote verdrängk. Der hl. Bonifatius hatte anfangs den allgemein verbreiteten Pferde- sleischgenuß gestattet, sah aber bald ein, daß ohne gänzliches! Verbot dieses Genusses, der in enger Beziehung zu der Religion! unserer Vorfahren stand, die heidnischen Gebräuche niemals schwinden würden. Wie nun seinerheit der jüdische Gesetzgeber Moses scharfsinnigerweise das Fleisch des Schweines, des damals bei den heidnischen Völkern gebräuchlichsten Opfertieres, als etwas Unreines verbot, nm die Anhänger seiner Religion von den abgöttischen Gebräuchen abzuziehen, so untersagte Papst Gregor III. den Genuß des Pferdefleisches, nm damit zugleich die Opferfeste! auszurotten. Er erließ im Jahre 732 ein strenges Verbot und erklärte das Fleisch selbst und alle, die davon aßen, für „unrein".. Dieses Kirchenverbot hatte anfangs wenig Erfolg, so daß den Nachfolger Gregors III., Zacharias, sich veranlaßt sah, es zu erneuern. Die Gründe dieses Verbots gehen auch klar aus dem Beschlüsse des Konzils von Celeyth im Jahre 787 hervor, durch den der Genuß des Pferdefleisches von der Kirche untersagt worden ist, weil dieses zu Ehren Odins und Freyas geopfert und gegessen wurde. Durch diese Maßregeln wurde eilt Vorurteil gegen das Pferdefleisch geschaffen, ein starker, sich tief einwurzelnder Widerwille, der um so größer wurde, je mehr das Christentum sich ausbreitete und art Macht und Größe wuchs. Dieser durch nichts begründete Widerwille besteht trotz aller Aufklärung noch in unserer Zeit, wenn auch nicht in dem Maße wie früher fort/ obwohl längst die Voraussetzungen beseitigt sind, auf Grund derer das Vorurteil künstlich erzeugt worden ist. * Fremdwörterei. Grazile Komik, sensible tragikomische Zeichnung, Ovation, Dokument, Sympathie, Perspektive, intensivste Momente, eminent viel Charme, differenziert und temperamentvoll, Akzente von prägnanter Eindringlichkeit, sprühende Verve usw. usw. — was soll man zu diesem Mischmasch aus einer Schan- spielbesprechung sagen? Und was zu Leuten, die int täglichen Verkehr per Bahn, per Dampfer usw. fahren, noch immer voM Perron Und Coups sprechen, obgleich es keine mehr gibt? die von Stabilität reden, obgleich sie gar nicht wissen, was das ist? denen alles imponiert und kolossale Freude macht usw. ? Ein Handlungsgehilfe, der nur Volksschulbildung genossen hat, sagte solchen. Fremdworthelden kürzlich in einem Hamburger Blatte gar tapfer die Meinung. So hieß es da auch: „Ja, was ist alles „interessant"? Ein geistreiches, lehrreiches, unterhaltendes Buch; eine fesselnde, spannende, packende Erzählung; eine schöne, farbenprächtige, bunte Landschaft; eine ausgezeichnete, herrliche, genußreiche Fahrt; eine glänzende, prunkende, unübertreffliche, vorzügliche Feier und tausend andere Tinge — sie alle sind einfach „intressant". Darbietungen, die in ihren Eigenschaften in hunderten von Abstufungen zwischen „gangbar" und „unerreicht" schwanken, sie alle sind „intressant". Damit ist das Urteil erledigt; man nimmt nur dieses eine nichtssagende, sinnlose Wort Und ist dann aller Verantwortung, ungerecht geurteilt zu haben, überhoben, unbekümmert ob der meist noch falschen Aussprache^ Deshalb, Lehrer, Schriftsteller und alle, die es angeht, lehrt Und lernt, schreibt und denkt rein deutsch! Heute wird Bildung nach dem fehlerlosen Gebrauch der Muttersprache gemessen; nicht aber, wie vielleicht früher, nach der Kenntnis von Fremdwörtern." Das ist fürwahr ein wahres Wort, so wahr wie ein anderes/ das da lautet: Wenn man so manchen biederen Deutschen sein! Fremdwortrößlein tummeln sieht, dann kommt einem bisweilen das Gefühl, als sei bei ihm eine Schraube los, als habe er beul Verstand verloren, — er, der sein deutsches Sprachgut an die Wand drückt, um überall feine Fremd- und Afterweisheit glänzen zu lassen. * Ein triftiger Grund. „Was, Sie wieder hier irt Genua? Sie waren doch schon in der vorigen Woche auf der! Rückreise in München?" — „Ja, ich mußte noch einmal notwendig nach Rom. Wir hatten vergessen, an eine Familie eine Ansichtskarte zu schreiben, auf die meine Frau große Stücke hält." * Die höhere Tochter. Was versteht man unter berttf Ausdruck „namenlos glücklich"? —: „Wenn man seinen Mäh-, ch e n n a m e n a b l e g t!" Logogriph. Mit „e" der Schmuck gar vieler Tiere, Mit „t” versteckt int Waldreviere. Auflösung in nächster Nummer, Auflösung der Skat-Ausgabe in voriger Nummer? Abkürzungen: tr = Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Garreau, trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame tu s. f. Im Skat lagen p9 und p8, Vorhand hatte cB, tr9, tr8, tr7, p7, cZ, cD. c9, c8, c7 und Hinterhand den Nest. Svielqanq: 1. V. cD M. cA*) H. carB = - 16 2. H. carZ V. cB M. carA — — 23 3. V. cZ M. cK H. trZ = — 24 Sa. = — 63 Augen. ) Zu schneiden wäre verkehrt, ba Mittelhand doch darnach trachten muß, ans Spiel zu kommen. kledaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießem