Donnerstag den 25. August mo B «Bf Das schlafende Heer. Roman von Clara Viebig. ^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Mit einer trostlosen Frage irrte Valentins Wick über das weite Land — was trennte ihn denn noch von ihr? Ach nichts, gar nichts, es war ja nur seine eigne Dummheit, dre ihn quälte! Konnte man wohl eine bessere, eine schönere Frau finden? Und war's nicht auch schön hier in Polen? Auch in Polen ließ sich's leben, so gut wie am' Rhein. „Valentin, Valentin Bräuer," sagte er zu sich selber und gab sich mit der flachen Hand einen Schlag vor die Stirn, „sei doch nit eso dumm!" Und mit einem plötzlichen Entschluß nahte er seinem jungen Weibe leise von hinten und drückte ihr einen Kuß auf die Schulter. -Sie schrie auf. „Psia krew, was für ein Frecher!" Aber dann lachte sie unbändig: ach, der Walek war's! Der küßte ja die Schulter, wie einer von hierzuland! „Da — da — auch den Kleiderärmel!" Sie hielt ihm ihren Ellbogen hin. Und: „Da — da auch: „padam do nog"!" „Laßt doch die Dummheiten," sagt Vater Bräuer. Es ärgerte ihn, daß der Junge sich so zum Narren halten ließ. -„Gebt dat doch auf," brummte er. Aber die Schwiegertochter lachte: „Wenn er doch will!" Und Valentin an der Hand fassend, zog sie ihn mit fW ein wenig abseits von den andern und fiel ihm da, gedeckt von einem strauchartigen Holzbirnbaum, der am Grabenrand stand, um deu Hals. „Walek, mein Lieber, o du meine Seele, komm, küsse mich!" So liebeheiß war sie lange nicht gewesen. Es durchrieselte den jungen Mann Ivie ein Feuer. Ach, wenn er nur erst Vater wäre, wenn sie nur erst einen kleinen Jungen kriegten oder ein kleines Mädchen, gleichviel, nur ein Kind, dann würden sie sich doch ganz anders verstehen! Eilt Licht ging ihm plötzlich auf am grauen Horizont, eine Hoffnung, leuchtend wie die Sonne: ein Kind, ein Kind mußten sie nur erst haben! Wenn das in der Wiege lag, dann war alles, alles gut! Zärtlich seine Fran an der Hand behaltend, ging er Mit ihr auf die Kapelle zu. —' Dort war der Ablaß, in vollem Gang. Vikar Gorka, Unterstützt von dem Geistlichen eines Nachbardorfes, versah den Dienst. Er sah blaß und erschöpft aus; die Anstrengung war sehr groß. Die Bräuers zogen auch um den kleinen Altar, von dem die schwarze Muttergottes herunter sah, in der Reihe imit den anderen, feierlichen Schrittes. Nun hatten sie auch gebetet und geopfert und dann den Ablaß bekommen tvie die andern. jNun wollten sie auch noch aus der als wundertätig geltenden Quelle schöpfen; es waren ihrer viele da, die daran glaubten. Müde und vom Staub des Ackers entzündete Lider hatten sie alle, und ein paar Greise bückten und bückten sich immer wieder und bespülten mit der hohlen Hand lange und unablässig ihre erloschenen Augensterne. Stasia, die drinnen in der Kapelle ein Gesicht gemacht hatte, fromm wie das Madonnenbild selber, war hier außen übermütig lustig. Auf den sprossenden Rasen hatte sie sich niedergesetzt. |D, sie hatte es nicht nötig, sich die Augen zu waschen! Sie schöpfte nur zum Trinken und spritzte dann ihrem Manu vom Wasser ins Gesicht: „Auf daß du sehest!" Er naschte sich lachend mit dem Rockärmel die Tropfen ab, die ihm vom reichlichen Guß über Stirn und Lider rannen. Als er wieder schauen konnte, sah er plötzlich Pan Szulc stehen, — zum Donnerwetter, hatte der sich doch eingefunden?! , Wer Inspektor schloß sich den Bräuers an; auf deM Nachhauseweg ging er mit Stasia. Vergebens suchte Valentin bei ihnen zu bleiben — bald waren sie weit vor, bald allein zurück —, er wußte sich's nicht zu erklären, tote es zugehen konnte, daß sie ihm immer toieder entschlüpften. Zuletzt gab er's auf und ging allein., Er ließ deck Kops auf die Brust hängen und brütete vor sich hin. Vor ihm her gingen Vater und Mutter und führten das Settchen in der Mitte; andächtig gingen sie alle drei und sprachen wenig. Frau Kettchen betete jetzt nicht mehr den Rosenkranz tote auf dem Hinweg, aber es war gewtß, daß sie noch in ihrem Innern betete; ihr Blick war fromm. Warum war Stasia nicht auch so? Der junge Bräu erhörte das Kichern seiner Frau hinter sich. Warum war die nicht auch so? Ach, daß sie doch der andern da mehr gliche! Valentin hatte seine Stiefmutter immer herzlich geru gehabt, aber heute, jetzt auf einmal hatte er noch ein andres Gefühl für sie. Es trieb ihn, die Vorangehenden mit ein paar hastigen Tritten einzuholen und dann neben Frau K'ettcheu ein Weilchen herzuschreiten. Als kleiner Junge hatte er sich gern der Stiefmutter an den Rock gehangen, nun drängte es ihn wieder, ihr Kleid zu berühreu. Wie in Ehrfurcht streifte seine Hand darüber hin. „Mutter," sagte er leise, „gute Mütter!" Und daun ging er wieder ganz allein chinten nach, bis sie nach Pociecha-Dorf kamen. Hier zupfte ihn Stasra! am Rockschoß. Droben beim Ablaß hätte sie eine der sauren Gurken haben Müssen, die das schmutzige Weib an der Kapellentür feilbot, und von dem Krüppel auf der andern Sette, der Heringe anshökerte, hatte sie auch gekauft und den Fisch verzehrt, aus der Salzlake heraus, wie alle taten; jetzt wollte sie auch tanzen in Pociecha-Dorf. Heute, heilte wollte sie tanzen, in der Fastenzeit?! War sie toll?! Valentin faßte nach ihrem Kleid. Sie machte sich los. Taten das denn nicht alle, und. war sie's nicht gewohnt so, immer, an jedem Ablaßtag? So. war es Mariä Verkündigung, so Mariä Kräutertoech, so Mariä Geburt. Wer hieß denn diesmal den Ablaß f» unglücklich gerade in die großen Fasten fallen? — 526 — 18. Bas Deutschauer Herrenhaus lag ganz still. Seine Läden Waren geschloffen, man sah lein Licht mehr, nur ton Hostor flackerte trübe die Laterne; Frau Helens WM noch ÄM Non der Fährt nach der Eisenbahn Wrüch, Ihre Augen blitzten, sie wurde ganz rot, als thr Mann Verneinend den Mops schüttelte. „So geh du doch nach Hause, geh nur," drängte sie. ,,, Ein rascher Blick des Einverständnisses war zwischen ihr und Pan Szulc hin und her geflogen, unmerklich fast; sie zwinkerten nicht, sie stießen sich nicht an, sie sagten kem Wort, und sie verstanden sich doch. Valentin sah den Blick. Und plötzlich frel ihm etwas von den Augen — hatte das gepriesene Wasser der Quelle so rasch ein Wunder gewirkt?! — er sah, sah, tote Man bei einem Blitzstrahl sieht, der durch schwarze Nacht fährt. Sah und fühlte mit einem Schmerz, der ihm gleich ernem ohnmächtig machenden Stich durch Leib und Seele ging, die Hoffnungssonne wieder sinken, die er vorhin am Hort- e' wie eine goldene Kugel hatte emporsteigen sehen. ts, nichts, auch ein Kind nicht, konnte ihm helfen! — Aus dem Krug bei Eiweih summten Tanzmelodren; Pratsche und Geige, Dudelsack und Horn mußten an der Wand hängen bis nach Ostern, aber man durfte wenig- Mle^^blaßgänger traten ein in die Schenke. „Das Mädel ist mein. Das Mädel ist mein — Im Kops schwarze Augen, So wie rch, so wie ich! Das Mädel ist mein, Das Mädel ist mein — Am Schuh gold'ne Schnallen, So wie ich, so wie ich! Das Mädel ist mein. Das Mädel ist mein — Im Sack keinen Groschen- So wie ich, so wie ich!" sang ein Bursche, der aus dem Krugfenffer yerauslehnte Und winkte die lachenden Mädchen herein. Pan .Szulc summte mit, auch Stasia summte: „So wie ich, so wie ich!" Unruhig trippelte sie, sie konnte die Füße nicht mehr ruhig halten, ihre Hand fingerte nach des Partners Hand. Da stieß ,Valentin heraus, mit einer verzweifelten Anstrengung, feiner brechenden Stimme Trotz zu verleihen: „So bleib du, bleih du! Ich geh' nach Haus!" * Der Ab laß tag, der grau verhängen über die schwach begrünte Ebene gegangen, war zum schwarzen Abend geworden. Schwer lastete sich ballendes Nachtgewölk. Die Fenster von Eljäkim Hirsch, die erst wie helle Sterne gestrählt hatten, waren jäh dunkel geworden. Man hatte zum guten Glück sich noch der österlichen Zeit erinnert: wie würde der Herr Vikar sonst schelten, wenn er's erfuhr, daß Man der Fasten so wenig geachtet?! Wie konnte map auch der Leiden 'Christi so wenig gedenken?! Tanzen — das war heut, selbst am Ablaßfest, eine Sünde, die sich nicht gut machen ließ durch hundert Rosenkränze. Rasch waren hie Lichter gelöscht worden; nun saß man fast im Dunklen, bloß ein ganz erbärmliches Lämpchen überm Schenktisch warf ein wenig Schein. Aber die Dunkelheit hinderte nicht, daß man im Krug sitzen blieb und, da man nicht tanzen durfte, desto eifriger trank. Stasia war erst sehr enttäuscht, daß es zu keinem Danze kam. Wie lange, ach, wie lange — sollte man es glauben? seit sie verheiratet war, hatte sie nicht mehr getanzt! Und sie Hub an, sich bitterlich zu beklagen: nein, glücklich war sie nicht, der Valentin war ein ganz guter Mensch, aber, ach, hätte der eine Ahnung davon, was sie brauchte?! Nein, keine Ahnung! Und sie warf sich Pan Szulc an die Brust, schläng die Arme um seinen Hals und küßte ihn leidenschaftlich. Sie waren allein in dem Keinen sogenannten Herren- stübchen, das EljakiM neben dem größeren Wirtszimmer hätte. Mit einem Schmunzeln hatte er sie gleich da hineingewiesen. Nun ging Pan Szulc und drückte leise die Tür zu, die bis jetzt nach der Wirtsstube offen gestanden hätte. Der alte Hoppe hätte sich in seinem Stübchen im Seiten!--, slügel schon zu Bett gelegt, — warum sollte er noch so! einsam aufsitzen? Morgen mußte er so wie so doppelt rüh heraus, da der Baron in Berlin wär und er allein ür alles aufzukommen hatte. Nun, aufkommen würde er chon, hätte der Gutsherr sich doch in letzter Zeit so tote so nicht viel um die Wirtschaft gekümmert. Merkwürdig, wie zerstreut der Herr jetzt oft war, ganz wie abwesend! Seit der Geschichte mit dem Plakat an der Katarhnka war er. förmlich verstört. Wenn er nun erst gar wüßte, tote'otcte solcher Plakate sein Inspektor mit der Zeit gefunden hatte! Gewiß an die zwanzig. An dieser Scheune und an jener/ am Stall, am Speicher, sogar an der Haustür, überall auf dem Gehöft. Und letzthin hatte es auch außen an der Hof- mauer gestanden. Mit großen Kreidebuchstaben, so recht jedermann sichtbar: , „Hakatist! Schwein! Schächer! Hundeblut! Immer waren es die gemeinsten Schmähungen, und imMer war es ungefähr derselbe Wortlaut. In der. Tat/ wenn das einer immer und immer wieder zu hören kriegte/ konnte er schon närrisch darüber werden! Der Inspektor, bereits im Begriff, sich niederzulegew/ wär noch einmal an seine Kommode gegangen. Dort verwahrte er in einem alten Zigarrenkästchen, in wohlverschlossenem Schub, die schmähenden Zettel. Jetzt sah er sie noch einmal durch: pfui, pfui, pfui! Aber dann kam thm der Gedanke: wie mußte man die Seele eines Menschen erbittert haben, daß der solches schrieb?! Wer jener arme Kerl wohl sein mochte? Ein Mitleid überkam ihn mrt diesem, fast mehr als mit dem Niemczhcer. Wer — warum nachforschen?! Der Niemczhcer ivar zu hochmütig, um stch darum zu kümmern, und ihn, den Inspektor, was ging's ihn denn eigentlich an? Er tat genug, wenn er bte Insulten am frühen Morgen auf seinem ersten Rundgang/ wenn noch alles schlief, absammelte und seinem Herrn so den Aerger aus den Augen räumte. Was seit Generationen am Volke gesündigt ist, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Nun traf die Rache einen, der vrelleicht besseren Willen hatte; aber gerade den traf's doppelt hart! Der alte Inspektor schüttelte den Kopf, als er müde vom Tage in fein Bett kroch: im Grunde waren fich die Herren doch alle egal, da war nicht viel zu erhoffen! Eins neue Generation mußte erst kommen, um ein Volk zu erziehen, das jetzt noch tote ein kleines Kind in Windeln war. „Unser Vater im Himmel," murmelte der alte Mann und faltete die arbeitsharten Hände über der Brust, „der du deine Könne scheinen läßt oben auf den Lysa Gora und ebensogut unten auf den Luch iM Feld, willst du uns nicht einen schicken, der da weiß, tote man säen muß, um Frieden zu ernten? Amen!" Mit diesem schlief er ein. Er hätte schon ganz fest geschlafen, als ihn ein Schrei weckte. Ein johlender Schrei war's, tote er schon einmal hier erllungen war ton Abend! des Erntefestes — ein trunkenes Gröhlen sinnloser Freude. Aus dem Pociechaer Krug hatte sich eine Schar itotfa gemacht. Es war ihnett zu langtoeilig geworden, zttsammen zu sitzen ohne Danz und Gesang. ’ Mit Johlen und Pfeifen strömten ste aus- der Schenke und trieben sich draußen herum. Dicht an der Propster trabten sie vorüber — wollten sie etwa wieder hin zum Lehrer Ruda?! O nein, der war ja jetzt brav! Somächten sie wieder Wehrt. Noch einmal ging's an der Propstei vorbei mit Lachen und Geschrei und mit Pfiffen, die durchs! Dunkel stiegen wie Alarmsignale. Wo wollten sie denn hin?! Das wußten sie selber nicht. Nach Hause natürlich nicht; da gab's kalte Stuben und! kein Fleisch im Topf. Jetzt wär's freilich noch Fastenzeit, aber zu Ostern würde auch kein Fleisch da fein, und das behagte ihnett schon lange nicht. ■ „Psia krew!" Sie ballten die Fäuste. Wohin Mit deM Aerger! Wohin denn nur? Fern schimmerten die Lichtchen von Pociecha-Ansiede-! lung. Ein Stern flimmerte Heller als die andern. He- da war ja auch! ein Krug ! Den Mußte Man mal probieren ! Und wenn etwa die Hhwabby sich breit darin gemacht haben sollten: „Schmeißt sie hinaus, die nichts cdn äM suchen haben!" In Hellen Haufen zvg Man züm deutschen Krug, (Fortsetzung folgt.) 527 Peter Seipels Glück. Vpst G. Zi tzer, Nieder-Eisenhausen. (Schluß.) Peter, der Unterdessen sein hölzernes Bein ganz gut hatte! gebrauchen lernen, humpelte denn auch richtig mit dem Rest seiner Ersparnisse zur Eisenbahn, fuhr nach Frankfurt und legte sich eine Drehorgel zu. Keine ordinäre Musikmühle, sondern — nach Aussage des Händlers — „ein erstklassiges Werk, ein Elite- snstrument von unübertroffener Güte und hervorragend stabilem Bau, mit Präzisionsmechanik und allen technischen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet". Das aus imitiertem Mahagoniholz hergestellte Gehäuse war mit wunderbaren Bildern geschmückt: Adam und Eva im Paradies, Siegfrieds Kampf mit dem Drachen stud Orpheus im Hades. Dazu in jeder Ecke einen fliegendes Engel, der mit unglaublich dicken Backen in die Posaune stieß. Diesem prächtigen Aeußern entsprach auch selbstverständlich die Leistung der Orgel/ Sie hätte beliebig auswechselbare Walzen Mit einem Spielplan, für jeden Geschmack passend. Peter schaute verstohlen in seinen Geldbeutel und begnügte sich vorläufig einmal mit zwei Stück. Nr. 1 nach der Meinung des freundlichen Verkäufers fürs bessere Publikum. Sie spielte den i,Brautinarsch aus Lohengrin", die „FreisMtz-Ouveriure" und ein Ragout aus der „Lustigen Witwe". Nr. 2, für ländliche Hörer berechnet, entlockte dem Pfeifenwerk das „Lied an den Mond", den Choral „Lobe den Herren" und die „Loreley". Der glückliche Besitzer zahlte, bekam zu seinem ungemessenen Erstaunen noch 10 Prozent Rabatt bewilligt und die Zusicherung, daß die Ware sofort, packungs- und spesenfrei, nach der gewünschten Bahnstation abgehen würde, wo sie pünktlich am folgenden Tage tintraf und vom Schreinerlui kunstgerecht auf das Untergestell eines ausgedienten Kinderwägelchens aufmontiert wurde. Auf diese Weise ist aus dein strammen Maurergesellen -in Invalider Drehorgelspieler geworden. Peter, durchaus nicht unmusikalisch, hätte die Kunst desOrgel- kpielens bald heraus. Man wende ja nicht ein, daß dazu kein vesonderes Talent gehöre, es ist noch lange nicht einerlei, wer die Kurbel in Bewegung setzt. Peter verstand es, Gefühl in seine Musik zu legen. Das mußte ihm jeder Kenner bestätigen. Leider waren der Verständigen zu wenig und die Banausen n der Mehrzahl. Er machte mit seinem Leierkasten die denkbar chlechtesten Geschäfte und lernte die Welt nun erst recht von ihrer chlimmen Seite kennen. Gleichviel, ob er sein Wirkungsfeld in >ie Hinterländer Dorfgassen oder frt die Straßen der größeren! Städte verlegte. Mitunter erwarb er tagsüber kaum das nötige Geld für Essen und Nachtquartier. Am besten ergings ihm noch, wenn in der Nähe seiner Heimat ein Krieger- -oder Sängerfest war. Dann opferten die Bekannten und früheren Arbeitskollegen gern einen Nickel und kauften ihm eine Ansichtspostkarte ab. Aber die Gelegenheit bot sich zu selten. Einmal — das war in Marburg gewesen — hatten sich zwei junge, vornehme Herren mit Schlapphüten auf den lockigen Haaren und wallenden Schleifen im Westenausschnitt mit lebhaftem Interesse den „Brautmarsch" angehört und, stehen bleibend, ein Eifriges Gespräch über Tonwerte, plastische Motive, harmonische iund theoretische Melodiebehandlung, Kolorit und dergleichen Zeug ängefangen, von dem der Peter kein Wort verstand. Schon hatte er, seinen Hut emporhaltend, sich äuf Ertrabatzen gefaßt gemacht, als sie bei Erörterung der Krage, ob die Drehorgel berufen sei, guch klassische Musik dem „Volke" zu vermitteln^ hart aneinander gerieten und mit den Armen fuchtelnd weitergingen, ohne einen toten Pfennig abzuladen. Damals hätte Peter am liebsten das ganze Orgelgeschäft aufgesteckt. Auf der Stelle packte er seinen Kram zusammen und Ährte die Leier an diesem Tage nicht wehr an. Wie die Gansbacher merkten, daß er so böse Erfahrungen Wachte, hielten sie nicht mit ihrer Weisheit hinter dem Berge !md erklärten: „Der Peter bett kein bische Glück, er därf oan- ange, was et will, es zieht schepp." Nun glaubte er's beinahe selbst. Geschah ihm übet recht, warum hatte er sich nicht beizeiten bei einem erfahrenen Mann md Praktiker erkundigt? Jetzt erst, wo der Karren im Dreck tak 'und ihm die Wässer der Trübsal bis an den Hals reichten, >egab er sich auf den Weg zum alten Gelbert. Vielleicht konnte! hur der mit einem guten Rat dienen und aus der Patsche helfen, Wer Willkomm, den er dort fand, war nicht gerade ermunternd. Etwa so, wie der ergraute Beamte a. D. seinen jungen Nachfolger im Dienst zu empfangen pflegt und dann erst austaut, Wenn jener seine Unerfahrenheit und Ratbedürftigkeit betont. „Kenn Wunder," brummte Vater Gelbert, nachdem ihm Peter seine Leidensgeschichte erzählt, „Do hättste gleich bei maich komme Müsse, alleweil weeßte, wn der alt Gelbert wohnt. Haha, wann det Ei gescheuter sein will wäi des Hinkel! — No, dann spiel Mol e Stückelche!" Peter fing gehorsam an zll drehen und leierte alles herunter, Was et auf der Wälze hatte. Seines Zuhörers Miene wurde Mit jeder Minute unzufriedener. Wiederholt spuckte er verächtlich auL r.Boubche," nahm er dann zur Kritik das Wort, „Diost kannst joa gastz echt aespiele, oawer Deist Orjel taugt nix, goarnaut. Aich will der's mol gesttmme, wann Dir's raicht ts." Er hätte nichts dagegen, erwiderte Peter. Darauf klappts Vater Gelbert mit geübter Hand den Deckel auf und „stimmte," mit Hilfe seines Taschenmessers einzelne Pfeifen, die er aufs Geradewohl herausgriff. Etlichen erweiterte er die Stimmritze, andere schnitt er oben einen Finger dick ab, da ihnen seiner! Meinung nach die richtige Mensur fehle. Einige erklärte er direkt für überflüssig, weshalb er sie einstweilen in die Tischschublade verschloß. Mit dem Stimmen fertig, holte er eine schäbige, zerschlissene Wachstuchdecke herbei und nagelte sie, ohne des Eigentümers verzweifelten Einspruch zu beachten, über das Paradies, die Unterwelt und die Drachenhöhle. „So," schmunzelte er dann, nachdem er sein grausames Werk vollendet, „alleweil wolle mer mol sehe, oab dp nit en ganz anner Musik rauskommt." Jawohl, eine ganz andere Musik, aber was für eine! Hundert wahnsinnige Katzen schienen in dem Kasten ihr Spiel zu treiben, ein Lied zum Steinerweichen. Am schlimmsten war das „Lied an den Mond" mitgenommen. Gelberts Brotmesser hatte dis große Quinte in eine übermäßige verwandelt, und die so unentbehrliche Terz war nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle entwich ein zischender Seufzer vorwurfsvoll bent beraubten Pfeisenbäukchem „Guter — pff — Pff — Pff - eh st so stille Durch die — pff — pff — Wolke-pff — hin. Deines — Pff — Pff — Pff - eifer Wille Hieß auf psf — pff-Bahn di-Pff — ziehst!" Der arme Peter sank vernichtet auf feinest Stuhl zurück.- Vater Gelbert zeigte sich nicht im mindesten gerührt. Er eröffnete dem so empfindlich Geschädigten, daß er bereit sei, jederzeit beit vollen Kaufpreis der Orgel zurückzuerstatten, nur müsse ihm Peter versprechen, einen vierzehntägigen Versuch zu machen, wahrscheinlich würde er ihm noch auf den Knieen danken. Peter, durch ine zuversichtliche Sprache des Alten eist wenig getröstet, versprach, das Wagnis zu unternehmen. Die Probe fiel über Erwarten glänzend aus. Seither hattest! ihn die Leute ungebührlich lange leiern lassen, ehe sie den Geldbeutel öffneten, nun brauchte er nur ein paar Umdrehungen zst vollführen, und sogleich schrie man entrüstet: „Pfui Deubel, macht, daß Ihr fortkommt!" Manche schimpften auch in stärkeres Ausdrücken, aber zahlen tat schließlich jeder. Wer so einest Jammerkasten mitschleppte, der mußte wirklich sehr bedürftig sein. Mitunter schenkte man ihm auch einen größeren Betrag, damch er sich bald ein neues Instrument anschaffen könne. Hatte mast ihn bis dahin für das Spielen nicht oder doch schlecht gelohnt, so schien man es sich nunmehr allenthalben in den Kopf gesetzt M haben, ihn für das Nichtspielen umso besser zu bedenken. „Eistä verkehrte Welt!" dachte Peter bei sich, indessen seine Bewunderung des großen Menschenkenners in Muckershausen von Ang zu Tag mit den wachsenden Einnahmen stieg. Die Not hatte nun ein Ende. Wenn das ine Amrei noch erlebt hätte! Aus seinen Ueberschüsfen ließ ihr der Peter einest so kostspieligen Grabstein setzen, daß man glauben konnte, die reichste Bauernfrau int Dorf sei darunter zur eiutgen Ruhe bestattet. Balzersch Woase, über diese Verschwendung empört, griff in ihren Sprüchwörtervorrat und erklärte jedem, der es hören wollte, wann der Bettelmann auf den Gaul käme, rette! er Leute stm. Auch seiner Dankespflicht gegen Vater Gelbert entledigte sich Peter, indem er ihm eine silberne Taschenuhr zuM Präsent überreichte. Dann wurde fleißig Geld auf dte hohe Kante gelegt. Jeden Monat mit Sicherheit em bescheidenes Sümmchen. , ,.L . r.. , .. „Ein Unglück kommt selten allem," heißt es, aber auch das Glück liebt die Gesellschaft. Wenigstens bei Peter war es so. Durch den Erfolg ermutigt, begann er allerlei Nebengeschäsle zst treiben, und was er anfing, geriet. So war er nicht einmal sonderlich verwundert, als ihm durch einen eingeschriebenen Brief eines schönen Tages die Mitteilung wurde, daß er in der Gießener Pferdelotterie mit einem Hauptgewinn herausgekommen sei auf ein Gratislos, das für den Vertrieb zehn anderer in feinen Besitz übergegangen war und ihn über Nacht zum Eigentümer von zwei stattlichen Braunen mit silberplattiertem Geschirr und einem eleganten Landauer dazu gemacht hatte. Die Gansbacher schlugen die Hande uberm Kopf zusammen Der Bürgermeister überlegte sofort, wie hoch man den Peter zup Kommunalsteuer heranziehen müsse. , , „Ei Du, ei Du!" verwunderten sie sich, „der Peter hett woahr- haftig mehr Glück wäi Verstand, weeß Gott, wer Glück hett, bent fein Geiß gibt das ganze Joahr die Milch und die Kaffees bohne dobei." . ,, „ , r .... Peter verkaufte fein Gespann so schnell und so gut wie möglich und erstand dafür einige jener Bilderbogen für große Kinder, die einem der Bankier in der Stadt herzlich gern über- läßt, sofern man die erforderliche Anzahl blanker Goldstücke auf den Zahltisch legen tarnt. Im übrigen blieb er ferner bisherigen Lebensweise und feiner Orgel treu, wahrend im Verhalten feiner! geschätzten Mitbürger ihm gegenüber ein bemerkenswerter Umschwung eintrat. Um einiges hervorzuheben, durfte er feststellen, daß man ihn jetzt vielfach „Herr Seipel" titulierte, daß die Schar seiner' Neider und versteckten Feinde M vermehrte M.d haß HaM- 528 iakobs Uennchen ein in bet unmittelbaren! Nähe seiner Wohnung gelegenes Stückchen Land, bas ihren Eltern gehörte und lahrelang nicht bebaut worben war, nunmehr mit eurem Fleiß bearb^tete,! ber M bem Ertragswert des steinigen Bodens auch nicht jtm entferntesten Verhältnis stand, wobei sie mehr m bte Hohe nach seinem Fenster als auf ihre Arbeit guckte. Unb, wenn sie sich einmal nieberbeugte, um einen Unkrautbuschel betnt ,^ü)sipst zu nehmen unb die Erde abzuschütteln, so tat sre das nach Art kotetter Dorfmäbchen mit steckensteifen Knieen. , Er aber blieb selbst für bte verheißungsvollsten Perspettiven unempfindlich, und bie gegenseitige Unterhaltung gedreh feinerlei« übet einen kurzen Gruß kaum hinaus. Das Aennchen lreß sich indes durch feine zur Schau getragene Kalte nicht ab schrecken. Eines Abends, als ^sie wieder einmal ihre Hacke vergessen hatte rückte sie dem verstockten Junggesellen mit gröberem Geschütz zu £ei6$eter, der beim Lampenschein den „Boten von der oberen -Lahw' studierte, war nicht wenig überrascht, feine hartnäckige Liebhaberin ins Zimmer treten zu sehen. , B „Ei Gnowend, Peter," grüßte sie Wit zuckersüßer Freundlichkeit. ' 'Groß' Dank, Aeunche, woas bringste Neues?" I Woas aich bringe? Goarnaut Peter, aich will dich emol besuche, mir sein doch immer gioute Freund gewest. „Doderwege brauchste doch mt in der Norcht ze komme, gab er ihr ablehnend zur Antwort, „aich will mich alleweil ich mein Bett lege." Doch sie ließ nicht locker. , , m „Woas meenste, Peter," nahm sw den willkommenen Anknüpfungspunkt auf und, sich so nahe an ihn heranpnrschend, daß er ihren heißen Atem spüren konnte, flüsterte sw ihm zu: „Woas Meenste, Peter, aich Müßt dir eens, doaß dir doderbel gern Gesellschaft leiste tüt?" r Da bog sich Peter weit in feinem Sessel zuruck und, ihr starr in bie Augen schauend, lächelte er sie an mit einem seltsame» Ausdruck um den schweigenben Mund, der die freche Dirne bis. ins Innerste erschauern und lautlos verschwinden ließ.. Es war genau dasselbe Lächeln, mit bem die Amrei sich von der Welt im allgemeinen und der Balzersch Woase im besonderen! verabschiedet hatte. , , , . , Das Uennchen hat sich ihm niemals mehr wieder zu nähern 8 1U Und das war Peter Seipels Glück, vermischtes. * „B inf e n iv a h r h e i t e n". Die Entstehung dieses heute viel- gebrauchten Wortes ist noch nicht mit Sicherheit nachgeiviesen. Wenn man Adolf Kußmaul glatiben darf, dem im Jahre 1902 verstorbenen berühmten Kliniker, wäre der Ausdruck auf eine in Alt- Heidelberg gangbare Redensart zurückzuführen. Er erzählt darüber in feinen „Jugenderiunerungen eines alten Arztes" folgendes: „Das Pfeifenrauchen erzeugte in Heidelberg auch einen besonderen Handelszweig, den Binsenhandel. Das durchaus notwendige, häufige Reinigen der Pfeifenrohre ließ sieh am besten mittels sogenannter Bullen ausführen. Man besorgte das garstige Geschäft ungern selbst und überließ es, wie auch das Aiiraucheii der Pfeifenköpfe, das ben Magen stark angreift, am liebsten den Herrendienern, von den Studenten Stiefelfüchse genannt, denen das Wichsen der Stiefel unb bas Putzen der Kleider oblag. Unter Binsen verstand man die langen und steifen Halme einer hohen Gras art, der Molinia coerula, die auf ben Berghalden um Heidelberg in Menge wachst. Mit eigentlichen Biiisen haben diese Gras- haliue wenig gemein. Den Handel damit betrieb ein Mensch von kretinifchem Aussehen, aber jpefulierenbem Sinn, der auf dem Schloßberg Haus unb Familie besaß. Er schnitt und sammelte die reifen Halme, trocknete sie vollends, band sie zu Büscheln, brachte und verkaufte sie den Pfeifenrciuchern in den Wirts- und Privathäusern. Er reiste sogar mit seiner Ware unb war an vielen deutschen Univerfitäteit als „Heidelberger Binsenbub" bekannt. Da er sich beschränkter stellte, als er war, so galt er bei den Musenföhnen für das Urbild geistiger Beschränktheit, und man nannte „Binsenwahrheiten" solche, die sogar der Binsenbub verstand. Der Ausdruck ist aus der Studentensprache in die Schriftsprache übergegangen, seine Herkunft dürfte vergessen sein." — Nach einer anderen Deutung soll die Redensart sehr viel älter (ein unb ihren Ursprung auf das lateinische Wort „nodum in scirpo quaerere“ (den Knoten sogar an der Binse snchen, d. h. Schwierigkeiten suchen, wo es keine gibt) zurückzusühren. Es gälte jedenfalls festzustellen, wann und wo das Wort in deutschen Druckwerken zuerst erschienen ist. * Der Fortschritt des Journalismus in China. Bisher hatten die Chinesen kein Abendblatt. Dem Mangel ist nunmehr abgeholfen: denn seit kurzem erscheint in Peking ein Abendblatt „Der Zeitungsbote". Das neue Blatt hat ein besonderes Merkmal: es ist ganz in rot gedruckt, der Lieblingsfarbe der Chinesen, die ihnen als glückverheißend gilt. Auch in der Art der Einführung der neuen Zeitung schließen sich die Chinesen dem abeud- ändischen Muster an, da der „Zeitungsbote" einen ganzen Monat ratis an die Bewohner von Peking verteilt wird, * Nsnes Voin Wachstum ber H aar e. In bet „Review of Physical Research" veröffentlicht Professor A. Wedgewoodf einige Ergebnisse feiner Forschungen über bas Wachstum der menschlichen Haare, bie von ben bisher für richtig gettenbenl Ansichten in manchen Punkten erheblich abweichen. Für das monatliche Wachstum der Kopfhaare nahm man einen Durck^ schnittswert von 30—35 Millimeter an, ber aber viel zu hoch gegriffen ist unb sich nur innerhalb ber Grenzen von 10—22 Millimeter bewegt. Auch in den verschiedenen Lebensaltern gestaltet sich bas Wachstum sehr verschieden. Es erreicht sein Maxi- mum in ber Zeit von der begiitnenben Pubertät bis zum 80. Lebensjahre, um von da an langsam abzunehmen Wedgewoods Untersuchungen bestätigen die oft aufgestellte Behlmptung, daß bas häufige Kurzschneiden ber Haare mit ber Maschine (Bürstenfrisur ä la bröbis) keineswegs ein schnelleres Wachstum begünstigt, sondern es vielmehr verzögert, in vielen Fällen aber ein Starker- to'Criben ber Haarschäfte herbeisuhrt. Besonders eigenartig gestaltet sich das Wachstum, wenn bie Haare sehr kurz geschnitten werden, insofern, als sich bie ganzen Haarkomplexe in Gruppen von jck 2—4 Haaren zerlegen lassen, bie hinsichtlich der Ernährung durch die! Blutgefäße unb Nerven miteinander in Verbindung sichen, so daß jeweils ein Haar ber Gruppe eine besonders schnelle Entwicklung zeigt, während die anderen im Wachstum zurückbleiben, worauf dann das schnelle Wachstum auf em anderes Haar über geht. Es befinden sich! dann auf dem Haarbodch mehrere Klassen von Haaren mit verschiedener Wachstumsenergie. Dies hat zur Folge (ba bie Haare nur eine bestimmte Lebens^ dauer haben), daß bie Haare einer einzelnen Gruppe nie sämtlich zu derselben Zeit ausfallen unb, abgesehen vom Haarausfall nach erschöpfenden Krankheiten, sich! Kahlköpfigkeit nur ganz allmählich einstellt. Zweifellos ist auch die Erstarkung der Haare unb bte Vermehrung ihrer Zahl bei anhaltendem reichlichem Genuß von Fleisch unb anderen Eiweißkörpern. * Die Seele des N e a n d e r t a l in e n s ch e i>. I in Anschluß an ihre Untersuchungen des Schädels des Diluvicllmenfchen von La Chapelle-aux-Saints haben die französischen Gelehrten M. Boule und M. Anthony eine Prüfung der Gehirnoberfläche dieses fossilen Ureuropäers vorgeitommen. Bekanntlich bilden sich die Gehirnwindungen auf der Jituenseite der Schädeldecke in der Weife ab, daß ein Abguß biefer Innenseite uns das Relief jener Windungen aufs getreueste ivicbergibt. So war es möglich, durch Bet» gleichnng der Hirnoberfläche unseres Paläolithikers mit denen des richtigen Reandertalschädels, der Menschenaffen und moderner Menschen verschiedeiter Rassen Schlüsse auf das geistige Inventar des Menschen von La Chapelle zu ziehen. Die Hirnphpsiologen sind einig hinsichtlich der Wichtigkeit, welche die vorderen Regionen ber Stirnlappen für bie seelischen Aeußerungen besitzen. Tie verhältnismäßige Entwicklung dieser Partien bringt unseren Urmenschen ganz in die Nähe der Menschenaffen und entfernt ihn von den Vertretern moderner, selbst niedrig stehender Rassen. Versucht man, nach ber Theorie von Flechsig bie Sinnessphären auf ber Hirnobe» fläcbe bes Menschen von La Chapelle von benjenigen zu trennen, bte ber Gebankenknüpsung bienen, so zeigt sich, baß die ersteren auf Kosten ber Assoziationszentren sehr entwickelt sinb. Trotz bes absoluten Volumens'ber weißen unb grauen Hirnsubstanz scheint also ber biltwiale Ureuroväer nur ein schivach entwickeltes Seelenleben geführt zu haben, was allerbings nach ben zweifellosen Aus- grabungsbesunbeu nicht ausschloß, daß er seine Toten begrub und an ihr Fortleben in irgend einer Form glaubte; beim er gab ihnen Nahrung, Schmuck und Werkzeug mit ins Grab. Wäre die neuerdings vielfach angefochtene Theorie Brocas richtig, wonach ber Sitz ber artikulierten Sprache sich am Fuß ber britten Stirn- winbung befinbet, so hätte ber Mensch von La Chapelle nur eine sehr rubimentäre Sprache besessen. Ein leichtes Ueberwiegen ber linken Htrnhälfte über bte rechte, bie man auch an den Gehirnen ber btluvialeit Schädel von Neaudertal unb Gibraltar wahrnimmt, zeigt uns, baß biese primitiven Menschen schon eine Hand und zwar gewöhnlich die rechte bevorzugten. Dieser bem Menschengeschlecht eigentümliche Charakterzug, ber bet ben Menschenaffen fehlt, scheint eine Folge ber ausschließlichen Spezialisierung ber Hand für bas Halten und Greifen zu sein. * Gemütlich. Sommerfrischenwirt (zürn Küster, um dis Mittagszeit): „Da hast a Maß Bier, palt Mal die Turmuhr! um a halbe Stunde zurück, .— wir haben uns heute mit dchst Essen verspätet, — sonst machen mit die Gäste Spektakel!" , versteärätsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Steuerruder — Zorndorf — Kisteitbauer — Edelsteine — Fürstengeschlecht — Muttersprache — Geheimratswitwe — Magenbitter — Lebertran. Auslösung in nächster Nummer,' Auflösuttg des Bilderrätsels in voriger Nummer: Stammga st. gRedaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen,