Mittwoch den 29. Juni W -- Nr. 99 nu 'S».- B Das schlafende Heer. Roman von Clara Biebig. (ForDtzung.) (Nachdruck verboten.) Ter Inspektor sah vor sich nieder; er ging noch nicht, es kämpfte noch in seinem Gesicht. „Wenn die Weiber wenigstens um halb acht aufhören dürften! Es sind Mütter darunter von ganz kleinen Kindern. Und die Arbeit ist schwer!" „Lieber Hoppe, tun Sie mir den Gefallen," — verdrießlich faßte sich der Przyborowoer an die Stirn — „kommen Sie mir nicht mit den Geschichten! Die Leute sind an Arbeit gewähnt. Um acht Feierabend! Nicht früher! Sagen Sie ihnen das! Me Leute müssen eben 'ran, jede Minute ist kostbar!" Schwerfällig wandte sich der Inspektor zur Tür. „Bitte, einen Augenblick!" Frau Kestner hielt ihn noch zurück. „Also der Milchwagen sährt morgen um drei statt um vier, nicht wahr?" „Schon um drei?! Gnädige Frau," — er sah sie verbüßt an — „dann müßten die Mägde ja schon um zwei in der Frühe zur Melke aufstehen?" „Es muß unbedingt etwas zur ersten Frühpost zurecht kommen!" Die Helle Röte stieg ihr ins Gesicht, und der Don, in dem sie jetzt sagte: „Um zwei nachmittags den Landauer mit den beiden Füchsen für mich!" hatte nichts mehr von einer Bitte an sich. Sie sah nach ihrem Manne hin: würde der den Inspektor nicht zurechtweisen? Hoppe hatte einen ungeschickten Abschieds-Diener ge- tnacht, aber er blieb noch immer stehen wie angewurzelt. „Herr Kestner," sagte er jetzt leise, aber es zitterte etwas in seiner Stimme, „könnte die gnädige Frau nicht vielleicht an einem andern Dag fahren? Muß es grade morgen; sein?! Die Gespanne haben dringend zu tun. Das Wetter droht umzuschlagen. „Ich brauche alle Pferde — auch die Kutschpferde — sie müssen eben 'ran, jede Minute ist kostbar!" Kestner zögerte; der Einwand leuchtete ihm ein, Frau Therese fa'h's an seiner gerunzelten Stirn und dem verlegenen Blick. So mahnte sie schnell — der Schein brannte sie förmlich in der Tasche —: „Moritz, bedenke, Paus wartet!" Und dann sagte sie, mit einem verabschiedenden Neigen des Kopfes: „Ueberhaupt Feldarbeit ist viel zu schwer für die Füchse, Pie müssen geschont werden!"" 5. v Me der Inspektor auf Przyborowo gefürchtet hatte, so war es bald danach eingetroffen. Das Wetter war völlig uingeschlagen. Regen hatte der Lokomobile den Atem aus- geblasen, tot stand sie unterm Schuppendach. Landregen. Regen am Morgen, Regen am Mittag, Ziegen M Wend, Regen den ganPN Dag. Und Regen die ganze Nacht. Er trommelte nicht auf die Dächer im plötzlichen Guß, hart und heftig; nein, friedlich rauschte er, gleich-, mäßig sacht wie stilles Meer, das an Inseln wäscht. Alle Höfe sind spiegelnde Seen, die Ställe nur watend zu erreichen; selbst der Herrenhäuser Treppenstufen bis hoch hinauf bespült. Aus allen Dachrinnen gießen Bäche, schwim'- mendeu Blmnentelleru gleichen die Rondelle der Gärten, tiefgeneigt, beschwert von den Himmelsfluten sind die Bäume des Parkes. Von Nässe dampfen die Hütten der Koiuorniks, der Rauch der Schlöte ist niedergedrückt von der schweren Luft, der Acker weich zum Versinken. Aähschlammiges, moo- riges Land sind Wege und Pfade, kein Vorwärtskontmen gibt's für die Räder, keinen festen Grund für den Fuß. Wasserschleier liegen über Stoppel- und Rübenfeldern; fast ertrunken sind die Rebhühner und jungen Häschen, die Schutz gesucht haben in den Furchen. Lastende, einschläfernde Regenmüdigkeit liegt über Ansiedlung und Dorf. Kein Don erklingt auf den Feldern, kein Zuruf, kein Peitschenknalls nur die Glocke im Turm von Pociecha-Dorf ruft. D,er Przyborowoer stand am Fenster seines Studierzimmers und sah durchs Hoftor hinaus in die Wasserweite. Seine Ernte war drin, Gott sei Dank! Was die Scheuerst nicht zu fassen vermocht, das stand draußen in den Schobern geborgen unter strohernem Schutzdach. Und für die Rüben war der Regen sogar sehr erwünscht, jämmerlich schlapp hatten die gehangen; jetzt aber standen sie aufgereckt, glänzend und frisch grün mit ihren erquickten Blättern. Seit den letzten drei Tagen sah man sie wachsen. Nur nicht Ul lange durfte der Regen anhalten, ja nicht zu lange! Ob der' Chwaliborczycer auch alles drin hatte? Und der Niemczycer?! Ein behagliches Lächeln glitt über Kestners Gesicht: der Niemczycer sollte ja noch was draußen haben in Mandeln — na, das konnte er wohl in den Schornstein schreiben! Nun zeigte es sich mal wieder, was bei dem früh Feierabendmachen herauskommt und auch, was ein Landwirt, der auf dem Platze ist, zu leisten imstande ist! Freilich, der da oben — er sandte einen Blick hinauf zum Himmel, der dicht und gleichfarben wie ein Sack tief niederhing — der mußte seinen Segen dazu geben! Noch kein Schieben in den Wolken?! Donnerwetter, da mußte sich aber doch bald der Ostwind aufmachen und klären, sonst kriegten die Rüben zu viel Wasser. Und die Kartoffeln, — sorgenvoll schaute der Landwirt ans einmal drein — an die durfte man gar nicht denken! Die faulten; sicher! Ein Hundewetter war's, ein ganz miserables -Hundewetter, zum Verzweifeln! Mit finsterem Blick ging Kestner zur Stubentür, und dann auch zur Hausiür hinaus und stapfte, trotz des strömenden Regens, mitten durch hochausspritzende Pfützen zum Hoftor. Unter der triefenden Akazie hielt er Umschau: trostlos, keine Besserung zu hoffen! Nieinczyce ganz verhangen, nicht mal der Lysa Gora zu sehen! Auch gegen Chwali- bvrczyce zu war alles grau. Ra, die Garczynskjs wurdest <—i 394 —* sich auch schön langweilen! Es war vielleicht ganz! angebracht, heute nachmittag zu ihnen hinüber zu fahren — die Füchse würden schon durchkommen. Was mochte der Pole wohl neulich bei der Kommission erreicht haben? Ob! sie schon miteinander einig waren?--Wirklich, freund- nachbarlicher Besuch «war noch die einzige Rettung bei dieser Sintflut! — „Wie bei der Sintflut", so dachte auch die Garczhnska. Sie stand am Fenster und sah hinaus, umflorten Auges. Was sollte sie beginnen, womit sich die Zeit vertreiben?! Tas Rauschen des Regens hatte ihren leisen Schlaf gestört, früher als sonst war sie aufgewacht. Sie hatte gefrühstückt, Klavier gespielt — o wie langweilig! — sie hatte sich von Stasia etwas erzählen lassen, dann im Missionsbuch der Redemptoristen-Patres gelesen, das Gor la ihr gebracht, auch int neuesten Sientiewicz geblättert, den er ihr empfohlen — ach, auch ,Qno vadis' langweilte sie heut. Draußen war eine Wasserwüste, und alles öde, öde, öde. Sie gähnte. Ein Wind hatte sich plötzlich ausgemacht und schüttelte die schon lang nicht mehr ausgeholzten Wipfel des Parkes, daß dürre Zweige prasselten. Ha, auch so schütteln und rüttelit können! Hei, der Wind hatte Gewalt — sieh, jetzt mußte sich der schlanke Stamm beugen, der dort ganz allein stand und sich nicht an andere Bäume lehnte! Krach — hei, nieder mit ihm auf die Kniec! Auf die Kitter! Ein grausames und doch wollüstig-weiches Lächeln öffnete die Lippen der Dame. In der nervösen Unruhe, die sie immer peinigte, wenn draußen stark der Wind ging, eilte sie von Fenster zu Fenster. Noch immer nichts zu sehen! Doch da — halt — was zeigte sich da auf dem Lysä Gora, dessen Kopf sich jetzt eben aus Regenschleiern wickelte? Neben der einsamen Kiefer, die man immer dort ragen sah, flatterte heute etwas in der bewegten Luft, nickte, wehte, winkte wie ein Gruß. Ein Gruß! Ihr matter Blick belebte sich plötzlich, die Augen bekamen Glanz. So nah schien ihr heute der Berg gerückt — sie streckte die Hände aus — und dahinter lag Niemczyce! Heute bei dem schlechten Wetter würde der Baron gewiß zu Hanse sein, heute traf man ihn auch daheim, nicht bloß die langweilige blonde Frau! Jadwiga öffnete das Fenster, nicht achtend, daß der Regen die vielen Wellen ihres Haares verdarb, die Stasia so sorgfältig gebrannt hatte. Sie strengte die Augen an: was, was ließ denn nur der Baron da oben wehen? Wem galt das Zeichen?! Ah — eine jähe Enttäuschung legte sich über ihre Züge — eine Fahne war cs, fchwarz-weiß-rot! „Pfui!" Zornig klirrte die Garczynslä das Fenster zu. Daß ihr das auch nicht eingefallen war! Heute war ja der Tag, jener Tag, an dem die Deutschen einst den fron» Mischen Kaiser gefangen hatten. Und den feierte der deutsche Baron wieder — wie geschmacklos! — und gab der Nachbarschaft ein Aergernis. Heftig riß sie am Klingelzug. Als Stasia kam, ließ sie sich ein schwarzes Kleid bringen, ein Tranerkteid mit Crepe — sie hatte es unlängst um ihre Mutter getragen — und legte es heute wieder an und hatte heute auch Tränen in den Augen. * Die Garczynsla hatte recht gesehen, auf dem nackten Sandbuckel des Lysa Gora wehte die deutsche Fahne. Doleschal hatte sie aufrichten lassen, trotzdem cs eine große Mühe gewesen war, die Stange in dem vom Regen unterspülten, rutschenden Sand feskzurammen. Er selbst war mit den Arbeitern hinaufgegangen. Und als sie nun die Arbeit vollbracht — selbst der deutsche Stellmacher Kranz hatte int strömenden Regen dabei geflucht — war er allein noch oben gebliebeit. Schlapp hing der Wimpel an der Stange nieder, schwer von Nässe; aber nun kam hilfreich ein Wind, hob mit starkem Atem das Tuch in die Höhe und blähte cs lustig. Tie deutsche Fahne flaggte voni Hügel weit ins flache Land. Hanns-Martin hatte den Arm um die Stange geschlungen. Ihm war, als müßte er, wie einst als Knabe, fröhlich die Mütze vom Kopf reißen und sie mit „Hurra" schwenken. Siehe, es hatte genug geregnet! Auseinanderweichend! zeigte plötzlich das Wolkengefüge, das so undurchdringlich geschienen, einen fein-blanen Streif. Es wär doch kein Landregen gewesen, nur der Nachregen eines Gewitters, das irgendwo fern niedergegangen. Schon hoben sich die schweren Nebel von den Aeckern, zerrissen vom stöbernden Ost. Es war kühler geworden, fast kalt, aber wie lange noch, und die Sonne würde auch wieder kommen und wärmen. Wind und Sonne, die trocknen rasch. Der Niemczhcer drehte den Kopf nach der Richtung, lvo er seine letzten Mandeln liegen wußte. Morgen wurden die nmgestellt, heute nicht; heute war Festtag, Ruhetag wie ein Sonntag! Nun, die paar Mandeln würden ja auch ltoch trocken hereinkotnmen! In einem Gefühl großer Sicherheit sah er zu dem sich immer mehr und inehr lichtenden Himmel auf, und dann hinaus ins weite Land, in die Riesenebene bis gen Rußland und dann zurück auf sein Deutschäu. Schöner lag kein andres Herrenhaus und auch stolzer keins auf vor- g eschobenem Posten! Es war eine Verantwortung, die der Vater, der jetzt längst am See unterM Stein schlief, mit Deutschau auf seine Seele gelegt; aber auch eine Genugtuung. Damals freilich, als der Tod des Vaters ihn jäh vorn Regimeiit abberufen, hatte er nur die Verantwortung gefühlt — acht- undzwanzig Jahre, so jung noch, und ein so großes Gut und so ernste Zeiten! Aber jetzt? Zwölf Jahre seitdem allein gewirtschaftet und jeden Fußbreit Erde lieben gelernt, noch ganz anders lieben, als der Knabe den Boden geliebt, ans dem er gespielt. Hatte er doch darum gekämpft in Somtenschein und Regen, tu hellen und dunklen Tagen, in guten und schlechten Ernten, gekämpft auch darum gegen Böswilligkeit und Unverstand! Ja, die Zeiten waren noch dieselben gebliebeit, immer noch ernst, dem Anscheitt nach jetzt fast wirrer noch, aber — Gott sei Tank! — cs waren Männer aufgestanden, die die Fahne des Deutschtums hochhieltcn, unentwegt! (Fortsetzung folgt.) Mine Herren Gastwirte! Der Kunstwart gibt ein „Reiseheft" heraus — wer ist auf der Reise wichtiger als Sie? Ihnen also Gruß und Verbeugung! zuvor! Die Sonne hat ihre goldenen Strickleitern wieder zur Erde herabgespannt, so daß man glaubt, man brauche nur aus der dumpfen Stube zu treten, um ohne weiteres den Kletterweg in den Himmel und sein Paradies zu finden. Diesem Verlangen rüsten wir uns zu folgen, wir Tausende von neuen Reisenden — bereit, die Straßen unseres Vaterlandes und Ihre uns erwartenden Heime, meine Herren, zu „überfluten". Denn wenn wir uns einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, daß doch des Leibes Schwere auch im paradiesischen Sonuenglauze hier unten bleiben mutz, so nehmen wir gern in einem' behaglichen Neste Platz, in dem es neben all dem Herrlichen vou außen — Bäume, Felsen, Wälder, Wiesen, Sonne und Luft — auch ein Bequemes Ruhcgestell für unsere natürliche Sitzeinrichtung gibt, sowie verspeis- und verschluckbare Teile der Natur, die uns nicht, minder wertvoll und schön scheinen, als die andern. Wir neuen Reisenden! Haben Sie, meine Herren Magcn- schmcichler und Seelenstreichler, von uns, die wir Sie so nahe angehen, schon einmal gehört? Oder besser: uns schon einmal die Ehre des Ucber-uns-nachdenkens geschenkt? Ernstlich? „Offen gesprochen," cs war nicht weit her damit! Wir müssen uns erst nennen, um überhaupt aus dem ucbelhafteir Dunst unserer Anrede als greifbare Gestalten vor Sie zu treten. Also, wir verbeugen uns nochmals: wir sind die Wanderer vom silbernen Rad (Tretrad, Kuallrad, Dreigeräder und Viergcräder), wir sind ferner die „Liebhaber" aller Art, also nicht nur die mit etwas menschlich Weiblichem, sondern auch die mit der Kamera oder der Botanisiertrommel zur Seite, alsdann: wir sind die Pfleger von Körperkraft und Körperschönheit, weiter: wir sind die neuen Trinker, die nicht bei jeder Mahlzeit zum Dienst kommandierte Untergebene des Alkohols sein wollen. Wir sind all die Jugend mit den neuen Gedanken und den frischgewaschenen Augen und Ohren, und sind die, welche die Schönheit suchen — aber mM schützen wollen. Die Sinn für Bolkseigenart und Volkskunst haben. Die im Winter Bücher gelesen und Bilder betrachtet haben, um im Sommer zu sehen, was wir den Büchern glauben. Kurz: wir sind alle die, so, mit Hilfe der neuen Verkehrsmittel prst einmal ins Freie gelangt, nun eisenbahnflüchtig werden und wieder die Landstraßen und die Fußwege bevölkern. Oder doch — bevölkern möchten. Nämlich: wenn Sie, meine Herren Gastwirte, uns das durchzuführen ermöglichen. Sie sollen von uns noch oft und viel und genaueres zu hören bekommen. Oh, wir haben die größten Rosinen im Kopfe, wir erblicken eine Zukunft des Reisens, eine wahrhaft raffinieriÄ Kunst des Wanderns vor üns, die wir ausbauen wollen. Wir selber sprechen gern von diesen Dingen, nicht nur iveil wir's erbaulich finden, davon zu reden, sondern auch, weil wir uns kennen lernen «vollen und müssen. Aus der großen Gemeinde unsichtbarer Seelen, die wir bereits bilden, möchten wir ein sichtbares 395 sr Mfextt, aber voch handlungsfähiger Bund werden. Ja, was Mächten wir nicht alles. . . Aber davon später! Henke nur zu Ihnen, unfern Freunden von der Troddelmütze Und der Schenkschürze. Denn wenn mich manche — vielleicht die meisten von Ihnen — heute gar sein im Bratenrock und glatte frisiert einhertanzcln und ach, selbst die „gute Wölbung" der Vorderseite als Ausweis eines behäbigen und philosophischen Gemüts nicht mehr zeigen — bitte, lassen Sie uns dennoch im Geiste das alte freundliche Bild von Ihnen, das Ihre Vorfahren, boten zu der Zeit, da »och die gelbe Postkutsche mit Eile und Weile die Entfernungen zn Ihnen verminderte! Lassen Sie, meine ver- chrten Herren, besonders da, wo die Großstadt mit all ihrem „Komfort" und ihrer „Eleganz" noch keine Hypotheken niedergelegt hat, ruhig die alte Gemütlichkeit walten, die Gemütlichkeit und Behaglichkeit, die schon das Haus verrate, und die Wirt, Wirtin, Hebe und Ganymed tveiter bestätigen dürfen, ohne „unmodern" zu sein. Denn das ist's ja, was wir „draußen" suchen: wir wollen was andres, wollen, denken Sie nur, nicht die schätzenswerte Großstadt, aus der wir kommen, sondern, bitte verstehen Sie's, Kleinstadt und Dorf, wo nun einmal Kleinstadt und Dorf noch ist, wollen Landeseigenart und Heimatschönheit — nicht einen günstigenfalls uns nur heimlich belustigenden spießbürgerlichen Abklatsch der „Herrlichkeiten", die wir in der Großstadt verlassen haben, und die Ihnen, meine Herren von draußen/ mehr imponieren als uns. Dafür lieber was Reelles! Seien Sie, meine Herren Gastwirte an der Landstraße (auch die in Dorf und Stadt zählen ja dazu!), nicht Nachahmer, seien Sie Vorbilder. Studieren Sie, bitte (es lohnt sich Ihnen), uns neue Reisende, und kommen Sie Uns entgegen! Daun kann ein neuer Landstraßenfrühling sich nicht nur entfalten, cs wir Ihnen auch ein dauernder Segen und eine dauernde Erwerbsquelle fein, so daß wir beide zusammen mal was Gescheites, was wirklich Kulturförderndes zustande gebracht haben. Bisher nämlich — gerad heraus! — waren Sie's, meine Herren Gastwirte und die übrigen Herren „Interessenten am Fremdenverkehr", so da am „Heben" der Orte arbeiteten, — ach ja: ebest Sie und sie waren es! nicht an letzter © teilte, die uns das Wandern verleidet haben. „lind was verlangt ihr .mm eigentlich?" fragen Sie. Wir wollen's bekennen, aber ganz bescheiden mit dem Vermerk: wir verlangen gar nicht, daß jedes Gasthaus das alles bringen soll. Freilich, welches das täte, das wäre dann unser Mustergasthaus. Also zunächst: das Neue Gasthaus oder Wirtshaus sollte nicht „Hotel" noch „Restaurant" heißen, sondern deutsch, damit uns nicht seine .Vornehmheit gleich von weitem erdrückend auf. die Brust fällt. Es sollte nicht in gestriger Modepracht außen mit unbesteigbaren Türmchen und unbrauchbaren Balkons, innen mit gesüßten Windbildern und gewässerten Versen bemalt, sondern soviel es eben geht, dem umgebenden Stück Welt und der eigentümlichen Bauart seiner Heimat angepaßt sein. Im übrigen allemal so einfach — nicht „nüchtern", auch nicht ärmlich „billig", — wie möglich. Ja nicht nach irgend einem Musterbuch, wie sie jetzt ja, gottlob, selbst in den Baugewerkschulen nicht mehr für fein gelten. Nüchternheit, meine Herren Wirte, ist das, wobei wir ans Lineal und an die Schablone denken, Einfachheit scheint uns wieder was andres: natürliche Sachlichkeit ohne jegliche überflüssige Putzerei — denken Sie: das komnit uns gerade vornehm vor. Zur heimatlichen Eigenart gehören aber nicht ungesunde oder irgend rückständige Einrichtungen. Im Gegenteil: technisch kann ein Gasthaus gar nicht vollkommen genug eingerichtet sein — soweit diese Einrichtungen, zum Beispiel elektrisches Licht mit Kraft aus nahen Stromschnellen oder dergleichen nur ohne Ruinierung von Naturschönheiten hergestellt werden können. Denn Sie müssen bedenken: was in der Landschaft in Ihrer Gegend ruiniert lvird, das merkt unsereiner so nach und Nach, und sagt's seinen Bekanntem Dann bleiben künftig er nnd die weg. Gencralregel: Alle Reklame-Plakate, --Tafeln, --Bilder, und wenn die noch so „herrlich" sind, entfernen Sie — im Innern der Gaststube nicht minder Ivie am Äeußern Ihres Hauses, an den Baumstämmen nnd den Felsen der Umgebung. Auch für Sie gilt das strenge Wort: „Rur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände" — vom „Beschmieren" spricht man ja nur bei Ueberflüssigein, einfache, sachliche Anzeigen und Wegweiser sind keine „Reklame". Was für Bier es gibt, und was der Schinken kostet, kann ich aber wohl auch noch sonstwie als von den Wänden erfahren. Tie Reklame ist der schlimmste Feind aller Heimlichkeit und Gemütlichkeit. Denn die bedeuten doch: man fühlt sich wie zu. Hanse oder bei einem Freund — wer aber hängt sich zu Hause die Wände mit Plakaten voll? Das „Neue Gasthaus" muß eingerichtet sein, daß man drin ansruhen kann. Also nach aller Möglichkeit: Lärmschutz mit Doppelfenstern und Doppeltüren, und keinen irgendwie entbehrlichen. Skandal in Haus und Hof. Auch mit „Lichischntz"; daß man ausschlafen kann, wenn man's will, soll ein Zimmer gut M verdunkeln sein. Abends aber soll ein Lämplein drin brennen können, bei dem sich lesen läßt. Das „Neue Gasthaus" soll ferner auf nicht-alkoholische Getränke und auf das Nichttrinken überhaupt eingerichtet sein. Ich verstehe darunter nicht, daß mau sich Batterien voll Limetta, Frntil, Bilzbrause (brr!), Poinril und. wie all das Zeug heißt, Anschasst, und dies, ebenso wie Milch, Tee nnd Selters zn Phantasiepreisen an die „Sonderlinge" verkauft, die sich unbegreifticher- weise nicht schon morgens mit Bier vollpumpen wollen. Meine Herrn Wirte, suchen Sie mal in Ihren Erinnerungen: die Rad- fahrerhorden, die Kneipreisen zu Ihnen machten, wo sind sie?. Allmählich weggebliebeu! In der Al ko hol frage muß der Gast- wird gründlich vorgehen: Erstens: nur „echte", das heißt nicht unappetitlich oder aus Chemikalien „gemachte" Getränke. Zweitens: preiswerte. Ein Glas Tee ist mit 10 Pfennigen glänzend bezahlt, in der Schweiz bekommt man's oft für 8. „Reformieren" Sie aber einmal im Punkte Trinkzwang, so folgt daraus („sowie die Nacht dem Tage") eine Wandlung im Speisezettel, die eilte wahrhaft neue Aera im Gasthausspeisen bedeuten würde, und doch mit einem Worte zu kennzeichnen ist: keine Mahlzeit ohne reichliche, mit genügender Flüssigkeit utid nach dem Vorbilde der bürgerlichen Küche bereitete Gemüse, ober Hülsenfrüchte, Kompott, frisches Obst, Salat usw. Ohne diesen Schritt ist die Getränkeresorin ein zu baldigem jähen Ende verurteilter Unsinn. Tann: es müssen für Wanderer (Tagesreiseude) Zimmer für ein paar Stunden zu mieten sein, Grundtaxe: eine Entschädigung für Reinigen und Aufräumen. Und: cs müssen in jedem solchen Gasthaus alle wichtigem Reifebücher, die Heimatwerke, Karten, Pläne, Führer usw. eilt» zusehen sein, die Handbücher der Verbände, in fremdsprachigen Gegenden Wörterbücher usw., ferner Nachschlagebücher (auch Floren, Faunen usw.), Ratgeber für Liebhaberphotographeu und die ent» sprechenden Fachzeitschriften. Außerdem noch: was Gutes zu lesen. Leicht zu lesen muß es ja fein, denn unsereins hat abends nach der Wanderung nicht mehr alle Kräfte in feinem Kopf bei sich. Aber bitte: nicht nur das Reklantealbunt mit den illustrierte Annoncen sämtlicher Prima-Hotels usw. Und nicht bloß beit „Fantiliensrenud", bett Sie für Ihr Fräulein Tochter Anno 1885 abonniert hatten und alsdann zum Erfrifchungsqnell für Ihre Gäste binden ließen. Es gibt gute illustrierte Zeitschriften beut» zutag und Büchersammlungeu, in denen man, bett Band zu 20 bis 100 Pfennigen, bekommt, was auch einer lesen kann, der immerhin Gehirn hat. Ueberhaupt: all das hier Verlangte kostet zusammen noch nicht soviel wie ein einziger ordentlicher Schrank. Ober die hochbeliebten Kugeln, Spitzen, Säulchen, Giebel »sw./ die mau von all den fein-feinen Möbeln eines Äasthanscs für Reisende alter Art erst abnehtnen muß, damit sie den neuen! Reisenden.erträglicher aussehu. Einer Gegenleistung sind solch« Darbietungen freilich auch wert. Daß es keiner Leihgebühr be- darf, beweisen z. B. die Alpeiigasthäuser, die gute Bücher und Karten jetzt schon unentgeltlich vorlegen. Aber anständiges Benehmen der Reisenden selbst, das sei die Gegenleistung. Boykott des Rüpeltnms," Korpsgeist der „neuen Reisenden" selbst, bi« zusammen halten tmb rücksichtslos ben Sachbeschädiger ober gar den Dieb sogar denunzieren. Auch diesen „Anlagen" ben „Schutz des Publikums" zu versürafsen, muß geradezu Ehrensache sein.. Das „Neue Gasthaus" muß eingerichtet fein auf die Bedürfnisse des Liebhaberphotographem Solange mau von jedem Ausflug nach Hause zurückkehrt, besorgt man dort seine Sachen, soll mau aber wirklich über Land reifen können, so muß man unterwegs die nötigen Einrichtungen finden. Manche Wirte tun so, als ob diese Forderung etwas Ungeheuerliches wäre. In, Wirklichkeit ist sie fast ohne Kosten zu erstillen. Ter Kamera- besitzer braucht eine Dunkelkammer nebst Einrichtung und Che- mikälien. Für 20 Mark kann man alles Nötige bei jedem Händler kaufen, ein zur Dunkelkammer geeigneter Raum — lichtlos und! womöglich mit Wasserleitung — ist überall zu beschaffen. Ist nur die Kammer unb eine Rotlichtlampe bä (Kostenpunkt: 1 M?.),■ so kann man wenigstens Platten entlegen unb wechseln. Als Zeichen wäre ein rotes Schild mit einer Lampe, außen nm Hause, zu empfehlen, das macht teilt Geschästsgeschrei unb kann! ganz lustig anssehen. Hat man weiter drei Schalen, je eine; Flasche „Entwickler" und „Fixierbad" (auch in Patronen), und! ein paar Meßgläser, so ist bas Wichtigste beisammen. Man berechnet für Benutzung der Dunkelkammer ohne Chemikalien 10 Pfennig, mit Chemikalien (Entwickeln) eben diese, wie ich in der WirtSstnbe mein Glas Getränk bezahle. Hält man einen Vorrat Platten, besonders im Format 9x12, bereit, so wird man mit diesen Geschäfte machen. Für Rad- unb Motorfahrer braucht man einen trocken es» Schuppen, womöglich mit Holzfußboden, unb Vorrichtung zum Stellen oder Hängen ber Räber. Man muß ferner gereinigtes! Benzin, Schmieröl (dies sind besondere Marken), Karbid für die Laternen unb eine Luftpumpe hereithalteu, bic auch Atem hat. Es empfiehlt sich, überdies eilt paar billige Papierlaternen zur Notl>eleiichtui!g bereitzuhalteu. Das Stahlroß ist keine melkende Kuh, nehmt ihr's nicht umsonst in den Stall, so fordert ein-i schließlich der Fütterung mit Lust doch nicht mehr als eines. Nickels Wert dafür! Auch Oel, Benzin, Karbid und Laternen — nicht mit 300 v. H. Aufschlag! Der Wirt soll nicht klemlich sein — ist er liberal, wird der Gast aufgeknöpft. Um wieder zum schlichten Alltag zurückzukehren: das körperliche Befinden, das der „neue Wirt" zu verwalten hat, ist mit Essen, Trinken und Schlafen noch nicht „erledigt". Ein gutes aber einfaches Bad ist für Wanderer wie Radler geradezu eniti „unerläßliche Bedingung". Freilich ist nicht immer gerade bas Gasthaus darauf einznrichten. Daß es aber einem Orte ganz 396 fehlt oder betriebsmifähig ist, Ivie leider allerdings in 999 voll! 1000 deutscheit Wohnorten — gegen einen solchen beschämenden Zu stand sollten die Gastioirte zuerst im eigensten Interesse wirken. Eine Vermietbare Badewanne bedeutet denn doch eine erschwingliche Kapitalanlage für jedes Dors. Allerhand ließe sich noch leicht beschaffen: Nähzeug beispielsweis, dann ein Schach- Und eilt Damenspiel, nicht nur schmutzige alte oder teure iteuie Karten. Als Andenken halte man mehr verkäuflich als bloß Ansichtspostkarten, auch Natur- wie Kulturerzenguisse aus der Umgebung: schöne Steine und Pflanzen (ohne Wurzeln), auch getrocknete, sowie, lvas der Hausfleiß. Eigenartiges bringt. Dagegen beleidige man nicht Leute, die den Beweis der Geschmacklosigkeit! noch nicht erbracht haben, durch die Zumutung, jene Abart der Hausgreuel «nzusehn oder gar zu kaufen, welche die fürchterlichste aller Fremdenindustrien unter dem Namen „Reiseandenken" über Land schwemmt. Kann doch ein einziger Glaskasten mit diesem Unrat einem ganzen Zimmer die Stimmung verderben. Mitunter fehlt einem dies und das, zu dessen Beschaffung Noch kein Doktor nötig ist, sondern nur eines der gangbarsten Medikamente. Also: eine gute Hausapotheke, giftfrei versteht sich, nur mit unschuldigen Sachen. Als welche übrigens aus gleichen Gründen auch trockne Strümpfe, wollene Binden und dergleichen unter Umständen hoch zu Preisen, aber keineswegs überall zu haben sind. Ziwiel Verlangt? Nein, hier berührt! sich das „nette" Gasthaus mit allernltesten. Wer's bezweifelt^ möge sich erkundigen, was alles man nicht nur in einer guten) Alpenschutzhütte, sondern zum Beispiel auch in einer guten Riesengebirgsbaude bekommen kann. Und noch mehr, leider, konnte. Damals zum Beispiel, als noch der alte Hübner-Berthold auf der Hübner-Baude waltete, als welcher ein Wanderer-Vater war. Dafür lief auch immer wieder über seine Baude, wer eigentlich ganz wo anders hin wollte. I Kurz: ein Gasthaus, das solche Vorzüge hat oder doch einen wesentlichen Teil von ihnen, kann sich von aller Rabatt- nujd Krivilegienreiterei freihalten. Denn es kann sicher sein, wenn es nur das, was es tut, gut tut, so wird's bald eine Berühmt-, Seit weit herum und die sichere Raststätte aller „Neuen Reisenden", Herrn a n n H ä f k e! rj 70 mal, 11" Alle die Vorstehend gegebenen Zahlen sind selbstverständlich! Mr als zutreffend bis heute zu betrachten, was sich von jetzt ab Du rote Ros' auf grüner Heid' Ein Jäger ging zu birschen Auf dem Dache sitzt der Spatz Wüchsen mir Flügel Wirt, hast du nicht ein volles Faß Laß mich dir sagen, laß mich dir singen Röslein, wann blühst du auf Lenz ist gekommen ins harrende Land Glockenblumen, was läutet ihr Rothaarig ist mein Schätzelein Vergißmeinnicht: Blaublümlein spiegelte sich Es wartet ein bleiches Zungfräulein Alle Blumen möcht' ich binden Im Grase tant's, die Blumen träumen Ich ging tm Wald durch Kraut und Gras Von diesen ist am häufigsten vertont als: über 16 mal komponiert sind und denen die zufügen. Beim Faß: Schlagt derb auf's Faß Leer ist der Tag, er geht zu Ende Immer schaust du in die Ferne Es wächst ein Kraut im Kühlen Je länger, je lieber sitz' ich beim Wein Der Zaunpfahl trug ein Hütlein weiß Wenn du fein Spielmann wärst Must. Lied: Ich ging im Wald Gern. Chor: Es ivartet ein bleiches Jungfräulein Mämterchor: Röslein, wann blühest du auf 17 mal, 17 „ II" 18 „ 18 „ 19 „ 20 „ I?" 22 „ 23 „ »i a: 47 „ 48 „ 56 7, 56 ,, 65 „ 80 ff Julius Wolff im bilde der Zahlen. Eine kleine statistische Skizze von Ernst C hall je r fett. Der vor wenigen Tagen pbgernfene Dichter, dessen lyrische Und dramatische Werke keinem Gebildeten unbekannt sind, ist von den Komponisten int hohen Maße bevorzugt worden. Wenige feiner Zeitgenossen sind bei ihm ganz vorüber gegangen, die größere Anzahl hat einige oder doch eine feiner viel begehrte^ Wichtungen sich erwählt. In hervorragender Weise sind hierbei Heinrich Hofmann und Hans Sommer beteiligt. Darum ist es auch zu verstehen, daß sich für 122 Dichtungen eine große, aber schwer festzustellende Schar von Komponisten fand, die diese Verse 1307 mal vertonten, die Mehrzahl als einstimmige Lieder 1077, dann 5 Duette, 45 Gemischte Chöre, 222 Mämterchöre und 18 für Frauenstimmen. Nur ein geringerer Teil der Dichtungen hat eine kleine Zahl von Kompositionen gefunden (18 mit einer, 13 mit zwei), der größere hat erheblich mehr aufzuweisen. Um aber nicht zu weit- schweifig zu sein, werde ich nachstehend. nur die aufführen, di« betreffende Zahl und später anschließen wird, entzieht sich freilich jeder genaUerdnj Schätzung, dürfte aber, was wohl bei der Beliebtheit des Dichters, anzunehmen ist, meine heute noch feststehenden Zahlen in kurzer Zeit veralten lassen, VevmZßchLes. * D i e elektrische Angel. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß das Licht, die Wärme, die Elektrizität aui gewisse Tierarten starke Eitiflüsfe ausüben. Die Tiere luerbeit angezogen oder abgestoßen und geraten in manchen Fällen in große Erregungszustände. Die Erscheinung hat nabe Verwandtschast mit der Eigenschaft der Pflanzen, stets dem Licht und der Sonne zuzustreben. Der französische Gelehrte Rose hat seine Unterfuchungeit über diese geheimnisvolle Kraft aus eine Anzahl niederer Tierwesen ausgedehnt. Insbesondere waren es Schattiere und Weißstsche. Die Experimente haben ein merkwürdiges Ergebnis gehabt; es zeigte sich, daß die Elektrizität z. B. auf die Weißfische eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Wenn man durch einen Wasserbehälter einen elektrischen Strom hindurchgehen läßt, so schnellen sich die Fische mit größter Geschwindigkeit auf den positiven Pol zu. Die Bewegung geschieht mit solchem Ungestüm, daß die Fische sich aufspießen würden, wenn an der betreffenden Stelle Stacheln oder Hacken angebracht würden. Die Versuche werden fortgesetzt und beleuchten die Möglichkeit, die Elektrizität itt den Dienst der Fischerei zu stellen. — Das wäre bedanerlicli! * Frauenarbeit in Japan. Die beiden Hauptindustrien Japans, die Tee- und die Seidenindustrie, beschäftigen schon seit den ältesten Zeiten meistens Frauen, aber mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes ist die Frauentätigkeit immer weiter gewachsen. Die Seidenraupenindustrie ist ganz in ihren Händen, sowohl die beständige Pflege der Kokons und Selden- raupen, als auch das Wickeln und Weben der Seide. Selbstverständlich haben die Japaneriimen auch in der Gartenkunst längst ihren Platz eingenommen. Ganz auffallend aber ist es, daß sie auch in den Fabriken schon seit Jahren die Männer so gut ivie ganz verdrängt haben. Nach einer älteren Statistik der /.Japan Mail" waren in der Rohseidenmanufaktur 107 348 Frauen und nur 93 Männer beschäftigt; in der Baumwollenspinnerei 53 053 Frauen und 79 Männer; in der Zündwarenindustrie 11385 Frauen und 69 Männer; in der Zeugfabrikation 10656 Frauen und 86 Männer; in der Tabakindustrie 7874 Frauen und 172 Männer; in der Mattenflechlerei 1611 Frauen und 54 Männer. — Im ganzen 191957 Frauen und 553 Männer. Diese Statistik dürfle inzwischen eine weitere bedeutende Steigerung zugunsten der Frauenarbeit erfahren haben. Die schwerste Arbeit von einer Art, die bei uns ganz unmöglich wäre, müssen die Frauen leisten, die in den Häfen beschäftigt sind. Bon Frauen hauptsächlich tuitb das Ein- und Ausladen der Kohlen im Hafen von Nagasaki besorgt. Sie stehen dort Schulter an Schulter und stillen endlose Reihen von Körben mit der Regelmäßigkeit und Schnelligkeit von Maschinen. Büchettisch. — Wilhelm S ch m i d t b o n n: Der Zorn des Achilles. Eine Tragödie in drei Auszügen. Verlag von Egon Fleischet & Co., Berlin W 9. — Dieses Werk hat der „Frauenbund zur Ehrung rheinischer Dichter" preisgekrönt, und Schmidtbonn verdient diese Ehrung, weil er mit dein „Zorn des Achilles" wieder einen Schritt vorwärts gemacht hat auf der Bahn, die er mit dem „Graten von Gleichen" so erfolgreich betreten. Schon von diesem Werk sagt Professor Litzmann, daß eS von einer Reife, Kraft und Größe sei, die kaum noch übertroffen werden könnte. Und doch kann man vom „Zorn des Achilles" sagen, es ist noch ein Fortschritt, sowohl was den dramatischen Aufbau, als ivas die Sprache und Form anbetrifft. Schmidtbonn hat es verstanden, die farbigen Bilder, die uns Homer anschaulich, aber in epischer Breite gibt, zusammen- zusassen und ihnen eine dramatische Wucht zu verleihen, die bis ins Innerste dringt. Es ist seine eigene Sprache, die Schmidtbonn spricht, und sie ist machtvoll und hinreißend, dabei klangschön und von einer Natürlichkeit, der alles Gekünstelte und Gedrechselte fern liegt. Schmidtbonn hält sich nicht an die Tatsachen, die uns Homer gibt. Er hat die Fabel vom Zorn des Achilles umgeändert und erweitert. Man kann überzeugt sein, daß das Werk, das schon beim Lesen einen fielen, nachhaltigen Eindruck macht, bei seiner Uraufführung in Berlin einen großen Erfolg erzielen wird. Rätsel. Nimm dich in Acht vor mir! Nicht selten hab ich dem Menschen Lust und Liebe zum Leben rauh und herzlos genommen. Schlage mir ab den Fuß und ändere mein zweites Zeichen: Eitel nur ist dein Bemüh'«, ich nehme zuletzt dich gefangen. Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Nummer k BEGAS ERIS GIG A 8 8 Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen,