Rr. 66 Donnerstag den 28. April •ü' IISEhMe«? W ‘.fTuiiul !W ruJHF; KW! MW Ihres Vaters Tochter. Roman von Lulu von Strauß und Torney. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ich war rot geworden vor Empörung. „Mich interessiert es aber auch," sagte ich ganz laut über den Tisch, „kommt Ihre Mutter nicht auch einmal nach München? Ich würde mich freuen, sie kennen zu lernen!" Er sah mich ernsthaft freundlich an. „Vielleicht nehme ich Sie einmal beim Wort!" Damit war es! abgetan. Mrs. Willow hielt Ten Mund. Lotte steht mit dein Doktor auf einem schlagfertigen Neckfuß, der die ganze Pension amüsiert. Das Kind ist überhaupt wie nmgewandelt, Sie würden sie kaum wiedererkennen. Nichts mehr von dem herben Zug, der das junge Gesicht früher fast abstoßend machen konnte. Sie ist ja nicht eigentlich hübsch; aber jo ein Gesicht! mit dem pikanten dunklen Schatten über dem Mund und beit warmen Prachtaugen läuft nicht durch die Theatinerstraß, ohne daß ihr alle zwei Schritt einer impertinent unter die breite, formlos weiche Hutkrempe schaut. Ihr schöner van Dyk schmachtet sie ganz unverhohlen an, er kommt sogar abends bisweilen in die Pension Damiaui, bringt seine Gitarre mit und singt in weichem Bariton die kecken Wedekindlieder mit ihren sentimentalen Melodien, die ich nicht liebe, und die mir doch aufdringlich im Ohr hängen bleiben. Ich weiß nicht, ob die Lotte in ihrer Unbekümmertheit alles das merkt; bisweilen macht es mir Sorge. Als ich ihr neulich mal Andeutungeu machte, lachte sie hell heraus. „Aga, daheim hab ich lange genug Maulkorb ttnb Scheuklappen getragen und bin an der Leine getrottet. Jetzt will ich frei sein!" „Das sind Sie ja, Lotte. Wer die Verantwortung drückt mich doch etwas. Sie müssen bedenken, daß ich Ihrer Mutter versprochen habe. Sie zu hüten." „Dann müssen Sie erst meine Gedanken hüten! Und di« machen hier jeden Tag Entdeckungsreisen, ohne sich an di« Tafeln .Verbotener Weg' zu kehren." „Ich glaube, Lotte, man kann innerlich frei sein, auch wenn man durch äußerliche Schranken gebunden ist," Sie faßte mich auf einmal stürmisch um. „Prinzeß! Philisterfeelchen! Gönnen Sie mir doch das bißchen Freiheit! Sehen Sie, wer als Mensch was taugt, der hat schon die Schranke in seiner eigenen Natur. Und int übrigen ist's keine Sünde, wenn man Augen und Ohren aufsperrt und das liebe Leben hereinläßt. Das ist mein Recht als Künstlerin und als junger Mensch!" Ich seufzte etwas. Mn bißchen heimlicher Neid lief wohl mit unter. i „Ich fasse nur nicht, lviie Sie das so schnell können.", „Ich bin eben ein bißl Zigeuner. Das akklimatisiert sich schnell." — * Ich schreibe meinen Brief in Absätzen, ich habe so viel zu erzählen. Wahre Bücher werden es! Fasching! Wissen Sie, was das heißt, Georg? Ich kann's nur ahnen. So wie man durch eine Dürritze in «in Helles Zimmer hineinspäht! Jedes Schaufenster, vom eleganten Basar in der „Thea- tiner" bis zum Dändlerlädchen in den engsten Gassen glitzernd, schreiend von Farben. Halbverschlissene Dominos in schäbiger Eleganz, Pierrotkappen, tolle Federhüte mit zartem Spitzenüberhang, unter dem lachende Augen hervorkokettieren sollen — schwarze Samtmasken, die nach Heimlichkeiten und verbotenem Glück aussehen! Im Dunkeln unter den Laternen vermummte Gestalten, die im Schneegestöber dicht an einem vorbeistreifen, Pierretten und wunderlich gehörnte Köpfe. Lotte kam einmal roll lachend auf meine Stube gestürzt, irgend ein bunter Kerl hatte sie. umgefaßt: „Kommst mit. Schätzet?" Unter allen Haustüren Geflüster, abgerissene schrille Musikrakte hinter halbverhängten Fenstern. Und verliebte Pärchen im Dunkeln, im Dämmern, am Helten Mittag —< nicht zu zählen! „Faschingsliebe!" sagt der Doktor gleichmütig, „Jugend will austoben." „Frivole Spielerei!" sage ich. „Ich hasse das!" Er (zuckt nur die Schultern. Disputieren führt zu nichts^ ist sein Grundsatz. Am Mittagstisch im Stübl ist's lebhafter noch als fönst. Der junge Russe kommt an seinen Krücken mit fahl über-' nächtigem Gesicht und unruhig flackernden Augen. „Kerkow, Mensch," ruft er dem rothaarigen kleinen Musiker an seinem Tisch zu, „waren Sie gestern auf der Redout? Warum nicht? Großartig! Vibe la Vie!" Der andere lacht in sich hinein. „Ja, ja. Ich hatte was anderes vor." Bon Arbeit ist nicht die Rede. Die Malmädel kriegen heiße Köpfe über Kostümfragen; Rupfen, Glanzkattun und Theatersamt find Lebensinteresse, Van Dyk renommiert vom letzten Akademikerball — renommiert in unmerllich feiner Weise mit seinen slawisch anmutigen Gesten und Wimpernaufschlag. Von Tisch zu Tisch lachende Anspielungen, Neckereien, Augenspiel. Es liegt eine heimliche Unruhe, ein Fieber von Lebenslust in der Luft, das mir angst machst Eine verhaltene Ausgelassenheit, die auf den Augenblick des Losbrechens wartet: Vive la Vie! An meinem schwarzen Kleid geht das alles vorüber, mir über den Kopf weg, als ob ich nicht da wäre. Es ist nicht gut, zwischen lachenden Gesichtern allein sein. Es brennt mich förmlich. Ich bin unruhig und weiß nicht warum. — 262 — MH Hasso diese Stadt, lixeil sie mich quält Ich hoffe diese Narrentollheit! Wett weg möchte ich, mich irgendwo int Dunkeln verkriechen! --- Lotte ist so anders. Ihre Augen werden blank, wenn van Dyk erzählt. Er merkt seinen Vorteil. „Kommen Sie mit ans den Bcmernball," bettelte er, „ich führe Sie hin! Ich besorge Ihnen ein Kostüm! Bitte, bitte!" Lotte sieht mich fragend an, die vollen, roten Lippen etwas geöffnet. Sie sieht begehrlich ans wie ein Kind, das an reife Aepfel denkt. Ich kann ihr nicht helfen. »,Es geht nicht, Lotte. Wir kennen keine einzige Dame hier, die dich mitnähme." „Drachenfels gibt es im Fasching nicht," ruft spöttisch 'eine ältliche Malerin herüber, die zugehört hat, „übrigens, wenn sich ein Mädchen nicht selbst hütet, nützen alle charde- damen nichts." Ban Dyk bettelt noch immer und Lottens Augen auch. Ich schüttle den Kopf. Ich glaube, sie ist böse auf mich- zum ersten Male, seit wir uns kennen. . j . Ans dem Rückweg begegneten wir einem Herrn, der sie grüßte. „Seheir Sie, Bernhardt hat heute auch gesagt, der Bauernball wäre eine unschätzbare .Gelegenheit zum Studium." „War das Bernhardt ?" Ich sah mich hastig nach ihm um; er interessierte mich doch. Ein sechs Fuß langer, breitschulteriger Manu, nicht mehr jung, mit starkem, blondrotem Bollbart und ebensolchem Haarschopf, der ihm beim Grüßen in die Stirn fiel. Ich habe ihn ja nur sehr flüchtig gesehen, aber ich sind« keine Ähnlichkeit mit dem Studentenbild. Es kann der Bernhardt nicht sein. — Lotte ist sehr einsilbig heute. Manche andere würde vielleicht heimlich hinlaufen. Faschingsfreiheit! Aber ich weiß, sie ist zu ehrlich dazu. Es ist spät, meine Hand wird müde. Ich weiß nicht, was für wirres Zeng ich Ihnen wieder geschrieben habe, Georg. Es geht mir so Vieles und Neues durch den Kopf, wnd ich habe keine Ruhe, bis es alles ausgeschüttet ist vor meinem lieben Freund und Kameraden! Tausend Grüße! Ihrs Agnes W. München, 12. Februar 1901. Lieber Georg! > Ich M'uß es Ihnen gleich- erzählen: denken Sie sich, ja ist es doch! Mein Sorgenkind war ein paar Tage vertrotzt Herum- aelanfen. Und heute früh kommt sie triumphierend bei Tisch damit heraus: Professor Bernhardt ist ins Komitee für den Bauernball der Künstlerschaft gewählt und muß hingehen, er hat sie gefragt, ob- sie unter seinem Schutz hingehen will. Er will sogar selbst noch seinen-Besuch machen. Ich war ganz erschrocken. Ich kannte den Mann ja gär nicht, wie- konnte ich ihm da Lotte anvertrauen. Die Damianis mischten sich auf einmal ein, fie waren lokalpatriotisch gekränkt. „Bitte, Fräulein Weddigen, den Mann kennt hier jeder. Ein« unserer ersten Großen, und ein älterer, -verheirateter Mann! Es ist einfach- eine Beleidigung, wenn Sie das äblehncn!" Ich versprach seufzend, den Besuch wenigstens anzu- Nehmen. Am Nachmittag erschien er richtig. Das Gesicht kam mir bekannt vor, als ich ihn nun gen an er sah. Derbe, große Züge, eine konzentrierte Energie rn der massigen Brauenwö-lbung und im Mund, den der blondrote Bart nur wenig verdeckte. Man begriff, daß der Mann sich als Künstler durchgesetzt hatte. Er wär kurz und geradezu, dabei vernünftig. Ich, konnte nicht anders als „ja" sagen. Lotte saß dabei, der Nichtsnutz, Und jubelte mit den Augen. Zch dachte- der Professor ginge nun, als alles erledigt war. Da beugte er sich aus einmal vor. „Erlauben Sie mir eine Frage. Ihr Name ist Ungewöhnlich, und ich hatte einmal einen Freund, der so Hieß, Peter Florenz mit Vornamen." „Das ivtvr mein Väter!" „Also wirklich!" Er hatte plötzlich meine .Hand iu seinev breiten, großen. „Wie mich das aber freut! Peter Florenz' Tochter! Lassen Sie sich einmal auschauen, hier am Licht!! Nein, Sie sind anders als er!" , Peter Florenz Weddigen! Ich wußte, den suchte cv nicht in meinem Gesicht. Die kleine Anna Dibelius suchte er! „Wie heißen Sie?" fragte er dann. Ich sah deutlich, daß mein Name ihn enttäuschte. Ich bin selten so ungewandt, wie ich in den gehn Minuten war. Die Aufregung dieser Begegnung hatte schuld und die Angst, er könnte merken, daß, ich um sein« Vergangenheit wußte. Er schüttelte meine Hand kräftig. „Jetzt muß ich fort? Wer nicht wahr, Sie machest mir die Freude und kommen einmal zU mir mit meinem kleinen Schützling?" Er nickte Lotte zu. Mir fiel ein, daß die Damianis ihn einen älteren? verheirateten Mann genannt hatten. „Wenn Ihre Frau Gemahlin gestattet?" sagte ich nur, steifer als ich eigentlich wollte. Ein Schatten lies über das große, kräftige Gesicht. „Meine Frau? Die ist seit Jahren tot. Ich hob'ä sehr spät geheiratet und verlor sie nach einem Jähr. Ich lebe allein mit meinem Jungen. Es kommen sehr wenig Menschen in mein Hans. Aber meines guten, alten Freundes Tochter —" Sein guter, alter Freund! Mir schoß das Blut zu Kopf. Wie kann er ihn so nennen? Und mit den ehrlichen; Augen? Es ist ja Lüge! Aber vielleicht will er mich schonen. «Oder er nennt meines Vaters Namen, um nicht einen andern nennen zu müssen! Ich bin wirr und unruhig. Was soll ich tun ? Soll ich hin gehen? Oder ihm aus- weichen ? Es ist unmöglich, paß Peter Florenz Weddigens Name zwischen seinem Freund und seiner Tochter nie genannt würde. Wenn tr genannt wird, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir lügen beide. Wir verleugnen ohne Worte eine Wahrheit, die wir beide genau kennen. Oder — Vorhin packte mich einmal der brennende Wunsch, offen mit ihm zu sprechen, ihn nm alles zu fragen. Aber selbst wenn ich es könnte, ich dürfte es nicht, seiner selbst willen. Verjährte Bitterkeit soll man nicht aufstören. Helfen Sie mir, Georg, raten Sie mir! Sie kennest mich und wissen die Vergangenheit! .Schreiben Sie bald, mein getreuer Eckart, Ihrer Agnes W- (Fortsetzung folgt.) Aus schwerer Zeit: Teuerung und pest in Gießen. (1628—1637.) Weshalb läutet es um 5 Uhr in Gießen? So hat sich- wohl Mancher gefragt, ohne weiter darüber uachzudenken. Das 5 Uhr- Läuten ist ein alter Brauch, der aus der Zeit des 30jährigest Krieges stammt. Es wurde im Jahre 1629 von Landgraf Georg II. angeordnet, daß man sich um 10, 11 und 5 Uhr zum Gebete vereinige, nm des Himmels Hilfe in der schweren Zeit zu erstehen. Und es war eine schwere Zeit. Brachten schon die fortwährenden! Durchzüge der Ääiegsvölker Verheerungen und unerschwinglich« Kontributionen, so wurde die Not noch gesteigert durch Teuerung und schleichende Seuchen. Am 16. Mai 1626 war das Korn und das Obst in den Lahm u!nd Maingegenden größtenteils erfroren, so daß die Herbst- ernte nur einen geringen Ertrag lieferte. Schon Ende Mai gingen die Preise gewaltig in die Höhe; für ein Achtel Korn wurden 12 Mark, für ein Llchtel Gerste 9 Mark, für ein Achtel Weizen sogar 15 Mark bezahlt. Auch das Jähr 1628 brachte Frost und Mißernte. Bis 1636 hatten sich die Fruchtpreise so sehr gesteigert, daß ein Achtel Korn und Weizen sogar 24 Mark, ein Achtel Gerste 18 Mark galten. 1 Maß Bier kostete 36 Pfennig, 1 Ei 12 Pfennig. Bedenkt man, daß das Geld damals einest dreifachen Wert gegen heute hatte, so kann man erst die ungeheueren Preissteigerungen ermessen. Kornbrot kam nur selten auf den Tisch der reichen Leute; arme mußten ihren Hunger mit einem Gebäck aus gemahlenen Eicheln, Leinsamen und Rüben- schnitzeln stillen. Kleienbrot galt für einen Leckerbissen. In Grünberg kostete ein Achtel Kleie 100 st., eine halbe Meste Mehl 60 st. Die Teuerung nahm gegm Frühjahr 1637 so zu, daß man Hundes — 263 — Katzen, _ Mause uni» Ratten verzehrte. Mit Laub, Gras unb Leder stillte man seinen Hunger; für eine Maus zahlte mau » ft- Scharenweise folgten die armen Leute dem Karren des Schinders, wenn er ein gefallenes Stück Vieh hinausfuhr, um ein Stück Fleisch von dem verendeten Tier zu erhalten, wobei es oft blutige Köpfe gab. Eine alte Nachricht berichtet: „Da starb Joh. Velten Beplern dem Müller ein Schwein, die armen Leute, so umb den Müller her lagen, schunden es und aßen das Fleisch." 1636 ließ der Kaiserliche Oberfeldherr v. Gallas alle Früchte in den Maiugegenden abmäheu und verkaufen, „so daß eing große Not entstand". In den Lahngegenden vernichteten die Mäuseplage und das überhand nehmende Wild den größten Teil der Ernte. Man prägte schlechte Münzen und bezahlte damit die Soldaten. Dadurch stieg der Wert echter Geldsorten. Ein Talerstück — 1 fl. 45 Kr. stieg im Wert bis auf 10 fl. Und doch war damals die Not in Gießen noch glicht so groß, wie in den Umliegender! Ortschaften, lveil Landgraf Georg in der Stadt große Magazine hatte errichten lasseil, um der äußersten Not zu steuern. ,Blanche Dörfer standen leer. Der Bauer nahm Kriegsdienste, die ihm einen leichteren Unterhalt sicherten. Viele Landleute flüchteten nach Gießen; andere suchten Rettung in den Wäldern und dem Gebirge. Das Feld blieb nieist unbestellt. Da es an Zugtieren fehlte/(spannten sich die Leute zusammen, .um das Feld zu pflügen. War schon die Teuerung eine schwere Heimsuchung für die Bewohner der Stadt, so sollten sie noch schlimmere Tage erleben, als bald nach Pfingsten 1628 die Pest ausbrach. Die Verstorbenen wurden auf einem Karren hinausgcfahren und meist phne Sang und Klang eingescharrt. Das verstorbene Gesinde wurde durch den „Bettelvogt" hinansgeschafft. Während im Jahre 1614 93 Personen starben, zählte man im Jähre 1628 127 Verstör - bene, darunter 61 an der Pest. jJn dem Sterberegister der hiesigen evangelischen Kirchengemeinde heißt „Am 29. Juli 1628 ist Heinrich Müller Seligen seine tochter an der best gestorben und halt sie gestanden biß auf den 12. Augusts, da ist wieder ein Kind auß Heinrich Müllers haust gestorben und den 13. tag Augusts ist das Kind des morgens fru hinauhgetragen worden ohne sang und Klang vnd auch den Ib.Augusti die magt auß dem haust des morgens fru der Bettel Vogt mitt sein Karr» hinaus; gefhurt. den 15. Aug. Friedrich Brücksten (Brück) sein Fraue auch hinauß gefhurt aber mit sang und Klang und gepredigt. — Lnrbstmon (Sept.) 8. auß Mag. (Magister) Hagen haust Zwo magt rvar einer der höchstge-legeneu Pfarrhöse in ganz Norwegen, dieser einsame! Hof von Kvikne, auf dem fein Vater als Seelsorger! waltete! Alt der Grenze des ewigen Schnees, in der rauhen starken Gebirgsluft entfaltete sich das erste Sinnen und Träumen des Dichters; ernst und großartig grüßte ihn das Nur selten' von! spärlichem Gras bewachsene; meist in Schnee und Eis starrend« Fjeld, grüßten ihn die himmelanstrebenden Berge. Ein Hund, eine! Katze und ein Schwein' waren seine frühesten Spielkameraden. Und wie wenn die Gewalt großer Gegensätze sogleich fest in ihm eingeprägt werden sollte, ward er mit sechs Jahren aus dieser grandiosen Statur in ein liebliches Tal verpflanzt, als' der Vater nach Nässet int schönen Roms dal versetzt wurde. Ties' Tal ist eins der herrlichsten, üppigsten und fruchtbarsten Norwegens. Ter reichbelebte Pfarrhvf, wie Björuson in glücklicher Erinnerung! schrieb, „einer der schönsten Höfe int Lande, wie er so mit breiter Brust zwischen zwei sich begegnenden Meerbusen liegt, mit grünen! Bergen über sich, Wasserstürzen und Bauernhöfen' auf dem- entgegengesetzten' Strand, wogenden Feldern und Leben auf dem Tal» bvden". Auch späterhin in Molde, toö er die Schule besuchte, war er im herrlichsten Teil Norwegens. In Moldes Armen-, so bekennt eins seiner schönstjen Gedichte, in seiner großen Abendröte, dort, wo die- Gedanken erwachten, da will er, wenn einst der letzte Pulsschlag klopft, daß sie auch sterben mögen. So schlossen sich in Biörnfvns Jugendetudrücken die großen Kontraste der heimischen Landschaft früh zur Einheit zusammen und diese Natur» Visionen würden ihm belebt durch die echt volkstümliche unb ehrwürdig stolze Häuslichkeit seiner Eltern. Ein uraltes' Geschlecht Waren di« Björne; von den alten' StaMmesWnigen leiteten fiel ihren Ursprung her und rühmten sich, einmal die ersten im Londe gewesen zu sein. Irr einem Gedicht an seine Ettern erzählt Björnson von bem großen Schatz, den! seine Dichtung aus dem Vaterhauso geschöpft: „Will unser Volk einst recht verstehn / Tas Bild des Heims, wie es in meiner Dichtung liegt, / Des Glaubens und der Liebe sttllen Ruhm, / Tann soll's dafür Euch lieben. / Wenn Norwegens Bauer, wie ich ihn heraufbeschwsr / Auch des Kirchspiels Arbeit oder der Saga Zeilen / Einst in der Erinnerung leben wird — da auch du Vater: / Indem ich dich liebte, war er vs, den ich ahnte. / Und wenn die Frau, di« ich schreiten ließ / Jin Svnnenglanz des Glaubens — und mit ehrbarem Sinn / Von Frauen anerkannt wird, da könnte es wohl sein, / Daß fie meine herzensgute Mutter anerkennen." Diese Verse, die Prof. Kahle in seinem hübschem Buch über bi« nordischen großen Dichter ansührt, tässen erfennen, wie tief deS Dichters Weset» in seinem Geschlecht und in seiner Familie wurzelt. Der Glaube an Vererbung ist stark in ihm und spielt in! seinen Dichtungen eine große Rolle. Solche Mrstellungen traten schon bem Kinde vor Augen, denn' der Vater hatte ihn nicht, wie cs Sitte war, nach dem Großvater' Björn genannt, sondern zu diesem Namen noch ein segenbringendes „Stern" gefügt; der Großvater hatte nämlich im Lebert „nicht das Glück mit sich gehabt" und nun fürchtete man nach uraltem Aberglauben, daß mit dem Namen! zugleich auch bi« Eigenschaften und das Schicksal des Verstorbenen auf den neuen Träger übergehen toteben. Als der Siebzehnjährige auf eine „Stubentenfa'brik" nach Christiania geschickt wurde, luo er mit Ibsen die gleiche Schulbank drückte, da hatten sich diese Kindheiterlebnisse bereit# zu festen Forderungen und Plänen ge- rtältet. Er trat mit seiner starken Leidenschaftlichkeit in die Kreise der Romantiker ein, die damals die verschütteten Quellen der Vvlkspoesie wieder ans Licht brachten; er entfaltete als Theater- kritiler im heftigen Kampf eine einflußreiche Tätigkeit und scheute! auch vor Theaterskauda'len nicht zurück, um die Herrschaft der Dänen auf der norwegischen Bühne zu brechen. Er wollte ein norwegisches Drama, eine norwegische Schauspielkunst und norwegische Künstler. Er hatte bereits eilt Stück beim1 Theater in Christtaniw eingereicht und sich auch sollst dichterisch versucht. Aber zum eigentlichen Dichter wurde er erst; als er 1856 an dem Zngl der norwegischen Studenten z« denk skandinavischen VerbrüberunyÄ- fest in Upsala teilnahm. Tie begeisternden, farbenreichen Ein?- drücke dieses Festes, bie> in der leidenschaftlichen Vereinigung einer zukunftsfrohen Jugend die große Vergangenheit aufleben und eine; neu« Zeit ahnen ließen', weckten in ihm alles zum Leben, waÄ in ihm vorher dumpf geschlümmert. Wie er selbst in einem Er- innernngsaufsah geschildert, kam er hier zur Klarheit über feinen] poetischen Beruf. Ein besonderes Erlebnis trat hinzu. Als er so voller Dichtersehnsucht in dem Stnbentenzuge mitmarschierte, durch die grüßende, wehende, btttmenwerfende Menge hindurch, da trat Plötzlich ein jmrgvs Mädchen auf ihn zu und reichte ihm einest 264 LorbserkmUz. Wie eine Vision fdjieit es ihm, durch die Kraft seiner heimlichen Gedanken ins Sonnenlicht gerufen, um ihn zu krönen. Ter Genins des Volkes ftanb vor ihm und rief ihn zu seiner dichterischen Sendung auf für Vaterland, Volk und Recht. Es mußte ja eine höhere Macht sein, tote sie zu ihm unter huUder «N seiner Landsleute getrieben. Er setzte den Kranz aufs Haupt, ganz sicher, so tote wenn er ihm im Traum gereicht morden wäre und er ihn nun erwachend beglückt in den Händen hielte. Der Sinn seines ganzen bisherigen Lebens schien ihm in tiefem einen Ungenblick beschlossen: er 'wurde sich seines Genies und seiner Pflicht bewußt. Nun war kein Schwanken und Zaudern mehr. „■3d) packte ein, reiste heim, erdachte, schrieb und vollendete „Mellem Slagene" (Mischen den Schlachten) in 14 Tagen, reiste darauf mit dem fertigen Stück nach Kopenhagen — ich wollte Dichter werden!" Dies erste Drama und die Kalo darauf er-- scheinMden ersten Bauernnovellcn machten Björnfvn mit einem Schlag berühmt und schufen ihm feine Stellung als Dichter. öermi fcbte*». * Das Ende des „denaturiert en" Spiritus. So wäre denn endlich dem „denaturierten" Spiritus der Garaus gemacht — reichsgesetzlich und amtlich ivenigsleus. Das im Reichsschatzamt bearbeitete Branntweinsteuergeseß uom 15. Juli 1909 bat mit dem „Denaturieren" gründlich auigeräumt. Nur da, wo das neue deutsche Wort zum erstenmal erscheint, hat man dem alten Fremdling zur Erläuterung noch ein Plätzchen in der Klammer gelassen. Tas ist im § 21: „Tie Vergällung (Denaturterungi des Branntweins erfolgt unter amtlicher Ueberwachung." Damir ist aber sein Urteil gesprochen. Tie werteren Beslimnrungen des umfangreichen Gesetzes kennen nur noch vergällten Branntwein^ acker Art, „vocksländrg vergällten" und „unvollständig vergällten", treffen weiterhin Vorschriften über die „Ber- gäklungspflicht usw. usw. — In erfreulicher Ueberetnftimmuug damit befindet sich eine unlängst ergangene Verfügung deS preutzischeir Justizministeriums über die Verwertung ein- gezoge,rer Weine, die kimflig auch nicht mehr „denaturiert" werden; vielmehr „sind Traubenmost, Weine, welnähnllche Getränke, Schaumwein und Kognak, die nicht in den Verkehr gebracht werden dürfen, zu vergällen .... Die Vergällung erfolgt durch Zusatz von . . . ." — So wäre denn dank dem guten Sprachgefühl deutscher Behörden alles „Denaturieren" glücklich beseitigt. Aber freilich — so meint die Zeiiichrift des Allgemeinen deutschen Sprachvereins — unser fremdwortfroher lieber deutscher Michel wird sich an das „Vergällen" noch lange nicht gewöhnen, vielmehr, wie stets in ähnlichen Fällen, in seiner alten „denaturierten" Flüssigkeit behaglich weiter schwelgen. * Zur Kalenderänderung. Die heute angestrebte Kalenderänderung und namentlich die Festlegung des Osterfestes war schon zur Zeit der Reformation als dringende Forderung aufgestellt. In seiner Schrift „Von den Konzilien und Kirchen" spricht sich Luther über die Kalenderfrage dahin aus, daß sie eener gründlichen Reform bedürfe. Aber dies solle niemand tun als die Hohen Majestäten, Kaiser und Könige, denen es.aber an Willen fehle; denn es bedürfe nur einzig und allein eines Ausschreibens und Gebotes, da alles Erforderliche bereits von den Astronomen vorgearbeitet sei. Aber einmütig und gleichzeitig müßte» die Majestäten vorgehen, da sonst wüste Zerrüttung und Verwirrung in allen weltlichen Dingen eintreten werde. Die ganze Kalendersache, das Osterfest mit einbegriffen, habe mit dem Glauben nichts zu schaffen, daher seine Verbesserung ausschließlich Sache der weltlichen Obrigkeit sei. Das Osterfest anlangend, das er als „Schückelfest" bezeichnet, hält er es für das Beste, daß es wie das Weihnachtsfest und andere hohe Feste -nach dem Sonnenlauf gerechnet und auf einen bestimmten Monatstag festgesetzt werde. Bei der bestehenden Osterregel sei nach dem bekannten biblischen Gleichnisse ein alter Rock mit einem neuen Tuchlappe» geflickt, wodurch seine Risse immer ärger würden Der alte Rock sei die Beibehaltung eines Stückes vom Gesetze Mosis (Frühlmgsvollmond); darauf habe man einen neue» Lappen, den Sonntag nach diesem Frühlingsvollmond gesetzt, und daher kämme das ewige Schückeln des Festes und der ewige Hader, so daß der Bucher kein Maß und Ende sei. Wolle eg aber de» Potentaten nicht gefallen, eine Verordnung dagegen zu erlasse», so solle das Fest fortschückeln bis an den Jüngsten Tag^ habe der Rock 1400 Jahre gehalten, so werde er auch noch weiter halten. Die Reform, tote sie Luther verlangt hatte, brachte der Gregorianische Kalender nicht, und nur aus Zweckmäßigkeits- gründen haben sich die Protestaitten zur Annahme des Kalenders ^schlossen, weil vorläufig etwas Besseres nicht zu haben war Für die damalige Reform erhob Kepler, ein guter Protestant' seme gewichtige Stimme: „Was treibt," ruft er aus, das Deutschland? Wie lange null es von der anderen Hälfte des Reichs getrennt bleiben? Seit 150 Jahren fordert die Astronomie die Verbesserung der Zeitrechnung. Wollen wir es verbieten? Worauf wollen wir warten? Bis etwa ein deus er machura dle evangelischen Magistrate erleuchtet? Wenn auch eine beflere Form erfunden wird, so kann sie nicht in Gang gebracht werde», ohne Unordnung zu verursache», nachdem diese nun euunal l» Uebung ist. Für die nächsten Jahrhunderte ist sie hinreichend, für die entfernteren wollen wir nicht sorgen." Wenn auch, wie die „Köln. Ztg." schreibt, dank dem Eingreifen Friedrichs des Großen im Jahre 1775 die Protestanten die letzte Abweichung vom Gregorianischen Kalender, die in einer verschiedenen Berechnung des Osterfestes bestand, — 1714 habe» die Protestanten schon acht Tage früher als die Katholiken gefeiert — nnfgegeben; haben, so besteht das Osterfest immer noch als „Schückelfest" fort. Wenn nun die Festlegung des Ostertermins auch eine wirkliche Verbesserung brächte, so toäre es doch nur wieder ein ueiteu Lappen für das alte Kleid; die Arbeit, die Kepler den „ent? fernteren Jahrhunderten" übertragen hat, wird am besten getan, wenn der Kalender gleich in ein ganz neues Kleid gesteckt wird. * Die Cavalieri alsSchönheitspriesterin. Lina Cavalieri, die bekannte Sängerin und berühmte Schönheit, ist in Paris eingetroffen, aber in amerikanischen Blättern erscheine»! immer noch ihre Aufsätze^ in denen sie demLeserinnen die kleinsten Handgriffe verrät, die man braucht, um ixe Kunst >zu beherrschen, schön zu sein. Schon 65 Artikel hat sie veröffentlicht über diese Kämst, schön zu sein, und vor allem über die Kunst, Schönherh zu bewahren. In einem der letzten führt sie aus, daß die zwei ersten Sommermonate die.günstigsten für die weibliche Schönheit seien: „der April ist der beste Freund der Schönheit". Was muß man tun, um die Spuren der anstrengenden Wintermonat« zu verwischen? Vor allen Dingen viel marschieren und zwar morgens, am besten bei Regenwctter. Man muß ein rechtes! Sturmkleid haben, um den Lannen des April zu trotzen: natürlich warme Kleidung, wollene Gamaschen, warme Lederhandschuhe, die auch die Fesseln schützen, aber: um keinen Preis einen Schleier, um keinen Preis einen Regenschirm. Und rasch muß man gehen, nicht stehen bleiben, nicht schlendern. Wenn man 5, 6, 7 oder 8 Kilometer marschiert ist, dann nach Hause und ein heißes Bad! Darauf folgt eine energische Abreibung, worauf man schleunigst wieder warme Kleidung anlegt. Dis vom, Regen genäßte» Haare werden mit einem Tuche abgerieben, dabei massiert man mit den Fingerspitzen auch die Kopfhaut. Wer auf dem Lande lebt, macht den Spaziergang im Regers am besten mit offenen Haare». Regenwasser ist überhaupt ein wichtiges Schönheitsmittel; wo man es nicht natürlich erlangt, sollte man eS wenigstens in Flaschen sich zu verschaffen suck-cir. Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Vorschriften der Cavalieri., Die schöne Sängerin, so bemerkt dazu ein Pariser Blatt, ist wirklich ein Vorbild der Anmut, der Gesundheit! und der weiblichen Schönheit, aber einstweilen beweist nichts, daß sie ihre spartanisch strengen Gebote auch selbst erfüllt . . . "Tiere, die rauchen. Die Tiere, so plaudern Nos Loisirs, sind wie die Menschen: wenn man sie bei ihren Schwächen packt, kann man alles mit ihnen machen. Es wird viele überraschen, zu hören, daß das Kamel und das Dromedar eine besondere Vorliebe für den Duft von Tabak haben, sie sind leidenschaftliche Raucher. Wenn sie erst die ein wenig narkotisierende Wirkung des Tabaks spüren, sind sie fügsam und gelehrig. In Nordafrika kennen die Eingeborenen die Schwäche diw Kamele sehr gut und wissen sie auch klug auszunützen. Die Kamelführer, die mit ihren Tieren weite Strecken zurücklegen müs,en, benutzen einfach den Tabak, um renitente Tiere gehorsam und ge- ügig zu machen. Sie besitzen dazu ein besonderes Gerät, eine Art kleines dreieckiges Brett, in dessen Mitte sich eine kleine Oeffnung befindet. Das dreieckige Brettchen wird am Maule des Kameles befestigt, man entzündet die Zigarre und steckt sie dann in die kleine Oeffnung des Brettes. Das Kamel begiimt dann zu rauchen; es stößt den Rauch durch die Nase wieder aus und zeigt dabei alle Zeichen vollkommenen Wohlbehagens. Es ist ein merkwürdiger Anblick, zu beobachten, wie die mächtigen Tiere dabei mit der genießerischen Ruhe eines Kenners die Augen schließen und rauchen, bis die Zigarre zu Ende ist. Das dauert freilich nicht lange, denn das Kamel hat einen „guten Zug" und raucht eine Zigarre in wenigen Minuten auf. * Im Dusel. Bauer (auf dem Heimwege zum ander», der wchttg angezecht und statt über de» Steg zu gehen durch den Bach watet): „Ja, was fallt dir ein?" — Der andere: „Ja, nietnft i bin a Seiltänzer, daß i übern Steg geh' •" Z..g D.r J.t'. U. .i ErgiinzrmgSrittsel. t.ü.e d.n.l. S..t. ..ch .f. d.s .eb.n, > v.. B..d d.ch .ii. b,v Sch.,t.n, a. L. ch. . u h. b . n l Auflösung in nächster Nummer» Auflösung der Charade in voriger Nummer: Buschwindröschen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße».